Die Hütte im Schnee

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem weit entfernten Land, da lebte ein Mann namens Rin in einer einsamen Hütte, die man vom Dorf aus nur erreichte, wenn man einen gefährlichen Wald durchquerte...

1.

Rin wechselte den Wanderstecken von der rechten in die linke Hand, strich sich die braunen, vereisten Zotteln aus der Stirn und schob dabei die Fellmütze ein Stück zurück. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt unter seinen Schneeschuhen; sein Atem hinterließ kleine Wolken in der glasklaren Luft. Es war schön, endlich einmal wieder draußen zu sein und sich zu bewegen.

Die letzten Tage war das Wetter unbeständig gewesen, Rin hatte immer mit einem Schneesturm gerechnet, so dass er sich nicht weit von der Hütte entfernt hatte. Doch am Morgen hatte die Sonne so herrlich von einem makellosen Himmel herab geschienen, dass er beschlossen hatte, einen längeren Spaziergang wagen und gleichzeitig seinen Holzvorrat aufstocken zu können. Es war nicht wirklich notwendig, aber Rin gab seinen Wegen gerne ein Ziel.

Noch war der Schlitten leicht zu ziehen; Rin lauschte dem Sirren der Kufen, während sein Blick über die sanften Schwünge der winterlichen Landschaft glitt. Sie war ihm vertraut in ihrem weißen Kleid, auch wenn die Landmarken schwer zu finden waren. Langsam stapfte er einen Hügel empor. Als er die Kuppe erreichte, breitete sich der Wald vor ihm aus.

Es war ein guter Ort zum Holzsammeln, aber ein schlechter, um dort zu wohnen. Vom Frühjahr an bis zum späten Herbst trieben Feen, Elfchen, Gnome und Geister ihr wildes Spiel mit jedem, der sich tiefer hinein wagte. Im Winter jedoch schliefen sie, was für Rin den Weg zum einzigen Ort in weitem Umkreis kürzer machte.

Rin stockte im Schritt und kniff die Augen gegen das blendende Weiß zusammen. Am Waldrand hockte jemand, zusammengekauert an einen Baum gelehnt, eingehüllt in eine unförmige Decke. Rin konnte die Spur sehen, die zu der Gestalt hinführte. Was bei den Niederhöllen machte ein Mensch in dieser Einöde? In dieser Richtung lag hinter dem Wald nichts, was für die Dorfbewohner von Interesse war. In dem endlosen, hügeligen Grasland gab es nur Rins Hütte; kein Ort, zu dem es die Leute hinzog.

Die Dorfbewohner mochten ihn nicht. Man nannte ihn einen unheimlichen Einsiedler, und es ging das Gerücht, dass er mit Dämonen im Bunde stand; der Lauf der Zeit schien ihn nicht zu berühren, und die Alten munkelten von seltsamen Fähigkeiten.

Was mochte einen der ihren hierher getrieben haben? Unwillig verzog Rin den Mund. So wenig wie sie ihn leiden konnten, so wenig hatte er das Verlangen nach ihrer Gesellschaft. Einen langen Moment starrte er zu dem Bündel aus Mensch und Decke. Es regte sich nicht. Der Gedanke, jemanden zu retten und ihn vielleicht bis zum nächsten Wetterumschwung oder schlimmer, bis zum Frühling, bei sich aufnehmen zu müssen, behagte ihm gar nicht. Hilfe zu verweigern, sollte sie gebraucht werden, stand jedoch außer Frage. Finster nahm er seinen Weg wieder auf.

"Hey ho!", rief er zum Gruß und um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Gestalt reagierte nicht, selbst als er bis auf wenige Schritte herangekommen war und sie mit seinem Stecken anstieß. Rins Verärgerung wich einem Gefühl von Unruhe. Nach einem weiteren Moment des Starrens ging er in die Hocke und zog die Deckenfalten auseinander. Die Wintersonne erhellte das Gesicht eines jungen Mannes; struppiges, ungepflegtes Haar umgab es wie Stroh, dem die Farbe ausgesaugt worden war. Dreckflecken ließen die eingefallenen Wangen noch hohler erscheinen, und die blaugefrorenen Lippen hoben um so deutlicher hervor, wie blass er war.

