Meerschaum

8.

Kiwans Lippen waren weich und fühlten sich gut an, das war das erste, was Timon in den Sinn kam. Sie waren wärmer als erwartet, auch wenn er erst jetzt merkte, dass er offensichtlich etwas erwartet hatte. Nur einen Wimpernschlag später endete der Kuss und ließ ihn sprachlos zurück.

Kiwan lachte erneut, drückte ihn noch einmal fest und drehte ihn dann zu seiner Schwester um. "Diya, es ist Timon! Wir haben Timon befreit! Den Luftatmer-Jungen, der mir damals das Leben gerettet hat!"

Sie hatte die beiden Männer zuvor unauffällig aus den Augenwinkeln beobachtet, jetzt hob sie den Kopf und musterte den Luftatmer überrascht. "Das ist Timon?"

Sorgfältig legte sie Fisch und Messer beiseite und kam zu ihnen. Mit einem kleinen Flossenschlag umrundete sie die beiden, betrachtete Timon von oben bis unten, dann lachte auch sie und zog ihn an sich. Timon schrak zusammen, als sich ihre Lippen für einen Moment auf seinen Mund pressten. Als sie sich zurückzog, leuchteten ihre Augen freudig.

"Danke, Timon! Wir stehen in deiner Schuld", sagte sie warm und drückte seine Hände, ehe sie ihn wieder losließ.

Überrumpelt wollte Timon abwiegeln, aber hielt inne, noch bevor er den Mund geöffnet hatte. Ihr Gesicht strahlte regelrecht. Widerspruch hätte den Dank nur abgewertet, und das wollte er nicht. Außerdem war es nett, dass die latente Genervtheit wegen seiner Unfähigkeit aus ihrer Miene verschwunden war.

"... gerne", antwortete er verspätet, weil ihm sonst nichts einfiel.

"Du verdienst ein Fest zu deinen Ehren, aber das müssen wir nachholen, wenn wir daheim sind. Jetzt haben wir nur das hier." Sie lächelte und kehrte zu dem Fisch zurück, um den sich eine milchige Wolke gebildet hatte. Hadiya wedelte sie geschickt mit den Schwimmhäuten auf den Ausgang zu, ohne viel Sand aufzuwirbeln.

"Ist... das gut? Lockt das nicht Raubfische an?", fragte Timon besorgt, noch ehe er darüber nachdenken konnte.

"Wir wollen die Brühe nicht hier drin haben." Flink setzte sie mehrere Schnitte hintereinander, teilte den Kopf des Fischs ab und zog mit einem kräftigen Zug an der Schwanzflosse die Wirbelsäule samt der meisten Gräten heraus. Timon starrte überrascht; so etwas hatte er noch nie gesehen. Sie sah auf und grinste. "Und außerdem hält der große Vielarm draußen Wache. Der Geruch wird ihn noch ein wenig an uns binden. So lange er da ist, wird sich uns nichts anderes nähern."

Timon schauderte leicht bei dem Gedanken an vielarmige Monster sozusagen vor der Haustür, aber lachte, weil Hadiya so pragmatisch damit umging.

"Ach, Kalmare hin oder her! Wie bist du hierher gekommen?", fragte Kiwan lebhaft und lenkte Timons Aufmerksamkeit auf sich zurück. Was interessierte ihn das Meer, wenn er Timon endlich hier hatte? Er zog ihn zum Lager hin und mit sich hinab. Erst dort zerrte er die Flossenschuhe von den Füßen und lehnte sie gegen die Wand. "Wie hast du gelernt, unter Wasser zu atmen? Das konntest du bei unserem letzten Treffen nicht."

Die Tangmatte war fest, glatt und weich unter Timons nackten Füßen. Sie gab ein wenig nach, ein Gefühl wie ein flaches Sitzpolster aus Schaumstoff. Doch Timon vergaß seine Inspektion gleich darauf, als Kiwan sich zurücklehnte und ihn freudig mit einem Arm erneut an sich drückte.

"Erzähl doch!"

