Meerschaum

14.

Timon genoss den Ausflug mit Kiwan unendlich. Es war das erste Mal seit seinem Sturz ins Meer, dass er unterwegs war, um sich in Ruhe umzuschauen, statt verschleppt zu werden, zu fliehen oder irgendwo anzukommen. Zudem war es herrlich, allein schwimmen zu können und dabei spürbar voran zu kommen; wundervoll, einfach die Richtung ändern zu können, ohne darum bitten zu müssen, weil jemand ihn zog. Die Welt unter Wasser erschloss sich ihm auf eine ganz andere, freie Art.

Und es gab unglaublich viel zu entdecken. Er hatte die dumpfe Vermutung, dass sie nicht weit kamen und er nur einen Bruchteil dessen zu sehen bekam, was Kiwan ihm zeigen wollte, doch das störte ihn nicht. Mühelos die Höhe zu halten, während ein Schwarm blau-gelber Doktorfische unter ihm hindurchzog, war atemberaubend. Mit trägen Flossenbewegungen ruhig in der Strömung stehen zu können und einem Fisch beim Weiden zusehen zu können, statt wild gegen das Abdriften anrudern zu müssen, war großartig.

Kiwan hatte mindestens ebenso viel Freude an ihrem Ausflug wie Timon. Seinen Freund in seiner Begeisterung für die Tiere und Pflanzen zu beobachten, zu sehen, dass ihm die Umgebung des Dorfes gefiel, machte ihn glücklich. Er lachte liebevoll, als Timon mit vorsichtigen Bewegungen immer dichter an eine Krabbe heran glitt, um sie von Nahem und noch Näherem anschauen zu können. "Du bist ein bisschen wie Lenar. Der kann auch Ewigkeiten damit verbringen, ein Tier zu beobachten."

Sich mit zwei Fingern am Fels stabilisierend drehte Timon sich halb um und sah zu Kiwan hoch, der schräg über ihm schwebte und von einem leuchtenden Kranz an Sonnenstrahlen umgeben war. Er grinste und wünschte sich einen Fotoapparat für dieses spektakuläre Motiv. "Stimmt. Ich glaube, Lenar und ich werden viel zu reden haben."

Kiwan lachte auf. "Das glaube ich aber auch. Gleich werden wir jedoch alle sehr viel zu reden haben. Wir müssen bald zurück."

Er tauchte ein Stück hinab, als er eine handgroße Muschel mit unauffällig graubrauner Schale entdeckte, und zog sein Messer. Geschickt löste er die Muschel vom Felsen, brach die Schale auf und schnitt das feste Fleisch heraus. Die leeren Schalen segelten wie Herbstblätter zu Boden, wo sich sofort neugierige Fische auf die Reste stürzten. Kiwan spülte in der Strömung den Sand ab und wedelte dann das Fleisch durch die Krone einer leuchtend pinken Weichkoralle, ehe er es Timon hinhielt. "Hier, Mittagessen."

"Warum hast du das gerade gemacht?", fragte Timon neugierig und ahmte die Geste nach, während er mit der anderen Hand die Muschel nahm.

"Ist lecker. Die Koralle macht binnen Augenblicken etwas mit dem Fleisch, was richtig gut schmeckt. Funktioniert aber nur, wenn die Muschel ganz frisch ist", erklärte Kiwan, während er bereits nach weiteren Muscheln suchte.

Schon in dem Moment, in dem Timon den ersten Bissen nahm, entschied er, dass er ein neues Lieblingsgericht hatte. Die Muschel schmeckte ein wenig scharf und nach frischen Kräutern, auch wenn er diese nicht hätte definieren können.

Kiwan gab ihm seine, als er Timons Begeisterung bemerkte und hielt sich selbst an blaue Kugelanemonen. Eine weitere Muschel war leider nicht mehr zu finden, sonst hätte Timon die bestimmt auch noch verzehrt.

Satt und gut gelaunt kehrten sie ins Dorf zurück. Der Weg war erstaunlich kurz, und Timon merkte erst jetzt, wie wenig weit sie in der Tat gekommen waren. Er bewunderte Kiwan heimlich für seine Geduld mit ihm, denn für ihn war das ja alles bekannt und alltäglich. Trotzdem hatte er sich weder Langeweile noch Ungeduld anmerken lassen.

