Die Hütte im Schnee

2.

Nel schlief drei Tage durch, nur davon unterbrochen, dass Rin ihm Medizin oder Brühe einflößte. Rin war dankbar, dass der Husten besser wurde und offensichtlich keine Lungenentzündung drohte. Zudem faszinierte es ihn, dass es eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen gab. Nel bekam keinen Bart.

Seit Rin irgendwann vor endlosen Sonnenläufen beschlossen hatte, dass er keinen Bart tragen wollte, hatte sich sein Körper darauf eingestellt. Er musste sich schon lange nicht mehr rasieren. Und auch Nels Gesicht war vollkommen glatt. Rin betrachtete es gerne, besonders am Morgen, wenn er neben Nel aufwachte; trotz seiner Bedenken war es angenehm, nach all den Jahren des Alleinseins wieder einen Menschen um sich zu haben. Ab und an grübelte er darüber nach, dass sich sein ruhiges, gleichmäßiges Leben sehr ändern würde, wenn er sich erst einmal mit einem wachen Nel arrangieren musste. Dennoch freute er sich wider seiner ersten Bedenken darauf.

Am Morgen des vierten Tages erwachte er davon, dass der Sturm aufgehört hatte. Es war still; die Fensterläden klapperten nicht, kein Wind heulte im Kamin. Schlaftrunken stand Rin auf und entzündete das Feuer, um Wasser für Tee aufzusetzen und die Hütte zu heizen, dann kehrte er zurück unter die warme Decke. Ohne es zu merken, döste er langsam wieder weg.

Als er das nächste Mal aufwachte, spürte er Blicke auf sich. Schläfrig blinzelnd sah er sich ohne Warnung in Nels atemberaubenden Augen gefangen. Noch ehe er richtig wach war, lächelte er bereits. Es war eine nette Art, den Tag zu beginnen.

"Morgen", nuschelte er, dann setzte er sich und streckte sich gähnend. Die Temperatur war deutlich angenehmer als vorher, deswegen zog er nichts über, als er aufstand, um den Tee aufzubrühen. "Wie fühlst du dich?"

"Gut", kam die wenig überzeugende Antwort vom Bett her.

Rin grinste, während er vor dem Kamin in die Hocke ging und den nicht verdampften Rest des Wassers vom Topf in den Teekessel umfüllte, dann eine Handvoll Kräuter hinzu gab. "Besser als bei deinem letzten Wachwerden sicherlich. Hast du Schmerzen?"

Er legte einen Scheit Holz nach, setzte neues Wasser für einen Körnerbrei auf und drehte sich zu Nel um. Sein unfreiwilliger Gast lag seitlich, hatte ihm das Gesicht zugewandt, aber die Augen geschlossen. Etwas in seiner Haltung, wie er die Hand ins Kissen presste und den Kopf leicht in Richtung Brust gesenkt hielt, ließ Rin sich fragen, ob er nicht bis eben noch geschaut hatte. Das machte ihm seine eigene Nacktheit bewusst. Konnte Nel das peinlich sein? Der Gedanke irritierte ihn.

"Nein." Nel blinzelte, errötete leicht und wandte das Gesicht ab. "Ich fühle mich gut."

Er schien noch etwas sagen zu wollen, schwieg dann aber. Rin betrachtete ihn einen Moment lang. "Du kannst dich in den warmen Quellen waschen, wenn du magst. Verschwitzt bist du auf jeden Fall, und es ist sehr entspannend."

Der Vorschlag brachte Nel dazu, Rin überrascht anzuschauen. "Das war kein Traum?", fragte er und errötete noch tiefer. "Ich dachte, das Fieber..."

Rin lachte auf. "Nein, die Quelle ist zum Glück Wirklichkeit." Er holte ein Tuch aus der Truhe und warf es Nel zu. "Hinter dem Vorhang dort. Warte, du brauchst Licht." Während er die Lampe vom Kaminsims nahm und die Kerze umständlich anzündete, um Nel Zeit zu geben, hörte er hinter sich das Rascheln der Decken, dann das Tapsen nackter Füße. Sich umdrehend sah er, dass Nel sich in das große Tuch eingewickelt hatte. Er lächelte bei dem Anblick und reichte ihm die Lampe. "Hier."

"Danke." Scheu erwiderte Nel das Lächeln für einen Augenblick. Dann huschte er davon, beinahe so lautlos wie ein Geist.

