Die Hütte im Schnee

4.

Nel war so anschmiegsam, weich und nachgiebig, wie Rin es sich erträumt hatte. Der schlanke Mann öffnete sich ihm, erwiderte die vorsichtigen Zungenspielereien und lockte Rin in neue Tänze, wenn er sich zurückziehen wollte. Selbstvergessen küssten sie sich und konnten für lange Zeit nicht damit aufhören.

Schließlich befand Rin, dass es zu ungemütlich wurde, vor dem Kamin zu stehen und zog Nel mit sich zu seinem Sessel und auf seinen Schoß. Dort küssten sie einander erneut, bis sich Nel einfach nur noch mit geschlossenen Augen in Rins Arme schmiegte, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Rin hielt ihn und fühlte sich unbeschreiblich glücklich.

Leise unterhielten sie sich über das Anderssein; zum einen natürlich über ihre Fähigkeiten, aber auch darüber, dass sie beide zuvor immer schon für Männer gefühlt und es nur selten zu zeigen gewagt hatten. Was es hieß, jung zu sein, obwohl man schon viele Sonnenläufe zählte, während die Menschen um einen herum Falten bekamen und gebeugter gingen.

"Ich bin froh, dass ich älter bin als jeder Mensch", erklärte Rin zufrieden und grub das Gesicht in Nels weiches Haar, "... mmh, du riechst so gut... sonst hätte ich dich nie getroffen. Vielleicht war das der Grund, warum ich all die Zeit hier geblieben bin, obwohl sie mich misstrauisch betrachtet haben. Weil ich auf dich gewartet habe."

Mit einem Lächeln hob Nel den Kopf und tastete mit den Lippen nach Rins Mund, um ihn weich zu küssen. "Ich wollte in die Stadt. Ich habe gehofft, dass es dort anders ist. Aber ich habe es nie getan. Und immer, wenn ich die Reise wieder hinausgeschoben habe, musste ich an den geheimnisvollen Einsiedler denken. Vielleicht..." Er wurde rot. "Vielleicht sind wir ja füreinander bestimmt", flüsterte er und versteckte das Gesicht an Rins Schulter.

Rins Lächeln wurde breiter; er drückte Nel fest an sich. "Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass du hier bist."

In dem Moment knurrte sein Magen fordernd, was Nel zum Lachen brachte. "Oh je, du Armer! Du hast ja gar nichts gegessen, nachdem ich dein Frühstück bekommen habe. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Bestimmt schon Mittag!"

Nach einem weiteren Kuss gelang es ihnen endlich, sich voneinander zu lösen und aufzustehen. Ein Blick auf den verschwindend kleinen Stapel Scheite neben dem Kamin zeigte Rin, dass er neues Holz holen musste.

Nel grinste und fragte neckend: "Soll ich dich begleiten? Falls ich dich wieder vor angreifenden Löwen retten muss, wäre es schon besser, wenn ich in der Nähe bin. Aber es reicht vielleicht auch, wenn du einfach laut genug nach mir schreist."

Für die freche Bemerkung bekam er einen Klaps auf den Hintern und einen kleinen Biss in den Nacken, der ihn zum Erschauern brachte. Dann stapfte Rin gut gelaunt nach draußen. Als er zum dritten Mal mit Holzscheiten beladen zurückkehrte, empfing ihn bereits der Duft nach deftigem Eintopf; nur wenig später konnte er sich davon überzeugen, dass es auch genauso gut schmeckte, wie es roch. Nel konnte wirklich hervorragend kochen.

Nachdem sie im Anschluss an das Essen faul ein wenig verdaut und geschmust hatten, entschieden sie sich dafür, vor Einbruch der Dunkelheit noch ein paar Schritte zu laufen, einfach, um sich bewegen zu können. Sie mummelten sich dick ein, schnallten die Schneeschuhe unter und marschierten los.

Vorsichtshalber nahm Rin seinen Speer statt eines Steckens mit; sie folgten den Spuren der Löwin ein Stück, doch es schien, als hätte sie das Weite gesucht. Rin gab es vor sich zu, er wollte nicht, dass Nel überraschend angegriffen wurde und vielleicht nicht schnell genug reagieren konnte. Lieber überzeugte er sich davon, dass keine Gefahr mehr bestand.

