Forever's Kiss

6.

Als Chrys vor der Tür zu seiner Wohnung stand, kam es ihm vor, als seien Wochen vergangen. Dabei war es erst einen Tag her, daß er mit Masha zu ihr nach Hause gefahren war.

Masha... ihr war es so gar nicht recht gewesen, daß er noch mal nach Hause gewollt hatte. Aber da sie, Roland und Josh beschlossen hatten, daß er erst einmal bei ihr bleiben würde, wollte er wenigstens die allerwichtigsten Dinge holen, die er brauchte. Zahnbürste, Rasierapparat, frische Unterwäsche....

Sie hatten gemeint, es wäre nur natürlich, wenn er erst mal bei Bekannten unterkam und sich nicht sofort wieder in seine Wohnung zurückwagte, wo er ganz offensichtlich leichte Beute für den Vampir war. Erst später, vielleicht in einer Woche, wollten sie den Köder - Chrys verzog das Gesicht, damit war er gemeint - auslegen. Sprich, dann durfte er auf den Vampir warten, während Roland und Masha versteckt auf der Lauer lagen und zu einem geeigneten Zeitpunkt hervorkamen, um den Vampir unschädlich zu machen. Joshs und Daves Posten war unten im Hauseingang und unter seinem Balkon, falls etwas schief ging...

Chrys seufzte und schloß die Tür auf. Ihm war so gar nicht wohl bei der Sache... Es klang einfach zu simpel, als daß es gut gehen konnte. Und vor allen Dingen - wie wollten sie einen Vampir erwischen, der so viel schneller und stärker war als sie? Der Gedanke war ihm erst gekommen, als er im Bus vor sich hin gegrübelt hatte. Offensichtlich hatte es schon öfter funktioniert. Aber...

Hitze schlug ihm entgegen wie ein erstickendes Tuch. Chrys machte erst mal eine Schritt zurück, ehe er sich dann doch in seine Wohnung wagte. Ihm fiel ein, daß er die Heizung in Bad und Wohnzimmer auf höchste Stufe gedreht hatte. Und ganz offensichtlich hatte er vergessen, sie wieder runterzudrehen. Nun, ein drohender Vampir war als Entschuldigung wahrscheinlich ausreichend....

Während er durch die Wohnung lief, um die Heizungskörper auszuschalten und die Fenster zu kippen, kehrten seine Gedanken zum vergangenen Abend zurück - und zu Dave. Sie hatten den Balkon erst verlassen, als sie beide vollkommen durchgefroren waren. Viel gesprochen hatten sie allerdings nicht mehr, nur noch eine Weile eng umschlungen dagestanden.... Chrys lächelte flüchtig, doch es erreichte kaum seine Augen. Dave hatte Angst, nahezu panische Angst. Und Chrys war sich nicht sicher, ob er befürchtete, ihn an den Vampir zu verlieren oder ob er Angst hatte, daß ihm das gleiche Schicksal widerfuhr wie dem jungen Mann. Wie Dave? Er hatte nicht zu fragen gewagt.

Doch Chrys hielt beides für ausgeschlossen. Er würde sich mit Sicherheit nicht in den Vampir verlieben, dafür fürchtete er ihn viel zu sehr. Und damit war auch die Gefahr ausgeschlossen, daß er vor Liebeskummer von irgend welchen Dächern sprang.

Ungebeten drängten sich dunkle Augen wieder in seine Gedanken... weiche Lippen, die sich auf seine legten... zärtliche Hände, die ihn liebkosten.... er sperrte sie entschlossen aus. Körperliche Anziehung hatte nichts mit Verliebtheit zu tun.

Müde strich er sich über das Gesicht. In der letzten Nacht war er zu nicht viel Schlaf gekommen. Dave, der Vampir... der Vampir, Dave.... seine Gedanken waren immer nur um die beiden gekreist.

Im Gegensatz zum Rest der Wohnung war sein Schlafzimmer angenehm kühl. Mit Hilfe eines Hockers holte Chrys eine große Reisetasche vom Schrank herunter und klopfte niesend den Staub ab, der sich auf ihr angesammelt hatte. Bei Gelegenheit sollte er vermutlich mal wieder Großreinemachen....

Er öffnete die Schranktüren und musterte einen Stapel an Pullovern, ohne ihn wirklich zu sehen. Masha hatte ihn nur gehen lassen, weil er hoch und heilig versprochen hatte, vor Einbruch der Dunkelheit zurückzusein. Am liebsten wäre sie wohl mitgekommen, doch weder sie noch die anderen hatten Zeit dafür. Neben der Vampirjagd hatten sie alle noch ganz alltägliche Jobs zu erledigen...

Chrys war nicht undankbar deswegen. Er hatte nicht vor, sich ununterbrochen beaufsichtigen zu lassen. Tagsüber bestand schließlich keine Gefahr. Er grinste schief. Das schien eines der wenigen Dinge zu sein, bei denen die alten Geschichten zutrafen.