"Verdammt!" Fluchend warf Rin einen misstrauischen Blick in den Wald, dann legte er den Stab beiseite und rüttelte den jungen Mann vorsichtig. Der Körper war nachgiebig; immerhin konnte er noch nicht lange hier sitzen. Doch er erwachte nicht.

Rin beugte sich über das Gesicht und hielt die Wange an den leicht geöffneten Mund. Er war sich nicht sicher, aber vermeinte, Atem zu spüren. Rasch zerrte er einen Handschuh von den Fingern, um nach dem Puls zu tasten. Nach dem dritten Anlauf gab er auf. Seine Finger waren beinahe taub vor Kälte.

Kurzerhand hob Rin den überraschend leichten Körper hoch und bettete ihn samt Decke auf seinem Holzschlitten. Ohne lang zu überlegen, befreite er sich von dem Zuggürtel des Schlittens, dann schlüpfte er aus seiner Jacke und breitete sie über den Mann. Auf dem Rückweg würde ihm ohnehin ordentlich warm werden, da er sich beeilen musste. Fröstelnd schlang er den Gurt erneut um, nahm seinen Wanderstecken auf und marschierte los.

Er machte keine Pause; es gab ohnehin nichts, was er tun konnte. Nur ab und an schaute er nach dem Schlitten, um sich zu vergewissern, dass der Mann nicht herunterrutschte.

Bald war Rin sogar froh, dass er zu einer sofortigen Umkehr gezwungen gewesen war. Noch ehe er die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatte, begann der Himmel sich zuzuziehen. Der Wind frischte auf, und als Rin seine Hütte erreichte, die in ihrer Schneedecke wie ein Teil des schützenden Hügels wirkte, fielen bereits die ersten Schneeflocken.

Rin löste den Gurt, während er gleichzeitig die Tür entriegelte, dann zerrte er die Schneeschuhe von den Stiefeln und stellte sie in den Vorraum. Nachdem er den jungen Mann in den warmen Wohnraum gebracht hatte, holte er den Schlitten ins Innere der Hütte. Es wurde dunkel um ihn, als er erst die äußere, dann die innere Tür hinter sich zuzog. Aber er brauchte auch kein Licht, um sich in seinem Heim zurechtzufinden. Lange Jahre der Gewohnheit ließen ihn sicher dem schweren Tisch mit seinen Holzbänken ausweichen und einen Bogen um den Sessel schlagen, bevor er den Kamin erreichte.

Er brauchte nicht lange, um die noch immer schwelende Glut des aufgeschütteten Feuers zu entfachen. Vorsorglich schwenkte er den vor seinem Aufbruch vorbereiteten Topf mit Suppe zum Warmwerden über die Flammen. Während er sich zu seinem Fund umdrehte, streifte er die schwere Weste von den Schultern und warf sie auf den wuchtigen Sessel, der wie fast alle seine Möbel selbstgebaut war.

"Na, magst du jetzt nicht aufwachen?", brummte er unbehaglich. "Es ist warm, und weder Gnome noch Schneestürme bedrohen dich hier."

Leider regte sich der junge Mann nicht, um ihm Arbeit zu ersparen. Mit einem Seufzen wickelte Rin ihn erst aus seiner eigenen Jacke, dann aus der alten Decke. Die Kleidung des Mannes war fest und durchaus für das Wetter geeignet, sah jedoch aus, als hätte er sie von drei verschiedenen Männern bekommen. Die Stiefel und die Jacke waren zu groß, die Hose schien halbwegs zu passen, wohingegen der Wollpullover zu kurz war und ungeschickt geflickt. Es gelang Rin nicht, ihm die Handschuhe von den Händen zu ziehen; der Riemen, der sie hielt, war aufgequollen. Kurzerhand durchtrennte er ihn. Mit Sorge registrierte er die dunklere Färbung der Finger und konnte nur hoffen, dass sie nicht erfroren waren.