"Du bist gewissermaßen Schuld." Mit einem Grinsen hob Timon die Kette an, deren Anhänger nun über dem T-Shirt hing. "Das liegt an der Perle." Sein Blick glitt zu Brin; beinahe hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er es ihr nicht erzählt hatte, obwohl sie ihn gefragt hatte. "Jetzt weißt du es. Das ist das Geheimnis des wasseratmenden Luftatmers."

Ihre roten Augen weiteten sich leicht. Sie setzte sich auf und beugte sich neugierig vor. "Ein gewöhnliches Perlamulett? Das lässt dich atmen? Das kann nicht sein. Diesen Zauber haben sie nicht inne."

Kiwan entschied, dass es nicht der Zeitpunkt war, um darüber aufzuklären, dass die Kette alles andere als gewöhnlich, sondern ein Erbstück war, das schon seit mehreren Generationen in der Familie vererbt worden war. Die Geschichte darum ging ein Mitglied des Hornspeerstamms nichts an. Dafür würden sie später im Dorf genug Zeit haben. Kiwan freute sich schon unbändig darauf, Timon vorstellen zu können – nicht nur, weil er seinen Retter gefunden hatte, sondern auch, weil dieser die Geschichte bezeugen würde, an der Kiwan seit damals festhielt.

"Es ist die Perle, Brin. Ich habe es ausprobiert, mehrfach. In vielen Variationen. Wenn ich sie bei mir trage, kann ich unter Wasser atmen." Timon schob die Kette zurück unter sein T-Shirt, als müsste er sie schützen. Es war ihm unheimlich, sie nicht direkt zu spüren.

Er wusste nicht, wie tief sie unter der Oberfläche waren, aber ersticken würde er ohne ihren Schutz auf jeden Fall, selbst wenn ihn der Druck nicht auf der Stelle zerquetschte. Und an Dekompressionstrauma wollte er gar nicht erst denken, falls es Kiwan entgegen aller Wahrscheinlichkeit schaffen würde, ihn an dem Monster vorbei und rechtzeitig zur Oberfläche zu bringen. Blut, das durch zu rasches Auftauchen Stickstoff-Bläschen bildete und in den Adern wie Champagner schäumte, machte auf keinen Fall Freude.

"Und wie bist du auf den Gedanken gekommen, dass du mit dem Amulett unter Wasser atmen kannst?", fragte Kiwan neugierig und ein wenig besorgt. Kein Luftatmer machte aus Vergnügen einen tiefen Atemzug unter Wasser. Vage hatte er ein Schiffsunglück im Kopf und fragte sich, ob es außer Timon noch Überlebende gab.

"Oh, das war nicht besonders rühmlich." Timon lachte; im Nachhinein betrachtet war die Geschichte eine gute Anekdote, selbst wenn man sich unter der Oberfläche befand und die Zuhörer Wasserwesen waren. Er begann mit Clarissa und Peter und ihrem Ausflug für Kaffee zum Flussufer hinab, während er sich fragte, ob sie oder seine Eltern schon von seinem Verschwinden gehört hatten.

'Deutscher Urlauber verschwunden.' Er konnte sich die Schlagzeile gut vorstellen. 'In der Nacht zum Donnerstag ist ein deutscher Urlauber an der Nordküste der Bretagne nahe des kleinen Orts Pitoux verschwunden. Der Besitzer des Hostels meldete den jungen Mann als vermisst, nachdem dieser von einem nächtlichen Spaziergang an der Felsküste nicht mehr zurückgekehrt war. Die Küstenwache wurde alarmiert, doch die Suche gestaltet sich durch das schwere Wetter schwierig. Bisher gibt es noch keine Spur von dem Vermissten.'

Sie würden umkommen vor Sorge. Er seufzte innerlich und schob die Gedanken beiseite. Es gab nichts, was er im Moment daran ändern konnte.

