Meerschaum

11.

Zögernd angelte Timon sein T-Shirt vom Bett; es folgte schlaff wie eine alte Fahne der Bewegung seines Arms. Im Dorfkreis und mit dem zusätzlichen Schutz der Perle war es eigentlich zu warm dafür, aber der Gedanke, das Amulett ungeschützt zu lassen, gefiel ihm trotz Kiwans Versicherung nicht. Eine aufwirbelnde, kleine Strömung verriet ihm, dass sein Freund sich näherte, noch bevor ihn dessen Hand an der Schulter berührte. Es war fast wie das Geräusch von Schritten, das einem ja auch sagte, dass jemand kam.

"Ich würde dich zur Oberfläche bringen, bevor du ersticken könntest", versprach die dunkle Stimme hinter ihm, und Timon drehte sich zu ihm um.

Mit einem Lächeln erwiderte er den ernsten Blick. "Ich weiß. Aber ich weiß nicht, ob das helfen würde. Luftatmer können nicht lange in einer gewissen Tiefe bleiben, ohne dass... Dinge mit ihnen geschehen. Wenn sie dann zu schnell auftauchen, sterben sie. Ich weiß nicht, ob die Perle diese Taucherkrankheit verhindert."

Kiwan ergriff seine beiden Hände und drückte sie samt T-Shirt gegen seine Brust, um zu betonen, wie ernst es ihm damit war. "Du wirst die Perle nicht verlieren. Ich wollte dir nur sagen, was ich dann tun würde. Niemand hat je ein Perlamulett verloren, Timon. Es ist unmöglich, die Magie der Geister verhindert das." Er sah die Zweifel in Timons Blick, die er doch so gerne ausgelöscht hätte; seine Stimme wurde leiser und weicher. "Vertrau mir, wenn du der Magie nicht vertrauen magst."

Timons Herz machte einen Satz und schickte Stiche in seinen Magen, dennoch klang ein wenig Verärgerung mit, als er antwortete. "Ich vertraue dir, Kiwan. Aber das ist etwas, dass du..." Dass er ihm unmöglich versprechen konnte. Was aber war daran unmöglich? War es genauso unmöglich wie die Tatsache, dass ein Mensch unter Wasser atmete? Er seufzte, drückte kurz die kräftigen Hände und entzog sich ihm dann. "In Ordnung. Ich lasse das olle Hemd hier."

Kiwans freudiges Strahlen auf diese Antwort hin überraschte ihn und ließ ihn abgelenkt überlegen, ob es nicht noch mehr Wünsche gab, die er seinem Freund erfüllen konnte. Bevor er sich wieder gefangen hatte, bekam er von Kiwan einen fest verschlossenen Topf aus bunt glasiertem Ton in den Arm gedrückt.

"Das habe ich von den Luftatmern eingehandelt." Kiwan grinste, froh über seinen kleinen Erfolg, und drückte Timon einen Kuss auf die Schläfe. "Da drin sind kleine Beutel mit etwas, das sie Uinum nennen. Ich weiß nicht, ob du es kennst, aber es ist auf jeden Fall sehr lecker und begehrt. Wir bringen es zum Fest mit."

Er selbst nahm einen Korb und zwei Sitzkissen auf, dann öffnete er die Tür und schwamm nach draußen. Timon folgte ihm. Seine Beine schmerzten dank des Muskelkaters eher mehr als weniger im Vergleich zum Vormittag, aber er ignorierte es. Überrascht stellte er fest, dass die Nacht hereingebrochen war. Offensichtlich war das Oberlicht gleichzeitig auch Lampe und hatte unmerklich die Dämmerung ausgeglichen, so dass er den Übergang gar nicht bemerkt hatte. Die Dunkelheit lag wie eine Kuppel über dem Dorf, nur unterbrochen von den hellen Flecken zahlreicher Leuchten.

Kiwan zog die Tür hinter ihm zu und verriegelte sie. "Sonst haben wir nachher die ganze Höhle voller Garnelen, Schnecken und ähnlichem Getier", erklärte er, während er unkompliziert den freien Arm um Timons Taille legte, um ihn mit sich zu ziehen.

