Meerschaum

10.

Timon erwachte am nächsten Morgen mit den anderen, und auch, wenn er gerne noch in der warmen, sicheren Umarmung von Kiwan liegen geblieben wäre, stand er doch mit ihnen auf. Während er noch morgenmüde darüber nachdachte, ob 'aufstehen' hier nicht eher 'aufschwimmen' heißen müsste, bekam er schon ein Frühstück aus Fisch und den Resten der Vorabendsalate vorgesetzt. Dann wurden die Betten abgebaut und ordentlich verstaut, und nachdem der Hügelbau verschlossen worden war, brachen sie im noch grauen Morgenlicht auf.

Brin hatte ihre Flossen gleich selbst angezogen, und Timon wurde wieder von ihr und Kiwan gezogen. So ungern Timon das auch nur vor sich selbst zugab, war das jedoch bitter nötig. Er hatte erbärmlichen Muskelkater in den Beinen. Hadiya blieb dieses Mal bei ihnen und trug Timons alte Kleidung. Offensichtlich war ein Späher nicht mehr nötig.

Sacht näherte sich der Meeresgrund weiter der Oberfläche, so dass mehr Licht das Wasser bis zum Boden durchflutete. Das weiche Rauschen der Wellen umhüllte sie, von überall und nirgendwo kam das leise Knirschen, mit dem Papageifische Algen von den Korallen abweideten oder diese selbst fraßen. Die Korallen nahmen in Zahl und Vielfalt zu und wurden immer fantastischer. Unglaublich farbenprächtige Riffe wuchsen aus dem Fels und hatten ganze Mauern, bizarre Schlösser und fremdartige Bergketten gebaut. Sie waren von einer Unmenge an Leben bevölkert, überströmend an Farben und Formen, dass Timon nicht wusste, wohin er zuerst schauen sollte.

Mit offenem Mund starrte er von schlanker Muräne zu reichbeflosstem Feuerfisch, von Schwärmen schillernder Fahnenbarsche zu grotesken Seepferdchen, von flinker Garnele zu ruhiger Koralle. Manche Korallenstöcke sahen aus wie Büsche mit Blüten statt Blättern, manche bildeten riesige Platten, andere wirkten wie weiche Kissen und wiederum andere wie dicke, gebänderte Knollen. Es gab kleine knubbelige Arten und filigrane Gebilde, die keiner Welle widerstehen zu können schienen. Wenige wie die Gehirnkoralle erkannte Timon, die meisten hatte er noch nie zuvor gesehen.

Sie schwebten über endlose Felder, glitten durch die riesigen Äste von Geweihfächern, schoben sich durch Brücken miteinander verwobener Gebilde und unter weiten Tischkorallen hindurch. Oft reichten die Riffe bis zur Wasseroberfläche hoch, sogar hier und dort darüber hinaus, so dass sie zu Umwegen gezwungen waren, und Timon verstand, warum sich Schiffe hier nicht hinwagten. Der Perlmuschel-Stamm hatte eine sichere Heimat gewählt.

Kiwan hatte mehr Vergnügen daran, seinen Freund zu beobachten als die bekannte Landschaft um ihn herum. Das großäugige Staunen war herrlich anzuschauen; Timon wandte sich hierhin und dorthin, verfolgte mit offenem Mund einen gestreiften Punktflosser mit den Blicken, nur um gleich die Augen aufzureißen, weil er eine buntgeäderte Flossenschlange entdeckte. Er strahlte vor Vergnügen, als sie durch einen Schwarm Juwelenbarsche schwammen, die hastig vor ihnen zurück wichen und Schutz in ihrer Koralle suchten, um sich nur einen Moment später wieder hervor zu wagen.

Als sie um einen Korallenturm bogen und in einen der Strömungskanäle nahe des Dorfes gerieten, entdeckte Kiwan zu seiner Freude Lenar. Blind für alles um ihn herum hatte sich sein Freund mit einem Finger im Felsen verhakt und trieb reglos in der Strömung, den Blick konzentriert auf irgendetwas gerichtet, das Kiwan nicht sehen konnte. Vermutlich war es ein Röhrenwurm oder eine Borstenschnecke, die irgendwelche Dinge taten, die Röhrenwürmer und Borstenschnecken eben so taten – fressen, verdauen oder sich paaren. Lenar war der einzige, der das mit einer solchen Faszination verfolgen konnte.

