Meerschaum

1.

Kiwan bog seinen schmalen Körper abrupt ab, zwei schnelle Flossenschläge, und er schoss nach unten. Er spürte den Sog der Strömung, als das zahnbewehrte Maul nur wenige Fingerbreit an seinen Füßen vorbei schoss. Sein Herz raste, hämmerte in seinen Schläfen einen viel zu schnellen Rhythmus; seine Kiemen flatterten vor Anstrengung zwischen seinen Rippen, seine Brust brannte. Er konnte nicht mehr, jeder Muskel seines Körpers schrie vor Erschöpfung. Er hatte nicht einmal mehr genug Kraft, um nach Hilfe zu rufen.

Doch er durfte nicht aufgeben, er konnte nicht! Wenn er jetzt der Schwäche nachgab, würde er sterben. Wo waren die anderen? Wo waren die Jäger, die ihn beschützen konnten? Kiwan wusste nicht einmal, wo er war. Er hatte am Rande des Dorfes direkt hinter den Klippen des Meeresberges mit seinen Freunden gespielt, als plötzlich der Drache aus dem graugrünen Wasser herangekommen war, schnell und tödlich. Sie waren auseinander gestoben, jeder in eine andere Richtung, und jetzt war er allein.

Wieder wendete Kiwan scharf, schwamm dieses Mal direkt unter dem Drachen entlang, direkt an seinem weißen Bauch. Wenn er jetzt eine Harpune hätte! Doch er hatte nicht einmal ein Messer. Die Flossen des Ungetüms veränderten ihren Winkel, ruderten, als sich das Biest mühte, so schnell wie möglich zu wenden. Das war das einzige, was Kiwan noch am Leben hielt – er war wendiger. Doch wie lange konnte er das durchhalten? Keineswegs ewig, das war ihm nur zu deutlich klar.

Er raste der Oberfläche entgegen, durchbrach einen Wellenkamm und wurde in die Luft geschleudert. Beißender Schmerz erfasste seine Kiemen, eisiger Wind brannte in seinen Augen und machte ihn blind. Kiwan prallte auf die Wasseroberfläche zurück, eine weitere gigantische Welle drückte ihn nach unten; er wurde herumgewirbelt und kämpfte um seine Orientierung. Oben herrschte Sturm.

Wild sah er sich um; er schluchzte vor Angst. Nur wenig entfernt entdeckte er den Drachen, sein dunkelgrauer, massiger Körper, der fast die Größe eines Grindwales hatte, und der kurze, dicke Schwanz folgten den Bewegungen der vier Flossen. Er wandte den keilförmigen Kopf gierig auf seinem langen Hals in alle Richtungen, um sein Opfer wieder zu erspähen.

Kiwan erkannte seine Chance. Doch wohin sich wenden? Er wusste nicht, wo er sich befand. Zum Grund hinab, in der Hoffnung auf einen Kelpwald, in dem er verschwinden konnte? Zur Küste hin, wo es vielleicht Höhlen gab? Aber wo war die Küste? Um ihn her war nur das grüngraue Wasser des Meeres.

Er hatte zu lange überlegt. Böse schwarze Augen starrten Kiwan an. Der Meerjunge keuchte entsetzt und schoss in die nächste Welle empor. Dieses Mal folgte ihm der Drache. Im Brüllen des Windes hörte Kiwan das Zuschnappen der mächtigen Kiefer, doch sie verfehlten ihn.

Kiwan folgte dem Sog der Welle, um Geschwindigkeit zu bekommen. In dem Moment sah er sie – die gefährlichen und doch vielleicht rettenden Felsen der Küste. Wenn er nur eine Höhle finden konnte! Wenn er nur nicht von den Wellen an den scharfkantigen Felsen zermalmt werden würde... Der Drache glitt auf ihn zu, und Kiwan sprang erneut.

