Forever's Kiss

7.

Daves Hand ruhte leicht auf Chrys' Schulter, als sie das Haus verließen. Nervös sah Chrys sich nach allen Seiten um, doch die Straße war menschenleer. Er fröstelte in der kalten Nachtluft und zog seinen braunen Mantel enger um sich. Dave schien die Kälte offensichtlich nichts auszumachen, auch wenn er nur sein rotkariertes Holzfällerhemd und Jeans trug. Chrys beneidete ihn darum.

Sacht drückte Dave seine Schulter.

"He, schon vergessen? Ich bin doch da und paß auf dich auf", hörte er die warme Stimme direkt an seinem Ohr und Daves Atem streifte seine Wange. Ein warmer Schauer rann Chrys' Rücken hinab und ließ ihn vergessen, daß er fror. Lächelnd wandte er den Kopf zu Dave um. Ihre Blicke trafen sich, und um Chrys versank für einen Moment die Welt.

"Das kann ich gar nicht vergessen", sagte er leise.

Dave erwiderte das Lächeln, seine blauen Augen glitzerten eigenartig im Schein der Straßenlampen. "Das will ich hoffen", erwiderte er und seine Stimme klang heiser.

Chrys spürte, wie die Hand an seiner Schulter seinen Arm hinab und zu seiner Taille glitt, wie seine andere Hand sich auf seine Hüfte legte. Dave umfaßte ihn von hinten und zog ihn an sich.

/Mein Bruder? Nein, wirklich nicht.../, dachte Chrys, als Daves Lippen sich seinen näherten. Seine Hände legten sich über Daves, ihre Finger verflochten sich. Sein Herz schlug schneller, Schmetterlinge tanzten durch seinen Magen. Er schloß die Augen. /Wenn die alte Frau Hedder jetzt aus dem Fenster schaut.../ Dann lösten sich seine Gedanken in der warmen Welle auf, die über ihn hinwegfloß.

Von einem Moment auf den anderen war es kalt um ihn, derart plötzlich, daß Chrys erschrocken aufkeuchte und die Augen wieder aufriß. Dave stand drei Schritt von ihm entfernt im Schatten eines Baumes und sah reglos zum Dach des Hauses empor. Seine Augen schienen im Dunkeln zu leuchten. Oder das wenige Licht aufzufangen und gebündelt zurückzuwerfen...

/Wie Katzenaugen in Blau/, dachte Chrys benommen, ehe sich eine andere Frage in sein Bewußtsein schlich. /Wie ist er so schnell dahingekommen?/

Doch im nächsten Moment war Dave wieder bei ihm, so plötzlich, daß Chrys sich nicht sicher war, ob er sich das alles nicht nur eingebildet hatte.

"Laß uns gehen. Er ist hier noch immer irgendwo in der Nähe", sagte Dave leise und schob ihn zu dem grünen, kleinen Wagen - Mashas, stellte Chrys überrascht fest - der so schief auf dem Bürgersteig stand, als ob sich Dave nicht die geringste Zeit fürs Einparken genommen hatte. Dave öffnete die Beifahrertür und nahm Chrys die Tasche ab.

Verwirrt sah Chrys ihn an. "Du, ich kann die auch allein..."

"Setz dich, ja?!" unterbrach Dave ihn und drückte ihn auf den Sitz. "Ich möchte hauptsächlich schnell hier weg, ohne daß du mir entführt wirst."

Schaudernd nickte Chrys, als er merkte, wie angespannt Daves Stimme klang. Während er noch versuchte, sich nicht in seinem Mantel zu verheddern, hatte Dave die Tasche bereits auf den Rücksitz geworfen. Er wartete, bis Chrys sich in dem kleinen Auto halbwegs zusammengefaltet hatte, dann schlug er die Tür zu und lief um das Auto herum zur Fahrerseite.

Chrys folgte ihm mit den Augen, während er sich anschnallte. Er hätte ihn stundenlang einfach nur anschauen können... Er liebte die Art, wie er sich bewegte, er liebte den geschmeidigen Körper, er liebte sein Lachen, seine warme Stimme, die Art, wie seine Augen blitzten, er liebte das wirre braune Haar, das in ihm immer wieder das Bedürfnis weckte, es ihm aus dem Gesicht zu streichen - auch jetzt; und er liebte seinen Geruch...

/Er macht sich Sorgen um mich.../ Das Wissen erfüllte ihn mit Wärme, die aber schnell einem schlechten Gewissen wich, als er daran dachte, warum das überhaupt nötig war. Wenn er nicht so dumm, so unvorsichtig gewesen wäre... wenn er nicht...