Kiwan grinste, sah zu Brin und Timon hin und legte kurz die Finger an die Lippen, um ihnen zu bedeuten, still zu sein. Brins Blick ruhte auf Lenar, ein Ausdruck wie Schreck schien ihre Augen zu überschatten, doch nur einen Herzschlag später wandte sie sich Kiwan mit ruhiger Miene zu und nickte.

Kiwan zögerte, aber entschied sich nicht zu fragen. Rasch drückte er Timon seine Harpune in die Hand, ohne auf dessen überraschten Blick zu reagieren, ließ ihn los und pirschte sich vorsichtig und mit sparsamen Bewegungen von hinten, schräg über Lenar, auf seinen Freund zu. Selbst Lenars dunkelgraues Haar schmiegte sich an den perlfarbenen, sehnigen Körper und verharrte ohne Bewegung, um was auch immer nicht aufzuschrecken oder das Licht für Beobachtungen abzuschirmen.

Gerade als Kiwan ihn packen und erschrecken wollte, die Arme schon ausgebreitet, zischte Lenar: "Nicht jetzt, Kiwan!"

Verdutzt hielt Kiwan mitten in der Bewegung inne. Hinter ihm lachte Hadiya hell auf. Lenar zuckte zusammen, ließ seinen Halt los, drehte sich noch in der Bewegung um und wurde von der Strömung direkt auf Kiwan getrieben. Nur einen Augenblick später fand sich Kiwan in einer kräftigen Umarmung wieder.

"Kiwan, verdammt! Wo habt ihr gesteckt? Wir haben uns Sorgen gemacht. Drei Tage ohne Nachricht, obwohl ihr nur einen kurzen Jagdausflug geplant hattet! Ich war gerade auf dem Weg, um Ausschau nach euch zu halten, als ich... oh nein!" Abrupt löste sich Lenar von Kiwan und drehte sich hastig zum Fels hin. Suchend sah er in mehrere Spalten und Ritzen und wandte sich dann mit enttäuschter Miene zu ihnen zurück. "Weg! Da entdecke ich den kleinen Feuerkopf endlich einmal bei der Paarung, und dann so etwas!"

Hadiya lachte wieder auf und Kiwan fiel dröhnend mit ein. Er drückte seinen Freund erneut an sich und schob ihn dann auf Armeslänge von sich, um ihm ins Gesicht sehen zu können. "Schön, dass du dir Gedanken um uns gemacht hast. Aber du wirst deinen kleinen Feuerkopf gleich vergessen, wenn ich dir sage, warum wir so lange weg geblieben sind. Lenar, wir haben Timon gefunden! Den Luftatmer, der mich damals gerettet hat. Und nicht nur das, wir haben ihn gleich mitgebracht. Er kann Wasser atmen, Lenar!"

Freudig drehte er seinen Freund in die Richtung, in der Brin und Timon auf der Stelle schwebten, beide leicht gegen die Strömung antretend. Lenar starrte ungläubig, doch sein Blick galt nicht dem Mann, sondern der rothaarigen Frau, die seinen Blick unverwandt erwiderte. "Kiwan, das ist... was macht..."

Kiwan hob die Brauen. Also war seine vorherige Beobachtung doch richtig gewesen. Offensichtlich kannten sich die beiden. Aber woher? Lenar hatte nie von einer Bekanntschaft mit einer Hornspeer gesprochen.

"Das ist Brin vom Hornspeer-Stamm. Sie begleitet uns, da es dringende Dinge zu besprechen gibt, die alle Stämme betreffen. Brin ist mein Gast und unantastbar", betonte er fest. Lenar war niemand, der anderen sofort in feindlicher Absicht entgegen schwamm, aber Kiwan hielt es für angebracht, bei dieser eher ungewöhnlichen Reaktion gleich die richtigen Zeichen zu setzen.

Lenar starrte Brin einen langen Moment an, während eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen über sein ausdrucksstarkes Gesicht schwemmte. Kiwan konnte nicht einmal die Hälfte von ihnen zuordnen. Was übrig blieb, schien Erleichterung zu sein. Dann wandte sich seine Aufmerksamkeit jedoch Timon zu. Sofort bekam er das, was Kiwan sein Erforscher-Gesicht nannte – seine Miene entspannte sich, die Augen wurden weit, als wollten sie alles erfassen, das Haar fächerte sparsam, aber aufmerksam auf.

Gemeinsam schwammen sie zu den anderen zurück, und Kiwan stellte der Höflichkeit halber noch einmal vor. "Timon, Brin, das ist Lenar, mein bester Freund seit Kindertagen."