Ihm war ganz anders geworden, als die vier ihm abwechselnd erklärt hatten, was alles falsch war. Knoblauch war nur insofern wirksam, daß Vampire ihn wegen des starken Geruchs nicht mochten - wenn sie ihn als Menschen bereits nicht hatten ausstehen können. Gegen Kreuze waren sie unempfindlich, Spiegelbilder hatten sie auch, und auf die Sache mit dem Schatten konnte man sich ebenfalls nicht verlassen. Bestenfalls war das Spiegelbild ein wenig durchscheinend und der Schatten nicht so dunkel wie bei einem Menschen. Aber wem fiel das schon auf?

Selbst ihre Fangzähne waren kein zuverlässiges Merkmal! Masha hatte ihm nüchtern erklärt, daß die ältesten Vampire sie einziehen oder unsichtbar machen konnten - was genau es war, konnte sie nicht sagen. Aber der Unterschied war auch höchstens für Wissenschaftler von Interesse, nicht für Normalsterbliche, die einfach nur ihren Hals in Sicherheit bringen wollten.

Ein eisiger Schauer rann seinen Rücken hinab, als er sich an das Gespräch erinnerte. Wie sollte man sie dann von Menschen unterscheiden? Roland hatte ihm auf den Rücken geklopft, finster gegrinst und gemeint, daß er jetzt, wo er einen gesehen hätte, jeden erkennen würde.

Irgendwie bezweifelte Chrys das. Er hielt inne und warf seinem Spiegelbild einen gequälten Blick zu. Sie wollten den Vampir pfählen... ihm einen Holzpflock ins Herz rammen. Wenn man das Herz zum Stehen brachte, war ein Vampir so gut wie tot. Solange der Pflock steckte, war es kein Unterschied. Aber wirklich töten konnte man ihn nur, wenn man ihn verbrannte. In Feuer oder an der Sonne...

Chrys versuchte sich Masha vorzustellen, wie sie einen Menschen umbrachte. Es war unmöglich. Andererseits... sie hatte sich irgendwie verändert, seit die drei anderen da waren. Seit der Vampir aufgetaucht war. Und auch Dave war anders geworden. So voller Angst! Verbittert... Dave, Masha... und auch Josh. Selbst bei Roland schimmerte manchmal durch, daß er nicht immer so gut gelaunt war, wie er sich gab.

Es waren Vampire gewesen, die ihnen das angetan hatten.

Vampire wie der, der ihn angegriffen hatte.

Wahllos zog Chrys zwei Pullover aus dem Stapel vor ihm. Wut flackerte in ihm empor. Vampire! Warum hatte er ihn nicht einfach in Ruhe lassen können? Nur er war daran Schuld, daß Dave so voller Angst war! Und daß Masha so kalt zu werden schien. Sie blendete die alte Masha einfach aus und bereitete sich auf einen Kampf vor, der nicht zu ihr paßte. Er war Schuld an der Melancholie in Joshs Gesicht und dem finsteren, fast fanatischen Grinsen, das über Rolands Miene huschte, wenn er von der Jagd sprach.

/Nein, nicht er. Es waren andere gewesen, die ihnen das angetan haben... Und vielleicht sind nicht alle so. Vielleicht hat Masha nicht recht, vielleicht irren sie sich alle?/ Chrys hielt inne und atmete tief durch. /Alle...? Ich bin allein.../ Der Gedanke durchfuhr ihn wie ein Stromstoß. /Allein... Gott sei Dank!/

Ihm war, als sei ihm eine Last von den Schultern genommen worden. Allein. Ruhe, um all das zu verarbeiten, was seit gestern geschehen war. Allein und in Sicherheit. Es war hell. Kein Vampir, keine Masha, kein Dave. Einfach nur er und seine Gedanken.

Chrys ließ sich rückwärts auf sein Bett fallen und starrte die Decke an. /Sie braucht auch mal wieder einen frischen Anstrich/, ging es ihm träge durch den Kopf. Dann dachte er eine Weile gar nichts mehr. Sein Kopf war wie leergefegt. Nur langsam begannen sich Bilder zu formen; Gedanken krochen aus seinem Unterbewußtsein, zögernd, als wagten sie sich nicht ans Licht.

Chrys schloß die Augen.

Eine dunkle Straße, nur schwach erhellt von dem flackernden Licht einer Laterne... Kalter Wind, der sich in jede Ritze der warmen Kleidung schlich... Ein schmaler Sichelmond an einem sternenübersähten Himmel. Und eine fremde, bedrohliche Gegenwart. Er hatte ihn gespürt, kurz bevor er wirklich gekommen war. Ob es das war, was Roland meinte? Ob man wissen mußte, daß es von einem Vampir ausging, was man zu häufig als dummes Gefühl abtat?

Dann der Biß, die Gedanken des Vampirs, die über ihn hinwegspülten wie eine warme, berauschende Flutwelle. Er hatte getrunken, dann hatte er es abrupt unterbrochen. Warum? War ihm die Idee gekommen, daß es amüsant sein könnte, mit ihm zu spielen? Oder tötete er nicht...?