Dave öffnete die Tür, ließ sich auf den Fahrersitz fallen und fluchte, während er die Beine mühsam in den Fußraum bugsierte. "Die denken bei der Konstruktion nie an Männer mit langen Beinen", schimpfte er, dann sah er mit einem schelmischen Glitzern in den Augen zu Chrys. "Stell dir mal vor, wie schwer das erst Roland fällt, sich in Mashas Auto zu quetschen."

Vor Chrys innerem Auge erschien ein Bild von Roland, der halb in der Tür steckengeblieben war, verkeilt mit einem Sitz und eine Masha, die von hinten mit vor Anstrengung rotem Gesicht schob. Er kicherte leise. "Wenn's nach Roland gegangen wäre, hätte sie sich vermutlich einen Bus kaufen sollen, hm?"

"Vermutlich! Oder gleich einen LKW." Dave lachte und warf einen kurzen Blick auf seine Uhr. Kaum merklich runzelte er die Stirn. Dann holte er mit einem Achselzucken sein Handy aus einer Brusttasche seines Hemdes hervor und hielt es ihm hin. "Wir sollten Masha Bescheid geben. Sie macht sich Sorgen... Rufst du an? Dann fahre ich schon los..."

Chrys nickte und seine gute Laune verschwand. Es war seine Schuld. Wenn er sich doch nur nicht auf das Bett gelegt hätte, um nachzudenken. Er hätte sich genausogut ins Wohnzimmer aufs Sofa setzen können... das Sofa. Schwarze Augen, die seinen Blick festhielten... Arme, die ihn umfingen... die tiefe, samtig heisere Stimme... Ein heißer Schauer rann seinen Rücken hinab, direkt in seinen Magen hinein und von dort aus weiter zwischen seine Beine... Chrys hielt für einen Moment die Luft an, ehe er mit einem unwilligen Erröten den Gedanken beiseite drängte und hastig Mashas Nummer wählte.

Es klingelte zweimal dreimal, viermal, dann knackte es in der Leitung. "Hier ist der automatische Anrufbeantworter..."

"Sie müßte noch im Laden sein", sagte Dave schmunzelnd und startete den Wagen. Der Motor stotterte ein paar Mal, ehe er ansprang. "Guck mal auf die Uhr."

"Oh..." Verlegen wählte Chrys die andere Nummer, während Dave mit einem leisen Lachen ausparkte und losfuhr.

Als seine Wohnung hinter ihm zurückblieb, fühlte Chrys sich schon etwas besser. Je mehr Entfernung zwischen ihm und dem Vampir lag, desto besser.

Am anderen Ende der Leitung wurde der Hörer abgehoben, dann hörte er Mashas atemlose Stimme. "Ja?"

So, wie sie klang, mußte sie zum Telefon gerannt sein. Sein schlechtes Gewissen meldete sich jetzt mit aller Gewalt. /Alles wegen dir, du Idiot!/ "Hi Masha. Ich bin's. Chrys. Es tut mir leid, daß ich euch einen solchen Schreck eingejagt habe..." Er bekam Magenschmerzen, als er daran dachte, was für Sorgen sie sich gemacht haben mußten.

Masha atmete erleichtert auf. "Gott sei Dank..." Für einen Moment war es still. "Ist Dave okay?", fragte sie dann, und in ihrer Stimme schwang Besorgnis mit.

Chrys strich sich verlegen ein paar vorwitzige, blonde Strähnen aus der Stirn und warf Dave einen warmen Seitenblick zu. "Ja, ihm geht es gut... und ich hatte... das erzähle ich nachher, ja? Am Telefon ist das nicht so das Optimale..."

"Ja, das wirst du, Lieber." Jetzt, wo die erste Erleichterung nachließ, klang ihre Stimme eine Spur zu entschieden. Chrys konnte förmlich sehen, wie sie ihre Brauen zusammenzogen und sich ihre grauen Augen wie mit Sturmwolken verdunkelten. "Und ich hoffe, du hast eine gute Erklärung." Es war wieder einer von den Sätzen, bei denen Chrys genau wußte, daß er keine Wahl hatte.

"Ja, Masha...", sagte er fast kläglich, seine grünen Augen verdunkelten sich. "Es tut mir wirklich leid, daß ich euch so viele Sorgen gemacht habe... wirklich. Ich bin..."

"Chryssie-Lieber", unterbrach sie ihn und ihre Stimme wurde sanfter, "du...", es rauschte und knackte, "...bist dir darüber...", die Worte gingen in Störgeräuschen unter, dann war die Verbindung unterbrochen.

