Meerschaum

4.

Die Bewegungen des Hais wurden langsamer; ein grauer Meermann mit Haar wie Tinte schoss heran und stieß ihm die Harpune tief in die Kiemen. Noch einmal quoll Blut, der Hai bäumte sich ein letztes Mal auf, dann war er still. Einen Moment schien die Zeit erstarrt, nur das wogende Seegras und die Strömung, die das Blut verdünnte, zeugten von ihrem Verstreichen.

Dann riss der Meermann die Harpune zurück, legte den Kopf in den Nacken und stieß einen langgezogenen Ruf aus. Die anderen Jäger fielen mit ein, variierten den Ton zu einer betörenden Melodie. Es klang wie mehrstimmiger Walgesang und doch vollkommen anders, wunderschön und unheimlich zugleich, Siegesschrei und Klagegesang in einem.

Eine Gänsehaut kroch Timons Rücken hinab. Er vergaß wasserzutreten und sank zum Boden zurück. Die Töne vibrierten um ihn, hüllten ihn ein und glitten über ihn hinweg. Er spürte sie in sich, um sich und fühlte sich wie ein Teil von ihnen. Er wollte sich dem Gesang anschließen, es schien so selbstverständlich, doch er hatte keinen Anteil an dieser wilden Ursprünglichkeit. Als die Rufe schließlich verklangen, schien ihr Echo noch immer über dem Ort zu schweben.

Ein großer, breitschultriger Meermann mit blaugrüner Haut und dunkelgrünem, wildem Haar kommandierte vier Leute ab, die sich gleich an dem toten Hai zu schaffen machten; an der brummigen Stimme erkannte Timon seinen Retter. Dann kam der Mann zu ihm geschwommen, von den übrigen Jägern begleitet.

Es waren nicht nur Männer, wie Timon erst jetzt feststellte. Aber alle trugen das gleiche – lediglich eine kleine, seltsam gedrehte Art von Unterhose, an den Oberschenkeln befestigte Messer, Harpunen und Flossen an den Füßen. Offensichtlich brauchten die Frauen unter Wasser keinerlei stützendes Kleidungsstück, und Scham hatte in ihrer Gesellschaft wohl keinen Einzug gehalten. Ketten schienen jedoch ein Muss zu sein, keiner der Meerleute war ohne. Kurzhaarschnitte gab es nicht, die dreadlock-artigen Haare waren bei allen lang; bei den meisten wallten sie wild um den Kopf, wie von Eigenleben erfüllt, einige hatten sie im Nacken mit einem dicken Band umfasst. Eine der Frauen trug einen spiralförmigen Oberarmreif, ebenso wie der grauhäutige Meermann, der den Todesstoß angesetzt hatte, und Timons Retter.

Timon konnte Neugierde, Ratlosigkeit und Ablehnung in ihren Mienen lesen, je nach Gesicht in unterschiedlicher Zusammensetzung. Er lächelte offen, aus Dankbarkeit und weil ein Lächeln meistens ein guter Anfang war. "Ich danke euch für meine Rettung. Ich bin Timon."

Energisch schlug sich der große, blaugrüne Meermann mit der Faust gegen die Brust. "Ich bin Yiro, Jagdführer des Hornspeer-Stamms. Welchem Stamm gehörst du an?"

"Ich... zu gar keinem. Ich komme nicht von hier." Noch ehe Timon sich Worte zurecht gelegt hatte, um seine Herkunft zu erklären, wurde er von einer kühlen Stimme unterbrochen.

"Er ist ein Landkriecher, Yiro! Das habe ich doch gleich gesagt. Wir hätten den Menschenfresser vor dem Angriff sein Mahl haben lassen sollen." Finster starrte der graue Mann Timon an.

"Ein Luftatmer? Quallenglibber! Denk nach, Joni!" Eine der Frauen schnaubte. Sie war so grau wie er, hatte jedoch auffallend rote Haare und rote Schwimmhäute. "Wäre er ein Luftatmer, wäre er schon längst tot." Prüfend musterte sie Timon mit erschreckenden roten Augen. "Allerdings sieht er ihnen ähnlich – vielleicht ist er ein Mischling?"

