Meerschaum

6.

Wogen aufgewühlten Wassers drangen aus allen Richtungen auf Timon ein; er hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben, ohne wild mit den Armen zu rudern. Meermenschen schossen von ihren Sitzen empor, wollten mit erhobenen Fäusten auf ihn eindringen, andere wandten sich gegen sie und hielten sie auf. Der bärbeißige Mann war unter ihnen.

"Ruhe!", donnerte Yiros Stimme über die empörten Rufe. "Zurück!"

Kaum jemand schien auf ihn zu hören. Eine schmale Hand griff nach Timons Ellbogen und stabilisierte ihn. Erschrocken zuckte er zusammen, drehte sich um, bereit zu kämpfen, doch es war Brin. Kurz trafen sich ihre Blicke; Entschlossenheit stand in ihren Augen. Inmitten des Chaos und der Angst empfand Timon Dankbarkeit und neuen Mut. Warum auch immer, Brin stand fest auf seiner Seite.

"Ruhe! Das ist der Rat!" Dieses Mal mischte sich die klare Stimme Udras unter Yiros dröhnenden Bass. Die Leute hielten inne, alle Blicke wandten sich den Stammesführern zu, die über ihren Sitzen schwebten, um gesehen und gehört zu werden. Zögernd, einige widerwillig, ließen die Menschen sich auf ihren Plätzen nieder, manche zogen andere mit sich. Noch immer schwebte Gemurmel wie das zornige Brummen eines Hornissenschwarms im Raum.

"Ihr stellt euch wegen eines Landkriechers gegeneinander?" Udras Stimme klang wie Eis, ihre Blicke schienen Blitze zu versprühen. "Wegen seiner Worte werdet ihr uneins und missachtet die Regeln des Rates?"

"Udra hat recht." Yiro richtete sich zu voller Größe auf; sein dunkelgrünes Haar fächerte leicht aus, so dass er noch größer wirkte, ein Fels, an dem niemand vorbei kommen konnte.

Timon spürte, wie sich Brins Griff um seinen Ellbogen festigte; sein Magen sackte hinab. Das war seine einzige Chance gewesen.

"Brin!" Yiro wandte sich ihr nicht zu, sondern umfing den gesamten Rat mit einem zwingenden Blick, der die letzten Stimmen verstummen ließ. "Bring den Gefangenen zurück in den Stall. So lange er hier ist, können wir nicht beraten. Dazu sind die Gemüter zu erhitzt. Bewache ihn. Ohne die Erlaubnis der Stammesführer darf niemand zu ihm, weder im Guten noch im Bösen. Das ist ein Befehl."

Überrascht starrte Timon ihn an; er fühlte sich, als hätte er den Halt erneut verloren und würde im Raum treiben. Damit hatte er nicht gerechnet, und dem verkniffenen Gesicht nach zu urteilen, die Dorfführerin ebenso wenig. Doch noch ehe sich seine Gedanken neu geordnet hatten, zog Brin an seinem Arm.

"Komm", sagte sie ruppig und zerrte ihn mit.

Er wehrte sich nicht. Ganz automatisch folgte er ihr, mehr geführt als aus eigener Kraft, hinaus aus der Versammlungshalle und ins kühle, frische Wasser. Blicke folgte ihnen, er konnte sie wie Berührungen spüren. Dann waren sie hindurch und schwammen die Klippe hinab. Es wurde dunkel, die Lampen leuchteten heller, das Wasser jenseits des Dorfes nahm an Schwärze zu.

"Was...", begann er, doch Brin unterbrach ihn.

"Gleich", sagte sie leise. "Komm."

Sie glitten tiefer, ohne dass sie ihren Griff gelockert hätte, und zurück in den Gang, der zu Timons Zelle führte. Erst hier ließ sie ihn los und lächelte schmal. "Du wirst mir ja nicht davon schwimmen."

Timon grinste schief und wünschte sich Flossen. "Wohl kaum."

Weit entfernt von ihrer Eleganz paddelte er den Gang entlang, bis sie zu der offenen Gittertür seiner Zelle kamen. Mit einem unwilligen Seufzen schwamm er in den Raum dahinter. Er fühlte sich müde und aufgedreht zugleich, wollte sich in ein Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen oder einmal rund ums Dorf rennen, um überschießende Energie loszuwerden.

