Forever's Kiss

9.

Als Chrys aufwachte, war es angenehm warm um ihn herum. Ein fremder, aber doch vage vertrauter Geruch umgab ihn. Schläfrig seufzte er auf und fragte sich, wann er sich das letzte Mal so wohl und geborgen gefühlt hatte.

In dem Moment erschütterte leises, warmes Lachen den Untergrund, auf dem Chrys lag und lichtete den Nebel des Schlafes. Mit einem Mal registrierte er mehr als nur die Wärme. Das gleichmäßige, stetige Schlagen eines Herzens, das nicht sein eigenes war. Atemzüge im Einklang mit der Bewegung unter ihm. Ein Arm, der ihn umfing, eine Hand, die leicht auf seiner Hüfte ruhte. Seine Hand, auf der eine andere lag, seine Wange auf einer harten Männerbrust.

"David", japste Chrys erschrocken und fuhr hoch; seine Wangen färbten sich in einem tiefen Rot.

Mit einem leisen, vergnügten Lachen festigte Dave seinen Griff um Chrys' Hand und seine Taille und zog ihn wieder zu sich herunter. Er schlang die Arme um ihn und hielt ihn dicht an sich gepresst. "So schlimm kann mein Anblick doch auch wieder nicht sein, oder?"

Ein kleiner Stromstoß schien durch Chrys hindurch zu fließen, als er an Daves warmen Körper gepresst wurde und dessen Gesicht so plötzlich direkt vor seinem hatte. Er sah auf ihn hinab, in seine lächelnden, tiefblauen Augen und das Kribbeln in ihm verstärkte sich noch, so dass er sich auf einmal regelrecht schwach fühlte. Sein Blick glitt über das Gesicht des anderen Mannes. Dave war blass, die Bartstoppeln, die seine Wangen bedeckten, färbten die Haut dunkler und legten einen Schatten über sie, der sie beinahe eingefallen wirken ließ. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, doch die blassen Lippen waren zu einem Lächeln verzogen.

Trotzdem regte sich auf der Stelle Chrys' schlechtes Gewissen. /Himmel, er sieht so elend aus! Und alles nur wegen dir, du Idiot!!/ Er biss sich auf die Unterlippe und schluckte. "Du siehst furchtbar aus", murmelte er. "Es tut mir so leid."

Dave schnitt eine Grimasse und verdrehte die Augen, ehe er wieder lachte. "Das ist ja eine nette Guten-Morgen-Begrüßung. Ich hatte mir da irgendwie etwas anderes drunter vorgestellt."

"Dave, ich...", stotterte Chrys verlegen, doch er verstummte, als eine von Daves Händen langsam auf seinem Rücken nach oben zu wandern begann. Chrys spürte ein Flattern in der Magengrube, als die Hand seinen Nacken erreichte, der Griff fester wurde und Dave ihn zu sich herunter zog. Sein Herzschlag beschleunigte sich mit einem Mal rapide.

"So was in der Art, weißt du?", wisperte der andere Mann, ehe sich ihre Lippen berührten. Chrys gab jeden Widerstand auf; heiße Schauer rannen durch ihn hindurch, die sich von Dave ausgehend durch seinen ganzen Körper zogen. Daves Lippen waren fest und weich, sanft und fordernd zugleich. Dann teilten sie sich, und Chrys spürte die warme Zunge, die über seine Lippen strich und in seinen Mund glitt, als er ihn öffnete.

Einen wundervollen Moment lang liebkoste ihn die Zunge, umschmeichelte seine eigene und ging auf Chrys' zaghafte Versuche ein, ehe sie sich wieder voneinander lösten.

Dave lächelte weich und streichelte zärtlich Chrys' Nacken. "So habe ich mir das vorgestellt, als ich aufgewacht bin und dich in meinen Armen vorgefunden habe, weißt du?"

Chrys errötete erneut. "Ich wollte eigentlich... ich... hatte vor...", stotterte er in dem Versuch einer Entschuldigung und verstummte, als seine Wangen noch heißer wurden. Was wollte er überhaupt sagen? Warum sich entschuldigen? Für was? Er wusste es nicht. Dafür, dass er auf Daves Brust eingeschlafen war? Das war dumm. Es hatte sich so gut angefühlt. Und Dave schien es ja wohl auch gefallen zu haben. Für den Kuss? Eine noch größere Dummheit! Aber irgendwie fühlte er sich, als ob er sich verteidigen müsste.

Ein breites Grinsen zog über Daves Gesicht; er wuschelte Chrys durchs Haar. "Keine Ausflüchte, Chrys. Keine Entschuldigungen."

Seine Arme schlangen sich fester um ihn, dann rollte er herum, so dass er auf Chrys zu liegen kam. Für einen Moment sah er Chrys einfach nur in die Augen, so tief, dass das Herz des jungen Mannes zu rasen begann. Dann berührte er hauchzart dessen Lippen mit den eigenen, einmal, zweimal, dreimal, liebkoste sie unendlich zärtlich.

"Ich hab mich verliebt, Baby", hauchte er.

Chrys' Augen weiteten sich, dann zog ein strahlendes Lächeln über sein Gesicht. Er öffnete den Mund, doch er brachte erst mal keinen Ton heraus. Stattdessen schlang er die Arme um den anderen Mann. "Ich mich auch", flüsterte er endlich überglücklich.

