Meerschaum

15.

Zum Glück gelang es Timon nach einiger Zeit, von dem leidigen Thema der zerstörerischen Macht der Luftatmer abzulenken, da er auch nicht wirklich viel Ahnung von Sprengstoff hatte. Die Meermenschen konnten zudem mit Begriffen wie 'Feuer' nichts anfangen, so dass es noch schwerer wurde, das wenige zu erklären.

Daraufhin driftete die Unterhaltung fast unvermeidlich zu der Geschichte ab, wie Kiwan und er sich getroffen hatten, auch wenn Timon bei sich dachte, dass es dazu eigentlich nichts mehr zu erzählen gab.

"Wie habt eigentlich ihr euch kennen gelernt?", fragte er schließlich hinterhältig mitten im Gespräch Brin und wies auf Lenar. So vertraut, wie die zwei miteinander umgingen, erschien es Timon mehr und mehr wie eine Unmöglichkeit, dass sie einander tatsächlich am Vortag das erste Mal begegnet waren.

"Genau, erzähl mal, Lenar!", sprang Kiwan gleich darauf an, ohne auch nur im Ansatz vorzugeben, dass er den kleinen Tümpel, in dem er damals auf die Flut gewartet hatte, interessanter fand. Auffordernd knuffte er seinen Freund in die Seite. "Unglaublich, dass du mir nichts gesagt hast!"

Lenar starrte ihn überrumpelt an, während sich Brins Brauen verärgert zusammenzogen; ihre Augen wurden schmal, als sie Timon ansah. Für einen Moment dachte er, sie wollte wütend werden, doch dann entspannte sie sich und lächelte, fast schien es verlegen. "Wir waren wohl doch nicht so geschickt darin, es zu verbergen, wie wir dachten."

Timon lachte auf. "Dazu hättet ihr euch vermutlich nicht ansehen dürfen. Und nicht miteinander reden."

"Deswegen warst du auch so schnell bereit, Brin aufzunehmen, nicht? Wie lange kennt ihr euch schon?" Kiwan grinste. "Also, wir hören!"

Brin und Lenar sahen sich an, dann lächelten sie, vertraut und im Einverständnis miteinander. Liebevoll legte Lenar seine Hand über Brins. "Zwei Korallenblüten kennen wir uns schon. Zusammen sind wir aber noch nicht so lange. Etwas mehr als eine Walreise gerade einmal."

"Eine Walreise?" Timon hatte mit einem Schlag ein lebhaftes Bild von Buckelwalen vor Augen, auf deren Rücken Meermenschen in ordentlichen Reihen saßen, während ein einzelner auf dem Kopf die Zügel hielt. Der Wal seiner Imagination hielt an einer Felsnadel, der Walführer rief hallend: 'Endstation Seepferdchenzucht, bitte alle absteigen!' Timon lachte stumm in sich hinein.

"Wenn es kälter wird, ziehen die Wale in den Norden, um sich dort dick und rund zu fressen. Mit dem Anstieg der Temperaturen kommen sie wieder zurück, um ihre Jungen zu kriegen", erklärte Lenar. "Zwei Walreisen – eine in den Norden und die dazugehörige in den Süden – sind eine Korallenblüte."

"Oh, okay." Ein Jahr also von Frühjahr zu Frühjahr, auch wenn dieses Jahr offensichtlich nur eine ungefähre Zeitangabe war, denn Korallen blühten nicht jedes Jahr zum gleichen Termin. Mond und Wassertemperatur spielten eine entscheidende Rolle. Timon fand seine Phantasie witziger, aber weniger sinnvoll. Dennoch war es schade, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprach. Auf einem Walrücken war es bestimmt weniger beängstigend, das offene Meer zu überqueren.

"Es war nahe bei den Zähnen des Drachen, wo wir uns begegnet sind. Die scheinen wirklich ein Ort für Begegnungen aller Art zu sein." Brin zwinkerte ihm zu. "Es war nahe des Abgrunds. Ich war mit einer Gruppe Korallensammler unterwegs, als Schutzgeleit. Wir haben eine Korallenart gesucht, die es leider nur an wenigen Stellen gibt."

