Stockwerk Nr. 15

In einer weit entfernten Zeit, in einem weit entfernten Land lebte einmal ein Mann namens Rin im 15. Stock eines Hochhauses, das in einer verlassenen Siedlung weit entfernt von der nächsten Stadt stand...

1.

In einem abgezirkelten Bogen brachte Rin seine Maschine direkt neben der Tür des Lifts zum Stehen und strich sich das vom Fahrtwind zerzauste, dunkle Haar aus der Stirn. Die Sicherheitsglasfenster des alten Hochhauses reflektierten die untergehende Sonne, die sich feurig rot gegen den lavendelblauen Himmel abhob. Rins Maschine sackte in Standposition herab, und er stabilisierte sie mit einem Bein auf der Erde, ehe er den Blick seiner braunen Augen über die Ruinen und verlassenen Gebäude der Umgebung schweifen ließ.

Im Abendlicht wirkten die leeren Straßen idyllisch. Sträucher hatten an Stellen Fuß gefasst, die der Mensch nicht dafür vorgesehen hatte; Gras und Kräuter wuchsen in Rissen im Asphalt und eroberten zurück, was einst der Natur gehört hatte. Selbst Bäume waren schon von Keimlingen zu ansehnlichen Birken, Eiben und Eschen herangewachsen, wo ehemals Kinder auf Spielplätzen gespielt hatten. Vieles hatte sich verändert, seit die Dunkle Pest des Nachts das Land regierte.

Damals, vor dem, was nur noch als Die Apokalypse bekannt war, hatten Wissenschaftler mit Kräften jenseits ihrer Kontrolle gespielt. Die Dunkle Pest war den geschützten Laboren entkommen, über die überbevölkerte Welt hereingebrochen und hatte gnadenlos gewütet. Rin lächelte. Es hatte sich zum Guten geändert, wenngleich auch nicht unbedingt für die Menschen.

Die Sonne sank hinter ein altes Hotelgebäude mit gähnenden Fensteröffnungen und tauchte den Platz vor dem Hochhaus in Schatten. Rin wandte sich ab und drückte die Hand auf die Scannerplatte des Fahrstuhls. Lautlos glitten die metallenen Türen auf, und er fuhr in den kleinen Raum. Die Türen schlossen sich; für die wenigen Momente, die die Fahrt nach oben in sein Reich benötigte, war alles in Dunkelheit gehüllt. Rin hatte die Beleuchtung ausgeschaltet; sie verbrauchte fast ebenso viel Energie wie der Lift an sich.

Der lange Flur im fünfzehnten Stock zu seiner Wohnung war nicht dafür gedacht, mit einem Gleiter entlang zu schweben, doch Rin beherrschte die Maschine. Offene Türen erlaubten den Blick in geplünderte, leere Wohnungen. In einer standen noch ein flechtenbedeckter Tisch mit drei Stühlen, in einer anderen hatte eine Vogelfamilie Quartier in einem offenen Schrank gefunden, da Rin die Fenster teilweise entfernt und so Tieren und Pflanzen den Weg geöffnet hatte. Verblasste Tapete schälte sich von den Wänden. Auch hier hatte in einigen Ecken Gras zu siedeln begonnen.

Rin hielt vor einer der wenigen noch intakten Türen. Auch hier drückte er die Hand gegen den Scanner, die Tür öffnete sich mit einem leisen Schnarren. Kaum war er eingefahren, schloss sie sich wieder. Rin stieg ab und schob die Maschine zur Ladestation, um sie anzuschließen; der Energiespeicher war so gut wie leer.

Es hatte einige Zeit gedauert, bis er in seinem kleinen Reich alles so zusammengebaut hatte, dass er gut leben konnte, mit funktionierendem Herd, Wasserversorgung, Heizung. Viele Dinge waren nur noch schwer zu bekommen Ersatzteile für die alten Sicherheitssysteme gegen die Dunkle Pest, Kaffee, selbst bei Seife hatte es schon Engpässe gegeben. Leider gehörten Energiezellen auch zu dem, was knapp war. Es war schwierig gewesen, genug davon zu bekommen, um nicht nur die notwendigsten Funktionen des Schutzsystems, sondern auch die Annehmlichkeiten mit Strom zu versorgen.