Jemand stieß einen empörten Ruf aus. Ein Raunen ging durch die Jäger, sie starrten die Frau an, als sei der Gedanke an einen Mischling abartig und die bloße Erwähnung ein zutiefst vulgärer Fluch.

"Brin, so etwas will ich nicht noch einmal hören!", sagte Yiro scharf, bevor jemand zu Wort kam. "Auch und erst recht nicht von dir."

"Aber sieh ihn dir doch an!", verteidigte sie sich und wies auf Timon. "Er erstickt nicht, er hat die gleichen dünnen Haare wie sie und er hat keine Schwimmhäute." Mit einer eleganten Bewegung ihrer Flossen kam sie auf ihn zu. In ihrem hübschen, kantigen Gesicht war aufmerksame Neugierde zu lesen, keine Abscheu. "Hast du Kiemen?"

"Nein." Timon hatte das dumme Gefühl, dass das nicht die beste Antwort war. Aber ein Überprüfen war zu einfach, als dass sich eine Lüge trotz aller dummen Gefühle der Welt gelohnt hätte. Sein Magen schrumpfte nervös zusammen, während er den beunruhigenden Blick der Frau erwiderte. "Aber ich bin kein Mischling. Hört zu, ich weiß nicht, worum es hier geht, aber ich will gewiss nichts Böses. Ich suche..."

"Das hat Zeit." Mit einer knappen Geste schnitt Yiro ihm das Wort ab. "Wir nehmen ihn mit. Joni, Brin, ihr kümmert euch um ihn. Er sieht nicht so aus, als könne er mithalten."

Er warf Timon einen abfälligen Blick zu, winkte den anderen und schwamm mit ihnen zum Hai hin. An diesem waren mittlerweile Seile befestigt worden, und die Meerleute gruppierten sich um das Tier, packten es an den Flossen und Seilgriffen und hoben es an. Joni und Brin fassten Timon jeweils an einem Arm – Brin fest, Joni beinahe schmerzhaft – und zogen ihn mühelos hoch.

"Weg? Wohin? Wohin geht es?", fragte Timon überrascht, als die Jäger mit ihrer Beute los schwammen und seine Wächter ihnen folgten. Er fühlte sich überfordert, fern von jedem Land, unwillkommen und angefeindet, inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung, die ihn zum Tode verdammte, sollte die Magie der Perle versagen.

"Zurück ins Dorf", erklärte Brin bereitwillig. Ihr Haar strömte wie flüssiges Feuer in dicken Strähnen hinter ihr her, als sie Geschwindigkeit aufnahmen. Mit aufgerichteter Rückenflosse tarierte sie eine Seitwärtsbewegung aus. "Bei der Menge an Blut werden hier bald noch mehr Haie auftauchen und bestimmt auch der eine oder andere Drache. Man kann sie zwar ganz gut verscheuchen, wenn sie einfach nur den Weg kreuzen, aber wenn sie es auf Beute abgesehen haben, sollte man sich besser nicht mit ihnen anlegen."

Obwohl weit davon entfernt, sich sicher zu fühlen, war Timon mit einem Schlag dankbar, dass die Meerleute ihn nicht zurückließen. "Ich glaube, ich habe einen Drachen hier gesehen. Gestern, bevor..." Er verstummte.

"Das kann gut sein. Wir nennen diese Felsen die Zähne des Drachen." Sie grinste, und ihre weißen Zähne blitzten auf. Ihre Eckzähne waren spitzer als die eines Menschen und verliehen ihrem Lächeln etwas Raubtierhaftes. "Einerseits wegen ihrer Form, andererseits, weil sich dort häufig Drachen aufhalten. Im Frühjahr sollte man ihnen nicht zu nahe kommen. Da sammeln sie sich dort zur Paarung."

"Seid ihr hier oft zur Jagd oder hab ich einfach Glück gehabt?"

