Stockwerk Nr. 15

3.

Das Leben mit Nel war schöner und anstrengender, als Rin es sich ausgemalt hatte. Seit Jahren war er die Einsamkeit gewohnt, und nun war ständig ein anderer Mensch um ihn. Es war eine angenehme Nähe, unaufdringlich, aber dennoch spürbar und dadurch Aufmerksamkeit fordernd. Während Rin vor Nel einfach getan hatte, wonach ihm der Sinn stand, wollte er nun Rücksicht nehmen, Kompromisse eingehen oder musste Dinge anders tun, als er sie davor getan hatte.

Am Morgen war er grundsätzlich vor Nel wach, ein Moment der Ruhe, den er sehr genoss. Einerseits, um den anderen Mann unbemerkt ansehen zu können, andererseits aber auch, um Zeit für sich zu haben und sich unbeobachtet zu wissen.

Mit Sonnenaufgang hoben sich beinahe lautlos die Schutzschotten vor den Fenstern und ließen rotgoldenes Licht in die Wohnung. Es wurde durch den schweren Vorhang vor der Bettnische gedämpft, aber es reichte aus, um Rin erwachen zu lassen, so wie er jeden Morgen seit Jahren mit der Sonne erwachte im Sommer früher, im Winter später. Er rollte sich auf die Seite und betrachtete noch halb in Träumen gefangen das schöne Gesicht seines Gastes. Sie hatten das Arrangement der ersten Nacht ganz selbstverständlich beibehalten, und Rin hatte nicht vor, das zu ändern. Im Schlaf war Nel entspannt, ganz anders als am Tag, wo es oft schien, als warte er misstrauisch darauf, dass etwas Unangenehmes geschah oder dass Rin ihn aus dem Haus warf Rin beobachtete, wie das Licht die feinen Züge hervorhob, die weichen Lippen, die leicht geöffnet lockten und einen Blick auf weiße, gerade Zähne zuließen. Die Wimpern schmiegten sich wie dunkle Fächer unter die Lider; über den Augen bildeten die Augenbrauen zwei symmetrische Bögen. Rin wollte sie mit den Fingerspitzen nachfahren, aber unterließ es ebenso, wie einen Kuss auf den Übergang von Schulter zu Hals zu hauchen. Er sah zu, wie das heller werdende Licht goldene Schimmer in Nels helles Haar zauberte, beobachtete die zierliche Hand, die über dem Kopf lag und malte sich aus, wie er einen weiteren Kuss auf die Innenfläche drückte.

Als er es nicht mehr aushielt, regungslos neben dem schönen Mann zu liegen, stand er leise auf. Der erste Weg führte ihn ins Bad, wo er nach einer Dusche die ungewohnte Schlafhose gegen Jeans und ein robustes Hemd eintauschte. Vor Nel hatte er schlicht nackt geschlafen, aber es schien ihm nicht passend, besonders, da sich sein Gast zur Nacht eine Schlafshorts anzog.

Ungewohnt leise deckte er dann den Tisch, um Nel nicht zu wecken, ehe er Rührei machte und dicke Scheiben Brot aufschnitt. Für gewöhnlich war es schließlich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der dafür sorgte, dass Nel wach wurde und mit herrlich zerzaustem Haar und vom Schlaf geröteten Wangen aus dem Bett kam. Noch immer leuchteten die blauen Augen überrascht auf, wenn Nel das fertige Frühstück sah, als würde er nicht damit rechnen, dass Rin an ihn dachte und etwas für ihn tat.

Beim Essen und nach der zweiten Tasse Kaffee wurde er dann langsam ganz wach. Die ersten zwei Morgen hatte Rin versucht, ihm zuliebe Konversation zu betreiben, auch wenn er kaum wusste, was er sagen sollte. Nels Antworten waren genauso angestrengt gewesen. Den Tag danach hatte er dann einfach auf ein Gespräch verzichtet, und gleich war es besser gewesen. Auch das war etwas, das Rin liebte. Sie konnten zusammen schweigen, ohne dass es unangenehm wurde.

 

Viel Zeit verbrachten sie natürlich im Garten mit all den Arbeiten, die dort anfielen. Unkraut musste gejätet werden, es musste gedüngt und Früchte geerntet werden, Pflanzen zurechtgestutzt oder angebunden. Nel erwies sich als gelehriger und wissbegieriger Schüler, der gerne mehr und immer mehr gezeigt und erklärt bekam. Das Wachstum der Pflanzen, das Wissen um Ernte und Schädlinge und die richtige Zeit für alles faszinierten ihn, und Rin erzählte ihm nur zu gerne. Es war herrlich, wie Nel ihm zuhörte, Fragen stellte oder ihn einfach nur aufmerksam ansah.

