Meerschaum

17.

Grimmig hielt Kiwan seine Harpune fest umfasst und starrte nach vorne. Nichts war zu sehen, nur das Blau des endlosen Ozeans. Das Netz mit Brin und Timon war rasend schnell aus ihrem Sichtfeld verschwunden gewesen, und so sehr Lenar und er sich auch gemüht hatten, hatten sie es nicht einholen können.

Ihm drehte sich der Magen um, wenn er daran dachte, dass Timon in die Hände von räuberischen Luftatmern gefallen war; wie es Lenar erst gehen mochte, konnte er kaum ermessen. Er warf einen Blick auf seinen besten Freund, der verbissen unter ihm schwamm, ein heller Fleck gegen das Dunkel der See, nur das Haar strömte wie wehender Schatten über ihn. Timon immerhin konnte dort oben atmen, Brin hingegen... Auch für sie empfand Kiwan Angst. In den wenigen Tagen war sie nicht nur eine Freundin geworden; sie war die Geliebte seines besten Freundes und trug dessen Kind.

Doch sie konnten nichts tun außer der Richtung zu folgen, die das Schiff eingeschlagen hatte, als es über den Abgrund davon geglitten war. 'Tiefsee! Wenn es einen Bogen schlägt? Wenn der Wind es abtreibt?' Es war hoffnungslos, sie waren zu langsam, aber es war das einzige, was sie überhaupt tun konnten. Hinterher schwimmen. Schwimmen, in der Hoffnung, dass es irgendwo vor Anker ging, dass eine Flaute es halten ließ – dass sie es nicht übersahen, wenn es direkt über ihnen trieb.

Kiwan hatte nicht geglaubt, dass es so vollkommen unsichtbar sein könnte, doch weder hatte er das Schiff, noch das Netz gesehen, als Brins Warnruf erschollen war. Ein Aufwirbeln von Seegras, bevor das Netz Brin umschlungen hatte, und an der Oberfläche eine Spur von Wellen, mehr nicht.

'Nicht ablenken lassen. Nicht, dass ich es übersehe!' Wachsam schaute Kiwan sich um, doch keine Unregelmäßigkeit unterbrach die bewegte Oberfläche.

Ein leiser Laut Lenars, der wie das Schlagen einer kleinen Welle an Schilf klang, lenkte seine Aufmerksamkeit auf seinen Freund. Lenar deutete mit einer sparsamen Geste nach unten. Kaum wahrnehmbar bemerkte nun auch Kiwan den Schatten im Dunkel weit unter ihnen. Hoffentlich kein Jäger, der es auf sie abgesehen hatte! Ein Kampf, der sie aufhielt, war das letzte, was sie gebrauchen konnten. Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als die Gestalt auch schon geschmeidig die Richtung änderte und Kurs auf sie nahm.

Lenar fluchte mit verhaltenem Atem und fasste die Harpune fester. Ein kleiner Blick, eine Geste, sie drifteten auseinander. Das würde es dem Räuber schwerer machen, sich ein Opfer auszusuchen, und sie hatten bessere Möglichkeiten, einander zur Hilfe zu kommen.

Der Schatten unter ihnen teilte sich ebenfalls, und Kiwan erkannte die charakteristische Form schwimmender Menschen. Nur einen Wimpernschlag später wurde ihm klar, wer dort schwamm. Timon! Brin. Sein Herz machte einen Satz; gleichzeitig mit Lenar schoss er nach unten, den beiden entgegen.

Timon wirkte gesund und wohlbehalten, er strahlte regelrecht vor Freude und Erleichterung. Kiwan sog den Anblick in sich auf, während hilfloses Glück ihn durchflutete. Er lebte. Einen Atemzug später waren sie heran. Er zog Timon in die Arme und presste ihn fest an sich.

Timon erwiderte die Umarmung, so fest er konnte. Kiwan war hier; er war ihm gefolgt. Brennende Freude überlagerte alles, doch darunter mischten sich feinere Töne. Es ließ ihn sich sicher fühlen, behütet und geborgen und so viel mehr, das er nicht benennen konnte.

