Meerschaum

9.

Das Frühstück bestand aus rohen Muscheln, geschälten und entnesselten kugeligen Seeanemonen – erstaunlich zart und ein wenig süß – und einer Geisterschnecke, einer besonderen Delikatesse, wie Kiwan erklärte, und deswegen bekam Timon den Löwenanteil von dem kaum handlangen Tierchen. Gerade am Morgen fand Timon das alles sehr gewöhnungsbedürftig, und die Schnecke schmeckte ihm nicht einmal. Sie hinterließ ein Gefühl wie klebriger Sand im Mund. Er beschloss, dass er künftig auf diese Ehre verzichten wollte, aber würgte seinen Bissen tapfer hinunter, ohne sich zu beschweren.

Nach dem Essen brachen sie ohne weitere Verzögerung auf. Die Meermenschen streiften ihre Flossen über, bis auf Brin, die ihre nach wie vor Timon überließ. Hadiya schwamm entweder vorweg, um nach Gefahren Ausschau zu halten oder hinterher, um sicher zu gehen, dass ihnen niemand folgte. Schnell war sie nicht mehr zu sehen. Kiwan trug das Bündel mit Timons Kleidung, und Timon musste sich nur aufs Schwimmen konzentrieren. Es ging gut und war sehr viel einfacher als ohne Flossen, selbst wenn er ein wenig Zeit und etwas Hilfestellung von Kiwan brauchte, um einen guten Bewegungsablauf zu finden. Etwas frustrierend war allerdings, dass Brin auch ohne Flossen mühelos mithalten konnte. Offensichtlich war Timon trotz aller Mühen nicht gerade schnell.

Bald machte sich zudem ein Muskelkater bemerkbar, und zwar an einer Stelle, an der er nicht einmal vermutet hätte, dass man dort Muskelkater haben konnte. Die ungewohnte Bewegung forderte ihn, sein Atem ging schneller und damit kam leichter Schmerz in Brustkorb und Bauch. Wasser ließ sich nicht so leicht einsaugen und ausstoßen wie Luft. Das unangenehmste daran war, dass er die Bewegung nicht einmal vermeiden konnte. Nicht allzu lang darauf begannen seine Beine zu erlahmen.

Sie kamen nur langsam voran. Kiwan fand die gemächliche Geschwindigkeit ermüdend; es war beinahe, wie mit einem kleinen Kind unterwegs zu sein, das darauf bestand, allein schwimmen zu wollen. Timon war zwar nicht in alle Richtungen auf einmal unterwegs und hielt auch nicht ständig an, um überall und nirgendwo zu schauen, aber allein die Art, wie er schwamm, war unbeholfen und angestrengt. Zwar gewöhnte er sich langsam ein, was es besser machte, doch dann begann auch schon sichtlich die Erschöpfung und machte alle Fortschritte zunichte. Noch ehe Kiwan einen Vorschlag machen konnte, glitt Brin mit einem Doppelbeinschlag unter Timon und drehte sich, dass sie ihn ansehen konnte.

Timon blinzelte überrascht, als er den Boden nicht mehr sah, an dem er sich orientiert hatte, einerseits, um die Höhe zu halten, andererseits, um ein Gefühl dafür zu haben, dass er sich überhaupt vorwärts bewegte. Das unter ihm hinweg gleitende Gras gab ihm immerhin einen Eindruck von Geschwindigkeit, denn die Landschaft an sich änderte sich nicht. Gras und Sand und blaugrüne Unendlichkeit.

Brin lächelte, ihr Haar floss in alle Richtungen davon, flatterte in der leichten Strömung, die ihre Bewegungen verursachten. "Du siehst müde aus, Timon. Was hältst du davon, wenn du mir die Flossen zurück gibst und ich dich dafür ein Stück ziehe? Das hat doch ganz gut geklappt gestern. Kiwan hat bestimmt nichts dagegen, Jonis Part zu übernehmen." Sie zwinkerte ihm zu und scherzte: "Und du gewiss auch nicht, immerhin will Kiwan dich keinem Hai zum Fraß vorwerfen oder dich in der Tiefsee aussetzen."

Timon lachte atemlos, gleichzeitig erleichtert und beschämt. "Ich glaube, die Idee ist gut, Brin. Tut mir leid, dass ich euch so aufhalte."