Als er sich zu Brin umdrehte, entdeckte er, dass sie in der Türöffnung schwebte und ihn anstarrte, prüfend, suchend. Er öffnete den Mund, um eine Frage zu stellen, doch sie schüttelte nur den Kopf.

"Ich weiß nicht, ob du vollkommen wahnsinnig oder unglaublich gewitzt bist", sagte sie mit Verwunderung in der Stimme. "Das war das dümmste oder vielleicht auch das klügste, was du hättest sagen können."

Timon lachte abgehackt und stabilisierte seinen Stand, indem er eine Hand gegen die niedrige Decke drückte. "Nun, was hätte ich sonst tun können? Nach dem, was du mir erzählt hast?"

Sie antwortete nicht darauf, die Verwunderung in ihrer Miene wich einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. "Würdest du es tun?"

"Was?"

"An Land gehen und die Kinder suchen."

Timon wandte den Blick ab und an Brin vorbei zur grauen Felswand hinter ihr. Grau wie Brins Haut. Ihr rotes Haar trieb wie ein Blutschleier am Rande seines Sichtfelds. Eine lange Zeit starrte er nur blicklos, und als er antwortete, sah er sie nicht an.

"Ich weiß nicht, wo ich bin, Brin. Weder über, noch unter Wasser. Ich habe keine Ahnung von den Luftatmern hier. Es können welche sein, die ich kenne. Oder aber auch nicht. Ich weiß es nicht." Die Küste war verschwunden; er hatte Tiere gesehen, die es nicht gab; es existierten ganze Dörfer unter der Wasseroberfläche, von denen nie ein Wort an die Öffentlichkeit gedrungen war – die Medien hätten sich doch mit Sicherheit darauf gestürzt, wenn etwas bekannt gewesen wäre. "Dieses ganze Abenteuer ist vollkommen verrückt. Vielleicht hast du recht, wenn du mich wahnsinnig nennst. Aber eines kann ich dir versprechen. Wenn ich zurückkomme, werde ich auf jeden Fall nach den Kindern suchen."

"Zurück." Kleine Strömungen streiften Timon, als Brin das Gitter vor die Zelle schob. "Du kommst also tatsächlich von der Oberfläche. Oder du warst zumindest da. Bist du wirklich kein Mischling?"

Timon ließ sich auf den Boden und das Polster seiner Jacke sinken. Er zog die Beine in einen halben Schneidersitz und umfing sie mit den Armen. Hinter dem Gitter tat Brin das gleiche. "Nein, bin ich nicht. Da, wo ich herkomme, gibt es Menschen wie euch nur in Legenden und Märchen. Menschen, die unter dem Wasser leben." Im letzten Moment hielt er sich davon ab, nach seiner Kette zu greifen. "Warum hat Yiro mich mit dir weggeschickt? Udra schien nicht begeistert, dass er es überhaupt getan hat. Und warum immer du? Weil du im Rat für mich sprechen könntest?"

Brin legte den Kopf schief und lächelte leicht. "Nein. Er weiß, dass er mir mit dir vertrauen kann. Ich werde dich beschützen. Wenn jemand es auf dein Leben abgesehen hat, muss er an mir vorbei. Niemand wird sich an einem Mitglied des eigenen Stammes vergreifen, um an den Luftatmer zu kommen. Und aus dem Weg schwimmen werde ich nicht."

"Aber warum hat er das getan?", fragte Timon ratlos. "Zuerst war er doch mit Udra einer Meinung, und die schien mir ziemlich tödlich für mich zu sein."

Sie musterte ihn mit ihren unergründlichen, roten Augen. "Der Mann, der davon erzählt hat, dass man ihm seine Tochter vor den Augen weggefangen hat... Du erinnerst dich? Sein Name ist Ero; du hast neue Hoffnung in ihm geweckt. Er ist Yiros Bruder."

"Das... ist ein Grund", entgegnete Timon leise.

Also hatte auch Yiro ein Familienmitglied verloren. Wenn man es so sah, war vermutlich das gesamte Dorf betroffen; irgendwie war bestimmt jeder mit einem der entführten Kinder verwandt. Die Vorstellung ließ ihn sich elend fühlen. Im Fernsehen wurde immer groß davon berichtet, wenn ein einzelnes Kind verschwunden war, und hier waren es viele. Bestimmt war es auch nicht das einzige Dorf, das betroffen war.

