Meerschaum

5.

"Was ist er?", flüsterte Hadiya und schob sich ein Stück weiter den flachen, mit Seegras bewachsenen Sandhügel empor, um einen besseren Blick zu erhaschen. Ihr grünes Haar wogte in der leichten Strömung wie ein Teil der Pflanzen, kaum von ihnen zu unterscheiden. Der Mann, den sie nun schon seit einiger Zeit beobachteten, saß mehrere Mannslängen entfernt neben einer der Felsnadeln und sah sich mit offenem Mund um.

Kiwan teilte die Verwirrung seiner Schwester. Der Fremde sah aus wie ein Luftatmer, doch kein Luftatmer konnte so lange unter Wasser bleiben, ohne zu ersticken, und sehr offensichtlich atmete er. Auch seine Kleidung war äußerst seltsam – er hatte sich in Lagen und Lagen von farbigem, unpraktischem Stoff eingehüllt. Seine kurzen Füße waren in starren Flossen – ohne Flossen – versteckt gewesen, ehe er sie ausgezogen hatte. Kiwan wusste, dass die Luftatmer sie zum Laufen auf hartem Untergrund nutzten, aber das ergab keinen Sinn. Sie waren unter Wasser, und dieser Mann atmete. Ob er einer der sagenumwobenen Mischlinge sein konnte?

Eigentlich wäre er schon längst zu ihm geschwommen, um ihn zu begrüßen, einzuladen und mehr über ihn herauszufinden. Es gab nur ein Problem. Kurz nach dem Aufwachen des Mannes war eine Gruppe Jäger des feindlichen Hornspeer-Stammes bei den Zähnen angekommen, und sie waren deutlich in der Überzahl. Hadiya und er hatten Glück gehabt, sie trotz ihrer Verwunderung zuerst bemerkt zu haben, so dass sie sich hatten verstecken können.

"Vorsicht, Diya", murmelte er. Ihr grüner Körper verschwamm zwar nicht zuletzt dank der hellen Zeichnung, die wie Sonnenspiel durch Wellen wirkte, vorzüglich mit dem Hintergrund, aber die Hornspeerler hatten scharfe Augen.

Sie warf ihm einen kleinen Seitenblick zu und grinste. "Nun, jetzt weiß ich immerhin, warum du trotz der Drachen wieder und wieder hierher kommen wolltest. Du hast gehofft, auf so etwas Außergewöhnliches zu stoßen, nicht wahr?"

Aus schmalen Augen musterte Kiwan die nur schwer zu erkennenden Gestalten der Jäger. Was für ein Pech, dass sie ausgerechnet an diesem Tag so weit östlich jagen mussten! Das hier war nicht ihr Gebiet, und für sie war es in doppelten Sinne gefährlich, nicht nur wegen der Drachen, sondern auch wegen des Perlmuschel-Stammes.

"Hier in der Nähe befand sich die Küste, die sich in Nichts aufgelöst hat. Hier irgendwo war es, wo ich Timon getroffen habe", antwortete er nach einem Moment des Schweigens. Damals hatte der Stamm seine Erzählung von der Küste und dem Luftatmer-Jungen für das Ergebnis seiner Angst gehalten, trotz des Zaubers, den Timon ihm geschenkt hatte. Küsten verschwanden nicht. Unwillkürlich griff er nach seinem Amulett, das neben einer neuen Perle auch die schöne Tierfigur enthielt. "Glaubst du mir jetzt?"

"Vielleicht", neckte Hadiya. "Ich..." Sie verstummte, als sie beide gleichzeitig den Hai entdeckten. Die Flossenhaltung, sein ganzer Körper verriet, dass er auf der Jagd war, und seine Richtung schien durch die typischen Pendelbewegungen zwar zufällig, war jedoch eindeutig.

"Menschenfresser", flüsterte Hadiya überrascht. "Er ist auf der Jagd nach ihm. Verdammt, was machen wir, wenn die Hornspeerler nur die Vorstellung genießen wollen? Vielleicht haben sie ihn absichtlich hergelockt."