Er hörte auf, sich abzumühen und sank langsam zu Boden, Füße zuerst. Brin drehte sich mit ihm und glitt gemeinsam mit ihm herab. "Macht nichts. Du wirst dich daran gewöhnen. Du bist schon besser als zu Beginn."
Timon wollte etwas erwidern, doch in dem Moment griff Kiwan nach seinem Arm und zog ihn ein Stück hoch und beiseite. Er trat scharf nach unten und stieß die Flosse in den Boden; Sand wirbelte auf, und in dieser Wolke sah Timon einen kleinen, braungemusterten Fisch davon stieben.

"Ein Dreistachler", erklärte Kiwan und ließ Timon los. "Durch die Flossen kommt er nicht, aber wenn du mit nackten Füßen drauf trittst und er dich sticht, tut das höllisch weh."

"Ganz schön gefährlich, euer Meer." Timon schnitt eine Grimasse; er war froh, nicht mehr wie beim Aufwachen allein zu sein. Wahrscheinlich wäre er in der Zwischenzeit schon ein dutzend Mal gestorben, an großen und an kleinen Tieren. Er war nicht einfach nur im Meer, das hier war eine nasse Wildnis. Die gefährlichsten Raubtiere daheim waren vermutlich Stechmücken und Zecken, und die hatten ihn in keiner Weise auf Drachen, fiese Giftfische und andere Monster vorbereitet. Bären und Wölfe gab es ja keine mehr in freier Wildbahn, erst recht keine hungrigen. Hier jedoch schien die Gefahr an jeder Ecke zu lauern.

Nachdem niemand mehr protestierte, sank er ganz zu Boden und zog die engen Flossen von den Füßen. Erleichtert seufzte er auf, als er sie an Brin geben konnte. Seine Füße hatten rote Stellen an den Zehen und auf dem Spann, und an seiner rechten Ferse war eine Blase entstanden.

"Man muss nur wissen, worauf man zu achten hat." Kiwan lächelte und drückte ihm aufmunternd die Schulter. "Das lernst du schnell."

Timon schnitt eine weitere Grimasse und seufzte. "Und bis dahin benehme ich mich wie ein Riesenbaby."

Das brachte die Meermenschen zum Lachen, und nach einem kurzen Moment der Überraschung fiel auch Timon mit ein. Es tat gut und ließ das Unbehagen wegen seiner Unbeholfenheit verschwinden. Noch immer grinsend streifte Brin ihre Flossen über, dann packten sie und Kiwan Timon an jeweils einem Arm und zogen ihn hoch. Für Timon fühlte es sich tatsächlich an wie am Vortag, nur netter. Die beiden Meerleute an seiner Seite waren ihm freundlich gesonnen, und unter sich hatte er den beruhigenden Seegrund statt tiefer Unendlichkeit.

Jetzt, da er sich nicht mehr aufs Schwimmen und Mithalten konzentrieren musste, konnte er sich auch mehr umsehen. Noch immer gab es nur Seegras, Sand und grünblaue Unendlichkeit, doch dazwischen gab es Nuancen in der Farbe und jede Menge Leben zu entdecken. Kiwan und Brin machten ihn auf durchsichtige winzige Krebse aufmerksam, auf getarnte Fische, auf getupfte Schnecken und gebänderte Garnelen. Die leuchtend orangenfarbenen Husarenfische entdeckte er von allein, sie schwammen wie eine Palette an Farbtupfen über den grünen Halmen.

"Wie weit ist es vom Perlmuschel-Dorf zum Land?", fragte Timon nach einer Weile des Staunens und Schauens, als seine Gedanken nicht mehr nur noch unmittelbar mit all den Wundern unter Wasser beschäftigt waren.

"Direkt neben dem Dorf liegt ein kleiner Berg, der bildet eine Insel. Die ist allerdings unbewohnt; nur manchmal machen dort unsere Freunde mit ihren kleinen Booten fest, wenn sie zum Handeln kommen. Das Festland ist weit über einen Tag entfernt", erklärte Kiwan. "Die großen Schiffe umfahren uns weitläufig, das Dorf ist von Riffen umgeben. Die sind für Luftatmerschiffe kaum zu passieren."