Gemeinsam schwammen sie mit einigen anderen Meermenschen zur Dorfmitte. Die Wohnhügel ließen einen großen Platz frei, in dessen Zentrum leicht erhöht eine leuchtende Kugel thronte. Sie hatte einen Durchmesser von der Größe eines Kleinwagens, aber ihre Konsistenz schien mehr die einer Luftblase zu sein. Sachte bewegte sie sich in der Strömung, was eine leichte Unruhe in das weiche Licht brachte. Es flackerte nicht so behaglich wie Feuer und war erst recht nicht so warm, aber Timon fühlte sich gleich wohl.

Fast das gesamte Dorf schien sich schon auf dem Platz versammelt zu haben. Ein Raunen ging durch die Menge, als die ersten fröhlich zu ihnen deutend auf sie aufmerksam machten. Nach und nach drehten sich alle zu ihnen um, einige winkten. Timon überlegte, ob es angemessen war, zurück zu winken, aber die Frage erledigte sich, da er keinen Arm frei hatte.

Zielsicher steuerte Kiwan auf seine Eltern und Hadiya zu, bei denen auch Lenar und Brin saßen. Sie hatten Platz für sie freigelassen und schon Kissen ausgebreitet. Er brachte Timon und die eigenen Kissen dorthin und begrüßte Freunde und Familie der Reihe nach. Dann nahm er den Topf mit Uinum, um ihn zu den anderen Speisen zu bringen, die am Rande des Dorfplatzes auf Matten ausgebreitet lagen.

Timon atmete erleichtert auf, als er Brin entdeckte. Zielstrebig sank er direkt bei ihr nieder und machte es den Meermenschen nach, indem er sie in eine feste Umarmung zog. Sie lachte leise und erwiderte sie. Nachdem er auch Kiwans Familie begrüßt hatte, setzte er sich neben Brin. Ihm schien es, als würde sich ihre Miene ein wenig entspannen. Ob sie sich unwohl zwischen all denen fühlte, die offiziell mit ihr verfeindet waren?

"Alles in Ordnung mit dir?", fragte er leise.

"Lenar hat mich vorbildlich bewirtet, keine Sorge." Ihre Lippen kräuselten sich leicht und ihre Augen blitzten schalkhaft, als hätte sie einen Scherz gemacht. "Und mit dir? Du trägst deine Oberbekleidung gar nicht mehr."

Timon nickte. "Zu warm. Kiwan hat gewonnen. Aber ob das so besser ist, weiß ich noch nicht."

Sie lächelte. "Es sieht auf jeden Fall besser aus."

Kiwan kehrte zurück und setzte sich auf den freien Platz zwischen Timon und seinem Vater. Nach und nach verstummte das leise Tuscheln um sie her. Alle Blicke richteten sich zur Mitte, und auch Timon drehte sich dorthin. Ein grüner, älterer Meermann mit überraschend kurzem Haar war über die Kugel geschwommen und verharrte gut eine Mannshöhe über ihr.

"Heute ist ein guter Tag!", rief er hallend, und Timon erinnerte sich, dass er ihm als Dorfführer vorgestellt worden war. "Wir haben zwei Gäste in unserer Mitte, und Gäste sind uns immer willkommen. Brin vom Hornspeer-Stamm und Timon Luftatmer, wir grüßen euch! Vom Hornspeer-Stamm hatten wir lange keinen Besuch, da unsere Stämme sich nicht freundlich gesinnt sind. Doch Kiwan Drachentod und Hadiya sagen, dass schwere Zeiten über deinen Stamm gekommen sind und du deswegen hier bist. Lenar hat dich gerne in seiner Höhle aufgenommen. So sei uns von Herzen willkommen, Brin."