Fast noch mehr Spaß schien ihm der Umgang mit den Hühnern zu bereiten, weswegen Rin ihm die Arbeit mit den Tieren gerne überließ füttern, misten, Eier sammeln. Er hatte das Federvieh hauptsächlich als Nutztiere gesehen, die Eier und hin und wieder Fleisch gaben und dafür im Gegenzug gutes Futter, einen sauberen Stall und ausreichend Auslauf verdienten. Nel hingegen freundete sich sogar mit einigen Tieren an. Eine der Hennen kam regelmäßig zu ihm, sobald er den Stall betrat, selbst wenn er nur ausmistete und kein Futter dabei hatte. Wie ein Kuscheltier ließ sie sich hochnehmen und genoss es offenkundig, wenn die schlanken Hände sie geschickt kraulten.

"Hast du sie betäubt oder bestochen?", fragte Rin in einem überraschten Scherz, als er Nel das erste Mal mit der Henne im Arm sah. Es war ein niedlicher Anblick, Nel in seinen zu großen Arbeitshosen und den Stiefeln, die Rin ihm geliehen hatte beides ließ ihn kleiner und zierlicher wirken, als er war und das vertrauensvolle Huhn. Die Schaufel lehnte unbeachtet an der Wand, die anderen Hühner pickten um ihn herum oder stolzierten zwischen den Räumen und dem umgitterten Balkon hin und her.

Nel lachte auf und schüttelte den Kopf. "Sie mag es einfach, wenn man sie krault am liebsten am Hals, wenn du die Finger so zwischen die Federn schiebst", erklärte er und führte es gleich vor, was die Henne dazu brachte, ihren Kopf zu verdrehen, als wolle sie einen längeren Hals bekommen, um mehr Fläche zum Streicheln zu bieten.

Direkt das nächste, was Rin klar wurde, war, dass dieser Vogel nie im Kochtopf landen würde. Gut, es war hauptsächlich das Schicksal der jungen Hähne, sobald es viele wurden oder die Gefahr bestand, dass sie ihre Mütter beglückten. Immerhin sammelte Rin nicht alle Eier ein, sondern ließ einige im Stall, damit es genug Nachwuchs für die Fleischversorgung gab. Aber bestimmt hatte Nel der Henne sogar schon einen Namen gegeben.

"Fühl' mal, wie weich die Federn hier sind", forderte Nel ihn mit einem kleinen Lachen bei dem zweifelnden Blick auf. "Ich weiß, wie sich Hühnerfedern anfühlen." Rin grinste, aber tat ihm trotzdem den Gefallen und streichelte die braune Henne ein wenig im Nacken. Als sie den Kopf erneut drehte, lachte er leise und folgte der Aufforderung zur Kehle hinab. Dann spürte er etwas, das nicht Hühnerfedern war, sondern weiche, warme Haut, und ihm wurde bewusst, dass Nels Hand die Henne dort hielt und sich zu seiner vorgewagt hatte. Ein warmes Kribbeln zog in kleinen Stichen durch ihn hindurch, ehe er wirklich begriff, was sich da tat. Überrascht sah er auf und in Nels blaue Augen, die seinen Blick erschrocken erwiderten.

Rin sah die Röte in Nels Wangen aufsteigen, die er als Hitze in seinen eigenen fühlte, dann wandte der andere Mann abrupt den Blick ab und setzte die Henne behutsam auf den Boden. Verwirrt konnte Rin nur auf Nels attraktive Rückseite starren, als sich sein Gast nicht wieder umwandte, sondern nach der Schaufel griff, um den Mist zusammenzuschieben. Hatte Nel ihn berührt oder hatte nicht doch eher er Nel berührt? Auf jeden Fall schien es ihm nicht wirklich gefallen zu haben. Oder hatte er Angst, dass es Rin zu gut gefiel? Er erinnerte sich daran, was Nel von Orvash erzählt hatte. Vielleicht fürchtete er, dass Rin das selbe wollte.

Der Gedanke war ernüchternd und schickte Kälte in seinen Bauch, denn Nel nahe zu sein, war genau das, was er sich mehr als alles andere wünschte.

"Ich hole den Futtereimer", brummte er, um die unangenehme Situation zu überspielen.

"Danke, das ist lieb von dir." Nel drehte sich um und lächelte. Es war angespannt, aber immerhin war es ein Lächeln, auch wenn es Rin nicht wirklich beruhigte.

 

Es blieb nicht das einzige Mal, dass Nel ihn verwirrte. Oft hatte Rin das Gefühl, dass der schöne Mann seine Nähe suchte, um ihm gleich darauf wieder auszuweichen.

Zumeist kochte Nel das Abendessen, als Ausgleich für das Frühstück, das er jeden Morgen gerichtet bekam und weil er sich für die Gastfreundschaft revanchieren wollte. Es schien ihm schwer zu fallen, diese einfach nur anzunehmen, auch wenn er mit seiner Gesellschaft Rin sehr viel zurückgab. Aber er wehrte sich nicht, denn Nel konnte ausgezeichnet kochen.

