Meerschaum

3.

Entgegen erster Befürchtungen verging die Zeit bis zu den Ferien wie im Flug. Das Referat und die Hausarbeit verlangten konzentrierte Aufmerksamkeit, und ehe Timon sich versah, war das Semester vorbei. Ein Blick auf sein Sparkonto zeigte keine erfreulichen Überraschungen, aber sagte, dass die Reise nach Frankreich vielleicht nicht sonderlich luxuriös ausfallen würde, aber stattfinden konnte, selbst wenn er dafür auf einen lukrativen Job in den Ferien verzichten musste. Es war bestimmt keine gute Idee, gleich zu Beginn des Studiums im zweiten Semester kürzer zu treten, was den Stundenplan betraf, nur um in den Ferien nicht arbeiten zu müssen. Aber diese Entdeckung konnte unmöglich noch länger warten.

Timon schob sein schlechtes Gewissen beiseite und buchte einen Flug und die Unterkunft in einem an der Küste gelegenen Hostel. Lieber hätte er sich auf dem fraglichen Campingplatz eingenistet, aber der hatte zu dieser Jahreszeit geschlossen, und zelten war bei den Temperaturen ohne geeignete, teure Ausrüstung mit Sicherheit nicht besonders lustig.

Eine Weile surfte er auf der Suche nach einer Harpune im Internet, doch nachdem er Preise und Leistungen verglichen hatte, verzichtete er lieber darauf, sich zu bewaffnen. Was sollte so ein Ding auch gegen einen mehr als buckelwalgroßen Simolestes ausrichten? Wahrscheinlich würde er sich eher selbst damit in den Fuß schießen. Was er sich jedoch gönnte, waren ein gebrauchter Taucheranzug mit Kapuze – sieben Millimeter, halbtrocken – Tauchschuhe, Handschuhe, ein Tauchermesser und Flossen. Weitere Versuche mit der Badewanne und versteckt am Flussufer – wobei er nur den Kopf ins Wasser gesteckt hatte – hatten ergeben, dass er definitiv keine Taucherbrille brauchte.

Erst als er im Billigflieger nach Quimper saß, fiel ihm der Makel an seinem genialen Plan auf. Einmal abgesehen davon, dass der Atlantik gigantisch war und Kiwan vielleicht gar nicht in der Nähe wohnte, fürchtete Timon sich vor unübersichtlichen Gewässern. Er kroch etwas tiefer in seinen engen Flugzeugsessel und sah mit mulmigen Gefühl auf die Wolken hinunter, die den Flug bereits nach den ersten zehn Minuten sehr unspektakulär machten. Für Bedenken war es jetzt allerdings zu spät.

Sie landeten eine gute Stunde später bei Schneeregen, der sich noch verstärkte, als Timon seinen Koffer geholt hatte und in den Anschlussbus zu seinem Bestimmungsort stieg. Vage hatte er von seinem damaligen Urlaub grüne Wiesen, schroffe Felsen und Menhire im Kopf, doch die Fenster des Busses waren bereits beschlagen, als er sich auf seinen Platz setzte. Wenn man sie frei wischte, hielt sich die Sicht für ungefähr zwei Atemzüge. Allerdings lohnte es sich auch kaum, denn außer grauem Regenschleier war ohnehin nichts zu entdecken.

Der Bus hielt nach vierzig Minuten nur ein paar Schritte entfernt vom Haupteingang des Hostels. Es war ein schmuckes, weißes Haus, das am Rand eines kleinen Ortes namens Pitoux direkt an der Steilklippe stand – mit Blick auf einen eigenen Strand, wie im Internet zu lesen gewesen war. Im Regen schien es sich mehr auf den Fels zu schmiegen und selbst eher Schutz zu suchen, als welchen zu bieten. Timon war der einzige, der den Bus an dieser Haltestelle verließ. Fröstelnd zog er seine Reisetasche aus dem Stauraum und hastete dann zur Sicherheit verheißenden Tür hin.