"Shit", murmelte er und schaltete er das Handy aus. Er wußte schon, warum er die Dinger nicht leiden konnte.

Dave lachte. "Funkloch?"

Chrys nickte stumm und gab ihm das Handy zurück. Er seufzte leise. Wenn er nur einmal darüber nachgedacht hätte, wie sehr sich Masha und Dave sorgen würden, wäre er mit Sicherheit nicht eingeschlafen. Er hätte sich für seine Dummheit ohrfeigen können!!

Dave steckte es wieder ein, dann lag seine Hand plötzlich auf Chrys' Schulter. Chrys fuhr erschrocken zusammen. /Was...?/

"He, mach dir keine Gedanken", sagte Dave leise. "Es ist okay. Wir hatten Angst um dich, aber es ist alles in Ordnung. Du mußt kein schlechtes Gewissen haben, ja?"

Chrys grinste kläglich. "Ach? Ich habe dich und mich durch meine Dummheit in Gefahr gebracht. Ihr habt euch Sorgen ohne Ende gemacht. Es hätte sonstwas geschehen können! Es ist wirklich lieb, daß du das sagst, aber..."

"Hey Chrys, das Entscheidende ist, daß dir nichts passiert ist." Dave grinste und drückte seine Schulter kurz, ehe er die Hand wieder wegnahm. "Und wenn du dir unbedingt ein schlechtes Gewissen machen willst, dann vergiß nicht, daß ich dir die Tür fast aus den Angeln gerissen habe. Den Streß mit den Handwerkern wirst du haben. Wir sind quitt."

Chrys mußte lachen. "Ich gebe mir Mühe, das zu glauben..."

Dankbar sah er zu Dave. Gott, dieser Mann war einfach zu gut für ihn. Dave lächelte und seine Augen... Chrys' Brauen zogen sich ein wenig zusammen, als ihm die seltsamen Augen wieder auffielen... glühend? Unwillkürlich schauderte er. Der Anblick, als Dave mit der Tür in seine Wohnung gebrochen war, kam ihm wieder ins Gedächtnis zurück. Herumwirbelnd... mit glühenden Augen... dann war er bei ihm, so schnell, daß er nur Schemen wahrnahm... Und dann vor dem Haus... als Dave ihn umarmt hatte... oder doch nicht?

Er schluckte und sah durchs Fenster auf die Straße. Ein entgegenkommendes Auto, dessen Fahrer vergessen haben mußte, das Fernlicht auszuschalten, blendete ihn, dann war es vorbei. Die leuchtenden Augen einer Katze wurden für einen kurzen Moment dem Dunkel des Straßenrandes entrissen. Leuchtend... Wie Daves.

Er hatte gedacht, sich das eingebildet zu haben. Der Schock, die Angst... aber das hier war keine Einbildung. Etwas war anders... Dave war zu schnell. Und diese Augen... /Gott, er ist doch nicht... nein, er ist kein Vampir oder?/

Er schüttelte den Kopf. /Chrys, du Idiot!/, schalt er sich ärgerlich. /Das ist Blödsinn!... Damons Augen glühen auch nicht... Oder?/ Nein, sie hatten nur immer etwas, das sie wie glühend erscheinen ließ. Chrys schauderte unwillkürlich. /Vergiß Damon! Er ist Vampir!/ Außerdem war es bei Dave anders... /Und diese Geschwindigkeit...? - Frag ihn! - Ich trau mich nicht..../, wimmerte eine kleine, zaghafte Stimme in ihm. /Es ist Dave! Dave kannst du vertrauen! Dave hat dir das Leben gerettet... und du liebst ihn... - Tue ich das?... - Was ist das, wenn nicht Liebe?.../ Der Gedanke floß wie eine weiche, warme Welle durch ihn hindurch und ließ ihn lächeln. /Ich liebe ihn... ich liebe Dave.../

Er wandte den Kopf, sein Blick traf Daves blaue, leuchtende Augen; doch einen Moment später fragte er sich, ob er sich das nur eingebildet hatte, denn Dave sah ruhig auf die Straße. Chrys schluckte.

"Dave?", fragte er zaghaft und stockte, als er sich im nächsten Moment einfach nur unglaublich dumm vorkam. /Mein Gott, das ist albern! Ich kann das nicht!/

"Hm?"

Chrys öffnete den Mund, doch dann schloß er ihn abrupt wieder. Wie er das haßte! Warum konnte er nicht einfach frei von der Leber weg fragen? Aber er kam sich so albern dabei vor! Was sollte er sagen? /Warum bist du so schnell?/ Nein, das war... /Du bist irgendwie komisch, Dave.../ Auch nicht. /Bist du ein Vampir?/ Nein! Das am allerwenigsten!

