Meerschaum

20.

Timon hatte lange gebraucht, um einzuschlafen und er vermutete, dass er Kiwan mit seinem Herumgewälze ebenfalls länger als nötig wachgehalten hatte. Aber die Grübeleien, das Vermissen seiner Freunde, seiner Lieben und gleichzeitig auch noch die Sehnsucht nach Kiwans Nähe, die sonst immer alles erträglich gemacht hatte, hatten ihn wach gehalten.

Der Morgen begann genauso unangenehm, wie der Abend geendet hatte. Er erwachte allein in dem Mattenbett. Timon hob den Kopf, sah sich um und ließ sich dann mit einem Aufstöhnen zurück sinken, als er seinen Freund auch in der überschaubaren Höhle nicht entdecken konnte. Alleine aufzuwachen war ebenfalls nicht schön. Immerhin fürchtete er nicht, dass er allein zurück gelassen worden war; vermutlich besorgte Kiwan das Frühstück. Aber es erinnerte ihn sofort an die Distanz, die er zwischen sie gebracht hatte.

'Was mache ich nur, wenn ich nicht mehr zurück kann? Kiwan ist damals zurück in seine Welt gelangt, aber er ist nicht lange geblieben. Ich bin schon eine Woche hier. Was, wenn sich das Tor erst wieder in... dreizehn Jahren oder so öffnet?' Mit einem weiteren Aufstöhnen zog er die Decke über den Kopf und schloss die Augen. Er wollte nicht daran denken. Dreizehn Jahre im Meer oder in einer Welt von Piraten klangen nicht erstrebenswert. Und ihm war es vollkommen gleichgültig, dass er von der Welt der Luftatmer bisher außer den Piraten und dem importierten Wein nichts kannte. In diesem Moment hatte er nur Lust darauf, sich leid zu tun und er fand, dass er ein Recht dazu hatte.

Er hörte das Scharren, als die Gittertür geöffnet wurde und spürte Strömung im Wasser, die seine Haare streifte, als etwas, vermutlich Kiwan, herein geschwommen kam. 'Und wenn es ein Hai ist, soll er mich doch fressen', dachte er grummelig.

Es wurde heller, grünlich filterte Licht durch Timons Decke hindurch. Ein leises Klacken erklang, als etwas, vielleicht die Harpune, auf Fels gelegt wurde. Fast bedauerte Timon, dass es kein Hai war, so musste er sich all den düsteren Gedanken und Kiwan stellen. Müde schob er die Decke beiseite und richtete sich auf.

Kiwan sah zu ihm hin, lächelte ein wenig und hielt den Sammelbeutel hoch. Er beulte sich aus und zeigte an, dass das, was auch immer sich darin befand, noch lebte. "Langbeinkrabben, zwei Stück! Ich wollte sie erst als Morgenessen nehmen, aber ich bringe sie als Gastgeschenk mit. Sie sind nicht häufig, unsere Luftatmer-Freunde werden sich freuen. Für uns gibt es Fleckstern und ein wenig Großblatttang."

Timon nickte, erwiderte das Lächeln schief und wünschte sich Kaffee und ein knuspriges Brötchen. Immerhin schien Kiwan ihm den Abend nicht übel zu nehmen. Er kämpfte sich aus den Matten und rollte die Decke zusammen, während Kiwan die Seesterne zubereitete. Aus den Augenwinkeln beobachtete Timon, wie er die Unterseite abtrennte und das Oberteil ausschabte, dann in grobe Stücke schnitt. Es waren geübte Bewegungen, sicher wie alles, was Kiwan tat. Während Timon die Matten abspannte und zusammenlegte, um sie zurück in ihre Felsspalte zu packen, wickelte Kiwan die Stücke in den Tang ein.

Die erste wirkliche Veränderung bemerkte Timon, als sie sich zum Frühstück auf ihre Rollen setzten. Kiwan hielt Abstand, wuschelte ihm nicht durch die Haare, drückte ihm nicht die Schulter und machte nicht einmal den Ansatz eines Versuches, ihm einen Kuss auf die Wange oder den Mundwinkel zu drücken. Es fiel Kiwan schwer, sich von Timon fern zu halten, aber vielleicht war es wirklich das beste, für sie beide. Er hatte die halbe Nacht darüber nachgedacht, und während er die Seesterne gesammelt hatte, waren seine Gedanken noch immer dabei gewesen. Ein Wunder eigentlich, dass er über die Langbeinkrabben getaumelt war, so abgelenkt, wie er gewesen war. Timon wollte ihn nicht mehr, und ständig zurückgewiesen zu werden, war schmerzhaft für ihn und unangenehm für Timon. Sie waren gemeinsam unterwegs, Timon konnte ihm nicht einmal ausweichen; es war nicht fair, ihn zu bedrängen.