'Danke... ich bin so froh!', dachte er immer wieder, aber wagte nicht, die Worte auszusprechen. Nach viel zu kurzer Zeit lockerte Kiwan seinen Griff und drückte ihn auf Armeslänge von sich, um ihn prüfend anzusehen. Seine Besorgnis und Fürsorge erfüllten Timon mit so viel Wärme, so dass er nicht anders konnte, als zu lächeln – ungeachtet dessen, dass sie sich in einem Teil des Ozeans befanden, den Brin als 'nicht sicher' deklariert hatte.

Das weiche Lächeln ließ Kiwans Herz springen, und das Leuchten in Timons dunklen Augen raubte ihm den Atem. Erneut zog er seinen Freund an sich und küsste ihn einmal, zweimal auf den Mund, ehe er sich endgültig von ihm löste. Eine von Timons Hände fest mit seiner umschlossen, um ihn nicht noch einmal zu verlieren, sah er zu Brin und Lenar hin, die sich ebenfalls voneinander lösten.

'Zurück', deutete er und gab Richtung und Formation an.

'Ja, und zwar schnell', antworteten Brin und Lenar zugleich mit der selben Geste, was Kiwan grinsen ließ und die beiden dazu brachte, sich anzusehen und ebenfalls zu grinsen.

Timon sah ihre Bewegungen, aber verstand nichts, bis Kiwan in die Richtung deutete, in die sie schwimmen würden. Er nickte und das weiche Gefühl, das ihn umfangen hatte, einfach weil sie einander wider Erwarten so schnell gefunden hatten, schwand und machte erneut ein wenig Furcht Platz; dieses Mal wurde sie jedoch erfolgreich von Entschlossenheit in Schach gehalten. Kiwan schwamm hinter ihn, legte die Hände an seine Seiten und drückte ihn leicht, ehe sie losschwammen.

Es fühlte sich anders an als bei Brin. Kiwan hielt ihn fester und dichter, und Timon fand es angenehm, ihm so nah zu sein. Es ließ den Abgrund weniger finster wirken, die Kreaturen, die dort lauern mochten, weniger bedrohlich erscheinen. Bald tauchte die Felswand vor ihnen auf, eine dunkle Fläche im weiten Blau, deren Rand freihand mit einem stumpfen Messer geschnitten zu sein schien, so zerklüftet war sie.

Sie steuerten auf die Kante zu. Timon atmete freier, als sie endlich wieder sicheren Boden unter sich hatten. Das Seegras wirkte angenehm vertraut und war kurz genug, um keine finsteren Monster verbergen zu können. Ein kurzer Abstecher führte sie zu der Stellen, an der Kiwan seine Reiserolle hatte fallen lassen, um Brin und Timon schneller folgen zu können. Timons Harpune lag nicht weit davon entfernt noch immer an dem Felsen. Auch sie wurde eingesammelt. Es verwunderte Timon, wie zielsicher die Meermenschen ohne jede Möglichkeit, sich an Landmarken zu orientieren, den Ort gefunden hatten, an dem die Entführung ihren Anfang genommen hatte.

"Pause?", fragte Brin mit einem kleinen Seitenblick auf Timon, aber das antwortende Nicken kam von allen Männern.

Lenar führte sie zu einer relativ waagrechte Spalte in der Felswand. Es war mehr eine Vertiefung als eine wirkliche Höhle, aber sie bot Schutz vor den von oben kommenden Netzen der Luftatmer, wie auch Sichtschutz vor Gefahren aus dem Abgrund. Anemonen und Korallen zogen ihre Fangarme ein und streckten sie nur zögernd wieder in die Strömung, nachdem sie eine Stelle hinter einem aufragenden Felszacken ausgewählt hatten. Kleine gelbe Fische huschten erschreckt davon, als sie ihre Decken ausbreiteten und es sich darauf bequem machten, Brins Messer als gedämpfte Lichtquelle in ihrer Mitte.

Kiwan ließ nicht zu, dass sich Timon entfernt von ihm setzte, sondern zog ihn gleich in seine Arme, um ihn zu halten und sicher zu wissen, und Timon wehrte sich nicht. Er schien die Nähe sogar regelrecht zu suchen, was Kiwan mit Freude erfüllte; der Griff, mit dem er Kiwans Arme umfing, war fest.