Wie Kiwan angekündigt hatte, war es tatsächlich Zeit für den Rat. Das ganze Dorf schien bereits auf dem großen Platz versammelt zu sein, ein beeindruckender Anblick, denn dieses Mal schwebten viele der Meermenschen wie eine große, bunte Traube im freien Wasser. Auf dem Boden waren erneut zahlreiche Kissen ausgebreitet worden, man richtete sich offensichtlich auf längere Diskussionen ein. Dazwischen schossen lachend Kinder hin und her, von oben nach unten und quer hindurch. Stimmen trieben wie leises Geplätscher zwischen dem fernen Rauschen der Wellen.

"Der gesamte Rat sogar." Kiwan nickte, als hätte er das erwartet und wies zu einem besonders großen, mit Mosaiken verzierten Wohnhügel am Rand des Platzes. "Wenn die Stammesführer nur einen kleinen beschlossen hätten, hätten sie sich dort versammelt und wir wären hinein gerufen worden. Für alle ist da drin natürlich kein Raum, deswegen wird er hier abgehalten."

"Was wird von mir erwartet?" Dieses Mal fühlte Timon nur geringe Nervosität. Die Menschen vom Perlmuschel-Stamm wollten ihn nicht umbringen, so dass er um sein Leben verhandeln musste. Und trotz der Ernsthaftigkeit des Themas schien die Stimmung entspannt zu sein.

"Dass du Brin bestätigst. Und wenn es darum geht, was unternommen werden soll, dass du deinen Teil beiträgst – wenn du das wirklich willst." Kiwan entdeckte Lenar, direkt daneben die rote Mähne von Brin, und winkte. Gleich gesellten sie sich zu ihren Freunden.

"Timon, ich bin froh, dich zu sehen." Brin umarmte Timon ungewohnt fest und länger als sonst. Als sie ihn losließ, konnte er die Anspannung in ihren Augen und an ihren Lippen sehen. Selbst wenn sie sonst ruhig erschien, ging ihr das Thema sehr nahe.

"Sie werden helfen", sagte Timon leise und drückte Brin noch einmal kurz. "Ich glaube nicht, dass sie dagegen stimmen. Das können sie gar nicht." Zumindest hoffte er das. "Aber selbst wenn – dann mache ich mich eben allein auf den Weg."

"Sie haben keine Kinder verloren, es sind nur die eines anderen Stammes." Brins Haar schmiegte sich eng an sie, wie ein Helm, als wolle es sie schützen. "Noch dazu des Hornspeer-Stammes."

"Es sind Kinder", widersprach Lenar gleich energisch. "Hornspeer oder nicht ist da gleichgültig!"

"Dir schon, das weiß ich." Ein Lächeln lockerte Brins ernste Miene auf, ihr Haar löste sich wieder ein wenig.

"Würdet ihr denn nicht helfen, wenn dem Perlmuschel-Stamm Kinder entführt worden wären und er sich an euch um Hilfe wenden würde?", fragte Timon verwirrt, weil sie so unsicher erschien, obwohl Lenar und Kiwan zuversichtlich waren.

Brin kam zu keiner Antwort, denn ein hallender Gong, in dem Timon die luftgefüllte Trommel vom Vorabend erkannte, brachte die Menschen zum Verstummen. Alle sanken herab zu Boden, setzten sich auf ihre Kissen und gaben den Blick auf eine kleine Gruppe frei, die in der Mitte über der am Tage hellblau schimmernden Kugel schwebte. Sie waberte ein wenig, wie eine an den Grund gefesselte Luftblase. Timon erkannte in der Gruppe darüber den Dorfführer, die Jagdführerin und Kiwans Vater Matej.

"Der Rat", flüsterte Kiwan ihm zu und neigte sich dichter. "Die Stammesführer stehen ihm vor, die anderen fünf Mitglieder werden in regelmäßigen Abständen neu gewählt. Vater war einer der besten Jäger, bevor er sein Bein verloren hat und wird für seine Ruhe und Besonnenheit geschätzt. Die Frau mit den orangefarbenen Haaren ist Kiisa, unsere älteste Korallenwächterin. Talak, der graue Mann, unterrichtet die Kinder im Umgang mit der Harpune und dem Messer; er ist auch ein Jäger. Ouana, die gelbrote Frau mit den üppigen Rundungen, ist in so ziemlich allem begabt, nur jagen geht sie nicht gerne. Sie wird auf jeden Fall dafür sein, den Hornspeerlern zu helfen, sie hat selbst acht Kinder. Die jüngste im Rat ist Kaala, Pakas Gefährtin; sie ist die einzige, die mit den Geistern sprechen und die Perlamulette machen kann."