Er brauchte einige Zeit, bis er den Mann ganz entkleidet hatte. Ein bleicher Körper kam unter den verschiedenen Lagen zum Vorschein, zu mager und hier und dort mit blauen Flecken und Schürfwunden übersät.

"Du hast wohl eine raue Zeit hinter dir." Als Rin dieses Mal nach dem Puls tastete, fand er ihn, schwach zwar, aber unverkennbar. "Hm, ich wüsste ja, was dich ganz schnell wieder aufwärmt, aber ob du mir das verträgst?"

Sein Blick wanderte zu dem schweren Vorhang im hinteren Teil des Wohnraumes, der den Eingang zu einer Höhle im Hügel verbarg und gleichzeitig Feuchtigkeit abhielt. Sie war der Grund, warum er ausgerechnet diese Stelle ausgesucht hatte, um seine Hütte zu bauen. Die warme Quelle in ihrem Inneren war ein Segen.

Rin fühlte die Temperatur der bleichen Haut und entschied im gleichen Moment, dass er es versuchen würde. Der Mann war viel zu kalt. Er breitete das Bärenfell vom Sessel vor dem Feuer aus und legte den Mann darauf, damit er schon mal ein wenig aufwärmen konnte. Vom Sims über dem Kamin nahm er eine Laterne und entzündete die Kerze. Mit dem Licht und zwei großen Tüchern, die er aus einer geschnitzten Truhe holte, betrat er die Quellhöhle.

Er hatte den Boden der schmalen Eingangsspalte mit Steinen und Sand aufgeschüttet, so dass man das kurze Stück zur eigentlichen Quelle bequem gehen konnte. Die Höhle selbst war gerade hoch genug, dass er den Kopf nicht einziehen musste. Ein natürliches Sims am Ufer hatte er soweit vertieft und geebnet, dass es eine gute Bank abgab. Dort legte er die mitgebrachten Sachen ab. Das Becken an sich war groß, an die zwei Mannslängen breit. Zum Eingang hin war es flach, doch im hinteren Bereich, wo auch der Zufluss war, konnte er kaum stehen.

Rin kehrte in den Wohnraum zurück und zog sich selber aus. Als er den jungen Mann hochhob, fröstelte er. Es erschreckte ihn, wie kalt sich der Körper gegen seine warme Haut anfühlte. Die feuchtwarme Luft, die ihn in der Spalte hinter dem Vorhang empfing, war willkommener, als er gedacht hatte.

Mit seiner leichten Last watete Rin einige Schritte in das natürliche Becken, bis das Wasser ihm beinahe bis zur Brust reichte. Vorsichtig tauchte er den Mann tiefer ein, bis nur noch sein Kopf über der Oberfläche war. Mit der hohlen Hand schöpfte er Wasser über das Haar und wusch auch über das Gesicht. Selbst mit nur der kleinen Kerze als Lichtquelle war es faszinierend zu beobachten, wie Farbe in die bleichen Züge zurückkehrte. Nach kurzer Zeit wurde die Atmung tiefer; deutlich sichtbar hob und senkte sich der Brustkorb. Ein Erbeben ging durch den Körper, dann flatterten die Lider, und der Mann öffnete die Augen.

Rin hatte sich keine großen Gedanken darüber gemacht, was er sagen wollte, aber dass er gar nichts sagen konnte, sondern nur in der Lage war zu starren, damit hatte er nicht gerechnet. Die Augen waren... herrlich. Wunderschön. Groß. Tief. Leicht mandelförmig und von dichten langen Wimpern umrahmt wie von seidigen Schwingen. Elfenaugen.

Einen langen Moment sahen sie sich einfach nur an. Dann öffnete der junge Mann den Mund, doch statt Worten kam ein Krächzen heraus. Es wurde zu einem Husten, das den ganzen Körper schüttelte. Als er sich wieder beruhigt hatte, stellte der Mann nüchtern und mit heiserer Stimme fest: "Ich bin nicht tot."