Und gestern... gestern war er plötzlich da gewesen, er hatte ihn gesehen, war auf ihn zugekommen... und er hatte ihn geküßt. So weiche Lippen... so zärtlich... so unendlich zärtlich...

 

Die Tür wurde so heftig aufgestoßen, daß das Glockenspiel abriß. Die Glöckchen klingelten, als sie zu Boden fielen. Mit einem zerzausten Dave kam eine Wolke an kalter Luft in den Laden herein. Seine Wangen waren gerötet, ob von der Kälte oder von seinem schnellen Lauf war nicht zu sagen. Er atmete schwer, sein braunes Haar stand in alle Richtungen ab. Nur ein paar besonders gutwillige Strähnen waren in dem Haargummi im Nacken zurückgeblieben. Hektisch und nahezu panisch blickte er sich im Laden um.

Erleichterung huschte wie ein Licht über sein Gesicht, als er Masha hinten im Raum entdeckte, halb hinter einem Cd-Ständer versteckt. Mit ein paar schnellen Schritten hatte er den Laden durchquert und sie am Arm gepackt.

"Masha", brachte er hervor, "ich ..." Abrupt verstummte er, als er die junge Frau neben ihr entdeckte, die ihn verwirrt ansah. Errötend ließ er Masha los. "Tut mir leid... ich muß unbedingt mit dir reden, Masha!"

Entschuldigend lächelte Masha der Kundin zu, die sie eben nach einer Musikgruppe gefragt hatte, deren Namen sie noch nie zuvor in ihrem Leben gehört hatte. "Einen Augenblick, ja? Ich bin gleich wieder bei Ihnen."

Die Frau nickte verwirrt.

Masha schob ihn hinter ein großes Bücherregal und musterte ihn besorgt.

"Was ist los, Dave?", fragte sie mit gedämpfter Stimme.

Dave strich sich fahrig die Haare aus dem Gesicht. "Wo ist Chrys? Ist er hier? Bei dir zu Hause macht keiner auf."

"Chrys?" Mashas Augen weiteten sich. Eine kalte Hand griff nach ihr und preßte ihren Magen zusammen. /Verflucht! Er wird doch nicht.../ "Er ist noch nicht wieder zurück?" Sie warf einen Blick aus dem Fenster und wurde blaß. Die Sonne war untergegangen, und die ersten Sterne funkelten am samtschwarzen Himmel. Sie konnte ihr eigenes, erschrockenes Spiegelbild in der Schaufensterscheibe erkennen. "Verdammt, er hatte versprochen, er ist vor Einbruch der Dunkelheit zurück!" Sie atmete tief durch, um ihre aufkeimende Angst zu unterdrücken, und wandte sich wieder zu Dave um. "Bist du mit dem Motorrad hier?"

"Er ist nicht hier? - Scheiße!" Dave fuhr sich nervös über das Kinn und schüttelte den Kopf. "Ich bin zu Fuß gekommen. Und zu dir bin ich mit dem Bus. Du weißt doch, daß man in deiner Ecke keinen Parkplatz findet, wenn man keine Garage hat. Nicht mal mit einer kleinen Maschine... Masha, wo ist er?!? Woher zurück? Laß dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!"

"Er wollte ein paar Dinge aus seiner Wohnung holen." Sie eilte zur Kasse und holte ihre Handtasche hervor. Mit fliegenden Fingern kramte sie nach ihrem Schlüsselbund, löste den Autoschlüssel und warf ihn Dave zu.

Er fing ihn auf und sah sie mit blassem Gesicht an.

"Mein Wagen steht um die Ecke. Du kennst ihn noch, ja? Und wo Chrys wohnt, weißt du auch?" Sie versuchte ein Lächeln, doch die Besorgnis in ihren grauen Augen ließ es leer wirken. "Ich habe keine Ahnung, warum er noch nicht wieder zurück ist... Aber ich kann hier nicht weg. Nicht jetzt... Paß auf dich auf."

Dave nickte und drehte sich auf dem Absatz um. Kurz bevor er die Tür erreichte, hielt ihn Mashas besorgte Stimme noch mal zurück. "Dave? Reicht es noch?"

Dave wandte sich um und klopfte mit einem schiefen Grinsen auf die Brusttasche seines Hemdes. Es schepperte metallen. "Drei Stück, das sollte genug sein, oder?"

Sie nickte und biß sich auf die Lippe. "Mach keine Dummheiten, Lieber... ich rufe Roland und Josh an und komme, so schnell ich kann."

Dave schüttelte den Kopf. "Nein, laß es. Wenn ich Hilfe brauche... habe ich ein Handy. Vielleicht ist es ja auch nur blinder Alarm..."

 

Als Chrys die Augen öffnete, war es dunkel um ihn herum. Schläfrig gähnte er. Er hatte wirr geträumt, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was es gewesen war. Er fröstelte, es war kalt in seinem Schlafzimmer. Und er hatte sich mal wieder unter der Decke hervorgewühlt. Irgendwann würde er sich dadurch den Tod holen. Müde rollte er auf den Bauch und tastete nach dem Federbett.