Daves Augen schienen zu leuchten, als er das Lächeln weich erwiderte. Erneut beugte er den Kopf zu Chrys hinunter, um ihn zärtlich zu küssen, während er dessen Schultern mit den Fingerspitzen zu umkreisen begann. Chrys schloss die Augen und gab sich ganz diesem Kuss hin. Ein warmes Prickeln rann durch ihn hindurch und verstärkte sich noch, als er seine Hände zaghaft über Daves Rücken wandern ließ. Er konnte die Erhebung der Rippen unter seinen tastenden Fingern spüren, die gleichmäßige Form des Rückgrats. Das Gewicht auf ihm war angenehm, zum Luftholen kam er ohnehin nicht. Daves Brust auf seiner. Seine Wärme, nur getrennt durch den dünnen Stoff eines Schlafanzugs und eines T-Shirts. Daves flacher Bauch. Seine nackten, durchtrainierten Beine. Der Oberschenkel, der zwischen seinen ruhte... Chrys war sich des anderen Körpers unendlich bewusst.

Plötzlich ächzte Dave auf, löste sich von ihm und rollte herunter. Die Kälte, die Chrys mit einem Mal berührte, ließ ihn frösteln. /Hab ich was falsch gemacht?/, schoss es ihm durch den Kopf; verwirrt und beschämt sah er aus den Augenwinkeln zu Dave hin, nur um diesen Gedanken sofort wieder zu vergessen.

Dave war wenn möglich noch blasser geworden, er presste die Lippen so fest zusammen, dass alles Blut aus ihnen gewichen war und kniff die Augen zu. Die Hände krallten sich in das Bettlaken; sein Atem ging flach und schnell.

Erschrocken setzte Chrys sich auf. "David? Was hast du?" Zaghaft berührte er seinen Freund an der Schulter, fast hatte er Angst, ihn anzufassen. "Soll ich Masha holen? Oder einen Arzt rufen?" /Himmel, er ist käseweiß!/ Sein Magen krampfte sich zusammen.

"Nein", brachte Dave gepresst hervor. Feine Schweißtropfen glitzerten im Licht der Nachttischlampe auf seiner Stirn. "Keine Sorge. Es geht gleich wieder."

/Keine Sorge, sagt er./ Chrys biss sich auf die Unterlippe und streichelte Daves verkrampfte Hand, ohne ihn aus den Augen zu lassen. /Was hat er denn? Ist das...?/

Langsam normalisierte sich Daves Atem wieder, wurde gleichmäßiger und ruhiger. Ein wenig Farbe kehrte in sein weißes Gesicht zurück. Mit einem schiefen Lächeln öffnete er die Augen und sah Chrys an. Seine Hand schloss sich um Chrys'. "Tut mir Leid, ich wollte dir keine Sorgen machen, Baby. Es war meine Schuld."

Chrys legte seine zweite Hand auf Daves und zog sie an seine Wange. "Was war das? War das... wegen der Droge?", fragte er leise.

Dave setzte sich auf, seine Bewegungen waren steif und ungelenk und erinnerten Chrys an einen alten Mann. Er verdrängte den Gedanken schnell wieder, doch er blieb in seinem Hinterkopf wie ein Schatten hängen. Zärtlich fuhr Dave ihm durch sein blondes, vom Schlaf zerzaustes Haar. "Ja. Aber ich bin selber schuld gewesen, Schatz." Lächelnd zog er ihn näher und berührte flüchtig mit den Lippen seine Stirn. "Ich hätte mich nicht auf dich legen müssen, nicht? Und ich hätte nicht ausgerechnet ...an anderes denken müssen. Beschleunigter Pulsschlag zählt im Moment nicht zu den Dingen, die mein Herz zu leisten bereit ist." Er lachte leise. "Ich werde den Tag über noch tausend Tode sterben, das verspreche ich dir. Und ich werde jeden einzelnen genießen."

"David, damit solltest du keine Scherze machen." Chrys wollte ihn umarmen und an sich drücken, doch er wagte es nicht, aus Angst, ihm damit Schmerzen zu bereiten. Doch gleichzeitig erfüllte es ihn mit einem zärtlichen Gefühl, dass Gedanken an ihn und seine Berührung Dave Herzklopfen verursachten. "Was, wenn es doch gefährlicher ist? Immerhin hast du Herzschmerzen!!"

Daves Lächeln vertiefte sich, er beugte sich vor und knabberte kurz an Chrys Ohrläppchen. "Du bist süß, wenn du dir Sorgen machst", hauchte er. "Ich schwöre dir, morgen hole ich jeden einzelnen Kuss nach, den ich dir heute nicht geben kann. Und du wirst sie mit Zins und Zinseszins bekommen!"

Chrys' Wangen färbten sich tiefrot, Wärme schoss durch seinen Körper. Daves Atem, der seine Haut streifte, ließ tausend Schmetterlinge in seinem Magen aufflattern. "David", flüsterte er.

"Du bist unwiderstehlich, Baby. Aber wenn wir das hier fortsetzen, bin ich auch morgen noch halb tot." Dave verzog unwillig das Gesicht. "Lachen tut weh, Herzklopfen auch... Verliebt sein und 'vampires blood' vertragen sich nicht." Mit einem Ächzen ließ er sich wieder in die Kissen sinken und sah mit einem liebevollen Lächeln zu Chrys empor. "Geh ins Bad, hm? Dein Schlafanzug lädt mich nur dazu ein, ihn dir ausziehen zu wollen. Besonders, wenn die obersten Knöpfe offen stehen." Schelmisch zwinkerte er Chrys zu.