"Leider? Finde ich gar nicht." Lenar drückte ihre Hand, und sie drehte die ihre, um seine zu umfangen.

"Ich war nahe der Drachenzähne, um Kopfjäger beobachten. Sehr faszinierende Kreaturen, Timon", erklärte er lebhaft. "Sie beginnen ihr Leben gerade einmal handgroß. Der Vater kümmert sich um die Eier, bis sie schlüpfen, gerade wie bei Seepferdchen. Im Laufe der Zeit können sie so groß werden wie Weißbauchhaie. Ein wenig sehen sie aus wie Kalmare, ein kräftiger, wurmähnlicher Körper mit kurzen Tentakeln um ein rundes zahnbewehrtes Maul. Der Kopfjäger versteckt sich an Felswänden in Ritzen und lauert, bis Beute vorbei kommt. Dann schießt er vor, packt sein Opfer und verspeist es. Was er erst mal im Griff hat, lässt er nicht mehr los. Sehr effektiv. Sehr tödlich."

Timon schauderte und fand, da er mitten im Ozean saß und somit potentielle Beute war, die Kopfjäger nicht sonderlich faszinierend. "Euer Meer hat eindeutig zu viele große Raubtiere", murmelte er und brachte die anderen damit zum Lachen.

"Ich habe mich von der Gruppe getrennt, um zu kundschaften, weil ich meinte, einen Mensch gesehen zu haben", erzählte Brin weiter. "Wir waren immerhin fast auf Perlmuschel-Gebiet, da wollte ich doch sicher gehen. Gesehen habe ich allerdings niemanden."

"Ich habe sie hingegen sehr wohl gesehen." Schmunzelnd zog Lenar sein felsgraues Haar vor dem Gesicht zusammen, so dass es die perlweiße Haut versteckte und nur noch seine Augen durch kleine Schlitze hervor blinzelten. "Ich habe es wie die Kopfjäger gemacht und mich verkrochen. Bis Brin der Spalte zu nah kam, die ich nur kurz davor beobachtet hatte."

Brin nickte, ihr Haar legte sich enger an ihren Kopf. "Ich hatte nicht vor, daran vorbei zu schwimmen. Man kann sehen, dass sie benutzt sind, und ich war ohnehin wachsam, da ich ja nach Lenar Ausschau hielt. Aber dass ein Perlmuschel-Mann sein Versteck aufgab, um mich zu warnen, obwohl er allein, ich aber eine ganze Gruppe Jäger in der Nähe hatte..." Sie schmunzelte. "Man kann sagen, ich war beeindruckt."

"Wir haben uns wiedergesehen. Zufällig. Ich habe mich ihr gezeigt, sie hat sich von der Gruppe entfernt und mich fast umgebracht vor Wut, weil ich ein unvorsichtiger Narr bin." Das brachte Lenar einen energischen Knuff von Brin ein, doch er grinste nur. "Dann haben wir begonnen, uns hin und wieder zwischendurch zu treffen. Rein zufällig natürlich." Dieses Mal betonte Lenar das Wort derart übertrieben, dass Timon lachen musste. "Und genauso rein zufällig haben wir bald bei jedem dieser Treffen erwähnt, wann wir wohl das nächste Mal in der Gegend sein würden. Bis wir anfingen, uns zu verabreden."

Timon schauderte, er hatte all die Seemonster vor Augen, die überall lauerten und sah dabei Lenar und Brin allein zueinander schwimmen, weil sie sich verliebt hatten und es niemandem sagen konnten. Romeo und Julia.

"Dann waren also viele deiner Ausflüge innerhalb der letzten Walreise nicht dazu da, um Luftatmer-Dinge zu suchen, sondern..." Kiwan sprach nicht aus, als Lenar nickte. "Brin hat recht. Du bist ein Narr. Du hättest etwas sagen sollen! Bin ich dein bester Freund oder bin ich es nicht? Ich hätte dich begleitet! Ich hätte..."