Doch mitten in der Bewegung hielt er inne. Mit einem Schlag war er hellwach. Sein Herz machte einen entsetzten Sprung, als die Erinnerung zurückkam. Er war in seiner Wohnung, und es war dunkel. Dunkel! Nacht! Der Vampir hatte gesagt, er würde zurückkommen...

Mit einem Satz war Chrys aus dem Bett, sein Herz raste. /Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt!/ Wie hatte er nur einschlafen können? Sicher, er war müde gewesen. Und sicher, er hatte die letzte Nacht kaum Schlaf bekommen. Aber das konnte ihn das Leben kosten! Und gepackt hatte er auch noch nicht!

Wie blind tastete er sich zur Tür vor und stolperte über die Reisetasche, die noch immer leer vor seinem Bett stand.

/Das Nachtlicht, warum hast du das nicht zuerst eingeschaltet, du Idiot?/, fluchte er stumm. Er fand den Lichtschalter und tauchte das Zimmer in die kalte Helligkeit der Deckenlampe.

Er schnappte sich die Reisetasche, stopfte hastig noch ein paar Unterhosen und eine Jeans rein, dann stürzte er ins Bad. Der Rasierapparat, die Zahnbürste... der Zahnbecher entglitt seinen zitternden Händen und fiel zu Boden. Das dünne Plastik zersprang auf den Fliesen. Egal.

Nur weg hier...

Doch als er aus dem Bad kam, stockte er mitten im Schritt und verharrte regungslos. Sein Herz setzte einen schmerzhaften Schlag aus. Im Wohnzimmer brannte Licht. Und er hatte es nicht angeschaltet, dessen war er sich hundertprozentig sicher. Nicht das Wohnzimmerlicht.

/Ruhig, Chrys... Wenn du dich jetzt einfach rausschleichst, bemerkt er dich vielleicht nicht.../ Und wenn er gar nicht da war? Immerhin hatte er ihn noch nicht angefallen. Und bei dem Krach, den er veranstaltet hatte, mußte er einfach mitgekommen haben, daß er da war. Nicht einmal ein Schwerhöriger hätte ihn überhören können. Das hieß, Chrys war allein. Sicher. Wie sollte er auch in die Wohnung kommen? Diesmal hatte er den Schlüssel abgezogen. Chrys konnte ihn in der Tasche seiner Jeans spüren.

/Gott, ich sehe mittlerweile schon in jedem Schatten einen potentiellen Vampir. Da ist nichts, Chrys. Und du wirst da jetzt reingehen und dich davon überzeugen. Dann machst du das Licht aus und gehst./ Kurz zögerte er.

Dann trat er entschlossen in das Wohnzimmer.

Es war leer.

Für einen Moment schloß er erleichtert die Augen und atmete tief durch. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

"Dummkopf", schalt er sich leise. /Langsam leidest du unter Verfolgungswahn, hm? Wahrscheinlich brennt es seit gestern abend!/

Noch immer etwas nervös ließ er den Blick über das Sofa gleiten, die langen Vorhänge vor den Fenstern, Bücherregale, den Schrank mit der Stereoanlage, der Fernseher, der Couchtisch... nichts.

Kein Vampir.

Er drehte sich um und griff nach dem Lichtschalter.

Auf halbem Weg hielt er inne und erstarrte.

Aus der Dunkelheit des Flurs löste sich ein schlanker Schatten. Das weiße Gesicht schwebte wie ein heller, geisterhafter Fleck im dunklen Nichts.

Mit einem Schritt trat der Vampir aus der Nacht ins helle Licht.

"Hallo Chrys", sagte er mit einer Stimme wie Samt, der über Alabaster glitt.

Chrys' Herz machte einen schmerzhaften Satz, er schnappte keuchend nach Luft. Alles Blut wich aus seinem Gesicht.

"Nein", flüsterte er entsetzt, dann senkte sich Dunkelheit über ihn.

 

Warme, weiche Lippen berührten sacht seine Stirn, als er langsam aus der Bewußtlosigkeit empordriftete. /Dave?/ Starke Arme umfingen ihn, er fühlte sich sicher und geborgen. Ein schläfriges Lächeln glitt über sein Gesicht. Wenn Dave ihn hielt, konnte ihm nichts und niemand etwas anhaben...

"Na, bist du wieder wach?" Die tiefe, leicht heisere Stimme klang amüsiert, aber nicht spöttisch. "Wenn ich gewußt hätte, daß du so reagieren würdest, hätte ich angeklopft und wäre durch die Tür gekommen."