Mit einem Gähnen streckte er sich und ließ die breiten Schultern einmal kreisen, dann warf er die Lederjacke über den Sitz und trat die Stiefel von den Füßen, ehe er in den Wohnraum ging. Das Zimmer war in rotes Licht getaucht; die Sonne stand nur noch einen Fingerbreit vom Horizont entfernt. Rin nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank das gehörte zum Glück zu den Dingen, die es noch reichlich gab. Er trank einen großen Schluck und sah zufrieden der Sonne beim Sinken zu, während er darauf wartete, dass die Sicherheitsschotten hochfuhren. Sein Leben war gut. Er hatte alles, was er brauchte, inklusive seiner Ruhe. Die meisten Menschen waren zusammengerückt in kleine, geschützte Innenstadtzellen; er war so weit aufs Land gezogen, dass er knapp einen Tag brauchte, um zur Stadt und wieder zurück zu kommen. Das Dorf in die andere Richtung lag ein wenig näher, war aber auch bedeutend kleiner.

Der Warnton der Überwachungskamera schrillte grell auf und ließ ihn zusammenzucken. Menschen? Hier? Kurz vor Einbruch der Nacht? Rin runzelte die Stirn. Achtlos stellte er im Vorbeigehen die Flasche auf den Tisch und kehrte in den Vorraum zurück, um einen Blick auf die Monitore zu werfen. Eine der Kameras hatte in der Tat einen Mensch erfasst, nur schemenhaft zu erkennen im Zwielicht. Rin stellte auf das grünstichige Bild des Nachtsichtmodus' um. Ein Mann rüttelte verzweifelt an der verbarrikadierten Eingangstür, sah sich hektisch um, dann warf er sich panisch, aber vergeblich dagegen, während um ihn die Schatten dichter wurden.

Rin fluchte verhalten. Das würde knapp werden. Ein kurzer Blick zum Fenster hin; von der Sonne war nichts mehr zu sehen, der rote Streifen am Horizont verblasste. Rin schaltete den Lautsprecher ein. "Komm zum Aufzug, die Tür links von dir. Ich hol dich rein!"

Der Mann zuckte zusammen und sah sich panisch um, doch Rin wartete nicht, um weitere Anweisungen zu geben. In Socken rannte er bereits den Gang entlang. Der verfluchte Lift ließ sich nicht per Fernanweisung bedienen, und den Notfallcode würde dieses Bündel an Angst in der zunehmenden Dunkelheit kaum eingeben können, zumal das Bedienfeld nicht beleuchtet war. Schlitternd kam Rin zum Halt und drückte schon den Abwärtsknopf, noch ehe er richtig das Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Nur Momente später öffnete sich die Tür wieder; Rin konnte die dunkle Gestalt gegen den dunkelblauen Himmel ausmachen, griff zu und zog ihn herein. Der Mann schrie erschrocken auf; Rin schlug auf den abgegriffenen Knopf zum fünfzehnten Stockwerk.

"Beweg dich und schrei nicht!", blaffte er, während er bereits zu stampfen begann. Die Dunkle Pest war wie schwarzer Nebel, und den ersten Ausläufern konnte man entgehen, wenn man sich bewegte sie wich aus, als wäre ein leichter Wind in eine Nebelbank gefahren.

Der Mann folgte seinem Befehl, aber wurde direkt wieder unterbrochen, als ein schmaler Streifen grauen Lichts verriet, dass sich die Türen öffneten. Rin packte den Mann am Arm und sprintete los. Der Gang streckte sich endlos vor ihnen aus, und Rin meinte, aus den Augenwinkeln bereits überall die schwarze Masse heranfluten zu sehen. Er hielt den Blick starr auf den Eingang seiner Wohnung gerichtet, aus der warmes Licht strömte. Kurz nach Sonnenuntergang reichte auch Licht noch aus, um die Dunkle Pest fernzuhalten, bis diese an Kraft und Mut gewann, als sei sie ein lebendes Wesen.