"Wir haben den alten Gevatter verfolgt, der dich angreifen wollte; er hat einen zu großen Geschmack an Menschenfleisch entwickelt und war deswegen eine Gefahr für die Kindern. Das hier sind normalerweise nicht unsere Jagdgründe. Du hast also sogar doppelt Glück gehabt."

"Glück oder Pech, das wird sich zeigen." Joni lächelte humorlos, und Brins Gesicht verdunkelte sich. Timon schauderte und stellte sich stumm die gleiche Frage.

Der Boden glitt unter ihnen weg, sank immer weiter ab und war schließlich gar nicht mehr zu erkennen. Um sie herum war nur noch Wasser, ohne Halt für den Blick, ohne Möglichkeit, sich zu orientieren. Unbehagen einer anderen Art schlich sich in Timon ein. Es begann im Bauch und kroch von dort in ihm empor, machte seine Brust eng und ließ sein Herz schneller schlagen. Er vermeinte, Schatten in der blaugrünen Unendlichkeit zu entdecken. Ihm wurde schwindelig. Unwillkürlich begann er selbst mit Schwimmbewegungen der Beine, um die Geschwindigkeit zu unterstützen, damit sie schneller – wo auch immer – ankommen konnten.

"Hör auf zu zappeln!", fuhr Joni ihn an.

Timon runzelte die Stirn und drehte sich ihm zu. "Ich wollte nur helfen."

Die Augen des grauen Meermannes waren beinahe schwarz, fiel ihm auf, und seine unregelmäßig graue Schattierung verlief so in seinem Gesicht, dass sie wie ein Drei-Tage-Bart aussah. Zusammen mit einer Narbe, die sich über seine rechte Wange zog, und dem dunklen wehenden Haar verlieh ihm das ein wildes Aussehen. Überhaupt schien der Mann einiges an Narben aufweisen zu können.

"Dann halt still", knurrte er. "Und schweig, oder wir lassen dich in die Tiefsee sinken."

Das Licht nahm weiter ab, als sie tiefer tauchten. Selbst Brins rote Haare erschienen nicht mehr so leuchtend, auch wenn Timon sich wunderte, wieso er die Farbe überhaupt noch wahrnehmen konnte. Sie waren bestimmt deutlich mehr als fünf Meter von der Oberfläche entfernt, bis wohin den Gesetzen der Physik folgend das rote Licht durchdrang. Vorsichtig, um Joni nicht noch einmal zu verärgern – trotz der Feindseligkeit der Meermenschen hatte er keine Lust, in dieser Endlosigkeit ausgesetzt zu werden – schielte er nach oben, doch er konnte die Oberfläche nicht erkennen.

Als sie eine Sprungschicht überwanden, wurde es mit einem Schlag kälter, und Timon hörte auf, in seiner dicken Winterkleidung zu schwitzen. Das Wasser war angenehm zu atmen, frisch und kühl. Eine gefühlte Ewigkeit schwammen sie so dahin, bis Timon spürte, wie sich der Griff der beiden Meerleute festigte. Brin legte den Finger an die Lippen und deutete schräg nach unten. Timon erschauderte, als er dieses Mal tatsächlich einen Schatten erkannte – riesig trotz der Entfernung, aber kein Wal, sondern ein gigantischer Fisch mit schlankem Körper. Lautlos glitt er unter ihnen hinweg und war schnell nicht mehr zu sehen.

Zwei Jäger lösten sich von dem Haitransport und schwammen in die gleiche Richtung, vielleicht Späher, die sicher gehen wollten, dass er nicht aus dem Hinterhalt zurückkehrte. Timon wagte nicht, danach zu fragen, um den Riesenfisch nicht auf sie aufmerksam zu machen.

Noch einmal ging es tiefer, ohne dass Timon mehr als nur einen geringen Anstieg des Drucks verspürte. Flüchtig fragte er sich, ob er im Schutz der Perle selbst in die Tiefsee würde hinabsteigen können. Dann tauchte Licht vor ihnen auf und mit ihm in einer kalten Strömung aus der Tiefe ein riesiger Heringsschwarm.

