Die Hütte im Schnee

3.

Die nächsten Tage änderten nichts an der eigenartigen Stimmung, die zwischen ihnen herrschte. Rin hatte das Gefühl, auf einem schmalen Grat zwischen dem Bedürfnis nach mehr Nähe und der Sorge, zu weit zu gehen, zu balancieren. Er wusste nie, wann der Pfad sich mehr nach der einen oder der anderen Richtung wand.

Nel lächelte, als Rin erwähnte, dass er ihm im Frühling blütenübersäte Hänge zeigen und ihn im Sommer gar bis in die Berge mitnehmen wollte. "Meinst du denn, so lange hältst du es mit mir aus?"

"Oh, sogar noch sehr viel länger. Ich habe dich gerne hier. Sehr gerne." Rin erwiderte das Lächeln.

Die Antwort brachte Nel zu einem herzallerliebsten Erröten und ließ ihn den Kopf senken, aber vertiefte das Lächeln noch.

Ein anderes Mal bat Nel bei einem komplizierteren Webmuster um Rins Hilfe. Nachdem er ihm den Platz am Webstuhl überlassen hatte, stützte er sich mit einem Knie direkt neben Rins Hüfte ab, den Arm halb um seine Schultern gelegt. Natürlich fiel es Rin schwer, sich zu konzentrieren, und schließlich konnte er es nicht mehr verhindern, dass er den Kopf leicht gegen Nels Hand neigte. Für einen winzigen Moment spürte er, wie Nel ihn streichelte, die Fingerspitzen über den Kiefer, der Daumen hauchzart am Hals entlang, dann hielt er damit inne.

"Nel", murmelte Rin und sah auf. Er wollte ihm etwas sagen, dass er ihn sehr mochte vielleicht, dass er ihn gern in seinen Armen halten wollte oder ihn küssen oder beides. Aber Nels gerötetes Gesicht war abgewandt; er hatte die Lippen zusammen gepresst und sah aus, als ob er wütend war und sich schrecklich schämte. Nur einen Moment später zog er sich auch schon zurück und hinterließ ein Gefühlschaos in Rin, der sich fragte, wo der Fehler gewesen sein mochte.

Nels Schlaf war unruhiger geworden als in den ersten Nächten nach seiner Genesung. Er warf sich im Bett herum, gab unverständliche Wortfetzen von sich und schreckte oft hoch, ohne wirklich wach zu werden. Einmal weinte er und war nicht zu beruhigen, bis Rin ihn in den Arm nahm. Er brauchte lange, bis er sich wieder gefangen hatte. Ganz leise vermeinte Rin irgendwann ein "Danke" zu hören, dann drängte sich der schlanke Körper enger an ihn. Den Rest der Nacht bewegte Nel sich nicht mehr aus seinen Armen fort; er schlief ruhig und tief bis zum nächsten Morgen durch.

Rins Tag begann herrlich, als er erwachte und Nel noch immer in seinen Armen vorfand. Noch herrlicher wurde es, als er bemerkte, dass das Feuer schon im Kamin flackerte und der Duft von Hagebuttentee die Hütte füllte. Offensichtlich war Nel auf gewesen – und trotzdem zu ihm zurückgekommen. Zufrieden brummte er und öffnete die Augen ganz.

Nels Gesicht war direkt vor ihm, die hellen blauen Augen betrachteten ihn aufmerksam, und um den Mund lag ein warmes Lächeln. Rin konnte seine Hand nicht davon abhalten, die kurzen Haare in Nels Nacken zu streicheln; es erfüllte ihn mit Glück, dass Nel sich nicht entzog.

Lange Zeit bewegten sie sich nicht, bis sich Rins drückende Blase sehr unromantisch bemerkbar machte und sich bald nicht mehr ignorieren ließ. Mit einem Seufzen streckte er sich schließlich. "So ungern ich es zugebe, muss ich doch jetzt raus."

Nel setzte sich auf und ließ den Blick einmal schnell über Rins nackten Oberkörper gleiten, ehe er sich ein wenig errötend, aber noch immer lächelnd abwandte. "Der Tee ist fertig, und wenn du zurück bist, ist der Haferbrei es sicher auch."

Unwillkürlich musste Rin an den ersten Tag denken, an dem Nel zu sich gekommen war. Da war er auch so seltsam scheu gewesen. In der Zwischenzeit hatten sie sich jedoch so häufig nackt gesehen, dass wahrlich kein Grund mehr für Scham bestand.