Er versuchte, die Vorstellung zu verdrängen. Darüber und wie er die Kinder finden konnte, würde er nachdenken, wenn er nicht mehr in Lebensgefahr schwebte. Doch leicht war es nicht. "Toll, ich habe euren Stamm samt seiner Anführer gespalten. Wenn ich ein Spion wäre, hätte ich das nicht besser planen können. Was habt ihr doch für ein Glück."

Brin lachte auf. "Nun, vielleicht ist deine Naivität doch nur gespielt? Als du so sicher vor dem Rat gesprochen hast – ich war beeindruckt."

Mit einem kleinen Grinsen zwinkerte Timon ihr zu. "Vielleicht lohnt sich das ganze Training von den Referaten doch." Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hätte er auch Blubbern können, und das brachte ihn zum Lachen, weil er so selbstverständlich angenommen hatte, dass sie den Scherz verstand. Er winkte ab, statt zu erklären. "Ein Luftatmer-Ding."

"Nein, weiche nicht schon wieder aus", entgegnete Brin sehr entschieden. "Du wolltest mir gerade anfangen zu erzählen, als sie dich holen kamen. Jetzt haben wir Zeit. Erzähl mir und helfe mir, dir zu helfen. Ich meinte das ernst." Dann zwinkerte auch sie. "Außerdem bin ich neugierig."

"Danke, Brin." Timon lächelte und legte eine Hand gegen das Gitter, dort wo ihre ruhte. Sie hatte recht. Sein Plan hatte funktioniert, sie hatten Zeit gewonnen. Jetzt mussten sie sich etwas ausdenken, was funktionieren konnte.

*

Die Schwärze der Nacht kroch die Felsen empor. Die Leuchtkugeln des Hornspeer-Dorfes waren die einzigen Lichtquellen, die es noch gab, doch sie reichten nicht weit. Die meisten Kinder waren zu Bett gebracht worden, und die wenigen älteren trieben sich in der Nähe des Versammlungsraums herum, um mitzubekommen, was besprochen wurde. Noch immer brandeten die murmelnden Stimmen des Rates zu Kiwan und Hadiya hinab, an- und abschwellend wie die Gezeiten.

Selbst in der Wärme des Schutzzaubers war der Fels kalt, gegen den Kiwan nun schon seit einiger Zeit lehnte. Er fühlte sich steif und durchgefroren; einzig der Körper seiner Schwester spendete Wärme.

"Das ist unsere Chance. Nur noch kurze Zeit, dann ist es ganz dunkel", flüsterte er und lugte behutsam an dem Überhang vorbei. "Wenn wir vorsichtig sind, sehen sie uns nicht. Es ist noch immer nur die eine Frau bei ihm. Zu zweit können wir sie überwältigen, ohne dass sie Alarm schlägt."

Hadiya nickte und streckte sich. "Alles ist besser, als weiter hier zu hängen wie zwei matte Seegurken."

Angespannt warteten sie, bis die Nacht die Reste des Tageslichts verschluckt hatte. Zu ihrer Freude erloschen mit den letzten Sonnenstrahlen auch zahlreiche der Lampen. Sie ließen ihren Augen einen Moment Zeit, um sich an die veränderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen, dann schoben sie sich dicht am Fels zur Höhle empor.

Mit sparsamen Bewegungen, um die Wächterin nicht durch Wellen zu warnen, glitten sie in den Gang hinein. Die Gittertüren verrieten, dass hier die Ställe untergebracht waren. Kiwan riskierte einen kleinen Blick in den ersten Käfig. Dicke Lippfische lagen schlafend in ihren Nischen, trotz der Sicherheit der Gitter umhüllt von ihrer nächtlichen Schleimschicht, die in der Wildnis verbarg, dass sie lebende Wesen waren. Von ihnen ging keine Gefahr aus.

Das Wasser trug Stimmen vom hinteren Teil des Ganges heran. Kiwan wechselte einen Blick mit Hadiya, sie nickten einander zu und drangen weiter bis zu einer Biegung vor. Mit angehaltenem Atem und eng angelegtem Haar riskierte Kiwan einen Blick um die Kurve. Vor einer der Zellen, hinter deren Gittertür der seltsame Mann zu sehen war, saß die Wächterin, mit dem Rücken zu ihnen. Ihr rotes Haar war aufgefächert und aufmerksam dem Mann zugewandt. Was immer er erzählte, schien interessant zu sein.