Etwas Dunkles raste auf ihn zu, die Welle unter ihm zerbarst in glitzernde, weiße Blasen. Da war kein Wasser! Kiwan schrie; seine Stimme hallte seltsam verzerrt in seinen Ohren – um ihn war nur Luft. Dann prallte er so hart auf, dass ihm schwindlig wurde. Scharfer Schmerz durchfuhr ihn; es war, als würden sich Zähne in sein Fleisch graben.

Er hatte die Küste gefunden, doch er war an Land.

Panik überrollte ihn, als das Wasser aus seinen Kiemen sickerte. Der Atem ging ihm aus, seine Brust wurde zusammengedrückt. Er musste ins Wasser zurück, auch wenn da der Drache wartete! Hier würde er ersticken! Schmerz hämmerte in seinem Kopf, sein Körper war unendlich schwer ohne das tragende Wasser. Eine Welle brüllte auf, lindernde Tropfen besprengten Kiwan, doch der harte Wind brannte sich weiter in ihn. Kiwan versuchte, sich in Richtung der See zu schieben, Schmerz durchflutete ihn und wurde schlimmer. Jede Kraft verließ seine Glieder, seine Kiemen flimmerten, dann wurde es dunkel um ihn.

*

Timon liebte das Meer. Für einen achtjährigen Jungen aus der Stadt gab es unglaublich viel zu entdecken. An schönen Tagen konnte man am Sandstrand vor dem Campingplatz Burgen bauen und sie mit Muscheln verzieren. Man konnte mit seinen Eltern im Wasser herumtoben. Man konnte tauchen und mit der Taucherbrille die faszinierendsten Dinge entdecken, lebende Muscheln, Seesterne, Seeigel und manchmal sogar kleine graue Fische.

Wenn sich das Meer zurückzog und das Watt freigab, konnte man den stinkenden, tollen Schlamm zwischen den Zehen quietschen lassen. Man konnte Schwertmuscheln sammeln, wenn man etwas Salz auf ihre Löcher streute, und wenn sie einen Wasserstrahl ausstießen, konnte man rasch danach graben und sie einsammeln. Mutter konnte sie mit einer leckeren Soße kochen – aber nur die selbstgesammelten schmeckten Timon.

Aber auch stürmische Tage waren herrlich. Der Wind blies einem die Gischt ins Gesicht, man konnte die gewaltigen Wellen beobachten, wie sie heranrollten und sich brachen. Und noch viel besser konnte man das, wenn man sich verbotenerweise vom Campingplatz entfernt hatte und sie von den Klippen aus betrachtete. Die Klippen waren nicht besonders hoch, doch Mütter hatten eine Art, alles gefährlicher zu machen, als es tatsächlich war, und deswegen war es besser, sie erfuhr nichts davon, dass er jetzt zwischen den schroffen Steinen herumkletterte.

Eine Welle brach sich unter ihm und hüllte ihn feine Tröpfchen. Timon lachte und schmeckte Salz auf seinen Lippen. Den dünnen Henkel seines Eimers fest umfasst stieg er vorsichtig tiefer, auf einen Ausläufer zu, der weiter ins Meer ragte als der Rest der Felsen. Dort gab es faszinierende Tümpel, die auch bei Ebbe noch mit Meerwasser gefüllt waren, so dass man dort immer Krabben, Muscheln und manchmal Fische fand. Sogar eine kleine Qualle hatte Timon dort einmal beobachtet. Wenn sie am Strand angespült wurden, waren sie nur noch eine quabbelige, eklige Masse, doch im Wasser fand Timon sie wunderschön.

Er wollte Krebse sammeln und Muscheln. Sein Vater hatte ein Buch, in dem sie alle abgebildet waren, und dort wollte er sie finden, ehe er sie zurück ins Meer warf. So etwas machte ihm Spaß, zu wissen, wo welche Tiere lebten, sie zu finden und zu beobachten. Das war sogar besser als Fernsehen, wenn auch vielleicht nicht besser als Playstation spielen und Eiscreme zusammen genommen.