Mit einem leisen Schreckenslaut riß Chrys die Augen auf und starrte entsetzt in das blasse Gesicht des Vampirs. Sein Herz hämmerte schmerzhaft in seiner Brust, als wollte es die Enge sprengen, seine Kehle war wie zugeschnürt. /Er wird mich umbringen! Er wird mich komplett leertrinken! Ich will nicht sterben! Oh mein Gott, warum bin ich eingeschlafen?/

Doch in den schwarzen Augen, die leicht belustigt auf ihn herabsahen, lag keine Drohung, nur Wärme. Unwillkürlich hielt Chrys die Luft an. Sein Blick glitt über das feingeschnittene Gesicht und nahm es zum ersten Mal wirklich war. Die vollen Lippen, die zu einem leichten Lächeln verzogen waren. Das seidige, glatte Haar, das ihm wie ein nachtschwarzer Wasserfall über die Schultern floß und sacht Chrys' Wange streifte. Die gerade, hübsche Nase und die geschwungenen Augenbrauen. Die kleinen, zierlichen Ohren. Chrys wunderte sich flüchtig, wie Ohren so hübsch sein konnten. Dann glitt seine Aufmerksamkeit wieder zu den dunklen Augen zurück.

Das Lächeln des Vampirs vertiefte sich. "Ich bin eigentlich gekommen, um mit dir zu reden", sagte er leise. "Aber wenn du mich so anschaust, könnte ich das glatt vergessen..."

"Oh...", murmelte Chrys und spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Mit einem Mal kam ihm überdeutlich zu Bewußtsein, wie nah sie sich waren. Er spürte den Druck seiner Oberschenkel an seinem Rücken, ein Arm lag unter seinen Schultern und stützte ihn, der andere ruhte sacht auf seinem Bauch, die Hand an seiner Hüfte. Chrys' Kopf lehnte an der Brust des Vampirs, er konnte den gleichmäßigen, langsamen Herzschlag hören, wenn er sich konzentrierte.

Diese grünen Augen waren atemberaubend. Damon wollte sich vorbeugen und ihn küssen, doch statt dessen half er ihm, sich aufzurichten. Denn dann würde er sich mit Sicherheit vergessen. Und er war Chrys ein paar Erklärungen schuldig...

Erst jetzt merkte Chrys, daß der Vampir ihn zum Sofa gebracht hatte, als er bewußtlos gewesen war. Verlegen zog er ein Bein an und umschlang es mit einem Arm. Dann musterte er den Vampir verstohlen. Jetzt sah er gar nicht mehr gefährlich aus. Und verdammt gut...

/Der Vampir.../ Er war es so leid, ihn ständig nur 'den Vampir' zu nennen! "Wie... heißt du?"

"Damon." Der Vampir hielt seinen Blick fest und ließ allein dadurch Schmetterlinge in Chrys' Magen erwachen. Dann lächelte er und warf der Reisetasche, die noch dort stand, wo Chrys sie fallengelassen hatte, einen amüsierten Blick zu. "Wolltest du verreisen? Ich hoffe, es ist nicht so dringend, daß du nicht ein wenig Zeit für mich erübrigen kannst..."

Chrys errötete und strich sich verlegen das Haar aus der Stirn. Am Rande seines Bewußtseins registrierte er, daß er Angst haben sollte, doch sie war verschwunden. Und seine leichte Nervosität hatte andere Gründe...

"Uhhh..." Ein kurzer Blick zum Fenster zeigte ihm, daß die Sonne komplett untergegangen war. Er hatte doch versprochen, wieder zurück zu sein, bevor es dunkel geworden war... Masha würde sich Sorgen machen. Und Dave... er hatte gesagt, er würde direkt nach der Arbeit vorbeischauen... Dave...

"Ich... also... ich...", begann er stotternd, doch Damon legte ihm einen Finger an den Mund und lächelte.

"Gut, also eigentlich hast du keine Zeit, aber du könntest dir welche nehmen, richtig?" Sacht ließ er den Finger über Chrys' Lippen gleiten, er fuhr ihre Konturen nach und ertastete zart die Linie, an der sie sich trafen.

Chrys spürte den vertrauten, warmen Stich in der Magengrube und seufzte auf. Sein ganzer Körper fühlte sich, als würde er schmelzen, während kleine Explosionen durch seine Adern schossen. /Gott, das ist einfach nicht wahr! Wie macht er das?/

"Damon...", wisperte er atemlos.

Ohne seinen Blick loszulassen, strich Damon sanft über sein Kinn, die Kehle entlang... über ein Schlüsselbein, die Schulter, den Arm, über die empfindliche Unterseite des Handgelenks. Sacht glitt sein Finger an der Außenseite der Hand entlang, über den kleinen Finger und dann darunter zur Handfläche.

Chrys zitterte unter der hauchzarten Berührung. Ihre Finger verflochten sich.

"Als ich gestern zu dir kam, Chrys...", Damons Stimme war rauh, als er Chrys Hand an sich zog und seine zweite darüberlegte. "Ich wollte mit dir reden. Es tut mir leid, daß ich dir Angst eingejagt habe..."

"Reden...", murmelte Chrys und versuchte mühsam, Damons Berührung aus seinem Bewußtsein zu verbannen, irgendwie einen klaren Kopf zu bekommen. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. "Das nennst du reden?"

Damon erwiderte das Lächeln. Eine warme Welle flutete durch seinen Körper, als er an das Bild dachte, das Chrys ihm am Tag zuvor geboten hatte. So wunderschön... Der erhitzte, schlanke Körper, noch dampfend vom warmen Wasser. Die feuchten Strähnen, die ihm in der Stirn klebten und sich um sein junges, schönes Gesicht ringelten. Die tiefgrünen Augen, in denen er versinken wollte...