Die Meermenschen hoben die Hände, spreizten die Finger und drehten sie in den Handgelenken. Gleichzeitig erhoben sich ihre Stimmen in einer Mischung aus Klacken und hohen Rufen. Es klang wie freundliche Delphinlaute. Überrascht sah Timon sich um. Kiwan, Hadiya und Lenar waren besonders eifrig am Wedeln und Singen. Ob es eine Art Unterwasserapplaus war?

"Der heutige Abend jedoch soll der Freude gewidmet sein, für den Rat ist morgen Zeit. Der heutige Abend gehört Timon Luftatmer", übertönte der Dorfführer nach einer Weile die Menge. "Timon Luftatmer, der unserem Dorf ein Kind zurückgegeben hat, das verloren gewesen war. Ohne Timon hätten wir unseren Drachentod nicht. Wir verdanken dir viel. Kiwan hat dich natürlich sehr gerne in seiner Höhle aufgenommen. Timon, sei uns von Herzen willkommen!"

Die Rufe schwollen an, die Hände wurden eifriger geschwenkt, wieder wandten sich alle Gesichter Timon zu. Strömung strich über ihn hinweg, aufgeregt in kleinen Wellen. Es war ein nettes Gefühl, Applaus auch zu fühlen, und er grinste verlegen, ohne zu wissen, was er tun sollte.

"Ist Kiwan der einzige, der uns wiedergegeben wurde?", fragte der Dorfführer laut. "Oder haben wir noch mehr Grund, Timon zu feiern?"

Kiwans Mutter Thia erhob sich von ihrem Platz und glitt mit einem kräftigen Flossenschlag zum Dorfführer hin. Ihr dunkelblaues Haar fächerte auf, mit einem offenen Lächeln sah sie zu Timon hin. "Dieser Mann hat mir nicht nur meinen Sohn zurückgegeben. Durch meinen Sohn kam mein Gefährte wieder zu mir. Dieser Mann gab mir zwei meiner Liebsten zurück."

Ein alter Mann gesellte sich zu ihnen. "Durch Thias Sohn wurde mein Bruder gerettet. Timon Luftatmer gab mir meinen Bruder zurück."

Nach ihm kam eine Frau hinter der Lichtkugel hervor und schwamm zu den drei anderen empor. Neugierig musterte sie Timon, ehe sie sprach. "Durch Thias Sohn wurde meine Gefährtin gerettet. Timon Luftatmer gab mir meine Gefährtin zurück."

Timons Gesicht begann zu glühen, als sich das Ritual beständig mit immer anderen Meermenschen wiederholte. Er wusste kaum, wohin er schauen oder was er tun sollte. Mit solchen Lobpreisungen hatte er beim besten Willen nicht gerechnet – und gerechtfertigt waren sie schließlich auch nicht. Kiwans Heldentaten waren ja nicht sein Verdienst. Erst als sich ungefähr dreißig Männer und Frauen versammelt hatten, kam keiner mehr nach.

Die Meermenschen, die gesprochen hatten, legten die Köpfe in den Nacken und sangen. Eine Art Walgesang, der das Wasser in Schwingungen versetzte, hallte durch das Dorf und drang bis in Timons Brust und Bauch. Er vergaß seine Verlegenheit und lauschte mit offenem Mund. Schon als Tonaufnahme wäre das bestimmt beeindruckend gewesen, mitten drin zu sitzen, war unbegreiflich und wunderschön.

Als sie nach einer viel zu kurzen Ewigkeit ihr Lied beendeten, schwebte die Stille fast ebenso greifbar zwischen ihnen. Dann brandete erneut der Delphin-Applaus auf, und lachend kehrten die Sänger an ihre Plätze zurück.

"Das war für dich", flüsterte Kiwan Timon zu und drückte ihn. Benommen konnte Timon keine Antwort geben.

"Ihr habt sie gehört, die Sänger!", sagte der Dorfführer mit tragender Stimme. "Ohne Timon wäre die Trauer in unserem Dorf groß. Wir heißen dich im Perlmuschel-Stamm willkommen, Timon Luftatmer. Dieses Fest ist für dich." Wieder brandete Beifall auf, und als er verklungen war, grinste der Dorfführer. "Und nun genug der Worte! Lasst uns feiern!"