Kiwan spürte einen Stoß Adrenalin durch seine Adern rauschen. Er löste die Sicherung des Messers an seinem Oberschenkel, dann zog er die Harpune dicht an seinen Körper, bereit innerhalb eines Wimpernschlags vorzuschießen.

"Dann greifen wir ein", sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Wenn es um Luftatmer oder vielleicht auch um Mischlinge ging, war den Hornspeerlern in ihrem blinden Hass alles zuzutrauen.

"Sie würden sich freuen, wenn ausgerechnet wir ihnen in die Hände fallen." Hadiya grinste und machte ihre Waffen ebenfalls bereit. "Nicht nur eine Frau des Perlmuschel-Stamms, die ihnen freiwillig in die Hände schwimmt, sondern sogar Kiwan Drachentod persönlich. Damit hätten sie eine großartige Verhandlungsbasis für jegliche Forderungen."

"Du kannst hier bleiben und Vater benachrichtigen, falls etwas passiert", schlug Kiwan neckend vor, obwohl er wusste, dass sich seine Schwester nie darauf einlassen würde.

Hadiyas Grinsen wurde raubtierhaft. "Du hast mich nicht mitgenommen, damit ich Botendienste verrichte, Brüderchen."

Doch nur einen Wimpernschlag später entspannte sie sich und glitt geschmeidig ein Stück zurück und tiefer in den Schutz der Sandmulde. Mit einer kleinen Kopfbewegung wies sie zur Jagdgruppe hin. "Sieht aber so aus, als sei unser Einsatz nicht nötig. Sie scheinen sich dafür entschieden zu haben, ihn für etwas anderes als Haifutter benutzen zu wollen."

In dem Moment schwärmten die Jäger aus. Dann geschah alles gleichzeitig. Einer schoss hervor und zerrte den seltsamen Mann aus der Gefahrenzone, während die anderen sich lautlos auf den Hai stürzten.

"Lass uns näher ran schwimmen, während sie abgelenkt sind", flüsterte Kiwan und drängte bereits nach vorne, der Welle des Sandhügels folgend. "Ich will wissen, was sie mit ihm vorhaben. Vielleicht können wir etwas herausfinden."

Dicht am Boden und im Schutz der Seegräser schwammen sie mit sparsamen Bewegungen auf die Felsnadel zu, an der der Mann erwacht war. In ihrem Schatten hielten sie nur kurze Zeit später an. Hadiya kauerte sich an ihrem Fuß zusammen, nahezu unsichtbar in den Grasbüscheln.

Kiwan schob sich vorsichtig um den Felsen herum, bemüht, die Pflanzen nicht zu unnatürlichen Bewegungen zu bringen, die ihn verraten würden. Schließlich hatte er, verborgen hinter einem Vorsprung und geschützt von einer Geweihkoralle, freie Sicht auf die Hornspeerler direkt vor der Felsnadel. Die Jäger kämpften noch immer, doch der Hai war bereits stark geschwächt. Mit anerkennendem Blick beobachtete Kiwan, mit welchem Geschick sie ihn niederzwangen. Der Kampf hatte nicht lange gewährt, und niemand war verletzt worden.

Vier Jäger kümmerten sich um die Vorbereitung der Beute zum Transport, während sich die anderen zu dem Mann begaben, der in sicherer Entfernung gewartet hatte. Leider brachten sie ihn nicht näher, und durch die ungünstige Strömung wurden die Worte von Kiwan weggetragen. Was die Männer und Frauen besprachen, die den Hai mit Seilen sicherten, war jedoch nur zu gut zu verstehen.

"Landkriecher mit Magie, das ist er", grollte eine Frau und presste eine Hand gegen den Kadaver, um mit einem kräftigen Ruck eine der Harpunen zu lösen, die nicht sonderlich tief eingedrungen war. "Hier, um uns auszukundschaften."

"Joni hatte recht, wir hätten dem alten Gevatter noch eine letzte Mahlzeit gönnen sollen." Einer der beiden Männer prüfte einen Knoten hinter der Brustflosse des Hais. "Da hätte er mal den Richtigen gerissen."