Eine unbewohnte Insel, das klang zwar nicht gerade vielversprechend, aber immerhin nach einer Möglichkeit, um mal aus dem Wasser zu kommen. Timon sehnte sich nach leicht zu atmender, frischer Luft, nach Wind auf seiner Haut und der Gewissheit, nicht zu ersticken. Und wenn die Luftatmer-Freunde von Kiwan kamen, konnte man sie bestimmt nach einer Passage zum Festland fragen. Vielleicht konnten sie ihm sogar Auskunft erteilen, wo er hier gelandet war.

Gegen Mittag machten sie auf einem lichtgefluteten Hügel nahe der Oberfläche Rast. Weiche Wellen zeichneten ein glitzerndes Sonnenspiel auf den Boden. Hadiya war zu ihnen zurück gekommen und hatte für mehr rohen Fisch gesorgt, und Anzeichen für Gefahr gab es weit und breit keine. Timon fühlte sich richtig wohl, auch wenn er das dumpfe Gefühl bekam, dass ihm Sushi trotz der hervorragenden Qualität bald zum Hals heraushängen würde.

Gegen Nachmittag nahm das Seegras ab; es bildete keine zusammenhängende Wiese mehr, sondern stand nur noch in vereinzelten Büscheln. Stattdessen ragten immer wieder kleinere Felsen aus dem Sand empor, als hätten Riesen vor Urzeiten damit Boule gespielt und die Kugeln dann vergessen. Sie waren von Korallen überwuchert, die Kiwan und Brin ihm mit den fantasiereichsten Namen beschrieben. Mannskopf bestand aus einer orangefarbenen Kugel mit dicken, dunkleren Fortsätzen und war giftig, wenn man es aß. Schlangenknäuel hatte gewundene Äste in Rot mit kleinen dunklen Punkten an den Enden, die wie Augen aussahen und war nicht giftig, aber ungenießbar. Flossenfarn streckte weiß-gelb gebänderte Ärmchen empor, die mit zarten hellen Häuten verbunden waren. Und so ging es fort, bis Timon der Kopf schwirrte.

Als das Wasser langsam grau zu werden begann und Timon schon fürchtete, dass sie wieder bis in die Dunkelheit schwimmen würden, tauchte Hadiya vor ihnen auf. Sie winkte und führte sie zu zwei sehr symmetrischen, ebenfalls von Korallen überwucherten Hügeln, die von einer leichten Strömung umspült wurden. Bei einer der Erhebungen hatte sie eine Platte weggezogen, so dass Timon sehen konnte, dass die Hügel künstlichen Ursprungs und hohl waren. Ein breiter, warmer Lichtstrahl fiel von innen nach außen. Offensichtlich hatte Hadiya schon für Beleuchtung gesorgt.

"Da sind wir!" Kiwan ließ ihn gleichzeitig mit Brin los und machte eine einladende Geste nach drinnen. "So ähnlich wohnen wir auch im Dorf, also ganz anders als die Hornspeerler. Nur sind die Höhlen größer als die hier, haben Oberlichter und sind nicht so zugewuchert." Er lachte, überrascht davon, dass er merkte, wie wichtig es ihm war, dass Timon eine gute Meinung von seiner Heimat bekam.

"Ach, so lange keine Drachen und Haie reinkommen, bin ich auch noch mit dem kleinsten Haus zufrieden." Timon grinste und eilte sich, ins Innere zu kommen, denn die Dunkelheit nahm nun so rasch zu, als hätte sich jemand entschlossen, den Abblendschalter für die Sonne zu betätigen.

Das Licht kam dieses Mal von der Decke, nicht von Hadiyas Messer. Wie eine große Blase hing eine Lampe an der höchsten Stelle und verteilte weiches Licht im Raum. Sonderlich groß war er tatsächlich nicht, aber im Gegensatz zu der natürlichen Höhle richtig wohnlich. Rechts und links des Eingangs gab es zwei Lagerstätten, nicht auf dem Boden, sondern zwischen niedrigen Posten gespannt. Weitere leere Pfosten ließen Timon vermuten, dass man noch mehr Betten einrichten konnte. Gegenüber des Eingangs befand sich eine Art aus Steinen gefügte Truhe; der Deckel aus hellen Streben – vielleicht Walknochen oder etwas ähnliches – stand offen, eingehakt an die Wand.