Mit dem Beginn der Dämmerung kehrten sie zurück, zu früh für ihr Gefühl, aber dennoch zur rechten Zeit. In Winternächten waren die Frostgeister zu gefährlich, um sie unbedacht herauszufordern. Als Rin gerade seine Schneeschuhe an die Hüttenwand lehnte, traf ihn ein Schneeball. Nel lachte fröhlich auf, als er sich verdutzt umdrehte, und nur einen Moment später war eine ausgelassene Schlacht im Gange. Sie wurde erst beendet, als es zu dunkel war, um die Geschosse zu sehen, geschweige denn zu zielen. Gut gelaunt und außer Atem betraten sie schließlich die Hütte.

Rin legte neues Holz auf das heruntergebrannte Feuer, während Nel die Schneeschuhe an ihrem Platz im Vorraum unterbrachte. Als er beim Hereinkommen die Tür hinter sich schloss, sperrte er damit die Kälte, die Nacht und den auffrischenden Wind gänzlich aus.

Aus der Hocke heraus sah Rin auf und zu Nel hin, der mit gerötetem Gesicht und von der Mütze verstrubbelten Haaren endlos niedlich aussah. Rin musste lächeln und spürte Glück, als würde es in zahllosen Bläschen in ihm empor sprudeln. Weich erwiderte Nel das Lächeln, was dieses unbeschreibliche Glücksgefühl in Rin noch verstärkte.

Ohne dass sich ihre Blicke voneinander lösten, stand Rin auf und ging langsam auf Nel zu. Herrlich, allein die großen, seelenvollen Augen, die nur für ihn leuchteten. Und der sanfte Mund, von dem Rin wusste, wie nachgiebig er war, wie gut er küssen konnte. Es machte, dass er es gleich wieder tun wollte. Doch er hob nur die Hand und strich zart mit den Fingerkuppen über Nels Wange. Nel erschauerte, seine Lippen teilten sich, und er seufzte leise.

"Du bist... so wunderschön", murmelte Rin hilflos. "So unglaublich... unfassbar schön. Überall. Innen und außen." Es klang seltsam, und Rin wünschte, es passender, poetischer ausdrücken zu können; aber es war genau das, was er meinte.

Nels Wangen röteten sich, während sich sein Lächeln vertiefte. Er schmiegte sich gegen Rins Hand, dann legte er seine eigene darüber. Leicht drehte er den Kopf, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, und küsste Rins Fingerspitzen.

"Ich war nie glücklicher", sagte er leise. "Ich will dich auch glücklich machen."

"Aber das machst du." Rin verstummte; er wusste nicht, was er sagen sollte, doch es war auch nicht nötig. Er konnte in Nels Augen sehen, dass er verstand. Mit einem tiefen Seufzen zog Rin ihn einfach nur an sich und gab seinen Gefühlen nach, indem er ihn küsste. Nel legte die Arme um ihn und erwiderte den Kuss hingebungsvoll.

Eine lange Zeit standen sie einfach nur da und küssten einander. Rin vergaß die Welt um sich. Nichts war wichtig außer dem Mann in seinen Armen. Doch bald merkte er, dass die Nähe zu wenig war – oder auch zu viel. Er wollte mehr davon, viel mehr. Entweder ließ er Nel los, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, oder sie würden jetzt und auf der Stelle weiter gehen. Er wollte Nel nicht erschrecken oder ihn überrumpeln, er wollte ihm Zeit geben. Aber wenn er nicht gleich handelte, gab es kein Überlegen mehr.

Schwer atmend löste er sich von ihm. Der Anblick des geröteten Gesichts, aus dem ihn verschleiert die schönen Augen ansahen, und die leicht geöffneten, feuchten Lippen waren nicht dazu gemacht, die Beherrschung zu bewahren. Rin entfuhr ein Seufzer, als ihn heißes Begehren durchfuhr. Er konnte nicht die Kraft aufbringen, Nel loszulassen oder ihn gar von sich zu schieben. Alles, was er tun konnte, war, ihn nicht sofort erneut zu küssen.

"Ich will dich", flüsterte er heiser. "Nel, ich..."