Lenar lachte leise. "Du hättest vor dem Höhleneingang gewartet und Wache gehalten. Du hättest Drachen verjagt und Haie erwürgt. Und einhändig Riesenkalmare niedergerungen. Ich weiß, Kiwan." Er sagte es neckend, doch Kiwan wusste, dass er es ernst meinte. Nicht wörtlich, aber ernst. "Aber wir mussten auch erst mal selbst herausfinden, was wir wollten."

Timon sah Brin an, als ihm noch etwas klar wurde. "Deswegen also. Deswegen hast du mir eine Chance gegeben. Wegen Lenar. Wenn der Perlmuschel-Mann schon so anders war, als du gedacht hast, wieso sollte es der Luftatmer nicht auch sein? Darum warst du so wütend, als du von Vorurteilen gesprochen hast."

Sie nickte leicht. "Und darum bin ich noch einmal so froh, dass der Perlmuschel-Stamm entschieden hat, uns zu helfen. Dass vielleicht die alte Feindschaft auf den Grund der Tiefsee geschickt werden kann." Sie zögerte, wechselte einen Blick mit Lenar. Der helle Mann lächelte einfach nur, doch es schien eine Antwort zu sein, denn sie erwiderte sein Lächeln und nickte erneut, ehe sie sich Timon und Kiwan zuwandte. "Vielleicht muss ich mich jetzt nicht gegen meinen Stamm entscheiden." In einer eindeutigen Geste legte sie die freie Hand auf ihren Bauch.

Kiwan starrte, dann stieß er einen Jubelruf aus, lehnte sich vor und drückte Lenar und Brin gleichzeitig an sich. "Du wirst tatsächlich Vater, du alter Wirrkopf!", rief er begeistert, was ein kleines Zischen und eine dämpfende Geste von Lenar nach sich zog.

"Nicht so laut, du oller Wal!", grummelte er. "Noch ist es ein Geheimnis."

Kiwan lachte nur unbekümmert. Auch Timon gratulierte, nachdem die beiden aus Kiwans Griff entkommen waren. An der folgenden Diskussion, die sich hauptsächlich darum drehte, wie man Brin am besten in den Perlmuschel-Stamm integrieren konnte, ohne sie beim Hornspeer-Stamm in Ungnade fallen zu lassen, besonders da sie dort ohnehin schon ständig aneckte, konnte er sich nur wenig beteiligen. Und für 'Wie lange wisst ihr es schon?' und 'Wann ist es soweit?' kannte er beide nicht lange genug; es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Wenn das Kind kam, würde er schon längst wieder daheim sein. Der Gedanke schickte einen Stich durch ihn, der gleichzeitig freudig, wie auch verdammt schmerzhaft war.

Erst, als die Kinderfrage ausreichend geklärt schien, schaltete sich sein Gehirn wieder ein und grübelte nicht mehr beständig über die Frage, ob es wohl eine Möglichkeit gab, in Frankreich weiterzustudieren, um Kiwan nahe... um die faszinierenden Meermenschen weiter beobachten zu können. Sie waren für ihn genauso spannend wie umgekehrt.

"Du hast davon gesprochen, Luftatmer-Dinge zu sammeln, Lenar", warf er ein, als eine Pause entstand. "Dinge, die eure Luftatmer-Freunde nicht kennen, wie Kiwan gesagt hat."

"Du willst sie sehen? Jetzt? Gerne! Komm!" Lenar stieß sich ohne auf Antwort zu warten gleich vom Hügel ab, was Brin dazu brachte, seine Hand loszulassen. Offensichtlich war auch sie noch nicht wirklich dazu bereit, ihre Verbindung dem gesamten Dorf zu zeigen. "Vielleicht kannst du mir ja von einigen sagen, was sie sind und wozu man sie benutzt."