Wärme empfing ihn, als er den hellen, freundlichen Empfangsraum betrat. Weiße Bodenkacheln, die bestimmt furchtbar sauber zu halten waren, führten direkt zur Empfangstheke aus dunklem Holz. Ebenso dunkle Holzsäulen trennten den gemütlichen Aufenthaltsbereich mit seinen blauen Korbstühlen und runden Tischen ab. Timon erspähte gleich die Internetplätze, von denen einer von einer jungen Frau mit Lippenpiercing besetzt war.

Ein wenig holprig wegen seines schlechten Französischs und des ebenso schlechten Englischs des jungen Mannes hinter der Theke meldete er sich an und erhielt sowohl den Schlüssel für sein Zimmer wie auch ein kopiertes Blatt mit den Essenszeiten und den Hausregeln. Timon schleppte seine Tasche eine gewendelte Treppe empor und stieß direkt bei der zweiten Tür in dem folgenden schmalen Flur auf seine Zimmernummer. Er hatte ein Bett in einem Vierer-Raum gebucht, da es billiger war, aber so wie es aussah, hatte er alles für sich allein. Es war schäbiger und abgenutzter als auf den Fotos, die er im Internet gesehen hatte, doch mit den hellgelben Wänden und rostroten Vorhängen auch gemütlicher als befürchtet. Statt der üblichen kargen Sitzgelegenheit gab es breite Fensterbänke, die mit Kissen und orangeroten Plaids gemütlich gemacht worden waren.

Timon sicherte sich ein Bett nahe dem Fenster und bei der Heizung, indem er seine Tasche darunter schob und seinen Schlafanzug darauf platzierte, dann beschloss nach einem Blick nach draußen, das Abenteuer Meer erst am nächsten Tag zu wagen. Glücklich darüber, Vollpension gebucht zu haben, gönnte er sich eine heiße Dusche und ging anschließend zu einem späten Mittagessen in den Speisesaal. Den Rest des Tages verbrachte er damit, die wenigen anwesenden Gäste und den jungen Mann hinter der Theke darüber auszufragen, ob es in letzter Zeit Geschichten oder Gerüchte über seltsame Meereswesen gegeben hätte. Doch die Antworten waren leider wenig ergiebig.

Am nächsten Tag hatte das Wetter wunderbarerweise aufgeklart. Nur noch vereinzelte Wolken wanderten gemächlich über einen blassblauen Himmel; die graugrünen, harten Grasbüschel, denen auch der Winter nichts anhaben konnte, bogen sich unter einem steifen Wind. Nach einem Frühstück mit Croissants und Milchkaffee aus einer großen Bol packte Timon todesmutig die Tauchsachen in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zum Campingplatz und dessen Strand. Auch wenn das Hostel seine eigene Bucht hatte, wollte er mit seiner Suche dort beginnen, wo er Kiwan getroffen hatte.

Es war schwieriger als erwartet, den Campingplatz zu finden, so dass er ihn erst am späten Vormittag erreichte. Das Gelände lag verlassen da, nur einige mit mageren Flechten versehene Wohnwagen überwinterten im Schutz eines kleinen Koniferen-Wäldchens. Die Abgeschiedenheit hatte den Vorteil, dass sich niemand darum kümmerte, als er die Steilküste entlang lief, um zu der Treppe der Badebucht zu gelangen. Unter ihm brandeten Wellen gegen die Klippen, die Gischt erreichte Timon nicht, aber machte die Luft salzig und ließ sie nach Fisch und Algen schmecken. Er lächelte.

Viel hatte sich nicht verändert, wie er feststellte, als die in den dunklen Fels geschlagene Treppe erreichte. Man hatte ihr ein neues Geländer gegönnt, und die Kaltwasserduschen waren um zwei ergänzt worden. Die Bucht selbst war nach wie vor von rauer Schönheit; sie sah aus wie mit Hammer und Meißel aus den Klippen herausgearbeitet, was den hellen Strand umso weicher wirken ließ. Das Wasser erschien von hier oben nicht ganz so blau wie damals, aber das konnte an der Jahreszeit oder an seiner Erinnerung liegen.