Gelächter ertönte, und auch Timon musste lachen.

"Das sollte deine Feier sein, Kiwan, nicht meine", sagte er und grinste. "Meine Güte, was hast du für eine Menge an Leuten gerettet!"

Kiwan lachte erneut. "Das klingt beeindruckender als es ist. Wäre es eine Feier zu Ehren von jemand anderem gewesen, wäre ich auch dort oben geschwommen und hätte danken können, dass mir Vater, Mutter oder Schwester wiedergegeben worden sind. Bei fast jeder Jagd steht man für jemanden ein. Nur sehr wenige sind mir so verpflichtet, wie ich dir verpflichtet bin."

"Verpflichtet... das klingt unangenehm." Timon schnitt eine kleine Grimasse. "Ich möchte nicht, dass du deswegen zu irgendetwas gezwungen bist. Und so viel hab ich damals nun wirklich nicht getan." Er hatte ja nicht mal sein Leben auch nur vage in Gefahr gebracht.

Kiwan lächelte, umfing Timons Gesicht mit beiden Händen und sah ihm direkt in die Augen. "Doch, das hast du. Obwohl du noch Kind warst und ich ein fremdes Wesen jenseits deiner Welt, hast du getan, was du getan hast. Und es ist eine gute Pflicht, Timon. Kein Zwang. Dir verpflichtet zu sein, ist besonders." Er küsste ihn auf die Stirn, dann lachte er wieder. "Aber unser Dorfführer hat recht. Genug der Reden. Lass uns feiern! Magst du etwas essen? Komm, ich zeige dir, was es gibt."

Verwirrt von den ernsthaften, herzlichen Worten und noch gefangen in der sanften Geste brauchte Timon einen Atemzug, um sich zu sammeln. Kiwan hatte schon Esschalen und Stäbchen aus dem Korb geholt und ergriff nur einen Moment später Timons Hand, und so schwammen sie gemeinsam zu dem, was Timon im Geist als kaltes Buffet bezeichnete.

Farbenfrohe Matten waren ausgelegt worden, Gerüche nach Essen schwebten wie ein Schleier darüber. Zahlreiche Schalen aus großen Muscheln waren gefüllt mit leuchtend grünem Algensalat, aus Bein geschnitzte Schüsseln beinhalteten verschiedenste Fischhäppchen. Es gab Körbe voll heller Stangen, die wie geschälter Bambus wirkten und kleine verschlossene Amphoren, mit Blättern umwickelte Leckereien und in Halter gesteckte, auf den Kopf gestellte Schneckenhäuser. Diese faszinierten Timon besonders; sie waren mit etwas gefüllt, das wie dicke, orangefarbene Flüssigkeit aussah.

"Was ist das?", fragte er und entwand Kiwan seine Hand, um eines der Schneckenhäuser vorsichtig aufzuheben. Der Inhalt schwappte träge.

"Das ist sehr lecker, recht süß und cremig", erklärte ihm ein schlanker Meermann, den er in seiner Neugierde gar nicht wahrgenommen hatte, und lächelte ihn schüchtern an. "Wir nennen es Korallennektar."

"Danke." Timon erwiderte das Lächeln und nahm sich neugierig gleich von dem Nektar. Dazu wählte er zwei verschiedene Sorten an Algensalat, von denen einer grün war und extrem frisch und knackig wirkte; der andere war rötlich und bestand eher aus schmalen Streifen als aus Blattstücken. Auf Fisch hatte er keine Lust. Stattdessen bekam er von Kiwan Krebsmus, in der Rückenschale wie in einem Schälchen drapiert, auf seinen Salat gelegt.

Es war schwierig, mit dem Essen zurückzukommen, ohne alles ans Wasser zu verlieren. Aber eine ältere Frau erklärte ihm, wie man zwei Stäbchen dazu benutzte, das Essen dort zu behalten, wo es hingehörte und zeigte ihm einen Trick, mit dem Krebspanzer den Korallennektar zu verschließen, bis er sicher saß.