Sie stolperten ins Licht, die Tür schloss sich, und Rin stürzte zum Schaltbrett, um die Verriegelung und den Schild zu aktivieren. Das leise Zischen, als die Dekontaminierung einsetzte, war beruhigend. Tief atmete Rin durch, dann erst wandte er sich um. Der Mann war keuchend noch an der Tür in sich zusammengesackt, als hätte ihn jede Kraft verlassen. Blondes Haar klebte verschwitzt in seiner Stirn und an den Schläfen; er trug einen alten, geflickten Mantel und verwaschene Jeans, die Schuhe waren abgetragen.

"Warst du auf Selbstmord aus und hast den Mut verloren?", knurrte Rin, während sich sein Herz langsam beruhigte und ließ seinen Blick sicherheitshalber über den Boden und die Wand gleiten. Keine Anzeichen von Dunkelheit, gut. Sie hatten es noch rechtzeitig geschafft.

In dem Moment hob der Mann den Kopf und sah ihn an. Rins Gedanken verwischten; vergessen war die Gefahr der Dunklen Pest, vergessen, dass er sein Leben für einen Narren riskiert hatte, der nicht einschätzen konnte, wann die Nacht kam. Selbst das Atmen vergaß er, während er den Blick des Fremden erwiderte. Die Augen waren von dem Blau eines Sommerabends, nachdem der Regen die Luft rein gewaschen hatte, groß, leicht mandelförmig und unendlich tief. Dichte lange Wimpern umrahmten sie wie Rabenschwingen, darüber schwangen sich goldene Brauen. Das Gesicht war zart und so ebenmäßig, als hätte es ein Künstler entworfen und mit unendlicher Liebe und Sorgfalt modelliert. Ein Schmierstreifen zog sich von der geraden, kleinen Nase über die Wange.

"Danke, dass du mir geholfen hast. Es war nicht meine Absicht, zu dieser Stunde hier zu sein. Es tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe", sagte der Mann leise und lenkte Rins Blick auf weiche, geschwungene Lippen. "Mein Name ist Nel."

"Hm." Rin brauchte einen Moment, um sich zu fangen und seine Gedanken zu klären. Die Stimme war wie die Augen des Mannes, klar, rein und von der Wärme des gleichen Sommerabends und nicht dazu gemacht, ihn zu beruhigen. "Ich bin Rin", brummte er schließlich. Knapp wies er mit dem Kopf in Richtung des Wohnraums, um seinen Aussetzer zu überspielen. "Komm mit."

Ohne sich nach seinem unfreiwilligen Gast umzuschauen, ging er voran. Die Fenster spiegelten sein Bild und zeigten, dass Nel ihm folgte, aber ließen keinen Blick mehr nach draußen zu; die Sicherheitsschotten waren hochgefahren. "Setz dich."

Die Appartements des Gebäudes waren ursprünglich für wohlhabende Singles geplant gewesen und stammten noch aus den frühen Jahren der Dunklen Pest. Rin hatte nahezu alle der unpraktischen Designerstücke verscherbelt und das daraus erworbene Geld dazu aufgewandt, um die Sicherheitssysteme zu verbessern und Energiezellen zu bekommen.

Er arbeitete gern mit den Händen. Es hatte ihm Freude bereitet, einen Tisch zu schreinern, die alten Stühle zu restaurieren und eine Art gemütliches Sofa zu bauen. Der Kontrast der eleganten Theke, die sich an einer Seite des Raumes entlang schwang, des eingebauten Fernsehgerätes und der großzügigen Bettnische zu den selbstgebauten Möbeln war jedoch ungewöhnlich. Dementsprechend sah Nel sich auch erst einmal um, scheu und eher aus den Augenwinkeln, doch deutlich neugierig, bevor er unsicher am Tisch Platz nahm.