Er zog Chrys' Hand an seine Lippen und hauchte einen zarten Kuß auf eine Fingerkuppe. "Nein... reden nenne ich das nicht." Sacht berührte er sie mit der Zunge. /Dieser atemberaubende Geschmack.../ "Aber ich hatte auch nicht damit gerechnet, daß du fast nackt warst... und daß du... Du bist wunderschön, Chrys." Er küßte die nächste Fingerkuppe, hauchzart nur, kaum zu spüren.

Doch es war wie ein Stromstoß, der durch Chrys fuhr. Er fühlte sich himmlisch schwach. Dann die warme, feuchte Zunge, die einen kleinen Kreis beschrieb... er hielt die Luft an. /Oh Gott! Ich sterbe.../

Damon drehte Chrys' Hand um und küßte die Innenfläche. Er liebkoste sie mit den Lippen und kitzelte sie zärtlich mit der Zungenspitze. Jeden Finger fuhr er einzeln und unendlich langsam nach. Als sich die warmen, weichen Lippen auf sein Handgelenk drückten, entfuhr Chrys ein leiser, lustvoller Laut.

"Damon... hör auf..." hauchte er, doch er brachte nicht genügend Kraft auf, um ihm die Hand zu entziehen. "Wir... du... wolltest reden... ich kann nicht... kann mich nicht konzentrieren, wenn du..."

Damon sah von der Hand auf, doch weder ließ er sie los, noch löste er die Lippen von ihr. "Vielleicht", flüsterte er, "will ich, daß du dich nicht konzentrieren kannst?" Er drückte einen weiteren, glühenden Kuß auf sein Handgelenk, dann ließ er davon ab und beugte sich vor. Sein Gesicht kam näher, in seinen Augen schien ein tosendes Feuer zu brennen. Chrys fühlte sich wie im Fieber, seine Wangen glühten. Sein Puls jagte, er konnte kaum noch denken.

"Ich will dich, Chrys", hauchte der Vampir an seinen Lippen, ohne sie zu berühren. Sein heißer Atem streifte Chrys' Haut. "Ganz und gar... ich will, daß du mir gehörst..." Seine Lippen wanderten über Chrys Wange zu seinem Ohr und hinterließen feurige Spuren, doch noch immer berührte er ihn nicht.

"Dein Körper...", wisperte er, und sein Atem jagte Chrys heiße Schauer den Rücken hinab. Damon glitt über seine geschlossenen Augen, Chrys konnte den Lufthauch spüren, dann war Damons Mund bei seinem anderen Ohr.

"Deine Seele...", die Stimme wurde zu einem glühenden Hauch, der ihn zu verbrennen drohte.

"Deine Liebe...", sie war kaum noch zu hören, doch Chrys konnte jedes Wort spüren, tief in seinem Inneren. Dort hallte es wieder und ließ ihn vibrieren, es brachte eine Seite in ihm zum Schwingen, von der er nicht einmal geahnt hatte, daß es sie gab.

"Liebe...", flüsterte Chrys. Irgendwo, weit entfernt, konnte er den Widerhall einer anderen Stimme hören. Sie klang unmelodisch und hart in diesem Traum, in dem er versank. /...mit ihren Opfern spielen.../ Er wollte sie aussperren, doch eine andere Stimme kam dazu, verhöhnte ihn, lachte ihn aus. /Vampire können keine Liebe spüren./

Chrys öffnete die Augen und sah sich dem dunkelsten aller Höllenfeuer gegenüber. Schwarze Leidenschaft glühte in Damons Augen, die ihn zu versengen drohte. Er wollte nach Damon greifen, wollte ihn an sich ziehen und diese sinnlichen Lippen küssen...

Für einen winzigen Moment schienen die schwarzen Augen blau zu werden. Blau... und mit Schmerz gefüllt.

Zitternd holte Chrys Luft. "Gott, Damon, hör auf... Hör auf!"

Damon hielt inne, dann zog er sich zurück. Für einen winzigen Augenblick meinte Chrys, Enttäuschung in seinem Blick gesehen zu haben, doch er war sich nicht sicher. Die Leidenschaft schien hinter einem Spiegel zu verschwinden, der seine Augen verbarg. Obsidian in Alabaster...

"Nein, Damon, nicht...", flüsterte er und streckte die Hand nach ihm aus. /Versteck dich nicht vor mir... Spielst du? Was soll ich tun? Hilf mir.../

Ein Zittern ging durch Damons Körper, als Chrys seine Wange berührte. "Chrys...", murmelte er und legte seine Hand auf die von Chrys. Er drehte den Kopf ein wenig und preßte seine Lippen auf den Handballen.

Der durchdringende Ton einer typischen Neubauwohnungsklingel ließ Chrys zusammenzucken. Jemand schlug heftig gegen die Tür.

"Chrys!" drang Daves durch das Holz der Tür gedämpfte Stimme herein. "Chrys, mach auf!"