"Es gibt zwei Wege, die wir von hier einschlagen können", brachte er das Thema auf ihre Reise. "Der schnellere führt direkt über den Abgrund; wir wären heute Abend an unserem Ziel angelangt." Wie vermutet sah er Unbehagen auf Timons Gesicht und sprach gleich weiter. "Der andere führt noch eine Weile an der Felskante entlang, dann haben wir wieder Grund unter uns. Nehmen wir den, ist es zu weit, um an einem Tag anzukommen, wir hätten noch ein Nachtlager vor uns. Es ist keine so komfortable Unterkunft wie die der letzten Tage, weil es eine selten genutzte Route ist, und den Eingang verschließen können wir auch nicht, aber es gibt eine kleine Höhle. Ankommen würden wir dann erst morgen gegen Nachmittag."

Timon kaute auf dem ein wenig zähen Seestern herum und versuchte, sich für eine Tagesreise über den Abgrund zu motivieren. Kiwan hatte gesagt, dass die Boten zu den weiter entfernten Stämmen länger brauchen würden als sie, in Zeitnot waren sie also nicht. Aber es war kürzer, und in Gegenwart anderer wäre Kiwans Nähe – oder auch der Mangel derselben – bestimmt nicht ganz so schwer zu ertragen. Zudem würde er nach über einer Woche endlich einmal wieder an die Oberfläche kommen, normales Essen genießen und Luft atmen können. Er konnte mehr über diese Welt jenseits der Meere erfahren und vielleicht herausfinden, wie er zurück kommen könnte.

'Erst die Kinder, dann dein eigenes Problem', mahnte er. Und der Gedanke an Simolestes, Riesenkalmare und andere unbekannte Jäger machte ihn nicht glücklicher.

"Wir können nicht vielleicht ein paar Buckelwale finden, die uns bis zur Insel geleiten?", scherzte er mit einem schiefen Grinsen.

Kiwan lachte auf. "Ich fürchte, das ist nicht möglich", antwortete er schmunzelnd. "Aber wir können gerne den Weg an der Küste entlang nehmen. Wir haben Zeit."

Unbehaglich nickte Timon und nahm noch ein Flecksternstück. Er wollte nicht über den Abgrund, nicht länger als notwendig, aber es störte ihn trotzdem, dass er die Reise dadurch unnötig ausdehnte.

"Dann kann ich dir auch noch die Leuchtkorallen zeigen. Es gibt dicht bei der Höhle eine sehr schöne Stelle", munterte Kiwan auf, als er Timons Miene bemerkte. Auch wenn es an den Hängen der Insel des Luftatmerdorfes viel schönere Korallengärten gab und es tatsächlich nur ein Vorwand war, war es ihm lieber, den langen Weg zu nehmen. Mit Hadiya oder Lenar oder irgendeinem anderen Jäger wäre es in Ordnung gewesen, über den Abgrund zu schwimmen. Aber Timon wollte er sicher wissen, auch weil sich sein Freund nicht gut selbst verteidigen konnte.

Leuchtkorallen klangen verlockend, aber Timon wurde das Gefühl nicht los, dass Kiwan ihn nur trösten wollte. Sie beendeten ihr Frühstück, packten die Reste zusammen und verließen die Höhle wenig später. Timon warf einen sehnsüchtigen Blick zur Wasseroberfläche empor, ehe er seinen Platz unter Kiwan wieder einnahm. Wetter gab es hier wenig – wenn die Oberfläche rau wurde, tauchte man einfach tiefer. Regen und Wind machten wenig Unterschied. Energisch schob er die trüben Gedanken und seine Sehnsucht beiseite, spürte Kiwans Hand an der Schulter – immerhin ließ er ihn nicht ganz allein – und schwamm los.

Es dauerte bis weit in den Mittag hinein, ehe die Felswand zurückwich und einer neuen Ebene Platz machte. Der Anblick von Boden unter sich ließ Timons Laune steigen, auch wenn es zuerst nur ein Sims war, das sie begleitete. Schnell wurde es jedoch breiter; bald war die Felswand außer Sicht, so dass Timon nur wenig Unterschied zu der Seegrasebene zwischen dem Perlmuschel- und dem Hornspeer-Dorf erkennen konnte. Vielleicht war das Wasser ein wenig blauer.