Brin und Kiwan unterbrachen ihn häufig, um Fragen zu stellen, selbst Hadiya warf hin und wieder einen Kommentar ein. Es gab viel Unbegreifliches für die drei Meermenschen, auch wenn Timon sich um Einfachheit bemühte. Als er von seiner Begegnung mit Simolestes in der Bretagne berichtete, wunderte er sich, wie weit das her zu sein schien, obwohl erst ein oder zwei Tage vergangen waren.

"... und als ich zurück wollte, war die Küste weg. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist. Untergegangen kann sie ja kaum so schnell sein." Verlegen rieb er sich mit einer Hand über das raue Kinn. Auch seine Bartstoppeln ließen keine genauere Zeitbestimmung zu. Laut ausgesprochen klang das Verschwinden einer ganzen Küste noch viel unwahrscheinlicher, als nur darüber nachzudenken.

Abrupt setzte sich Kiwan auf und sah Timon aufgeregt an. "Wie bei mir! Genau wie bei mir, Timon! Ich habe so oft versucht, sie wiederzufinden. Damals haben es auch die Jäger versucht, aber niemand konnte sie entdecken."

"Und hattet ihr irgendwann Erfolg?" Gleichzeitig erleichtert und beunruhigt sah Timon ihn an. Vielleicht war er doch nicht verrückt. Andererseits hieße das, dass die Bretagne unglaublich weit weg rückte und damit sein normales, ruhiges Leben. Wie sollte er denn nach Hause kommen, wenn sich ganz Frankreich in Nichts aufgelöst hatte?

"Nein." Kiwan schüttelte den Kopf und erinnerte sich an verständnisvolle Blicke, weil 'der Junge' in seiner Angst so eine Geschichte erfunden hatte, aber auch an genervte Kommentare, die ihn der Aufschneiderei bezichtigten. "Vielleicht ist es Magie? Manchmal könnte es eine Art Pforte zwischen deinem Land und dem Meer geben, aber meist wäre sie geschlossen, warum auch immer. Es würde manche Funde erklären. Vielleicht kommen sie nicht nur aus deinem Land, sondern aus einer anderen Welt? Solch seltsamen Funde sind nicht häufig, und unsere Luftatmer-Freunde kennen sie nicht."

"Was für Funde?", fragte Timon neugierig und dachte an leere Plastikflaschen, einzelne Gummischlappen und Einkaufstüten, vielleicht waren es aber auch verloren gegangene Container von riesigen Frachtschiffen.

"Ich zeige sie dir, wenn wir daheim sind", versprach Kiwan. Dann rieb er sich die Hände, als er bemerkte, dass Hadiya schon längst nicht mehr damit beschäftigt war, den Buckelkopf zu filetieren, sondern gebannt gelauscht hatte. Sein Magen knurrte. "Aber jetzt gibt es Essen!"

Er schwamm zu Brin hin, um ihr die Fesseln abzunehmen. Dass sie versuchen würde, sie zu überwältigen oder zu fliehen, befürchtete er nicht. Gegen Hadiya und ihn hatte sie keine Chance, und allein über den Abgrund mit einem lauernden Riesenkalmar zu schwimmen, würde sie nicht wagen.

Hadiya verteilte große Stücke Buckelkopf, ehe sie sich an Brins Seite auf der anderen Seite des leuchtenden Messers niederließ. Timon fand, dass es nur ein magerer Ersatz für ein flackerndes, Wärme spendendes, gemütliches Lagerfeuer war. Er warf dem festen, weißen Fleisch einen misstrauischen Blick zu, dann sah er aus den Augenwinkeln zu den Meermenschen hin, die unkompliziert in die Stücke bissen und zu essen anfingen. Offensichtlich gab es keine komplizierten Tischrituale zu beachten.

'Man gut, dass ich Fisch roh mag. Das ist Sushi satt', dachte er belustigt und probierte vorsichtig einen Bissen. Frischer konnte Fisch kaum sein. Fest und sämig zugleich, salzig natürlich und sehr lecker, das waren seine ersten Eindrücke. Sein Magen rumorte und forderte mehr, und dann war Timon eine ganze Weile nur mit Kauen und Schlucken beschäftigt. Es war definitiv zu lange her, dass er etwas gegessen hatte. Zum Glück war der Fisch groß, so dass Timon auch noch einen Nachschlag bekam.