Rin grinste und ließ ihn vorsichtig auf die eigenen Füße herab. Gleich griff er jedoch wieder zu, als der Mann zusammen sackte. "Hab dich fast für tot gehalten. Wie heißt du? Ich bin Rin."

"Nel." Die Antwort kam nach einem Zögern und wurde von einem weiteren Husten begleitet, das Rin beschließen ließ, dass weitere Fragen warten konnten. Er half Nel aus dem Becken und bis zu dem Sims, wo der junge Mann sich setzte, dann reichte er ihm eines der beiden Tücher.

Fröstelnd hüllte Nel sich ein. "Ich... hast du mich... gefunden?"

"Ja. Aber reden können wir später. Du brauchst was Warmes in den Bauch, und ich mach einen Tee gegen deinen Husten." Nachlässig trocknete Rin sich ab, während er bemerkte, dass Nels Bemühungen bestenfalls halbherzig zu nennen waren. Die Bewegungen schienen ihm schwer zu fallen. "Komm."

Rin half ihm beim Aufstehen und stützte ihn auf dem kurzen Weg zurück. Wieder brachte er ihn zu dem Fell direkt vor dem Kamin, ehe er eine Decke um die schmalen Schultern legte. Schweigend ging er zu der Ecke, in der neben seinem wuchtigen Bett die Truhe stand, in der er seine Kleidung aufbewahrte. Seine Sachen würden Nel zwar alle zu groß sein, aber wenigstens waren sie warm, trocken und sauber. Vermutlich würde Nel sogar ziemlich niedlich in der weiten Hose und dem Wollhemd aussehen. Der Gedanke ließ ihn lächeln, als er ihm die Kleidung samt Untergewandung und dicker Wollsocken reichte. "Hier."

Nels krampfhaftes Husten begleitete ihn, während er sich selber rasch anzog und den Wasserkessel aufs Feuer setzte. Ohne lange zu überlegen wählte er die Kräuter für den Tee – Huflattich, Schafgarbe und Veilchenwurz. Er nahm die Tongefäße und den schweren Mörser mit zum Feuer, wo Nel sichtlich erschöpft mit der Kordel am Halsausschnitt kämpfte, schließlich aufgab und sich wieder in die Decke hüllte.

Rin füllte eine Schale der mittlerweile gut warmen Suppe ab und reichte sie Nel, ehe er sich mit dem Mörser auf den Hocker neben dem Kamin setzte, um die Wurzelstücke zu zerstoßen. Mit einem Mal fühlte er sich seltsam mit dem Gast in seiner Hütte. Niemand hatte ihn hier je besucht.

"Danke." Nels Hand bebte leicht, als er vorsichtig einen Löffel der Suppe probierte. "Für alles."

"Hm", brummte Rin. Unter halb gesenkten Lidern hervor beobachtete er, wie Nel nach dem Vorkosten so hungrig zu essen begann, als hätte er seit Tagen nichts mehr bekommen. Vielleicht hatte er tatsächlich gehungert, dünn genug war er.

Rin schöpfte ihm nach, als die Schale das erste Mal leer war und gab dann die fertige Kräutermischung in einem dünnen Stoffbeutel in den Teekessel. Vorsichtig schüttete er Wasser hinzu. "Hast du dich verlaufen?", fragte er beiläufig.

Nel antwortete nicht sofort, aber ließ den Löffel sinken. Sein Blick war auf den Kamin gerichtet, und eine Zeit lang konnte man nur das Prasseln des Feuers, das Blubbern des Kessels und das leise Heulen des Windes um das Haus hören.

"Ich weiß nicht", sagte er schließlich. "Wo bin ich?"