Im Vorbeigehen nahm Rin den Pelz vom Sessel, hüllte sich darin ein und stieg im Vorraum in seine Stiefel, ehe er die Hütte verließ. Der Himmel war noch dunkel, und die eisige Kälte weckte ihn gänzlich auf. In der Nacht hatte es nicht geschneit, so dass der Weg, den sie gegraben hatten, noch gut begehbar war. Gähnend folgte er ihm bis zum Abort um die Hütte.

Auf dem Rückweg hielt er überrascht inne. Ein schwaches Leuchten huschte über den Himmel und verschwand wieder. Nur Momente später folgte ein zweites, ein grünes Band aus Licht, und ehe sich Rin versah, tanzten die Lichter überall über den Himmel.

Es war lange her, dass er das Phänomen hatte beobachten können. Freudig kehrte er in die Hütte zurück. "Nel, zieh dir was Warmes über und komm mit raus! Die Himmelsgeister halten Hochzeit."

Überrascht stellte Nel den Topf mit Brei auf den Tisch und lief, um ihre fellgefütterten Umhänge, die Mützen und Handschuhe zu holen, während Rin sich eilig anzog. Dick eingemummelt verließen sie die Hütte und stapften zu einem nahen Hügel, um einen uneingeschränkten Blick zu haben.

Es bereitete Rin genauso viel Freude, Nels ehrfürchtiges Staunen zu sehen, wie die herrlichen Tänze der Himmlischen zu bewundern, die sich in einem Farbreigen in Grün, Rot und hier und da Violett durch das sternenübersäte Schwarz zogen. Sie ließen den Schnee schimmern, so dass die Frostgeister an ihrer Feier teilhaben konnten. Fast vermeinte Rin, sie hier und da selber tanzen zu sehen. Das Singen des Windes und das Aneinanderreiben der Schneeflocken waren ihre Melodie.

"Es ist so... wunderschön", flüsterte Nel ergriffen nach einer langen Zeit, in der sie nur stumm beieinander gestanden hatten. Langsam verblassten die Lichter, als sich die Sonne dem Horizont zu nähern begann und das Schwarz einem tiefen Blau wich. Nel wandte sich halb zu Rin um, ohne den Blick vom Himmel zu lassen. "Das letzte Mal, als sie Hochzeit hielten, war ich noch ein Kind, zu klein, um mich wirklich zu erinnern."

"Sie feiern meist weiter im Norden." Rin lächelte und hob gerade den Arm, um Nel zu umfangen, als ihn ein Gedanke die Stirn runzeln und in der Bewegung innehalten ließ. Er hatte Nel auf Anfang zwanzig geschätzt, auf keinen Fall älter als dreißig. Der letzte Hochzeitstanz, an den er sich erinnern konnte, war jedoch bestimmt vierzig Sonnenläufe her.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, erschauderte Nel leicht. "Ich..." Seine Augen weiteten sich, sein Blick glitt an Rin vorbei. Mit einem erstickten Aufschrei riss er die Arme hoch.

Rin wirbelte herum. Er sah die Schneelöwin in dem Moment, als sie zum Sprung ansetzte. Rin dachte nicht nach, als er sich ihr entgegen warf. "Lauf, Nel!"

Der erwartete Aufprall kam nicht. Stattdessen fiel Rin der Länge nach in den Schnee. Sich herum rollend wollte er wieder auf die Beine springen, aber blieb vor Überraschung einfach nur auf dem Rücken liegen. Die Löwin schwebte in der Luft, einen guten Schritt über ihm, eingefroren mitten im Sprung. Rin starrte einen langen Moment nur, ehe er sich aufsetzte.

"Rin?" Nels Stimme klang gleichermaßen angespannt wie verängstigt.

Ein Schauer kroch Rins Rücken hinab, Hoffnung und zugleich Furcht erfüllten ihn. Er atmete einmal tief durch, dann kroch er unter der Löwin hervor und wandte sich Nel zu. Der junge Mann war blass, sein Blick starr, wie nach innen gerichtet. Kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Noch immer hielt er die Arme empor gereckt; es war keine Schutzgeste, wie Rin zuerst gedacht hatte. Eher schien er etwas Unsichtbares zu halten. Etwas, das sehr schwer war.

'Er ist wie ich. Wie ich...!' Rin verdrängte die aufsprudelnde Freude. Was auch immer Nel dort genau tat, er konnte es nicht lange durchhalten. "Kannst du laufen, ohne ihn loszulassen? Wir müssen es nur bis zum Garten schaffen."

Nel nickte knapp. Rin trat zu ihm, legte ihm die Hände auf die Taille und zog ihn langsam mit sich. Der Weg war nicht weit, doch Nel keuchte und zitterte bereits, als sie die Grenze überschritten. Rin umfing ihn von hinten mit den Armen und zog ihn an sich.

