Meerschaum

2.

"Ich halt's nicht mehr aus in der Bude! Die Heizungsluft macht mich wahnsinnig!" Clarissa schlug mit lautem Knall das Buch in der Mitte des Küchentisches zu, was Timon und Peter zusammenzucken ließ. "Lasst uns rausgehen. Ein Vanille-Cappuccino von Alfredo und dann ein paar Schritte am Ufer entlang, was haltet ihr davon?"

"Der innovativste Vorschlag, seitdem wir angefangen haben." Timon grinste erleichtert und streckte seinen schlaksigen Glieder. Seit dem Morgen saßen sie zu dritt an dem Referat für den Kurs in Organischer Chemie. Es war ohnehin das Fach seines Studiums, das Timon am wenigsten mochte, und dazu kam, dass der Professor sterbenslangweilig war. Genauso trocken wie er waren auch die Themen aufzuarbeiten, die er vergeben hatte. "Ich bin dafür."

"Ich auch", brummte Peter. Er rieb sich den steifen Nacken und stand auf. "Lassen wir den Kram gerade liegen, Flo kommt ohnehin erst morgen wieder. Dann können wir nachher einfach dort weitermachen, wo wir aufgehört haben."

Nachdem sie sich dem eiskalten Januar-Wetter gemäß ordentlich in dicke Winterjacken, Schal und Handschuhe gemummelt hatten, verließen sie die große WG-Wohnung. Die Luft war klar und kalt; ein blassblauer Himmel spannte sich über die Stadt, von dem die Sonne kühles Licht schickte. Es roch nach Schnee, doch den Winter über hatte es bisher genau an zwei Tagen geschneit, und liegen geblieben war nichts. Timon atmete tief durch. Es tat gut, den Kopf durchzulüften.

Sie nahmen den Weg durch die Altstadt mit ihren schmalen Straßen und noch schmaleren Gassen, vorbei an winzigen Fischerhäusern, in denen mittlerweile nicht mehr arme Fischer wohnten, sondern hauptsächlich teure Nobelgeschäfte und schicke Cafés untergebracht waren. Alfredo lag abseits in einer Seitenstraße und hatte deswegen moderate Preise, die man sich auch als Student gut leisten konnte. Sie holten sich Cappuccino to go, der große Becher für 2,50, dann schlenderten sie zum Ufer hinunter.

Sie waren nicht die einzigen, die sich bei dem schönen Wetter hier eingefunden hatten. Die niedrige Mauer, die die Promenade zum Fluss hin abschloss, diente vielen Leuten als Bank. Offensichtlich waren davon auch beinahe ebenso viele bei Alfredo gewesen, denn die charakteristischen braun-braunen Pappbecher füllten die Papierkörbe. Auf der gegenüberliegenden Flussseite hoben sich rote Backsteinhäuser und eine ebenso rote Kirche malerisch gegen den blauen Himmel ab.

"Ich liebe diese Stadt!" Clarissa lachte fröhlich und drehte sich einmal um sich selbst; ihr blondes Haar flog auf.
Timon verdrehte mit einem Grinsen die Augen, als er Peters verschleierten Blick bemerkte. Sein Freund liebte ganz offensichtlich auch etwas hier, allerdings nicht unbedingt die Stadt. Eine Möwe stieß ihren krächzenden Schrei aus, und Timon legte den Kopf in den Nacken, um ihren eleganten Flug zu beobachten. Das war etwas, das wiederum er an der Stadt liebte, in die es ihn wegen des Studiums verschlagen hatte – die Nähe zum Meer, die vielen Möwen. Es erinnerte ihn an den einen Nachmittag in der Bretagne vor mittlerweile über dreizehn Jahren, an dem er Kiwan kennengelernt hatte.

Nachdenklich setzte sich Timon auf die niedrige Mauer und sah auf den trägen, dunkelgrünen Strom hinab, der sich gemächlich gute zehn Meter unter ihm dahinschob. Ohne es wirklich zu merken, tastete er unter dem Schal nach der Kette um seinen Hals. Noch immer trug er sie als Glücksbringer; mittlerweile war sie so vertraut, dass er sich ohne sie nackt fühlte. Und hätte es sie nicht gegeben, hätte er sowohl Kiwan wie auch das zahnbewehrte Monster für die überschäumende Phantasie des kleinen Jungen gehalten, der er damals gewesen war.

