Meerschaum

18.

Kiwan gab ein zügiges Tempo vor, bei dem Timon nur mit Mühe mithalten konnte. Er wusste nicht, ob sein Freund schlicht vergaß, dass er nicht so schnell war wie jeder andere Meermann – was vermutlich als Kompliment zu sehen war – oder ob er Abstand zwischen sie bringen wollte. Unwillkürlich zog Timon den Kopf beschämt zwischen die Schultern. Warum nur hatte er sich schon wieder so gehen lassen? Trost war eine Sache, der Kuss eine ganz andere...

Er zwang seine Beine, sich schneller zu bewegen und holte auf, während sein Blick über den muskulösen Körper glitt. Es war ein herrlicher Anblick, keine Frage, und noch dazu durch nichts verborgen. Der kleine Stoffstreifen zählte nun wirklich nicht. Kein Wunder eigentlich, dass er sich ständig vergaß. Die blaugrünen Haare strömten selten über Kiwans Rücken, bewegten sich meist hierhin und dorthin, aufmerksam lauschend, wie auch immer Meermenschen über die Haare ihre Umwelt wahrnahmen. Seine Rückenmuskeln spielten unter der schillernden Haut, wenn er die Richtung korrigierte und wenn sich die Rückenflosse bewegte.

'Warum muss er nur so verdammt attraktiv sein? Und dazu noch so nett, aufmerksam, fürsorglich? Das ist nicht fair.' Timon seufzte leise, schob das Schulterband seines Bündels zurecht und versuchte, nicht erneut zurückzufallen.

Es brauchte nicht lange, bis er keine Augen mehr für den aufregenden Anblick seines Freundes und auch für sonst wenig um sich herum hatte. Viel zu sehr musste er sich darauf konzentrieren, mit ihm mitzuhalten. Nur mit Mühe widerstand er der Versuchung, nach Kiwan zu rufen und ihn zu bitten, langsamer zu schwimmen. Wenn er vollkommen erschöpft war, würde er vielleicht am Abend einfach einschlafen, ohne zu bemerken, dass er neben einem der attraktivsten Männer des gesamten Ozeans lag.

 

In Kiwan stritten sich sowohl Schuldbewusstsein und Irritation darum, die Oberhand zu gewinnen, wie auch sein Wunsch, auf Timon Rücksicht zu nehmen und das Bedürfnis, schneller voran zu kommen. Er hatte ein festes Ziel für den Abend vor Augen, und eigentlich wäre die entsprechende Rasthöhle gut trotz ihres gemächlichen Tempos zu erreichen gewesen, wenn das Luftatmerschiff und die unerwartet lange Pause am Überhang sie nicht verzögert hätten.

Er wusste, dass er am Limit von Timons Geschwindigkeit schwamm, aber es war dennoch nicht schnell genug. So würden sie die Höhle nie vor Einbruch der Dunkelheit erreichen. Timon zu ziehen, wäre eigentlich die beste Lösung für das Dilemma, aber weder war er sich sicher, ob er selbst das wollte, noch ob Timon es zulassen würde. Natürlich wollte er ihn berühren, Timon fasste sich viel zu gut an. Aber es würde seinen Kopf wieder mit Träumen füllen, die ihn wie Leuchtkrill umschwärmten und verrückt machten. Warum nur musste er diesen speziellen Luftatmer so unglaublich anziehend finden? Warum hatte er sich ausgerechnet in ihn verlieben müssen? Es gab so viele wunderbare Menschen seines eigenen Stammes – oder auch des Seeigel- oder des Stachelhai-Stammes. Selbst Lenar hatte es mit einer Hornspeer noch gut getroffen, wenn man es mit Timon verglich.

'Hör auf, du bist nicht gerecht', schalt er sich und spürte einen Stich im Magen. 'Timon ist wundervoll, es war gar nicht schwer, sich zu verlieben. Er ist mutig, sicher, tatkräftig, liebenswert, sanft. Er liebt phantastisch...' Ein trockenes Grinsen schlich sich über sein Gesicht. Ja, es war einfach gewesen. Aber Timon wollte zurück in die Luftwelt, nicht nur an die Oberfläche, sondern nach Hause – Welten entfernt. Sie hatten keine gemeinsame Zukunft.