Sie machten am Rande des Abgrunds Rast und genossen als Mittagessen eine Seegrasart, die fast wie Schachtelhalm aussah, lediglich die seitlichen schlanken Blätter waren länger und weicher. Sie war knuspriger, als Timon erwartet hatte, und überhaupt erstaunte ihn die Pflanze. Als Wasserpflanzenart war sie ihm vollkommen fremd.

Als sie wieder aufbrachen, nahmen sie die alte Routine vom Beginn ihrer Reise erneut auf. Kiwan schwamm vorweg und Timon folgte ihm. Timon hatte das Gefühl, dass sein Freund Abstand von ihm hielt und nicht neben ihm schwimmen wollte, wie sie es auch oft getan hatte, wenn Kiwan zeigte und erklärte. Es ließ ihn die Ablehnung der vergangenen Nacht noch mehr bedauern, auch wenn er sich vorsagte, dass es vernünftig gewesen war und das einzig richtige.

Ab und an konnte man rechter Hand erahnen, dass die Felswand wieder näher rückte; es war ein dunklerer Schatten, doch meist umgab sie nur das tiefe Blau. Kiwan legte kein besonders eiliges Tempo vor, so dass Timon gut mithalten konnte, aber da es so wenig zu sehen gab – nach mehreren Stunden wurde selbst das wogende Seegras langweilig – war das nicht unbedingt von Vorteil. Sein Gedankenkarussell ging wieder los, und es drehte sich nur um die dumme Situation zwischen ihnen.

Er wollte Kiwan, das ließ sich leider nicht verheimlichen, zumindest nicht vor ihm selbst. Er wollte von ihm berührt werden, wollte ihm nahe sein; er wollte ihn ansehen... unwillkürlich glitt sein Blick über den athletischen, kräftigen Körper vor ihm. Die muskulösen Schultern lockten, die Hände darauf zu legen; die geschmeidige, grüne Flosse zog sich das Rückgrat hinab, bewegte sich leicht bei jeder noch so kleinen Richtungsänderung. Hastig ließ Timon den Blick weiter wandern, als er den festen Po streifte; er war einfach zu verlockend. Das stetige Auf und Ab der Beine zeigte schimmernd das Muskelspiel an Oberschenkeln und Waden und ließ ihn lautlos aufseufzen. Warum nur musste dieser Mann so verdammt attraktiv sein? Es war so höllisch schwer, sich seinen Annäherungen zu widersetzen.

'Warum muss er Meermann sein? Hätte ich ihm nicht einfach an der Uni begegnen können?', dachte er grummelig. Ein Kommilitone, ein Hausmeister, ein Gärtner, zur Not selbst ein Professor, auch wenn Kiwan einen verdammt jungen Professor abgegeben hätte. Irgendwas ganz Normales. Warum ausgerechnet ein Meermann? In einer anderen Welt noch dazu! Meermann in seiner Welt wäre schon anstrengend genug gewesen.

Wieder glitt sein Blick zu dem Hintern, der sich bei jedem Beinschlag so nett anspannte. Die kleine Hose verbarg gar nichts, eher betonte sie noch. Timon wandte hastig den Blick ab, als er ein Prickeln in den Lenden spürte.

Lange konnte er sich jedoch nicht auf anderes konzentrieren. Seegras und Sand, dazu das endlose Blau, die gleichförmige Bewegung vorwärts – und sein Gedankenkarussell. Über kurz oder lang wurde er wieder von Kiwans Hintern angezogen. Es war hypnotisch. Er wusste, wie sich die festen Muskeln unter seiner Hand anfühlten, die glatte Haut. Wusste, wie es war, wenn er ihn nicht sehen, sondern nur fühlen konnte. Der Mittelstreifen der Hose war genau dort, wo er seine Finger entlang gleiten lassen wollte.

'Du solltest wirklich aufhören damit, dir Gedanken exakt darüber zu machen', dachte er abgelenkt, aber wandte den Blick nicht ab. Kiwans Hintern war wirklich zu attraktiv. Fest. Wohlgeformt. Trainiert. Die kleinen seitlichen Kuhlen lockten ihn, die Bewegung... Ohne es zu merken, schwamm er näher.