Verwirrt kratzte Rin sich am Kopf. Ein Frösteln machte ihm gleich darauf klar, dass es auch in einer feuergewärmten Hütte zu kalt war, um jenseits des Feuers lange nackt herum zu stehen. Nach der schweren Leinenhose und dem dicken Wollpullover zog er seine Stiefel an, dann legte er einen Umhang über, um vom Vorrat draußen im Verschlag Holz zu holen. Der blaue Himmel und die klare Luft überraschten ihn ebenso wie der Anblick der Sonne, die sich gerade über die Hügel erhob. Rins Lächeln vertiefte sich. Es würde ein herrlicher Tag werden.

Als er zurückkehrte, war Nel noch immer nicht fertig, und das, obwohl Rin viel Zeit gebraucht hatte. Der Schnee hatte erst beiseite geschaufelt werden müssen, ehe er an den Verschlag heran gekommen war. Dafür kochte das Wasser, so dass er in Ruhe den Körnerbrei zubereiten konnte. Er verfeinerte ihn mit einer großzügigen Handvoll getrockneter Beeren und etwas Honig, ehe er je eine ordentliche Portion davon in zwei Schalen schöpfte. Erst, als er Nel frische Kleidung auf einen Stuhl legte, schob sein Gast den Vorhang beiseite.

Wieder war er in das Tuch eingehüllt. Seine hellen, feuchten Haare standen wild in alle Richtungen ab, das frisch geschrubbte Gesicht war gerötet; gleich sah der ganze Mann viel gesünder aus. Weder mochte man glauben, dass er kurz vor dem Erfrieren gestanden hatte, noch, dass er so lange krank gewesen war.

Nur viel zu dünn war er nach wie vor. Rin beschloss energisch, das sofort anzugehen. "Ich hab dir was zum Anziehen rausgesucht, auch wenn es zu groß ist. Und Essen ist auch fertig. Ich hoffe, du magst es süß."

Verlegen lachte Nel. "Ja. Aber mach dir wegen mir keine Umstände. Du hast ohnehin schon zu viel Mühe mit mir gehabt."

Er überraschte Rin damit, dass er ohne Scheu das Tuch beiseite legte, ehe er sich anzuziehen begann. In Bewegung war der zierliche Körper noch einmal so hübsch, geschmeidig und doch kräftig. Definierte Muskeln zeigten, dass Nels Leben ihn gefordert hatte. Rin wollte wegsehen, weil er merkte, dass er starrte, doch dann nahm Nel den Pullover auf und hielt in der Bewegung inne. Statt ihn anzuziehen, streckte er die Hand aus und strich fasziniert mit den Fingerspitzen über die Querverstrebung der Stuhllehne. "Oh, ist das schön!"

Rin brauchte einen Moment, ehe ihm klar wurde, was Nel meinte, zu sehr hatte er sich bereits daran gewöhnt. Er hatte den Stuhl selber gefertigt, wie fast alles in seiner Hütte. Dieser war verziert mit knorrigen Baumelfen, die der Holzmaserung folgend hier auftauchten, dort verschwanden, an anderen Stellen nur eben sichtbar waren. Stolz grinste Rin. "Danke."

"Das ist großartig!" Nel kicherte, als er die Elfenkatze entdeckte, die nach einer herabhängenden Hand haschte, dann zog er seinen Pullover über und wandte sich zu Rin um. "Hast du das gemacht?"
Das bewundernde Leuchten in den hellen Augen traf Rin unerwartet. Es brachte sein Herz zum Hüpfen und seinen Bauch zum Kribbeln. Mit einem Mal schien beinahe ein Hauch von Frühling in der Luft zu liegen. "Hm", brummte er vage und schob Nel seine Schale und einen Teebecher zu.

Nel setzte sich neben ihn auf die Bank, öffnete den Mund und hielt inne. Rin wurde der Ranken auf den Bechern gewahr, schon ein wenig abgegriffen vom vielen Gebrauch, und den Ornamenten auf den Holzlöffeln. Ein kurzer Blick huschte scheu über Rins Gesicht, dann wandte sich Nel um und betrachtete das erste Mal bewusst die Hütte.