Kiwan konnte ihn hinter sich spüren, hörte ihn schwer atmen, und das Geräusch seiner Flossen klang nicht mehr leicht und gleichmäßig, sondern hart und abgebrochen. Er seufzte leise. So ging es nicht. Er drehte sich auf den Rücken und ließ sich zurückfallen, was Timon fast in seine Arme trieb – sein Freund war rot im Gesicht vor Anstrengung, was Kiwan sofort an die Röte erinnerte, die er im Bett immer bekam. Ein wenig war er wie die Tintenfische, die beim Liebesspiel ihre Farbe änderten. Unwillkürlich musste er grinsen.

Timon versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschöpft er war und erwiderte das Grinsen so leicht wie möglich. Doch er war unglaublich dankbar, dass Kiwan offensichtlich beschlossen hatte, eine Pause einzulegen. Er war kurz davor gewesen, ihm eine abzuverlangen. Wie konnte man dieses irrsinnige Tempo nur auf Dauer durchstehen?

In Erinnerung an den Dreistachler vor einigen Tagen musterte er den Sand unter sich, aber konnte außer den allgegenwärtigen Schwärmen kleiner, roter Fische nichts entdecken. Aufseufzend ließ er sich in das weiche Seegras sinken. Immerhin durstig war er nicht. Das Gefühl war mit ein paar Schlucken Meerwasser, dessen salzigen Geschmack er schon längst nicht mehr wahrnahm, schnell behoben.

"Hast du vor, diese Geschwindigkeit beizubehalten?", konnte er sich dennoch nicht davon abhalten zu fragen.

Kiwan ließ sich neben ihn sinken und schnitt eine verlegene Grimasse. Das schlechte Gewissen siegte über die Irritation und trug einen fulminanten Sieg davon.

"Um ehrlich zu sein, wollte ich sie sogar noch erhöhen", gab er zu. "Der Zwischenfall mit den Luftatmern hat uns Zeit gekostet. Die Nachthöhle ist weiter entfernt, als sie sein sollte, wenn du in der Dunkelheit sichere Wände um dich herum vorziehst." Das erschrockene Gesicht seines Freundes ließ ihn rasch abwinken. "Wir machen kurz Pause, bis du wieder zu Atem gekommen bist, und dann ziehe ich dich, einverstanden?

Timon sah alles andere als glücklich aus, als er mit einem Nicken den Blick zu Boden senkte. Zuerst dachte Kiwan, dass es mit seiner Abneigung gegen zu viel Nähe zu tun hatte. Auch Timon spürte die Anziehung, Kiwan war nicht blind. So, wie sich sein Freund in ihren Küssen und Berührungen verlieren konnte, war das nun wirklich nicht gerade als Ablehnung zu bezeichnen. Aber ganz offensichtlich wollte er sich nicht auf mehr einlassen, das ihn in Konflikt mit seiner Rückkehr bringen würde.

"Es tut mir leid", unterbrach Timons leise Stimme seinen Gedankenfluss. "Ich schaffe es einfach nicht mitzuhalten. Tut mir leid, dass ich dich aufhalte."

Überrascht sah Kiwan ihn an; er spürte Wärme – es war nur wieder dieses Bedürfnis seines Freundes, alles perfekt zu machen, auch wenn er das hier einfach nicht konnte, und keine Ablehnung. Er lächelte erleichtert. "Timon, hör auf damit. Du hilfst uns. Warum entschuldigst du dich?"

Mit einem reichlich verdutzten Ausdruck erwiderte Timon den Blick, so dass Kiwan einfach lachen musste, dann nickte er beinahe verwirrt, blinzelte und fiel in das Lachen mit ein.

"Du hast ja recht", sagte er grinsend und schon wieder ein wenig außer Atem, als sie sich beruhigt hatten. "Ich bin es nur nicht gewohnt, ständig Hilfe zu brauchen. Das kommt mir... seltsam vor. Nicht richtig." Hastig winkte er ab, als Kiwan den Mund öffnete. "Ich weiß, nicht meine Schuld, aber sag das mal meinem Bauch, nicht meinem Kopf."