"Brin musste ja dagegen halten." Die Frau schnaubte. "Der Tag, an dem sie mal keine Widerworte gibt, ist der Tag, an dem sie gestorben ist. Aber Yiro musste ja auf sie hören."

"Ha, von wegen kein Landkriecher. Als ob ein Bastard besser wäre."

"Wir nehmen ihn mit!" Die Worte des Anführers unterbrachen die Unterhaltung. Der große Mann drehte sich um und kam mit den meisten Jägern zum Hai zurück.

Rasch zog Kiwan sich zurück, um nicht entdeckt zu werden. Eng an den Felsen und in das Seegras geschmiegt lauschten er und seine Schwester den Geräuschen, die der Aufbruch verursachte. Die Strömung trug sie von ihnen weg, so dass sie, als es bereits still geworden war, sicherheitshalber noch einen Moment länger warteten. Dann erst wagten sie sich dicht am Boden um die Felsnadel herum. Der Platz war leer, lediglich aufgewühlter Boden und ausgerissene Pflanzen zeugten von dem Kampf. Im blauen Dunst der Ferne konnten sie die Gruppe gerade noch ausmachen.

"Sie werden ihn töten", sagte Hadiya, nachdem er ihr kurz geschildert hatte, was er belauscht hatte. Es war eine sachliche Feststellung, keine Vermutung.

Kiwan wechselte einen Blick mit ihr, sie nickte knapp. Mehr war nicht nötig. Langsam folgten sie den Jägern. Kiwan konnte schwach das Blut des Hais riechen, was ebenso eine Spur war, der er folgen konnte, wie die schwachen Schemen in der Ferne. Eine Zeit lang hielten sie sich dicht am Grund, selbst als dieser immer weiter abfiel. Bald befanden sie sich tief unter den Jägern im dunkler werdenden Zwielicht. Erst dann schwammen sie selbst ins freie Wasser hinaus.

Ihre Position gab ihnen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil – sie konnten schwerer entdeckt werden, aber die große Gruppe war gut gegen die lichte Oberfläche auszumachen. Kiwan, dessen Körper dunkler war, schwamm oben, so dass herabschauende Feinde ihn gegen die Dunkelheit der Tiefe schwer erkennen würden. Hadiya hielt sich direkt unter ihm, ihr hellerer Körper täuschte hungrige Augen von unten, gaukelte ihnen vor, ein Stück der Oberfläche zu sein.

Ihre Aufgaben waren genauso verteilt, ohne dass sie darüber hätten sprechen müssen. Kiwan behielt die Jagdgruppe im Auge und stellte sicher, dass sie in ihrer Spur blieben, während Hadiya nach Gefahren Ausschau hielt, um sie herum genauso wie aus der unüberschaubaren Tiefe.

Unvermittelt berührte sie ihn an der Hüfte. Aus den Augenwinkeln sah er Hadiya deuten und folgte ihrer Geste mit dem Blick. Er erschrak, als er die riesige Gestalt entdeckte, vor ihnen, nur wenig unterhalb ihrer eigenen Höhe. Dann erkannte er jedoch den wuchtigen Kopf und die schlanke Form mit der langgestreckten Flosse, die dem fischartigen Drachen seinen Namen gegeben hatte – Schlangendrache.

Mit leichten, mühelosen Bewegungen wichen sie seiner Bahn aus. Schlangendrachen waren zwar Räuber, aber sie stellten ihre Beute vorwiegend durch Auflauern. Sie waren nicht sonderlich schnell, und meist war es ihnen zu mühsam, Menschen zu jagen. Dennoch sollte man ihnen nicht direkt vor den Rachen schwimmen.

Kiwan spürte das Verlangen, dem Tier zu folgen und es zu beobachten, als es so dicht an ihnen vorbei zog. Es war herrlich anzusehen in seiner geschmeidigen Kraft. Doch dafür war keine Zeit. Als er das Wasser über ihnen absuchte, konnte er die Jäger und den Hai kaum mehr erkennen. Zwei Gestalten jedoch sonderten sich ab und kamen langsam und vorsichtig näher. Und diese waren eine weitaus größere Gefahr als jeder Schlangendrache.