Er schwamm vorweg; sie folgten ihm über die künstlichen Korallenhügel zu seiner Wohnhöhle, und Timon ging erneut auf, wie praktisch das war. Man musste nicht auf Wege und Straßen achten und Umwege wählen, sondern konnte den direkten Weg nehmen. Lenars Hügel lag mitten im Ort, recht nahe des Dorfplatzes.

"Die meisten Leute finden diese Dinge zwar faszinierend, aber sie wollen nicht wirklich wissen, wozu sie benutzt werden, wenn wir keine Verwendung für sie haben. Deswegen bekomme ich sie", erzählte Lenar, während er die Tür öffnete und hineinschwamm. Timon folgte ihm noch vor Brin.

Die Höhle war größer als Kiwans, aber auch sehr viel voller. In der Mitte gab es keine Tange, so dass sich die allgegenwärtigen kleinen roten Fischchen um alle anderen Gegenstände sammelten, die in den Raum ragten.

"Kleine Weidgänger." Liebevoll verscheuchte Lenar einige der Fische, die in alle Richtungen davonstoben, als er Timon winkte, heranzukommen. "Sie halten alles von Algen frei, wenn man sie lässt."

"Und hinterlassen im Gegenzug ihren Unrat", tönte Kiwans Stimme trocken von der Tür her und brachte Timon zum Grinsen. Neugierig sah er sich um. Auch Lenar hatte eingemauerte Regalborde an der Wand, es waren mehr als bei Kiwan, und sie waren nicht nur vollgestellt, sondern vollgestopft. Korallenstücke, verschlossene Flaschen mit undefinierbarem Inhalt, Körbe, aus denen Tange ragten. Vollgesogenes Treibholz, Muscheln, Steine. Ein Stück von etwas, das Timon für Walbarten hielt, lehnte an der Wand neben dem Bett, daneben stand ein riesiger Walwirbel als Tisch – der wiederum vollgestellt war mit Steinen, Muscheln, Schneckenhäusern.

Und über dem Bett – Timon blinzelte überrascht – hing Griff nach oben ein aufgespannter Kinderregenschirm. Er war rosa mit blauen und gelben Blumen und wurde offensichtlich als weitere Aufbewahrung benutzt, denn mehrere Zipfel grünen Stoffs ragten daraus hervor.

"Gefällt es dir?", fragte Lenar mit einem Grinsen und strich über das rosafarbene Nylon, das ein wenig verblichen war.

Timon lachte leise in sich hinein. "Das da kenne ich in der Tat. Wir nennen es Regenschirm. Die Luftatmer benutzen es, um sich vor Regen zu schützen. Man trägt es an dem Griff", er wies zum pinken Haken, an dem Lenar ihn aufgehängt hatte, "über dem Kopf."

Lenars Augen leuchteten auf. "Du kennst es! Du kennst es wirklich! Vielleicht kennst du dann auch noch mehr! Warte, warte!"

Timon bekam einen bunten Haufen herangeschleppt, den er nur mit einem Wort umschreiben konnte. Müll. Es waren Plastiktüten mit und ohne Aufdruck. Eine einzelne grüne Badeschlappe. Ein Feuerzeug, das mit Sicherheit nicht mehr gebrauchsfähig war. Eine Colaflasche ohne Deckel, dafür zahlreiche andere Schraubdeckel ohne Flasche. Ein Spielzeugauto ohne Reifen. Ein zerrissenes Badetuch mit Mickey Maus. Einige Plastikkugelschreiber. Zwei ziemlich verrostete Bierdosen. Die ebenso verrostete Felge samt Speichen eines Fahrrads war wie der Schirm unter die Decke gehängt worden, um als Haltevorrichtung für weitere Haken zu dienen.

Geduldig erklärte er die Verwendung der einzelnen Teile, doch während Lenar regelrecht euphorisch wurde, fühlte sich Timon immer elender. Er konnte nicht genau benennen weswegen, außer dass Müll im Meer nie schön war und dass daran zahllose Tiere erstickten oder verhungerten, wenn nur Plastik ihre Mägen füllte.

"Wie lange sammelst du das schon?", fragte er schließlich.