Tausende und Abertausende von silbern glitzernden Körper stoben vor ihnen zurück, wichen aus und schlossen sich hinter ihnen wieder zusammen. Sie tanzten, bildeten Spiralen und Wirbel, wechselten unversehens gemeinsam die Richtung, nur um einen Atemzug später erneut die alte Bahn aufzunehmen. Timon staunte mit offenem Mund. So etwas kannte er nur aus Dokumentationen, doch mitten drin dabei zu sein, war etwas gänzlich anderes. In den Dokumentationen hörte man auch nie die Geräusche, die die Heringe von sich gaben, eine Art zartes, explodierendes Blubbern. Brin lachte leise über sein Staunen, und Jonis Gesicht verfinsterte sich noch mehr.

Dann waren sie hindurch. Direkt vor ihnen erhob sich ein steiler Berg im Meer. Zahlreiche runde Höhleneingänge verteilten sich an mehreren Stellen über den schroffen Fels, umrandet von Korallen in allen Formen und Farben, von Anemonen und Schwämmen. Sie gediehen im weichen Licht runder Lampen, die allerorten befestigt waren. Timon ging auf, wie perfekt die Siedlung lag, direkt am Rand einer Tiefenströmung, die nährstoffreiches Wasser brachte und damit jede Menge Fische anlockte. Gleichzeitig konnte sie Unrat mitnehmen und hielt die Umgebung sauber.

Meerleute aller Farben kamen auf sie zu, alte und junge, Männer und Frauen. Helfende Hände streckten sich den Trägern des Hais entgegen, Stimmen brandeten auf wie Meereswogen. Überraschte Gesichter wandten sich zu Timon hin, man zeigte auf ihn, tuschelte. Neugierige Kinder schossen kichernd heran und wurden von Joni grimmig in ihre Schranken verwiesen, als die ersten versuchten, an Timons Haaren zu ziehen. Timon fühlte sich unbehaglich; er kam sich vor wie in einem Zoo – nur stand er auf der falschen Seite des Zauns.

Sie durchschwammen eine unsichtbare Barriere, und unvermittelt wurde es wärmer. Yiro tauchte aus all den anderen Meerleuten auf; allein schon seine Größe und die breiten Schultern hoben ihn hervor. "Sperrt ihn in den leeren Stall. Wir müssen uns beraten. Joni, ich will dich dabei haben. Brin, du gibst acht, dass er nicht flieht." Er warf ihr einen scharfen Blick zu. "Keine..."

"Ich weiß, wo meine Loyalität liegt, Yiro", unterbrach sie ihn mit schmalen Augen. "Wage es nicht, mich anzuzweifeln."

Timon hatte das Gefühl, dass es um mehr ging als nur um die jetzige Situation. Offensichtlich herrschte zwischen den beiden nicht das erste Mal Uneinigkeit. Dennoch wünschte er sich, dass Yiro nicht ausgerechnet Brin zu seiner Bewachung abkommandiert hätte. Sie war mit Sicherheit die angenehmere Wächterin, aber wenn es bei der Beratung um ihn ging, und das war anzunehmen, wäre es besser gewesen, sie wäre dabei. Joni würde gewiss nicht dafür stimmen, dass er harmlos war. Vielleicht war auch genau das der Grund für die Aufteilung.

Sie brachten ihn zu einer der Höhlen, die am weitesten unten gelegen und am wenigsten beleuchtet waren. Dennoch gediehen auch hier farbenprächtige Korallen. Timon hatte hinter dem Eingang nur einen einzigen Raum erwartet, doch stattdessen ging es in einen Gang hinein, von dem weitere Öffnungen abzweigten. Auch hier beleuchteten die Kugellampen den Weg, sie wirkten wie pulsierende Quallen. Der Gang machte eine Kurve, hinter der Joni ihn losließ; er entfernte ein Gitter von einer Öffnung und deutete harsch darauf. Nach einem kurzen Zögern folgte Timon der Geste und schwamm hinein. Hinter ihm wurde das Gitter wieder in Position gebracht, mit leisem Schaben wurde ein Riegel vorgeschoben.

