Meerschaum

16.

Nach Timons privater Einschätzung begann der Tag zu früh, als Kiwan ihn vor dem Morgengrauen zum Frühstück weckte. Er hatte keinen Hunger, erst recht nicht auf Algen und Fisch und vermisste bitterlich eine schöne Tasse dampfenden Kaffees – bitte mit ausreichend Zucker und Milch.

Mit einem kleinen Grinsen drückte Kiwan ihm eine Deckenrolle in die Hand und zeigte ihm, wie man sie quer von der einen Schulter über Brust und Bauch zur Hüfte band, um möglichst unbeschwert schwimmen zu können. Timon versuchte es, fand es unbequem und schob die geringe Last auf den Rücken. Im Gegensatz zu den Meermenschen hatte er dort keine Flosse, die behindert werden konnte, und es fühlte sich vertrauter und leichter an, als mit dem Wulst vorne.

"Ist das alles an Gepäck?", fragte er dann irritiert und dachte an die Reisetasche, die irgendwo verlassen in einem französischen Hostel stand. Hier gab es außer einem zweiten Stoffstreifen keine Kleidung zum Wechseln; es gab keinen Laptop, kein zweites Paar Schuhe, nichts zum Lesen oder zum Musik hören. Offensichtlich gab es nicht mal Proviant. Er erinnerte sich daran, wie leicht es Kiwan und Hadiya gefallen war, auf dem Hinweg zum Dorf etwas zum Essen zu finden. Meermenschen schienen seltsam unbeschwert auf Reise zu gehen.

Kiwan lachte leise. "Was willst du denn noch mitnehmen? Wir haben alles, was wir brauchen."

Timon antwortete nur mit einem unverständlichen Brummeln. Seine Morgenmuffeligkeit verflog auch dann nicht, als sie die Wohnhöhle verließen und noch nicht einmal von Sonnenschein empfangen wurden. Das Wasser färbte sich gerade erst dunkelgrau.

Dennoch schien schon das halbe Dorf wach zu sein, um die zahlreichen Boten zu verabschieden, die an diesem Tag aufbrachen. Die Bedrohung durch die Luftatmer wurde ernst genommen. Kiwan, Lenar und Timon wurden von unzähligen Seiten gedrückt und bekamen eine gute Reise gewünscht; auch Brin reichte mehreren Leuten beide Hände, Hadiya umarmte sie als einzige fest. Doch erst, als Kiwans Vater Timon ein Messer samt Tragegurt schenkte, realisierte Timon, dass sie tatsächlich dabei waren, zu einer größeren Reise aufzubrechen.

"Es ist mein Ersatz, aber bei dir ist es besser aufgehoben als in unserer Wohnhöhle. Und ich denke, du kannst es brauchen." Ohne nachzufragen, schnallte Matej die Gurte an Timons Bein und zeigte ihm, wie man den Sicherheitsverschluss löste, um an die Klinge zu kommen. "Ich habe es immer an der Wade statt am Oberschenkel getragen. Man kommt in fast jeder Lage gut dran, und es verrutscht nicht. Mit meiner neuen Flosse geht das leider nicht mehr." Bezeichnend schlug er leicht mit seiner beide Füße umfassenden Delphinflosse, deren Befestigung bis über die Knie reichte, und grinste.

"Oh... ich... danke!" Timon blinzelte überrascht, dann umarmte er Matej dankbar. An eine Waffe, die in diesem Falle gleichzeitig ein Werkzeug war, hatte er gar nicht mehr gedacht, aber das Messer fühlte sich gut an seinem Bein an, nach einem weiteren Stück Selbständigkeit. Jetzt konnte er selbst Muscheln und Anemonen ernten, vorausgesetzt, er erkannte die essbaren, oder Fische ausnehmen; und er hatte sein eigenes Licht. Von Thia, Kiwans Mutter, bekam er eine Harpune geschenkt und fühlte sich fast schon als richtiger Jäger, selbst wenn er keine genaue Vorstellung davon hatte, wie man sie benutzte.

Auch Paka verabschiedete ihn und entschuldigte sich dafür, dass sie seine Flossen nicht rechtzeitig fertig bekommen hatte. "Aber ich brauche noch bestimmt drei Tage, das war wirklich nicht zu schaffen."

Timon lachte und drückte sie. "Ich liebe die hier schon, mach dir keine Gedanken. Ich habe wirklich keinen Grund, mich zu beschweren."