Automatisch sah dieser an sich herunter, nur um Daves Worte bestätigt zu finden. Hastig raffte er das Oberteil zusammen. "Tut mir Leid", murmelte er verlegen und zog den Kopf ein wenig zwischen die Schultern.

Atemlos japste Dave auf und schloss die Augen. Sein Grinsen war verzerrt, doch es war echt. "Du kannst einfach nichts machen, ohne dass ich dich begehre."

Chrys musste lächeln. Er drückte Daves Hand, zögerte für einen Augenblick und entschied sich dann dagegen, ihn noch einmal zu küssen. "Bleibst du heute im Bett?"

Dave schlug die Augen wieder auf und sah ihn schmunzelnd an. "Das würde ich nur, wenn du auch hier bleiben würdest. Ich habe Muskelkater wie Hölle, aber ich bin nicht sterbenskrank. Ich mag für heute ein alter Mann sein, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich zu Tode langweilen möchte."

Mit einem Grinsen krabbelte Chrys aus dem Bett. "Okay, ich werde Masha sagen, sie soll dir ein paar Brötchen in Milch einweichen, damit du sie kauen kannst, alter Mann."

"Untersteh dich!" Lachend warf Dave ein Kissen nach ihm, das so schlecht gezielt war, dass Chrys ohne Probleme ausweichen konnte.

"Daneben!" Er streckte Dave die Zunge raus, ignorierte das Stechen in seiner Brust, als er bemerkte, dass der Wurf seinem Freund Schmerzen bereitet hatte und verließ das Zimmer.

 

"Guten Morgen!", scholl ihm eine fröhliche Stimme entgegen, als er etwas später frisch geduscht und angezogen die Küche betrat. Er steckte seinen grünen Rollkragenpulli in den Bund der Jeans und lächelte. „Guten Morgen.“

Masha war Frühaufsteher, und so wunderte es ihn nicht, dass der Tisch bereits gedeckt und das Frühstück so gut wie fertig war. Sie schraubte gerade eine Thermoskanne zu, in der er Kaffee vermutete. Es duftete in der ganzen Küche nach einer Mischung aus Kaffee, frischen, heißen Brötchen und Weihnachtstee. "Gut geschlafen, Chryssie?"

"Hervorragend." Das selige Lächeln, das über sein Gesicht glitt, entlockte ihr ein leises Lachen.

Sie stellte die Kanne auf den Tisch, dann öffnete sie den Backofen und ging in die Hocke, um die Brötchen heraus zu holen. Ihr goldbraunes Pannesamt-Flickenkleid legte sich wie ein Schleier um ihre Füße, und irgendwie gelang es ihr, das Schultertuch mit den langen Fransen so beiseite zu schieben, dass es ihr nicht im Weg war und sich auch nicht an den Flammen des Gasherdes entzündete. Sie klemmte sich ein paar rotbraune Strähnen hinter das Ohr, die einfach nicht in dem Kamm halten wollten, und angelte nach einem Topflappen. "Wie geht es Dave?"

Chrys zog unwillkürlich den Kopf zwischen die Schultern. Schuldbewusst schielte er zu Masha hin. "Gut genug, dass er mit Kissen nach mir werfen kann und schlecht genug, dass ihm das weh tut."

Masha lachte auf. Sie wandte sich zu ihm um und sah zu ihm hoch, wobei sie sich mit einer Hand an dem Schränkchen neben dem Herd abstützte, um das Gleichgewicht zu bewahren. "Das heißt, es geht ihm sogar überdurchschnittlich gut, Lieber. Also mach dir da mal keine Gedanken. "

"Wirklich?" Ein erleichtertes Lächeln huschte über Chrys' Gesicht. Er zog einen Stuhl zurück, setzte sich an den Frühstückstisch und griff nach der auf dem Messingstövchen stehenden Teekanne. Während er sich einschenkte, atmete er genießerisch den würzigen Duft nach Zimt und Orange ein. Er stellte die Kanne zurück und umschloss seine Tasse für einen Moment mit beiden Händen, bis es ihm zu heiß wurde.

Nachdenklich sah er in die rotbraune Flüssigkeit, aus der zarter Dampf wie Nebel emporstieg. "Masha?"

"Hm?" Sie schaute kurz auf, lächelte ihm zu und griff dann nach dem Brotkorb. Chrys mochte das an ihr, dass sie sich hin und wieder nicht in ihrer Routine stören ließ; es machte es einfacher, über manche Dinge mit ihr zu sprechen. Ganz im Gegensatz zu seiner hektischen Mutter, von der er sich oft eingeschüchtert fühlte, wenn sie sich sofort zu ihm setzte, dann wieder aufstand, um irgendetwas zu holen, wegzubringen oder herumzurücken. Flüchtig dachte er daran, dass er sich zu Hause auch mal wieder melden sollte. "Dave... Daves Zustand... ist der wirklich nicht gefährlich? Ich meine, er hat Herzschmerzen. Zum Teil so heftig..." Er errötete unwillkürlich. /...dass er zurückgezuckt ist; dass er den Kuss abgebrochen hat./

Masha hielt inne, dann holte sie die letzten Brötchen aus dem Ofen, schloss die Klappe und stand auf. Chrys sah ihr nicht ins Gesicht, er spürte, dass seine Wangen glühten, was ihm viel peinlicher war als seine Frage, auch wenn er hätte schwören können, dass Masha wusste, was genau und vor allem, warum er gefragt hatte.