Lenar runzelte die Stirn und überlegte. "Ich weiß es nicht", sagte er schließlich und zuckte mit den Schultern. "Ich habe angefangen, als ich noch ein Kind war." Liebevoll strich er über eine der Tüten mit besonders vielen Löchern, deren verblichener Aufdruck einen Comiclöwen zeigte. "Die hier hat mir mein Vater damals mitgebracht."

Der Klumpen in Timons Bauch wuchs. Also bestimmt seit zehn oder fünfzehn Jahren, wenn er Lenar auf Anfang Zwanzig schätzte. Wenn man bedachte, wie viel Müll im Meer trieb, war das eigentlich ganz schön wenig.

Besorgt musterte Kiwan Timon. Etwas an den Luftatmer-Dingen schien ihn traurig zu machen. Vielleicht war es die Erinnerung an daheim, daran, dass er seine Familie und Freunde vermisste. Auch in Kiwans Brust breitete sich ein unangenehmes Stechen aus. Timon würde gehen. Erst an die Oberfläche, um die Kinder zu suchen, dann nach Hause. Und er konnte ihm nicht folgen.

"Pack das Zeug weg", sagte er unwirsch. "So spannend ist es nun auch wieder nicht. Wir haben lange genug damit verbracht. Ich habe Hunger."

Timon war dankbar, als der Müll wieder versteckt wurde, den Lenar für einen Schatz hielt. Sie verabschiedeten sich von Lenar und Brin und verabredeten sich für den frühen Morgen, um sobald es hell wurde, um ihre Reise zu beginnen, auch wenn Timon nicht klar war, wie sie ohne Wecker pünktlich aufwachen sollten. Als sie die Höhle verließen, war es bereits dunkel. Timon hielt sich dichter an Kiwan, als sie zurück schwammen, obwohl er keine Angst hatte, denn das Dorf war nicht nur sicher, es fühlte sich auch sicher an. Er wollte nicht allein sein, gleichgültig, ob er sich von Kiwan fern halten sollte oder nicht.

Kiwan wollte ihn in den Arm nehmen und trösten, aber er wagte es nicht. Schweigend berührte er das Oberlicht schon von außen, so dass sie warme Helligkeit empfing, als sie ins Innere schwammen, dann machte er aus Tang, Anemonen und Fisch einen würzigen Salat. Genauso schweigend aßen sie, nebeneinander auf dem Bett sitzend, aber sich nicht berührend.

"Du hast Heimweh, nicht?", fragte er schließlich, als sie die Schalen ausspülten und auf das Bord über dem Bett stellten.

Timon zuckte zusammen, weil er nicht erwartet hatte, dass Kiwan die Stille brach; dann nickte er, aber wusste, dass das nicht alles war. Es war schlimmer, obwohl er es nicht benennen konnte. Immerhin sollte er in nur wenigen Tagen zurück an die Oberfläche kommen. Er würde Menschen treffen, die auch Luft atmeten. Es würde ein Telefon geben, mit dem er daheim anrufen konnte und sagen, dass alles in Ordnung war.

Aber da gab es noch etwas anderes. Etwas, das in ihm lauerte und beständig versuchte, sich in den Vordergrund zu drängen. Etwas, das Telefone zu einer Utopie erklärte. Das ihm Simolestes vor Augen hielt. Das ihm sagte, dass es keine Meermenschen geben konnte. Und das jetzt freundlich versicherte, dass bei all dem Müll im Meer die Meermenschen diese paar Dinge nicht als etwas Besonderes ansehen konnten.

Kiwan zögerte, dann streckte er doch auffordernd die Hand aus.

"Komm her", sagte er leise. Im Zweifelsfall würde Timon ihn wieder abweisen. Aber er konnte das traurige Gesicht nicht ertragen.