Vorsichtig kletterte Timon die Stufen hinab. An einigen Stellen hatte sich Wasser in Pfützen gesammelt und machte sie schlüpfrig. Er lief über den nassen Sand, regelmäßige Spuren hinterlassend, bis die Wellen beinahe an seinen Stiefeln leckten. Tief atmete er die kalte, klare Luft ein und ließ den Blick über den fernen Horizont schweifen. Ruhe erfüllte ihn und unerwarteter Frieden.

Eine Weile stand er einfach nur da und ließ die Eindrücke auf sich wirken, bis ihm bewusst wurde, dass sich das Meer von ihm zurückzog. Ebbe. Das war gut; die Strömungen waren zur Flut hin weitaus gefährlicher. Nicht, dass er vorhatte, große Strecken zu tauchen. Er würde froh sein, wenn er sich beim ersten Versuch überhaupt soweit ins Wasser wagte, dass er schwimmen konnte.

Vorsichtshalber suchte er sich dennoch eine Stelle, die oberhalb der Tidengrenze lag, ehe er seinen Taucheranzug auspackte. Der Wind griff nach ihm, kaum dass er die warme Winterjacke ausgezogen hatte, und schlich sich in jede Öffnung. Timon fror, noch ehe er bis auf die Badehose nackt war. Ihm wurde wieder etwas wärmer, als er sich in den Neoprenanzug quälte. Es war eine anstrengende Sache mit dem steifen Material, das zudem noch hauteng anlag. Wirklich warm war ihm jedoch auch dann noch nicht, nachdem er Kapuze, Schuhe und Handschuhe angezogen hatte. Er versteckte seinen Rucksack und die Kleidung in einer Felsnische, um sie vor Wind und zufällig vorbeikommenden Leuten zu schützen. Dann befestigte er, dank der steifen Handschuhe recht ungelenk, das Tauchermesser am Oberschenkel, nahm die Flossen und ging zum Wasser hinab.

Es drängte sich sofort in die Schuhe und ließ ihn schaudern. Sich dicht an die Felsen haltend ging er dennoch weiter. Sein Herz kroch bei jedem Schritt höher in seinen Hals hinauf, als wollte es sich in Sicherheit bringen; die Schläge wurden härter und schneller. Angestrengt starrte Timon vor sich in die seichten Wellen, um jeden Ansatz eines Meermonsters zu erkennen und auf die Felszunge flüchten zu können. Als ihm das Wasser bis zum Schritt reichte, hielt er inne. Er zitterte am ganzen Körper, und das kam nicht von der Kälte. Nur mühsam brachte er seine Hand dazu, den verkrampften Griff um die Flossen zu lösen, damit er sie anziehen konnte.

Dann ließ er sich mit einem Zischen hastig ganz ins Wasser gleiten und sah sich angstvoll mit aufgerissenen Augen um. Simolestes war weit und breit nicht zu entdecken, genauso wenig wie Haie oder andere gefährliche Tiere. Aufatmend entspannte Timon sich ein wenig. Jetzt, da er darin schwamm, war das Wasser wärmer, als er erwartet hatte. Es war kein Vergleich zu den eisigen Temperaturen, die ihn bei seinem Sturz umfangen hatten. Vielleicht lag es am Neoprenanzug, aber auch sein Gesicht fühlte sich nicht so kalt an. Der Salzgeschmack war nicht so stark wie gedacht, Diesel schien auch keiner vorhanden, dafür roch das Wasser nach Leben.

Timon lächelte, während seine Angst weiter schwand. Tauchen war besser als schwimmen, man sah, was um einen herum geschah. Er stellte fest, dass er sich relativ sicher fühlte, solange er den Boden gut unter sich erkennen konnte und solange das Land in greifbarer Nähe war, so dass er sich im Notfall schnell würde retten können.