Neugierig betrachtete Timon den Meermann. Er war so groß wie Kiwan, jedoch schlank und sehnig, wo Kiwan breitschultrig und muskulös war. Die helle Haut schimmerte wie Seide und bot einen hübsch anzusehenden Kontrast zu den dunklen Haaren. Schiefergraue Augen musterten Timon intensiv. Timon lächelte entwaffnend und hoffte, dass er einen guten Eindruck auf den besten Freund machte, auch wenn er noch immer das T-Shirt trug und unrasiert war. "Hallo, Lenar. Schön, dich kennenzulernen."

Lenar zuckte leicht zusammen, als würde er erst jetzt bemerken, dass Timon kein stummer Fisch war, dann erwiderte er das Lächeln breit. "Timon. Ich gestehe, ich hätte nie damit gerechnet. Aber es ist eine freudige Überraschung!"

Ohne weitere Umstände wurde Timon in eine feste Umarmung gezogen, energische Lippen pressten sich auf seine. Zum Glück schien Lenar gar nicht zu merken, dass Timon aus lauter Überraschung verspätet reagierte. Daran würde er sich wirklich erst gewöhnen müssen, von Wildfremden geherzt und geküsst zu werden!

"Und noch dazu unter Wasser, das ist erst einmal großartig! Bist du wirklich ein Luftatmer?" Lenar schob ihn auf Armeslänge von sich und musterte ihn intensiv. Er löste einen Arm und griff mit der Hand nach Timons Haar, aber zog sie zurück, ehe er ihn berühren konnte.

Timon lachte. "Ja, das bin ich. Und glaub mir, ich finde euch genauso faszinierend wie ihr mich. Hier, bitte." Großzügig hielt er ihm den Kopf hin und spürte gleich darauf Lenars Finger tasten.

"Faszinierend, in der Tat." Lenars Augen blitzten. "Ich habe so viele Fragen, Timon! Du bist der erste Luftatmer, der unsere Sprache spricht! Jetzt haben wir dafür wohl keine Zeit, aber später musst du einfach einmal bei mir zu Gast sein! Versprich mir das."

"Gerne." Timon lächelte. Er mochte Lenar auf Anhieb.

Kiwan lachte leise. "Mein Lenar ist Forscher. Er erforscht alles und jeden, musst du wissen. Nimm ihm die Neugierde nicht übel. Durch ihn haben wir unglaublich viel erfahren, weil er die Geduld aufgebracht hat, Fische und Korallen und alles mögliche zu beobachten."

Am Anfang war Lenars unendliche Wissbegierde belächelt, manchmal sogar mit abfälligen Kommentaren bedacht worden. Kiwan erinnerte sich noch gut an die Zeiten, in denen er sich wütend vor seinen Freund gestellt hatte, weil die Spielkameraden nicht nur geneckt, sondern ihn ausgelacht und verhöhnt hatten. Mittlerweile jedoch hatten Lenars Beobachtungen und die daraus folgenden Entdeckungen schon manches Mal zu reicher Jagd und guter Ernte geführt, jetzt wurde er trotz seiner manchmal abgelenkten, umständlichen Art im Stamm respektvoll anerkannt und im Rat gern gehört.

"Ein Wissenschaftler, sozusagen?" Timon betrachtete Lenar gleich mit neuem Interesse, mühsam ohne Flossen gegen die Strömung ankämpfend, da der Mann ihn nun losgelassen hatte. "Dann komme ich gleich noch einmal so gern."

Lenar strahlte freudig, bevor sein Blick zu Brin huschte. Das Strahlen verblasste, und Timon sah Unsicherheit. Ob er überlegte, wie man ein Mitglied eines feindlichen Stammes begrüßte, das plötzlich Gast geworden war?

"Brin hat mir geholfen und sich für mich gegen ihren Stamm gestellt; ohne sie wäre ich vermutlich nicht mehr am Leben", erklärte er, in dem Bemühen, ihr Pluspunkte zu verschaffen.

"Willkommen beim Perlmuschel-Stamm, Brin." Lenar lächelte schief und streckte ihr zaghaft die Hände entgegen.

Sie ergriff sie ein wenig steif und zurückhaltend und drückte sie. "Danke."

Nachdenklich kräuselte Kiwan die Lippen. Da war auf jeden Fall etwas seltsam. Gerade wollte er ohne Umschweife nachfragen, als er bemerkte, dass Timon trotz seiner Anstrengungen abtrieb. Rasch schwamm er zu ihm hin und zog ihn wieder zurück. Ohne Schwimmhäute zu sein, war wirklich unpraktisch.