Jetzt war es an Kiwan zu blinzeln, dann beugte sich vor und sagte so ernst wie möglich an Timons hübschen Bauchnabel gewandt: "Es ist in Ordnung, Bauch. Das ist nun mal nicht dein Element. Also hör auf zu grummeln."

Mit einem neuen Auflachen gab Timon ihm einen Klaps gegen die Stirn. "Spinner. Aber danke für den Versuch."

Leise glucksend hielt Kiwan ihm die Hand hin. "Komm, lass uns aufbrechen. Den Rest vom Atem kannst du fangen, während wir uns in Richtung der Höhle bewegen."

"Insofern wir den Atem denn einholen, wenn du dich mit mir abplagen musst", neckte Timon zurück. Er fühlte sich besser, das Lachen hatte gut getan. Er ließ sich in die Höhe ziehen, aber war dann überrascht, als Kiwan sich in der Bewegung umdrehte und Timons Hand auf seine kräftige Schulter legte. "Halte dich fest, das ist am einfachsten, wenn ich dich alleine ziehe. Und wenn du wieder einigermaßen fit bist, schwimm' mit, in Ordnung?" Kiwan sah ihn über die Schulter hinweg an und lächelte. Sein Haar strömte lebendig und wild um sein Gesicht, über seinen Rücken und streifte Timons nackten Arme und seine Brust. "Was für ein Glück, dass du dein Bündel lieber über dem Rücken trägst."

Timon nickte ergeben, legte ihm beide Hände auf die Schultern und erwiderte das Lächeln. Sie würden schon einen Weg finden, mit dieser vertrackten Anziehung umzugehen. Entfernung war keine Lösung – sie war schlicht nicht durchzuhalten, schon allein, weil er dafür unter Wasser einfach zu ungeschickt war. Aber sie würden eine finden, die sie Freunde bleiben ließ. Sachte drückte er Kiwans Schultern. "Okay, ich bin bereit."

Seine Beine waren erschöpft, aber er bewegte sie dennoch, als Kiwan losschwamm und schnell Geschwindigkeit aufnahm.

 

Timon war fertig mit der Welt, als sie die Höhle mit Einbruch der Dunkelheit erreichten. Er war den gesamten Weg mitgeschwommen, weil er nicht wollte, dass Kiwan ihn ausschließlich ziehen musste und weil jedes bisschen Geschwindigkeit dazu beitrug, die Nacht nicht im Freien zu verbringen. Er war nur froh, dass für das Reisen unter Wasser andere Regeln galten als für das an Land, sonst hätten sie ihr Ziel vermutlich nicht mehr erreicht. Der Grund war rau geworden, ohne Sand und Seegras, dafür vermehrt mit Korallenfeldern. An Land hätten Wind und Erde die Landschaft vielleicht zu sanften Hügeln geformt, doch so weit unter der Gezeitenzone gab es keine abgerundeten Kanten, sondern schroffe Felsen.

Im grauen Abendlicht hielten sie an einer nach unten führenden Spalte, die mit einer an die Öffnung angepassten und somit unregelmäßig geformten Falltür aus Walbarten oder Knochen verschlossen war. Timon hielt sich mit zwei Fingern an einem Vorsprung fest und bewegte leicht die Flossen, um die Höhe zu halten, während Kiwan die Höhle auskundschaftete, um sicher zu gehen, dass keine gefährlichen Tiere den Weg nach drinnen gefunden hatten.

Weiches Licht verkündete, dass Kiwan die Kugel am Ende des Messergriffs aufleuchten ließ, nur einen Moment später steckte der Meermann seinen Kopf aus dem Spalt, lächelte ihm aufmunternd zu und winkte ihn herein. "Alles sicher, Timon. Du kannst dich ausruhen."

Timon schnitt eine kleine Grimasse, aber verzichtete auf einen Kommentar, als er der Geste folgte und sich zu Kiwan hinab sinken ließ. Hinter ihm schloss sein Freund die Tür und schob einen Riegel vor. Sofort fühlte Timon sich sicher.