Timon erreichte den Felsen und lief auf den Tümpel zu, den er erst vor ein paar Tagen entdeckt hatte. In dem Moment sah er es. Ein großer Fisch schoss aus einer Welle empor, nicht weit von ihm entfernt. Mit offenem Mund starrte Timon auf die Stelle, an der das Tier aufspritzend ins Wasser zurückgefallen war. War das ein Thunfisch gewesen? Oder ein Hai? So große Fische hatte er nur in dem Aquarium gesehen, das sie zu Beginn der Ferien besucht hatten. Aber er war zu schlank dafür, zu... seltsam. Fast wie ein Junge, doch das konnte nicht sein.

Dann sah er den Fisch erneut aus den Wellen tauchen – und er hörte ihn schreien. Es war ein Schrei, wie Timon ihn noch nie zuvor im Leben gehört hatte, gellend und hoch. Er ließ ihn zusammenzucken und jagte ihm eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Gleich darauf wusste er, warum der Fisch schrie. Ein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche, der so groß wie sein halber Körper war und auf einem langen Hals saß. Er war oben grau, unten weiß und hatte ein riesiges Maul voll spitzer Zähne. Timon schrie vor Schreck mit dem Fisch.

Dann war auch der Kopf wieder verschwunden. Nur Timons klopfendes Herz erzählte davon, dass er etwas gesehen hatte. Aber es gab keine Monster, das sagten die Eltern immer, nicht wahr?

Doch noch bevor er sich davon überzeugt hatte, schoss der Fisch direkt vor ihm aus den Wellen. Sein Schwung trug ihn nach vorne, auf Timon zu, und unwillkürlich taumelte er zurück. Es war kein Fisch. Er hatte zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf. Ein kleiner Mund öffnete sich, und wieder ertönte der hohe Schrei. Entsetzen verzerrte das fremde Gesicht, dann schlug der Fischjunge vor ihm auf den Stein.

Hinter ihm tauchte der riesige Kopf auf, mit weit aufgerissenem Rachen voller spitzer, langer Zähne, direkt vor Timon, als wäre er dem Jungen im Schwung gefolgt. Der Hals wurde länger, dann erschien ein Körper mit zwei langen Flossen. Als der Schwung erlosch, glitt das Monster zurück ins Wasser. Wellen spritzten unter dem massigen Körper auf und rollten über den Felsen, umspülten Timons Füße in den Sandalen.

Timon wollte davon laufen, sein Herz raste, seine Hände klammerten sich um den Griff seines Eimers. Ganz egal, was die Eltern sagten, ein Tier, das wie ein Drache aussah, war ein Monster!

Doch als er sich umwandte, sah er direkt vor sich den Fischjungen. Er zappelte schwach, wand sich. Kiemenschlitze an seinen Seiten öffneten und schlossen sich. Seine schlanken Finger suchten nach Halt, als er sich zum Wasser hin zu ziehen versuchte. Er erinnerte Timon an die Eimer voller Fische, die Händler früh morgens auf den Markt getragen hatten. Und mit einem Mal war ihm klar, dass genau das gleiche mit dem Jungen passieren würde. Er würde ersticken. Seine Bewegungen waren jetzt schon so schwach!

Timon hockte bei ihm nieder, wollte ihn zum Wasser schieben, aber dort wartete das Monster. Es würde den Jungen verschlingen, noch bevor er wieder zu Atem gekommen war, vielleicht sogar, bevor er aufgewacht war. Aber es gab noch eine Möglichkeit.

Timon schwitzte und keuchte, als er den schmalen Körper endlich in den Seewassertümpel gleiten lassen konnte. Der Junge war kleiner als er, aber nicht viel. Er hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend war, jemanden halb zu ziehen, halb zu tragen. Im Fernsehen sah das immer so einfach aus.

Schwer atmend setzte er sich an den Rand des kleinen Tümpels und sah den Jungen zum ersten Mal richtig an. Seine einzige Bekleidung war eine Art seltsam gedrehter Unterhose aus grünlichem Stoff und eine Kette um den Hals, so dass Timon ihn in seiner ganzen Fremdartigkeit betrachten konnte.