Er beobachtete ihre Füße, die bei jedem Schritt den Saum des Rockes aufwirbelten und den Blick auf helle, fellgefütterte Lederhausschuhe freigaben, bis sie vor ihm hielten. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sie den Brotkorb auf den Tisch stellte; als sie den Arm zurückzog, streiften die Fransen ihres Tuches seinen Handrücken. Sie setzte sich auf einen Stuhl ihm gegenüber und stellte die Füße auf die Querverstrebung.

Als Chrys es endlich wieder wagte zu ihr aufzusehen, entdeckte er, dass sie lächelte. Es war ein sanftes, warmes Lächeln, das ihn liebevoll einzuhüllen schien.

"Herzklopfen", sagte sie leise und ihr Lächeln vertiefte sich noch. Ihre klaren, grauen Augen schienen zu strahlen. "Es wird ihn nicht umbringen, Chrys. Er ist ein robuster, gesunder Mann, der jetzt, gerade jetzt, nicht den geringsten Grund hat zu sterben. Ich habe mir Sorgen um ihn gemacht, als er die ersten Male 'blood' genommen hat. Als wir den Vampir gejagt, gefangen und getötet haben, der ihn verraten hat. Da wollte er sterben. Da habe ich um sein Leben gebangt. Aber nicht jetzt." Wieder strich sie sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht und klemmte sie hinter ihr linkes Ohr, während sie ihren Tee umrührte. "Nicht jetzt, wo er endlich wieder entdeckt hat, dass er noch immer lieben kann."

Chrys wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, doch er fühlte, dass Masha auch nichts erwartete. Ihre Worte erleichterten ihn maßlos, während ihn gleichzeitig ein eigentümliches Gefühl ergriff. Es war, als hätte ihm bis eben jemand die Hände um die Kehle gelegt und sein Herz zusammengepresst gehabt und hätte nun endlich von ihm gelassen. Er war froh, unendlich froh, dass sie ihm das gesagt hatte. Froh, dass er so wichtig für Dave war. Dass er wegen ihm wieder lieben konnte. Am liebsten hätte er die ganze Welt umarmt, um sich dann in Daves Arme zu kuscheln. Stattdessen sah er Masha mit leuchtenden Augen an. "Danke", murmelte er verlegen.

"Morgen, Masha." Daves warme Stimme schreckte ihn auf und ließ das eigenartige Gefühl in ihm noch anwachsen. Er wandte den Kopf zu ihm um und sah seinen Freund an, nahm jedes Detail in sich auf. Die verwaschene, ausgebeulte Jeans, in der die langen Beine steckten. Das rotkarierte Holzfällerhemd, das er auch am Abend zuvor schon getragen hatte und bei dem die rechte Brusttasche oben eingerissen war. Das wirre, braune Haar, wie immer nur unzureichend gebändigt durch einen Zopf im Nacken; wenn möglich war es heute sogar noch zerzauster als sonst. Das markante, blasse Gesicht mit dem energischen Kinn. Der dunkle Schatten auf den Wangen, weil Dave sich nicht rasiert hatte. Die gerade Nase. Die scharf geschnittenen Lippen. Und die strahlend blauen Augen unter den geraden Brauen...

Daves Blick wanderte von Masha zu ihm und als ihre Augen sich trafen, wusste Chrys, was es war. Liebe. Zwar hatte er schon vorher daran gedacht, doch es war anders als diese Gewissheit, die ihn mit einem Mal erfüllte. Er wollte sich nicht einfach nur an Dave anlehnen und spüren, dass er da war. Nicht nur einfach mit ihm zusammensein. Er wollte... /Ja, was? Den Rest meines Lebens mit ihm verbringen. - Aber du kennst ihn erst etwas über einen Monat! - Und? Ich will es. Und ich will für ihn da sein. Nicht zulassen, dass ihn noch mal jemand derart verletzt wie dieser Vampir. Ich will ihn beschützen./

Der Gedanke war neu für ihn, noch nie hatte er das derart heftige Verlangen gehabt, jemanden zu schützen. Noch nie hatte er sich auch nur in der Lage dazu gefühlt. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Und auch, wenn Dave am anderen Ende der Küche stand, fühlte er sich ihm mit einem Mal ganz nah.

Erst als Dave lächelte, merkte Chrys, dass er ihn die ganze Zeit über unverwandt angesehen hatte. Verlegen wollte er den Blick abwenden, doch in dem Moment löste Dave sich aus seiner Erstarrung und kam auf ihn zu. Wieder fiel Chrys auf, dass seine Bewegungen, die gestern noch so geschmeidig gewirkt hatten, ungewohnt steif waren und ihm Schmerzen zu bereiten schienen. /Wirklich wie bei einem alte Mann/, schoss es ihm durch den Kopf.

Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hatte Dave ihn erreicht. Er stützte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab, als er sich zu ihm herunter beugte, die andere legte er ihm sacht an die Wange, ehe er ihn küsste. Hauchzart nur und voller Zärtlichkeit. Dann sah er wieder auf, und Chrys versank erneut in den blauen Tiefen dieser Augen, während er die kleinen Bewegungen von Daves Daumen unendlich bewusst wahrnahm, mit denen ihn sein Freund streichelte.

Das leise Scharren von Keramik auf Metall, als Masha die Teekanne vom Stövchen nahm, ließ Chrys zusammenzucken und erinnerte ihn schlagartig daran, dass sie nicht allein waren. Prompt wurde er rot.

Dave blinzelte und wirkte für einen Moment irritierte, dann grinste er und ließ seinen Mund direkt neben Chrys' Ohr wandern. Zärtlich liebkoste er mit den Lippen das Ohrläppchen. "Was ist, Schatz?", wisperte er kaum wahrnehmbar. "Sag mir nicht, dass du dich vor Masha genierst."

/Schatz.../ Allein dieses Wort ließ eine Wolke Schmetterlinge in Chrys Magen aufflattern. Er spürte Daves kratzige Wange direkt an seiner, seine Wärme neben ihm, roch seinen herbfrischen Geruch und sein Aftershave. Er wollte etwas erwidern, doch ihm fiel nichts passendes ein. Genierte er sich vor Masha? Eigentlich nicht wirklich. Aber die Situation war so neu, so ungewohnt... und so wundervoll.

Dave schmunzelte und drückte Chrys noch einen Kuss auf die Stirn, ehe er sich neben ihn setzte und Masha zuzwinkerte. "Du bist hinterhältig. Chrys einfach dazu zu verdonnern, mit mir in einem Bett zu schlafen."

"Ich finde nicht, dass ihr beiden so ausseht, als hätte es euch gestört", entgegnete Masha mit einem Lächeln und schenkte sich Tee nach. "Ganz im Gegenteil."

Daves Grinsen wurde breiter. "Oh doch. Ich bin aufgewacht, hatte einen Engel im Arm und musste prompt einsehen, dass die Nachwirkungen mich an allem hindern würden, was über keusche Küsse hinausgeht. Das nenne ich gemein!"

Masha lachte auf und Chrys wurde wieder rot, musste aber auch lachen. Dave grinste zufrieden und schnupperte demonstrativ. "Ich rieche Kaffee. Guten, frischen Mashakaffee. Ist noch was davon da?", fragte er hoffnungsvoll.

Chrys wollte gerade nach der Kanne greifen, um ihm einzuschenken, als Masha energisch den Kopf schüttelte. "Nicht für dich. Mir ist ganz egal, wie viel Kaffee du jeden Morgen trinkst, aber du weißt ganz genau, dass der sich mit 'blood' überhaupt nicht verträgt." Sie grinste. "Du scheinst dich nicht mehr zu erinnern, aber ich sehe noch sehr wohl das blasse Häufchen Elend vor mir, dass mich angefleht hat, es niemals mehr nach einem Einsatz in die Nähe einer Kaffeetasse kommen zu lassen. Und wenn du dann noch dein allgemeines Herzklopfen dazu nimmst..."

Dave verzog das Gesicht zu einer leidenden Grimasse. "Du bist hartherzig und grausam, Masha. Besonders, wenn du Recht hast."

Masha nickte nachdrücklich. "Ich weiß." Sie zwinkerte Chrys zu. "Schließlich habe ich einen Ruf zu wahren." Dann wechselte sie abrupt das Thema. "Hast du ihm von den gestrigen Ergebnissen erzählt, Lieber?"

Fast augenblicklich wich das wohlige Gefühl aus Chrys, als die kalte Wirklichkeit Einzug in die Küche hielt. Er spürte, wie er sich verkrampfte, wie sich sein Herz zusammenzog. Sein Lächeln erstarrte, um dann komplett zu verschwinden. Er schüttelte den Kopf. "Ich...", murmelte er und verstummte wieder. Mit einem Mal hatte er keinen Hunger mehr.

"Wir hatten Wichtigeres zu besprechen." Dave grinste aufmunternd und, wie Chrys bemerkte, ein wenig unsicher. Der andere Mann tastete unter dem Tisch nach Chrys' Hand und umfing sie sacht, drückte sie tröstend. Dankbar lehnte Chrys sich an ihn und ignorierte das leichte, fast erleichterte Lächeln, das über Mashas Gesicht glitt.

Masha schenkte Dave Tee ein, dann schob sie den Brotkorb näher zu ihm. Während sie die Diskussion vom Vortag für ihn noch einmal zusammenfasste und erläuterte, wer was zu machen hatte, drifteten Chrys' Gedanken ab. Weg von dem, was sie erzählte, hin zu dem Vampir. Hin zu Damon. /Warum kann ich einfach nicht glauben, dass du das Monster bist, für das sie dich halten? Die Menschen, die mir am wichtigsten sind, sagen es von dir. Sind überzeugt davon. Warum kann ich es nicht auch sein? Warum muss ich immer wieder zweifeln? Machst du das? Oder kommt es von mir?/ Er wusste es nicht.

 

Chrys hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht, sich in einen großen Haufen weicher Kissen gekuschelt und ein Bein untergeschlagen; auf dem anderen lag Dave und sah aus halb geschlossenen Augen zu ihm empor. Er hatte eine von Chrys' Händen erobert, um sie in unregelmäßigen Abständen zu küssen, zu liebkosen oder an den Fingern zu knabbern.