Dave seufzte leise. Seine Hand verließ das Lenkrad, seltsam langsam und bewußt, als wollte er ihn nicht erschrecken, und schloß sich dann um Chrys'. Er drückte sie sacht. "Ich befürchte, daß ich weiß, was du fragen willst." Für einen Moment nahm er den Blick von der Straße und lächelte Chrys beinahe unsicher an. "Wie habe ich die stabile Tür aufbekommen, wieso kann ich mich so schnell bewegen... und was zur Hölle ist mit meinen Augen los. Richtig?"

Chrys wurde rot. Er nickte betreten.

"Ja", murmelte er.

"Hast du Angst?" fragte Dave leise.

"Nein, David... Nicht vor dir", erwiderte Chrys, bevor er überhaupt darüber nachdenken konnte. Er war beunruhigt, ja, aber Angst? Nein. Nicht vor Dave. /Vor dir niemals.../

Daves Gesicht war so erleichtert, daß Chrys sich am liebsten zu ihm gebeugt und ihn geküßt hätte. Statt dessen drückte er Daves Hand, die seine so warm und sicher hielt. Dave zog Chrys' Hand kurz an die Lippen und drückte einen Kuß auf den Handrücken. Dann ließ er sie fast verlegen wieder los.

"Das ist gut", sagte er rauh. "Okay, ich erkläre es dir."

Er holte eine kleine Blechdose aus der Brusttasche seines Holzfällerhemdes hervor und drückte sie Chrys in die Hand. "Darin liegt das ganze Geheimnis", sagte er und zwinkerte ihm zu.

Neugierig öffnete Chrys sie und sah hinein. Er war regelrecht enttäuscht, als er zwei kleine, unscheinbare Kapseln darin entdeckte, die von Johanniskrautdragees bis hin zu Vitamin B alles sein konnten. "Was ist das?"

Dave lachte und nahm das Döschen wieder an sich. Sorgfältig verschloß er es und steckte es zurück. "Sieht nach nichts aus, richtig? Wirkt aber Wunder, glaub mir! Wir nennen es 'Vampires blood'. Klingt ziemlich... aufgeblasen, nicht? Und trifft es auch nicht wirklich... Hat mit Vampirblut auch gar nichts zu tun. Aber die Dinger sind phänomenal. Und gleichzeitig hundsmiserabel und gemein.... Rahel hat sie entwickelt und der Kindskopf, der sie ist, hat ihnen auch diesen Namen verpaßt." Sein Gesicht verdüsterte sich kurz, dann war es wieder glatt, als hätte er nichts gesagt. "Grob gesagt ist es ein verdammt gutes Aufputschmittel... Doping." Er grinste. "Damit gewinnst du jede Olympiade. 'Vampires Blood' holt das letzte aus dir heraus. Du vervielfachst deine Kraft, deine Geschwindigkeit; deine Sinne werden schlagartig besser... Daher der Name... du paßt dich den Vampiren an. Ohne diese kleinen Teufelspillen hätten wir vermutlich keine Chance."

"Oh..." sagte Chrys und kam sich ein wenig dumm vor, weil er kurzfristig daran gedacht hatte, daß Dave Vampir sein könnte. Doping klang da doch schon wesentlich plausibler. Und irgendwie wesentlich weniger spektakulär... fast ein wenig enttäuschend. "Und die Nebenwirkungen? Sie haben doch welche, oder?" Das Zeug mußte einfach Nebenwirkungen haben!

Dave verzog das Gesicht zu einer Grimasse und schüttelte sich übertrieben. "Und ob... Sie halten in etwa eine Stunde - die genaue Zeit ist von Mensch zu Mensch verschieden, aber wenn du ihre Wirkung erst mal ausprobiert hast, kannst du die Uhr danach stellen. Bei mir hält es exakt 57 Minuten, bei Josh hingegen nur 54 und Masha hat mit lediglich 49 die meisten Probleme. Roland hingegen hat mit 69 den meisten Spielraum. Und die paar Minuten können verdammt viel sein! Danach fällst du einfach um. Auf der Stelle. Wo du gerade stehst. Verlängern kannst du das, indem du eine zweite Pille schluckst, aber die wirkt dann schon wesentlich kürzer, und die Wirkungsdauer ist leider ebenfalls nicht mehr exakt festlegbar. Das macht das Kalkulieren schwierig. In etwa hast du dann noch eine halbe Stunde. Ich vermute, es hängt an deiner Tagesform... Eine dritte ist vollkommen wirkungslos. Da kannst du genauso gut Traubenzucker lutschen."