Das große Bett mit den wuchtigen Pfosten stand an der Schmalseite des Wohnraumes; eine Truhe am Kopfende diente als Ablagetisch, eine zweite befand sich am Fußende. Nur wenige Schritte davon entfernt wärmte der Kamin die Hütte von der Außenwand her; davor konnte man sich in dem gemütlichen Sessel entspannen. Gegenüber verbarg der bunt gewebte Vorhang den Spalt zur Quelle. Das hohe Regal hinter dem Esstisch war gefüllt mit Kräutertiegeln, Töpfen, Werkzeugen und sogar einigen Büchern und Schriftrollen – ein seltener Schatz, von dem sich Rin nicht hatte trennen können, auch wenn es anstrengend gewesen war, ihn zu mitzunehmen. Papier war schwer, empfindlich und sehr unpraktisch bei einer Reise durch einsame Gegenden. Von der Decke hingen Sträuße verschiedenster Kräuter, und die Ecken waren mit Vorratskörben vollgestellt.

Vor der Tür zum Vorraum stand ein großer, einfacher Webstuhl mit einem begonnenen Werkstück in leuchtenden Farben, daneben einige halbfertige Körbe, ein kleiner Felsblock, der schon die grobe Form eines Tieres aufwies, und das Seitenteil einer weiteren Truhe, bei der sich Rin an einer Einlegearbeit versuchte.

Aber gleichgültig, wohin Nels Blick fiel, gab es wenig, das nicht auf die eine oder andere Art verziert war, unaufdringlich und ohne ins Auge zu springen; manches wurde man auf den ersten Blick gar nicht gewahr. Doch Rin hatte nach und nach in den langen Wintern, die ihn im Inneren seiner Hütte festgehalten hatten, nahezu jeden Gegenstand durch eine aufwendigere Variante ersetzt.

"Bei allen Göttern", flüsterte Nel beinahe ehrfürchtig. "Du bist kein grimmiger Einsiedler, du bist ein Künstler."

Rins Wangen erhitzten sich. Er wusste nicht, was er erwidern sollte, und die Verlegenheit machte ihn knurrig. "Iss", grummelte er. "Warm schmeckt 's besser."

Nel lachte leise, aber ließ sich nicht ein zweites Mal auffordern. Eine Weile aßen sie schweigend, ehe Rin auffiel, dass Nel ihn als Einsiedler bezeichnet hatte. Offensichtlich wusste er doch, wer er war. Ob er den Gerüchten Glauben schenkte? Rin betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Zumindest im Moment schien er keine Angst zu haben, höchstens davor, nicht genügend zu essen zu haben, so hungrig wie er den Brei in sich hinein schaufelte. Rin musste grinsen. Kein Wunder, er hatte seit Tagen nicht mehr als Brühe bekommen und war davor wohl auch selten satt geworden.

"Du bist aus dem Dorf, nicht wahr? Sind die Vorräte diesen Winter knapp?"

Es war faszinierend und verwirrend zugleich zu beobachten, wie das helle, freundliche Gesicht mit einem Mal undurchdringlich wurde. Nel antwortete nicht gleich, sondern kaute sehr sorgfältig an seinem Bissen. Er sah nicht auf, als er schließlich sagte: "Es gibt reichlich Essen."

"Das freut mich zu hören. Möchtest du einen Nachschlag?" Rin wartete die Antwort nicht ab, sondern stand auf, um den Topf zu holen. Er versuchte sich zu erinnern, ob er Nel früher schon einmal gesehen hatte. Was war vorgefallen, um den Mann aus dem Dorf zu vertreiben? Gerne hätte er gefragt, aber da Nel sich so offensichtlich sträubte, darüber zu reden, wollte er ihn auch nicht drängen. Ob er auf der Flucht war? Ihm fiel wieder ein, dass Nel in keiner Weise auf eine noch so kurze Reise vorbereitet gewesen war. Außer warmer Kleidung, von der ein Stück nicht zum anderen passte, hatte er nichts dabei gehabt, keinen Proviant, keine persönlichen Besitztümer, nichts.

Nachdenklich schöpfte er ihm eine große Kelle auf, dann sagte er bedächtig: "Bis der Winter vorbei ist, kannst du gerne bei mir bleiben. Und wenn du irgendwann meinst, mir genug vertrauen zu können, würd' ich schon gern erfahren, warum du weggelaufen bist. Aber eine Bedingung ist es nicht."

Nel schauderte leicht, dann hob er den Kopf. "Danke", sagte er leise. "Du bist auf jeden Fall nicht, wie sie sagen. Danke."

"Knurrige, alte Einsiedler freuen sich zwar selten, aber doch ab und an über Gesellschaft", wehrte Rin scherzhaft ab.

Es brachte Nel zum Lachen, und Rin fiel mit ein.