"Lass ihn los", sagte er leise. "Wir sind in Sicherheit."

Ein Beben ging durch Nels Körper, dann sackte er zusammen. Rin hielt ihn, während er beobachtete, wie die Löwin fiel. Geschickt fing sie sich und verharrte einen Moment, dann schüttelte sie sich, als sei sie in einen Regenschauer geraten, und folgte in gemäßigtem Trott der menschlichen Spur. Nur einen Schritt von ihnen entfernt hielt sie inne. Fasziniert betrachtete Rin das schneeweiße Fell, das sie so vortrefflich tarnte, das geschmeidige Spiel der Muskeln, als sich die Löwin unschlüssig hierhin und dorthin wandte. Jetzt, wo sie in Sicherheit waren, konnte er die Schönheit des Tieres bewundern. Herrlich war es, voller Kraft und Eleganz. Mit peitschendem Schwanz sah sich die Schneelöwin noch einmal um und trottet schließlich verwirrt davon.

Erschaudernd drehte sich Nel in Rins Armen um und barg das Gesicht an seiner Schulter. Rin drückte ihn noch einmal an sich, dann drängte er ihn sanft zurück ins Innere der Hütte. Er fror trotz der Aufregung. Für einen ausgedehnten Aufenthalt in der Kälte waren sie nicht warm genug angezogen, und die Himmlischen hatten lange getanzt. Ob sie die Löwin angelockt hatten, damit Nel sein Versteckspiel aufgab?

Erst als Rin die Tür des Vorraumes hinter ihnen geschlossen hatte und Nel den Umhang abnahm, kehrte wieder Leben in den jungen Mann zurück. Ängstlich senkte er nach einem kurzen Seitenblick den Kopf, ehe er die Stiefel gegen weiche Schuhe austauschte.

"Ich... ich wollte es dir sagen", flüsterte er heiser.

"Ich weiß. Du musst keine Furcht haben. Setz' dich." Rin schob ihn zum Tisch, wo unbeachtet die Schalen mit Haferbrei standen, und drückte ihn auf die Bank. Dann schüttete er den erkalteten Tee zurück in den Kessel, füllte die Becher neu auf und kehrte zu Nel zurück. Gemütlich setzte er sich ihm gegenüber, schob ihm einen Becher zu und betrachtete Nel mit einem Lächeln. "Iss. Mir macht es immer Hunger. Und danach können wir endlich offen reden. Du bist immerhin nicht der Einzige mit Geheimnissen."

Überrascht hob Nel den Kopf. Dann huschte ein scheues Lächeln über sein Gesicht, selbst wenn er noch immer so aussah, als fürchtete er sich zu Tode. Rin fand ihn unwiderstehlich in seiner Unsicherheit, während tief in ihm langsam das Glück emporzusprudeln begann. Nel war wie er.

Nel aß so hungrig, dass Rin ihm seine eigene Schale ebenfalls zuschob. Nel nahm sie dankbar an, vielleicht auch nur, um den Moment hinauszuzögern, in dem Rin mit Fragen beginnen würde, doch Rin ließ ihm diese Zeit, während er sich mit Tee aufwärmte.

Schließlich schob Nel die Schale von sich und griff mit einem Aufseufzen nach dem Tee. Noch immer schweigend zogen sie vom Tisch ganz selbstverständlich in die gemütlichen Sessel vor dem Kamin um. Rin hatte in den vergangenen Wochen auch einen für Nel gebaut.

"So, wir haben es warm, bequem, und du bist satt. Wir haben unseren leckeren Tee, und ich habe jede Menge Fragen an dich. Umgekehrt willst du gewiss auch so das eine oder andere von mir wissen." Rin lehnte sich zurück und stützte den Becher auf der breiten Seitenlehne ab. "Lass uns mit der Fragerei abwechseln. Wie alt bist du wirklich?"

Nel sah ihn nicht an, als er leise antwortete. "Ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall mehr als vierzig Sonnenläufe, auch wenn ich nicht so aussehe." Er schoss einen kleinen Seitenblick. "Und du?"

Einen langen Moment dachte Rin einfach nur nach. Er konnte die Frage genauso wenig präzise beantworten. Er bewohnte seine kleine Hütte seit mehr als fünfzig Sonnenläufen, so viel war sicher. Davor war er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf gezogen, hatte sich immer wieder für kürzere oder längere Zeit niedergelassen.