Beinahe zwei Stunden schwamm er um die Klippen, aber statt Kiwan zu suchen, ließ er sich von orangefarbenen Seesternen, schwarzen Seeigeln mit violettem Schimmer, kleinen Krabben und filigranen Röhrenwürmern ablenken. Es war unglaublich faszinierend und bestärkte ihn nur in der Auswahl seines Studienfaches. Dann hatte sich das Wasser weit genug zurückgezogen, dass die Felsen beinahe trocken lagen. In die ungeschützte Weite der Sandflächen wagte Timon sich nicht, aber als er zum Strand zurückkehrte, war er schon sehr viel zuversichtlicher als zu Beginn, dass er bald genug Mut gesammelt hatte und wirklich mit der Suche beginnen konnte.

Zurück im Hostel gönnte er sich erst einmal eine lange heiße Dusche. Er war so durchgefroren, dass er sich fühlte, als würde er nie wieder auftauen. Sein schlaksiger Körper hielt Wärme nicht sonderlich gut, und auch wenn das Meer relativ warm erschienen war, so war es die Luft doch kein bisschen. Nach einem frühen Abendessen im fast leeren Speisesaal zog sich Timon wieder auf sein Zimmer zurück. Mit einem Buch über das Leben rund um Gezeitenstrände machte er es sich nur beim Licht einer kleinen Leselampe auf einer Fensterbank gemütlich und war bald vollkommen in seine Lektüre vertieft.

Er ließ sein Buch erst sinken, als der Wind stärker wurde und an den Fensterläden zu rütteln begann. Das Dröhnen der Brandung drang bis zu ihm, doch im Fensterglas sah er nur sein eigenes kantiges Gesicht mit den großen braunen Augen. Timon löschte das Licht und sah nach draußen.

Der Mond war am schwarzen Himmel empor geklettert und warf sein bleiches Licht auf die raue Küstenlinie und das Meer. Er verwandelte dunkle Wolkenfetzen in gespenstische Spinnweben, wenn sie ihm von stürmischem Wind getrieben zu nahe kamen, hob Kanten hervor und vertiefte jeden Schatten. Wellen türmten sich schon weit vor dem Ufer auf, ihre weißen Kämme aus Gischt schienen beinahe zu leuchten. Der Anblick war beeindruckend.

Timon warf einen Blick auf seine Uhr. 21 Uhr, noch eine Stunde Zeit, ehe das Hostel die Pforte schloss. Er zögerte nicht lange, zog seine Stiefel an und die Winterjacke über, dann verließ er das Haus, um sich die Wellen aus der Nähe anzuschauen. Kaum hatte er die Tür geöffnet, überfiel ihn der kalte Wind und brachte salzige Seeluft mit. Timon folgte dem kleinen ausgetretenen Pfad um das Haus herum und zu der ausgebauten Treppe, die zum Strand führte.

Das Tosen wurde lauter, als er den Rand der Klippe erreichte, und der Wind ohne jeden Schutz mit einem Schlag so stark, dass Timon sich dagegen lehnen musste. Die Bucht war weitaus weniger tief als die des Campingplatzes, dafür aber länger. Eine Reihe bizarr geformter Felsen ragte ins Meer hinein und bildete nach Osten hin eine natürliche Barriere, doch der Wind kam von Südwest, so dass die sich überschlagenden Wellen bis beinahe zum oberen Ende des Strandes leckten. Gegen das Geländer gelehnt genoss Timon eine ganze Zeit lang das Schauspiel, das die Natur ihm bot.

Gerade, als ihm ein Blick auf die Uhr sagte, dass es Zeit zum Umkehren war, sah er den Umriss zwischen den Wellen auftauchen, bei der am weitesten von der Küste entfernten Felsklippen. Aufgeregt beugte Timon sich vor, blinzelte im Wind und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Ein langer Hals, darauf ein keilförmiger Kopf.