Mit einer schnellen Geste machte er Hadiya auf sie aufmerksam, und eilig änderten sie die Richtung. Sie wichen seitlich aus, tauchten noch tiefer. Das Meer wurde kälter und dunkler, leises Brummen erfüllte das Wasser – irgendwo weit entfernt sang ein Buckelwal. Die Jäger waren im dunklen, richtungslosen Blau nicht mehr zu entdecken. Doch da sie die ganze Zeit über die gleiche Richtung beibehalten hatten, war Kiwan zuversichtlich, dass sie keine Schwierigkeiten haben würden, sie wiederzufinden.

Als sie in eine Tiefenströmung gerieten, die kaltes Wasser nach oben brachte, wusste Kiwan, dass sie ihrem Ziel nahe waren. Solche Strömungen kamen häufig in der Nähe von Unterseebergen vor, und an einem solchen lag das Dorf des Hornspeer-Stammes. Sie schwammen dagegen an, um nicht mitgenommen zu werden.

Nur wenig später tauchten gedämpfte Lichter über ihnen auf, das Wasser vor ihnen schien schwarz zu werden, doch es war nur eine Felswand, die sich vor ihnen erstreckte. Sich eng an den Stein und im Schutz der zerklüfteten Klippen haltend stiegen Kiwan und Hadiya langsam nach oben empor. Stimmengewirr hallte ihnen entgegen, aus der Entfernung klang es wie brechende Wogen.

Über ihnen erstreckte sich die Siedlung; wie ein Schwarm aufgeregter Fische bewegten sich die Hornspeerler davor. Das ganze Dorf schien zur Begrüßung der Jäger gekommen zu sein – und um den ungewöhnlichen Mann zu betrachten. Kiwan konnte ihn nicht sehen, doch er war sich sicher, dass er dort steckte, wo die Hornspeerler am dichtesten versammelt waren.

Die Bewegungen wurden gerichteter, als würden sie nun Anweisungen folgen, und nur Momente später wurde der Fremde von zwei Jägern, einem Mann und einer Frau, nach unten geführt. Kiwan beobachtete, wie sie ihn in eine der Höhlen brachten, die der Klippe nahe war, hinter der sich Hadiya und er versteckten. Der Mann kam bald wieder heraus, die Frau blieb offensichtlich zurück, um den Fremden zu bewachen.

Langsam leerte sich der Platz vor dem Dorf, als die Männer und Frauen zur Versammlungshalle strömten, ein ausgehöhlter Vorsprung weiter oben, nahe der Oberfläche beim Licht gelegen. Nur die Kinder blieben zurück, bewacht von älteren Geschwistern, die noch nicht ganz erwachsen waren und somit keinen Zutritt zum Rat hatten. Sie hielten sich auffällig nahe der Höhle des Gefangenen, so dass Kiwan seinen kurz aufgetauchten Plan, ihn trotz der einen Wache gleich zu befreien, wieder verwarf.

"Lass uns schauen, ob wir ungesehen in die sichere Zone des Dorfes kommen", flüsterte Hadiya. Die Strömung war kalt, jetzt, da sie sich nicht bewegten, und ihre Amulette boten nur begrenzt Schutz dagegen.

Kiwan nickte. Langsam und vorsichtig schlängelten sie sich in Spalten und unter Felsnasen weiter nach oben, bis die Wärme des Dorfes sie umfing. Erleichtert drängten sie sich dicht beieinander in einen Riss im Felsen, seitlich der Höhle mit dem Gefangenen, aber immer noch unterhalb.