"Ah, besser", seufzte er zufrieden, als das letzte Stück verzehrt war. Er machte es den Meermenschen nach, nahm sich eine Hand voll Sand und rieb sich damit die Hände sauber. Wasser hatten sie um sich herum ja schon genug. Dann fing er Hadiyas Blick zu den Stricken auf.

"Muss das sein?", fragte er, noch ehe sie sich in die Richtung bewegen konnte.

Brin lächelte. "Ist schon in Ordnung, Timon. Immerhin bin ich hier die Gefangene. Ich habe dich auch hinter Gitter gesperrt."

"Nein, ist es nicht", antwortete er unwirsch. "Du hast versprochen, freiwillig mitzukommen und dich nicht zu wehren. Ich glaube dir, so wie du mir geglaubt hast. Also sind Fesseln unnötig."

Ihr Lächeln vertiefte sich noch, ihre roten Augen funkelten warm. "Danke."

Nachdenklich betrachtete Kiwan die beiden, dann wechselte er einen Blick mit Hadiya. Sie zuckte leicht mit den Schultern, dann lächelte sie kaum sichtbar und nickte.

"In Ordnung. Wenn Timon dir vertraut, werden wir das ebenfalls." Auch Kiwan nickte einmal zur Bekräftigung und grinste, als er den verwirrten Blick von Brin und den ebenso dankbaren, wie überraschten von Timon auffing. Der Mann strahlte regelrecht. Kiwan spürte Wärme in sich, die den Wunsch auslöste, ihm noch mehr Freude bereiten zu wollen.

"Danke", sagte Brin leise.

Timon grinste ihr zu. Er war froh, dass sie nicht wieder gefesselt wurde. Es passte einfach nicht.

Hadiya streckte sich gähnend. "Der Tag war lang. Morgen müssen wir weiter kommen, wenn wir ein ähnlich gutes Nachtquartier erreichen wollen."

Sie zog das Messer aus dem Boden und schwamm zum Eingangstunnel hin, wo sie es erneut in den Sand steckte. Das Licht erlosch innerhalb eines Wimpernschlags fast gänzlich, so dass Timon kaum noch etwas erkennen konnte. Unwillkürlich schauderte er im dunkelgrauen Zwielicht. Einzig Brins und Kiwans Augen schimmerten leicht, schienen wie schwerelos im Nichts zu treiben.

"Diya aktiviert den Schutzzauber", erklärte Kiwan und stieß sich leicht von dem Lager ab. "Komm, Timon, auf, sonst können wir nicht unter die Decke. Der Zauber wird zwar keine großen Räuber abhalten, sondern nur unsere Anwesenheit verschleiern, aber das wird reichen. Und wärmer macht er es auch nicht. Wir waren nicht darauf vorbereitet, uns länger außerhalb des Dorfes aufzuhalten."

Eilig schwamm Timon ein Stück beiseite. Er zog die Hose aus, weil sie in der Nacht nur eng und unbequem werden würde, und legte sie mit dem Pullover zu den Flossen, dann folgte er Kiwans Geste unter die Decke. Das Lager war wie ein riesiger Schlafsack, Bodenplane und Decke waren miteinander verbunden, so dass sie sich nicht trennen konnten und die Wärme innen hielten.

Brin schlüpfte zu ihm, und gleich darauf schob sich Kiwan hinter Timon. Er legte einen Arm um ihn und zog ihn dichter, dann drängte sich Brin mit dem Rücken gegen ihn. Timon fühlte sich sehr passend wie in einer Sardinendose. Unwillkürlich versuchte er ruckelnd, sich wieder etwas mehr Platz zu verschaffen.

Kiwan hinter ihm lachte tief und leise, die warme Stimme direkt neben seinem Ohr ließ Timon angenehm erschauern. "Diya braucht auch noch Platz. Wir haben leider nur Decken für ein Lager. So bleibt es wenigstens schön warm. Wenn man sich nicht bewegt, wird es außerhalb der Dorfkreise recht kalt."