Rin holte ein zweites Bier und schob es Nel hin, ehe er sich zu ihm setzte. "Und was hat dich hierher gebracht?", fragte er, nachdem er einen Schluck aus seiner eigenen Flasche genommen hatte.

"Danke." Nel sah ihn mit seinen schönen Augen an, eigenartig wachsam hinter seiner Müdigkeit. Konzentriert ließ er den Verschluss aufschnappen und nahm ebenfalls einen Schluck. Kurz hielt er inne, um den Geschmack zu genießen. "Ich wollte eigentlich bis zur Stadt kommen."

Rin hob die Brauen, als der Mann keine Erklärung folgen ließ. "Das sind noch gute vier Stunden mit einer schnellen Maschine. Ist dein Gleiter liegen geblieben? Ich kann dir helfen, ihn wieder flott zu bekommen."

Nel schüttelte den Kopf, es war kaum zu bemerken, und sah auf seine Finger, die das dunkle Glas der Flasche umfingen. "Hat dich deine Mitfahrgelegenheit rausgeworfen?", hakte Rin nach.

Nel zögerte merklich, doch dann schüttelte er wieder den Kopf.

Nachdenklich musterte Rin den Mann, der staubig, verschwitzt und erschöpft ihm gegenüber saß. Außer der Stadt gab es nur noch das winzige Dorf, das recht nah, gerade mal eine gute Fahrtstunde entfernt lag. Rin sprach den Gedanken aus, noch ehe er darüber nachgedacht hatte. "Bist du überhaupt gefahren?"

Nel zuckte leicht zusammen, aber nickte dann, ohne ihn anzusehen. "Ja", murmelte er.

Er sah nicht so aus, als würde er lügen, aber gleichzeitig schien es, als sagte er nicht die ganze Wahrheit. Einige Atemzüge lang überlegte Rin, ob er es sich leisten konnte, ihm sein Geheimnis zu lassen. Offensichtlich wollte der junge Mann nicht darüber sprechen. Er wirkte unschuldig, ängstlich und unsicher, aber das konnte auch eine hübsche Fassade sein. Grummelig dachte Rin bei sich, dass er alles Recht hatte, mehr über das ungewöhnliche Auftauchen zu erfahren. Trotzdem trank er nur stumm sein Bier aus und stand auf.

"Ich mach was zu essen. Und du siehst aus, als könntest du eine Dusche vertragen. Die Tür zum Bad ist hinter dem Wandvorsprung in der Ecke, direkt beim Sofa. Dort in dem Korb sind Trockentücher. Nimm dir einfach, was du brauchst." Er umfing seinen Gast mit einem Blick. "Ich leg dir gleich noch Wäsche zum Wechseln hin, selbst wenn 's dir nicht passen wird."

Überrascht weiteten sich Nels Augen, als hätte er nicht damit gerechnet, dass die Befragung schon beendet war, dann stand er ebenfalls auf und lächelte scheu. "Das ist sehr... freundlich von dir. Du musst dir nicht so viel Mühe mit mir machen. Danke."

Rin brummte etwas Unverständliches als Erwiderung. Der Blick schickte einen Schwindel durch seine Gedanken, der auch nicht enden wollte, als er Kleidung für Nel rausgesucht hatte und nur wenig später in der Küche zu entscheiden versuchte, was er kochen wollte.

'Verdammt, du wirst dich jetzt nicht in einen daher gelaufenen Kerl verschießen, der morgen wieder auf und davon ist, und von dem du nicht mehr weißt, als dass er schöne Augen hat!', schimpfte er in Gedanken, während er Kartoffeln schälte und in Scheiben schnitt. Gleichzeitig lauschte er jedoch auf das leise Wasserplätschern, das seine Wohnung füllte ungewohnt, er war schon seit Jahren allein. Zu lang offensichtlich.