"Hör nicht auf!" Unerwartet hitzig umschlang Nel ihn und reckte sich ihm entgegen, um seine Lippen wieder auf Rins Mund zu pressen. "Hör nicht auf...", murmelte er dort noch einmal, ehe Rins Zunge ihm keinen Raum mehr zum Sprechen ließ.

Einen kurzen Moment lang dachte Rin an das Bett, doch er vergaß es gleich wieder, als er mit den Händen unter Nels dickes Wollhemd fuhr. Die warme, weiche Haut fühlte sich wundervoll an, und er konnte kaum genug davon bekommen, über sie zu streicheln, die Rippen und das Rückgrat zu ertasten, bis zum Nacken empor zu wandern und dort die zarten Härchen zu liebkosen. Es brachte Nel zu einem wonnigen Laut. Er ahmte den Weg von Rins Händen auf dessen Rücken nach, erst noch über dem Pullover, doch bald ließ auch er seine Finger darunter gleiten.

Sie brauchten nicht lange, um sich von der Kleidung zu befreien, während sie unter unzähligen Küssen zum Bett stolperten. Die Decken waren kühl, aber es störte sie nicht, als sie in enger Umarmung auf die Matratze sanken. Rin spürte Nels schlanken Körper unter sich, die schmalen Hände auf seinem Seiten, wie sie ihn erkundeten, empfindliche Stellen fanden und wieder verließen, während Nels Lippen nicht von den seinen lassen wollten.

Rin erwiderte die Küsse noch einen Moment lang, ehe er tiefer wanderte und den Hals mit Liebkosungen bedeckte, dann seinen Weg zu den Schultern und zur Brust fortsetzte. Nel war wunderschön, er wollte ihn mit seinem ganzen Körper erfahren, wie er ihn mit den Augen schon so oft erforscht hatte. Während seine Finger über die Rippen strichen und zu den Hüften wanderten, richtete er sich zwischen Nels Beinen halb auf die Knie auf, um mehr Raum für seine Erkundungen zu haben.

Vorsichtig nippte er auf der Brust entlang, hier und dort kleine Bisse verteilend, ehe er es wagte, die Brustwarzen zu berühren. Nels leises Aufstöhnen erfüllte ihn mit Freude. Abwechselnd umkreiste er sie mit der Zunge, saugte sanft daran, knabberte zart und lauschte immer wieder auf die Reaktion seines Geliebten, um herauszufinden, was ihm am besten gefiel. Doch bald hatte er nicht mehr die Geduld dazu. Er küsste sich über den Bauch weiter hinab, verweilte einige Augenblicke bei dem hübschen Nabel und betrachtete atemlos den Schoß, ehe er die empfindliche Haut der Leisten zu liebkosen begann.

Nel griff nach ihm, vergrub die Finger in seinen Haaren und nahm gleichzeitig die Beine weiter auseinander, um ihm mehr Platz zu geben. Allein der Anblick ließ Rin aufstöhnen. Ein Drängen und Sehnen füllte ihn, dem er am liebsten sofort nachgegeben hätte, aber er konnte nicht von diesem köstlichen Körper lassen. Hitzig küsste er die empfindlichen Innenseiten der Oberschenkel, strich mit flachen Händen Nels Bauch empor und wieder zur Brust, dann erneut hinab, um die Hände unter Nels Po gleiten zu lassen und ihn zu umfassen. Er hob Nels Hüfte leicht an und senkte den Mund auf Nels Erektion.

Mit einem Aufkeuchen bäumte Nel sich empor. "Rin... oh Rin!" Er schlang die Beine um Rins Oberkörper und vergrub die Finger in den Decken, während er sich unter den Zärtlichkeiten wand. Nels Geschmack war herrlich, und der Duft berauschte Rin regelrecht. Er genoss es, seinem Geliebten immer leidenschaftlichere Laute zu entlocken und hätte gewiss nicht aufgehört, ehe Nel gekommen wäre, wenn dieser sich nicht schließlich freigewunden und Rins Kopf energisch von sich geschoben hätte.

"Ich will mehr von dir", sagte er heiser und sah Rin in die Augen. "Ich will dich kennenlernen. Ich will dich endlich überall anfassen können, nachdem ich mich so lange danach gesehnt habe."