Der Gong erklang erneut, der Dorfführer stieg noch etwas weiter empor und hielt ein kopfgroßes, gewundenes Schneckenhaus in die Höhe. Es war über und über mit spiralförmigen Mustern, Punkten und Rauten verziert, die wie die Lichtreflexe von Wellen auf Sand schillerten und auch durch seine grünen Schwimmhäute hindurch glühten.

Hallend verkündete der Dorfführer: "Der große Rat hat begonnen. Nur der, der die Muschel der Ahnen hält, hat das Recht zu sprechen. Bedenkt, bevor ihr sprecht, dass die Muschel der Ahnen keine Unwahrheit erlaubt."

"Und sie verstärkt die Stimme", wisperte Kiwan zu Timon gebeugt, nahe seinem Ohr, und sandte damit einen Schauer über Timons Rücken, der ihm für einen Moment die Konzentration raubte. "Der die Muschel hält, wird immer alle anderen übertönen. Die Geister der Ahnen verleihen ihm Kraft."

"Ihr wisst, warum wir uns versammelt haben", fuhr der Dorfführer fort, während er sich langam um sich selbst drehte, um alle im Kreis anschauen zu können. "Das Thema ist ernst und geht uns alle an. Daher haben wir den großen Rat einberufen. Brin, unser Gast vom Hornspeer-Stamm, hat schlimme Neuigkeiten gebracht. Brin, nimm die Muschel der Ahnen und berichte, warum du hier bist."

Alle Anspannung schien von Brin abzufallen, nun da sie sich an den Rat wenden konnte. Energisch schwamm sie zu dem Dorfführer empor und nahm das Schneckenhaus selbstsicher entgegen. Es hochhaltend, damit jeder es sehen konnte, drehte auch sie sich einmal im Kreis.

Ihr rotes Haar fächerte auf, als sie mit klarer Stimme begann: "Mein Dorf liegt am Hang eines Berges, der bis nahe an die Oberfläche reicht, aber von tiefem Wasser umgeben ist. Keine Riffe schützen es, nur unsere Jäger und die Zauber der Geister, doch bisher war das immer ausreichend. Seit mehreren Monden aber verschwinden unsere Kinder. Zuerst haben wir an Drachen oder die großen Vielarme aus dem Abgrund gedacht, auch wenn sie von den Ahnenzaubern zurückgehalten werden. Manche wagen sich bis dicht an die Grenzen und haben Erfolg. Auch bei euch ist das schon passiert, trotz der Riffe." Sie sah zu Kiwan hin, zustimmendes Gemurmel ertönte.

"Doch es waren nicht die Tiere", fuhr Brin fort, und ihre Stimme hob sich, ihr Haar fächerte gänzlich auf, bis es sie wie ein zornig roter Heiligenschein umgab. "Auf wen die Zauber nicht wirken, sind Menschen. Es sind Menschen, die an der Oberfläche die Grenzen der Zauber überqueren und unsere Kinder fangen – Luftatmer. Nicht aus Versehen, sondern ganz gezielt mit Netzen, die unzerstörbar sind wie von Geisterzauber umhüllt und die wie Glasquallen erst gesehen werden können, wenn sie sich einige Handbreit vor den Augen befinden. Man spürt sie nur, aber Kinder haben keine Erfahrung im Aufspüren von Gefahr. Wir haben gesehen, wie Kinder aus dem Wasser gezogen wurden und konnten nichts dagegen tun.

Nun dürfen die Kinder das Dorf nicht mehr verlassen, doch die Schiffe kommen wieder und wieder. Man sieht sie erst sehr spät, auch sie verbergen sich in Zaubern. Wir haben versucht, sie anzugreifen, es ist unmöglich. Ihr Rumpf ist härter als Fels und lässt Klingen zersplittern; er widersteht selbst den Beschwörungen unseres Geistersprechers. Beinahe wäre er selbst von den unsichtbaren Netzen aus dem Wasser gezogen worden, doch wir konnten ihn retten und das Netz erbeuten. Seither haben uns die Schiffe gemieden. Unsere Kinder brachte es uns nicht zurück."