Lenar drehte sich zu ihnen um, und Kiwan sah definitiv Unsicherheit. "Kiwan, ich..."

Aufgeregte Rufe unterbrachen sie. "Heyho! Kiwan, Hadiya!"

Mit der Strömung kam eine Gruppe Sammler mit ihren Körben getrieben. An ihrer Spitze schwamm Kiwans Vater Matej, trotz des Umstands, dass er nur eine breitere Flosse hatte, war er der schnellste von allen. Die Konstruktion der Flossenmacherin, die sich an Delphinen orientiert und zudem den fehlenden Unterschenkel ergänzt hatte, hatte sich schon seit langem bewährt. Matej war nicht mehr ganz so wendig wie vor dem Jagdunfall mit dem Drachen, aber immer noch schneller als viele andere.

"Wir wollten schon Suchtrupps losschicken", schimpfte er und küsste und umarmte erst seine Tochter, dann seinen Sohn. "Drei Tage ohne Nachricht, obwohl ihr nur einen kurzen Ausflug geplant hattet! Wolltest du wieder Drachen füttern?"

"Fürs Füttern bist du zuständig." Kiwan lachte und erwiderte die Umarmung fest. "Aber es gibt eine gute Erklärung, du wirst dich freuen."

Wieder folgte die Vorstellung Timons und Brins, und Timon musste erneut Umarmungen und Küsse von Fremden über sich ergehen lassen. Es schien jedoch Abstufungen zu geben, wie er feststellte. Kiwans Vater drückte ihn fast zu Tode vor Begeisterung und küsste ihn herzhaft, eine der Frauen, die Kiwan als eine gute Freundin vorstellte, küsste ihn ebenfalls, die anderen umarmten ihn zumindest nur. Die Namen konnte er sich jedoch nur bei den wenigsten merken. Brin bekam von allen die Hände – beide gleichzeitig – gedrückt. Timon vermutete, dass die Geste ihren Ursprung darin hatte, dass man, wenn man beide Hände beschäftigte, nicht zur Waffe greifen konnte.

Inmitten dieser bunten Gruppe ging es schließlich weiter den Strömungskanal entlang. Timon fühlte sich wie Teil eines neugierigen Fischschwarms. Ständig sah man zu ihm hin, winkte, und jeder schien sich zu freuen, ihn zu sehen. Kiwan und Hadiya schwammen neben ihrem Vater, der als einziger Meermann nicht mit zwei, sondern mit einem besonders breiten Flossenschuh schwamm, der beide Beine umfasste. Brin zog ihn wie gewohnt, an Timons anderer Seite schwamm dieses Mal Lenar.

"Brin?", fragte der helle Meermann leise, beinahe drängend über Timons Kopf hinweg, doch sie antwortete nicht. Als Timon ihr einen Seitenblick zuwarf, sah er, wie angespannt ihre Miene war. Er drehte den Arm, um ihre Hand nahe seiner Schulter ungeschickt zu drücken.

"Ich glaube nicht, dass sie dir böses wollen", sagte er aufmunternd. Irgendwie war es angenehm, mal nicht derjenige zu sein, der Zuspruch benötigte.

Überrascht wandte Brin ihm das Gesicht zu, dann lächelte sie, und ein Teil der Anspannung schien von ihr zu weichen. "Nein, das glaube ich auch nicht."

Von einem Moment auf den anderen wurde es warm, als hätten sie eine Barriere überquert. Nach den ersten Metern wünschte sich Timon fast, er hätte das T-Shirt doch ausgezogen. Er erinnerte sich, dass Kiwan von Dorfkreisen und deren Wirkung gesprochen hatte. Ob sie gerade in deren Schutz gekommen waren? Als hätte Kiwan seine Fragen gespürt, löste er sich von seinem Vater, drehte mit einem Kopfübersalto um und kam zu ihm zurück.

Er lächelte Timon freudig an. "Gleich sind wir da. Lenar, schau nach Brin, ja?"

Mit kraftvollen Flossenschlägen schwamm er über Timon, umfing ihn mit beiden Armen und nahm ihn mit sich. Brin und Lenar ließen ihn los; nur Momente später schwebten Kiwan und Timon über der Gruppe, nahe der Oberfläche. Auf diese Art mit Kiwan zu schwimmen war beinahe, als würde Timon selbst so wendig sein. Die starken Arme hielten ihn sicher, er konnte die Bewegungen der Muskeln und die Strömung um die Beine spüren.