Das Rauschen verstummte, als Rin Zwiebeln anbriet; das Brutzeln übertönte alle leiseren Geräusche und hätte ihn in die Illusion gehüllt, allein zu sein, stünden nicht zwei Bierflaschen auf dem Tisch. Rin behielt die Tür zum Bad im Auge, und das war gut. Denn so starrte er nicht zu offensichtlich, als Nel hinter der Wand hervor trat, in eine zu lange Hose und ein zu weites Hemd von Rin gehüllt, mit nackten Füßen und verstrubbelten, blonden Haaren. Rin fing sich wieder, bevor Nel sich zu ihm umwandte und mit einem unsicheren Lächeln zu ihm kam; die leeren Flaschen nahm er im Vorbeigehen wie selbstverständlich mit.

"Fühlt sich gut an, wieder sauber zu sein", sagte er und stellte die Flaschen auf der Anrichte ab. "Kann ich dir helfen?"

"Hm", brummte Rin und wies mit dem Daumen auf einen Schrank. "Hol mal zwei Teller raus."

Nel musste sich strecken, um an das Geschirr zu kommen; er war einen ganzen Kopf kleiner als Rin. Stumm lud Rin zwei ordentliche Portionen Bratkartoffeln auf die Teller und platzierte je zwei Spiegeleier daneben. Eier gab es reichlich, er hielt Hühner in einer zum Stall umfunktionierten Nachbarwohnung samt erweitertem Balkon als Auslauf; es war robustes, pflegeleichtes und praktisches Federvieh, von dem man von den Eiern bis zu den Federn hin alles verwenden konnte.

Sie aßen schweigend. Rin hätte sich gerne mit seinem Gast unterhalten, aber ihm fiel kein Thema ein, und Nel aushorchen wollte er nicht. Die Stille schien Nel nicht unangenehm zu sein. Er aß mit sichtlichem Appetit und nahm nach einer schüchternen Frage noch einen Nachschlag.

Rin staunte nur über die Menge, die in dem zierlichen Mann verschwand. "Du hast ja ordentlich Hunger", stellte er schließlich das Offensichtliche fest.

Nel errötete, was bei seiner blassen Haut deutlich zu sehen war. "Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr. Entschuldige. Ich bezahle gern, was ich..."

"Unfug!", unterbrach Rin ihn grob. Gleich darauf lächelte er schräg, um das harsche Wort abzumildern. "Du kamst zwar überraschend, aber nun bist du mein Gast. Ich habe selten Besuch, da freut es mich, wenn es dir schmeckt."

"Dann mache ich dir doch gerne die Freude." Nel lachte und wirbelte damit erneut Rins Sinne durcheinander.

Lange blieben sie nicht mehr auf. Nel versuchte, sein zunehmendes Gähnen zu verbergen, doch es gelang ihm genauso wenig, wie das Frösteln zu verstecken. Nach Sonnenuntergang wurde es noch empfindlich kalt, und langsam begann die Kälte, in die Wohnung zu kriechen. Rin schob sein Bettzeug auf die eine Seite und bezog die zweite Decke, die er für den Winter hatte, um sie auf die nun freie Hälfte zu legen, während Nel ungefragt das Geschirr spülte.

Rin warf ihm einen unauffälligen Seitenblick aus den Augenwinkeln zu, während der Mann das Wasser abließ und die Spülbürste an ihren Haken hängte. So lobte er sich Gäste.

"Da drin ist es wärmer als auf der Couch", erklärte er und umfing vage die geräumige Bettnische mit einer Geste, als Nel sich zu ihm umwandte. "Ich schnarche auch nicht."

Mit einem verlegenen Lächeln legte Nel den Kopf schief und erwiderte seinen Blick. "Ich glaube, heute Nacht würde mich nicht einmal ein Gewittersturm wecken. Ich bin... unglaublich müde, tut mir leid, dass ich eine so miserable Gesellschaft bin. Du bist wirklich sehr freundlich. Ich danke dir. Für alles."

Er zog das Hemd aus, kroch auf die ihm zugewiesene Seite und unter die Decke und lächelte Rin noch einmal dankbar an, ehe er die Augen schloss.