Die Besprechung schien nicht allzu lang zu wären, was Kiwans Verdacht bestätigte, dass der Mann im Grunde genommen schon verurteilt war. Zwei junge Männer kamen und holten ihn ab, gefolgt von tuschelnden, neugierigen Kindern. Die graue, rotflossige Frau, die ihn bewacht hatte, folgte ihnen. Hadiya schob sich ein wenig vor und folgte der kleinen Gruppe mit Blicken, bis sie in der Versammlungshalle verschwunden waren.

"Ich glaube, es wäre einfacher gewesen, wenn wir ihn den Jägern entführt hätten", murmelte sie und schnitt eine Grimasse. "Hoffentlich bringen sie ihn nicht vor der Nacht um. Dann haben wir noch eine Chance."

"Ansonsten müssen wir testen, wie weit der Einfluss von Drachentod reicht", gab Kiwan leise zurück. Bei vielen Stämmen war sein Ruf beeindruckend genug, so dass er einigen Einfluss nehmen konnte, aber das waren nicht die unmittelbaren Nachbarn des Perlmuschel-Stammes und nicht die direkten Feinde. Er zweifelte, dass er viel würde ausrichten können, höchstens etwas Zeit erkaufen. Und dann wären sie ebenfalls Gefangene.

*

Timon hatte erwartet, dass Joni bei denjenigen sein würde, die ihn holten. Er hatte sich geirrt. Stattdessen kamen zwei junge Männer, die gerade so den Kinderschuhen oder eher -flossen entwachsen waren. Sie nahmen ihre Aufgabe offensichtlich sehr ernst, denn ihr Griff, mit dem sie ihn empfingen, nachdem er aus seiner Zelle gekommen war, schmerzte, und ihre Mienen waren finster.

"Ich kann auch alleine schwimmen, wisst ihr?" Er versuchte sich loszumachen, aber es hatte keinen Sinn.

"Sei still", knurrte der eine, was in Timons Magen eine Mischung aus Furcht und Verärgerung weckte. Dennoch hörte er auf, sich zu wehren.

Immerhin kam Brin mit, was eine gehörige Portion Erleichterung zu dem bunten Gefühlscocktail in seinem Bauch hinzufügte. Sie schwammen an der Felswand empor, auf einen Überhang zu. Der Weg führte dicht an den Höhlen vorbei, und unter anderen Umständen hätte Timon die Vielfalt an Korallen und Anemonen zu würdigen gewusst. Doch sein Kopf war viel zu sehr damit beschäftigt, sich Ausreden und Erklärungen einfallen zu lassen und an sein Überleben zu denken.

Als sie näher kamen, entdeckte er, dass der Überhang mehrere geschmückte Öffnungen aufwies. Schneckenhäuser und Muschelschalen bildeten zusammen mit bunten Steinen und geschnitzten Figuren faszinierende, farbenprächtige Muster. Männer und Frauen, die vielleicht im Inneren keinen Platz gefunden hatten, warteten schon auf sie und starrten ihnen entgegen.

"Landkriecher", zischte ein Mann ihm entgegen. "Verdammt mögest du sein."

Timons Unbehagen wuchs.

Sie schwammen durch ein Loch von unten in den Überhang. Warmes, ein wenig stickiges Wasser empfing sie. Der Raum, in den sie an der tiefsten Stelle kamen, war überraschend weit und hoch. Öffnungen in der Decke ließen die von Wasser gefilterte Sonne hinein, doch das war nicht die einzige Lichtquelle. Zwischen in den Stein eingelassenen Sitzbankreihen, die nicht nur am Boden, sondern auch an den Wänden zu finden waren, gab es immer wieder kleine Inseln mit Seegras, in denen die runden Lichtkugeln ruhten. Weitere Kugeln schmiegten sich an die Decke, umgeben von den allgegenwärtigen Korallen. Die Bankreihen an sich waren mit Kissen ausgelegt, von denen man jedoch nur hier und dort etwas sah, denn es war voll – offensichtlich war das gesamte Dorf versammelt.

Brin suchte einen Sitz auf, der noch frei und deswegen vermutlich ihr fester Stammplatz war, während die Wächter Timon nur wenige Flossenschläge weiter in die Mitte des Raumes brachten. Zwischen all den unbekannten, fremden Gesichter erkannte Timon zumindest zwei wieder.