'Gut für uns.' Kiwan sah zu Hadiya hin und nickte erneut. Lautlos legten sie ihre Harpunen ab und zogen die Messer. Eine übereinstimmende Geste, und sie schossen zugleich vor. Die Wächterin fuhr herum. Ihre Hand glitt zu der Messerscheide an ihrem Bein, flinke Finger rissen den Verschluss auf. Kiwan sah in erschrockene rote Augen, dann war er heran. Als sie den Mund zu einem Warnschrei öffnete, presste er ihr die Hand aufs Gesicht. Mit dem freien Arm umfing er sie und fesselte ihre Arme an den Körper. Hadiya entwand ihr das Messer.

Die Frau kämpfte auch unbewaffnet noch wie ein wilder Marlin gegen seinen Griff. In ihrem schlanken Körper steckte mehr Kraft, als die zierliche Statur vermuten ließ, aber Kiwan war stärker. Doch sie ergab sich erst, als er ihr das Messer gegen die Rippen drückte.

"Hör auf zu zappeln", zischte er. "Wir wollen nur den Gefangenen."

Timon krallte sich an das Gitter und starrte mit aufgerissenen Augen in den Gang, wo ein Mann und eine Frau Brin niederrangen. Sein Herz raste. Brin hatte sich auf schreckliche Art geirrt; ihr Stamm wandte sich doch gegen sie, um ihn umzubringen. Er rüttelte an dem Gitter. "Wagt es nicht, ihr was zu tun!"

Die grünhäutige Frau fuhr herum. "Bist du verrückt? Sei still, wenn nicht das gesamte Dorf auf uns aufmerksam werden soll! Wir sind hier, um dich zu befreien, nicht um dich oder sie umzubringen."

Ungläubig starrte Timon sie an. Dann war die andere Fraktion aktiv geworden? Die, die wollte, dass er die Kinder rettete? Wollten sie einem Beschluss des Rates zuvorkommen? Er sah zu Brin hin, die reglos im Griff des breitschultrigen Mannes hing. Nur ihre Augen funkelten zornig und ängstlich zugleich. Das Messer des blaugrün schillernden Meermannes befand sich in bedrohlicher Nähe ihrer Kiemen.

In dem Moment wurde Timon etwas klar. "Man wird sie beschuldigen, mir geholfen zu haben. Werdet ihr für sie aussagen?"

Verblüfft erwiderte Kiwan den Blick des Mannes. Dann grinste er, als er begriff. "Wir gehören nicht zum Hornspeer-Stamm. Wir waren zufällig an den Zähnen, als sie dich gefangen nahmen und sind ihnen gefolgt, um dich zu befreien."

Hadiya löste den Riegel und schob das Gitter beiseite. Sie sammelte die Flossen auf, die neben der Zelle auf dem Boden lagen. Offensichtlich die der Wächterin. "Zieh die an. Sie dürften zu schmal sein, aber du hast so kurze Zehen, für den Anfang wird das gehen."

Timon starrte sie an und rührte sich nicht, bis sie ihm die Flossen grob in die Hand drückte. "Mach schon, oder willst du unbedingt sterben? Wir müssen uns eilen, wer weiß, wann sie dich holen."

Die Worte schickten einen kalten Schauer durch Timon. Er verstand nicht wirklich, was geschah. Das war alles zu verrückt, das konnte nicht sein. Aber sterben wollte er wahrhaftig nicht. Hastig zerrte er die engen Flossen über seine Füße, nachdem er die Socken ausgezogen hatte. Dann hielt er erneut inne. "Aber was ist mit Brin? Man wird denken, sie hat mich freigelassen. Sie hat mich bei der Jagd und im Rat verteidigt."

Kiwan spürte, wie sich der schlanke Körper in seinen Armen anspannte und sah auf das rote Haar hinab, dann zu seiner Schwester hin.

"Wir nehmen sie mit", entschied er kurz entschlossen. Das war besser, als mit dem Mann zu diskutieren oder zu riskieren, dass dieser sich gar sträubte. Mit solch einer Komplikation hatte Kiwan nun wirklich nicht gerechnet, dass ein Gefangener seine Wächterin verteidigte. "Im Zweifelsfall haben wir damit auch eine Geisel."

Hadiya seufzte, dann nickte sie. Sie nahm einen Führstrick aus einer Kiste und schwamm zu ihrem Bruder hin.

"Kein lautes Wort", drohte Kiwan der Wächterin. "Dann wird dir auch nichts geschehen."

Sie nickte abgehackt.