"Was ist geschehen?", brach Lenar schließlich das Schweigen. Er hielt Brin im Arm, beide Hände ruhten sanft auf ihrem Bauch, ihre roten Haare umschmeichelten leicht seinen Hals. "Wie konntet ihr entkommen?"

Timon erwiderte seinen Blick und erschauerte. Die Flucht über den Abgrund hatte ihn beschäftigt gehalten, jetzt kam die Erinnerung zurück. Kanonen. Pistolen. Latein.

Besorgt runzelte Kiwan die Stirn und zog ihn enger an sich. Nicht jede Verletzung war körperlich. "Haben sie euch etwas getan?"

"Nein, wir haben ihnen etwas getan", erzählte Brin zufrieden, ihre roten Augen ruhten warm auf Timon. "Timon war großartig! Ohne ihn wäre ich nie entkommen." Dann erzählte sie in knappen Worten ohne jede Ausschmückung, wie sie gefangen und wieder frei gekommen waren. "Als wir zurück ins Wasser fielen, knallte und krachte es ohrenbetäubend. Was war das, Timon?"

"Sie haben auf uns geschossen." Seine Stimme klang selbst in Timons eigenen Ohren seltsam flach. "Mit Pistolen. Sie wollten uns lieber töten, als uns entkommen zu lassen. Töten! Ich bin mein gesamtes Leben lang nicht so oft in Todesgefahr gewesen wie in den letzten paar Tagen hier."

Sein Griff um Kiwans Unterarm wurde schmerzhaft, und Kiwan löste vorsichtig eine Hand, um beruhigend Timons Schultern zu streicheln. Er hatte keine Ahnung, was Pistolen waren, aber die Vorstellung, dass sie seinen Freund hatten töten wollen, machte ihm Angst und füllte ihn mit Wut. Zugleich war er unglaublich stolz auf Timon. Wieder hatte er gehandelt, als gäbe es keine Gefahr, weil jemand seine Hilfe gebraucht hatte, mutig und umsichtig.

"So gefährlich ist das Leben hier normalerweise eigentlich nicht", sagte er hilflos. Zumindest nicht im Perlmuschel-Dorf. Man wusste, welche Gegenden man besser meiden sollte, und mit Luftatmern hatte er selbst noch nie Probleme gehabt.

Timon reagierte gar nicht darauf. Kleine Erkenntnisteile setzten sich zusammen zu einem Puzzle und ergaben ein hässliches Bild, das er nicht länger ignorieren konnte. "Sie hatten eine Kanone. So eine alte, dicke, schwarze. Und sie haben Latein gesprochen. Latein!"

"Du schienst sie zu verstehen. Ist das nicht deine Sprache?", fragte Brin überrascht.

"Nein! Sie ist tot! Niemand spricht mehr Latein! Niemand!" Timons Stimme bekam einen Unterton, der Kiwan nicht gefiel. Es klang panisch, ein Beben hatte seinen Freund erfasst, das nicht enden wollte.

"Timon." Bewusst hielt Kiwan seinen Ton dunkel und beruhigend. "Was ist los? Was ist an... dieser Sprache so schlimm?"

Abrupt drehte Timon sich in seinen Armen um, kniete sich vor ihn und schloss die zitternden Hände um sein Gesicht. Seine Augen waren weit vor Angst. "Ich bin nicht mehr daheim, Kiwan. Ich kann nicht mehr nach Hause! Irgendwas ist ganz schrecklich falsch gelaufen. Die Küste, von der ich komme, ist weg. Die Männer in den Schiffen kommen aus einer anderen Zeit und sprechen eine tote Sprache. Ihr benutzt Magie – es gibt keine Magie bei mir daheim! Und ihr sammelt Plastiktüten wie Schätze. Das ist Müll! Abfall! Er ist so häufig, dass das Meer davon verdreckt ist. Es ist kein Schatz! Ich weiß nicht, wo ich bin, aber ich bin nicht daheim!"

Die Worte erschreckten Kiwan weniger als die offensichtliche Angst, die Timon Quallenfäden gleich einhüllte. Er legte ihm eine Hand an die Wange und erwiderte seinen Blick fest, während er den freien Arm enger um ihn schlang. "Du bist bei mir. Du musst keine Angst haben. Ich lasse dich nicht allein und ich lasse dich nicht im Stich." Und wenn er ihm durch die Flüsse folgen musste, wenn Timon über Land ging! Eine ruhige Gelassenheit erfüllte ihn, die mit dieser Erkenntnis einher ging. Niemals würde er ihn verlassen, wenn er es irgendwie verhindern konnte. Nicht einmal, wenn es ihn in eine andere Welt brachte. "Ich werde dir helfen, den Weg nach Hause zu finden."