Vor ihm gab es an der Stelle, an dem der Raum die größte Ausdehnung hatte, einen Platz, wo die Menschen nicht dicht an dicht saßen. Sie hielten ein wenig Abstand zu einem Paar, zu dem Yiro gehörte. Der Meermann trug nun mehr Ketten als auf der Jagd, besetzt mit Haizähnen, Krallen und Dingen, die Timon nicht identifizieren konnte. Neben ihm thronte eine graublaue Frau, deren zerfurchtes Gesicht und der faltenreiche Körper vermuten ließen, dass sie trotz ihrer sehnigen Statur und ihrer aufrechten Haltung sehr alt war. Ihr Haar war jedoch genauso dicht und wild wie das aller Meermenschen. Auf der Sitzreihe zu ihren Füßen saß Joni. Finster starrte ihm der graue Mann entgegen.

"Dorfführerin Udra, Jagdführer Yiro, wir bringen den Gefangenen." Der junge Mann zu Timons Linken klang eifrig und bemüht wichtig.

Die alte Frau nickte. "Ihr könnt ihn loslassen. Danke." Dann wandte sie sich an Timon und musterte ihn mit stechenden, dunklen Augen. "Wer bist du? Wo kommst du her?"

"Timon – ohne Stamm, wie Yiro bestimmt schon erzählt hat. Ich komme aus dem Norden." Timon war sich der zahlreichen Augen auf sich nur zu deutlich bewusst. Sie machten ihn nervös. Das hier war schlimmer als jedes Referat vor einem vollbesetzten Hörsaal. Er musste an sich halten, um sich nicht die schmerzenden Oberarme zu reiben. Bestimmt würde er blaue Flecken bekommen.

"Woher aus dem Norden? Von über oder unter dem Wasser?" Ihre Stimme war harsch, und Timon begriff, dass sie ihn schon längst verurteilt hatte.

"Spielt das eine Rolle?", fragte er ruhig und verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte sein Herz ängstlich flattern, doch die Wut darüber, dass sie ihm nicht einmal eine Chance geben wollten, hielt es in Schach.

Ein empörtes Raunen ging durch die Menge; die Schwingungen konnte man im Wasser nicht nur hören, sondern auch spüren. Udras Augen wurden schmal.

"Beantworte die Frage", befahl Yiro grollend.

"Warum? Ihr habt doch schon beschlossen, was ihr hören wollt." Es war bestimmt keine gute Idee, sich den Zorn der Meerleute zuzuziehen, aber Brin hatte gesagt, sie würden ihn töten, wenn sie ihn zum Luftatmer erklären. Timons Herz kroch in seinen Hals empor. "Ihr nehmt mich gefangen, ohne dass ich euch etwas getan habe, sperrt mich in einen Stall und schleppt mich zu einer Art Gerichtsverhandlung, ohne mir auch nur die Klage zu nennen. Was werft ihr mir vor?"

Das Zornesgemurmel um ihn wurde lauter.

"Ruhe!", bellte Yiro, und die Stimmen verstummten.

"Du willst wissen, wessen wir dich anklagen?" Udra musterte ihn noch immer aus schmalen Augen. Sie sah aus wie ein Falke, der seine Beute fixierte, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich unter Wasser befanden und dass Timon nicht die Größe einer Maus hatte. Ihr Blick ließ ihn sich auf jeden Fall so fühlen.

"Du forderst eine Antwort?" Sie richtete sich noch gerader auf, ihre Stimme wurde lauter und hallte durch den Saal. "Dein Volk spricht uns das Recht ab, Mensch zu sein. Du hast keine Rechte zu fordern. Doch der Hornspeer-Stamm ist nicht so ehrlos wie die deinigen. Also sollst du die Anklage hören, Timon Ohne-Stamm. Du stehst hier als Vertreter der Luftatmer. Dein Volk fängt unsere Kinder und verschleppt sie. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Dein Volk tötet wahllos unsere Männer und Frauen, sobald es unser ansichtig wird. Dein Volk vergiftet das Meer, durch seine Abfälle ohnehin, aber auch, indem es Gift in die Flüsse leitet, um uns zu schaden. Dein Volk schickt uns die unsrigen zurück, wenn sie krank und sterbend sind, damit sich Krankheit und Siechtum auch in den freien Dörfern verbreiten. Darum stehst du hier vor dem Rat, Timon Ohne-Stamm", sie spuckte die Worte förmlich aus, "um für die Vergehen deines Volkes bestraft zu werden."