Timon errötete, was man in der Dunkelheit zum Glück nicht sah. Er spürte die Bewegungen, als Hadiya sich zu ihnen drängte und es erst richtig eng wurde. Er konnte jedes Detail von Kiwans Körper an seinem Rücken spüren, die kräftigen Beine, die breite Brust, die muskulösen Arme und natürlich auch seine Privatausstattung direkt an seinem Hintern. Fühlte sich gar nicht schlecht an. Das Rot seiner Wangen vertiefte sich noch. Wie sollte er so einschlafen können?

"Schlaf gut", murmelte Kiwan und schloss die Augen.

Die leichte Strömung seines Atems verwirbelte die Haare an Timons Hinterkopf und streifte regelmäßig seinen Nacken. Brins Mähne schmiegte sich eng an ihren Körper, doch eine dicke Strähne hatte sich von den anderen gelöst und kringelte sich um Timons Schulter. Blicklos starrte er ins Wasser. All die dunklen Fragen kehrten zurück. Hielt die Kette oder würde zu wirken aufhören und er in der Nacht ersticken? Was gab es für Monster dort draußen, die nur darauf warteten, dass ihre Wachsamkeit nachließ? Schlangenartige Riesenfische vielleicht oder giftige Seeskorpione?

Doch in Kiwans Arm fühlte er sich überraschend geborgen, der gleichmäßige Atem machte ihn ruhig. Im nächsten Moment wichen die Fragen seliger Unwissenheit, als ihm die Augen zudrifteten. Der Tag war zu lang gewesen.

Auch Kiwan war müde, doch er konnte nicht einschlafen. Zu viel unglaubliches war an diesem Tag geschehen; Gedanken schwirrten wie ein Schwarm junger Glasfische durch seinen Kopf. Erst war da die Entdeckung eines Luftatmers unter Wasser gewesen, der nur kurze Zeit später ausgerechnet vom Hornspeer-Stamm vor seiner Nase entführt worden war. Dann die Verfolgung über den Tiefsee-Abgrund hinweg, die Begegnung mit dem Schlangendrachen und das Lauschen am Rande eines feindlichen Dorfes.

Die Befreiung des Mannes war zwar schnell und einfach von Statten gegangen, doch die Flucht durch die Nacht mit einem Bündel Panik im Arm war unerwartet anstrengend gewesen. Im Nachhinein betrachtet hatte der kurze Kampf mit dem Vielarm geholfen, die Anspannung abzubauen. Aber das wohl unwahrscheinlichste und aufregendste Ereignis des gesamten Tages war die Enthüllung des Luftatmers, dass er ausgerechnet Timon war, der Junge, den Kiwan seit seiner Kindheit hatte wiedersehen wollen.

Er lachte unhörbar in sich hinein und drückte den schlanken, schlaksigen Körper enger an sich. Die seltsame Oberbekleidung, die der Mann trug, fühlte sich eigenartig an seiner Haut an, aber auch die nun nackten Beine waren nicht wie die eines Meermannes. Kiwan widerstand der Versuchung, die Haut dort mit der Hand zu ertasten. Die zarten Kopfhaare, über die Timon gar keine Kontrolle zu haben schien, faszinierten ihn genauso wie an dem Tag, an dem sie sich begegnet waren. Er schob vorsichtig das Gesicht näher und spürte ihr dünnes Kitzeln. Es ließ ihn grinsen.

Timon murmelte etwas im Schlaf und drängte sich dichter an ihn, unbewusst schmiegte er seinen Hintern enger gegen ihn. Es fühlte sich nett an, und unvermittelt fragte sich Kiwan, wie Luftatmer wohl Liebe machten. Und wie mochte Timon unter all seiner Kleidung aussehen? Zwar hatte Kiwan schon einige Luftatmer beim Baden gesehen, doch sie waren anders, dunkler.