Die Haut des Jungen schillerte grün-blau von Kopf bis Fuß, Schuppen hatte er keine. Statt Haaren wehten Bänder auf seinem Kopf, ein wenig wie Dreadlocks, nur weicher – fast, als würde Tang dort wachsen. Seine Ohren sahen aus wie die Zierflossen bei manchen exotischen Fischen, kleinen Fächern gleich. Obwohl er eine kleine Nase hatte und sich sein Brustkorb beim Atmen hob und senkte, wiesen seine Seiten Kiemen auf, die sich nun wieder zaghaft bewegten. Außer den Schwimmhäuten zwischen den Fingern und den viel zu lang erscheinenden Zehen hatte er eine gezackte Rückenflosse.

Ansonsten war er ein Junge wie Timon. Mit zwei Beinen, zwei Armen, einem Körper und einem Kopf. Mit einem Mund, einer Nase und... Die Lider flatterten, flogen auf und große blaugrüne Augen starrten Timon an.

Zuerst glaubte Kiwan zu träumen, als er den fremdartigen Jungen über sich sah – oberhalb der Oberfläche, ein wenig verzerrt durch kleine Wellen. Er hatte einfarbig helle Haut und braune Augen; auf seinem Kopf wuchsen feine, kurze, braune Seegräser, die vom Wind verwirbelt wurden. Auch seine bunte Oberbekleidung wehte ihm Wind, es war eine ganz andere Bewegung als die, die Strömung hervorrief. Schneller irgendwie, hastiger.

Der Junge lachte und winkte. Schüchtern winkte Kiwan zurück. Die Bewegung ließ seine Schultern schmerzen und richtete seine Aufmerksamkeit auf mehr Schmerz. Sein Rücken brannte, seine Kiemen stachen, seiner Brust fiel das Atmen schwer. Mit einem Aufschrei schreckte er hoch und sah sich panisch um, doch von dem Drachen war keine Spur zu sehen. Wie auch, Kiwan befand sich in einer kleinen Senke, in die der Drache nicht einmal zusammengerollt gepasst hätte. Aber es gab auch keinen Ausweg. Erschrocken drehte er sich wieder der Oberfläche und dem Jungen zu. Er war gefangen.

Hastig winkte Timon ab, als er Furcht in dem Gesicht des Fischjungen sah. "Hier kann dich das Monster nicht erreichen", erklärte er und versuchte, seine Worte durch Gesten deutlich zu machen. Bestimmte konnte ein Fischjunge nicht seine Sprache sprechen. "Und nachher kommt die Flut. Sie überspült das alles hier, dann kannst du davonschwimmen. Bis dahin ist das Monster hoffentlich weg."

Aufatmend ließ Kiwan sich zurücksinken. Die Gesten des Jungen waren deutlich. Er war nicht gefangen, er war in Sicherheit. "Du warst das, nicht wahr? Du hast mich gefunden und hierher gebracht."

Timon nickte. "Ich heiße Timon. Und du?"

Der Name klang wie der Schrei einer Seemöwe. Kiwan lachte, und er lachte noch viel mehr, als er versuchte, ihn nachzumachen. Der Junge lachte auch. Noch einmal sagte er seinen Namen, langsam und deutlich. Jetzt klang es wie der klagende Schrei eines fremdartigen Vogels. Wieder versuchte Kiwan, den Laut nachzuahmen, und wieder mussten sie lachen. Schließlich steckte der Junge sein Gesicht ins Wasser.

"Timon", sagte er. Es war schwer, das Wort zwischen den ganzen Blasen und dem Blubbern zu verstehen, aber wenigstens klang es nicht mehr nach einem Tierlaut. Dafür konnte Kiwan sehen, wie fein das Seegras auf seinem Kopf tatsächlich war. Es war dünner als die Fäden, die Muscheln machten, um sich an Felsen zu heften. Staunend streckte er die Hand aus, um es anzufassen. Es fühlte sich weich an.