Timon hörte, wie Joni und Brin ein paar Worte wechselten, aber konnte nichts verstehen. Frustriert sah er sich in der kleinen, knapp mannshohen Höhle um. Sie war relativ rund, zum Boden und der Decke hin aber leicht abgeflacht, so dass er sich bequem würde hinlegen können. Direkt neben der Türöffnung gab es eine Art Futterraufe. Das war alles.

Timon ließ seine Schuhe zu Boden sinken und legte die Jacke daneben. Erst jetzt bemerkte er, dass er sie die ganze Zeit fest gegen seine Brust gedrückt getragen hatte; sein Arm fühlte sich taub an von der ungewohnten Haltung. Deswegen ein wenig steif zog er den Pullover über den Kopf und legte ihn dazu. Doch er achtete sorgfältig darauf, dass die Kette unter seinem T-Shirt verborgen blieb – nicht, dass sie auf die Idee kamen, ihm seinen Lebenserhalt wegzunehmen.

Immerhin würde seine Kleidung einen einigermaßen weichen Untergrund auf dem ungemütlichen Fels bieten, dachte er sarkastisch. Nach einem Blick in die leere Futterraufe schwamm er zur Tür zurück. Brin saß allein davor und blickte ihm mit ihren funkelnd roten Augen entgegen. Sie hatte die Flossen abgestreift, so dass Timon sehen konnte, dass auch die Schwimmhäute ihrer Füße rot waren, und die Beine in den Schneidersitz gezogen.

"Ich weiß nicht, was ihr von mir denkt." Timon ließ sich zu Boden sinken und hielt sich mit einer Hand an der nachgiebigen Gittertür fest. Sie schien aus Knochen oder Fischbein gemacht. "Aber ich bin keine Gefahr für euch. Ich bin durch Zufall dort gewesen, wo ihr mich gefunden habt."

Amüsiert kräuselte Brin die Lippen. "Und du hast so ausgesehen, als wärest du gerne wo gänzlich anders. Was hast du dort überhaupt gemacht?"

Timon errötete leicht in Erinnerung an seine nicht gerade glanzvolle Vorstellung. "Ich habe Simolestes... ich meine, den Drachen beobachtet. Und dann... ich weiß es nicht."

Zweifelnd hob Brin eine Braue – dunkelgrau und sehr fein, als sei sie ein Überbleibsel der Evolution und nicht mehr wichtig, jedoch noch nicht ganz abgeschafft im Laufe der Entwicklung. "Du hast einen Drachen beobachtet? Bei den Zähnen? Warum?"

"Er hat mich erinnert. Ich suche... einen Freund." Hoffnungsvoll sah Timon sie an. "Sag, kennst du einen Kiwan, Brin? Er würde gewiss für mich sprechen."

Sie legte den Kopf schief; in ihren Augen blitzte etwas auf, das Timon nicht identifizieren konnte. Aber er war sich nicht sicher, ob es ihm gefiel. "Nein, der Name sagt mir nichts. Wer ist das?"

"Ein Freund. Ich habe ihn seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen." Enttäuschung ließ Timons Schultern hinabsacken, selbst wenn seine Hoffnung ohnehin nicht besonders groß gewesen war. Einen Versuch war es dennoch wert gewesen. "Was will Yiro besprechen? Worum geht es eigentlich? Ich habe nichts Verwerfliches getan. Oder sind die Zähne heilig, und ich habe sie durch meine bloße Anwesenheit entehrt?"

Brin lachte auf und schüttelte den Kopf. "Nein. Aber du siehst aus wie sie, Timon. Wie die Luftatmer, da hat Joni recht. Sag, bist du das, ein Luftatmer? Und wenn ja, welche Magie hält dich am Leben?"

"Wer sind die Luftatmer?", fragte Timon statt einer Antwort zurück. Ihm war klar, dass er mehr Informationen brauchte, um vor den Meermenschen bestehen zu können. Brin schien zumindest so, als sei sie nicht feindlich gestimmt, und sie war die einzige, die er ausfragen konnte. "Was haben sie getan, dass Joni – und wohl nicht nur er – sie lieber von Haien gefressen sehen will?"