Brins Haare sanken wieder herab, sie drehte sich Timon zu und sah ihn an. "Dann haben uns die Geister einen Luftatmer geschickt, der nicht darauf aus war, uns zu schaden. Der Dorfrat wollte ihn für die Verbrechen seines Volkes strafen, doch Timon Luftatmer sprach davon, an Land zu gehen und die Kinder zu suchen. Er ist nur einer, und das Reich der Luftatmer ist groß, aber das hat ihn nicht geschreckt. Doch er – und wir – brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können. Der Perlmuschel-Stamm hat Freunde unter den Luftatmern, die vielleicht Informationen haben, die zu den Kindern führen. Darum bitte ich, Brin vom Hornspeer-Stamm, den Perlmuschel-Stamm im Namen meines Volkes: Helft uns. Helft unseren Kindern."

Stimmen brandeten zornig empor, die Timon nicht auseinanderhalten konnte, und versetzten das Wasser in Schwingungen; es erinnerte ihn alarmierend an seine Rede vor dem Rat des Hornspeer-Stammes. Er wollte zu Brin schwimmen und sie beschützen, aber Kiwan hielt ihn zurück. Empört drehte er sich zu seinem Freund um und entdeckte nur ein liebevolles, beinahe stolzes Lächeln.

"Die Wut gilt nicht ihr, Timon, sondern den Entführern", erklärte Kiwan mit erhobener Stimme über die Rufe hinweg. Obwohl Timon kaum richtig schwimmen oder kämpfen konnte, wollte er sich gegen alle Dörfler stellen, weil er eine Freundin in Gefahr sah. Wie nur kam er auf die Idee, dass er nicht mutig war?

"Oh." Überrascht lauschte Timon erneut in das Gewirr, aber konnte dennoch nichts verstehen. Wachsam sah er zu Brin und dem Rat empor, falls Kiwan sich irrte.

Ouana nahm die Schnecke von Brin entgegen, hielt sie empor und rief hallend über die Menge hinweg: "Ich höre euren Zorn, und ich teile ihn! Das sind schwere Vorwürfe, die Brin gegen die Luftatmer hervor bringt. Aber wir kennen Luftatmer, und diese sind nicht so, wie diese Frau sagt. Sie respektieren uns, so wie wir sie respektieren. Wir treiben friedlich Handel. Der Hornspeer-Stamm war den Luftatmern noch nie freundlich gesinnt. Warum sollten wir dieser Frau glauben?"

Ungläubig starrte Timon sie an. Hatte Kiwan nicht gesagt, dass Ouana auf jeden Fall auf ihrer Seite stehen würde?

Als Kiwan das erschrockene Gesicht sah, merkte er erneut, wie wenig Timon von seiner Welt kannte. Er konnte nicht wissen, dass Ouana nur denen zuvor kam, die durchaus berechtigt einen solchen Vorwurf erheben könnten.

"Keine Sorge", flüsterte er ihm zu, dann stieß er sich ab und schwamm ein kleines Stück über seinen Platz empor. "Ich erbitte die Muschel der Ahnen!"

"Kiwan Drachentod mag sprechen." Der Dorfführer nickte, und Kiwan schwamm empor, um die Muschel entgegen zu nehmen.

"Es ist ein Ritual", erklärte Lenar hinter Timon leise. "Zuerst wird das Anliegen vorgetragen. Dann werden die bekannten Für und Wider dargelegt. Ouana hat den Part des Gegenhaltens übernommen. Kiwan wird jetzt für Brin sprechen. Dann wird Ouana oder einer der anderen dagegenhalten; dann kannst du deine Sicht darlegen, denn du bist der, der an Land gehen soll. Und dann erst wird diskutiert."

"Oh", wiederholte Timon überrascht. Es machte Sinn. So wurden wirklich alle Seiten beleuchtet. Er lächelte Lenar dankbar zu, aber wandte gleich seine Aufmerksamkeit auf Kiwan zurück. Eindrucksvoll sah er aus, groß und breitschultrig, sicher, als könne ihn nichts erschüttern, ein Fels in jeder Brandung, selbst wenn diese aus den Wirren einer Welt in einem fremden Element bestand.

"Du hast recht, Ouana, der Hornspeer-Stamm war den Luftatmern nie freundlich gesinnt", begann Kiwan förmlich. "Und wenn es nur der Hornspeer-Stamm wäre, der Luftatmer für das Verschwinden von Kindern verantwortlich machte, wären Zweifel vielleicht angebracht. Wie Brin sagte, können Kinder anderem zum Opfer fallen. Auch mich hätte fast ein Drache gefressen, bevor ich lernte, sie zu bekämpfen. Doch es ist nicht nur der Hornspeer-Stamm, der so spricht.