Sie schlemmten ausgiebig, und Timon schwamm nicht weniger als drei Mal zum Buffet zurück, um so viel wie möglich auszuprobieren. Das Essen war unbekannt, sehr lecker und hatte nur selten einen fischigen Grundton. Besonders der grüne Algensalat hatte es ihm angetan; er schmeckte so frisch, wie er aussah, und stillte seinen Heißhunger auf Obst und Gemüse. Mindestens ebenso lecker waren die extrem klebrigen, süßen Bällchen, die aus einer hellen Algenart gewonnen wurden, indem man sie zu Muß zerrieb und dann über heißen Quellen in geschlossenen Behältern lange köcheln ließ.

Gerade, als er sich satt und zufrieden rückwärts auf sein Kissen hatte sinken lassen, ließ ihn ein dumpfer, hallender Ton zusammenfahren, der klang, als habe jemand gegen eine überdimensionierte Tür geschlagen. Neugierig setzte Timon sich wieder auf und sah sich nach dem Ursprung des Geräuschs um. Ein zweiter Schlag folgte, dann reihte sich Ton an Ton.

Lenar berührte ihn an der Schulter und zeigte quer über den Platz hinweg zu einer Gruppe von Musikern, die sich im Halbkreis versammelt hatten. In einem Gestell aus den Rippenknochen eines kleinen Wals war eine geschlossene, unglaublich große Muschel aufrecht eingespannt worden. Rhythmisch schlug eine Frau mit Trommelstöcken aus Knochen darauf ein.

"Luftgefüllt", erklärte Lenar zufrieden. "Und dann wasserdicht verschlossen. Das gibt den besonderen Klang. Siehst du die Gewichte am unteren Ende des Gestells? Die halten es am Boden."

Kleinere Trommeln mit härterem Klang fielen ein, der Rhythmus war mitreißend, und Timon ertappte sich dabei, dass er nach einiger Zeit fröhlich mitwippte. Dazwischen schoben sich Klänge von Ratschen, von einer Art Xylophon aus Bein, dumpfe, seltsame Töne einer Art Seiteninstrument und bald auch Stimmen. Nach kurzer Zeit hatten sich die ersten Meermenschen von ihren Plätzen erhoben und tanzten im freien Wasser.

Staunend beobachtete Timon sie. Er musste an sich halten, nicht den Mund offen stehen zu lassen vor Bewunderung. Der Tanz war wild und ursprünglich und gleichzeitig unglaublich elegant, beinahe schlangengleich – raubtierhaft und ätherisch in einem. Sie tanzten allein oder zu mehreren, glitten umeinander, schlängelten sich aneinander vorbei, verwanden und lösten sich gleich wieder. Es war ein Anblick wie ein bunter Fischschwarm aus sich windenden Körpern, chaotisch und sinnlich zugleich.

"Brin?" Lenars Augen leuchteten, als er ihr die Hand entgegen hielt. Sie zögerte, dann glitt ein weiches Lächeln über ihr Gesicht und sie legte ihre Hand in seine. Gemeinsam stiegen sie über die Leuchtkugel und mischten sich unter die Tanzenden. Kiwans Eltern schlossen sich ihnen an, es schien Matej nicht im mindesten zu behindern, dass ihm ein halbes Bein fehlte.

Timon sah dem beinahe behutsamen Tanz von Brin und Lenar eine Weile zu, ehe sie in dem Gewühl seinen Blicken entzogen wurden. Er lächelte. Es war nett, sich vorzustellen, dass zwischen diesen beiden vielleicht zarte Bande entstehen könnten, Feindschaft überspannend und Brücken schlagend.

Auch Kiwan beobachtete sie interessiert. Da war etwas zwischen seinem besten Freund und der Hornspeer, das war offensichtlich. Vielleicht doch keine feindliche Begegnung, die sie wann auch immer gehabt hatten und die zu der seltsamen Begrüßung geführt hatte? Oder hatten sie so schnell alle Unstimmigkeiten überwunden?