Er lächelte schmal. So unglaublich dieses Erlebnis auch gewesen war, hatte es doch eine einschneidende Wirkung gehabt. In dem Urlaub damals hatte Timon sich nicht mehr ins Meer getraut, und noch immer mochte er Wasser nicht, in dem er nichts sehen konnte. Der mächtige Schädel mit den gefährlichen Zähnen hatte sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Seine späteren Nachforschungen hatten ergeben, dass das Ungetüm eine vage Ähnlichkeit mit dem Pliosaurier Simolestes aufwies, und der war vor mindestens 65 Millionen Jahren ausgestorben. Das half leider nicht, um ihn zu beruhigen. Das Urviech hatte sehr lebendig gewirkt.

"Timon, hör auf, über das Referat zu grübeln", befahl Clarissa und riss ihn aus seinen Gedanken.

Überrascht sah er auf. "Tu ich gar nicht!"

"Warum schaust du dann so grimmig?" Mit schief gelegtem Kopf stemmte sie die Hände in die Hüfte und sah auf ihn hinab.

"Tu ich auch nicht." Timon gab sich alle Mühe, distinguiert zu wirken und sich nicht anmerken zu lassen, dass er Peter sah, der sich hinter Clarissa anpirschte, ganz offensichtlich, um sie zu erschrecken. Verliebt sein machte eindeutig albern.

Blitzschnell schob Peter die Hände unter den Bund von Clarissas kurzer Winterjacke und kitzelte sie. Clarissa quiekte erschrocken auf und machte einen Satz nach vorne, während sie sich gleichzeitig umzudrehen versuchte. Sie stolperte über ihre Füße und stürzte. Timon sprang auf und griff nach ihr, um sie abzufangen. Sie fiel gegen ihn, er taumelte zurück und gegen die niedrige Mauer. Der Schwung zog ihm die Beine weg. Haltsuchend griff er um sich und fand nur Leere.

Er hörte Peter erschrocken fluchen, dann wurde Clarissa weggezogen, als jemand sie zurückriss. Ihre Hände krallten sich in Timons Jacke, versuchten ihn mitzuziehen. Für einen Herzschlag schien Timon in der Luft zu hängen. Er wollte sich an ihr festhalten, doch die Bewegung, mit der er ihr die Arme entgegenstreckte, war zu viel. Er sah ihr entsetztes Gesicht, dann entglitt der dicke Stoff ihren Fingern. Sie schrie, und er fiel endgültig.

Der Aufprall fühlte sich nicht so an, als hätte Wasser eine geringere Dichte als Fels. Es schmerzte und presste ihm die Luft aus den Lungen. Dann schlugen eisige Wellen über ihm zusammen und hüllten ihn ein.

Der Schock ließ ihn nach Luft schnappen. Brennende Kälte strömte in seinen Lungen. Timon riss die Hand vor den Mund, um sich daran zu hindern, Wasser einzuatmen. Er musste schwimmen, er musste nach oben, an die Luft! Grünes Zwielicht umgab ihn, und er strampelte, um die Oberfläche zu erreichen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wo sie war. Das Zwielicht wurde trüber, und ihm wurde klar, dass seine dicke Kleidung ihn nach unten zog.

Panik wallte in ihm auf. Sein Herz raste, blind starrte er um sich, strampelte nur noch heftiger, ruderte mit den Armen. Er brauchte Luft, er musste atmen! Seine Brust wurde eng, das Blut rauschte schmerzhaft laut in seinen Ohren. Mit einem Ruck erreichte er den Grund des Flusses.

Schwere füllte Timons Glieder; verzweifelt kämpfte er dagegen an, versuchte sich mit aller Kraft vom weichen Boden abzustoßen. Er trieb ein winziges Stück hoch, die Strömung nahm ihn mit, dann fiel er wieder zurück. Für einen zweiten Stoß fehlte ihm die Kraft. Seine Lunge schrie nach Luft; fahrig tastete er erneut nach seinem Gesicht, um sich am Atmen zu hindern, während bunte Lichter vor seinen Augen zu explodieren schienen und Stiche durch seinen Körper sandten.

Timon gab auf, gab dem unbändigen Drang zu atmen nach.

Kälte füllte seine Brust, und mit ihr kam das Leben. Erschöpft lag er auf dem Flussgrund, hustete Schlamm aus, sog gierig einen weiteren Atemzug ein und hustete erneut. Es fühlte sich an wie nasser Staub in der Lunge und schmeckte leicht nach Algen und muffigem Diesel. Mühsam und zitternd richtete er sich auf, weiter oben war das Wasser klarer und ließ ihn freier atmen. Eine Weile saß er einfach nur keuchend da.