Timon starrte in ihr zorniges und doch ruhiges Gesicht, sah den Hass in all den anderen Mienen, die ihn umgaben. Das zustimmende Brummen der Stimmen hüllte ihn ein und drohte, ihm den Atem zu rauben. Die Last der Vorwürfe schien ihn niederzudrücken, auch wenn er nichts von alledem zu verantworten hatte. Sie würden ihm nicht glauben, dass er bis zu diesem Tag nicht einmal von den Meermenschen gehört hatte.

Es gab keine Verteidigung, er fühlte es, er wusste es. Das war kein gerechter Prozess, den er bekommen sollte. Lynchjustiz wäre wohl das passende Wort gewesen. Irgendwo in dem Wirrwarr seiner Gedanken fand Timon sogar einen, der ein wenig Verständnis aufbrachte, sollten sich all die Vorwürfe als wahr erweisen. Der Rest in ihm protestierte jedoch laut und vernehmlich.

"Ehre", sagte er und war froh, die Arme noch immer vor der Brust verschränkt zu haben. So konnte wenigstens niemand sehen, dass seine Hände zitterten. "Du sprichst von der Ehre des Hornspeer-Stammes. Aber was ist das für eine Ehre, die einen Mann verdammt, ob er schuldig ist oder nicht?"

"Willst du abstreiten?" Joni stieß sich abrupt von seinem Kissen ab und deutete auf ihn. Seine Miene war weit entfernt von Zorn und Empörung, sie war verzerrt vor Hass. "Willst du abstreiten, dass die Landkriecher mir meinen Sohn geraubt haben?"

"Nein, wie sollte ich? Ich war nicht dabei." Die Wut in Timon wuchs, er näherte sie, denn sie war besser als lähmende Angst. "Aber ihr sprecht von meinem Volk. Wer ist mein Volk? Die Luftatmer? Ihr sagt, ich bin einer von ihnen. Warum? Weil ich keine Schwimmhäute habe?" Er reckte seine Hand mit gespreizten Fingern nach vorne und Joni entgegen. "Weil ich keine Kiemen habe und keine Flossen? Wenn die Luftatmer mein Stamm wären, hätte ich mehr Leben als alle Köpfe eures Dorfes zusammengenommen, denn ich wäre allein auf dem Weg von den Zähnen des Drachen bis hierher unzählige Male ertrunken."

Er drehte sich einmal um sich, ließ seinen Blick über die Dorfbewohner gleiten. Sie alle starrten zornig oder hasserfüllt zurück. Ganz gleich, was er zu sagen hatte, er würde sie nicht umstimmen. Zauber, hatte Brin seine Fähigkeit zur Wasseratmung genannt, und sie hatte Recht. Vielleicht warfen sie ihm sogar vor, für die Landmenschen zu spionieren.

"Ist das alles, was du zu deiner Verteidigung zu sagen hast?", fragte Udra kühl.

"Nein, ist es nicht." Timon wandte sich ihr wieder zu. Ein Plan formte sich in seinem Kopf, verzweifelt, wahnsinnig, aber der einzige, der ihm einfiel. Fliehen konnte er nicht, selbst die Kinder waren schneller als er. Kämpfen kam auch nicht in Frage, vermutlich war er sogar dem schwächsten von ihnen unterlegen. Gegen sie konnte er nicht bestehen. Er musste einen Weg finden, sie auf seine Seite zu bringen. Zumindest genug von ihnen, damit sie ihn nicht hier und jetzt verurteilten. Er brauchte Zeit, um einen Plan zu finden, der Erfolg haben konnte. "Ihr haltet mich für einen Luftatmer, ja? Was wäre, wenn ihr recht hättet? Joni hat seinen Sohn durch die Luftatmer verloren. Wer noch? Wer unter euch hat noch einen Sohn oder eine Tochter verloren?"