 

Lachen konnte man gut mit Nel, wie Rin in den folgenden Tagen herausfand. Da Nel nicht mehr fürchtete, dass sie über seine Flucht redeten, konnte er auch über das Dorf sprechen. Besonders aus der Schankstube erzählte er so viele Anekdoten, dass Rin vermutete, dass er dort gelebt hatte. Da er das Wirtshaus selbst nie betreten hatte, wunderte es ihn nicht, dass er Nel nicht kennengelernt hatte.

Überhaupt war Nel offen für alles und das Leben mit ihm sehr unkompliziert. Er konnte gut kochen und begeisterte sich schnell für das Weben, so dass Rin ihm seinen Webstuhl gerne überließ. Noch viel lieber mochte er es, ihm Dinge zu zeigen, bei denen er ihn berühren konnte. Und als Nel nach einem langen Tag am Webstuhl, an dem er neue Muster ausprobiert hatte, am Abend vollkommen verspannt von dem Hocker aufstand, war er nur zu gerne bereit, ihm eine Schultermassage anzubieten.

Während sie im warmen Wasser der Quelle saßen und Rin jeden Moment genoss, in dem er die schlanken Schultern und den geraden Rücken durchkneten durfte, begann er, sich vor dem Tag zu fürchten, an dem Nel ihn verlassen würde. Die weiche Haut fühlte sich herrlich an, Nel hatte den Kopf gesenkt und entblößte damit seinen Nacken. Es war regelrecht anstrengend, nicht die Lippen darauf zu legen.

Im Kerzenschein konnte Rin die hellen Beine vor dem grauen Fels durch das Wasser hindurch nur schemenhaft sehen; aber um so deutlicher spürte er die sanfte Erhebung der Rippenbögen, wenn er etwas tiefer strich, und die elegante Linie des Rückgrats. Er folgte den leicht definierten Muskeln der Oberarme und musste sich wieder und wieder daran erinnern, dass er ihn nicht streicheln durfte.

Nels Stimme mischte sich in das Plätschern des Wassers; Rin gelang es nicht rechtzeitig, seine Aufmerksamkeit auf die Worte zu richten. "Was?", fragte er abgelenkt.

Nel drehte den Kopf, um ihn ansehen zu können, und Rin erhaschte den Anblick auf einen zu einem leichten Lächeln verzogenen Mundwinkel. Der Anblick war nicht wirklich dazu gemacht, um die Konzentration zu fördern, aber es gelang Rin dennoch, sich zusammenzureißen.

Nel sah ihn warm aus seinen schönen Augen an. "Es war wohl der glückbringendste Moment meines Lebens, als ich der Müdigkeit im Schnee nachgegeben habe. Ich war auf der Suche nach dir, aber wenn ich weiter gekommen wäre... vielleicht hätte ich dich verfehlt."

Wie konnte Nel solche Dinge sagen und dabei gleichzeitig so unschuldig wirken? Rin verzweifelte beinahe.

"Bestimmt", hörte er sich mit erstaunlich gleichmütiger Stimme sagen. "Mein Haus ist gut getarnt. Du wolltest zu mir? Warum?"

Gleichzeitig spürte er, dass seine Hände nicht mehr massierten. Sie lagen ruhig auf den Schultern, ganz dicht am Hals.

"Weil ich nicht wusste, wohin ich mich sonst hätte wenden sollen." Nels Stimme war nur ein Flüstern, aber er wandte den Blick nicht ab. "Wir sind uns schon einmal begegnet, auch wenn du dich bestimmt nicht mehr daran erinnerst."

Rin wollte sich vorbeugen und Nels weichen Mund küssen. Nur langsam gewannen die Worte an Sinn. Nel hatte ihn bewusst aufgesucht, weil er sich Hilfe von ihm versprach. Weil er ihn kannte. Aber woher? Rin runzelte verwirrt die Stirn. Wo hätte er das schöne Gesicht mit den hellen Augen schon einmal gesehen haben sollen? Wie hätte er es vergessen können? "Wann? Wo?"

Trotz des warmen Wassers fröstelte Nel. Er öffnete den Mund, schloss ihn und öffnete ihn erneut. Dann wandte er den Blick ab und stand abrupt auf. "Ich... es tut mir leid..." Hastig kletterte er aus dem Becken, griff im Vorbeigehen nach einem der Tücher und hatte nur Momente später den Quellraum verlassen.