Unverwandt hielt Damon Chrys' Blick fest, und für einen Moment hatte Chrys das Gefühl, sich nicht rühren zu können. Oder wollte er nicht?

"Chrys!" Dave klang drängender, fast schon panisch. Er hämmerte mit der Faust gegen die Tür. "Verdammt, mach schon auf, Mann!"

Damons Brauen zogen sich finster zusammen; ein Grollen kam tief aus seiner Kehle empor, als er in Richtung Flur sah. Weiße Fangzähne blitzten auf. /Warum jetzt?/

"Verschwinde...", knurrte er.

Chrys fühlte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Alles, was ihn gerade noch dazu gebracht hatte, nahezu willenlos in Damons Armen zu liegen, schien mit einem Mal von dem Vampir abgefallen zu sein. /Sie können hypnotisieren... vielleicht hat er das mit mir gemacht? Vielleicht macht er das jedes Mal mit mir?/, dachte er benommen. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn.

Damon sah auf die Hand hinunter, die er noch hielt. Sie bebte. Sein Blick wurde noch finsterer. "Verdammt, Chrys! Ich..."

"Chrys!!", brüllte Dave. Das Krachen, das darauf folgte, ließ Chrys schließen, daß er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür geworfen hatte. "Wehe dir, wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, elender Blutsauger! - Chrys!!"

Mit blitzenden Augen fuhr Damon zu Chrys herum.

"Du hast es auch ihm gesagt!", fauchte er zornig. "Nicht nur dieser Frau?!"

Chrys verlor alle Farbe. Damon würde ihn umbringen. Jetzt und hier. Er öffnete den Mund, doch kein Ton kam über seine Lippen.

Für einen Moment schloß Damon die Augen und ballte die Fäuste, um sich davon abzuhalten, Chrys zu packen und durchzuschütteln. Dieser verdammte Blick!

"Wir haben es nicht gerne, wenn unsere Anwesenheit vor zu vielen Menschen bekannt wird. Es ist gefährlich. Die Frau und dieser Mann... wenn es noch ein Mensch mehr erfährt, könnte das tödlich enden", warnte er.

Chrys nickte totenbleich. Er würde sie töten. Er würde Dave und Masha töten, ohne mit der Wimper zu zucken, nur weil sie es wußten... Und er würde ihn töten...

Grollend griff Damon nach ihm und zog ihn an sich. Für einen winzigen Moment berührten sich ihre Lippen, dann hatte der Vampir ihn losgelassen und stand neben der Balkontür, eine Hand am Griff.

"Mach ihm auf, bevor er durchdreht", knurrte er. "Ich komme morgen wieder, dann können wir hoffentlich reden. Und kein Wort zu irgendwem!"

Chrys starrte ihn nur bebend an.

"Chrys!!!" Die Tür knackte bedrohlich. "Wenn du ihn anrührst, bist du tot, verdammter Blutsauger!"

Damon fauchte enttäuscht, dann war er verschwunden.

Nur die offene Balkontür war Zeuge, daß Chrys sich seinen Besuch nicht nur eingebildet hatte.

Chrys riß sich aus seiner Erstarrung und stürzte in den Flur. /Gott, Dave! Hilf mir.../

Mit einem Krachen brach das Schloß; die Tür knallte gegen die Wand. David stolperte herein, doch noch bevor er auf dem Boden aufkam, hatte er sich wieder gefangen und wirbelte herum. Im dem gelben Licht, das aus dem Hausflur hereinfiel, schienen seine Augen zu glühen.

Mit einem erschrockenen Aufschrei prallte Chrys zurück. Sein Herz machte einen Satz und schlug dann schmerzhaft in der doppelten Geschwindigkeit weiter. So schnell, daß er nur Schemen wahrnahm, war Dave bei ihm und zog ihn in die Arme. Er drückte ihn an sich, bis Chrys meinte, seine Rippen krachen zu hören. Er japste auf.

"David...", wimmerte er. /Halt mich.../

"Gott, Chrys", hauchte Dave tonlos. Seine Hände glitten suchend über Chrys' Körper, ertasteten seinen Hals, strichen durch sein Haar, über seinen Rücken, seine Arme, seine Schultern. "Hat er dir was getan? Ist alles in Ordnung?"

"Nein... nein, ich bin... bin in Ordnung", brachte Chrys hervor, doch seine Stimme war nicht ganz fest. Er zitterte wie Espenlaub.

Dave schloß ihn wieder in die Arme und preßte ihn an sich. "Was machst du auch?", wisperte er. Leicht wie ein Hauch spürte Chrys seine Lippen auf seiner Stirn, dann streiften sie seine Wange. "Chrys, ich hatte solche Angst um dich." Er bedeckte Chrys' Gesicht mit federleichten, verzweifelten Küssen.

"David, es tut mir leid", murmelte Chrys. Er klammerte sich an ihn wie ein Ertrinkender. "Ich wollte nicht... ich wollte dir keine Sorgen machen... es war... es tut mir leid. Ich bin... ich..." /Laß mich nicht los.... laß mich nie mehr los.../ "Es tut mir so leid... es tut mir leid... ich..."