Die Gedanken wanderten davon und wichen anderen Fragen. Was tat er im Meer? Wie genau war er hierher gekommen – was machte, dass man manchmal an diese geheimnisvolle Küste kam, die Timon 'Brötanje' nannte? Würde er zurückgehen? Bestimmt, aber wann und wohin? Einfach an Land oder an diese Brötanje-Küste? Und wenn letzteres, bestand vor allem die Frage – wie? Hatten ihn die Geister geführt? Und wenn ja, welche Aufgabe sollte er erfüllen?

Irgendwo im Hintergrund der Höhle schabten kleine Langusten und Krebse über Sand und Stein, um sich an den Abfallresten des Buckelkopfs gütlich zu tun, die Hadiya nicht nach draußen gewedelt hatte. Wie würde es Timon im Perlmuschel-Dorf gefallen? Gut genug, um länger bleiben zu wollen? Würden die anderen glauben, dass er der Junge war, der ihn damals gerettet hatte? Würde sein bester Freund Lenar es glauben?

Als spärliches, durch den Eingang sickerndes Licht den Tag ankündigte, hatte Kiwan nur wenig Schlaf gefunden. Dennoch wachte er sofort auf, als Hadiya und direkt nach ihr Brin sich unter der Decke hervor schlängelten und sich gleich streckten und ihre Kiemen kurz flattern ließen, um sie mit frischem Wasser zu spülen. Wärme ging oft mit stickigem Wasser einher. Timon seufzte leise, rollte herum und nutzte den freien Platz aus, aber wachte nicht auf.

Vorsichtig folgte Kiwan nach einem Moment den beiden Frauen. Auch er streckte sich erst einmal genüsslich und ließ seine Kiemen schlagen. Hadiya hob den Schutzzauber auf, ließ das Licht ihres Messers erlöschen und steckte es zurück in die Scheide. Nach einem kleinen Zögern nahm Brin ihr eigenes Messer an sich. Weder Kiwan noch Hadiya protestierten.

"Ich suche uns etwas zum Essen", verkündigte Hadiya, nahm ihre Harpune auf und schwamm schon auf den Ausgang zu.

"Ich begleite dich." Brin folgte ihr nach einem bestätigenden Nicken von Hadiya.

Nach einem kurzen Blick zum friedlich schlafenden Timon verließ Kiwan ebenfalls die Höhle. Mit Hadiya unterwegs zu sein, war immer etwas ungewohnt, da sie ganz selbstverständlich die Aufgaben übernahm, an die Kiwan sich gewöhnt hatte, wenn er in Begleitung reiste – das Besorgen von Essen, die Sicherheit. Auch wenn Hadiya nach Gefahren und Hornspeerlern Ausschau halten würde, wollte Kiwan doch selbst gern noch einen Blick in die Gegend werfen, und wenn es nur war, um sich in dem Moment nicht überflüssig vorzukommen.

Bei Tageslicht und in aller Ruhe betrachtet war der Eingang nicht ganz so klein, wie er ihm erschienen war, dennoch passte Kiwan nur knapp hindurch. Aufmerksam sah er sich um; wie erwartet war von dem Kalmar nichts mehr zu entdecken. Mit Anbruch des Tages, vielleicht auch schon früher, war er in seine schwarzen Tiefen zurückgekehrt.

Der Steilhang, an dem die Höhle lag, fiel bis in die Tiefsee ab, aber nur drei Mannslängen über sich konnte Kiwan die zerklüftete Kante zur Ebene sehen. Neugierig schwamm er nach oben – am felsigen Rand im Licht hatten sich zahllose Anemonen, Korallen aller Art und Seelilien angesiedelt und bildeten einen stetig wachsenden Wall. Bunte Fische stoben vor ihm davon, andere begleiteten ihn. Polypen zogen ihre Arme ein, wenn er ihnen zu nahe kam und reckten sie vorsichtig wieder in die Strömung, sobald er sich entfernt hatte. Hinter diesem bunten Wall begann die Seegrasebene, grüne zarte Halme erstreckten sich über eine Tagesreise auf den weißen Sandflächen, doch so weit reichte das Auge nicht. Der Tag war auf der Ebene nicht sonderlich klar, so dass die grünblaue Unendlichkeit nach bereits wenigen Mannslängen begann.