Sein Profil zeichnete sich scharf gegen das Licht der Straßenlaternen ab. Die Stirn, die Wölbung der Augenbrauen, die Nase, die vollen Lippen, das energische Kinn. Die Kehle mit der kleinen Erhebung des Adamsapfels... /Ich will ihn küssen/, dachte Chrys. /Ich will diesen Mann küssen und mich nicht über Drogen unterhalten!/ Er stockte.

"Du bist mir ganz gekonnt ausgewichen...", beschwerte er sich. "Hat dieses... 'Vampires blood' Nebenwirkungen? Ich meine, nicht bloßes Schlafbedürfnis? Ist es eine Droge? Wird man süchtig danach?" /Wenn ja.../ Er schluckte.

"Ich gebe zu, ich hatte gehofft, mich drücken zu können...", gestand Dave mit einem schiefen Lächeln und kratzte sich verlegen am Kinn. "Wo fange ich an? Im Grunde genommen ist die Liste recht lang... aber was erwartest du?" Er zuckte mit den Schultern. "Schließlich schöpfst du keine Kraft aus den kleinen Mistdingern. Du verausgabst deinen Körper nur komplett. Du verlangst ihm alles ab... Also, nachdem du erst mal umgefallen bist, schläfst du mindestens 10 Stunden durch, eher länger. Und dann weckt dich nichts. Gar nichts. Kein Erdbeben, keine Blasmusikskapelle. Einfach nichts. Versteht sich von selbst, daß man verdammt gut timen muß, wann man diese Höllenkapseln schluckt. Zu früh, und du bist erledigt. Zu spät - das gleiche Schicksal. Tja, und wenn du aufwachst, hast du jedesmal einen Muskelkater, wie du ihn niemals durch irgend etwas anderes erreichen kannst. Dir tut wirklich jeder Muskel weh..." Er schluckte, und seine Stimme wurde leiser. "Einschließlich des Herzmuskels, und das ist das schlimmste." Dann räusperte er sich und lachte auf. "Du hast einen Brummschädel wie von einer durchzechten Nacht, ach, was sage ich, wie nach zehn durchzechten Nächten! Du willst dich nie wieder bewegen, weil alles weh tut. Dir ist kotzübel. Und ja, du würdest es wieder tun. Jederzeit... das Gefühl ist einfach berauschend..." Er hielt inne, und als er fortfuhr, klang seine Stimme klang fast verträumt. "Du siehst soviel mehr, Chrys. Du kannst alles mit soviel mehr Schärfe erkennen. Du hörst Geräusche, von denen du nicht geahnt hast, daß es sie gibt." Er wandte den Kopf und musterte ihn mit seinen glühenden Augen. "Ich kann deinen Herzschlag hören, Chrys... wie er schneller wird und langsamer... deinen Atem... Ich rieche deine Haut... Ich kann die goldenen Flecken in deinen grünen Augen erkennen... jedes einzelne deiner goldenen Haare... deine Wimpern..." Er lachte leise. "Na, wenn das keine Sucht ist..."

Chrys errötete. "Schau lieber auf die Straße, hm?" sagte er verlegen. Dann beugte er sich zu Dave und küßte sanft seine stoppelige Wange. "Ich danke dir... daß du mich gerettet hast und dafür die Nebenwirkungen in Kauf nimmst..." Gott, daß Dave das für ihn auf sich nahm! Und alles nur, weil er eingeschlafen war! "Wenn ich es irgendwie... irgendwie wieder gutmachen kann..."

Daves Lächeln vertiefte sich. Er griff nach Chrys' Hand und drückte sie kurz. "Chrys... Allein der Kuß war es wert. Für dich würde ich noch viel mehr tun, als bloß so 'ne kleine Pille zu schlucken. Und ehrlich - mach dir keine Sorgen wegen mir. Ich habe die Dinger schon früher geschluckt... und wie gesagt, das Gefühl ist einfach berauschend..."

/Der Kuß... ja... und dann vorhin, vor dem Haus... und jetzt das... war das... war das eine Liebeserklärung? ...sind wir zusammen? Wir sind doch zusammen, nicht?/ Chrys wurde warm bei dem Gedanken. Er fühlte sich, als hätte er etwas zuviel Alkohol getrunken. Ein wenig beschwipst, schwindlig und unsagbar leicht. Er erwiderte Daves Lächeln, und nicht einmal sein Schuldgefühl, das noch immer leise an ihm nagte, konnte dieses Glücksgefühl vertreiben. Dave hatte wegen ihm Drogen genommen, ja. Und wegen ihm würde er mit den Nachwirkungen zu kämpfen haben... Aber er hatte es wegen ihm getan. Nur wegen ihm....