Wie ihr wisst, bin ich erst vor wenigen Gezeiten von einer langen Reise zurückgekehrt. Ich habe den Seeigel-Stamm und den Stachelhai-Stamm besucht, und bei beiden hat man von befreundeten Stämmen zu berichten gewusst, in denen ebenfalls die Kinder verschwunden sind. Ich habe es für Gerüchte gehalten, dass sie von Luftatmern gefangen wurden, aber nun, da Brin uns ebenfalls von Luftatmern erzählt, denke ich, dass diese Gerüchte wahr sind. Auch beim Stachelhai-Stamm wurde von unsinkbaren Schiffen erzählt, auch beim Seeigel-Stamm wusste man von den unsichtbaren Netzen zu berichten."

Ouana forderte die Muschel zurück und erhielt sie. "Was geht uns das an?", fragte sie herausfordernd. "Unsere Kinder sind sicher. Seeigel- und Stachelhai-Stamm sind weit entfernt. Der Hornspeer-Stamm hat uns nie geholfen, eher hat er uns Scherereien gemacht. Warum sollten wir dem Hornspeer-Stamm helfen?"

Diese Art von Totschlag-Argument weckte Wut in Timon, selbst wenn sie das nur vorbringen mochte, weil sie die Gegenseite einzunehmen hatte. Noch ehe jemand die Muschel hatte nehmen können, stieß er sich ab und sagte laut, Kiwans Wortlaut aufnehmend: "Ich erbitte die Muschel der Ahnen!"

Das Gemurmel, das eingesetzt hatte, erstarb. Ouana sah ihn an und lächelte. Ohne zu zögern hielt sie ihm die Muschel entgegen. "Timon Luftatmer mag sprechen."

Als alle Blicke auf ihm ruhten, fühlte sich Timon mit einem Schlag doch wieder unbehaglich. Was, wenn er etwas falsch verstanden hatte? Aber so, wie Lenar es erklärt hatte, war es ohnehin an ihm, hier zu sprechen. Er sah sich um, über den Dorfbewohnern schwebend, die alle erwartungsvoll und neugierig zu ihm hinschauten. Beim Fest war er, obwohl es seines gewesen war, nicht in Erscheinung getreten. Man hatte über ihn, er jedoch mit nur wenigen gesprochen. Jetzt sprach er zu allen.

Timon räusperte sich, was dank der Muschel klar und deutlich über den ganzen Platz hallte. Das gute Stück war besser als jedes Mikrophon. "Eure Kinder sind sicher, sagt ihr. Euer Dorf sei von Riffen geschützt, die keine Schiffe hindurch lassen. Eure Kinder würden nicht gefangen, solange sie sich innerhalb der Riffe befänden. Warum also solltet ihr dem Hornspeer-Stamm helfen, wenn der Hornspeer-Stamm euch nie geholfen hat? Warum solltet ihr euch um den weit entfernten Seeigel-Stamm kümmern? Warum? Das kann ich euch sagen, weil ich Luftatmer bin. Weil ich die Welt der Luftatmer kenne und weiß, wie sie funktioniert."

Er wollte sagen, dass offensichtlich jemand verdammt gut zahlte, um an Meermenschen heran zu kommen, doch dann fiel ihm ein, dass sie kein Geld kannten. "Nicht alle sind gierig; es gibt welche wie eure Freunde, das ist wahr. Doch ein paar wenige reichen, um das in Gang zu setzen, was hier geschieht.

Ich vermute, dass jemand mit den Kindern handelt. Jemand, der für jedes Kind sehr viel bietet. So viel, dass sich die Fischer davon ihre neuen Netze und die Schiffe leisten können. Es ist ein einträgliches Geschäft, und so etwas ruft Nachahmer auf den Plan. Zuerst fangen sie nur die, an die es sich leicht herankommen lässt. Kinder. Kinder aus ungeschützten Dörfern. Doch das wird schwieriger, denn die Dörfer schützen ihre Kinder besser. Beinahe hat der Hornspeer-Stamm deswegen seinen", wie war das Wort gewesen, "Geisterrufer verloren. Wenn die Kinder nicht mehr so leicht zu fangen sind, wird man alle jagen. Wenn es nicht mehr genug Kinder gibt, um den Wunsch nach Meermenschen zu befriedigen, wird man alle jagen.