Der kleine Raum machte deutlich, dass Wasserbewohner durch die Möglichkeit, sich nicht nur auf dem Boden, sondern auch im Raum bewegen zu können, ganz andere Orte nutzen konnten. Für Landbewohner wäre dieses Refugium nicht wirklich nutzbar gewesen – ein senkrecht nach unten führender Riss ohne Boden. Die Spalte verbreiterte sich in der Mitte und wies mehrere breite Simse auf, um sich dann unten wieder zu verengen. Auf einem dieser breiteren Simse waren die kurzen Bettpfosten verankert, die Timon nun schon von mehreren Höhlen her kannte.

"Lass wenn möglich nichts fallen. Es ist ziemlich schwer, es wieder aus den schmalen Ritzen rauszufischen." Kiwan schwamm an ihm vorbei und nahm seine Tasche ab, um sie zu den Bettpfosten zu legen. Aus einem Spalt in der Wand zog er das übliche Tangbettzeug und überprüfte es kurz.

"Muss bald ersetzt werden", erklärte er und wies auf eine abgeschabte Stelle, an der das Gewebe wirkte, als würde es bald reißen. "Hilf mir, daran zu denken."

Timon nickte und hoffte, es nicht zu vergessen. Im Vergleich zu so ziemlich allem anderen erschien es ihm nicht sonderlich wichtig. Gemeinsam spannten sie die Matten zwischen die Pfosten, was ein wenig Schlamm vom Boden des Simses aufwirbelte und das Wasser trübte, und schoben ihre Bettrollen für zusätzliche Wärme hinein.

Kiwan musterte Timon prüfend, dann lächelte er und strubbelte ihm einmal durch die feinen Haare. Sein Freund sah unglaublich erschöpft aus. "Ich besorge uns etwas zu essen. Willst du mitkommen oder möchtest du hier bleiben?" Die Frage war eher, ob er dem Dunkel der Nacht zusammen mit Kiwan trotzen oder allein in der Höhle sein wollte.

Mit einem schrägen Grinsen ließ sich Timon auf das Bett sinken, um sein Messer vom Bein zu schnallen. "Wenn du mir zeigst, wie ich das hier zum Glühen bringe, bewache ich die Höhle und verteidige sie gegen jede gefährliche Schnecke, die es wagen sollte, zu nah an den Eingang zu kriechen – den ich natürlich schön fest verschlossen halten werde. Ohne Riegel. Aussperren will ich dich ja nicht."

Kiwan lachte leise auf. "Mein Held. - Es ist einfach", sagte er dann und tippte mit einem Finger auf den Knauf. "Berühre es einfach, egal wo, und sag ihm in Gedanken, dass es leuchten soll. Es ist mit der Magie der Ahnengeister gefüllt."

Zweifelnd hob Timon beide Brauen und musterte Kiwan. Das war kaum vorstellbar, aber sein Freund schien nicht, als würde er scherzen. Keine komplizierten Gesten, Knöpfe zum Einschalten oder magischen Worte? Misstrauisch starrte er auf Kugel am Ende des Griffes. Sie hatte die Konsistenz von festem Gummi und war bis auf eine leicht milchige Trübung fast so klar wie Glas. Ohne Erwartung, dass etwas passieren würde, schnickte er sie an.

"Na, dann leuchte mal", sagte er und kam sich dabei ein wenig lächerlich vor.

Die Kugel flammte auf. Hell und gleißend. Timon zuckte zusammen und hätte vor Schreck fast das Messer fallen gelassen. Kiwan lachte auf.

"Genau so", sagte er und unterdrückte erfolgreich jedes weiter Glucksen. Das ungläubige Staunen auf Timons hübschem Gesicht war niedlich anzusehen und machte, dass er den leicht geöffneten Mund küssen wollte. Er unterdrückte auch diese Regung. "Du kannst die Helligkeit variieren. Heißt das, dass du jetzt hier bleibst?"

Timon blinzelte, sah zu ihm hin, dann wieder zur Kugel. 'Und bitte einmal dimmen', dachte er, einerseits noch nicht bereit zu glauben, dass es wirklich er war, der das verursacht hatte, zum anderen kam er sich seltsam vor, mit einem Messer zu sprechen. Das Licht nahm ab und blendete nicht mehr.