Rin betrachtete das spitze, hübsche Gesicht vom Fußende des Bettes aus. Die Haare waren beinahe getrocknet und breiteten sich verwuschelt über das Kissen aus; sie wirkten so seidig, dass er sie gerne berührt hätte, um herauszufinden, ob sie es tatsächlich waren. Und die entspannten Lippen waren sie so weich und anschmiegsam, wie er es sich vorstellte?

Unwillig schüttelte er den Kopf und ging ins Bad. Nach einer kurzen Dusche löschte er das Licht und stieg ebenfalls ins Bett. Doch im Gegensatz zu seinem Gast konnte er nicht sofort einschlafen. Mit offenen Augen starrte er an die Decke und lauschte auf Nels gleichmäßigen Atemzüge. Es war ungewohnt und gleichermaßen störend wie beruhigend, den Mann neben sich zu hören, während sich seine Gedanken um ihn drehten. Wer war er? Wo kam er her? Was hatte ihn hierher gebracht? War es nur die Dunkle Pest, die ihm Angst gemacht hatte? Oder gehörte das, was seinen Blick verdunkelte, zu einer Gefahr, die auch Rin betraf, da er ihn aufgenommen hatte?

Er fand keine Antwort woher auch doch die Fragen hielten ihn bis weit in die Nacht wach.

 

Leise fuhren die Sicherheitsschotten mit den ersten Strahlen der Morgensonne hoch und gaben die Fenster frei. Schläfrig blinzelte Rin zur Decke empor, hörte die gleichmäßigen Atemzüge neben sich und wandte den Kopf. Mit dem Anblick des zerzausten Haarschopfs auf dem Kissen neben sich kam die Erinnerung an den Vorabend zurück. Einige halb verträumte Atemzüge lang betrachtete er das helle Gesicht, lächelte unwillkürlich, weil Nel so entspannt und damit noch hübscher war, dann riss er sich zusammen und stand auf.

Obwohl er beschlossen hatte, dass er sich den Mann nicht in den Kopf setzen wollte, achtete er darauf, eine frische Jeans anzuziehen. Zudem suchte er das vorteilhaft körperbetonende, beige Shirt aus der Kommode, das er selten trug und das somit sogar noch neu aussah. 'Hm, vielleicht kann ich ja herausfinden, was er in der Stadt vorhat... Ich war länger nicht mehr da.'

Gedankenverloren ging er in den Stall, fütterte die Hühner und sammelte Eier ein. Von einem seiner Gärten, die er auf mehreren Balkons und in den Wohnungen der Südseite angelegt hatte, holte er Schnittlauch und Petersilie; ihm schwebte Kräuteromelette zum Frühstück vor. Als er zurückkehrte, war Nel bereits aufgestanden. Rin hörte die Dusche und lächelte.

Leise pfeifend bereitete er die Omelettes zu, während die Kaffeemaschine im Hintergrund vor sich hin blubberte. Natürlich gab es die passenden Filter nicht mehr, aber das Provisorium mit dünnem Baumwollstoff funktionierte einwandfrei. Als hätte er es geplant, war das Essen gerade fertig, als Nel aus dem Bad kam.

"Guten Morgen", wünschte Rin gut gelaunt und bekam dafür ein fröhliches Lächeln geschenkt.

"Dir auch einen guten Morgen", erwiderte Nel, während er ordnend mit den Fingern durch sein Haar fuhr. Er sah besser aus als am Vorabend. Die Müdigkeit war mit der erholsamen Nacht gewichen; seine blauen Augen schienen an Leuchtkraft gewonnen zu haben, auch wenn Rin kurz die Vermutung kam, dass dies einfach mit dem Sonnenlicht zu tun haben mochte; seine Bewegungen waren geschmeidig und regelrecht anmutig... fast wie die eines Tänzers. Allerdings trug er wieder seine schäbige Kleidung, was Rin klar machte, dass er nicht viel Zeit mit dem schönen Mann hatte. Mit Sicherheit wollte er direkt nach dem Frühstück aufbrechen; was gab es hier in dieser verlassenen Vorstadtsiedlung auch schon, was ihn zum Bleiben verlocken konnte?