"Schhh, es ist in Ordnung, es ist nichts geschehen... du mußt dich nicht entschuldigen..." Dave legte einen Finger auf seine bebenden Lippen, während er seine Augenlider, seine Nase, seine Stirn, seine Wangen küßte. "Schhh, es ist... okay..."

Hilflos schlang Chrys ihm die Arme um den Nacken, er schmiegte sich an ihn und spürte, daß auch er zitterte...

"David", flüsterte er. "Vergib mir."

Flüchtig berührten sich ihre Lippen, Dave zögerte für einen winzigen Augenblick, dann kehrte er zu ihnen zurück. Chrys' Mund öffnete sich unter seinen liebkosenden, hungrigen Lippen...

"H-Herr M-Mittnacht?" unterbrach sie eine dünne, zaghafte Stimme aus dem Hausflur. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen?"

Dave schreckte zurück und ließ ihn los. Fast fluchtartig machte einen Schritt rückwärts.

"Tut... mir leid", murmelte er und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, als wollte er einen bösen Traum wegwischen.

Chrys sah zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.

"Nein...", sagte er leise und lächelte zaghaft. "Das muß es nicht..."

Seine Hände zitterten noch immer, als er nach draußen trat. Vor der Tür stand die alte Dame, die ein Stockwerk unter ihm wohnte. Sie war in ihren altrosa Bademantel gewickelt und trug altrosa Plüschpantoffeln. Mit beiden Händen hatte sie ein großes Küchenmesser umfaßt, das sie ihm drohend entgegenstreckte, aber mit einem erleichterten Seufzen wieder sinken ließ, als sie ihn erkannte.

"Ist alles in Ordnung, Herr Mittnacht?" fragte sie mit ihrer dünnen, piepsigen Stimme und sah ihn mit ihren blaßblauen Augen besorgt an. "Da hat so ein junger Mann das ganze Haus zusammengebrüllt! Ich dachte, er wollte Ihnen etwas tun. Ich hätte ja die Polizei gerufen, aber mein Telefon ist doch kaputt. Und auf mein Klopfen nebenan hat niemand aufgemacht. Die jungen Leutchen dort sind wohl nicht da..."

Chrys sah auf die alte, zerbrechliche Dame mit dem Küchenmesser hinab. Sie plapperte weiter, doch er hörte sie kaum. Er wollte irgend etwas sagen, wollte sich bei ihr bedanken, aber er brachte keinen Ton heraus. Kurzerhand beugte er sich zu ihr herunter und umarmte sie.

"Sie sind ein Goldstück, Frau Hedder", brachte er hervor. "Aber tun Sie das nie, nie, nie wieder. Wenn er mir wirklich etwas hätte tun wollen..."

"Ach, hören Sie schon auf, junger Mann!", sagte sie verlegen und wich einen Schritt zurück, als Chrys sie wieder losließ. "Ich konnte doch nicht in meiner Wohnung bleiben, nachdem ich diesen Irren so habe brüllen hören."

Dave, der hinter Chrys herausgekommen war, wurde rot. "Der Irre war ich, gute Frau... es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe... Ich dachte, Chrys sei in Gefahr..."

Die alte Dame musterte ihn neugierig. "Ist das Ihr Bruder, Herr Mittnacht?" Ohne auf Antwort zu warten, warf sie der Tür einen Blick zu und seufzte. "Na, die ist aber jetzt gründlich kaputt. Sie sollten einen Schlosser rufen."

/Nein/, dachte Chrys. /Das stehe ich nicht durch. Ich kann mich jetzt nicht noch mit Handwerkern herumplagen!/

Dave legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn beruhigend. "Das geht schon, liebe Frau", sagte er und lächelte. "Das Schloß ist nicht komplett herausgebrochen. Wenn wir abschließen, bleibt sie zu. Wir werden den Schlosser morgen rufen. Um die Uhrzeit wird das sonst zu teuer."

Sie nickte wie ein kleiner, zerbrechlicher Vogel. "Ja ja, da haben Sie recht, junger Mann. Und Sie sollten ein wenig mehr essen, Herr Mittnacht. Sie sind bleich wie der Tod. Nun gut, wenn Sie dann keine Hilfe brauchen, gehe ich mal wieder. - Kümmern Sie sich gut um ihren Bruder, junger Mann! Er sieht gar nicht gut aus."

Damit wandte sie sich um und stieg langsam die Treppe wieder herab, das Küchenmesser in der freien Hand von sich gestreckt. Chrys lehnte sich an Dave und schloß die Augen.

"Danke", sagte er leise. "Ich dachte, gleich schreie ich."

Dave legte einen Arm um ihn und streichelte sanft seine Wange. "Ich hab's gemerkt... und jetzt laß uns gehen, bevor er zurückkommt..."

Chrys nickte. Er ging noch mal kurz in die Wohnung zurück, um seine Reisetasche zu holen, und schloß dann die Tür ab. Zu seiner Erleichterung hatte Dave recht gehabt. Es funktionierte sogar.


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by Meike "Pandorah" Ludwig