Überrascht von der Bestimmtheit und erfreut über Nels Neugierde nickte Rin und ließ sich auf den Rücken drängen. Es war süße Qual, als Nel den Weg nachahmte, den Rin auf seinem Körper genommen hatte, ihn hier und da mit kleine Küssen und Bissen reizend, an anderen Stellen einmal mit der flachen Zunge, dann wieder nur mit der Zungenspitze neckend. Doch im Gegensatz zu Rin kniete er sich nicht über ihn, sondern drehte sich neben ihm sitzend, so dass Rin den verlockenden Schoß die ganze Zeit vor Augen hatte. Er wollte ihn dort berühren und wieder schmecken; seine selbst auferlegte Zurückhaltung steigerte seine Erregung nur noch. Als Nel seine Erektion erreichte, stöhnte er unwillkürlich auf und hob sich den tastenden Lippen entgegen. Vorsichtig küsste Nel ihn erneut, zaghaft in seiner Unerfahrenheit und doch ganz unvergleichlich himmlisch.

"Gefällt es dir?", fragte er unsicher und sah zu ihm auf.

Rin lächelte. "Ja. Sehr. Mach weiter." Er keuchte auf, als Nel dieser Aufforderung prompt nachkam und genoss den warmen Mund und die forschende Zunge mit geschlossenen Augen. Einmal zuckte er zusammen, als Nel zu unvorsichtig mit den Zähnen war, und schmolz gleich wieder dahin, als sein Geliebter sich im Anschluss um so mehr bemühte, den kleinen Fehler auszugleichen. Als es zu schön zu werden begann und er sich dem Höhepunkt näherte, drehte er sich ein wenig zur Seite, schlang einen Arm um Nels Hüfte und zog ihn näher zu sich, um sich Nels Schoß zu widmen. Er wollte nicht vor ihm kommen.

Er spürte, wie Nel überrascht innehielt, doch nach einem kurzen Zögern mit den Liebkosungen fortfuhr und ihn nachahmte. Das brachte Rin zum Lächeln und ließ ihn Dinge ausprobieren, die ihn selber erregten, während er gleichzeitig darauf lauschte, wie sie Nel gefielen. Bald hielt er das erotische Spiel jedoch nicht mehr aus; zu lange hatte er sich nach dieser Nähe gesehnt, zu lange hatten sie nur geschaut und gewartet. Er intensivierte seine Bemühungen, nur noch darauf bedacht, Nel zum Höhepunkt zu bringen. Es hatte den Erfolg, dass Nel ihm auch hierin folgte. Nur Momente später kamen sie nahezu gleichzeitig.

Schwer atmend vergrub Rin seinen Kopf in Nels Schoß und hielt ihn, während die köstliche Erleichterung langsam abebbte. Schließlich konnte er sich dazu bringen, seinen Geliebten loszulassen, nach einem Tuch zu angeln und sie beide abzuwischen, ehe er die Decke unter ihnen hervorzerrte. Er drehte sich um und nahm Nel in den Arm, dann deckte er sie beide fröstelnd zu.

Nel sah ihn weich an, die Wangen gerötet und mit einem ganz eigenen Glanz in den Augen, so dass Rin nicht widerstehen konnte, ihn gleich noch einmal zu küssen. Sie merkten nicht, dass das Feuer herunterbrannte und dass draußen der Wind zu heulen begann, während sie wohlig erschöpft miteinander kuschelten und sich leise liebevollen Unsinn zuflüsterten, um sich nach einer kleinen Ruhepause erneut zu lieben.

Anschließend überzeugte Nel Rin, dass ein Bad in der Quelle eine hervorragende Idee wäre, weswegen Rin erst einmal zum Kamin tappte und das Feuer neu entfachte, um Licht zu haben. Während er die Lampe vom Kaminsims nahm und die Kerze entzündete, holte Nel Tücher aus der Truhe und tastete sich schon einmal ins Dunkel vor.

Als Rin die Quellhöhle betrat, stand sein Geliebter bereits bis zur Hüfte im Wasser. Gleich drehte Nel sich zu ihm um und streckte ihm die Hand entgegen. Rin folgte der Geste nur zu gerne, nachdem er die Lampe zu den Tüchern auf das Sims gestellt hatte. Unter weiteren Küssen wuschen sie sich gegenseitig, aber auch wenn Rin mit dem Gedanken spielte, hatten sie doch nicht mehr genug Energie, um sich erneut zu lieben. Stattdessen setzten sie sich auf den halbhohen Vorsprung im Wasser, Nel auf Rins Schoß, um miteinander zu schmusen.