Timon sah auf und direkt in die blaugrün schillernden Augen. Er versuchte hart zu bleiben, sich abzugrenzen, aber es war Kiwan, und Kiwan war da, jetzt wo er sich so unglaublich einsam zu fühlen begann. Er legte seine Hand in Kiwans und ließ sich an den warmen, starken Körper ziehen. Sicher schlossen sich die kräftigen Arme um ihn; dankbar erwiderte er die Umarmung und barg das Gesicht an Kiwans Hals.

Lange saßen sie so da. Kiwan streichelte sanft Timons Rücken, tröstend und unaufdringlich, und Timon war nicht gewillt, die Geborgenheit aufzugeben, die sein Freund ihm gab. Er wehrte sich auch nicht, als sie unter die Decke glitten und Kiwan ihn gleich wieder an sich zog. Die Angst, die ihn umfing und seine Brust zusammendrückte, war nicht greifbar, aber Kiwan bot Schutz davor.

Zart strichen Kiwans Lippen wie zufällig über seine Schläfe und seine Stirn, und Timon war versucht, den Kopf zu heben und ihnen zu begegnen, Ablenkung in Leidenschaft und Lust zu finden. Aber das war nicht fair Kiwan gegenüber, so gerne er es auch getan hätte. Stattdessen schmiegte er sich nur enger an den anderen Mann, spürte ihn an seinem ganzen Körper, seine Muskeln, seine weiche Haut.

Und die kleinen harten Erhebungen der Amulette zwischen ihnen, mit denen alles begonnen hatte.

'Ohne mich wäre Kiwan tot. Ohne Kiwan wäre ich nicht hier. Ich wäre im Fluss ertrunken. Oder spätestens dann, als Simolestes mich vor Neugierde auf die Felsen geführt hat. Warum bin ich ihm nur gefolgt?' Dennoch war die Perle ein kostbares Geschenk – das er mit einem Kinderspielzeug vergolten hatte, das Kiwan für einen Zauber hielt. Er lächelte schwach, tastete zwischen ihren Körpern nach Kiwans Amulett und zog es hoch.

Kiwan spürte erwartungsvolles Kribbeln in sich, als Timon ihn zu berühren begann, und es erstarb leider auch nicht, als er merkte, dass es nicht ihm, sondern etwas anderem galt. Aus halb geschlossenen Augen betrachtete er Timons Gesicht, das sich wieder entspannt hatte und nicht mehr diese Mischung aus Angst, Einsamkeit und Trauer zeigte, sondern lediglich noch einen Anflug von Melancholie. Er lächelte, als Timon den Blick zu ihm hob.

Timon erwiderte das Lächeln, ohne dass es ihm bewusst war. Für einen Moment war seine Sorge tatsächlich vergessen, ganz ohne Lust und Leidenschaft, als er in Kiwans Augen versank. So faszinierend, schillernd wie Perlmutt in Blau und Grün... Erst allmählich wurde ihm klar, dass er nichts sagte, nur schaute. Er errötete.

"Das Krokodil", atemlos hob er das Amulett zwischen ihre Gesichter; ein Schutz der anderen Art, dieses Mal vor seinem sehnsuchtsvollen Bedürfnis, Kiwan zu küssen, "es ist kein Schutzzauber wie das Amulett, das du mir gegeben hast, Kiwan. Tut mir leid... Es ist nur ein Kinderspielzeug."

Kiwans Lächeln vertiefte sich. Er umfing Timons Hand samt dem Amulett und zog sie an seine Lippen, um sie zu küssen. Er konnte einfach nicht anders. Da war sie wieder, die Wärme zwischen ihnen, das Leuchten in Timons Augen. Das Gefühl von Vertrauen. "Ich weiß nicht, was es vorher war, Timon. Aber in dem Moment, in dem du es mir gegeben hast, wurde es zum Amulett. Es hat mich zahllose Male beschützt. Es sieht den Drachen ähnlich. Bestimmt kann es sie verzaubern. Ich bin mir sicher, es hat mir geholfen, Drachentod zu werden."

Timon schüttelte den Kopf, aber sagte nichts. Die weichen Lippen ließen es in seinem Bauch kribbeln und lösten den kalten Knoten dort beinahe auf. Wie nur machte es dieser Mann, dass die Welt direkt um ihn herum so einfach und unkompliziert, so schön sein konnte, wenn sie es doch in Wirklichkeit gar nicht war?