Chrys überließ sie ihm nur zu gerne; jedes Mal wieder verspürte er diesen kleinen, angenehmen Stich, wenn Daves weiche Lippen ihn berührten. Die andere Hand war frei, um abwechselnd nach der Teetasse zu greifen, Mashas Plätzchenteller zu plündern oder das wirre, braune Haar seines Freundes zu zausen.

Im Hintergrund lief irische, leicht verträumte Musik, die Masha so liebte. Auch wenn sie sie momentan wohl weniger hörte, denn sie war im Bad verschwunden. "Um mich für die Jagd fertig zu machen", hatte sie gesagt.

Nervös sah Chrys zu der großen, alten Uhr über dem Türbogen, der zu dem kleinen Flur in Richtung Bad und Schlafzimmer führte, während seine Finger unwillkürlich ihr Spiel in Daves Haar aufgaben. In weniger als einer Viertelstunde würden Roland und Josh vorbeikommen, würden sie abholen, damit sie gemeinsam zu seiner Wohnung fuhren und dort... Chrys schluckte hart. Je näher es rückte, um so mehr wurde ihm bewusst, dass er das eigentlich gar nicht wollte. Aber was wollte er dann?

Daves Lippen pressten sich auf sein Handgelenk und lenkten ihn von seinen trüben Gedanken ab, als eine vorwitzige Zungenspitze über die empfindliche Haut glitt. "Schon wieder Wolken über deinem schönen Gesicht, Baby", murmelte Dave liebevoll.

Chrys seufzte und versuchte ein Lächeln. "Geht schon... aber ich bin froh, wenn der Tag endlich vorüber ist."

"Ich weiß", antwortete Dave leise. "Dann ist der Spuk vorbei und wir können ins normale Leben zurück. Aber betrachte mal die positiven Seiten. Wäre das hier nicht, wäre der bezauberndste Mann der Welt für mich noch immer unerreichbar."

Unwillkürlich musste Chrys lachen. So ging das schon seit dem Frühstück. Er verfiel in dumpfes Grübeln und Dave lenkte ihn ab, indem er ihn zum Lachen brachte, ihn neckte, ihn mit Komplimenten bedachte, ihm Zärtlichkeiten schenkte oder im schlimmsten Fall alles zusammen.

Doch bevor er ihn darauf hinweisen konnte, unterbrach ihn Mashas klare, fröhliche Stimme. "Na, ihr Turteltäubchen? Immer noch nicht müde in den Augen des anderen zu versinken und euch mit Komplimenten zu überhäufen?"

"Masha!" Chrys' Wangen färbten sich rot; er wandte sich zu ihr um. Doch anstatt etwas halbwegs passendes zu erwidern, starrte er sie nur mit offenem Mund an. Die Frau vor ihm hatte nicht mehr viel mit der Masha gemein, die er kannte. Einzig die vergnügt blitzenden, grauen Augen mit dem Kranz feiner Fältchen und der zu einem spitzbübischen Lächeln verzogene Mund überzeugten ihn davon, dass seine Freundin nicht heimlich gegen eine andere ausgetauscht worden war.

Ihm wurde das erste Mal bewusst, dass sie nicht nur schlank, sondern regelrecht durchtrainiert war, so wie sie vor ihm stand. Vollkommen untypisch für sie trug sie schwarz; eine hautenge, matte Lederhose, in die ein ebenso enger Rollkragenpullover mit langen Ärmeln gesteckt worden war. Schwarze, robuste Turnschuhe, bei denen selbst die Gummisohlen schwarz waren.

Aber das Irritierendste waren ihre Haare. Er hatte sie noch nie anders als mit offenen gesehen, einzige Ausnahme war ein loser Dutt, aus dem an allen Enden ihre Locken herauskamen und in weichen Strähnen ihr Gesicht umspielten. Jetzt hatte sie das Haar zu einem straffen Zopf im Nacken zusammengefasst, ihn streng geflochten und jede sich verirrende Strähne mit Klammern und Spangen aus ihrem Gesicht gebannt. Es ließ ihr Gesicht härter wirken und das viele Schwarz machte sie blass und älter, doch gleichzeitig strahlte sie eine energische Selbstsicherheit aus, die sie größer erscheinen ließ.

"Du bist so... anders!", brachte Chrys hilflos hervor, eine Gänsehaut rann seinen Rücken hinab. Ganz egal, was für Wesen Vampire waren, ob sie gut oder böse, dämonisch oder menschlich waren, sie machten aus seinen Freunden ganz andere Menschen. Und das machte ihm fast genauso viel Angst wie Damon an sich.

Masha schien es nicht zu merken - oder sie ignorierte es. Schmunzelnd legte sie den Kopf schräg. "Schwarzer Schatten in schwarzer Nacht; das gibt einen Vorteil. Du schaust zu wenig Agentenfilme."

Dave lachte leise und lenkte Chrys' Aufmerksamkeit damit wieder auf sich. "Fehlt nur noch das neckische Mützchen."

In dem Moment klingelte es an der Tür, ein harsches Klopfen wies darauf hin, dass der Besucher bereits oben war. Spielerisch drohte Masha Dave mit dem Finger, eine Geste, die in Chrys' Augen gar nicht zu ihrem neuen Outfit passte, sondern noch zu der alten Masha gehörte, was ihn ein wenig beruhigte.