Gedankenverloren starrte Kiwan in die blaue Unendlichkeit, ohne wirklich etwas zu sehen. Er konnte Timon hinter sich spüren, unwillkürlich fächerte er die Haare ein wenig weiter auf, um mehr einfangen zu können. Wie sehr wünschte er sich, die Unbeschwertheit der vergangenen Tage zurückholen zu können. Hand in Hand mit seinem Freund zu schwimmen, ihn festzuhalten, während er ihm die Grünlippenbarben zeigte, die unter ihnen Schutz in den Seegrasbüscheln suchten. Oder mit ihm zu den Sandaalen zu schwimmen. Timon freute sich immer so herrlich mit großen, runden Augen, wenn ihn etwas angenehm überraschte.

Er spürte Timon näher kommen und sehnte sich, dass der andere Mann ihn berührte. Er konnte ihn atmen hören. Ob ein Teil von Timons schneller Atemlosigkeit daher rührte, dass er keine Kiemen hatte? Kiwan konnte sich nicht vorstellen, wie es sein mochte, ohne Kiemen zu atmen.

Ein Kribbeln zog über Kiwans Rücken, direkt an der Rückenflosse entlang, als Timon noch näher kam. Was machte er da? Abrupt drehte er sich auf den Rücken und starrte direkt in Timons erschrockenes Gesicht. Sein Freund hatte die Hand nach ihm ausgestreckt, sein Gesicht rötete sich schon wieder so entzückend. Und er sah ihn an. Kiwan schluckte gegen ein plötzliches Engegefühl in der Kehle an.

Sie sahen sich an, vergaßen zu schwimmen. Erst als Kiwan das Seegras an seiner Wade kitzeln spürte, wurde ihm bewusst, dass sie angehalten hatten. Er räusperte sich. "Bist du... außer Atem?" Nun, das konnte er hören, das war eine dumme Frage. "Geht es noch? Soll ich dich ein Stück ziehen?"

Timon hatte das Gefühl, dass seine Wangen das Wasser zum Kochen bringen mussten, so sehr schienen sie zu glühen. Wenn Kiwan sich nicht umgedreht hätte, hätte er ihn angefasst, an einer Stelle, bei der keine Erklärung der Welt die Situation als 'freundschaftlich' gerettet hätte.

"Ja", antwortete er kurzatmig, aber es war nicht die Anstrengung des Schwimmens, die ihn dazu brachte. Dennoch war er dankbar für die Ausrede, einmal weil sie die Peinlichkeit nahm, zum anderen, weil sie es ihm gestattete, Kiwan wieder näher zu kommen. "Wenn es dich nicht stört. Ansonsten können wir auch einfach kurz Pause machen. Du hast ja gesagt, wir haben haben Zeit."

"Mach dir da mal keine Gedanken." Kiwan streckte die Hand nach Timon aus. Als sein Freund zögerte, ergriff Kiwan energisch dessen Finger, drückte sie leicht und legte sie dann in einer Drehbewegung, die ihn zurück in ihre Schwimmrichtung brachte, auf seine Schulter. Noch in der Drehung nahm er bereits wieder das gemächliche Tempo auf. "Das geht schon. Und wenn wir zeitig da sind, haben wir auch genug Muße, um ein ordentliches Essen zu machen, nicht immer nur etwas auf die Schnelle."

Timon fühlte sich eigentlich ziemlich gut versorgt, aber er widersprach nicht. Kiwans Rückenflosse kitzelte ihn an Brust und Bauch, und er achtete darauf, etwas mehr Abstand zwischen sie zu bringen und selbst mitzuschwimmen. Es war schön, Kiwan nahe zu sein, und gleich darauf schämte er sich schon wieder für diese Gedanken. So würde das nie etwas werden damit, Abstand zu gewinnen.

Sie erreichten die Höhle tatsächlich recht früh am Nachmittag. Irgendwie hatte Timon damit gerechnet, dass sie an dem Abhang auf der Ebene liegen würde. Stattdessen lag sie ein Stück die Felswand in den Abgrund hinunter. Sie behielten ihr Ritual bei – Kiwan prüfte erst, ob sie sicher war, ehe Timon ihm folgen durfte.