Dann öffneten sich die Korallenbänke zu einem weiten Platz, der jenseits mit dem Blau des Meeres verschwamm. Zur Strömung ausgerichtet gab es zahlreiche der Hügelhäuser, die Timon bereits am Vorabend kennengelernt hatte. Sie waren größer und wie Kiwan angekündigt hatte mit Oberlichtern versehen. Auch wenn sie nicht so 'zugewuchert' waren, so waren sie doch reichlich mit offensichtlich sorgfältig gepflegten Korallen und Tangen bewachsen. Über und zwischen ihnen schwammen Meermenschen oder saßen davor und auf den Kuppen, um zu weben, zu schnitzen oder Dinge zu tun, von denen Timon nicht einmal ahnte, was es sein mochte.

"Gefällt es dir?", fragte Kiwan direkt neben seinem Ohr. Die dunkle Stimme schickte einen angenehmen Schauer durch Timon hindurch und war direkte Ursache einer Gänsehaut, die über seinen Rücken lief.

Timon drehte den Kopf und entdeckte, dass Kiwan ihn ansah. Er lächelte. "Ja. Der Ort liegt wirklich geschützt inmitten all der Riffe. Und es ist wunderschön. All die Korallen! Die Fische! Herrlich!"

Und Timon meinte es auch so. Das Wasser schien vom Leben nur so zu pulsieren, die Farben waren atemberaubend, und trotz der vielen Menschen war die Sicht klar und weit.

Kiwans Lächeln vertiefte sich. Er drückte Timon fester an sich, froh über dessen Begeisterung. "Diya und ich haben mit Vater gesprochen. Erst mal musst du natürlich vorgestellt werden. Jeder will dich kennenlernen. Ich hoffe, das stört dich nicht?"

Timon grinste ein wenig schief. "Nun, ich kann's euch nicht verdenken. Ich kann auch nur staunen, wenn ich euch ansehe."

"Gut." Kiwan nickte einmal knapp. "Danach zeige ich dir meine Höhle. Sie ist auch deine, solange du hier bist. Ich wohne selten dort, meist bei Freunden oder bei der Familie. Aber jetzt, da du hier bist, teilen wir sie uns natürlich."

Es klang ganz selbstverständlich, wie Kiwan das sagte, aber es schickte einen warmen Schauer durch Timon. Als würde sie etwas privateres verbinden als nur die Tatsache, dass er vor Urzeiten den anderen zurück in einen Meerwassertümpel gezogen hatte. Als sei es mehr als nur Timons Hilflosigkeit als Luftatmer unter Wasser.

"Und heute Abend feiern wir!" Übermütig küsste Kiwan Timons Schläfe. "Dass du hier bist, dass du mich gerettet hast, dass wir dich gefunden haben." Er lachte und wirbelte ihn einige Male um die Längsachse herum. "Ich bin so froh darüber!"

Timon wurde schwindelig und glücklich zugleich. Er fiel in das Lachen mit ein. Unglaublich, wie sehr sich Kiwan freuen konnte, obwohl er ihn kaum kannte. Unglaublich, dass sich tatsächlich das halbe oder auch das ganze Dorf zu freuen schien, nur weil er hier war. Ganz ohne ein Lauern darauf, dass er Kinder retten sollte oder sonst irgendetwas tat.

Von unten winkte Kiwans Vater, und Kiwan schoss mit Timon im Arm hinab zu ihm. Er hielt ihn fest umfangen, bis sie da waren und ließ ihn erst los, als es wieder ans Vorstellen ging. Es schien wirklich jeder einzelne Einwohner des Dorfes da zu sein, um den Luftatmer anzuschauen und zu begrüßen.

Timon verlor irgendwo nach der fünfzigsten Umarmung endgültig den Überblick, und die Namen vergaß er ebenso schnell, wie er sie gesagt bekam. Einzig Thia konnte er sich merken; die kleine, dunkelblaue Frau war nicht nur eine der ersten, die ihm vorgestellt wurde, sie küsste ihn zudem gleich mehrfach – es war Kiwans Mutter.

Kiwan staunte, wie geduldig Timon die Neugierde des Dorfes über sich ergehen ließ. Es war wirklich jeder da, von den Ältesten bis zu den kleinsten Kindern, die schon selbst schwimmen konnten. Es war niedlich anzusehen, wie Timon die Kleinen in die Arme nahm, die ihm kichernd durch die Haare strichen oder an seiner Oberbekleidung zupften.