'Ich bin ertrunken.' Es war sein erster Gedanke, und er sah nach unten, um seinen toten Körper zu suchen. Doch es gab keine Leiche. 'Das kann nicht sein. Ich kann hier nicht sitzen und atmen. Ich bin unter Wasser!'

Und das Wasser war verdammt kalt. Er mochte vielleicht noch nicht ertrunken sein, aber wenn er sich nicht bald aufraffte, dann würde er gemütlich erfrieren. Die Strömung zog an ihm, als er sich aufraffte, um wenn auch nicht zum Ufer zu schwimmen, es doch mit einer Mischung aus Hüpfen, Schwimmen und Gehen zu erreichen. Seine vollgesogene Kleidung war schwer, doch sie bot auch Schutz vor Kälte, also ließ er nicht einmal die dicke Jacke zurück.

Blinzelnd sah er sich um, in der Hoffnung, sich orientieren zu können. Es überraschte ihn, wie viel er in dem grünbraunen Zwielicht sah, nachdem sich seine Augen daran gewöhnt hatten. Jede Bewegung wirbelte Schlamm von dem ebenen Boden auf, in dem sich einige spärliche Wasserpflanzen festgesetzt hatten; rechter Hand konnte er den Abhang erahnen, den er hinabgestürzt war. Hier kam er nicht hoch, doch flussab gab es nicht weit entfernt eine niedrigere Böschung. Er hoffte, dort über die aufgeschütteten Steine, die das Flussbett begrenzten, an Land zu kommen.

Als er ein paar Schritte mit der Strömung gegangen war, fielen ihm die Geräusche auf. Der Fluss war alles andere als still. Dumpfes Dröhnen füllte das Wasser, vielleicht von einem Frachter. Darunter lag ein härteres Tuckern, das näher kam und sich dann auch wieder entfernte. Ein Sportboot? Knirschen gesellte sich dazu, Gluckern und ab und an ein fernes Kreischen, das an eine Kreissäge erinnerte.

Aus den Augenwinkeln entdeckte Timon einen langgestreckten Schatten, der auf ihn zutrieb. Erschrocken fuhr er herum, verlor das Gleichgewicht und sank rückwärts zu Boden, während die Strömung ihn mit sich nahm. Es war nicht Simolestes, dazu war die Silhouette zu klein, zu schlank, obwohl sie fast so lang wie Timon war. Es war ein Hecht, und er drehte ab, als Timon sich wieder auf die Beine kämpfte.

Doch der Schreck saß tief, tiefer noch als die Kälte, die langsam aber sicher in seine Knochen kroch. Timon hastete den Fluss hinab, als würde Simolestes ihn tatsächlich verfolgen. Immer wieder schaute er sich wild um und verzweifelte beinahe an dem grünen Zwielicht, das kaum Orientierung zuließ.

Die ersten schwarzen Steine erschienen ihm wie ein Geschenk, und er kletterte und schwamm sie empor, so schnell es ging. Er riss sich die Hände blutig in seiner Eile, spürte kaum, wenn er gegen scharfe Kanten stieß. Das Zwielicht wurde heller, er konnte die Oberfläche lockend und glitzernd erkennen und durchbrach sie.

Timon spuckte eine unglaubliche Menge Wasser aus, dann holte er rasselnd Luft. Keuchend schleppte er sich höher, seine Kleidung zerrte schwer an ihm. Er zitterte so stark, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, aber er war sich nicht sicher, ob es wirklich allein von der Kälte kam. Alle Kraft schien ihm abhanden zu kommen.

Unvermittelt hüllten ihn aufgeregte Rufe ein, jemand schlitterte die Schüttsteine zu ihm hinab. Helfende Hände reckten sich ihm entgegen, er wurde den Abhang nach oben geschoben und gezogen.

"Er muss aus den nassen Sachen raus!", erscholl eine energische Stimme.

"Ich rufe einen Krankenwagen." Eine weitere Stimme.

"Nein, keinen Krankenwagen", brachte Timon krächzend hervor und blinzelte im Sonnenlicht. Jetzt erschien ihm die Luft eisiger als das Wasser. "Mir geht’s gut. Mir ist nur kalt."