Verblüfft starrte Rin ihm hinterher. War das die falsche Antwort gewesen? Nel hatte doch selber gesagt, es wäre unwahrscheinlich, dass er sich erinnerte. Mit beiden Händen strich er sich das feuchte Haar aus dem Gesicht; dann folgte er Nel bedachter, nachdem er sich abgetrocknet hatte, um ihm etwas Zeit zu geben.

Er fand ihn direkt vor dem Feuer, wo er noch immer in das Tuch gewickelt stand, als wüsste er nicht, was er nun tun sollte. Rin beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, während er sich anzog. Nel sah so hilflos und verloren aus, dass er ihn in die Arme nehmen und beschützen wollte. Doch noch ehe er etwas sagen konnte, hob Nel den Kopf, schaute kurz zu ihm hin und legte das Tuch beiseite, um sich selber anzuziehen.

Sie schwiegen noch immer, als Nel Gemüse für das Abendessen zu putzen begann. Rin richtete das Dreibein im Kamin aus, befestigte das Rost in der Mitte und stellte die große Pfanne darauf. Nach wie vor kreisten seine Gedanken darum, woher er Nel kennen sollte. Er hörte Schritte hinter sich und drehte sich noch in der Hocke um. Nel hielt eine Schale mit klein geschnittenen Wurzeln in der Hand, aber wich seinem Blick beständig aus.

"Du weißt, dass du es mir nicht sagen musst", meinte Rin schließlich. "Ich wüsste gerne, wer du bist. Aber du wirst deine Gründe haben. Ich kann warten, keine Sorge."

Er stand auf, um Nel die Schale abzunehmen, doch da dieser nicht losließ, legte er seine Hände über die des anderen Mannes und hielt inne. Es war ein seltsames, warmes Gefühl, als Nel endlich zu ihm empor sah. Fast fühlte er sich ihm näher als im Wasser. Der Feuerschein umschmeichelte das zarte Gesicht und malte einen rötlichen Schimmer in das helle Haar, ließ die Haut samten erscheinen und makellos, als wäre er nicht von dieser Welt. 'So schön...'

"Ich bin so gerne hier... bin so gerne bei dir", flüsterte Nel. "So wie bei dir habe ich mich noch nie gefühlt. So... gleich. So... willkommen und erwünscht, obwohl ich doch auf diese Art zu dir gekommen bin. Ich habe Angst, Rin. Angst, dass die Freundlichkeit aus deinen Augen verschwindet. Ich will es dir sagen. Gib mir nur noch ein bisschen mehr Zeit, ja?"

Rin wusste nicht so genau, wie es geschehen war, auf jeden Fall hatte er mit einer Hand die Schale losgelassen, über Nels Wange gestreichelt, und mit einem Mal hielt er ihn im Arm. Nel klammerte sich an ihn und presste das Gesicht gegen seine Schulter. Sein feuchtes Haar kitzelte Rins Wange; er drehte den Kopf, um die Nase darin zu vergraben, und sog einen weichen Duft wie nach Sommerfrüchten ein, der so typisch für Nel war.

Lange standen sie einfach nur da und hielten einander. Es war ein herrliches Gefühl, und Rin wollte Nel niemals wieder loslassen. Fast ängstigte es ihn, wie sehr er sich in den jungen Mann verliebt hatte. Ob es das war, was Nel ihm nicht zu sagen wagte? Dass auch er gegen alle Gesetze für ihn fühlte?

Schließlich trennten sie sich von einander. Schweigend bereiteten sie das Essen zu, doch es war ein gutes Schweigen, vertraulich und voller Einvernehmen. Immer wieder ertappte Rin sich bei Seitenblicken zu Nel hin, und genauso häufig sah Nel zurück. Jedes Mal lächelte er schüchtern, aber wandte auch immer gleich den Blick ab.

Vorsichtig unterhielten sie sich nach dem Essen bei ihrem schon fast rituellen Tee vor dem Kamin nur über Themen, die weit von allem lagen, was mit Nähe und Vertrautheit zu tun hatte. Und als sie ins Bett gingen, ließen sie mehr Raum zwischen einander als in den vorangegangenen Nächten.

Dennoch fühlte Rin sich mit Nel so wohl wie niemals zuvor. Das Lächeln lag noch auf seinen Lippen, als das Feuer im Kamin schon längst niedergebrannt war und er an Nels tiefen, gleichmäßigen Atemzügen hören konnte, dass der junge Mann eingeschlafen war.


© by Pandorah