Als endlich alle Verabschiedungen hinter ihnen lagen und sie aufbrachen, wurde das Wasser bereits von hellen Sonnenstrahlen geflutet. Timons Laune stieg im gleichen Maße, wie seine Aufregung und die Vorfreude darauf wuchsen, dass er bald wieder an die Oberfläche kommen würde.

Im Laufe des Tages vergaß er auch die Melancholie und die sonderbaren Gedanken, die ihn am Vortag befallen hatte. Es gab unglaublich viel zu entdecken, auch als sie die Korallenriffe schon längst hinter sich gelassen hatten und über die Seegrasebene schwebten. Timon mochte Seegras, es erinnerte ihn an Wiesen, auf denen man bei ein paar Fläschchen gekühlten Biers mit Freunden oder Kommilitonen liegen, lernen oder diskutieren konnte.

Zudem war er mit seinen eigenen Flossen zwar noch immer noch nicht so geschickt und schnell wie die Meermenschen, aber sie kamen dennoch gut voran. Ab und an wurde er gezogen, doch es war nur noch Unterstützung, nicht mehr hauptsächliche Fortbewegung.

Die Nacht verbrachten sie recht nahe des Abgrunds in Jagdunterkünften. Fast fühlte es sich an wie mit Kumpels in einer Skihütte. Sie lachten auf jeden Fall ähnlich viel, und Timon war ähnlich erschöpft, als sie ins Bett gingen, das er sich wie üblich mit Kiwan teilte. Zeit zum Grübeln oder sich Gedanken um ihre Nähe zu machen, hatte er auf jeden Fall nicht. Er brauchte nur wenige Momente, bis er eingeschlafen war.

*

Der Morgen begann nur wenig später als der des Vortags. Lenar hatte für Frühstück gesorgt, und Timon stellte erneut fest, dass vor Sonnenaufgang keine gute Zeit zum Aufstehen war. Natürlich war Brin begierig darauf, zu ihrem Stamm zurückzukommen; ihre Angehörigen und Freunde hatten sich gewiss schon zu Tode gesorgt, vielleicht waren auch Suchtrupps unterwegs, um sie zu finden. Aber dennoch – Timons eigener, unmaßgeblicher Meinung nach war es zu früh, besonders den zweiten Tag in Folge.

Kiwan machte es Spaß, Timon morgens zu beobachten. Die noch halb geschlossenen Augen und das vom Schlaf zerknautschte Gesicht waren einfach nur niedlich, seine Art, alles grummelig anzuschauen, was auch nur vage in seine Nähe kam, ließ Kiwan grinsen. Die Wickelhose legte Timon sich an diesem Tag jedoch allein an, nachdem Kiwan es ihm noch einmal vorgeführt hatte. Die ersten Versuche sahen in etwa so aus wie bei einem Kind, das die Handhabung gerade lernte, aber nach einigen Korrekturgriffen sah es schon ganz ordentlich aus.

Sie brachen auf, als die Sonne hoch genug stand, um das Wasser in Grau zu tauchen. Kiwan freute sich schon auf die Trennung von den beiden anderen; so gern er Lenar hatte und auch wenn er Brin nett fand, so sehr freute er sich bereits auf die gemeinsame Zeit allein mit Timon. Wenn niemand sonst da war, der stören konnte, würden sie sich vielleicht näher kommen.

Übermütig alberte er mit Lenar herum, zog ihn damit auf, dass er und Brin bestimmt noch eine ausgiebige Rast einlegen würden, bevor sie zum Hornspeer-Dorf weiterschwammen und schlug allerlei Jagdhütten und Höhlen vor.

"Ich glaube eher, dass du es kaum noch erwarten kannst, uns loszuwerden, was?", fragte Lenar auch prompt mit einem breiten Grinsen und warf einen bezeichnenden Blick auf Timon.

"Hey!" Kiwan spürte Hitze im Gesicht. Er hatte es herausgefordert, aber es war bestimmt keine gute Idee, das so offen vor Timon auszubreiten, wo sie kurz davor standen, allein zu sein. Zum Glück schien dieser jedoch nichts mitbekommen zu haben. Kiwan wollte Lenar in die Seite knuffen, um ihn zum Schweigen zu bringen, doch sein Freund wich geschickt aus.

"Was war denn das, Drachentod?", neckte er. "Sind deine Gedanken so beschäftigt, dass du nicht mehr zielen kannst?"

Kiwan musste lachen und schwamm ihm nach; Lenar wich weiter zurück; Kiwan beschleunigte, bis sie sich eine regelrechte Jagd lieferten.