"Wie bist du zu dem Namen gekommen?", fragte er stattdessen leise, um sich abzulenken.

"Ich bin kein guter Erzähler. Also erwarte keine Geschichte, ja?" Kiwans freie Hand schummelte sich von Timons Rücken in seinen Nacken empor und streichelte ihn dort, am Ansatz der zarten Haare. "Wir waren am Abgrund auf der Jagd nach Thunfisch, als plötzlich der Drache auftauchte. Er hatte es wohl auf die gleichen Fische wie wir abgesehen, aber erwischte stattdessen Vater. Gegen Drachen kämpft man eigentlich nicht, aber ich habe Vater schreien gehört."

Er schauderte. "Ich bin hingeschwommen." Obwohl sie ihn hatten zurückhalten wollen. "Drachen sind zu groß, um ihr Herz zu treffen. So tief reicht keine Harpune. Ihre Schwachstelle ist der Hals. Ich habe es in dem Moment gewusst, als ihn erreicht habe. Du musst die Spalte zwischen den richtigen Wirbeln treffen. Das tötet sie zwar nicht sofort, aber es macht sie bewegungsunfähig. Der Drache hat Vater losgelassen und ist in den Abgrund gesunken. Seitdem hat Vater nur noch ein Bein. Ein zweites Mal habe ich es getan, weil einer der Jäger, die bei dieser Jagd dabei gewesen waren, es auch ausprobieren wollte, um ein Mädchen des Seeigel-Stamms zu beeindrucken."

Kiwan schnitt eine Grimasse. "Es hat nicht funktioniert. Ich habe ihn davor bewahrt, Drachenfutter zu werden." Spitzbübisch grinste er. "Sie hat ihn trotzdem genommen, trotz seiner Dummheit. Liebe, vermute ich mal. Aber dann haben sich die Geschichten über meinen heldenhaften Kampf verbreitet, wie Geschichten das gerne tun, und ich glaube, seitdem habe ich angeblich die Hälfte aller lebenden Drachen getötet."

Timon lachte. "Du machst das gerne, nicht? Dich in Gefahr für andere begeben", neckte er, auch wenn ihm Schauer den Rücken hinab liefen, zum Teil wegen der Geschichte, zum Teil wegen der angenehmen Berührungen. Er bewunderte Kiwan für seinen Mut und wünschte sich, auch nur die Hälfte davon zu haben. "Wegen mir hast du dich immerhin ins feindliche Hornspeer-Dorf geschlichen."

"Für dich würde ich in die finstersten Tiefen des Abgrunds schwimmen", sagte Kiwan mit einem weichen Lächeln und küsste ihn auf die Stirn. "Lass uns schlafen, Timon. Morgen müssen wir früh raus." Und wenn sie weiter so eng beieinander lagen und Timon ihn so ansah, würde er ihn noch mehr wollen und schließlich schwach werden.

Timon nickte bedauernd. Wieder hatte er das Verlangen, die zarte Berührung der Lippen zu einem Kuss werden zu lassen, aber er drehte sich stattdessen in Kiwans Armen um, schmiegte sich eng mit dem Rücken gegen ihn und schloss die Augen. Es wurde dunkel, als die Lampe erlosch. Und auch, wenn er sich nach mehr sehnte und es sich doch versagte, war es schön, wie die Abende zuvor in Kiwans Armen einzuschlafen.

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Wünsche von:
Umfrageergebnis: Brin ist von Lenar schwanger
atum: Einteilung des Jahres in Walreisen
Katsumi: ein Jahr wird als Korallenblüte gerechnet
Mahadevi: Timon beichtet, dass das Kroko kein mächtiger Schutzzauber, sondern nur Kinderspielzeug ist
Witch23: Lenar hat Brin vor einem beobachteten Tier gerettet, als sie sich das erste Mal begegneten

© by Pandorah