"Pass auf, sonst zwinge ich dich beim nächsten Mal, eine zu tragen", grinste sie und schlüpfte geschmeidig an dem schweren Vorhang vorbei in den Flur, um die Tür zu öffnen.

Das Grinsen schwand aus Daves Gesicht, nachdenklich sah er ihr hinterher, was Chrys schon wieder unruhig werden ließ. "Was ist, Dave?"

Mit einem tiefen Atemzug wandte Dave ihm den Kopf zu und erwiderte seinen Blick einen Moment lang, ehe er warm lächelte. "Vielleicht gibt es kein nächstes Mal."

Seine Worte machten Chrys Angst und ließen sein Herz schmerzhaft einen Schlag aussetzen. Doch das Lächeln und die Wärme in den tiefen, blauen Augen verwischten den Gedanken an Abschied wieder, auch wenn ein nagendes Gefühl blieb. Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte. "W-wieso?"

Daves rauer Daumen streichelte zärtlich seinen Handrücken. "Weil du es so hasst, Baby. Weil ich die Dunkelheit in deinen Augen nicht mag. Weil ich einfach nur ein ganz normales Leben führen will, mit dir zusammen. Ohne Vampire. Ohne Angst."

/Mit mir zusammen.../ Die Worte wärmten Chrys mehr, als es der Tee und die Heizung vermochten. /Und für mich./ Selbst wenn es im Moment eigentlich eher sein Freund war, der Schutz und Fürsorge nötig hatte, war er doch so liebevoll um ihn besorgt, so beschützend. Chrys liebte ihn um so mehr dafür. Ein Lächeln glitt über seine Züge, er beugte sich zu dem Mann auf seinem Schoß hinab und legte sacht die Lippen auf Daves.

Daves Hand fand seinen Nacken und hielt ihn für einen Moment fest; er ließ seine Zunge über Chrys' geschlossenen Mund gleiten, nicht fordernd, als wolle er ihn teilen, sondern forschend, wie um seinen Geschmack zu erkunden. Dann lockerte er seinen Griff, ließ die Hand aber, wo sie war. Chrys richtete sich auf. Seine Lippen prickelten, und er fühlte sich einfach unsagbar glücklich.

"Wow, Baby... Du machst, dass ich solche Dinge am laufenden Band für dich tun will. Nur damit ich dich lächeln sehe." Dave strich ihm sacht über die Haare, seine blauen Augen leuchteten, durch die Blässe der Haut schien es noch viel intensiver zu sein.

Chrys' Lächeln vertiefte sich. "Du bist... bist..." /Wundervoll. Atemberaubend. Der Mann meiner Träume. Alles, was ich je gewollt habe./ Doch er sagte nichts von all dem, es klang einfach viel zu albern, auch wenn ihm jedes Wort wahr erschien.

Ein tiefes Auflachen ließ ihn hochschrecken. Glühende Hitze schoss ihm in die Wangen; er fuhr herum und sah Roland in der Tür stehen. Was hatte der große Mann alles mitbekommen? Den Kuss? Was Dave gesagt hatte? Sein Gesicht fühlte sich an, als müsste es im Dunkeln anfangen zu leuchten. "R-Roland..!"

"Hallo, ihr beiden. Ihr hört aber auch gar nichts. Ich habe euch laut und deutlich begrüßt." Roland grinste von einem Ohr bis zum anderen, als er sich zu Masha umwandte, die hinter ihm stand. "Dave hat's gut. So möchte ich auch mal behandelt werden, wenn ich nach 'blood' wieder zu mir komme."

Masha zog spitzbübisch die Augenbrauen hoch und sah mit vor der Brust verschränkten Armen zu ihm auf. "Oh, ich bin mir sicher, Chrys wird dir den Gefallen tun. Du musst ihn nur fragen."

"Ich...", stammelte Chrys und ärgerte sich über seine Verlegenheit weitaus mehr als über Mashas Scherz. Er wusste beim besten Willen nicht, was er darauf erwidern sollte. Er warf Dave einen hilflosen Blick zu, doch der andere Mann grinste nur.

Rolands eisblauen Augen blitzten vergnügt. "Keine Sorge, das werde ich dir nicht antun. - Dir und Dave nicht. Sonst könnt ihr euch im Gedanken daran nicht richtig auf die Jagd konzentrieren, und das wäre fatal."

Erst jetzt bemerkte Chrys, dass auch Roland ganz in Schwarz gekleidet war. Ebenso wie Masha trug er einen schwarzen Rollkragenpullover, ebenfalls eine eng anliegende Lederhose. Doch anstelle ihrer bequemen Turnschuhe hatte er kniehohe schwarze Stiefel angezogen, die nach einer Spezialanfertigung aussahen. Die weichen Sohlen machten bestimmt kaum ein Geräusch, wenn er auftrat, und an der Außenseite befanden sich je eine schmale Tasche, bei denen Chrys sich unwillkürlich fragte, ob sie Holzpflöcke verbargen.

Auch bei dem großen Mann kam durch die hautenge Kleidung seine muskulöse, durchtrainierte und beängstigend breite Statur erst richtig zur Geltung. Doch das Lächeln in seinem Gesicht war so jungenhaft, dass es diesen Eindruck fast vollkommen wieder verwischte und ihn nahezu harmlos wirken ließ, so lange man sich darauf konzentrierte.