Ein kleines Schluchzen entrang sich Timons Kehle, dann legte er die Arme um Kiwans Hals, drückte sein Gesicht in dessen Halsbeuge und weinte. Kiwan zog ihn ganz an sich, schob Timons Beine über eines von seinen und hielt ihn, während er beruhigend seinen Rücken streichelte. Es tat ihm weh, seinen Freund so leiden zu sehen, aber er wusste nicht, wie er ihm helfen konnte. Wie würde er sich fühlen, wenn er mit einem Schlag alles verloren hätte und in einer fremden Welt gestrandet wäre? Ohne Möglichkeit, sich zu verabschieden? Die Eltern, die Freunde, alles, was bekannt und geliebt war, unerreichbar fern? Und trotzdem kämpfte Timon für die Kinder. Trotzdem war er so mutig, dass er Brin gefolgt war, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Er war so stolz auf ihn! Er bewunderte ihn.

"Alles wird gut", murmelte er, obwohl er es selbst nicht so recht wusste, wie sie einen Weg in Timons Welt finden sollten. "Wir schaffen das."

Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Brin und Lenar sich nach einem kurzen Austausch zurückzogen, um Timon Zeit zu geben, und Kiwan lächelte dankbar. Eine ganze Zeit lang saßen sie einfach nur Arm in Arm da, ohne zu sprechen, während Kiwan Timon hielt und ihm Trost zu geben versuchte.

Timon fühlte sich schrecklich. Schrecklich mit dieser Erkenntnis und schrecklich, weil er sich so gehen ließ. Er bewegte sich noch immer nicht, als er schon längst mit dem Weinen aufgehört hatte, weil er nicht wusste, wie er den anderen nach diesem beschämenden Ausbruch ins Gesicht sehen sollte. Und Kiwans Arme hatten die gleiche Wirkung auf ihn wie schon so viele Male zuvor. Sie waren warm und schützend, und solange er hier war, war die Realität wenigstens nicht ganz so grausam.

"'schuldigung", nuschelte er schließlich, ohne sich zu rühren und spürte den sanften Bahnen nach, die Kiwans kräftige Hände auf seinem Rücken zogen. Irgendwie war der Mann immer da, wenn er ihn brauchte. Wie Brin. Es könnte schlimmer sein. Immerhin hatte er Freunde hier. Verdammt gute Freunde, wenn man bedachte, wie kurz er erst... unter Wasser war. Seine Arme schlichen sich ganz von allein um Kiwans Brustkorb. "Danke."

"Geht 's wieder?", fragte Kiwan leise.

"Ja." Timon seufzte an seinem Hals und hob dann doch den Kopf. "Einen Vorteil hat das ganze hier unter Wasser." Er grinste schief. "Man sieht keine Tränen."

"Tränen?" Aufmerksam betrachtete Kiwan das hübsche Gesicht, die dunklen Augen waren leicht gerötet, aber ansonsten wirkte Timon wieder ganz normal. Nicht panisch und deutlich ruhiger. "Was ist das?"

Timon blinzelte, dann gluckste er unwillkürlich. "Wasser", antwortete er. "Salzwasser, das aus den Augen kommt, wenn man traurig ist und einem die Wangen runterläuft. Sehr peinlich."

Kiwan lächelte und strich ihm mit dem Handrücken über eine Wange, während er ihm weiter in die Augen sah. "Nass sind sie hier immer, und Trauer ist nicht beschämend."

Schon wieder war er so verständnisvoll. Wie konnte ein Mann nur immer so verständnisvoll und einfühlsam sein? Timon erwiderte seinen Blick und war sich mit einem Mal der Nähe des Mannes mit jeder Faser seines Körpers bewusst. Kiwans Haare waren aufgefächert und zu ihm hingebogen, Timon sah sie am Rande seines Sichtfeldes leicht wehen. Einige mutige Fischchen hatten sich dazwischen gewagt, rote Flecken in den grünen Strähnen. Die blaugrünen Augen lagen in geheimnisvollen Schatten, die Timon selbst warf, weil er zwischen ihm und der kleinen Lichtquelle in seinem Rücken saß. Und doch schimmerten sie und hielten ihn gefangen. Er spürte sein Herz schneller schlagen, spürte, wie er unaufhaltsam, wie von einer Strömung mitgenommen, zu ihm hin driftete.