Brins Vorstellung hingegen wurde weitaus weniger spektakulär; sie wurde nur mit dem Dorfführer, der Jagdführerin und dem Rat bekannt gemacht. Wieder betonte Kiwan ausdrücklich, dass sie sein Gast war und damit unantastbar. Er wurde von Lenar überrascht, der sich unvermittelt einmischte.

"Du hast Timon, für den du sorgst. Ich werde für Brin bürgen. Sie ist mein Gast, wenn du erlaubst", sagte er ruhig.

"Unser Gast. Wenn du sie bei dir aufnimmst, bin ich gerne einverstanden. Dann sind beide Gäste gut untergebracht." Kiwan nickte dankbar. Dass sie in seiner Verantwortung stand, war nicht nur wegen seines Rufes wichtig, sondern auch, weil er sie hierher gebracht hatte. Aber dass die Hornspeer-Frau gleich von einem weiteren Stammesmitglied so schnell als willkommener Gast anerkannt wurde, war ein gutes Zeichen an alle, die mehr Misstrauen zeigten. Auf Lenar konnte er sich verlassen. Wärme füllte ihn. Auch wenn sein Freund bisher nicht einmal wusste, um was es ging und obwohl er so offensichtliches Unbehagen gezeigt hatte, vertraute er ihm blind.

Während Lenar Brin zu seiner Höhle führte, brachte Kiwan Timon zu seinem Heim. Heimlich wünschte sich Timon, dass Brin nicht in eine andere Richtung geschickt worden wäre. Seit er hierher gekommen war, war sie da gewesen, eine sichere Konstante in all der Verwirrung. Es fühlte sich auf unangenehme Art seltsam an, ohne sie zu sein.

Kiwans Haus lag am Rande des Dorfes, was Timon nicht erwartet hatte. Irgendwie hatte er sich vorgestellt, dass ein Drachentod in der Mitte von allem wohnte. Kiwan ließ ihn los, löste im oberen Drittel des Hügels eine Verriegelung, und ein runde Tür sank leise nach innen auf. Er glitt hinein, und Timon folgte ihm.

Obwohl keine Lampen brannten, war es nicht so dunkel, wie Timon erwartet hatte. Das Oberlicht ließ überraschend viel Licht herein und erhellte den Raum ausreichend. Als erstes fielen Timon die Pflanzen auf – saftig grün und angenehm beruhigend nach all der Farbenpracht. In der Mitte, direkt unter dem Oberlicht, war ein rundes Stück des Bodens mit unregelmäßigen Steinen ausgelegt, und auf diesen wuchs der blattreiche Tang, dem Licht entgegen strebend. Darin und darum flitzten winzige rote Fische, die von Kiwan aufgeschreckt worden waren.

"Die wird man nie los." Kiwan seufzte, als er Timons Blick bemerkte. Er legte die Harpune weg, zog die Flossen aus und lehnte sie an die Wand. "Man wirft sie raus und hat am nächsten Tag alle wieder drin – einschließlich ihres gesamten Freundeskreises."

Timon lachte auf. "Wie Schmeißfliegen an Land, was? Aber im Gegensatz zu denen finde ich sie sehr dekorativ."

Kiwan grinste erfreut und schnallte sein Messer ab. "Nun, wenn sie dir gefallen, dürfen sie drin bleiben", erklärte er großzügig und schloss die Tür. "Hast du Hunger?"

Timon lauschte in sich hinein, aber schüttelte dann den Kopf. Er ließ sich zu dem einzigen Bett hinabsinken und setzte sich mitten darauf. Es glich denen, die sie in der Vornacht benutzt hatten, aber war noch ein Stück breiter. Und es war zwischen den beiden Laken mit irgendetwas gepolstert.

Neugierig schaute er sich um. Rund um den Raum verliefen zwei Regalborde, die nur sparsam genutzt wurden. Timon sah mehrere geschlossene Körbe, einen aus vermutlich Elfenbein oder Knochen geschnitzten Drachen und zwei Harpunen verschiedener Größe. Vom Rand des Oberlichts hingen einige Schmucksteine, die das Licht fingen und brachen. Mit Muscheln und Schneckenhäusern war über dem Bett an der Wand ein rundes, ornamentales Schmuckmosaik gefügt worden.