Bis zur Dunkelheit konnte Timon dann auch fast vergessen, dass er mehr Distanz zwischen sie gebracht hatte. Sie legten ihre Reiserollen in der Höhle ab, und Kiwan zeigte und erklärte ihm essbare Anemonen, Seesterne, Fische, Seeigel, Schwämme und zahllose andere Tiere. Sie sammelten ein reichhaltiges Mahl ein, und Timon bekam eine erste Unterrichtsstunde in 'untermeerischem Kochen', wie er es heimlich nannte, auch wenn es nichts mit heißem Wasser zu tun hatte. Stattdessen ging es viel um das Kombinieren von Zutaten, die auf bestimmte Weise miteinander reagieren sollten oder einfach nur gut zusammen schmeckten. Als Gegenleistung versuchte er, Kiwan das Überwasser-Kochen der Luftatmer näher zu bringen, doch ohne Anschauungsmaterial war es schwer, von knusprigem Brot und dampfendem Braten zu überzeugen.

Die Erinnerung an die Entfernung kam unweigerlich zurück, als es dunkel wurde und sie die Höhle aufsuchten, nicht ohne dass sie vorher noch für eine kurze Zeit die leuchtenden Korallen und Anemonen in der Umgebung angeschaut hatten. Timon machte Licht mit seinem Messer, während Kiwan seines nahe des Eingangs in eine Felsspalte steckte und die Ahnengeister um Schutz bat. Timon sagte es nicht laut, aber die Türen der vergangenen Quartiere waren ihm angenehmer gewesen als ominöse Schutzzauber.

'Und dabei weißt du doch, dass die Magie hier funktioniert', dachte er ein wenig spöttisch und griff unwillkürlich nach seiner Kette. An die hatte er auch schon länger nicht mehr gedacht.

Sie rollten ihre Schlafdecken aus und wickelten sich darin ein. Timon sehnte sich auch an diesem Abend nach Kiwans Nähe; ihn neben sich, aber nicht bei sich zu haben, tat fast körperlich in Brust und Bauch weh. Ebenso sehnte er sich nach seiner Familie, nach seinen Freunden. War es wirklich erst eine gute Woche her, dass er seine WG verlassen hatte? Vorletzte Woche noch hatte er mit Clarissa, Peter und Flo gemeinsam gekocht. Flo und er hatten ein Kissenlager auf dem Wohnzimmerboden aufgeschlagen, Clarissa und Peter hatten die Couch belegt und zusammen hatten sie Herr der Ringe geschaut – die Extended Edition natürlich. Spaghetti hatte es gegeben. Wann hatte er das letzte Mal mit seinen Eltern telefoniert? Es schien Jahre her zu sein.

Als er schließlich einschlief, träumte er so lebhaft von zu Hause, dass es ihm wie ein Traum erschien, am nächsten Morgen noch immer unter Wasser im Licht seines Messers aufzuwachen.

 

"Flut", sagte Kiwan und wies zufrieden nach vorne. Aus dem Blau des Ozeans tauchte eine weitere Felswand auf, die von der, der sie folgten, fast rechtwinklig abging. Sie setzte der Seegrasebene ein abruptes Ende, aber schien kein unüberwindliches Hindernis zu sein, um das man herum schwimmen musste.

Sie glitten den rauen Fels empor, bis sie den oberen Rand erreichten, der kaum einen Meter unter der Wasseroberfläche lag. Timon verstand, warum Kiwan so zufrieden war mit der Flut. Das Hindernis schob sich wie eine Mauer an die Seegrasebene, die auf der anderen Seite weiter ging, als sei sie nicht unterbrochen worden. Ihr oberer Rand war von den typischen Organismen der Gezeitenzonen bewachsen – robuster Blasentang, Seepocken und dicke Muscheln. Bei Ebbe lag der Teil wahrscheinlich an der Luft und hätte einen Umweg erfordert. Doch statt darüber hinweg zu schwimmen, wies Kiwan den Felssims entlang.

"Das hier ist der Weg", erklärte er fröhlich. "Das, was das Dorf unserer Freunde so sicher macht. Bei Ebbe kommen sie zu Fuß ans Festland und sind sicher. Bei Flut können sie mit ihren Booten fahren und Lasten transportieren – und sind sicher. Es ist zu wenig Platz, als dass die großen Räuber sie bedrohen könnten." Schmunzelnd zwinkerte er Timon zu. "Und wir können dem auch folgen, so dass wir nie den Abgrund unter uns haben, sondern immer sicheren Boden."

"Wir sind so gut wie da?", fragte Timon einigermaßen überrascht. Irgendwie hatte er nicht damit gerechnet.