"Wir sind recht nah am Dorf, nur wenig mehr als eine halbe Tagesreise bei unserem jetzigen Tempo." Hadiya zog ein Bündel aus der Kiste und schloss den Deckel. "Das hier sind Jagdunterkünfte. Von hier kommt man schnell für die Großwildjagd zum Riffrand."

"Großwildjagd? Was jagt ihr da – Haie und Riesenkalmare?" Timon sah zu, wie Kiwan und Hadiya das Bündel entfalteten und auf dem felsigen Boden ausbreiteten. Es war ein fest gewebte Matte, die ein faszinierendes Muster in verschiedenen Grüntönen aufwies. Neugierig ging er in die Hocke und strich mit der flachen Hand darüber. Glatt und nachgiebig wie Gummi fasste sie sich an.

"Alles mögliche. Riesenmaulheie, Thunfische, Marline, wenn wir Glück haben." Hadiya grinste. "Aber keine Riesenkalmare. Man kann sie zwar essen, aber sie schmecken abartig, nach Urin."

Timon schüttelte sich. "Überzeugt."

Während Brin den Eingang von innen verschloss, holte Kiwan gefüllte Körbe von dem oben gelegenen Bord herunter und stellte sie auf die Matte. Wieder hatte Hadiya für das Essen gesorgt; sie hatte reichlich Zeit gehabt, voraus zu schwimmen und sich um alles zu kümmern. Und wie sie sich gekümmert hatte! Kiwan schnalzte vergnügt mit der Zunge, als er die Deckel öffnete. "Diya, ich sollte dich öfter mitnehmen, wenn ich unterwegs bin! Fadensalat mit Garnelen, Spitzmäulchen in Algenmuß, Flecksternstücke, Spaltmuscheln... War dir langweilig?"

"Ich bin schon ein Weilchen hier." Sie machte eine abwehrende Geste zu Timon hin, als dieser unwillkürlich die Schultern hochzog, und lächelte. "Ich weiß, dass du nichts dafür kannst."

Neben all diesen exotischen Köstlichkeiten, die lecker aussahen und auch so dufteten, gab es natürlich auch wieder rohen Fisch, wie Timon feststellte. Anderen rohen Fisch als am Vorabend und am Mittag, aber nichts desto trotz rohen Fisch. Timon fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis er von gebratenen Kartoffeln, Äpfeln und knusprigem Brot zu träumen anfangen würde. Aber die Gedanken waren schnell vergessen, denn es schmeckte vorzüglich.

Nach dem Essen lernte Timon einen weiteren Vorteil des Wohnhügels kennen. Die Körbe wurden kurz ausgespült und weggeräumt, dann öffneten Kiwan und Hadiya den Eingang und eine weitere Luke. Binnen kurzer Zeit hatte die leichte Strömung frisches Wasser hinein gespült und den Essensgeruch mitgenommen.

"Praktisch", sagte Brin und hob milde beeindruckt die Augenbrauen, als die Öffnungen wieder verschlossen waren.

'Automatischer Staubsauger', dachte Timon und grinste, aber sagte nichts. Er war satt und zufrieden, aber nicht allzu müde – die meiste Zeit war er ja nicht selbst geschwommen. Hadiya und Kiwan kabbelten sich neckend über einen Scherz, den Timon nicht verstand, ihre Haare fächerten auf. Brin lachte und wedelte mit der Hand eine von Hadiyas Strähnen beiseite, ihre rote Schwimmhäute leuchteten im weichen Lichten. Eine kleine Bewegung der Rückenflosse ließ sie ihr Gleichgewicht bewahren, als sie einer enthusiastischeren Geste von Kiwan auswich.

Timon blinzelte, als er auf seine eigenen Beine blickte. Hell und schlacksig, mit Füßen ohne Schwimmhäuten. Schlagartig fühlte er sich fremd und fehl am Platz, die Meermenschen verschwammen zu unbekannten, bunten Wesen. Er kämpfte gegen das Gefühl an, doch es wurde eher stärker als schwächer. Was tat er hier? Sicher, Kiwan war froh, ihn getroffen zu haben, den Mann, der ihn vor vielen Jahren gerettet hatte. Und bei Kiwan war er bestimmt besser dran als beim feindlichen Hornspeerstamm. Aber... was sollte er hier tun? Er konnte doch nicht für alle Ewigkeit unter Wasser bleiben. Allein der Gedanke rief Erstickungsgefühle hervor und Panik, dass er nie wieder die Sonne sehen würde, nie wieder Luft atmen. Er wollte raus, nach oben, den Kopf über die Wellen heben, nach oben, an die Luft, nach...