Bewundernd beobachtete Timon die beiden, wie sie durch das Wasser schossen, als gäbe es keine Schwerkraft, keinen Widerstand, als seien Flossen Flügel. So würde er das nie können, nicht einmal, wenn er seine eigentlichen Flossen bekam und wenn Paka sich etwas für seine Hände ausgedacht hatte. Allein die Rückenflosse schien bei den Wendemanövern eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen, so wie sie sich bog, wellte und auf und zu geklappt wurde.

Vor ihnen tauchte der Abgrund auf; hinter der wie mit einem Messer gezogenen Grenze lag das unendliche Blau, aber das schien die beiden nicht zu stören. Ihre wilde Jagd trug sie darüber hinweg, als gäbe es weder Simolestes noch sonstige Monster. Timon konnte sich nicht vorstellen, jemals so unbeschwert mit der unvorstellbaren Tiefe umzugehen, in der schlicht alles lauern konnte.

Der Abgrund bedeutete jedoch nicht nur Gefahr, gerade in diesem Moment hieß er auch, dass sie sich von Lenar und Brin trennen würden. Mit einem schiefen Grinsen sah er zu Brin hin, deren feuerrotes Haar wie ein lebendiger Schleier über ihre Schultern floss. Sie wandte den Kopf und erwiderte seinen Blick mit einem Lächeln.

"Ich werde dich vermissen", sagte Timon mit einem kleinen Seufzen. "Ich weiß, es ist nicht lang, ein paar Tage, vielleicht zwei oder so Wochen. Aber dennoch... du warst gleich von Anfang an da, weißt du?"

Ihr Lächeln vertiefte sich, sie griff nach seiner Hand und drückte sie sacht. "Kiwan wird gut auf dich acht geben. Das weißt du. Wer könnte denn ein fähigerer Beschützer sein als ausgerechnet Drachentod?"

Das brachte Timon zum Auflachen. "Ja, ein Drachentod sollte wohl reichen, was? Wer mit Drachen fertig wird, sollte mit allem fertig werden. Ich bin zu anspruchsvoll. Trotzdem..."

Wie sollte er ihr das erklären? Es war ein Gefühl von Sicherheit, das sie ihm gab. Von Nähe. Es war Freundschaft, obwohl er auch sie erst seit vergleichsweise kurzer Zeit kannte. Und sie stand für Beständigkeit in dem Chaos, in das er gefallen war. Kaum war er unter Wasser aufgewacht, war sie schon da gewesen und hatte zu ihm gestanden.

"Ich weiß. Mehr Schutz ist besser." Sie zwinkerte ihm zu, aber ihre roten Augen waren ernst. "Ich werde dich auch vermissen. Wir sehen uns wieder, darauf verlasse ich mich, Timon. Keine Ausflüge an Land, von denen du nicht wiederkommst, hörst du?"

"Natürlich, Brin, ich hab's versprochen. Ich ..."

Abrupt flog ihr Kopf hoch, sie unterbrach ihn mit einer harschen Geste. "Still!" Ihr Haar fächerte auf. Wachsam sah sie sich um, ihr Griff um seine Hand wurde fester.

Timon konnte nichts entdecken, nur blaugrüne Ferne über der Seegraswiese, blaue Unendlichkeit über dem Abgrund. Dennoch richteten sich die feinen Haare in seinem Nacken auf, eine Gänsehaut lief seinen Rücken hinab.

"Sei auf der Hut", murmelte Brin angespannt und zog ihn rasch zu einigen Felsbrocken, die aus dem Seegras hervor ragten. "Da draußen ist... irgendetwas. Bleib hier, das bietet dir ein wenig Schutz."

Misstrauisch sah sie sich erneut nach allen Seiten um, ehe sie Timon losließ und einen hohen Trällerlaut ausstieß, der in einer Serie von Klicken endete. Für Timon klang es wie die Aufnahme von Delphinrufen. Weit über dem Abgrund hielten Lenar und Kiwan abrupt in ihrer Jagd inne und wechselten mit einem kleinen Salto die Richtung, um zurückzuschwimmen.

Die Harpune locker in der Hand haltend schwamm Brin ihnen ein Stück entgegen, sich immer wieder nach der unsichtbaren Bedrohung umsehend. Mit einem Knoten im Bauch blickte auch Timon erneut um sich, doch er konnte nichts entdecken. Wie auch, wenn nicht einmal Brin wusste, was sie spürte? Um sie herum war noch immer die Seegrasebene, vor ihnen der Abgrund. Leises Rauschen wurde von irgendwoher herangetragen, Fische und Krabben knusperten direkt an dem Felsen, an dem Timon sich versteckte. Vor was?