Simolestes.

Timons Kehle war trocken. Ohne den Blick von dem Tier zu lassen, begann er eilig, die Treppe hinabzusteigen. Brennend wünschte er sich, seine Kamera dabei zu haben, doch die lag sicher im Zimmer, irgendwo auf dem Boden seiner Reisetasche. Er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Stufen hinter sich gebracht, als Simolestes bereits wieder untergetaucht war.

"Verdammt!", fluchte Timon, doch nur einen Augenblick später sah er die massige Gestalt erneut in einer Welle. Sie durchbrach die Gischt, tauchte bis zur Hälfte auf, drehte sich halb um sich selbst und fiel Rücken voran wieder ins Wasser.

Timon schlug jede Vorsicht in den Wind und rannte die letzten Stufen hinab. Seine Stiefel wurden nass, als er durch die Ausläufer der Wellen stürmte, um einen der ersten Felsen zu erklettern und einen besseren Blick auf Simolestes zu erhaschen. Der Stein war glitschig von Wasser und Algen, doch es gelang Timon, sich empor zu ziehen.

Atemlos beobachtete er, wie das große Raubtier sich erneut aus dem Wasser stemmte, so weit, dass Timon die Ansätze eines hinteren Flossenpaars sehen konnte. Simolestes sah aus, als habe er Spaß an seinen Kapriolen, als würde er mit den Wellen spielen. Erst jetzt bemerkte Timon die Unterschiede zu den Bildern, die er im Internet gefunden hatte. Es war nicht nur die Färbung - oben war das Tier dunkelgrau, seine weiße Unterseite schimmerte jedoch im Mondlicht, wenn er sich drehte. Die Flossen waren anders geformt, schlanker und länger; der Kopf nicht so plump, sondern schmaler und filigran ausgeformt, fast wie eine gemeißelte Statue. Und im Gegensatz zu den Dinosauriern hatte er Kiemen, die kurz hinter dem Hals begannen und sich bis über die Rippen oberhalb der Vorderflossen erstreckten.

Timons Herz schlug bis zum Hals vor Aufregung. Das war eine neue Art! Vielleicht ein Nachfahre der Dinosaurier, der sich dem Leben im Meer noch weiter angepasst hatte. Ein Brecher schlug gegen den Fels, auf dem Timon kauerte, Gischt hüllte ihn ein und raubte ihm die Sicht. Als sie sich wieder klärte, war Simolestes verschwunden.

Timon wartete noch eine Weile, doch dieses Mal kam das Tier nicht wieder. Dafür nahmen Wind und Wellen an Kraft zu, und nass, wie er war, fror Timon erbärmlich. Es war Zeit zu gehen. Noch immer nicht ganz bereit zu glauben, dass Simolestes verschwunden war, rutschte Timon rückwärts auf das Ende seines Felsens zu. Erst, als er mit den Füßen ins Leere trat, wandte er sich um. Schmerzhaft setzte sein Herz einen Schlag aus.

Hinter ihm war kein Land.

Es war nicht einfach so, als sei heimlich die Flut gekommen, um seinen Rückweg zur Küste abzutrennen. Es gab schlicht keine Küste mehr. Soweit das Auge reichte, gab es nur Wasser und Wellenberge. Und den einsamen Felsen, auf dem Timon hockte. Ungläubig starrte er in die aufgewühlte See. Das war unmöglich. Bestimmt hatte er sich vor lauter Faszination in der Richtung geirrt, obwohl auf dem Fels nicht viel Platz für Richtung war.

Vorsichtig, um nicht heruntergespült zu werden, kroch er wieder etwas zurück und drehte sich erneut. Dann wieder und wieder und wieder. Übelkeit ergriff ihn, als sich überall nahezu der gleiche Anblick bot. Dort, wo Simolestes gespielt hatte, gab es einige weitere Klippen, wenn er das in dem Tosen der See anhand von Gischt richtig erkennen konnte, aber das war die einzige Andeutung von Land.