"Ja", antwortete er Kiwan nach einer Pause und grinste begeistert. "Ich glaube, ich möchte ein wenig mit diesem Spielzeug herumprobieren. Es kann nur von Vorteil sein, wenn ich es benutzen kann."

Außerdem war eine erleuchtete, mit einer Tür gesicherte Höhle angenehmer als das Meer bei Nacht, selbst mit einem Kiwan Drachentod, der einen beschützte. Zudem war und blieb er erschöpft und würde Kiwan nur aufhalten.

In sich hinein lachend verschwand Kiwan nach oben und zur Tür heraus, während Timon fasziniert auf sein Messer starrte. Als er hörte – und durch die leichte Strömungsveränderung auch spürte – dass die Tür geschlossen wurde, begann er mit dem Licht zu spielen. Hell, dunkel, Zwischenstufen. Es war genau das, was Kiwan gesagt hatte: simpel. Und endlos faszinierend.

Schließlich steckte er es in die Ritze, die vorher Kiwans Messer gehalten hatte und zog mit einem Seufzen seine Flossen aus. Es tat ähnlich gut, sie loszuwerden, wie nach einem langen Tag aus Schuhen zu kommen. Auf dem Bett sitzend rieb er sich die Füße. Sie wiesen leichte Druckstellen auf, wie man sie auch bei zu engen Sockenbündchen bekam, aber ansonsten sahen sie so aus wie immer. Er stutzte und sah auf seine Hände. Auch diese sahen aus wie immer. Es gab keine gewellte und gerunzelte Haut wie nach einem zu langen Bad.

"Wenn mir Kiemen zu wachsen beginnen, werde ich anfangen, mir Sorgen zu machen", murmelte er vor sich hin und schnitt eine Grimasse. Vorsichtshalber tastete er sich einmal über den Kopf, doch sein Haar fühlte sich an wie immer, wenn es nass war.

In dem Moment wurde die Tür aufgeschoben, und Kiwan schwamm mit einem eleganten Doppelschlag von beiden Flossen gleichzeitig herein. Timon sah zu ihm empor und bewunderte, wie das dicke, grünblaue Haar seinen Körper umspielte und inmitten von all dem Wasser flüssig wirkte.

"Timon, komm, das musst du dir unbedingt ansehen!" Kiwans Augen leuchteten. Achtlos legte er einen gut gefüllten Beutel aufs Bett und streckte auffordernd seine Hand aus. "Essen können wir später, komm!"

"Was? Was ist?" Timon reichte ihm die Hand nur äußerst widerstrebend. Draußen musste es mittlerweile dunkel sein. War nicht genau das ein Grund, warum sie sich so schrecklich beeilt hatten? Damit sie eben nicht mehr im Freien waren?

Kiwan lachte unbekümmert, umschloss Timons Finger mit seinen und schwamm schon wieder nach oben. "Du wirst es sehen. Es ist wunderschön!"

"Warte, meine Flossen...!" Erschrocken sah Timon nach unten. Ohne die Schwimmhilfe fühlte er sich unbeweglich, ganz wie zu Beginn, doch Kiwan hielt nicht inne.

"Ich weiß nicht, wie lange sie da sind. Vertrau mir!" Er lächelte ihn an, und nur einen Atemzug später zog er ihn an sich, umfing ihn mit beiden Armen und glitt mit ihm aus der Höhle in die Nacht. Er schlug eine kleine Kapriole, um die Tür hinter ihnen zu schließen, das Licht von Timons Messer wurde eingesperrt und drang nur noch durch Ritzen hervor.

Timon schauderte, als ihm bewusst wurde, dass nicht nur seine Flossen, sondern auch seine Waffen in der Höhle zurückblieben. Unbewusst schloss er die Hände fest um Kiwans Unterarm, der seine Taille umfing.

"Hab keine Angst, ich bin bei dir. Es gibt nichts Gefährliches hier, wirklich." Tröstend drückte Kiwan seinen Freund eng an sich. Es war nicht nett, dass er ihn so überfallen hatte, aber wenn er ihm Zeit zum Nachdenken gelassen hätte, wäre ihm Timon niemals gefolgt, und er wollte, dass er dieses herrliche Schauspiel sehen konnte, ein Zauber der Nacht.