"Ich müsste in einem Archiv oder bei einer Stadtverwaltung nachforschen, wann Fürst Ihl regiert hat", sagte er schließlich mit einem Grinsen. "Dann könnte ich es dir ausrechnen. Fest steht, dass ich weit mehr als einhundertfünfzig Sonnenläufe gesehen habe. Vielleicht sind es sogar schon zweihundert."

Ruckartig hob Nel den Kopf und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. "Die Dorfältesten sagen, dass du seit deiner Ankunft um keinen Tag gealtert bist! Dann ist es... wahr? Nicht nur eine falsche Erinnerung aus Kindertagen? Wie kann das sein?"

Rin lachte leise auf. "Du siehst es doch an dir. Ich glaube, es liegt an der Kraft, die wir beide innehaben. Sie hält auch die Zeit von uns fern."

"Aber wie? Haben sie recht? Bist du ein Dämon? ... Bin ich es?"

Für einen Augenblick wollte Rin ihn unterbrechen und ihn daran erinnern, dass erst einmal er seine Frage stellen durfte, von denen er reichlich hatte. Aber das zarte Gesicht war so blass und so voller Angst und Sorge, dass er den Gedanken aufgab.

"Ich weiß es nicht", antwortete er ehrlich. "Aber wenn wir wirklich Dämonen sind, dann kann nicht stimmen, was man über sie erzählt. Ich habe nie Krallen und Reißzähne bekommen oder bin über Wehrlose hergefallen, um sie aufzufressen. Ich führe auch nicht regelmäßig Menschen in ihr Verderben, stehle ihnen die Seelen oder bringe Krankheit und Tod. Im Gegenteil. Meine Fähigkeit ist das Schützen, deswegen kam die Löwin nicht über die Grenzen zu meinem Garten. Ich habe lange gebraucht, bis der Bann so gut war, wie er jetzt ist. Und ich kann bei Wunden helfen, wenn Heilkundige am Ende ihres Wissens angelangt sind. Selbst das lässt sich bei misstrauischen Gedanken als Dämonenwerk betrachten."

Seelenfängerei hatte man es damals genannt, das Betören von unschuldigen Herzen, um sie vom Licht fort in die Dunkelheit zu locken; man hatte die Tempelwache geholt. Damals war er nur knapp mit dem Leben davonkommen. Den Gedanken mit einem Schaudern verscheuchend kehrte Rin in die Gegenwart zurück und zu dem Mann, der ihn aus großen Augen ansah. Lächelnd erwiderte er den Blick. "Du hast dich die ganze Zeit so sehr darum bemüht, mir nicht zu zeigen, dass du Ungewöhnliches beherrscht. Aber als ich in Gefahr war, hast du nicht gezögert, dich zu offenbaren, um mir zu helfen. Ist das böse? Ich glaube nicht."

"Ich könnte es getan haben, um mich zu tarnen", schlug Nel zögerlich vor.

Rin musste schmunzeln. "Du weißt, dass es nicht so ist, und das ist alles, was zählt. Sag mir, was im Dorf geschehen ist, dass du ohne jede Vorbereitung weggelaufen bist."

Einen Moment lang dachte er, Nel würde sich weigern, doch dieser suchte offenbar nur nach den richtigen Worten. Sein Blick war ins Feuer gerichtet und gleichzeitig fern, gedankenverloren drehte er seinen Becher in den Händen. Einsamkeit schien ihn einzuhüllen; Rin spürte das drängende Verlangen, ihn in den Arm zu nehmen und sie zu vertreiben. Unbewusst hatte er sich schon aufgerichtet, als Nel schließlich leise zu sprechen begann.

"Meine Mutter war eine Fremde, ich weiß nicht, ob du dich an sie erinnerst. Sie kam hochschwanger ins Dorf, ohne Gemahl, ohne Familie. Man hat sie widerwillig aufgenommen, aber sie hat nie dazu gehört. Sie nannten sie hinter vorgehaltener Hand eine Hexe und mich einen Bastard. Trotzdem haben sie mich eher akzeptiert als sie. Es wurde besser, als sie gestorben ist, und der alte Ohle, der Schankwirt, mich aufgenommen und mir Arbeit gegeben hat. Aber irgendwann haben sie bemerkt, dass ich nicht altere. Zuerst waren da die Blicke. Dann kamen die Gerüchte wieder. Hexenkind. Dämonenbrut." Nels Stimme war beinahe körperlos, schwebte durch den Raum und beschrieb ein Leben umgeben von Misstrauen und Einsamkeit. "Ich wollte gehen, mich in der Stadt verstecken und ein neues Leben anfangen."