Kiwan warf einen Seitenblick auf Timon. Wie gerne hätte er ebenfalls getanzt! Am liebsten mit... In dem Moment wandte Timon den Kopf und lächelte ihn strahlend an. Seine Augen leuchteten, sein Gesicht schien regelrecht zu glühen. Kiwans Herz machte einen Satz, dann verdoppelte es sich und schlug sowohl in seiner Brust wie auch in seinem Bauch weiter. Er erwiderte das Lächeln weit. "Es gefällt dir?"

Timon nickte begeistert. "Ja! Ich wünschte..." Er sah nach oben, aber sprach nicht weiter. Zwischen all den gewandten, flinken, eleganten Menschen würde er eine denkbar plumpe Seegurke abgeben, und zwar keine von denen, die wie spanische Tänzerinnen in der Strömung wehen konnten, sondern eine von den noppigen braunen, die nur langsam über den Sand krochen.

"Möchtest du?", fragte Kiwan und legte eine Hand über Timons. Hoffnungsvoll träumte er schon irgendwo ganz hinten in seinem Kopf davon, wie es sein mochte, sich mit Timon in den Armen zu wiegen.

Timon lachte leise. "Nein. Eigentlich schon, aber ich hab ja nicht mal Schwimmhäute."

Einen Herzschlag lang sah Kiwan ihn an, wollte ihm sagen, dass er ihn tragen und führen würde, aber das war nicht das gleiche. Bedauernd seufzte er, doch dann lächelte er. "Warte, du hast recht. Ich hätte gleich bei der Ankunft im Dorf daran denken können. Bleib hier."

Er stieß sich ab und schwamm eilig davon. Suchend glitt sein Blick über die Tänzer und die, die noch auf ihren Kissen saßen. Vorhin hatte sie Timon gedankt, sie würde auf jeden Fall seiner Bitte entsprechen. Er entdeckte, wen er suchte und tauchte zu der Frau hinab.

Überrascht sah Timon ihm hinterher. Was hatte Kiwan geplant? Lange musste er nicht warten, dann kam sein Freund mit der Frau zurück, die am Anfang dafür gedankt hatte, dass er durch Kiwan ihre Gefährtin gerettet hatte. 'Gefährtin, ob sie das so meinte? Ist es hier in Ordnung, homosexuell zu sein?' Er warf noch einmal einen kurzen Blick auf die Tanzenden, bei denen es keinen Unterschied zu machen schien, um wen man sich schlängelte, und ein freudiges Hoffnungsfünkchen entzündete sich in seinem Bauch.

"Timon, das ist Paka. Sie ist die beste Flossenmacherin unseres Stammes", stellte Kiwan vor.

Paka glitt zu ihm und umarmte ihn. Zwar küsste sie nicht seinen Mund, aber doch immerhin seine Wange. Noch aus der Umarmung heraus fuhr sie seine Arme entlang und umfing seine Hände, um sie interessiert anzuschauen. Sie hielt ihre dagegen und betrachtete den Unterschied, dann zog sie leicht seine Finger auseinander. Ergeben ließ Timon ihre Untersuchung über sich ergehen. Luftatmer unter Meermenschen zu sein, war nicht unbedingt einfach.

"Kiwan sagt, du brauchst Flossen. Da hat er recht. Damit kannst du nicht schwimmen", stellte Paka fest.

"Kann ich schon", protestierte Timon ein wenig peinlich berührt und auch etwas verärgert. "Nicht so gut wie ihr, aber..."

Sie lächelte nur und unterbrach: "Ich darf, ja? Ich muss Maß nehmen."

Ohne eine Antwort abzuwarten, hob sie seinen rechten Fuß leicht an. Sie vermaß die Länge mit der Spannweite von Daumen und Mittelfinger, hielt ihre Finger gegen seine Zehen, umfing den Spann und tastete die Ferse ab. Dann bog sie den Fuß in alle Richtungen, ließ Timon mit den Zehen wackeln und danach einige Schwimmzüge tun, ehe sie gleiche Prozedur mit dem linken Fuß wiederholte.