"Timon! Oh mein Gott, Timon!" Diese Stimme kannte er, und nur einen Moment später drängten sich Clarissa und Peter durch die Menschen, die ihn umringten. Clarissa war noch blasser als gewöhnlich und Peter regelrecht grau im Gesicht.

"Mir geht’s gut", versicherte er erneut und klang schon besser, auch wenn sein Zähneklappern die Worte undeutlich machte.

"Du musst sofort ins Warme." Peter packte ihn ohne Umschweife und zog ihn mit sich, ihn halb stützend, halb ziehend und den Leuten um sie herum irgendwie begreiflich machend, dass er sich um Timon kümmern würde und dass es nichts mehr zu sehen gab. Er steuerte das nächste Café an, während Clarissa voraus rannte.

Offensichtlich hatte sie mit jemandem gesprochen, denn kaum betraten sie die warme Gaststube, wurden sie auch schon an gaffenden Gästen vorbei von einem Kellner in einen Raum weiter hinten geführt. Ein Pausenraum vermutlich, mit einem alten Sofa und drei Stühlen, einer Küchenzeile und zwei abgeschabten Tischchen. Peter half Timon, die nassen Sachen vom Leib zu zerren, während Clarissa draußen wartete und der Kellner Handtücher und Decken brachte.

"Soll ich den Notarzt rufen?", fragte er und füllte einen Wasserkocher.

"Nein", wehrte Timon zähneklappernd ab, auch wenn er so stark bebte, dass er kaum stehen konnte. So lange er fror und zitterte, war alles in Ordnung. Peter rieb ihn grob mit einem Handtuch ab, dann hüllte er ihn eine Decke, drängte ihn auf das Sofa und stapelte mehr Decken über ihn.

Das Wasser kochte; der Kellner goss Tee in einer Glaskanne auf und stellte sie samt Tassen und einer abgeschabten Zuckerdose auf den Tisch beim Sofa. "Ich muss wieder raus, Sabby ist sonst allein da. Falls ihr doch noch 'nen Arzt braucht, sagt Bescheid."

"Danke." Peter nickte; er sah aus, als wollte er am liebsten gleich von dem Angebot Gebrauch machen. Stattdessen füllte er vier gehäufte Löffel Zucker in einen der Becher, zögerte, gab einen fünften hinzu und goss Tee darüber, der unmöglich schon fertig gezogen haben konnte, aber bereits dunkelrot war. Früchtetee vermutlich.

"Trink", sagte er rau und hielt Timon die Tasse hin.

Timon schob die Hände aus den Stofffalten. Es war schwer, die Tasse zu halten, ohne zu kleckern, aber er hieß die brennende Hitze willkommen, die sie in seine Finger schickte. "Danke."

"Es tut mir leid. Ich wollte das nicht. Ich hab nicht gedacht, dass Clarissa... dass sie... dass du..." Peter rang nach Worten und verstummte dann doch.

Timon nickte und trank einen vorsichtigen Schluck. Es schmeckte nach heißem, süßem Wasser mit einer Andeutung von Hagebutte. "Ich weiß. Das war ein Unfall, ist schon in Ordnung." Er grinste schwach, zufrieden mit der Wärme, die sich anschlich. Im Moment war es nur die Erkenntnis, dass es sie gab, doch sie wurde langsam realer und fühlbar. Noch war er nicht bereit, sich damit zu befassen, was im Fluss geschehen war, da war Peters Unbehagen etwas Greifbareres, an das er sich halten konnte. "Beim nächsten Mal kitzelst du sie bitte nur, wenn sie weiter als einen Meter von mir entfernt steht, okay?"

"Versprochen." Auch Peter grinste, es war noch ein wenig schief, aber erkennbar.

Es klopfte, dann kam Clarissa in den Raum, ohne auf Antwort zu warten. Sie eilte zu Timon und hockte vor ihm nieder, die kleinen Hände auf seine Knie unter den Decken gestützt. "Oh Gott, Timon, es tut mir so leid! Wie geht es dir? Ich wollte das nicht, ich wollte dich nicht loslassen! Bist du dir sicher, dass du keinen Arzt..."

"Ja, bin ich", unterbrach Timon sie und lächelte. "Ich bin müde, ich friere, aber das wird sich bald geben." Er löste eine Hand von dem Becher und legte sie kurz über ihre, um sie zu drücken, denn seine Aussage schien sie nicht zu beruhigen. "Wirklich, mir geht es gut."