An der Stelle löste er das erste Mal den Blick vom Feuer und wandte ihn Rin zu. Es überraschte Rin, ihn lächeln zu sehen. Nel war, obwohl er inmitten anderer Menschen gelebt hatte, nicht wesentlich weniger allein gewesen als er. Doch im Gegensatz zu ihm hatte Rin sein Leben selber gewählt.

"Ich habe es nicht getan. Denn da gab es noch mehr Gerüchte. Gerüchte über den alten Einsiedler hinter dem Feenwald, der seltsame Fähigkeiten haben sollte. Er könne aus dem Nichts auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden. Feen würden ihn als ihresgleichen anerkennen und lockten ihn nicht in die Irre. Er habe den bösen Blick. Er sei ein weiser Irrer, ein unberechenbarer Dämon, ein guter Geist." Nel lachte. "Ich wollte ihn kennenlernen. Dich kennenlernen. Ich habe gehofft, dass du mir helfen könntest, mit den seltsamen Fähigkeiten umzugehen. Denn dass nicht jeder Dinge schweben lassen kann, war mir schon sehr früh klar. Aber ich habe es nicht gewagt. Die wenigsten Dämonen vertragen sich untereinander, sagt man. Außerdem lag ja auch noch der Wald zwischen dir und mir. Und wenn du wirklich einfach so verschwinden könntest, was sollte ich tun, wenn du nicht von mir besucht werden wolltest? Ich habe viele Ausreden gefunden!"

Jetzt lachte auch Rin. "Du musst mir bei Gelegenheit mehr von den Gerüchten um meine Person erzählen. Den weisen Irren kannte ich noch nicht. Aber was hat dich dazu gebracht, mitten im Winter doch nach mir zu suchen?"

Nel schnitt eine unbehagliche Grimasse. "Unbedachtheit. Reflex. In der Schänke ist eine Schlägerei ausgebrochen. Normalerweise bekommen Ohles Söhne das schnell in den Griff, aber dieses Mal ist es ausgeartet. Jemand hat einen Hocker geworfen. Ich habe mich in dem Moment umgedreht und ihn direkt vor mir gesehen. Ich habe ihn wie die Löwin mitten in der Luft angehalten, um nicht getroffen zu werden. Dummheit. Es hätte nur eine Weile wehgetan... Sie haben ihre Streitigkeiten sehr abrupt vergessen und sich gegen mich verbündet." Er fröstelte, stand auf und trat näher ans Feuer. Unbewusst umfing er sich mit den Armen, als würde er frieren. "Der Priester hat versucht, den Dämon in mir zu vertreiben. Er hat sich wirklich bemüht, und ich bin mir sicher, er hat es gut gemeint. Aber es hat nicht geholfen. Sie haben sich beraten und sind zu dem Schluss gekommen, es gäbe keinen Dämon in mir. Ich sei der Dämon. Und als sie tun wollten, was man mit Dämonen tut, bin ich geflohen."

Rin hatte seine eigenen Vermutungen angestellt, was vorgefallen sein mochte, doch damit hatte er nicht gerechnet. Er schauderte. Die anerkannte Art, einen Dämon zu vertreiben, der menschliche Gestalt angenommen hatte, war, ihn zu töten. Langsam und qualvoll, damit die Seele diese Qual verinnerlichte und nie wieder Besitz von einem sterblichen Körper ergriff. Aufzustehen und zu Nel zu treten, war eines. Er umarmte ihn von hinten und zog ihn an sich.

"Hier bist du sicher", sagte er leise. "Bleib bei mir, nicht nur für diesen Winter."

Wieder erbebte Nel, dann lehnte er sich zurück und ganz in Rins Umarmung. Mit geschlossenen Augen drehte er den Kopf, um das Gesicht gegen Rins Hals zu schmiegen. Es reichte nicht; er wandte sich gänzlich um und schlang die Arme fest um ihn. "Rin... ich... du hast mich immer spüren lassen, dass ich willkommen bin. Ich hatte so eine Angst, dass du mich anschaust, wie sie mich angesehen haben, voll Abscheu und Hass. Ich hatte solche Frucht, das warme Gefühl zu verlieren, das du mir gegeben hast. ... dich zu verlieren."

"Jetzt nicht mehr?", murmelte Rin, während er spürte, dass eine Anspannung von ihm wich, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass sie da war.

Nel hob den Kopf; seine Augen schimmerten vor Glück. "Jetzt nicht mehr."

Rin erwiderte das Lächeln und spürte, wie eine Welle der Zärtlichkeit ihn überrollte. Endlich tat er, was er sich schon seit Wochen erträumt hatte. Er zog Nel noch enger an sich und küsste ihn.


© by Pandorah