"Luftatmer, Landkriecher. Sie können nicht unter Wasser, so wie wir nicht an die Oberfläche können. Sie zerstören, woran sie ihre Hände legen, sie verschmutzen das Wasser, sie fangen unsere Kinder – zumindest viele von ihnen. Und diese verdienen den Tod, da stimme ich Joni vollkommen zu!" Brin hatte sich aufgerichtet, ihr Lächeln war verschwunden. Jetzt lag selbst in ihrer Stimme Verachtung, Zorn und Ablehnung, ihre Augen funkelten wütend. "Wo kommst du her, dass du sie nicht kennst?"

"Das ist eine verdammt gute Frage", murmelte Timon mehr zu sich selbst und rieb seinen Nasenrücken zwischen den Augen mit Daumen und Zeigefinger. Ihre Antwort klang nicht gut für ihn. "Ich wünschte, ich wüsste es. Und jetzt versuchen sie herauszufinden, ob ich ein Luftatmer bin? Was wird geschehen, wenn sie sich dafür entscheiden?"

"Sie werden dich töten", antwortete Brin trocken, dann schnaubte sie leise. "Aber du kannst keiner sein, das muss selbst der verstockte Joni einsehen. Der Menschenfresser hätte dich nicht jagen müssen, du wärest ertrunken. Wir haben euch schon ein wenig länger beobachtet. Bist du wirklich kein Mischling?"

Timon grinste schief, auch wenn sein Magen bei der Antwort noch weiter absackte. "Nicht, dass ich wüsste. Aber das würde es nicht besser machen, oder? Die Begeisterung auf deinen Vorschlag hielt sich sehr in Grenzen."

"Nun, ein Mischling wäre der Beweis dafür, dass sich einer von uns mit einem von ihnen eingelassen hat. Das ist... gegen die allgemein anerkannte Moral", erklärte sie, wobei sie ihre Worte mit Bedacht wählte und ihn gleichzeitig aufmerksam beobachtete.

"Ich denke nicht, dass ich das verwerflich finde, wenn es mit beiderseitigem Einvernehmen geschieht." Stirnrunzelnd betrachtete Timon sie, auch wenn das nicht der beste Moment für Grundsatzdiskussionen sein mochte. Das Thema war auf gewisse Art vertraut. "Aber egal wie, ein Kind kann nie etwas dafür, wie es in diese Welt kommt und wer seine Eltern sind."

"Du scheinst von einem interessanten Stamm zu sein – und einem verfrorenem." Jetzt lag wieder nur offene Neugierde in Brins Miene; sie lehnte sich aufmerksam vor, ihr Haar fächerte sich auf, als wollte es jeden Ton von Timon einfangen. "Kommst du weit aus dem Süden?"

"Eher aus dem Norden, denke ich." Egal, in welche Richtung Timon dachte, es schien nichts zu geben, das gut für ihn war – außer er würde plötzlich Kiemen entwickeln und Schwimmhäute bekommen. Dennoch fühlte er sich hier sicherer als draußen im weiten Meer. Mit dieser Situation konnte er besser umgehen. Ob er nun wegen seiner Sexualität oder wegen seiner vermuteten Atemtechnik angefeindet wurde, war kein so gewaltiger Unterschied – bis auf eines. Schwul zu sein war mittlerweile zumeist nicht mehr lebensgefährlich. "Brin, was macht ihr mit Mischlingen?"