Brins erschrockener Ausruf ließ ihn herumfahren. Etwas kam vom Abgrund her auf sie zu. Schnell. Man sah es nicht, aber das Seegras wurde aufgewirbelt, wie von einer Welle erfasst. Brin schoss zurück auf Timon zu, zum Schutz des Felsens. Timon streckte eine Hand nach ihr aus, um sie heranzuziehen, als das Seegras direkt vor dem Felsen aufwehte. Etwas Unsichtbares streifte Timons ausgestreckten Finger. Er zuckte mit einem Japsen zurück. Direkt vor ihm durchzogen glitzernde Schlieren das Wasser, verwoben und verbunden wie ein Netz. Sie erfassten Brin, wickelten sich um sie und rissen sie mit sich fort.

Timon dachte nicht nach, als er die Harpune fallen ließ, um beide Hände frei zu haben. Kraftvoll stieß er sich vom Boden ab, schnellte nach vorne und bekam etwas zu fassen. Er zerrte daran, versuchte, es von Brin zu lösen, doch es zog ihn nur mit sich fort, ohne dass er die Möglichkeit gehabt hätte, es aufzuhalten. Irgendwo hinter sich hörte er die erschrockenen Rufe von Kiwan und Lenar.

"Timon, lass los!" Brins Stimme klang panisch, sie wand und versuchte, sich zu befreien, doch vergeblich. "Du kannst mich nicht befreien, das Netz ist undurchdringlich. Und allein kannst du es nicht ins Wasser ziehen. Es sind die Landkriecher!"

"Luftatmer!", brachte Timon hervor und legte den Kopf in den Nacken, um nach oben zu sehen. Die Oberfläche glitzerte in kleinen und größeren Wellen, nur an einer Stelle schien sie anders, verwirbelt, von Bläschen durchzogen. Man konnte kein Schiff sehen, aber man sah seine Bahn. Und genau dorthin wurden sie gezogen.

Hastig wandte er den Blick zurück zu Brin. Sie hatten nicht mehr viel Zeit. Jetzt, wo er wusste, nach was er suchen musste, konnte er das Netz tatsächlich erkennen. Es schnürte Brin ein, presste ihre Arme an ihren Körper und zeichnete hellgraue Streifen darauf. Es sah aus, als wäre es aus vollkommen klarem Gummi.

"Lass los!", wiederholte Brin drängend. "Du kannst nichts tun!

"Shht", unterbrach er sie und schob die Hände tiefer in die Maschen, um nur nicht abgeschüttelt zu werden. Unter ihnen blieb die Ebene zurück, das Schiff bewegte sich über den Abgrund. Timon spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. "Ich lass dich nicht allein. Ich kann dort oben atmen. Sobald wir die Oberfläche durchbrechen, halt den Atmen an. Du musst so lange wie möglich aushalten, Brin, hörst du? Ich rette dich!"

Wild starrte sie ihn an, Angst ließ ihre roten Augen glühen. Das Wasser wurde heller. Sie nickte, atmete tief ein, ihre Kiemendeckel schlossen sich, dann durchbrachen sie die Oberfläche. Timon krallte sich so fest, wie er nur konnte. Das Wasser blieb zurück, kühler Wind ergriff ihn. Während das Netz höher gezogen wurde, pflügte erst sein ganzer Körper, dann nur noch seine Beine durch die Wellen. Vor ihm tauchte ein weißer Schiffsrumpf auf.

Timon wagte nicht zu atmen. Für einen kurzen Moment hatte er Angst, dass es nicht mehr gehen würde. Er wartete auf Schmerz durch das Gas, das in seinen Adern entstehen musste, doch nichts geschah. Mit einem bewussten Ausatmen sprudelte er das Wasser aus seiner Lunge und holte rasselnd Luft. Ein zweiter Atemzug brachte mehr Wasser hervor, er hustete und atmete dann frei.

Aufgeregte Männerstimmen füllten die Luft, das Netz wurde über die Bordwand eines Schiffes gezogen, und Timon fiel hart neben Brin auf Deck. Unwillkürlich ließ er das Netz los, es wurde unter ihnen weggezogen.

"Euge! Duo pisces. Vir feminaque!", rief jemand und lachte.