Timon grinste und zog den Kopf zurück, weil ihm die Luft ausging. Unter Wasser sprechen ging nicht gut. Auffordernd wies er auf den Fischjungen. "Und du?"

Der leise Laut aus dem Becken klang wie etwas, das Timon in dem Aquarium gehört hatte. Wie Walgesang, nur kürzer und und nicht so tief. Er versuchte gar nicht erst, ihn nachzumachen, sondern steckte den Kopf gleich wieder ins Wasser, bis seine Ohren bedeckt waren. Dieses Mal hörte er auch ein leises Klacken und eine Art Nachhall am Ende.

"Ki-uann", ahmte er nach; der Fischjunge grinste, dann kicherte er, und Timon lachte. Rasch zog er den Kopf zurück, um sich nicht am Meerwasser zu verschlucken.

Eine Weile vergnügten sie sich damit, gegenseitig ihre Namen zu sagen und sie richtig auszusprechen. Es machte Timon atemlos, da er immer wieder den Kopf unter Wasser steckte. Genauso lustig war es, wenn Kiwan den Kopf aus dem Wasser steckte. Aus seinem Mund plätscherte es, wenn er sprach und spritzte Timon zusätzlich nass. Nicht, dass noch viel trocken an ihm gewesen wäre.

Dann musterten sie neugierig die Hände und Füße des jeweils anderen, einer mit und einer ohne Schwimmhäute. Kiwan fand Timons Zehen unglaublich kurz, während Timon Kiwans Zehen als absonderlich lang empfand. Kiwan konnte seine Rückenflosse aufstellen, und Timon hob sein T-Shirt hoch, um ihm zu zeigen, dass er gar keine Flossen hatte.

Über Spiele mit Steinen und Muscheln, für die man keine Sprache brauchte, vergaßen sie die Zeit, bis die Wellen höher schlugen, Timons Füße umspülten und den kleinen Tümpel überfluteten. Kiwan atmete auf; er hatte gar nicht gemerkt, wie schwer ihm das Atmen gefallen war, bis frisches Wasser zu ihm strömte. Doch Timon sah sich erschrocken um. Sein neuer Freund konnte nicht im Wasser atmen, er musste sehen, dass er wegkam.

Sie sahen sich an, und beide wussten, dass sie sich nicht wieder treffen würden. Timon konnte nicht zu Kiwan kommen, und Kiwan würde sich mit dem Drachen nicht mehr in die Nähe der Küste wagen.

"Aber du bist mein Freund!", sagte er entschlossen. "Wo immer du auch bist. Du hast mich gerettet." Rasch löste er den Verschluss seiner Kette und hielt sie aus dem Wasser und Timon hin. Es war ein Schutzamulett; vielleicht brachte es seinem Freund mehr Glück als ihm. Andererseits – der Drache hatte ihn nicht erwischt, und er hatte Timon kennengelernt. "Damit du dich an mich erinnerst."

Überrascht erwiderte Timon den Blick, dann lächelte er erfreut und nahm die Kette an. An einer Kordel aus etwas, das wie geflochtener Tang aussah, hing ein Schneckenhaus. Es war fein geschliffen und durchbrochen, so dass nur noch feine Verstrebungen wie ein Gespinst übrig geblieben waren. In der Mitte, von diesem Gespinst umhüllt, befand sich eine Perle.

Stolz legte er die Kette um, wollte Kiwan auch etwas geben, doch so etwas Feines hatte er nicht. Hoffnungsvoll kramte er in seinen Taschen und fand außer einem etwas klebrigen Bonbon und mehreren Muscheln das kleine Gummikrokodil, dass zu seiner Australien-Tiersammlung gehörte. Es war nicht toll, aber es war das beste, was er hatte. Hoffnungsfroh hielt er es Kiwan hin.