"Ich weiß es nicht." Sie runzelte die Stirn, als sie darüber nachdachte. "Es gibt Stimmen, die sagen, Mischlinge seien nicht möglich. Dann gibt es welche, die sie mit Landkriechern gleichsetzen und welche – das ist wohl die Mehrheit – die sie für schlimmer, weil abartig halten. Ich habe noch nie einen gesehen, und du bist der erste, den ich dafür halten könnte. Ich weiß wirklich nicht, was der Rat tun würde. Vielleicht würden sie erst einmal versuchen, mehr herauszufinden. Zumindest ist es das, was ich hoffe." Mit einem kleinen Seufzen hob sie die Schultern. "Aber du weichst mir aus. Ich will dir helfen, Timon. Ich glaube nicht, dass du gefährlich bist. Dazu bist du zu unbeholfen, naiv und tapsig." Sie grinste wölfisch, als er das Gesicht verzog, aber winkte ab, bevor er etwas erwidern konnte. "Hilf mir, dir zu helfen, Timon. Wer bist du, wo kommst du her? Was willst du hier?"

"Du hast mir gerade Naivität vorgeworfen. Und jetzt soll ich dir so ohne weiteres trauen?" Timon hob eine Braue, mehr um sie zu necken, weil er nicht wusste, was er antworten sollte. Luftatmer, oh ja, das war er, aber er hatte keine Lust auf einen frühen Tod. Aber wie sollte er sich rausreden?

Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. "Wem willst du sonst trauen? Joni? Luftatmer haben seinen Sohn gefangen, er sinnt auf Rache. Yiro? Er ist ein guter Jagdführer, aber misstrauisch gegenüber allem, was er nicht kennt und leicht beeinflussbar bei allem, was nicht zur Jagd gehört. Er wird tun, was die Mehrheit will. Craig, Han, Tola? Sie kennen nur die gruseligen Geschichten über Luftatmer, aber sie setzen ihren Kopf nicht zum Denken ein."

"Und du? Woher weiß ich, dass du nicht nur freundlich zu mir bist, um mehr über mich herauszufinden und es dann gegen mich zu verwenden?" Timons Stimme war ruhig, langsam breitete sich so etwas wie Ruhe auch in seinem Inneren aus. Der erste Schock war überwunden, nun, da er nicht mehr mit der unendlichen Weite und unfassbaren Gefahren konfrontiert war. Das hier war zwar unbekannt, aber berechenbar. Nichts, gegen dass man mit Körperkraft, sondern mit Logik und Verstand kämpfen musste. "Was für einen Grund hast du, mir helfen zu wollen?"

Sie lachte trocken. "Ah, doch nicht ganz so naiv. Mein Grund liegt hier."

Geschmeidig kam sie noch näher an das Gitter und tippte mit einem Finger gegen ihre Schläfe, ehe sie ihre Hand neben seine legte. Sie war schmal und klein, aber kräftig, ihre Schwimmhäute leuchteten rot, als würde Blut zwischen ihren Fingern hervorquellen.

"Ich glaube nicht, dass alle Luftatmer Ausgeburt des Bösen sind", sagte sie so leise, dass er es eben noch hören konnte. "Ich kann selbst denken. Ich schließe mich nicht der allgemeinen Meinung an, nur weil es bequem ist oder Sicherheit bietet. Du siehst mir nicht wie ein Mörder aus. Nicht einmal gefährlich. Es mag ein Fehler sein, das zu glauben, aber ich halte an dieser Meinung fest, bis du mir Grund gibst, etwas anderes von dir zu denken."

"Danke, Brin." Timon sah sie an und stellte fest, dass er sie mochte, auch wenn er sie kaum kannte. "Vermutlich hast du recht und ich bin wirklich viel zu gutgläubig. Nein, ziemlich sicher sogar. In etwas anderem hast du jedoch nicht recht. Ich bin nicht das, was du denkst. Ich..."

Abrupt hob sie den Kopf und legte noch in der Bewegung den Finger an die Lippen. Kurz lauschte sie, dann ließ sie die Hand sinken.

"Zu spät", murmelte sie. "Sie kommen, dich zu holen."

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Wünsche von:
Katsumi: Anfeindung und Fremdenangst; Meermenschen leben nicht mit Landmenschen in Frieden
Witch & Mahadevi: Kiwan ist nicht in der Jagdgruppe, diese gehört einem anderem (evtl. verfeindeten) Stamm an
Mahadevi: Timon wird gefangen


© by Pandorah