Zufrieden nickte sie dann. "Das bekomme ich hin. Morgen bringe ich dir erst mal ein Paar vorläufiger Flossen vorbei, bis deine fertig sind. Ich muss sie nur ein wenig anpassen."

Begeistert strahlte Timon sie an und verzieh ihr auf der Stelle ihre Bemerkung über seine Schwimmfähigkeit. Eigene Flossen! Sich nicht ständig ziehen lassen müssen! Halbwegs mobil sein, ohne fiese Blasen und Druckstellen! Dann fiel ihm ein, dass er ihr nichts dafür geben konnte. Seine Freude verblasste eine wenig.

"Ich... ähm, ich hab nichts, womit ich bezahlen könnte." Nicht mal kleine Gummikrokodile hatte er noch. Und er bezweifelte stark, dass sie Interesse an seiner Jeans oder dem Wollpullover haben könnte. Oder an dem Schlüssel vom Hostel. "Gibt es irgendetwas..."

Verwirrt winkte sie ab. "Du musst nichts dafür geben. Du bist der Gast des Dorfes, du hast mir meine Gefährtin zurückgebracht. Ich bin froh, dass ich dir Flossen machen kann." Dann lächelte sie verschmitzt. "Außerdem ist es eine Herausforderung. Mit Füßen wie den deinen habe ich noch nie gearbeitet."

Timon lachte erleichtert auf. "Gut, das lasse ich gelten."

Gleichzeitig fragte er sich jedoch, wie lange er 'Gast' sein würde. Er konnte doch nicht ständig nur nehmen, bloß weil er damals Kiwan drei Meter weit vom Fels ins Wasser gezogen hatte. Und außerdem hatten ihn mittlerweile Brin, Kiwan und Hadiya auf jeden Fall auch gerettet, also war das mit Sicherheit ausgeglichen. Aber was hatte er anzubieten? Er konnte nicht jagen, nicht weben oder schnitzen oder sonst etwas sinnvolles tun.

Bevor er deswegen in Grübeleien oder gar Trübsal verfallen konnte, verabschiedete sich Paka. Zufrieden drückte Kiwan ihm gleich darauf ein weiches Päckchen in die Hand. "Das haben wir auch erledigt. Prima. Hier, du wolltest doch Uinum probieren."

Neugierig betrachtete Timon den Beutel. Er sah aus wie das zu groß geratene Ei eines Hais. Die längliche Hülle war ledrig, selbst die Farbe stimmte einigermaßen – ein undefinierbares Graubraun – nur die Zipfel fehlten, mit denen die Haie ihre Eier an Tangen befestigten. Es gab nach bei Druck und schien mit Flüssigkeit gefüllt.

"Speziell behandeltes Haileder. Wir stellen die Beutel her, die Luftatmer füllen sie", erklärte Kiwan, reichte ihm ein angespitztes Röhrchen und zeigte auf eine Stelle seines eigenen Beutels. "Hier rein stechen, dann sofort trinken, damit sich der Uinum gar nicht erst mit Wasser vermischt." Er demonstrierte es, trank einen großen Schluck und grinste Timon über den Strohhalm hin an.

Timon lachte und machte es nach. Überrascht hielt er inne, als süßer, schwerer Wein seinen Mund füllte. Kein Fisch, keine Alge, einfach nur leckerer Wein aus echten Trauben. Breit erwiderte er Kiwans Grinsen und trank noch einen Schluck, dann einen weiteren. Das schmeckte beinahe nach daheim. Schnell war der Beutel geleert, und er nahm einen zweiten.

"Ja, ich kenne das. Wir nennen das Getränk Wein, und wir haben zahlreiche Sorten davon. Süß wie den hier, herb, trocken, prickelnd, aus verschiedensten Früchten, aber meistens aus Trauben." Er versuchte, Kiwan Weinreben zu beschreiben, aber kam nicht weit.