Die Luftatmer haben Mittel, die ihr euch nicht vorstellen könnt! Sie können Felsen sprengen, die so hoch sind wie der Berg des Hornspeer-Stammes. Die Korallenriffe um das Perlmuschel-Dorf zu vernichten, ist den Luftatmern ein leichtes. Es kümmert sie nicht, Dinge zu zerstören, wenn sie dafür an das kommen, was sie begehren. Und wenn ihr in die einzige Richtung flieht, die euch noch bleibt, warten sie schon mit ihren Netzen auf euch, um euch einzufangen. Im Laufe der Geschichte der Luftatmer ist das wieder und wieder und wieder so geschehen. Wenn ihr euch nicht vereint und zusammen haltet, wird es auch euch treffen.

Warum sollt, warum müsst ihr helfen? Weil sonst niemand mehr da ist, der euch helfen kann, wenn ihr dann Hilfe braucht."

Es herrschte Stille. Vollkommene Stille. Jeder starrte Timon an. Eltern hatten ihre Kinder an sich gezogen.

"Niemand kann einen ganzen Berg zerstören", kam schwach nach einer ganzen Zeit eine Stimme aus einer Richtung. Es war Kaala, die Geistersprecherin.

"Die Luftatmer können. Sie können sogar noch viel mehr", sagte Timon ruhig. So wütend er eben noch gewesen war, so gefasst war er jetzt. Vielleicht konnte er einen Unterschied machen. Vielleicht konnte er tatsächlich helfen, dass die Meermenschen nicht das selbe Schicksal erlitten wie so viele Naturvölker. Wenn er erst an Land war, musste er die Presse verständingen. Er musste die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen, was hier geschah!

Ungläubig starrte Kiwan seinen Freund an. Die Muschel verhinderte Lügen, und Timon hatte nicht in Fragen gesprochen, sondern Tatsachen festgestellt. Die Magie der Geister hatte sie nicht verhindert. Es musste wahr sein. Aber konnten die Luftatmer tatsächlich eine solche zerstörerische Macht haben?

Ein anderer Teil in ihm, der nicht von Sorge gefangen war, war zur gleichen Zeit stolz und beeindruckt. Timon hatte ohne jede Scheu gesprochen, ohne sein verlegenes Erröten, sogar ohne erkennbare Anzeichen von Zurückhaltung. Unglaublich, wie mitreißend er sein konnte! Wie überzeugend und sicher. Ganz ruhig schwamm er inmitten des Rates, als gehörte er dorthin; keine Spur des ängstlichen Timons, der sich an ihn geklammert hatte. Wenn er älter war, würde er bestimmt einen guten Dorfführer abgeben.

Für einen Moment hatte Kiwan trotz dem Ernst des Rates einen Tagtraum, der ihn lächeln ließ. Er selbst war Jagdführer des Perlmuschel-Stamms, Timon der Dorfführer. Dann wandte Timon sich ihm zu, sah ihn aus seinen herrlichen dunklen Augen an, und Kiwan erkannte mit einem schmerzhaft schönen Stich im Bauch, dass er sich verliebt hatte. Entgegen Timons Zurückhaltung, gegen alle Vernunft.

"Hat noch jemand etwas hinzuzufügen?", fragte nach einem langen Moment die Jagdführerin und nahm das Schneckenhaus von Timon zurück. Kiwan deutete Timon, ihm zu folgen, und gemeinsam mit Brin kehrten sie an ihre Plätze zurück.

Als niemand das Recht zu sprechen einforderte, legten der Dorfführer und die Jagdführerin beide jeweils eine Hand an die Muschel. "Lasst uns abstimmen. Diejenigen, die dem Hornspeer-Stamm helfen möchten, schwimmen empor. Diejenigen, die dagegen sind, bleiben am Boden zurück."

Die Strömung der vereinten Flossenschläge ließ das Haar der zurückbleibenden Kinder aufwirbeln, als die Meermenschen sich geschlossen vom Boden abstießen. Von denen, die abstimmen durften, blieb nicht einer sitzen. Auch wenn Kiwan von einer Zustimmung ausgegangen war, mit einer derart überwältigenden Mehrheit hatte er nicht gerechnet.