Weiter unten am Abhang entdeckte er Brin und Hadiya. Hadiya löste bereits Muscheln vom Fels, während Brin noch geschickt und flink einen Korb aus Seegräsern wob. Kurz überlegte Kiwan, sich zu ihnen zu gesellen, aber er wollte Timon nicht allein lassen. Nicht, dass der Mann wieder in Panik verfiel, wenn er sich allein in der dunklen Höhle wiederfand.

*

Timon erwachte, weil es kühl wurde. Müde versuchte er, die Decke höher zu ziehen, doch obwohl er eine Falte erwischte, gelang es ihm nicht. Das Material war unvertraut unter seinen Fingern, samtig und glatt zugleich, und der erste bewusste Atemzug verriet ihm, dass keine Luft, sondern noch immer Wasser in seine Lunge strömte. Unwillig stöhnte er auf. Der vorherige Tag war also kein verrückter Alptraum gewesen.

Blinzelnd stellte er fest, dass er allein war und jeden Platz hatte, den er sich nur wünschen konnte. Sofort schlich sich ein Vermissen der Sicherheit in Kiwans Armen oder von Brins Gegenwart heran. Waren die Meermenschen ohne ihn gegangen? Er schreckte hoch und war wach.

Dunkelheit umgab ihn wie ein dickes Tuch, nicht vollkommen, aber nahezu undurchdringlich. Nur von einer Seite kam schwach dunkelgraues Licht her und zeigte ihm, dass die Höhle leer war. Eine Harpune lag unbeachtet an einer Wand, daneben standen die Flossen der drei Meermenschen. Die hätten sie bestimmt nicht zurückgelassen.

"Und mich auch nicht", sagte Timon laut und grinste.

Er schlüpfte aus dem Schlaflager und entschied, die Hose erst mal Hose sein zu lassen. Es war einfach unpraktisch und anstrengend, mit nasser Kleidung zu schwimmen, und warm genug war es ohnehin. Timon war froh, dass er eine schicke, enge Shorts trug und nicht eines der Mörderteile, die nur im schlimmsten Wäschenotstand zum Einsatz kamen. Das T-Shirt hatte allerdings weiterhin als Kettensichtschutz zu dienen. Aber auf die Flossen wollte er nicht verzichten. Durch die größere Wendigkeit und Geschwindigkeit, die er damit erlangte, fühlte er sich wesentlich sicherer. Kiwans Flossen waren ihm zu groß, und so quetschte er sich wieder in Brins, um sich draußen umzusehen und herauszufinden, wo die anderen waren.

Kurz überlegte er, ob er die Harpune mitnehmen sollte, aber vermutlich würde er sich damit eher ins Bein stechen, als dass sie ihm von Nutzen wäre. Gedanklich machte er sich eine Notiz, dass er sich von Kiwan den Umgang damit zeigen lassen wollte, während er bereits vorsichtig durch den kurzen Gang zur Höhlenöffnung schwamm.

Misstrauisch starrte er dann erst einmal durch den Eingang ins Meer hinaus, um sicher zu gehen, dass weder Haie noch sonstige Monster ihm auflauern wollten. Besonders vertrauenerweckend war die blaue Tiefe unter ihm nicht, aber zumindest würde die Felswand in eine Richtung Sicherheit bieten.

Vergnügt beobachtete Kiwan, wie vorsichtig Timon sich aus der Höhle wagte. Er wirkte wie ein kleines Krebschen, behutsam vortastend, gleich wieder zurückzuckend, um dann doch die Sicherheit seines Baus zu verlassen. Noch immer trug er das Luftatmer-Oberteil, aber immerhin hatte er die Beinbekleidung weggelassen. Seine Lendenschutz war zwar seltsam, sowohl bis fast zur Mitte der Oberschenkel wie auch beinahe zum Bauchnabel hin reichend, aber praktisch dadurch, dass es hauteng anlag. Kiwan stieß sich sacht von der Kante ab und schwamm zu Timon hin.