"Timon?" Ein grünblaues Gesicht tauchte vor ihm auf, eine mit Schwimmhäuten versehene Hand griff nach seiner. "Alles in Ordnung?" Die dunkle Stimme klang besorgt.

Timon atmete tief durch, blinzelte und erwiderte Kiwans Blick. Der Mann hatte sich zu ihm gelehnt, an ihm vorbei konnte Timon Brin und Hadiya sehen, die nach wie vor herum alberten. Wieder sah er in Kiwans Augen. Sie schimmerten, grün und blau, wie alles an ihm, wie die See bei schönem Wetter. Und sie waren ruhig, beruhigend, tief.

"Es ist alles so... fremd hier", sagte er nach einem Moment leise. "Jenseits von fremd. Nicht einfach nur, als würdest du ein anderes Land besuchen. Es ist alles auf einmal. Ein anderes Land, eine andere Kultur, wilde Tiere, Gefahr aus jeder Richtung, und dann auch noch überall Wasser. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ohne euch... ohne euch wäre ich vollkommen verloren. Das ist kein schönes Gefühl. Auch wenn ich dankbar bin, wirklich sehr dankbar, dass ihr hier seid."

Kiwan lächelte, drückte seine Hand und zog ihn dann doch an sich, um ihn fest zu umarmen. "Mach dir keine Sorgen, Timon. Ich helfe dir. Wir finden einen Weg zurück für dich, und falls es keinen geben sollte, bist du immer bei mir zu Hause. Versprochen. Du hast mich damals gerettet, ich lasse dich nicht im Stich."

Timon erwiderte die Umarmung dankbar, selbst Kiwans Haar schien sich schützend um ihn zu schließen. Er machte einfach, dass man sich bei ihm sicher fühlen konnte. Für einen Moment gelang es ihm, all das Chaos in seinem Leben beiseite zu schieben. Für einen Moment saß er nur da, wo auch immer 'da' war, und wurde von einem Freund umarmt.

Kiwan gefiel das Gefühl von Timons schlankem Körper, auch wenn die Oberbekleidung nach wie vor gewöhnungsbedürftig war. Vielleicht würde er sich irgendwann davon trennen können, wenngleich bestimmt noch nicht jetzt. Sie schien ihm Sicherheit zu geben, selbst wenn sie unpraktisch war. Kiwan hätte gerne all die Sorgen aus Timons Kopf gewischt, er wollte ihm seine Heimat ohne Angst zeigen, doch das war bei dem überraschenden Besuch wohl zu viel erwartet. Wie hätte er selbst wohl reagiert, wenn er plötzlich an Land gestanden hätte, Luft atmend, an den Boden gebunden unter lauter Luftatmern? Er strich Timon durchs Haar, küsste seine Schläfe und schob ihn dann ein wenig von sich, um ihm ins Gesicht sehen zu können. "Geht's wieder?"

Verlegen nickte Timon. "Danke", sagte er leise. Wieder fiel sein Blick auf Hadiya und Brin, die zum Glück immer noch miteinander beschäftigt waren und nichts mitbekommen hatten. Sie sahen nicht sonderlich feindlich aus, im Moment wirkten sie sogar eher wie Freundinnen, so wie sie miteinander scherzten. "Sag, warum seid ihr verfeindet? Ich meine den Perlmuschel- und den Hornspeer-Stamm."

Kiwan seufzte. Er setzte sich wieder neben Timon, aber ließ seine Hand nicht los. "Die Frage ist schwer zu beantworten. Mit Reibereien zwischen einzelnen dürfte es wohl angefangen haben. Vielleicht Streit über einen großen Fang, so sagen es zumindest Geschichten. Und das hat sich dann verselbständigt. Aber ich denke, der Hauptgrund sind die Luftatmer. Die Hornspeerler hassen sie, wir sind mit einigen befreundet. Drei Tagesreisen vom Dorf gibt es eine große Insel, auf der unsere Freunde wohnen. Mit denen treiben wir auch Handel – du hast den Vorratsbehälter in der Höhle gesehen? Der kam von dort. Die Hornspeerler betrachten das schon seit langer Zeit mit äußerstem Misstrauen."