Timon schüttelte den Kopf und das Wasser aus den Ohren. Die Sprache klang vertraut, aber dafür war keine Zeit. Hastig sah er sich um. Vier Männer standen um sie, die wohl das Netz hochgezogen hatten. Zwei davon verstauten es gerade in einem großen Fass. Allzu groß war das Schiff nicht, es hatte gerade einmal einen Mast, die Reling war nicht mal hüfthoch. Kein Problem, da hinüber zu kommen.

Dann blinzelte er, als sein Blick auf eine Kanone am Bug fiel. Es war kein modernes oder halbmodernes Geschütz, keine Schnellfeuerkanone oder etwas in der Art, nicht mal etwas Altmodisches aus dem zweiten Weltkrieg. Es war ein dickes, schwarzes Kanonenrohr, aufgebockt auf einem stabilen Holzgestell, wie er es in Piratenschinken oder historischen Filmen schon oft gesehen hatte.

In der Helligkeit der Sonne blinzelnd sah er zu den Männern zurück und in bärtige, lachende Gesichter. Offensichtlich freuten sie sich über ihren Fang. Sie waren sonnengebräunt und vom Wetter gegerbt. Die nackten Oberkörper waren muskulös und drahtig, gestählt von schwerer Arbeit, nicht von modernen Fitnessstudios geformt. Als einzige Bekleidung trugen sie wadenlange Hosen, die von bunten, ausgefransten Schärpen gehalten wurden, und in diesen steckten bei jedem einzelnen der Männer ein langes Messer und eine oder zwei Pistolen. Altmodische Pistolen mit trichterförmigen Mündungen.

Neben ihm bewegte sich Brin, fahrig griff sie nach ihm. Erschrocken flog sein Blick zu ihr, er nahm ihre Hand, um nicht von ihr getrennt zu werden. Sie mussten weg. Schnell. Für Betrachtungen blieb keine Zeit.

Das Gelächter der Männer wurde lauter, vielleicht dachten sie, dass er und Brin zusammen gehörten und Unterstützung beim anderen suchten. Timon schätzte die Distanz zur Reling. Zwei Schritte, drei mit Brin, die er stützen musste. Sie konnte nicht wirklich laufen, garantiert nicht, so wie er nur schwer hatte schwimmen können. Die Flossen würden stören, aber es war keine Zeit, sie auszuziehen. Rückwärts drei Schritte, dann einfach über die Reling fallen. Es musste schnell gehen.

"As... aspirat?", fragte eine andere Stimme überrascht, und in dem Moment erkannte Timon die Sprache.

Latein! Die Männer sprachen Latein! Und sie hatte erkannt, dass etwas nicht stimmte. Ja, er atmete. Er war kein Meermann. Hastig zog er Brins Arm um seine Schulter und kämpfte sich mit ihr auf die Beine. Sie unterstützte ihn, so gut sie konnte, während sie sich an ihn klammerte. Ein stolpernder Schritt zurück, ein zweiter folgte.

Mit einem empörten Ruf zog einer der Männer sein Messer und sprang vor. Brin stieß geübt mit der Harpune in seine Richtung, erwischte seinen Arm und ließ ihn erschrocken zurückweichen.

"Noli tangere!", blaffte Timon gleichzeitig, ein Ausruf, den er im Schlaf beherrschte. Die Worte hatten als Zitat seines Lateinlehrers in der Abizeitung gestanden. Finger weg. Nichts berühren.

Überrascht zuckten die Männer wie einer zurück. Ein weiterer Schritt, und Timon stieß an die Reling.

"Jetzt, Brin!", rief er in Deutsch und war sich sicher, dass niemand ihn verstand. Weder Brin, noch diese Männer. Er umklammerte Brin fest und ließ sich einfach rückwärts über die Reling fallen. Noch während er kippte, zogen die Männer ihre Pistolen. Schüsse krachten.

Dann durchbrach Timon die Wasseroberfläche. Der Aufprall war hart, da Brins Gewicht auf ihn drückte, doch nicht so hart wie beim Sturz in den Fluss. Timon atmete aus. Blasen schäumten um sie und trieben nach oben, dann umfing sie nur noch blau. Binnen Sekunden hatte Timon die Orientierung verloren.

Für einen Moment hielt er reglos inne, noch immer Brin fest umfasst, dann zwang er sich einzuatmen. Kühles Meerwasser strömte in seine Lungen, längst nicht mehr so unangenehm wie bei den ersten beiden Übergängen, es erschien ihm samtig. Die Luft war dagegen beinahe schon hart gewesen. Leichter zu atmen, aber irgendwie staubig. Er richtete sich mit einem kleinen Flossenschlag auf, ohne anhand des Aufstiegs der Blasen schauen zu müssen, wo oben und unten war und fand das Gleichgewicht wieder.