Trotz der Böen, die an ihm zerrten, richtete Timon sich in der Mitte des Felsens auf, um über die Wellen hinweg sehen zu können. Da musste irgendwo etwas sein, es musste einfach! Land konnte nicht so mir nichts, dir nichts lautlos untergehen. Ein neuer Windstoß ließ ihn taumeln. Sein Fuß fand keinen Halt, als er eine Vertiefung traf, Timon konnte sich nicht mehr fangen und fiel. Sein Schrei wurde abgewürgt, als er hart aufschlug. Er rollte auf den Rand zu, eine Welle spülte über den Fels und riss ihn mit.

Unter ihm öffnete sich das schwarze, tosende Meer, um ihn zu verschlingen. Er hatte mit tieferer Kälte gerechnet, doch es war Wärme, die ihn umfing, als er herumgeschleudert wurde und jedes Gefühl für oben und unten verlor. Bilder von Haien, Drachen und Kraken huschten durch seinen Kopf, die nur auf so leichte Beute wie ihn warteten. Panisch kämpfte er darum, die Oberfläche zu finden, um wieder zu den Felsen zurückzukehren.

Der Fels fand ihn. Timon fühlte Schmerz und dann gar nichts mehr.

*

Schmerz war es auch, der Timon weckte. Etwas biss ihn. Mit einem Aufschrei riss er seine Finger zurück und schreckte hoch. Ein dicker, blauer Fisch schoss erschrocken davon und verschwand hinter einer Felswand. Mit klopfendem Herz hielt Timon seine Hand, blinzelte verwirrt und sah sich um.

Es war heller Tag, wenngleich das Licht, gefiltert durch Wasser, auf eigentümliche Art diffus war. Er saß inmitten von grünem Seegras, das sich in einer leichten Strömung wiegte, die weich sein Gesicht streichelte. Kleine Fische zischten in den schlanken Halmen herum; die blauen und orangefarbenen bemerkte er sofort, die graubraunen brauchten etwas länger, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dunkelrote Seeigel mit langen Stacheln schoben sich gemächlich am Sandboden entlang.

Hinter ihm ragte eine dunkle Felsnadel empor, die er zuerst für eine Wand gehalten hatte. Farblose Seeanemonen hielten sich mit dicken Saugfüßen daran fest, dazwischen ragten die kegelförmigen Häuser von Seepocken empor. Kurze Tange, die beinahe wie Moos wirkten, bedeckten den Stein an einigen Stellen, an anderen bildeten winzige Schwämme rötliche und weiße Krusten. Spiralförmige Schnecken weideten den Bewuchs ab, während kleine Krabben mit roten Augen eifrig damit beschäftigt waren, sich mit ihren Scheren undefinierbare Stückchen in den Mund zu schaufeln.

Ungläubig ließ Timon seinen Blick schweifen und entdeckte weitere Felsnadeln hinter der ersten. Wie Zähne ragten sie aus dem Boden und bis zur Wasseroberfläche empor. Noch weiter hinten verlor sich die See in grünblauem Dunst. Immerhin war Simolestes nirgendwo zu entdecken. Schaudernd sog Timon an seinem blutenden Finger. Der Fisch hatte ihn offensichtlich für tot gehalten und sich ein nettes Frühstück genehmigen wollen.

"Und wie lange dauert es, bis ich tatsächlich tot bin?", flüsterte er und fröstelte beim Klang seiner Stimme, die viel zu weit zu reichen schien. Für einen großen Meeresräuber war er leichte Beute, ohne Waffen, um sich zu verteidigen und ohne Flossen, um ihm entkommen zu können. Dazu kam, dass er keine Ahnung hatte, in welcher Richtung Land lag. Vielleicht würde er schlicht verhungern auf seiner Suche danach. Wo zur Hölle steckte er und wie war er hierher gekommen?