Nel holte Tassen, Besteck und die Kaffeekanne, während Rin die Teller mit den Omelettes zum Tisch brachte. Sie setzten sich, und Nel sog genießerisch den Duft ein, ehe er einen Bissen aß.

"Du solltest eine Raststätte aufmachen", stellte er gleich darauf fest. "Mmh, lecker!"

Rin lachte auf. "Dafür koche ich nicht raffiniert genug. Und außerdem habe ich lieber meine Ruhe. Das wäre mir zu stressig. Was sich nicht auf dich bezieht", fügte er gleich eilig hinzu.

Nels Lächeln wirkte irgendwie schuldbewusst. "Du bist wirklich großzügig. Ich will dich nicht ausnutzen."

Energisch wedelte Rin die Sätze beiseite, auch wenn er sich ein wenig über die Wortwahl wunderte. Eine Nacht an Nothilfeunterkunft und ein Frühstück konnte man schwerlich als ausnutzen bezeichnen. "Mach dir da mal keine Gedanken. Du bist nette Gesellschaft, das hatte ich schon lange nicht mehr."

Errötend wandte Nel den Blick auf seinen Teller. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber schwieg dann doch.

"Wie lange wohnst du schon hier?", fragte er nach einer Weile, in der sie stumm gegessen hatten.

"Gut zehn Jahre." Rin schenkte Kaffee nach und nahm einen vorsichtigen Schluck. Bitter und heiß, so trank er ihn am liebsten, auch wenn er sich das teure Vergnügen nicht oft gönnte. "Es hat sich angeboten. Bin eigentlich nur auf der Durchreise gewesen und habe geschaut, ob man hier die Nacht verbringen kann oder ob ich zurück in das Kaff muss. Tja, dann bin ich geblieben. Und wo kommst du her?"

"Aus dem 'Kaff'." Nel grinste leicht, dann flog jedoch ein Schatten über sein Gesicht, den er nicht verbergen konnte. "Ich hab bei Jonsen gearbeitet."

"Dem Mechaniker?" Überrascht hob Rin die Augenbrauen. "Seltsam, dass wir uns nie begegnet sind. Ich bin ab und an dort, wenn ich Ersatzteile für meine Maschine oder die Systeme brauche."

"Ich war nur das letzte Jahr bei ihm. Aber von ihm wusste ich auch, wo du wohnst." Nel schauderte und trank hastig von seinem Kaffee. "Ursprünglich komme ich aus Herlon. Die Stadt liegt noch eine ganze Ecke weiter im Westen. Die erreichst du nicht an einem Tag."

"Ich kenne Herlon; ich bin viel gereist, bevor ich hier gestrandet bin. Ein nettes Städtchen, aber etwas zu engstirnig, wenn du mich fragst." Aufmerksam beobachtete Rin seinen Gast. Ob Nel es sich mit Jonsen verdorben hatte? Der Mann hatte seine Finger immer mal wieder in Geschäften, die alles andere als lupenrein waren. "Was hat dich von dort weggebracht?"

Ein Ausdruck von Schmerz huschte über Nels Gesicht, ehe seine Miene unlesbar wurde. "Ein Freund von mir war sehr krank und brauchte Medikamente. Ich habe mir von Jonsen Geld geliehen; er war der einzige, der dazu bereit war."

Die Dunkelheit in Nels Augen zeigte Rin trotz Nels Bemühungen, seine Emotionen zu verbergen, dass es vergeblich gewesen war. "Das tut mir leid", sagte er leise. "Und Jonsen hat deine Lage ausgenutzt; ich kenne ihn. Verzeih, dass ich gefragt habe."