"Der Perlmuschel-Stamm hat entschieden", klangen die vereinten Stimmen der Stammesführer über den Platz. "Wir werden dem Hornspeer-Stam helfen."

Es gab Applaus, doch er war verhalten. Alle schienen noch zu benommen von Timons Worten. Brin jedoch umarmte Timon so kräftig, dass es schmerzte.

"Danke", flüsterte sie erstickt. "Du hast Wunder gewirkt."

In die Wolke ihres roten Haars gehüllt erwiderte er ihre Umarmung fest, aber antwortete nicht. Die Blicke, die ihn streiften, waren voller Sorge, manche nun auch mit Angst erfüllt. Er fürchtete, dass die Menschen ihn nie mehr so unbefangen anschauen würden. Ob sie ihn von jetzt an als potentiell gefährlichen Luftatmer betrachteten?

'Unfug', schalt er sich gleich darauf. 'Sie müssen nur erst mal begreifen, was du ihnen da erzählt hast. Und es trotz der Muschel glauben.' Zumindest hoffte er das.

Doch entgegen seiner Befürchtung wurde die Stimmung bald wieder lebhaft. Die Meermenschen schienen gewöhnt daran, Probleme anzupacken, statt sie auszusitzen. Man entschied, früh am nächsten Morgen Boten zu allen erreichbaren Nachbarstämmen zu entsenden, um einen übergreifenden Rat einzuberufen und weitere Informationen zu sammeln. Timon fand bemerkenswert, dass keiner der Boten allein schwimmen würde. Sie waren zumindest zu zweit, manche gar zu dritt.

Nicht ganz unerwartet fiel Timon die Aufgabe zu, sich mit dem Luftatmer-Stamm in Verbindung zu setzen, mit dem der Perlmuschel-Stamm befreundet war. Und ebenso selbstverständlich schien, dass Kiwan ihn begleiten würde. Der Bote zum Hornspeer-Stamm war natürlich Brin in Begleitung von Lenar.

"Es drängt nicht", sagte Kiwan, als sie sich nach dem Rat zu viert auf Kiwans Hütte versammelt hatten. "Unsere Freunde wohnen drei Tagesreisen von hier, und der Rat der Stämme trifft erst in einem Mond zusammen. Aber ich würde gern so schnell wie möglich mit den Erkundigungen beginnen. Wann brecht ihr auf? Wir könnten das erste Stück gemeinsam schwimmen."

"Morgen. Ich möchte eigentlich gleich los, um meinem Stamm zu zeigen, dass es mir gut geht und zu erzählen, dass es Hilfe gibt", antwortete Brin lebhaft. Ihre Augen funkelten, man sah jeder ihrer Bewegungen an, wie froh sie über den Ausgang des Rates war. "Aber heute ist es zu spät, um weit zu kommen. Das lohnt sich nicht."

"Dann schwimmt ihr morgen besser ohne uns", sagte Timon trocken. "Auch mit meinen neuen Flossen bin ich langsamer als ihr."

Sie lachte auf und drückte ihn fröhlich. "So weit ist es nicht, wenn wir gleich aufbrechen und den direkten Weg nehmen. Und das erste Stück zusammen macht es kürzer."

Timon lächelte. Es war ihm nur recht, wenn sie noch eine Weile mit Brin und Lenar zusammen sein würden. Ein wenig fürchtete er sich schon vor dem langen Teil der Reise, wenn er ganz allein mit Kiwan sein würde. Er vertraute ihm bedingungslos, was seinen Schutz betraf. Aber er vertraute sich und seinen Gefühlen nicht, wenn es nichts gab, das ihn von dem anderen Mann ablenken konnte. Timon sah zu ihm hin, fand seinen Blick mit einem warmen Lächeln erwidert und schaute hastig zu Lenar, obwohl dieser eine Frage zum unvermeidlichen Thema Luftatmer und Sprengstoff stellte.

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Wünsche von:
augenblick: die Kindersuche wird beschlossen
Deischy: Seeigel-Stamm
Katsumi: Boten werden zu anderen Stämmen geschickt, um mehr herauszufinden; Stachelhai-Stamm
Mahadevi: am Rat können zu den gewählten Vertretern alle Erwachsenen teilnehmen
Witch23: grober Ablauf des Rates; Ältestenrat ungerade Anzahl; Timon soll zu den befreundeten Luftatmern gehen, um dort über jene herauszufinden, wo die Kinder stecken könnten

© by Pandorah