"Brin, alles in Ordnung?", fragte er besorgt. Ihre Kiemen schlugen, sie keuchte schwer, zitterte am ganzen Leib, aber sie nickte.

"Danke", flüsterte sie.

Eine Weile verharrten sie regungslos, Arm in Arm, während Brin wieder zu Atem kam. Timon bewegte nur leicht die Flossen, damit sie nicht sanken und versuchte zu ignorieren, dass unter ihm und um ihn herum nichts war außer Wasser. Abgrund. Simolestes. Kraken. Er verdrängte es mit Gewalt, konzentrierte sich auf Brin, deren Zittern langsam nachließ. Ihr Haar, das sich fest und schützend um sie gelegt hatte, fächerte allmählich wieder auf.

"Brin, wir...", begann er, doch wurde unterbrochen. Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen und sah sich um.

"Nachher, Timon. Das ist nicht die sicherste Gegend", sagte sie leise und sah sich flüchtig um. Noch immer war sie mitgenommen von dem Ausflug an die Oberfläche, doch sie war zurück in ihrem Element, sie war wieder Jägerin. "Ich weiß, dass du den Abgrund nicht magst. Aber du schwimmst unten. Du bist der hellere von uns, du täuschst eher vor, dass wir zur Oberfläche gehören, wenn sich hungrige Augen auf uns richten. Wir werden weiter runter gehen, für den Fall, dass die Landkriecher zurückkehren. Ihre Netze reichen tief, aber nicht so tief. In Ordnung?" Eindringlich sah sie ihn an.

Timons Magen wurde ein fester, verworrener Knoten, der sich garantiert nicht mehr so einfach lösen würde. Er schluckte hart, spürte sein Herz in den Hals wandern, aber nickte dann. Es war Tag, er konnte Gefahren sehen, sollten sie sich nähern. Und er war weder allein, noch unbewaffnet. Seine Harpune war zurückgeblieben, aber er hatte sein Messer.

Brin lächelte ihm aufmunternd zu, drückte kurz seine Schulter und deutete in die Richtung, in die sie schwimmen würden. Timon nickte erneut, auch wenn er nicht wusste, wie sie sich orientierte. Für ihn sah das Blau in jeder Richtung gleich aus.

Sie schwamm mit einer kleinen Bewegung um ihn herum, legte beide Hände an seinen Rücken direkt unterhalb der Achseln, um ihn zu lenken und wohl auch, um ihm zu zeigen, dass sie da war, vermutete Timon. Er war ihr dankbar dafür. Dann schwammen sie los, in die Richtung, die Brin vorgab. Ihre Harpune lag eng an seinem Rücken an, auch das war ein tröstliches Gefühl. Sie hatte noch eine Waffe, und im Gegensatz zu ihm konnte Brin damit umgehen.

Sacht drückte sie ihn nach unten, und auch wenn Timons Herz einen unangenehm harten und schnellen Rhythmus aufnahm, folgte er der Geste. Es wurde dunkler und kühler, als sie tiefer sanken. Verdammt, was nutzte es ihnen, den Luftatmern entkommen zu sein, wenn sie jetzt von Simolestes als Zwischenmahlzeit verspeist wurden? Wie Timon den Abgrund hasste! Er wollte hier weg! Da, war da etwas in den endlosen Schatten unter ihnen? Er zuckte zusammen, zog das Bein an und zerrte mit zitternden Fingern das Messer aus der Scheide.

"Da ist nichts", wisperte Brin und streichelte einmal beruhigend über seinen Rücken.

Timon nickte abgehackt. Der Schatten war weg. Dennoch fühlte sich der Griff der kleinen Waffe tröstlich an in seiner Faust und gab ihm Sicherheit. Er konzentrierte sich darauf, um die beginnende Panik zu unterdrücken. Dafür war kein Platz. Selbst wenn sie ein Räuber finden würde, musste er ruhig sein, sonst würden sie im schlimmsten Fall tatsächlich den Magen eines Drachen füllen. Er nickte nochmal, kräftiger dieses Mal und spürte Brins Erwiderung, als sie ihn leicht drückte.

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Wünsche von:
Witch23: Sie sehen ein Schiff vorbeikommen, so dass Timon anhand der Art, wie es gebaut ist, einen ungefähren Einblick in das Zeitalter bekommen könnte

© by Pandorah