"Du warst eine halbe Ewigkeit in dem Eiswasser", antwortete sie leise und schauderte. "Ich hab gedacht, du bist..."

Er drückte ihre Hand erneut, ehe er einen weiteren, vorsichtigen Schluck nahm. Seine kalten Finger schienen genug Wärme aus der Tasse gesaugt zu haben, um die Temperatur auf eine trinkbare zu senken, und er leerte den dünnen Tee zur Hälfte.

Peter schippte Zucker nach und füllte mehr Tee in seine Tasse. "Vorschlag: Ich gehe und hole dir trockene Klamotten. Dann bringen wir dich nicht zum Krankenhaus, aber zu einem Hausarzt. Nur sicherheitshalber, damit der dich durchchecken kann. Nicht, dass du nur denkst, du fühlst dich gut."

Timon gab sich geschlagen. Besser war es vermutlich. Und es wäre auch gut zu wissen, ob er tatsächlich kein Wasser in der Lunge hatte – immerhin hatte er unter Wasser geatmet. Er öffnete den Mund, um es Peter und Clarissa zu erzählen, aber trank dann doch nur mehr Tee. Es klang zu abgefahren, zu unmöglich. Wie sollten sie das glauben können? Er selbst konnte es kaum glauben. Sie würden denken, er hätte doch einen Schaden bekommen, und er würde es ihnen nicht verübeln können.

Der Arzt stellte eine leichte Unterkühlung fest, mehr nicht, und befahl Bettruhe mit Wärmflasche und heiße, koffeinfreie, zuckerhaltige Getränke. Außerdem bekamen Peter und Clarissa den Auftrag, Timon scharf im Auge zu behalten, was die beiden auch gewissenhaft taten. Er wurde im WG-Wohnzimmer auf der Couch geparkt, in sein Federbett gewickelt und von Clarissa mit noch mehr Früchtetee versorgt, während Peter die WG-Wärmflasche suchte, fand und füllte. Das Referat wurde auf den nächsten Tag verschoben, darauf konnten sie sich alle drei an diesem Nachmittag nicht mehr konzentrieren.

*

Zwei Tage lang versuchte Timon, sich davon zu überzeugen, dass Kälte und Sauerstoffmangel die Synapsen in seinem Hirn durcheinander gebracht hatten. Kein Mensch konnte für längere Zeit ohne Hilfsmittel unter Wasser überleben. Geübte Apnoe-Taucher mochten bis zu zehn Minuten die Luft anhalten können, aber nicht einmal sie konnten bei allem Training unter Wasser atmen. Andererseits gab es auch keine Meermenschen, und Simolestes war seit Jahrmillionen ausgestorben.

Timon saß an seinem Schreibtisch vor dem PC, der schon lange den Bildschirmschoner eingeschaltet hatte. Eine Tasse Kaffee war mittlerweile neben ihm kalt geworden, während er in den grauen Winterhimmel hinaus starrte, statt an seiner Hausarbeit zu tippen, die zusätzlich zu dem Referat noch vor Semesterende fertig werden musste. Er konnte das grenzenlose Grün wieder um sich sehen, hatte den Geschmack – oder war es der Geruch? – von Algen und Diesel auf der Zunge. Da war ein Hecht gewesen, unter seinen Schritten war Schlamm aufgestoben.

Timon lauschte in die WG; niemand war zu hören. Peter und Clarissa waren auf einen Latte Macchiato in das Café gegangen, in dem er sich nach dem Sturz in den Fluss aufgewärmt hatte. Flo war in der Uni. Timon rollte den Stuhl zurück, stand auf und ging ins Bad. Es war klein und abgenutzt, aber es hatte eine Badewanne. Die Glasur war nicht mehr wirklich vorhanden, und dementsprechend schmutzig sah sie selbst nach dem Putzen aus, deswegen badete Timon nicht sonderlich gerne darin. Aber für einen absonderlichen Selbstversuch war die Wanne ausreichend. Er drückte den Stöpsel in den Abfluss und drehte das Wasser auf, schön warm – vom Frieren hatte er erst einmal genug.

"Ich muss bescheuert sein", murmelte er, als er das Badezimmer abschloss, für den Fall, dass Clarissa und Peter zu früh zurückkamen, und sich auszog. Im Spiegel erhaschte er einen Blick auf sein unrasiertes, kantiges Gesicht und starrte einen Moment lang in seine eigenen braunen Augen. Dann grinste er und nickte sich zu. "Ich bin bescheuert."