Jetzt war es an Rin, nicht sofort zu antworten. Sein Name sagte Nel offensichtlich nichts, er verband ihn nicht mit dem seltsamen, geheimnisvollen und vielleicht gefährlichen Einsiedler, als der er im Dorf verschrien war. Gerne wollte Rin ihn in dieser Unwissenheit belassen; er wollte nicht, dass Nel sich vor ihm ängstigte, wenn sie sich die Hütte teilen mussten. Allerdings gab es außer ihm keine Einsiedler weit und breit.

"In der Mitte von Nichts. Hier gibt es nicht einmal richtige Wege, die irgendwohin führen. Nur ein Dorf liegt in der Nähe, aber die nächste Stadt ist mehrere lange Tagesritte davon entfernt. Wohin wolltest du?"

Nel warf ihm einen scheuen Seitenblick aus seinen herrlichen Augen zu, dann senkte er ihn in die Suppenschale. "Weg."

Noch während Rin grübelte, ob er weiterfragen konnte, schüttelte ein neuer Hustenanfall den schmalen Körper, und Rin verschob den Gedanken. Stattdessen nahm er einen Becher vom Kaminsims und schenkte Tee ein. Als er ihn Nel reichte und ihm dafür die leere Schale abnahm, fielen ihm der eigenartige Glanz in seinen Augen und die geröteten Wangen auf. Ohne zu fragen oder auch nur nachzudenken fühlte Rin mit den Fingerrücken an Nels Halsbeuge nach; er spürte keine Kälte mehr, sondern glühende Haut. "Fürs Erste kommst du nirgends hin. Du brauchst Ruhe."

Mit einem schwachen Nicken sank Nel ein wenig mehr in sich zusammen, während er den Tee in kleinen Schlucken trank, beide Hände um den Becher geschlossen, als könnte er so seine Wärme aufsaugen. Er war tatsächlich niedlich, mit dem ein wenig zu spitzen Gesicht, dem wirren hellen Haar und den Ärmeln, die ihm über die Hände rutschten, wann immer er absetzte und den Becher senkte. Rin begann, sich vor der nächsten Zeit zu fürchten, während er darauf lauschte, dass der Wind stärker wurde. Ein neuer Sturm stand an, von dem nicht abzuschätzen war, wie lange er dauern würde.

Als Nel die Lider halb zudrifteten, stand Rin auf. Er nahm dem Mann den Becher ab und stellte ihn beiseite, ehe er Nel auf die Beine zog. Hilflos sank Nel gegen ihn und ließ sich zum Bett führen.

"Du brauchst Ruhe", wiederholte Rin leise, half ihm, sich hinzulegen und deckte ihn mit der schweren Decke zu.

Nel wandte ihm das gerötete Gesicht zu und sah ihn aus fieberglänzenden Augen an. "Danke", flüsterte er noch einmal. "Ich weiß nicht... wie..."

"Pscht, ist in Ordnung. Schlaf."

Rin beobachtete, wie sich die Lider gänzlich schlossen und Nel sich zusammenrollte. Er wusste gar nichts von diesem Mann, aber er wusste schon jetzt, dass er eine Gefahr für ihn war. Für seinen Seelenfrieden und sein Herz.

"Hoffentlich entpuppst du dich als Bastard, wenn du wieder gesund bist", murmelte er, ehe er zum Kräuterregal stapfte. Während er dieses Mal Kräuter für einen Tee gegen Fieber auswählte, dachte er das erste Mal seit langer Zeit wieder daran, warum er allein und weitab jeden bevölkerten Ortes lebte.

Gleichgültig, in welcher Stadt oder in welchem Dorf er sich niedergelassen hatte, hatte er sich früher oder später verliebt. Niemals in Frauen, und gleichgültig, wie sehr er sich bemühte, hatte er doch nie widerstehen können, den Geliebten für sich gewinnen zu wollen. Meistens waren die Versuche fehlgeschlagen, und nur zu oft war er mit Schimpf und Schande davon gejagt worden.