Ganz von allein begann Rin nach einiger Zeit, die Schultern seines Geliebten zu massieren. Er mochte es, wie sich Nel unter seinen Händen entspannte, mochte die kleinen Wohlfühllaute, die er von sich gab und mochte es noch viel lieber, dass er nun auch kleine Küsse auf die weiche Haut drücken durfte, ohne dass es falsch sein konnte. Schmunzelnd erinnerte er sich an die erste Massage, ebenfalls im warmen Wasser, und wie sehnsuchtsvoll er dabei Nels Nacken angestarrt hatte. Es war da schon wunderbar gewesen, ihn zu berühren, bis... Rin hielt inne, als ihm wieder einfiel, wie plötzlich Nel vor ihm geflohen war.

"Mmh, nicht aufhören", murmelte Nel, räkelte sich auf seinem Schoß und schmuste sich ein wenig näher an.

Mit einem Grinsen nahm Rin die gleichmäßigen Bewegungen wieder auf. "Ich musste daran denken, dass du gesagt hast, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Wirst du mir wieder davon laufen, wenn ich dich frage, wann und wo das gewesen sein soll?"

Nel lachte leise auf und lehnte sich soweit zurück, dass er Rin mit leicht schief gelegtem Kopf ansehen konnte. "Ich hatte Angst, dass du dich erinnerst, wie lange das her ist. Und dass du dann weißt, dass ich schon ein schrecklich alter Mann bin", gestand er und beugte sich kurz wieder vor, um Rin einen schnellen Kuss auf die Nase zu geben. "Aber kommst du jetzt nicht selber darauf? Du weißt, wer meine Mutter war, du weißt, wie alt ich bin."

Rin grübelte, aber konnte doch nur den Kopf schütteln.

"Ich war noch ein kleiner Junge", half Nel nach.

Gerade wollte Rin erneut den Kopf schütteln, als ihm ein spitzes Gesicht mit unglaublich großen, blauen Augen einfiel, nasses Haar, das in einer runden Kinderstirn klebte, dünne Ärmchen, die sich um seinen Hals schlangen und ein magerer Körper, der vor Kälte bebte. "Bist du der Knirps, den ich aus dem Fluss gezogen habe? Der seinen Weg über zu dünnes Eis abkürzen wollte?"

Selbst im schwachen Schein der Kerze sah man Nel erröten. Aber er nickte. "Es scheint dein Schicksal zu sein, mir das Leben zu retten", scherzte er. Er strich Rin sanft über die Wange, fuhr mit den Fingerspitzen seine Lippen nach und küsste ihn dann weich. "Aber deswegen habe ich geglaubt, dass du mir vielleicht helfen würdest. Du hast es schon einmal getan, du warst gut zu mir. Du warst voll Sorge, statt zu schelten, du hast mich gewärmt und mir zu essen gegeben, bevor du mich nach Hause gebracht hast. Du warst mein Held."

Rin lachte in sich hinein. "Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich damals gleich mitgenommen. Dann hätte ich mir das Lebenretten im Wald sparen können, und dir wäre auch so einiges erspart geblieben."

Nel legte beide Hände um Rins Gesicht und betrachtete ihn liebevoll. "Nein", sagte er schließlich leise. "Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Hättest du mich damals mitgenommen, würde ich dich heute auch lieben, aber du wärest ein Vater für mich geworden. Ich würde nicht so fühlen, wie ich jetzt für dich fühle, und das will ich niemals wieder missen."

Rin erschauderte unter der Heftigkeit seiner Gefühle für diesen Mann; er zog ihn fest in seine Arme und drückte ihn an sich. "Ich auch nicht. Ich will immer bei dir sein. Und das werde ich", versprach er innig.

 

... die Dorfbewohner wagten sich gewöhnlich nicht durch den Feenwald; und wenn es doch einmal einem gelang, die Wildnis zu durchqueren, fand er doch nicht die geschützte Hütte. Und so lebten Nel und Rin glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.


© by Pandorah
 
~ Ende ~