Bis auf Kiwans Kette nackt stieg er in die Wanne. Menschen atmeten kein Wasser, und Timon war sich ziemlich sicher, dass er ein Mensch war. Das einzige, was ihn von anderen unterschied, war seine Begegnung mit Kiwan und dessen Geschenk. Er ließ sich tiefer sinken, bis das Wasser sein Kinn berührte. Dann holte er Luft und tauchte unter. Wärme umfing ihn, sehr viel angenehmer als die eisige Kälte im Fluss.
'Und jetzt – atmen', befahl er sich, doch konnte sich nicht dazu überwinden.

Keuchend kam er schließlich wieder an die Oberfläche und musste über sich selbst lachen. "Na, so wird das nichts mit deinem Selbstversuch! Es musste ja auch gleich 'ne ganze Wanne sein, einmal Gesicht ins Waschbecken hätte es doch eigentlich auch getan. Aber drücken gilt nicht, sonst bekomme ich das nie aus dem Kopf."

Timon wartete, bis sich sein Atem wieder normalisiert hatte und tauchte erneut unter. Vorsichtig und bereit, sich sofort aufzusetzen, falls sich auch nur so etwas wie die Andeutung von Schwierigkeiten ankündigte, atmete er ein. Wärme strömte in seine Lungen, als sei er in ein Gewächshaus mit Tropenklima getreten, schwer und feucht, aber es war nicht unangenehm. Luft stieg in Blasen zur Oberfläche. Timon starrte ihnen mit aufgerissenen Augen hinterher, bis sie verschwunden waren. Beim zweiten Atemzug kam keine Luft.

Ausatmen, einatmen. Das Wasser war weich, biss nicht so wie die Kälte des Flusses.

Ausatmen, einatmen. Der Geschmack – oder der Duft? – passte nicht zu dem Gewächshausgefühl, es roch dezent nach Chlor, vermischt mit einem Hauch nach künstlichem Duschbad.

Ausatmen, einatmen. Erst durch den Mund, dann durch die Nase. Es machte keinen Unterschied.

"Oh mein Gott", brachte Timon hervor. Er hörte seine Stimme klar und deutlich, der Hall war ungewohnt, aber die Worte waren einwandfrei zu verstehen – es kamen keine Luftblasen aus seinem Mund.

Er tauchte auf und angelte nach seiner Uhr, dann ging er wieder unter Wasser. Ganz ruhig lag er da und beobachtete, wie der Sekundenzeiger vorrückte, dann den Minutenzeiger mitnahm. Nach elf Minuten hatte er den Rekord des trainiertesten Apnoe-Tauchers gebrochen. Nach fünfzehn Minuten begann er, sich zu langweilen, selbst wenn die Entdeckung unglaublich war.

Einige Versuche später wusste er, welcher Teil der Kette die Magie wirkte. Die Kraft lag in der Perle, der Rest – Muschelgefäß und Band – waren nur hübsche Beigaben.

Timon kletterte aus der Wanne, während ihm tausend Dinge durch den Kopf schossen. Unglaublich, was das bedeutete! Tauchen ohne Limit! Was er alles erfahren könnte, was es alles zu erforschen gab! Vielleicht hielt die Perle sogar den Druck von ihm ab, der in tieferem Wasser herrschte. Er konnte sich nicht erinnern, dass seine Ohren am Flussgrund geschmerzt hätten. Andererseits hatte er andere Dinge im Kopf gehabt als wissenschaftliche Untersuchungen, und so tief war der Fluss nun auch wieder nicht. Das musste er unbedingt ergründen!

Hastig rubbelte er sich trocken, aber hielt erneut inne, noch ehe er ganz angezogen war. Er konnte unter Wasser atmen. Das war genauso unmöglich wie die Existenz von Meermenschen. Das hieß, dass er Kiwan suchen konnte – mit Aussicht auf Erfolg. Die Aufregung schickte einen Adrenalinstoß durch seinen Körper, und noch während er den Pullover über den Kopf zog, begann er bereits eine Reise in die Bretagne zu planen. Die Semesterferien lagen gerade einmal zwei Wochen entfernt.

Noch am gleichen Abend rief er bei seinen Eltern an, um nachzufragen, wie der Campingplatz hieß, auf dem sie damals Urlaub gemacht hatten, und in welcher Ecke der Bretagne er genau lag.


© by Pandorah