Kiwans Hand glitt von allein von der Wange in Timons Nacken; mit dem Daumen streichelte er über das weiche Ohrläppchen, das so klein und zart war, wie es nur Luftatmerohren sein konnten. Atemlos beobachtete er, wie die dunklen Augen näher kamen, voll von geheimnisvollen Versprechen. Es war gleichgültig, dass sie nahe am Abgrund saßen, wo sie soeben einem Luftatmerschiff entkommen waren, gleichgültig, dass sie aus zwei verschiedenen Welten kamen, die nicht miteinander vereinbar zu sein schienen.

Ihre Lippen fanden sich, und Kiwan schloss die Augen. Er zog Timon enger an sich, spürte, wie sich dessen Umarmung festigte. Es war nur die Sehnsucht nach Nähe und Sicherheit in dieser unbekannten Welt, Kiwan wusste es. Timon wollte zurück an die Luft. Aber Kiwan konnte nicht widerstehen. Für diesen Moment gehörten sie einander, und nichts sonst war wichtig. Seine Zunge strich über Timons weichen Lippen, die sich für ihn teilten und ihn in den warmen Mund einließen. Timons Zunge kam ihm entgegen, umschmeichelte seine, rieb sich an ihm.

Der Geschmack war atemberaubend. Timon vergaß in der Tat zu atmen, vergaß alles um sich herum. Er wühlte eine Hand in Kiwans dichtes Haar, das sich weich um seinen Arm schmiegte und drängte sich eng an ihn. Willig öffnete er sich ihm, hieß ihn willkommen und erwiderte den Kuss voll Zärtlichkeit. Er umschmeichelte Kiwans Zunge, glitt an ihr vorbei und drang selbst in Kiwans Mund ein. Er ertastete die Zähne, den gewölbten Gaumen und tanzte zurück über Kiwans Lippen. Er zupfte daran, presste seine fest darauf, um dann wieder hauchzart darüber zu streichen. Seine freie Hand strich tiefer, über Kiwans Brust, streichelte ihn dort mit den Fingerspitzen...

"Kiwan, Timon?"

Die Stimme kam wie aus weiter Ferne und ließ ihn zusammenzucken. Timons Augen flogen auf, die Welt um sie kehrte zurück. Hitze flutete seine Wangen, als ihm klar wurde, was sie schon wieder getan hatten. Beschämt wandte er den Blick ab und drehte sich noch in Kiwans Armen zu Brin und Lenar um. Die beiden schwebten wie Silhouetten vor dem hellen Hintergrund des Ozeans, während die schroffen Ränder des Felsens einen scharf gestochenen Rahmen um sie zeichneten.

"Verzeiht die Unterbrechung. Ihr seid uns auch gleich los. Aber deswegen müssen wir stören."

Kiwan hörte das Grinsen in Lenars Stimme, aber konnte es nicht erwidern. Grummelig sah er seinen besten Freund an. "Natürlich."

"Ist schon in Ordnung, ihr habt nicht gestört." Timon log, obwohl es offensichtlich war, dass sie ohne die Unterbrechung weitergemacht hätten; er log, obwohl sein Gesicht glühte. Hastig wand er sich aus Kiwans Armen und stieß sich leicht ab, um den beiden etwas entgegen zu kommen – und um Entfernung zwischen Kiwan und sich zu bringen.

Diese Antwort brachte ihm sogar von Brin eine skeptisch hochgezogene Augenbraue und einen leicht zuckenden Mundwinkel ein. "Nein, natürlich nicht. Schon klar, Timon." Sie wischte den Versuch einer Antwort mit einer Handbewegung beiseite und grinste leicht. "Wir müssen aufbrechen, wenn wir noch vor der Dunkelheit daheim sein wollen. Und da ich keinen Wert darauf lege, den Abgrund öfter als nötig bei Nacht zu überqueren, wollen wir das."