"Macht nichts, Hauptsache, es schmeckt. Da kann die Frucht aussehen, wie sie will", erklärte Kiwan zufrieden.
Was Timon sehr bald merkte, war, dass der Wein ihm ungewöhnlich schnell zu Kopf stieg. Ob das an der Tiefe lag, in der er sich befand, oder ob der Wein einfach nur stark war, wusste er nicht. Die Menge konnte es auf jeden Fall nicht sein, die Beutel enthielten gerade einmal genug, um ein kleines Glas zu füllen. Zu dem leichten Wabern der Lichtkugel in der Mitte des Platzes kam nun noch ein zartes Schwanken der ganzen Welt hinzu, alles schien einfacher zu werden, der Alkohol schob seine Sorgen in den Hintergrund.

Gemütlich entrückt ließ er seinen Blick schweifen. Auch wenn sie es 'sein' Fest nannten, schien zum Glück niemand etwas von ihm zu erwarten. Die Musik umhüllte ihn, die tanzenden Meermenschen waren so faszinierend wie die Gestalten eines exotischen Karnevals. Immer wieder gesellten sich Menschen der Traube über der Kugel hinzu, dafür kehrten andere zurück. Timon beobachtete zwei junge Männer, die Arm in Arm schwammen, sich bei einer kleine Familie niederließen und... Seine Augen weiteten sich, er richtete sich auf.

"Ist das tatsächlich so problemlos hier?", fragte er, noch ehe er die Worte zurückhalten konnte.

"Was?" Kiwan war seinem Blick gefolgt, aber wusste beim besten Willen nicht, was Timon meinte. Eine junge Weberin stillte ihr Kind, während sie sich mit ihrem Gefährten unterhielt. Bei ihnen saßen die beiden Korallenwächter, die erst vor wenigen Wochen zueinander gefunden hatten, sie hielten sich eng umschlungen und küssten sich innig und hingebungsvoll. Vor ihnen spielten zwei Kinder, die noch kaum schwimmen konnten, mit Muschelschalen. Ob Timon das meinte?

"Ja", sagte er nach einem Zögern, "die beiden werden von Illa und ihrem Gefährten umsorgt, bis ihre Eltern zurück sind. Meinst du das?"

Timon errötete und schüttelte den Kopf. Vielleicht hätte er sich besser zurückhalten sollen. Durch Beobachtungen konnte man in manchen Fällen genug herausbekommen. Andererseits wusste er ja, dass die Meermenschen sehr offen waren. Dann waren Fragen in dieser Richtung bestimmt auch kein Problem. "Paka hat eine Gefährtin, keinen Gefährten. Die beiden Männer dort, sie gehören auch zusammen, nicht? Das meine ich. Ihr habt... keine Probleme damit, nicht?"

Kiwan fühlte sich so verwirrt, als hätte Timon wissen wollen, ob es im Perlmuschel-Stamm erlaubt war, Fisch zu essen. Sein Freund konnte diese Frage unmöglich so gemeint haben, wie er selbst sie aufgefasst hatte.

"Du meinst, ob es in Ordnung ist, dass ein Paar nicht nur aus einem Mann und einer Frau besteht?", erkundigte er sich. 'Ob es in Ordnung ist, wenn man Thunfisch lieber isst als Makrele?' Er grinste, erwartete, dass Timon in Gelächter ausbrach und ihn korrigierte. Stattdessen errötete sein Freund noch tiefer und nickte.

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Wünsche von:
Atum: Korallennektar und Algensalate; eine Band mit Trommeln aus Muscheln
Atum & Mahadevi: Musik und Tanz natürlich!
Atum & Witch23: "Getränke" schwerer als Wasser und verdickt, damit sie sich nicht mit dem Meerwasser mischen
Katsumi: berauschendes Getränk von der Oberfläche wird mit Strohhalmen "angestochen"; es gibt eine extrem klebrige Süßspeise (wie Mochi), die köchelnd aus Algen gewonnen wird
Mahadevi: Essen einer bestimmten Schnecke wirkt als Rauschmittel; Wein wird von Luftatmern eingehandelt und mit Strohhalmen genossen; ausgelassene, herzliche Stimmung.

© by Pandorah