"Du hast 'ne Menge Fragen, nicht?" unterbrach Dave seine Träume. Er ließ seine Hand los und schaltete einen Gang runter, als eine Ampel vor ihnen auf Rot umsprang. Der Wagen rollte aus und kam zum Stehen. "Über die Vampire, über 'Vampires blood', über uns? War zumindest bei mir so... Ich stehe dir gerne für Antworten zur Verfügung."

Chrys wurde rot, als er an die Frage dachte, die ihn am meisten interessierte. Und die hatte so gar nichts mit Vampiren zu tun. /Sind wir zusammen? Sind wir... ein Paar?/ Doch er sprach es nicht aus. Statt dessen konzentrierte er sich auf das, was Dave vorgeschlagen hatte. "Ihr habt euch getrennt, nicht? Warum? Hat das was mit dieser... wie hieß sie? Rahel? ...zu tun? Oder..." /...mit Joshs Freundin?/

Er schluckte den Rest des Satzes hinunter, als Daves Gesicht sich mit einem Schlag verdunkelte und sich seine geraden Brauen zusammenzogen.

"Rahel...", murmelte er, der Griff um das Lenkrad wurde fester. "Rahel war Joshs Freundin..."

"Oh", brachte Chrys betroffen hervor. Er rutschte etwas tiefer in den Sitz und zog unbehaglich die Schultern nach vorne, als könnte er sich dazwischen verkriechen. "Das tut mir leid... wenn du nicht darüber sprechen willst..."

Dave schüttelte den Kopf und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. "Nein, ist schon okay... Du solltest es vermutlich wissen. Immerhin bist du mittlerweile ganz schön tief drin..." Er zögerte, dann seufzte er leise. "Ich fange wohl am besten von vorne an."

Chrys nickte bedrückt. Aus den Augenwinkeln schielte er zu Dave und überlegte, ob er nicht doch darauf bestehen sollte, daß er nichts zu erzählen brauchte. Doch Daves Gesicht zeigte keine Regung. Es war, als hätte er eine Maske übergestreift, und Chrys fragte sich, ob das nicht noch viel schlimmer war als offene Trauer oder Wut.

"Angefangen hat es mit Roland und Masha.... den Vorfall mit ihren Familien hat Masha dir schon erzählt, nicht? Sie wollten heiraten, wußtest du das? Nein?" Die Maske verschwand wieder, und Dave lachte. "Das hätte ich mir eigentlich denken können."

Chrys grüne Augen weiteten sich überrascht. "Daher! Ich habe mich schon gefragt, ob sie ein Paar waren."

Dave lächelte. "Ja, sie haben auch gut zusammengepaßt. Auch nach der Sache mit ihren Familien waren sie noch ein Herz und eine Seele... nur als das mit Rahel passierte..." Er unterbrach sich und wurde ernst. "Du solltest noch etwas wissen... etwas, damit du das Folgende besser verstehen kannst..." Er atmete tief durch, und ein Schatten huschte über seine Miene. "Masha hatte einen Bruder, fünfzehn Jahre alt war er,... noch ein halbes Kind... An jenem Abend wollte er eigentlich bei einem Freund übernachten, doch der war erkrankt - Mandelentzündung - also blieb er zuhause... - Als Masha und Roland die Leichen der Eltern fanden... war der Junge nicht bei ihnen. Roland hat ihn etwas später in seinem Zimmer gefunden.... und hat sich schlicht geweigert, Masha zu ihm zu lassen... es war... Chrys, sie hatten ihn... sie haben mit ihm gespielt... gespielt, wie es nur Vampire können...." Für einen Moment biß er die Zähne so fest zusammen, daß Chrys meinte, sie knirschen hören zu können. "Es war... so... grausam... so unmenschlich... ich habe Roland versprechen müssen, es niemandem zu erzählen..." Als Dave ihm einen kurzen Seitenblick zuwarf, konnte Chrys die Hilflosigkeit in seinen blauen Augen sehen. "Ich wünschte, Roland hätte es auch mir nicht erzählt, ich hatte wochenlang Alpträume davon... Aber vermutlich mußte er es einfach irgendwo loswerden."