"Mit Grund, oder? Nicht euren Handel, aber... Sie haben von gefangenen Kindern gesprochen, Kiwan." Timon sah zu Brin hin, die sich in dem Moment zu ihnen umwandte und ihn ansah – ernst und ohne jede Spur von Lachen, abwartend, forschend. Der Blick ließ ihn sich in gleichem Maße unbehaglich wie sicher fühlen. Er nickte leicht und drehte sich zu Kiwan zurück. "Sind auch bei euch Kinder verschwunden?"

"Nein", antwortete Kiwan nach einem Moment des Schweigens, sein Griff hatte sich unwillkürlich gefestigt. "Dann ist es also wahr? Ich habe es für Gerüchte ohne viel Hintergrund gehalten."

Die Geschichten waren mit vielen Strömungen gekommen und schon ziemlich aufgelöst gewesen; sie hatten von Fängern berichtet, die nur darauf aus waren, Meerleute zu fangen, mit unzerstörbaren Netzen, mit geschützten Schiffen, denen man nichts anhaben konnte. Geschichten, um Eindruck zu schinden, so wie er selbst in manchen Legenden Drachen einhändig niederrang, wenn sie nur oft genug erzählt worden waren. Manchmal verschwanden Kinder, manchmal nicht nur sie, so wie auch er beinahe von dem Drachen gefressen worden war; Menschen neigten dazu, das mit Mythen zu umgeben.

Brin beugte sich vor, ihre Augen waren dunkel. "Wir haben sechs Kinder an die Luftatmer verloren, Drachentod, das letzte die Nichte von Jagdführer Yiro. Seitdem dürfen die Kinder nicht mehr aus dem Dorf. Sie sind nicht einfach verschwunden, weil jemand unachtsam war oder weil Menschenfresser das Dorf durchstreift haben. Auf der Jagd nach dem letzten haben wir Timon gefunden. Es waren auch keine Versehen, weil Fischer zu eifrig waren. Es war bewusster Raub."

Sie erzählte von den lachenden, spottenden Männern mit ihren gepanzerten Schiffen, von der Vergeblichkeit der Eltern, ihre Kinder zurück zu bekommen. "Deswegen sollte Timon aus Rache zum Tode verurteilt werden." Ernst und dringlich sah sie an, aber sprach zu Kiwan und Hadiya. "Doch er hat davon geredet, an Land zu gehen, um die Kinder zu suchen. Das hat sie zum Innehalten gebracht. Ich glaube nicht, dass sie ihn getötet hätten."

Timon erwiderte ihren Blick und entdeckte in ihrem fremdartigen Gesicht, das gar nicht mehr so fremd erschien, Hoffnung, Wachsamkeit und gespannte Erwartung. Mit einem Mal fragte er sich, ob es tatsächlich nur Drachentods Ruf war, der sie so klaglos hatte mitkommen lassen. Vielleicht hatte sie auch sicher gehen wollen, dass er sich an die Kinder erinnerte, um ihm zur Not Gewissen zu sein.

"Geschickt", sagte Kiwan leise. "Und mutig."

Der schlaksige Mann sah auf einmal gar nicht mehr so unbeholfen und ungeschickt aus, auf Hilfe angewiesen und verzweifelt. Er wirkte sicher, und Kiwan musste nicht fragen, ob er das nur vorgeschlagen hatte, um sich zu retten. Er würde gehen, und Kiwan bewunderte ihn dafür. 'Aber hoffentlich nicht sofort.' Er wollte ihn nicht gleich wieder fort lassen, wo sie sich doch jetzt erst gefunden hatten. Offensichtlich war es Timon nicht gewohnt, mutig genannt zu werden, denn er lächelte schief und errötete leicht. Kiwan musste grinsen.