"Das sagst du jetzt", brummte Timon und starrte mit aufgerissenen Augen um sich, ohne etwas erkennen zu können. Es war stockdunkel. "Dann kommt ein Drache, du lässt mich sitzen, um ihn zu bekämpfen, Drachentod, und derweil schleicht sich unbemerkt von dir ein Hai an, um sich einen Happen Timon zu genehmigen. Um meinen alten Freund haben sich zwar die Hornspeerler gekümmert, aber vielleicht hat er ja noch einen Bruder."

Kiwan lachte leise auf. Er spürte einen kleinen Stich der Freude, dass Timon scherzen konnte, obwohl die Dunkelheit undurchdringlich war. Auch er sah nichts, spürte nur mit seinen Haaren und Ohren in die Nacht, lauschte – und konnte die leichten Schwingungen bereits jetzt fühlen. "Wir sind gleich da."

Er hatte Timon nicht gesagt, wie nahe sie am Abgrund waren. Sein Freund reagierte etwas empfindlich darauf, keinen Boden unter sich zu haben. Aber es war nah genug, dass er dort ihr Essen geholt hatte – leckere Ringelmuscheln, die ihnen nachher ganz vorzüglich zusammen mit Blatttang munden würden. Ein weiterer Flossenschlag brachte sie über einen Vorsprung, und er hörte Timon vernehmlich einatmen.

Irgendwo in Timons Hinterkopf regte sich der Verdacht, dass sich vor ihnen der Abgrund auftat, doch der Anblick, der sich ihm bot, war so atemberaubend, dass er sich nicht fürchten konnte. Die Schwärze schien noch vollkommener, denn aus ihr empor stiegen hunderte bläulich leuchtender, schimmernder, pulsierender Quallen. Ihre Schirme waren von nahezu perfekter Kugelform; sie glühten von innen heraus, in ihrer Mitte ein helleres Geflecht, das wie eine filigrane Blüte wirkte. Ein Kranz feiner flimmernder Fäden säumte den Schirmrand, von dort aus zogen sich Nesselfäden wie schillernde Lichterketten hinter ihnen her. Manche schienen sich zu Schleiern zu verweben, wirbelten auf, drehten sich. Schatten schossen zwischen ihnen umher und brachten Bewegung.

"Ist das schön", wisperte Timon schließlich, nachdem er eine Weile nur stumm hatte starren können. Das Licht der Quallen durchbrach die Finsternis nicht, es schien sie eher zu unterstreichen, als würden sie lediglich durch Schwarzlicht hervorgehoben werden.

Kiwans Lächeln vertiefte sich; er drückte Timon ein wenig fester gegen sich, während sie im Schutz eines Überhangs schwebten. "Ich wusste doch, dass es dir gefallen würde", sagte er zufrieden und genoss das kitzelnde Gefühl von Timons weichen, kurzen Haaren in seinem Gesicht.

"Was sind das für Fische, die dort zwischen den Nesselfäden herumhuschen?", fragte Timon nach einer Weile.

"Schattenschnapper. Vollkommen harmlos für Menschen, nicht jedoch für die kleinen Krebschen und noch kleineren Fische, die vom Licht der Quallen angezogen werden. Sie sind nicht besonders lecker, aber man kann sie essen." Und Kiwans Meinung nach waren sie ziemlich hässlich, wenn man sie von nahem sah, mit unförmigen Kiefern und langen Zähnen. "Die Quallen nennen wir Ahnenlichter, weil ihr Leuchten dem gleicht, was die Ahnengeister hervorrufen können."

Mehr Ahnenlichter stiegen aus der Tiefe empor, und Kiwan ließ sich von der Strömung ebenfalls eine Mannslänge mitnehmen, ehe er zurückwich. "Ahnenlichter sind nicht tödlich, aber mit ihren Nesselfäden möchtest du trotzdem nicht Bekanntschaft schließen", erklärte er leise. "Schmerzhaft. Und hinterlassen recht lang sichtbare Striemen auf der Haut." Vielleicht war sein kleiner Luftatmer auch empfindlicher, seine Haut war ausgesprochen sensibel. Er wollte es lieber nicht ausprobieren.