Sie hatten Recht damit, dass er anders war. Aber Rin fühlte sich gut damit. Zumindest, wenn seine Gefühle erwidert wurden. Wie lange war das letzte Mal her? Er versuchte nachzurechnen, während er am Tisch die Kräuter im richtigen Verhältnis zueinander in einer Schale mischte. Zu lange. Er wusste es nicht mehr genau. Sie hatten auch recht damit, dass er alt war, zu alt für einen Mensch. Vielleicht hatten sie ebenfalls recht damit, dass er ein Dämon war.

Nachdenklich starrte Rin auf seine Hände. Aber wenn das stimmte, lagen sie in einem falsch. Nicht alle Dämonen waren von Grund auf böse. War er ein Dämon? Es war nicht das erste Mal, dass er sich die Frage stellte. Sein Alter war nicht das einzige, was anders an ihm war. Seine Wunden heilten schnell, und nie hinterließen sie Narben. Gegen Krankheiten war er jedoch genauso machtlos wie jeder andere auch.

Das schmerzhaft klingende Husten holte ihn aus den Gedanken. Was auch immer Nel von ihm wissen und halten mochte, war für den Augenblick unwichtig. Zuerst einmal musste er gesund werden, und das schien zu einer Aufgabe mit ungewissem Ausgang zu werden.

Besorgt setzte Rin neues Wasser auf, ehe er mit einem Becher Hustentee zum Bett ging, sich an den Rand setzte und ihn Nel schluckweise einflößte. Das Gesicht hatte sich noch mehr gerötet, und obwohl Nel die Augen öffnete, erkannte er ihn offensichtlich nicht mehr.

Sein Fieber stieg, und Rin war froh, als der Weidenrindentee fertig war und er ihn Nel geben konnte. Mal schluckte Nel folgsam, mal wehrte er sich dagegen. Ab und an sprach er, Wortfetzen, die Rin nicht verstehen konnte, drängend, bittend, flehend oder abwehrend, um dann wieder in einen unruhigen Schlaf zu fallen.

Erst gegen Morgen war der Höhepunkt des Fiebers überschritten; Nels Schlaf wurde ruhiger, so dass Rin schließlich übermüdet im Sessel einschlief. Seine Träume waren unruhig, von schemenhaften Gestalten erfüllt, die im Schneesturm gerade außer Reichweite vor ihm her liefen. Er wusste, wenn er sie erreichte, würde der Sturm aufhören, würde die Sonne kommen und die Kälte schwinden. Doch seine Versuche, sie zu greifen, ließen ihn nur tiefer und tiefer im Schnee versinken.

Von der Anstrengung, sich zu befreien, wachte er auf. Es war dunkel in der Hütte, das Feuer war erloschen. Draußen heulte noch immer der Wind und rüttelte an den Fensterläden. Nel hustete, aber es schien lockerer und weniger angestrengt zu sein. Eine Weile saß Rin regungslos und noch in seinen Traumbildern gefangen, ehe er wach genug war, um aufzustehen.

Er war verspannt und durchgeschwitzt und fröstelte in der kühlen Luft. Wirklich kalt wurde es dank der angrenzenden Quelle nicht, doch Nel brauchte mehr Wärme. Rin entfachte das Feuer neu und setzte Wasser auf, um eine kräftige Brühe zu kochen.

Noch immer müde sah er nach Nel, der in einen tiefen, erschöpften Schlaf gefallen war. Das blonde Haar klebte verschwitzt im viel zu spitzen Gesicht, das Rin beschließen ließ, dass der Mann dringend mehr Fleisch auf den Rippen brauchte.

Nach einem langen Moment wandte er sich ab und tappte durch den Vorraum zur Tür nach draußen. Er hatte keine Ahnung, wie spät es sein mochte, die lange Nacht hatte sein Zeitgefühl durcheinander gebracht. Doch auch ein Blick nach draußen brachte kaum eine hilfreiche Erkenntnis. Es war Tag, aber die dichten Wolken und das undurchdringliche Schneegestöber machten das Licht diffus und so undefinierbar, dass Rin nicht einmal erkennen konnte, wo die Sonne stand. Frierend schloss er die Tür und kehrte zu Nel zurück.


© by Pandorah