Chrys versuchte sich daran zu erinnern, dass er Rahel umgebracht hatte. An seinen fanatischen Blick, wenn es um die Jagd ging. Doch im Moment wollte es ihm einfach nicht gelingen.

"Wann kommt Josh?", fragte Dave, ohne sich auch nur im geringsten von Chrys' Schoß weg zu bewegen oder seine Hand loszulassen. Ihm schien es vollkommen egal zu sein, wie viele Leute anwesend waren und sehen konnten, wie vertraut er und Chrys miteinander geworden waren. Chrys fragte sich, ob das nur daran lag, dass Roland und Masha Freunde waren, oder ob er sich generell so locker geben konnte.

"Sobald ich mich an diesem Koloss vorbei drängen kann", hörte er die leise, aber bestimmte Stimme des ruhigen Mannes vom Flur her ins Wohnzimmer dringen.

Mit einem Lachen zog Roland den Kopf zwischen die Schultern und trat einen Schritt beiseite, um den anderen Mann vorbeizulassen. "Sorry, Josh. Ich dachte, du wärst klein genug, um noch durch den Spalt zwischen mir und der Tür zu passen", neckte er ihn gutmütig.

Auf Joshs schmalem Gesicht lag ein kleines Lächeln, als er eintrat; es verblasste aber viel zu schnell wieder. Kurz nickte er Dave und Chrys zu. "Hallo."

Chrys war nicht weiter verwundert, dass auch er schwarz trug. Bei ihm war das keine Abwechslung zu den beiden Tagen davor. Was ihn weitaus mehr aus der Fassung brachte, war, dass es weder eng anliegend noch praktisch war. Joshua trug einen eleganten, schwarzen Anzug, ganz korrekt mit Bügelfalte in der Hose, einem steifen Jackett und dem dazu passenden schneeweißes Hemd, dessen Kragen aussah wie frisch gestärkt. Eine weinrote Fliege war der einzige Farbakzent, den er sich gestattete.

Besonders bizarr wirkte es dadurch, dass er jetzt zwischen Roland und Masha stand, insgesamt ein Anblick in Mashas Wohnung, die für Chrys immer ein Ort der Zuflucht gewesen war, der mehr als nur beunruhigend auf ihn wirkte.

Er konnte seinen Blick erst abwenden, als er spürte, wie sich Daves Hand in seinem Nacken anspannte und der Griff fester, regelrecht unangenehm wurde. Befremdet und ein wenig schuldbewusst, weil er Josh so angestarrt hatte, sah er zu seinem Freund hinab, nur um festzustellen, dass dieser ihn gar nicht beachtete. Das Lächeln war aus Daves Augen gewichen; er hatte die Lippen zusammengepresst, Falten waren um seinen Mund eingegraben.

Unwillkürlich zog Chrys besorgt die Brauen zusammen und strich sacht über Daves Stirn, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Als sich die blauen Augen endlich von Josh abwandten und seinen Blick erwiderten, waren sie dunkel.

"Was hast du?", fragte Chrys leise.

"Er soll den Balkon von unten im Augen behalten, hat Masha gesagt." Daves Stimme klang müde, die Hand sank von Chrys' Nacken, während er dessen Finger fester umschloss. "Er spielt den versetzten Liebhaber und wird sehr demonstrativ mit einem großen Strauß Rosen auf der Straße stehen. Es gibt andere Möglichkeiten, warum wählt er ausgerechnet diese? Rahel wird nie mehr zurückkommen. Und ich weiß, dass er an sie denkt. Dass er noch immer an ihr hängt..."

"Oh", brachte Chrys nur einigermaßen fassungslos hervor und spürte gleichzeitig, wie ihm ein kalter Stich durch den Magen fuhr und ihn mit einem Mal wieder frieren ließ. Unwillkürlich sah er wieder zu Josh hin, der ein paar leise Worte mit Masha und Roland wechselte. Die Gesichter der drei waren unbewegt, doch Chrys konnte Masha ansehen, dass sie etwas beunruhigte. Sie machte eine schnelle, energische Handbewegung und schnitt damit Roland und Josh das Wort ab, sagte selber leise etwas.

Dann sah sie mehr wie unbeabsichtigt in seine Richtung, und ihre Blicke trafen sich für einen Moment. Die Hilflosigkeit in ihrem Blick ließ Chrys schaudern, doch schnell wich sie einem weichen, aufmunternden Lächeln. Zaghaft erwiderte Chrys es, und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich ernsthaft, ob Masha wirklich immer so sicher und selbstbewusst war, wie sie wirkte. Er zweifelte nicht daran, dass sie es meistens war. Aber wie oft war es vielleicht nur gespielt? /Was hat sie? Macht sie sich auch Sorgen wegen Josh? Oder ist es was anderes? Wegen der ...Jagd?/

Doch bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, rieb sich Roland die Hände und strahlte vergnügt zu Dave und Chrys hin. "Okay, ich denke, wir brechen dann mal auf. Bis es dunkel wird, ist es nicht mehr so lange und bis dahin sollten wir es uns einigermaßen bequem gemacht haben."


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© by Meike "Pandorah" Ludwig