"Dreh dich um, Arme auf den Rücken", befahl er und gab ihren Mund frei, hielt das Messer aber sicherheitshalber in der Nähe ihrer Kehle. Sie folgte der Anweisung; für einen Wimpernschlag sah Kiwan in ein finsteres Gesicht, dann weiteten sich ihre roten Augen.

"Drachentod!", brachte sie überrascht hervor.

Er hob die Brauen und grinste. "Nun, offensichtlich kennst du mich. Dann wirst du wissen, dass ich deinem Schützling nichts Böses will. Ich verspreche dir auch, dass du, wenn du uns ohne Widerstand begleitest, ohne Forderungen des Perlmuschelstamms frei kommen wirst."

"Man sagt dir einiges nach, Drachentod. Mut hast du bewiesen. Ehrlosigkeit gehört nicht zu den Geschichten. Ich glaube dir." Die Frau starrte ihn noch immer an, Ungläubigkeit darüber in der Miene, dass er tatsächlich inmitten des Hornspeer-Dorfes aufgetaucht war, während Hadiya sie geschickt fesselte. Ein letztes Stück Strick diente mit einer Handvoll Blasentang aus einer Futterkiste als Knebel.

Das Versprechen des Mannes beruhigte Timon ebenso wie seine ruhige, tiefe Stimme; auch Brins Haltung ließ seine Angst schrumpfen und weckte erneut die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde. Zudem machten die Flossen bereits jetzt, dass er sich sicherer fühlte. Sie waren zu eng und drückten, aber er konnte schneller damit schwimmen und wendiger reagieren. Erleichtert band er seinen Pullover an den Ärmeln um die Hüfte, aber zögerte, als er die Jacke aufhob. Selbst wenn er sie bis an Land mitschleppte, hatte das Salzwasser sie ruiniert. Und beim Schwimmen behinderte sie ihn nur. Lediglich den Schlüssel des Hostels angelte er aus der Tasche und schob ihn in die seiner Jeans, ehe er sie wieder zu Boden sinken ließ.

"Und jetzt weg hier", sagte der Mann namens Drachentod energisch und fasste Brin am Arm.

Seine grünhäutige Begleiterin nickte. Sie reichte Timon Brins Messer mit dem Griff voran und schwamm dann vorweg, um auszukundschaften, ob der Weg noch sicher war. Drachentod winkte Timon mit einer blaugrün-flossigen Hand; Timon folgte der Geste. Inbrünstig hoffte er, dass der Rat noch wild am Diskutieren war und somit beschäftigt. Gegen den ganzen Stamm konnten seine beiden Befreier nicht bestehen, selbst wenn Drachentod mit seinen breiten Schultern und kräftigen Armen so aussah, als würde er es selbst mit Yiro aufnehmen können.

"Wenn es zu einem Kampf kommen sollte, halte deine Wächterin fest und dich ansonsten raus", sagte Kiwan und zwinkerte Timon mit einem kleinen Grinsen zu. Allein dessen Unbeholfenheit beim Schwimmen verriet im Grunde schon, dass er vom luftumwehten Land kam. Im Vorbeischwimmen hob Kiwan seine Harpune auf. "Ich rechne allerdings nicht damit. Wir werden vom Ausgang aus direkt nach unten schwimmen, bis wir außer Sichtweite sind und dann einfach die gerade Strecke über den Abgrund hinweg bis zur Seegrasebene nehmen. Ab jetzt schweigen wir besser, Stimmen tragen weit im freien Wasser."

Timon spürte ein schmerzhaftes Ziehen im Bauch. Noch tiefer hinab. Noch weiter ins Dunkel hinein. Die Alternative war allerdings auch nicht berauschend – hier bleiben und abwarten, was der Rat beschloss. Im Zweifelsfall war das sein Tod. Sie glitten voran, und die Höhlenöffnung tauchte vor ihnen auf. Das Licht veränderte sich, als sie die letzte Kugelleuchte hinter sich ließen. Von draußen kam nur ein grauer Schimmer herein, in dem man die Gestalt von Drachentods Begleiterin schemenhaft ausmachen konnte. Sie winkte ihnen, der Weg war frei.

Als sie den Eingang erreichten, verharrte Timon regungslos. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er die Veränderung begriff. Der graue Schimmer kam von einer weiter entfernten Lampe her, ansonsten herrschte tiefe Schwärze. Die Nacht war hereingebrochen. Um sie herum erstreckte sich der Ozean in seiner ganzen Tiefe und Dunkelheit, kein Licht würde ihn durchdringen, kein Mond, keine Sterne. Nichts. Vollkommene Nacht.