Wärme machte sich unangenehm bemerkbar und ließ ein Gefühl wie schwitzen entstehen; nicht, dass es in dieser Umgebung etwas brachte. Das konnte unmöglich die Bretagne im Winter sein. Mühsam schälte er sich aus der Winterjacke, was gar nicht so einfach war, dann kämpfte er darum, aus den Schnürschuhen zu kommen. Er gewann, band sie triumphierend an den Schnürsenkeln zusammen und hängte sie um den Hals. Beinahe vergnügt wackelte er mit seinen von Socken bedeckten Zehen. Ohne das steife Leder würde das Schwimmen einfacher sein.

Als er wieder aufsah, entdeckte er die schlanke, geschmeidige Silhouette, die direkt auf ihn zukam. Der torpedoförmige Körper mit der Dreiecksflosse war derart charakteristisch, dass Timon keinen zweiten Blick brauchte, um ihn zu erkennen. Ein Hai, und ein verdammt großer noch dazu. Das kraftvolle Tier war mindestens dreimal so lang wie er.

'Keine Panik, Timon. Es gibt weitaus weniger Unfälle mit Haien, als es Autounfälle gibt. Und die meisten werden unverhältnismäßig von der Presse aufgebauscht, weil es sich gut als Schlagzeile macht.' Er konnte dennoch nicht verhindern, dass sein Herz zu rasen begann. Vorsichtig schob er sich näher an die Felsnadel, die immerhin etwas Schutz bot. Ob er es schaffen konnte, sie heraufzuklettern, ohne erst recht das Interesse des Hais zu erregen?

Der Hai schwamm an ihm vorbei, bewegte den flachen, massigen Kopf dabei pendelnd von einer Seite zur anderen, testend, prüfend. Timon fiel sein blutender Finger wieder ein; sein Magen sackte nach unten, während er die scharfen Zähne ungleich prominenter als noch vor einem Atemzug wahrnahm. Er presste die Hand in seine Jacke, wohl wissend, dass es vergeblich war. Haie konnten Blutgeruch noch in milliardenfacher Verdünnung wahrnehmen.

Unvermittelt drehte der Hai und schoss direkt auf ihn zu. Timon schrie entsetzt auf, stieß sich vom Boden ab, wollte nur nach oben und raus.

Blut färbte das Wasser rot, trübte die Sicht. Eisengeschmack füllte seinen Mund. Timon wurde gepackt und mitgerissen. Um sich schlagend schrie er weiter, doch der Griff lockerte sich nicht.

"He", brummte eine Stimme, "ich will dich nicht fressen. Oder war das etwa dein Plan, dich fressen zu lassen?"

Jede Kraft schien Timon zu verlassen, als er merkte, dass er keine Schmerzen hatte, dass das Blut nicht das seine war. Ohne wirklich zu begreifen, starrte er nach unten. Der Meeresboden lag unter ihm, dunkles Blut breitete sich in einer Wolke aus. Gestalten schossen hinein und wieder heraus, menschliche Gestalten. Dazwischen wand sich der Hai, aufgespießt von zahlreichen Harpunen, deren Seile von sehnigen Armen gehalten wurden. Der kraftvolle Körper wand sich, sein Schwanz peitschte herum, riss an den Stricken.

"Alles in Ordnung mit dir?", fragte die Stimme. "Sie brauchen mich."

Timon nickte benommen, und noch im gleichen Moment wurde er losgelassen. Sein Retter schoss an ihm vorbei, ein blaugrüner geschmeidiger Körper. Er tauchte in die Wolke aus Blut, um einer schlanken Gestalt zur Hilfe zu kommen, die wie eine Marionette an einer Harpune hing und in bedrohliche Nähe des Mauls zu geraten drohte. Timon strampelte gegen das Gewicht seiner nassen Kleidung an, um nicht gleich wieder zu Boden und in das Getümmel zu sinken.

Aufregung ersetzte Angst. Er hatte die Meermenschen gefunden.


© by Pandorah