"Ich werde dich unterstützen, so gut ich kann, auch wenn ich dir nicht aufs Land zu folgen vermag." Dann nickte er Brin entschieden zu. "Das ist eine ernste Sache, da ist es gut, dass du mitgekommen bist, selbst wenn es nicht freiwillig war. Ich werde die Entführungen vor den Rat bringen. Das ist nichts, was ein Dorf allein betrifft."

Brins Augen weiteten sich überrascht. Damit hatte sie offensichtlich nicht gerechnet. "Danke", sagte sie schließlich nach einem sprachlosen Moment. "Aber wird man einer Hornspeer-Frau in eurem Rat glauben?"

"Man wird der Frau glauben, die Drachentod gebracht hat", antwortete Hadiya fest.

"Und Timon kann bestätigen, dass es keine Lügen sind." Kiwan nickte erneut. Vielleicht war das sogar ein Weg, um die unnütze Feindschaft irgendwann in ferner Zukunft der Tiefsee übergeben zu können, wenn die Stämme einander beistanden. "Doch dafür ist morgen Zeit, wenn wir angekommen sind", fügte er an. Solcherlei ohne den Rat zu diskutieren war überflüssig.

Stattdessen erzählte er auf Brins Fragen hin, wie Timon ihn gerettet hatte. Auch für Timon war die Geschichte interessant. Damals hatten sie sich nicht austauschen können, und Timon wusste nicht, wie Kiwan überhaupt in diese Lage gekommen war. Das führte natürlich auch zur umgekehrten Erzählung und zu weiteren Fragen und Geschichten.

Als sie schließlich zu Bett gingen, teilten sie sich ganz selbstverständlich so auf, dass die beiden Frauen und die beiden Männer ein Lager teilten. Timon war Kiwans Verantwortung, da er ihm verpflichtet war.

"Ist dir das nicht unangenehm?", fragte Kiwan mit einem Blick auf Timons Oberbekleidung, während er seine Waffen neben das Bett legte. "Das Material saugt sich doch voll."

Ein wenig verlegen zuckte Timon mit den Schultern. "Es gibt mir ein Gefühl von Schutz wegen des Amuletts", erklärte er. "Ich habe Angst, es zu verlieren. Ohne die Perle sterbe ich."

Kiwan hob überrascht die Brauen, dann lächelte er weit. "Da musst du dir keine Sorge machen." Er glitt zwischen die Laken und hielt sie für Timon auf. "Es liegt der Schutz der Geister darauf; die Kette wird sich nur lösen, wenn du das willst. So ist sie gemacht."

Unsicher sah Timon ihn an, aber entschied sich trotz dieser Worte für sein T-Shirt. Ihm war zwar schon einiges Unglaubliches geschehen, allein seine Wasseratmung war magisch, aber er wollte damit doch lieber etwas Greifbarerem vertrauen. Immerhin hing sein Leben daran.

"Morgen vielleicht", war das größte Zugeständnis, zu dem er sich durchringen konnte, als er sich zu Kiwan schob. Gleich zog der Mann ihn wieder an sich, was Timon überraschte, da sie dieses Mal mehr Platz hatten.

"Ist es dir unangenehm?", fragte Kiwan verhalten, als er Timons kleines Versteifen spürte. "Du hast erwähnt, dass du es nicht gewohnt bist, das Lager zu teilen. Ist das bei den Luftatmern immer so? Wir schlafen nur selten allein."

"Nein, nein", wehrte Timon ab und grinste. Er wollte einen Scherz machen, dass es nett war, von einem so gut aussehenden Mann gehalten zu werden, aber entschied sich im letzten Moment dagegen. Er wusste nicht, wie Meermenschen dazu standen und wollte lieber keine Anfeindungen deswegen riskieren. "Aber bei uns ist das in der Tat anders. Da teilen nur Paare das Bett. Da ist das hier schon ein wenig ungewohnt."

"Hm", brummte Kiwan. Er konnte sich das nur schwer vorstellen. Wie einsam mussten da die Nächte sein! "Aber so ist es gemütlicher und wärmer", beschied er und zog den schlanken Körper näher an sich. Und manche Leute hielt man noch einmal so gern wie andere. Zufrieden schloss er die Augen, während die letzten Reste des Lichts erloschen.

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Wünsche von:
Witch23: Hadiya und Brin wird die Rettung Kiwans erzählt

© by Pandorah