Chrys wollte ihn umarmen, ihn an sich ziehen und drücken, doch Dave wirkte in dem Moment so unendlich fern, daß er es nicht wagte, ihn auch nur zu berühren... Er schluckte. Gott, was hatten die Vampire dem Jungen nur angetan? Kurz glitten seine Gedanken zu Damon... ob er zu so etwas in der Lage war? Doch Daves Stimme holte ihn wieder zurück.

"Masha hat Trost bei ihrer besten Freundin gesucht. Rahel." Ein Lächeln huschte über Daves Gesicht und seine harten Züge entspannten sich. "Ich mochte sie sehr gerne. Sie war fast wie eine Schwester für mich. Sie war immer so energiegeladen und gut gelaunt. Jede einzelne ihrer braunen Locken schien mit einer Flause in ihrem Kopf einherzugehen. Ihre braunen Augen konnten die perfekte Unschuld mimen, aber wenn du sie ein bißchen besser gekannt hast, wußtest du genau, daß es nur gespielt war. Sie war ein perfektes Gegenstück zu unserem ruhigen, ernsten Josh. Die beiden waren damals bereits verlobt. - Zu viert haben sie beschlossen, die Vampire auf eigene Faust zu jagen und zur Strecke zu bringen, da Polizei, Presse, Fernsehen... nun ja, was am ehesten der Wahrheit entsprach, war die Vermutung, es wären Psychopathen, die sich für Vampire hielten. Tatsache war, daß es psychopathische Vampire waren - wie alle Vampire in Menschenaugen. Ich weiß nicht, was Vampire tun müssen, um von ihresgleichen als psychopathisch bezeichnet zu werden..."

Er warf Chrys einen Seitenblick zu und grinste. "Rahel war Chemikerin in einem großen Betrieb, und glaub mir, auch in ihrer Freizeit hat sie gerne mit Chemikalien herumgepfuscht. Auch wenn sie mir immer versicherte, es sei nicht einfach nur Gepfusche. Für mich sah's auf jeden Fall so aus. 'Vampires blood' entstand aus einer Reihe fehlgeschlagener Experimente in ihrem Betrieb. Sie hat mir sogar mal erklärt, wie man es macht. Ganz einfach, sagte sie, ich habe kein Wort verstanden... Inklusive des chemischen Namens... den konnte ich noch nicht mal aussprechen."

Chrys schmunzelte, als er sich Dave inmitten eines chemischen Vortrags vorstellte. Das schien so gar nicht zu ihm zu passen. Doch sein Schmunzeln verschwand wieder, als Dave fortfuhr.

"Dann haben sie mit der Jagd begonnen. Sie haben den Unterschlupf der Vampire aufgespürt - das war Joshs Werk. Er hat auch herausgefunden, wie viele es waren - und daß sie sich in einer Gruppe organisiert hatten, die wie ein Orden aufgebaut war, mit einem Führer und ihm treu bis zur Hörigkeit untergebenen Vampiren. - Masha, Roland, Josh und Rahel haben Pläne geschmiedet, Möglichkeiten und Chancen gegeneinander abgewogen, die Grenzen von 'Vampires Blood' ausgetestet... der erste Vampir fiel ihnen in die Hände und wurde an die Sonne gestellt." Daves Gesicht wurde starr, er preßte die Lippen so fest aufeinander, daß sie nur noch ein schmaler Strich waren. "Zwei Tage später fand Roland mich. Das halbe Kind, das ich war..."

Er schnaubte, und wahrscheinlich sollte es verächtlich klingen, doch auf Chrys wirkte es eher verzweifelt.

/Also warst das wirklich du.../ Nach all der Zeit schien es ihm immer noch schwer zu fallen, darüber zu sprechen. In dem Verlangen, ihn irgendwie zu trösten, ihm nahe zu sein und etwas von der Verzweiflung aus seinem Gesicht zu vertreiben, beugte Chrys sich zu ihm und strich ihm sacht über die Wange. Dave warf ihm ein dankbares und unglaublich verletzliches Lächeln zu, das es fertigbrachte, daß Chrys sich nur noch hilfloser fühlte.

Die Ampel sprang auf Grün um, und Dave fuhr an.

"Tja, und dann waren wir zu fünft", nahm er den Faden wieder auf und atmete gepreßt durch. "Wir haben einen nach dem anderen aufgespürt, gejagt und umgebracht... Auch... ihn..."

/Liebst du ihn noch immer?/, wollte Chrys fragen, aber er biß sich auf die Unterlippe, um es zu unterdrücken. Gott, er spürte, wie sich leise Eifersucht in ihm regte! Wie töricht! Der Vampir war tot! Leise meldete sich sein Schuldbewußtsein wieder, diesmal jedoch aus einem anderen Grund. /Wenn jemand Grund hätte, eifersüchtig zu sein, dann wäre das Dave, nicht? Was ist mit Damon? Du kennst ihn nicht, er macht dir Angst. Aber trotzdem... trotz all dem... ist da..../ Ja, was? Was war da?