Kiwan sah den Wandel im Gesicht des Mannes, von Überraschung hin zu Schreck und dann Angst. Mit geweiteten Augen starrte er in die Nacht hinaus, hielt sich am Felsrand fest und rührte sich nicht mehr. Kiwan begriff, dass die Rettung nun noch einmal schwieriger werden würde. Hastig warf er einen Blick den Dorfhang hinauf, doch noch immer war niemand zu sehen. Auch wenn die gefühlte Zeit in der Höhle eine halbe Ewigkeit umfasste, so waren sie doch nicht allzu lange in den Ställen gewesen.

"Hadiya", flüsterte er, und als sich seine Schwester umdrehte, schob er ihr die Gefangene zu. Mit einer kleinen Kopfbewegung wies er erklärend auf den Mann, Hadiya schnitt eine Grimasse und nahm die Gefangene beim Arm.

Mit einem Flossenschlag war Kiwan bei dem Mann. "Wir sind bei dir, ich passe auf dich auf. Keine Angst", murmelte er dicht bei seinem Ohr.

Der Mann zuckte zusammen und starrte ihn an; selbst im diffusen Grau konnte man sehen, wie blass er war. Dann nickte er zaghaft, aber rührte sich noch immer nicht. Kiwan kannte das aus größeren Orten, in denen sich die Menschen in der Nacht in ihren Häusern und auf den beleuchteten Plätzen aufhielten und kaum eine Ahnung hatten, was das Meer in der Dunkelheit zu bieten hatte, welch Wunder und welche Schönheit. Sie reagierten mit Angst bis hin zu Panik, wenn man sie über die Grenzen der Dörfer führte.

Kurzerhand umfasste er den Mann mit einem Arm und zog ihn mit sich. Für Behutsamkeit hatten sie keine Zeit. Dicht am Felsen tauchten sie hinab und in die Schwärze hinein. Kiwan warf einen letzten Blick zurück, doch auch der Stall war schon kaum mehr zu erkennen, geschweige denn andere Menschen. Er breitete die Ohrfächer aus, um besser hören zu können, dann stieß er sich ab und schwamm mit dem Mann in die Dunkelheit des freien Meeres hinein. Am leichten Rauschen konnte er hören, dass Hadiya ihm mit der Gefangenen folgte. Nur einen Atemzug später fühlte er sie unter sich, so wie sie immer schwammen.

Timon starrte wild um sich, doch er konnte nichts sehen. Absolut nichts. Es war schlimmer als am Tag durch unendlich erscheinendes Blau gezerrt zu werden, schlimmer als durch einen nächtlichen Wald zu laufen, nachdem die Presse davor gewarnt hatte, dass sich dort möglicherweise bewaffnete Kriminelle versteckt hielten. Timons Herz begann schmerzhaft zu rasen, seine Brust wurde eng.

Nicht ein Hauch von Licht. Nur das Rauschen des Wassers in seinen Ohren. Simolestes tauchte vor seinem inneren Auge auf mit seinem riesigen Maul, das ihn zu verschlingen drohte. Der Menschenfresser mit seinen furchterregenden Zähnen, die sich in seine Glieder gruben und sie abbissen. Timon zog die Beine an. Kraken mit langen Armen, die ihn umfingen und mit scharfen Schnäbeln Stücke aus seinem Körper rissen. Unheimliche Gestalten aus der Tiefsee, die er nicht kannte, mit geifernden Fängen, Stacheln, giftigen Tentakeln.

Timon wimmerte und erstarrte. Er konnte sich nicht mehr rühren vor Angst. Wenn er auch nur noch so viel wie einen Finger bewegte, würde er anfangen zu schreien und um sich zu schlagen.

Kiwan atmete einmal tief durch, dann zog er den Mann ganz an sich, umfing ihn mit den Armen und drückte ihn gegen seinen Körper.

"Keine Angst", flüsterte er erneut, doch das Zittern, das den Mann erbeben ließ, hörte nicht auf.

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Wünsche von:
Witch23: Timon schafft es, den Rat zu spalten und kommt wieder in den Stall; Kiwan und Hadiya finden eine Möglichkeit, zu ihm zu gelangen; Timon will zwar gerne abhauen, aber auch helfen, die Kinder zu befreien
Katsumi: Kiwan sollte deutlich muskulöser sein als Timon


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