Kiwan nickte und winkte ihm zu folgen, während er mit schnellen Flossenschlägen die Führung wieder übernahm. Das Wasser war lichtdurchflutet, heller als sie es in den letzten Tagen mit der Ausnahme des unfreiwilligen Ausflugs an Bord des Schiffes gehabt hatten, und es war warm. Timon konnte die Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren. Zum Tauchen mit Gepäck war ein Meter Wasser jedoch nicht allzu viel. Oft streifte der Tang ihre Körper, Fischchen stoben vor ihnen davon. Kleine Krabben ergriffen die Flucht.

Timon konnte nicht widerstehen, drehte sich auf den Rücken und streckte blinzelnd die Hände aus dem Wasser. Ein lauer Wind umstrich liebkosend seine Finger, die Luft war warm. 'Aufstehen. Kopf aus dem Wasser. Luft atmen...', dachte er sehnsüchtig und wollte es gerade tun, mehr unbewusst als einem echten Entschluss folgend, als ihn Kiwan sanft an der Schulter berührte.

Timon zuckte leicht zusammen und drehte sich zu ihm um. Das Gesicht seines Freundes war trotz des Lächelns unergründlich.

"Lass uns erst ankommen, ja?" Kiwan wies mit einer leichten Kopfbewegung in die Ferne. "Ich kann verstehen, dass du zurück in dein Element willst, aber wir haben nur noch ein kleines Stück vor uns."

Einen Moment lang erwiderte Timon den Blick, dann nickte er und lächelte halbherzig. "So wichtig ist es ja nicht, dass ich nicht warten kann."

Sie brauchten tatsächlich nicht mehr allzu lang. Bald stieg der Sims an und verbreiterte sich, wurde sandig. Timon vermutete, dass er in einen weißen Sandstrand überging und hatte Bilder von romantischen Karibikinseln vor seinem inneren Auge, während sie den geraden Weg verließen und ein Stück in flachem Wasser weiterschwammen. Die Idylle währte nicht lang; jäh fiel der sanfte Hang wieder ab zu einer neuen Steilwand.

Kiwan hielt inne und sah sich aufmerksam um, das Haar wachsam aufgestellt. Dann winkte er Timon, ihm zu folgen und glitt mit einem eleganten Bogen in die Tiefe. Mit einem unguten Gefühl im Bauch schwamm Timon ihm hinterher. Er mochte es nicht, wenn sein Freund aussah, als rechnete er mit Monstern. Andererseits hatte er ihn nicht gewarnt, und das war immerhin ein gutes Zeichen. Dennoch fasste er die Harpune fester. 'Ich habe immer noch keine Ahnung, wie man sie benutzt. Das müssen wir dringend ändern!'

Wenige Meter unter ihm hielt Kiwan an, und Timon entdeckte zu seiner Erleichterung eine mit kräftigen Gittern versehene Höhlenöffnung. Bis er Kiwan erreicht hatte, hatte dieser die Tür schon geöffnet und zog sie ein Stück beiseite. "Rein mit dir, wir sind da."

Überrascht schwamm Timon vorweg. Sonst hatte Kiwan immer darauf bestanden, dass er wartete, bis die Sicherheit bestätigt war. Sein Flossenschlag stockte, der Schwung trug ihn trotzdem weiter vor. Hinter sich hörte er Kiwan auflachen, während ihm ein kleines Wirbeln im Wasser zeigte, dass die Tür geschlossen wurde.

"Hübsch, nicht?", merkte Kiwan mit hörbar übertriebener Beiläufigkeit an.

"Ja", antwortete Timon etwas verspätet und sah sich mit großen Augen um. Hübsch traf es durchaus, sogar mehr als das, aber gleichzeitig war es auf seltsame Art vertraut.

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Wünsche von:
Atum, Katsumi & Witch:
- Po-Szene: Timon hat immerhin was Hübsches zum Anschauen, wenn Kiwan voran schwimmt. (Katsumi) - Ob er dann noch schwimmen kann, mag ich bezweifeln. (Atum) - Paddeln kann er noch, fragt sich nur, wohin... (Witch23)
Atum:
- Inmitten des Dorfes der Luftatmer ist ein See/Teich/Brunnen mit Meerwasser, der mit dem Meer verbunden ist.
Mariposa:
- Timon bekommt weniger Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit und merkt, wie sehr er das vermisst.

© by Pandorah