Er fing Brins erschrockenen Blick auf, sie hielt ihn für selbstmörderisch oder verrückt. Hastig schaute er weg, um sich nicht beirren zu lassen. Vielleicht dachte sie auch, dass er es nur schnell hinter sich bringen wollte.
"Sie haben meine Söhne geholt." Ein junge Frau stieg ein Stück über ihrem Platz empor. "Und dafür will ich dich bluten sehen!"

"Sie haben meine Tochter mit ihren Netzen gefischt, sie hat nach mir gerufen, Landkriecher!" Ein bärbeißiger Meermann starrte ihn an. "Und ich konnte weder die Taue durchtrennen, noch ihr gepanzertes Schiff versenken. Sie haben sie vor meinen Augen aus dem Wasser gezogen, diese verdammten Bastarde, und sie haben gelacht!"

Es meldeten sich noch mehr, und mit jeder Anklage wurden die Stimmen lauter und hasserfüllter. Timon hatte das Gefühl, dass ihm sein ohnehin nicht gerade brillanter Plan entglitt. Die Menschen lehnten sich bereits nach vorne, als wollten sie sich jeden Augenblick auf ihn stürzen, um ihn hier und jetzt zu zerfleischen. Ein kurzer Blick zeigte ihm, dass Yiro und Udra vermutlich nicht eingreifen würden. Udra wirkte selbstzufrieden, als hätte sich die Verhandlung besser entwickelt, als sie vermutet hatte.

"Ihr wollt Rache für eure verlorenen Kinder?", rief Timon. Er musste sich anstrengen, um die Leute zu übertönen. "Was nützt euch Rache? Bringt sie euch die Kinder zurück?"

"Nein, aber wenn wir deinen zerstückelten Leichnam an Land werfen, werden sie es sich vielleicht zweimal überlegen, ehe sie uns herausfordern", sagte die Frau schrill, die zuerst gesprochen hatte.

"Das werden sie nicht. Ich weiß es, und ihr wisst es auch." Timon sah sie direkt an. "Willst du deine Söhne zurück?" Er drehte sich zu dem bärbeißigen Mann. "Und du deine Tochter? Sie sind nicht getötet, sie sind entführt. Was wollt ihr tun, um sie zu retten? An Land gehen? In die Luft? Wie wollt ihr das anstellen? Ihr könnt es nicht. Ihr erstickt, bevor ihr nur die ersten Meter den Strand empor gekrochen seid. Ich bin kein Landkriecher. Ich bin nicht einmal im entferntesten das, was ihr euch vorstellt. Aber ich kann Luft atmen, so wie ich Wasser atmen kann. Ich kann laufen, so wie ich schwimmen kann. Ihr könnt mich töten und eure Rache haben. Aber ihr könnt auch eure einzige Chance ergreifen, eure Kinder zurückzubekommen."

Totenstille erfüllte den Raum. Niemand rührte sich.

Dann brach die Hölle los.


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Wünsche von:
Umfrage: 66 % stimmten für einen wechselnden POV zwischen Timon und Kiwan
Katsumi: Kiwan und Timon sollten sich bald treffen (ist in die Wege geleitet), Kiwan kommt nicht aus Neugierde
Mahadevi: geplante Hinrichtung Timons
Deischy: Kiwan ist nicht einfach nur ein gewöhnlicher Meermann, das wäre langweilig
Witch23: Timon kann sich "rausreden" und der Hinrichtung erst mal entziehen; Kiwan ist nicht Sohn des Häuptlings, sondern Kiwan Drachentod, und er ist eine kleine Legende
Mahadevi, Katsumi & Witch23: Kiwans Stamm heißt Perlmuschel-Stamm


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