Sie schwamm zu ihm hin und umarmte ihn fest. "Danke, Timon. Ich schulde dir mein Leben. Danke für alles. Jetzt weiß ich nur noch mehr, dass es wichtig und richtig ist, was wir begonnen haben. Komm sicher zurück. Ich warte auf dich."

"Pass du auf dich auf, Brin", antwortete er und erwiderte die Umarmung. "Nicht, dass sie jetzt dich einsperren, weil du ohne mich zurückkehrst." Er grinste schief.

Das brachte sie zum Lachen. "Wir Hornspeerler sind Luftatmern gegenüber unnachgiebig; aber der Schwarm hält zusammen, wie wir sagen. Hab keine Sorge um mich. Und auf meinen Lenar passe ich auch auf."

"Das will ich hoffen", brummte Kiwan scherzend. "Wenn wir zurück sind, muss ich ihm mal ein paar Perlen aufzeigen, von wegen was Freunde tun und was sie nicht zu tun haben. Und dafür brauche ich ihn an einem Stück."

Lenar knuffte ihn in die Seite, ehe er ihn umarmte. "Bring mir nicht zu viele Drachen um auf eurem Weg zum Luftatmerdorf. Je weniger Drachen, desto weniger Probleme haben die Schiffe, die Meere zu befahren. Wir können jeden Drachen brauchen, der ein Schiff verschlingt."

Kiwan lachte auf. "Ich versuche, mich zurückzuhalten."

Auch Lenar und Timon umarmten sich, genauso wie Kiwan und Brin. Dann schwammen die beiden aus der Spalte ins offene Meer hinaus. Sie drehten sich noch einmal um und winkten, ehe sie ihre Reiseposition einnahmen – Lenar als der helle Part unten, Brin über ihm. Timon und Kiwan sahen ihnen nach, während ihre Konturen verblassten, bis sie nur noch verschwommene Flecken und schließlich ganz verschwunden waren.

"Dann sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen." Bewusst kehrte Kiwan zu seiner Decke zurück, um sie einzurollen und wieder vor den Bauch zu binden. Der kostbare Moment zwischen Timon und ihm war vergangen und ihn zurückholen zu wollen, war vergebens, auch wenn er es sich noch so sehnlich wünschte.

Unbehaglich nahm auch Timon seine Gepäckrolle auf; er schnallte die Harpune daran fest und prüfte dann die Befestigung seines Messers. Sie waren allein, und er hatte schon wieder so eine Dummheit gemacht. Warum nur konnte er Kiwans Küssen nicht widerstehen? Er schob den Gedanken energisch beiseite. Kiwan war da gewesen, als er ihn gebraucht hatte, mehr nicht.

'Mehr nicht?', verlangte eine kleine Stimme bohrend zu wissen, doch es gelang ihm, sie zum Schweigen zu bringen.

"Das sollten wir wohl", stimmte er zu. "Wir müssen nicht über den Abgrund, oder?"

"Nein, zumindest noch eine lange Zeit nicht. Wir haben ein gutes Stück durch flache Gewässer vor uns." Kiwan wollte die Hand nach ihm ausstrecken, aber wandelte die Bewegung in eine Geste um, die vage in Richtung des Ozeans deutete. "Lass uns losschwimmen."

Er stieß sich leicht vom Boden ab und glitt mit gemächlichen Flossenschlägen zur oberen Kante der Spalte und dann an der Steilwand bis zur Ebene empor, während Timon ihm folgte. Der Weg würde lang werden. Sehr lang unter diesen Voraussetzungen, und Kiwan fürchtete sich davor.

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Wünsche von:
Katsumi:
- Knutschszene, in der Timon und Kiwan alles um sich vergessen, bis sie unterbrochen werden
Mahadevi:
- Timon wundert sich, dass die Seeleute Latein gesprochen haben; Brin fragt, ob das nicht seine Sprache sei; daraufhin Begreifen, dass Timon aus einer anderen Welt kommt
- Kiwan entscheidet daraufhin, dass er Timon so gut wie möglich durch die Flüsse begleitet, um ihn nicht allein zu lassen
Witch:
- Lenar & Kiwan holen sie ein
- Kiwan ist stolz, dass sein Timon so mutig war

© by Pandorah