"Erschöpft?" Kiwan ließ sich neben ihm nieder und musterte ihn aufmerksam. "Tut mir leid, dass du so überfallen worden bist. Aber du bist bekannt, jeder hat meine Geschichte von damals mehr als einmal gehört. Sie wollten dich alle mit eigenen Augen sehen."

Timon seufzte auf und zog nun doch das Shirt über den Kopf. Es war warm, und hier würde ihm niemand aus Versehen oder auch mit Absicht an der Kette zerren. Dann ließ er sich nach hinten sinken. Er sah zu Kiwan auf, dessen Haare wie von einer Strömung bewegt um ihn trieben. "Das war schon in Ordnung. Beim Hornspeerstamm bin ich auch so angeschaut worden, aber hier fühle ich mich zumindest willkommen. Ich hoffe nur, sie erwarten nicht, dass ich mir alle Namen gemerkt habe."

Fasziniert starrte Kiwan ihm auf die Brust, ohne wirklich gehört zu haben, was er sagte. Haare. Nicht viele, aber vorhanden. Er konnte nicht widerstehen und streckte die Hand danach aus. Es fühlte sich witzig an, ein wenig wie Algenbewuchs. Grinsend strich er darüber, bis ihm einfiel, dass sein Freund ihn schon einmal zurechtgewiesen hatte. Schuldbewusst sah er ihn an; wieder hatten sich Timons Wangen leicht gerötet. Es war niedlich anzusehen. "Entschuldige. Ich bin nicht besser als sie. Ständig muss ich dich anfassen."

"Du hast gesagt, ihr habt Luftatmer-Freunde. Eigentlich müsstest du doch daran gewöhnt sein." Timon wünschte, seine Wangen würden nicht so glühen. Er war sich sicher, dass Kiwan die Berührungen tatsächlich so unschuldig neugierig meinte, wie sie wirkten. Aber der Meermann war zu attraktiv, um sich damit zu trösten.

"Sie sind anders." Kiwan legte sich neben ihm nieder und stützte sich auf einen Ellbogen auf, um ihn ansehen zu können. "Dunkelhäutig, schwarzhaarig. Sie haben keine Gesichtshaare." Er strich ihm über die Stoppeln am Kinn und grinste, weil es sich rau anfühlte. "Und keine Haare auf der Brust oder den Beinen. Aber unter den Armen mehr als du."

"Da bin ich rasiert und es wächst nach", brummte Timon verlegen, aber zumindest darüber froh, dass er zu geringer Körperbehaarung neigte. Hoffentlich ließen die anderen Stammesmitglieder diese Art der Untersuchung bleiben. Bevor Kiwan zu weiteren Haarforschungen kommen konnte und die Hand in seinen Schritt schob, ging er zum Gegenangriff über. Wenn Kiwan durfte, durfte er auch. Er eroberte den Arm und zog die Hand vor sein Gesicht. Die Schwimmhäute faszinierten ihn schon, seit sie ihm bei Brin so deutlich aufgefallen waren.

Sie waren durchscheinend; wenn Kiwan die Finger spreizte, konnte man verschwommen die Umgebung hindurch erkennen wie durch eine beschlagene Scheibe. Und sie waren unglaublich flexibel. Wenn die Finger eng beieinander lagen, zogen sie sich zusammen, und nur, wenn diese sich fast berührten, wellten sie sich ein wenig. Man konnte sie gut dehnen; sie fühlte sich an wie eine Mischung aus Haut und Gummi.

Ein Blick in Kiwans Gesicht zeigte ihm, dass diesen die neugierige Untersuchung nicht störte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, aufmerksam verfolgten Kiwans Augen, was er tat. Timon richtete sich auf und beugte sich über den kräftigen Brustkorb. Die Kiemen hatte er schon mehrfach unter seinen Händen gefühlt, er sah sie jedes Mal, wenn er Kiwan anblickte, aber ihn interessierte, wie sie funktionierten. Vorsichtig ließ er eine Handfläche darüber gleiten, fuhr dann mit den Fingern die Ränder entlang. Hatten sich Rippen zurückentwickelt, um dafür Platz zu schaffen? Er drückte lieber nicht, um es herauszufinden. An den Rändern schimmerten sie grünblau, so wie Kiwan grünblau schimmerte, aber weiter innen konnte er das dunkle Rot von gut durchblutetem Gewebe entdecken. Also war auch Meermenschenblut rot.