Müde wischte Nel sich über das Gesicht, als könnte er damit die Erinnerungen beiseite schieben. "Ist nicht deine Schuld. Es ist... nur..." Er schien weitersprechen zu wollen, aber tat es dann doch nicht. Unglücklich rührte er in den Resten seines Omelettes herum, aber der Appetit war ihm offensichtlich vergangen.

Rin suchte nach Worten, um die mit einem Mal unangenehme Stille zu vertreiben, um Nel zu trösten und ihn wieder lächeln zu sehen, doch ihm fiel nichts ein. Worte waren noch nie seine Stärke gewesen.

Er zuckte zusammen, als es plötzlich regelrecht aus Nel herausbrach: "Ich bin mit dem Fahrrad gefahren. Ich habe es gerade so bei Tageslicht bis hierher geschafft. Ich weiß auch, dass ich damit nie die Stadt erreicht hätte. Meine einzige Hoffnung war, dich rechtzeitig zu finden. Ich weiß, es ist unverschämt, aber kannst du mich zur Stadt bringen? Bitte! Ich zahle natürlich auch!"

Verdutzt sah Rin den jungen Mann an, der mit rotem Gesicht seinem Blick auswich; Nels Schultern waren angespannt hochgezogen, und die schlanken Finger hielten die Gabel so fest, dass sie fast zitterte. "Du bist geradelt? Den ganzen Weg? Das war..." Lebensmüde, hatte er sagen wollen, aber verstummte. Offensichtlich hatte Nel sehr dringend weg gewollt. Oder weg gemusst? "Hast du Ärger mit Jonsen?"

Nel schüttelte den Kopf und sah nun doch auf. "Nein, mit Jonsen wird niemand mehr Ärger haben können. Er ist wohl unvorsichtig gewesen, hat vorletzte Nacht ein Fenster nicht richtig geschlossen", erzählte er leise und unglücklich. "Er war vielleicht nicht immer der freundlichste Typ, aber er war auf seine Art schon schwer in Ordnung. Natürlich hat er mich nach Strich und Faden übers Ohr gehauen. Aber ich wusste, worauf ich mich mit dem Handel einlasse. - Bitte, fährst du mich in die Stadt?"

Rin musterte ihn lange, und dieses Mal erwiderte Nel seinen Blick offen. Sein Gast hatte Angst, das war klar. Ob das nicht geschlossene Fenster seine Schuld gewesen war? Eigentlich wirkte er nicht, als fühlte er sich schuldig, und bestimmt hätte er ihm nicht davon erzählt, wenn er es gewesen wäre. Und obwohl er den Mann kaum kannte, konnte Rin sich nicht vorstellen, dass Nel einen Mord begehen könnte.

"Klar", sagte er schließlich und unterbrach Nel, noch ehe dieser antworten konnte. "Aber du musst dich bis übermorgen gedulden. Ich hab die Maschine erst gestern angeschlossen; die Energiezellen brauchen eine Weile, bis sie vollständig geladen sind. So lange bist du mir gerne willkommen."

Erleichtert atmete Nel tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Dann sah er Rin an und lächelte so strahlend, dass es Rins Gedanken durcheinander wirbelte. "Danke. Du weißt gar nicht, was mir das bedeutet. Danke! Was schulde ich dir?"

"Nichts", grummelte Rin unfreundlich, weil ihm erneut die Worte fehlten. "Wenn du mir noch einmal mit Geld kommst, werfe ich dich hochkant raus, klar?"

Mit einem hellen Auflachen nickte Nel. "In Ordnung. Dann verspreche ich dir, dass ich es nicht noch einmal erwähnen werde. Aber helfen darf ich, ja?"

"Ja." Rin fiel dunkel in das Lachen mit ein und fühlte sich mit einem Mal wunderbar leicht. Er hatte zwei Tage mit Nel gewonnen, in denen er sich richtig verlieben konnte, und vielleicht fiel ihm etwas ein, um ihn nicht gleich wieder zu verlieren. Vielleicht konnte er ihm sogar entlocken, wovor er davon lief und ihm helfen.


© by Pandorah