Kiwans Augen weiteten sich, als er das Tier betrachtete. Es war herrlich gearbeitet und so geschickt eingefärbt, dass es fast lebendig wirkte. Zudem war es weich und biegsam, nicht einfach eine geschnitzte Figur aus Walknochen oder Stein. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Bestimmt war es magisch und ein mächtiger Schutz! Ehrfürchtig drückte er es mit beiden Händen gegen die Brust.

"Ich passe gut darauf auf!", versprach er ernst. "Damit komme ich bestimmt sicher nach Hause."

Wieder spülte eine Welle in seinen Tümpel. Sie winkten noch einmal, dann ergriff Timon hastig seinen Eimer und lief zu den hinteren Felsen. Das Wasser stand hier beinahe schon kniehoch; es wurde höchste Zeit. Eilig begann er, nach oben zu klettern.

Oberhalb der Wasserlinie hielt er inne und drehte sich um. Jetzt stand schon die ganze Felszunge unter Wasser, doch noch immer konnte er seinen Freund in dem Loch sehen. Das Wasser stieg weiter. Ein schlanker Arm durchstieß die Oberfläche, eine mit Schwimmhäuten versehene Hand winkte ihm zu, dann schob sich die schmale Gestalt vorsichtig zwischen zwei Wellen über den Felsen und ins freie Wasser. Nur einen Augenblick später war sie verschwunden.

Timon starrte noch eine ganze Weile auf das Meer, voller Sorge, dass das Monster wiederkommen würde, doch dieses Mal sah er weder den unheimlichen Kopf, noch seinen neuen Freund. Er konnte nur hoffen, dass Kiwan sicher nach Hause kam.

Nach Hause! Erschrocken starrte er auf die Uhr an seinem Handgelenk. Es war nach sechs. Weit nach sechs. Oh-oh, die Eltern würden so böse sein... oder sich ganz schrecklich Sorgen machen. Hastig kletterte Timon bis nach oben und rannte zum Zeltplatz zurück.

*

Trotz des Schutzzaubers, den er fest gegen die Brust gedrückt hielt, hatte Kiwan schreckliche Angst. Er glitt dicht über den Boden dahin, um möglichst nicht gesehen zu werden, denn auf der weiten Sandfläche gab es keine Deckung. Wieder und wieder drehte er sich um sich selbst, spähte nach vorne, nach hinten, zu den Seiten und nach oben, um jede Gefahr zu entdecken. Niemals war er ohne Begleitung so weit vom Dorf entfernt gewesen, niemals ohne den Schutz von Jägern oder seinen Eltern. Früher hatte er das oft blöd gefunden, jetzt hätte er alles gegeben, wenn auch nur einer von ihnen da gewesen wäre.

Er biss die Zähne zusammen und drehte sich erneut um sich selbst. Da! War das die Silhouette eines Hais in den grünblauen Weiten? Kiwan erstarrte, doch der Schatten erwies sich nur einen Atemzug später als eine Ansammlung von Quallen. Und dort, hinter den Sandhügeln, lauerte dort ein Wasserskorpion in den Schatten? Er lenkte vorsichtig zur Seite und hielt erneut inne, am ganzen Körper bebend. Wohin schwamm er überhaupt? In welche Richtung musste er? Wo war das Dorf?

Dann hörte er die Stimmen, den rufenden Gesang. Vor Erleichterung schluchzte er auf und hielt genau darauf zu. Mit zitternder Stimme antwortete er, und bald kamen sie in Sicht. Ganz vorne an der Spitze einer Gruppe von mit Harpunen und Messern bewaffneten Jägern schwamm sein Vater, groß und stark und Sicherheit verheißend.

"Kiwan!"

"Papa! Oh, Papa!" Kiwan schwamm, so schnell er konnte, und sein Vater kam ihm genauso schnell entgegen. Nur Momente später umfingen ihn starke Arme und zogen ihn in eine schützende, feste Umarmung.


© by Pandorah