"Ausgeschlafen?", fragte er munter.

Timon war erleichtert, die tiefe Stimme zu hören. Er drehte sich suchend um, es war schwierig, die Richtung zu orten. Gleich darauf entdeckte er Kiwan über sich, langsam zu ihm hin sinkend. Mit einem erleichterten Lächeln schwamm er ihm entgegen. "Ich habe besser geschlafen, als ich gedacht habe. Muss die Erschöpfung gewesen sein. Ich bin es sonst gar nicht gewohnt, mit jemandem mein Bett zu teilen, erst recht nicht so eng."

Kiwan lachte. "Nun, derart eng ist es normalerweise nicht. Aber ich bin froh, dass wir überhaupt Decken hatten. Da du jetzt wach bist, können wir das Lager auch gleich wegräumen und unsere Sachen holen. Dann müssen wir nach dem Essen nicht noch mal zurück, sondern können sofort aufbrechen." Sein Blick fiel auf Timons Beine, und er stutzte. "Was ist das?" Mit einer raschen Bewegung brachte er sich unter den Mann und streckte die Hand nach ihm aus. Überrascht strich er das Bein entlang. Deswegen hatte er sich so anders angefühlt! "Die sind festgewachsen. Du hast auch auf den Beinen diese dünnen Haare!"

Timon wurde rot und wich zurück. Manchmal rasierte er sich im Sommer, aber jetzt war Winter – zumindest über der Wasseroberfläche oder da, wo er herkam. "Ich bin ein Luftatmer, da ist das so", verteidigte er sich. Verlegen strich er sich über die Wangen und spürte auch dort Stoppeln.

Kiwan folgte der Geste, dann grinste er. "Dass die Männer der Luftatmer im Gesicht Haare haben können, weiß ich. Ebenso wie zwischen den Beinen und unter den Armen. Damals hattest du das aber noch nicht. Hast du die auch noch wo anders?", fragte er fasziniert und schob Timons Oberteil hoch.

"Hey!" Die Hitze in Timons Wangen nahm zu. So genau von einem attraktiven Mann betrachtet und angefasst zu werden, war irritierend. Und wer wusste schon, ob der nicht auf die Idee kam, ihn noch an ganz anderen Stellen überprüfen zu wollen!

Überrascht zuckte Kiwan zurück. Er war einfach neugierig gewesen, ohne zu bedenken, wie es wirken mochte. Für einen kleinen Moment war er wieder der Junge gewesen, der sich mit einem Freund über ihre Unterschiede amüsieren konnte. "Oh, ich... entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahe kommen. Ich bin nur... gerade mitgerissen worden."

"Hm. Ja. Ich... war nur überrumpelt." Timon schnitt eine Grimasse und wünschte, seine Wangen würden aufhören zu glühen. Kiwan sah regelrecht schuldbewusst aus, und das brachte ihn zum Lachen. "Damals haben wir uns auch so angeschaut, nicht? Du hast für mich mit der Rückenflosse gewedelt."

Das Grinsen kehrte auf Kiwans Gesicht zurück, als er sich erinnerte; er drehte Timon den Rücken zu und ließ die lange Flosse mehrere Male hoch und runterschnellen. "Stimmt." Dann wirbelte er einmal um Timon herum und winkte ihm. "Komm, lass uns das Lager abbrechen und zu den beiden anderen schwimmen. Diya wird ungeduldig, wenn wir zu lange trödeln. Sie hat schon ein Ziel fürs nächste Nachtlager vor Augen. Und ich glaube, es ist auch dir recht, wenn wir es noch im Hellen erreichen."


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Wünsche von:
Katsumi: Timon fühlt sich in Kiwans Armen sehr sicher und schläft nach all der Aufregung wie ein Stein
Mahadevi & Witch23: schlaflose Nacht für Kiwan
Mahadevi: Timon kuschelt sich im Schlaf unbewusst an Kiwan
Skye: Lenar
Witch23: Gedanken an Sushi: "Man gut, dass ich Fisch roh mag!"


© by Pandorah