Schweigend sahen sie dem beeindruckenden Schauspiel zu. Timon fühlte sich unerwartet sicher in Kiwans Armen, obwohl es bis auf die Ahnenlichter keine Helligkeit gab. Sein Freund war eine warme, ruhige Präsenz in seinem Rücken, eine Strähne des dicken Haares hatte sich über Timons Schulter geschlichen und ringelte sich über sein Schlüsselbein und die Mitte der Brust hinab.

Am liebsten hätte Timon noch Stunden damit verbracht, die Quallen zu beobachten, aber nach einer Weile begann er zu frösteln. Er war müde und erschöpft, und sein knurrender Magen teilte ihm mit, dass er zudem ziemlich hungrig zu werden begann – alles gute Voraussetzungen, um zu frieren. Noch ehe er etwas sagen konnte, spürte er, wie sich Kiwans Muskeln anspannten, dann strömte das Wasser wieder an ihnen vorbei und sagte ihm, das sie sich in Bewegung gesetzt hatten. Die Quallen schienen abzudrehen, aber es war ihre eigene Bahn, die sie von den Tieren forttrug.

Der Rückweg schien noch kürzer als der Hinweg zu sein. Das schwache Licht, das durch die Ritzen der Tür fiel, wies ihnen auf den letzten Metern den Weg. Trotz allen Staunens war Timon froh, als sie den Schutz der Höhle erreicht hatten. Kiwan schob die Tür beiseite, und Timon ließ sich zuerst in den Raum sinken. Nach unten zu gelangen, war auch ohne Flossen einfach. Er hörte, wie hinter ihm der Riegel vorgeschoben wurde, und nur einen Augenblick später hatte Kiwan ihn eingeholt. Gemeinsam sanken sie auf das Bett nieder.

"Das war herrlich!", brach es begeistert aus Timon hervor, während er seine Schlafdecke aus dem Bett zog, um sich darin einzuwickeln. "Danke, dass du mich einfach überrumpelt hast. So etwas Schönes!"

Kiwan grinste breit; er freute sich über das Strahlen in Timons Augen genauso wie darüber, dass sein Freund die schönen Seiten der Dunkelheit sehen konnte. Das war nicht einmal allen Meermenschen gegeben. "Ich bin froh, dass es dir gefallen hat", sagte er schlicht, während er die Flossen von den Füßen streifte und das Säckchen mit Muscheln zu sich zog.

Während sie die Muscheln gemeinsam putzten und von ihren Schalen befreiten, erzählte Kiwan alles, was er über die Ahnenlichter wusste, aber Timon hatte so unglaublich viele und detaillierte Fragen, dass er sich mehr als einmal Lenar herbei wünschte. Sein bester Freund konnte mit Sicherheit auf vieles mehr eine Antwort finden.

So interessant Kiwans Ausführungen auch waren – und so ungenügend sie in vieler Hinsicht ausfielen – war Timon dennoch froh, als sie nach dem Essen in ihr Bett gleiten konnten. Er ließ das Licht erlöschen und fühlte nur einen Moment später Kiwans Arm um sich. Trotz der Decken und dem Essen war ihm noch immer kühl, er hieß die Nähe auch aus diesem Grund willkommen.

'Auch?', fragte die wirklich penetrante Stimme in seinem Hintergrund, und ebenso penetrant ignorierte Timon sie, als er die Augen schloss und sich enger gegen Kiwan schmiegte. 'Man schläft nun mal nicht allein hier in der Meereswelt', hielt er müde dagegen, 'und das aus gutem Grund. Es ist kalt.'

Kalt und einsam. Doch mit Kiwan war es weder das eine, noch das andere. Mit diesem gleichermaßen beunruhigenden, wie Sicherheit verheißenden Gedanken schlief er ein.

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Wünsche von:
Katsumi:
- ein Schwarm harmloser Leuchtquallen des Nachts; sie können ja nicht ständig in Lebensgefahr schweben

© by Pandorah