Ein schmales Lächeln verzog Daves Lippen und jagte Chrys eisige Schauer den Rücken hinab. "Ich weiß nicht, ob sie überhaupt wußten, daß es Menschen waren, die sie jagten. Wir verhielten uns manchmal selber wie Vampire. Ich weiß auch nicht, warum der letzte von ihnen nicht einfach geflohen ist, als die anderen tot waren. Er ist noch recht jung gewesen, er konnte nicht einmal fliegen. Aber schließlich haben wir ihn gestellt. Auf dem Dach eines Hochhauses. Zumindest dachten wir, daß wir ihn gestellt hatten." Seine Stimme klang so verbittert und voller Selbsthaß, daß Chrys schauderte. "Chrys, er war der letzte von dem verdammten Teufelsorden! Bis dahin war alles so glatt gelaufen!" Er wurde leiser, und es war, als spräche er mehr zu sich selber. "Vielleicht sind wir zu übermütig gewesen, zu selbstsicher. Wahrscheinlich haben wir uns überschätzt."

Er hielt inne und schwieg. Sein Blick war auf die Straße gerichtet, doch Chrys überlegte, ob er sie überhaupt sah. Er bereute mittlerweile, nachgefragt zu haben. All die bitteren Erinnerungen, die er dadurch in Dave wieder geweckt hatte! Aber vielleicht tat es ihm gut, mit jemandem darüber zu sprechen, der nicht beteiligt gewesen war und ihm trotzdem glaubte? Vielleicht... Er hoffte es, aber gleichzeitig zweifelte er daran. Er wollte etwas sagen, etwas Hilfreiches, etwas Tröstendes - irgend etwas - ... doch als er den Mund öffnete, sprach Dave weiter.

Seine Stimme war vollkommen emotionslos. "Ich weiß bis heute nicht, wie es passiert ist, aber plötzlich war der Vampir bei Rahel. Seine Klauen hatte er in ihren Hals geschlagen, direkt neben die Kehle. Er drohte, sie ihr rauszureißen, wenn wir uns rühren würden.... dann ging er mit ihr... Schritt für Schritt, immer näher auf das Treppenhaus zu... Rahels Augen... ich werde nie ihre Augen vergessen... sie waren aufgerissen und voller Angst... sie wisperte Joshs Namen... nur ein Hauch... Joshs Hände zitterten.... 'Bitte', hat er geflüstert..."

Chrys spürte einen eiskalten Schauer seinen Rücken hinabrinnen. Daves Stimme war so sehr ohne Gefühl, daß es ihn schmerzte. Seine Hände waren eiskalt, er wollte sie zwischen die Beine stecken, um sie zu wärmen... und sie am Zittern zu hindern. Doch er wagte nicht, sich auch nur zu bewegen. Er wollte, daß Dave aufhörte zu erzählen, als ob es etwas ändern würde, wenn er es nicht aussprach.

Draußen huschte die gleichgültige, kalte Nacht vorbei. Schemen von Laternen, Menschen auf Bürgersteigen. Sie alle schienen so weit entfernt zu sein. So weit, wie er von einem normalen Leben. So weit wie Dave...

"Das Knacken, als sich die Sehne aus ihrer Verankerung löste... das Scharren, als sie den Bolzen in seinem Schaft nach vorne trieb.... das kleine Zischen, als sich der Bolzen von der Armbrust trennte... das Pfeifen, während er durch die Luft schoß... ich habe seinen Flug gesehen... Mashas Aufschrei gehört... wie sie nach vorne stürzte, zu Rahel hin... das Geräusch, als der Bolzen aufschlug und sich in Fleisch bohrte... Rahels leises Ächzen... ihre brechenden Augen... der Geruch von Blut und ihr fallender Körper." Daves Stimme war so leise und tonlos, daß sie kaum noch zu hören war. "Und neben mir stand Roland. Den Arm ausgestreckt, die Armbrust war leer. Die Sehne zitterte noch. Aber seine Hand war ruhig. So ruhig. Er stand da wie eine Statue. Reglos, bis auf den schwarzen Mantel, der vom Wind aufgebauscht wurde. Vom Mondlicht mit Silber übergossen... und es war mir, als sähe ich ihn zum ersten Mal wirklich..."


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by Meike "Pandorah" Ludwig