Kiwans Atem beschleunigte sich, sein Herz schlug schneller. Die Erforschung seiner Hand war angenehm gewesen und auch ein wenig aufregend, denn dort, wo Schwimmhaut in Finger überging, war er sehr empfindlich. Aber diese zarten Berührungen an seinen Kiemen fuhren ihm direkt in den Schoß, und leider war er sich ziemlich sicher, dass Timon das nicht so meinte.

"Timon... das fühlt sich wirklich schön an. Aber wenn du nicht Liebe machen willst, solltest du damit aufhören", sagte er leise und war überrascht, wie heiser seine Stimme klang.

Erschrocken zuckte Timon zurück und sah Kiwan ins Gesicht. Der Blick der grünblauen Augen war unter halb gesenkten Lidern verschleiert und schickte ihm einen heißen Stich direkt in den Magen. Für einen Moment erwiderte Timon ihn gebannt.

'Wenn du nicht Liebe machen willst...' Wollte Kiwan das? Meinte er das so? Ganz unkompliziert und einfach? Oder war das lediglich ein Hinweis, weil Timon etwas tat, was nicht den Regeln entsprach? Wahrscheinlich fasste man einem Meermann nicht einfach an die Kiemen, genauso wenig, wie man normalerweise jemandem mal eben neugierig zwischen die Beine griff. Der Vergleich trieb glühende Hitze in Timons Wangen. Peinlich berührt zog er sich zurück.

"Es gut mir leid", murmelte er beschämt und starrte auf den grünen Tang in der Mitte des Raumes. "Ich wusste nicht... ich wollte nicht..."

Kiwan atmete tief durch, ein wenig enttäuscht, dass seine Vermutung richtig gewesen war, aber aufs Neue fasziniert von Timons rotem Gesicht. "Kannst du ja nicht wissen. Und warum soll es dir besser gehen als mir? Ist mir ja nun auch schon ein paar Mal passiert, dass ich Dinge getan habe, die sich bei dir nicht gehören."

Timon lachte und sein Gesicht kühlte etwas ab. "Gar nicht so einfach, was?" Noch immer konnte er Kiwan nicht ansehen, aber fühlte sich schon nicht mehr ganz so beschämt.

"Nein, gar nicht so einfach", pflichtete Kiwan ihm bei. Er richtete sich auf und drückte aufmunternd Timons Schulter, dann stieß er sich vom Bett ab und schwamm auf die andere Seite des Raumes, um seine Vorratstruhe zu öffnen. Er brauchte Abstand, um sich zu beruhigen. "Bist du dir sicher, dass du keinen Hunger hast?"

Timon entschied, dass Alltäglichkeiten das beste Mittel waren, um aus dieser Verlegenheit wieder herauszukommen. "Ein wenig knurrt mir schon der Magen. Gehört bei euch Essen zum Feiern?"

"Natürlich." Kiwan lachte und holte in Ledertang eingeschlagenen Fisch aus einem Korb in der Truhe. "Aber bis dahin will ich dich nicht hungern lassen."

Als sie kurze Zeit später gemeinsam auf dem Bett saßen und das nach Art seines Großvaters eingelegte Fleisch aßen – Kiwan liebte es, zart und würzig zugleich – stellte er fest, dass es gut war, dass sie nicht damit begonnen hatten, Liebe zu machen. Es klopfte, und als er öffnete, kamen Hadiya und seine Eltern herein, die natürlich begierig darauf waren, mehr von Timon zu erfahren. Kiwan holte Kissen und mehr Fisch hervor, und so saßen sie gemeinsam in gemütlicher Runde und erzählten, bis es Zeit wurde, mit den Vorbereitungen für das Fest zu beginnen.

____________________________________________________________________________________________
Wünsche von:
Deischy, Katsumi & Split: Brins und Lenars Verhalten, weil...
Katsumi: das Perlmuscheldorf liegt in lichtdurchfluteten, oberflächennahen Gewässern
Mahadevi: Timon wohnt bei Kiwan und teilt sich mit ihm nach wie vor das Bett; Kiwan findet Timons rotes Gesicht süß
Skye: Lenar ist Wissenschaftler und wegen seiner Neugierde in der Vergangenheit oft ausgelacht worden, bis seine Forschungen offensichtliche Erfolge für den Stamm zeigten
Witch23: Timon zieht sein Hemd deswegen aus, weil es warm wird; erst mal eine sehr körperliche Anziehung zwischen Kiwan und Timon; das Dorf wird durch Korallenriffe vor den Luftatmer-Schiffen geschützt

© by Pandorah