Wenn sie danach zusammen auf der Couch saßen und Tee oder sehr viel seltener Bier tranken das immerhin aus der Stadt besorgt werden musste, im Gegensatz zum Tee, den sie aus ihrem Kräutergarten holen konnten lehnte sich sein Freund oft in seine Richtung, wenn er über einen Scherz von Rin lachte. Und das tat er häufig, denn Rin bereitete es eine nicht endend wollende Freude, ihn zum Lachen zu bringen. Er liebte das Funkeln in den blauen Augen, das Glucksen, das in Nels Kehle entstehen konnte, das herzliche Lachen tief aus dem Bauch heraus oder auch das perlende, klare Gelächter, das zu anderen Zeiten angemessen schien.

Zuerst war es regelrecht anstrengend, es zu erwecken, als würde Nel sich sträuben, seine Heiterkeit zuzulassen oder als hätte er Angst davor, doch mit der Zeit wurde es immer einfacher, und Rin nutzte das eifrig aus. Manchmal schien es, als lachten sie nur, um miteinander lachen zu können.

"Fast glaube ich, dass ich Orvash danken muss, dass er dich verfolgt hat", scherzte Rin atemlos nach einer solchen Lachattacke, die sie kaum hatten beenden können, weil immer wieder einer neu begonnen und damit den anderen verführt hatte. "Sonst wärst du doch nie hierher gekommen."

"Vielleicht solltest du ihn eher verfluchen, denn so hast du keine Ruhe mehr", neckte Nel zurück. Seine Wangen waren vor Heiterkeit gerötet, seine Augen glänzten, und der schnelle Atem ließ Rin an andere Dinge denken als nur ein harmloses Gespräch unter Freunden. "Ich esse dein Essen, besetze dein Bett und mache dir das Bad streitig."

"Du kochst mein Abendessen, mistest meinen Hühnerstall aus und pflückst mit endloser Geduld Johannisbeeren", hielt Rin grinsend dagegen und nahm einen großen Schluck Eistee. Den Rand des Glases hatte Nel liebevoll mit einer Zitronenscheibe verziert. "Du kochst Kompott und Marmelade, und du bringst diesen alten Einsiedler zum Lachen."

Nels Grinsen wurde zu einem warmen Lächeln, und er sah ihm direkt in die Augen. "Ich bin froh, dass der alten Einsiedler mich aufgenommen hat. Du hast mir das Leben gerettet. Danke, Rin."

"Ich... hm... gerne." Rin wusste nicht, was er darauf antworten sollte, zumal er ein wenig das Gefühl hatte, dass Nel nicht allein den Abend meinte, an dem er ihn vor seiner Haustür eingesammelt hatte; außerdem machte der Dank ihn verlegen, und Verlegenheit machte ihn im Normalfall grummelig. Doch der direkte Blick verhinderte jeden Anflug von Groll. Er half jedoch nicht dabei, einen klaren Kopf zu behalten. Seine Gedanken schwirrten und flogen davon, um allein wirbelnde Gefühle zurückzulassen.

Nel hielt dem Blick stand. Sein Lächeln verblasste und wurde durch etwas anderes ersetzt, das Rin nicht einmal hätte einordnen können, wenn er noch bei klarem Verstand gewesen wäre. Sehnsucht, Hilflosigkeit und... Angst? Rin wollte sich vorbeugen, ihn in den Arm ziehen, ihn halten, ihn streicheln, ihn küssen, doch er wagte es nicht.

Lange sahen sie sich einfach nur an, bis Nel abrupt die Augen abwandte. Er presste die Lippen zusammen, fast wirkte er wütend. Vielleicht war er aber auch nur enttäuscht.

"Ich mache noch mal Tee", sagte er und nahm die Kanne, um in der Küche zu verschwinden.

Ein wenig durcheinander blieb Rin zurück und wusste nicht, was geschehen war.

 

Was Rin auch nicht mehr gewohnt war seit langer Zeit schon nicht mehr war, dass man sich um ihn sorgte. Seit Jahren lebte er allein und lebte noch, lebte sogar ziemlich gut damit, so dass er nicht einmal auf die Idee kam, dass sich jemand beunruhigte Gedanken um ihn machen könnte.

Als er an einem besonders schönen Sommermorgen erwachte, an dem die Sonne die Federwolken am lavendelfarbenen Himmel in Feuer tauchte, spürte er mit einem Mal die tiefe Sehnsucht, über die verfallenen Straßen zu gleiten, den Wind im Haar, nur er und seine Nakamura. Leise stand er auf, verzichtete auf die Dusche und zog sich nur rasch an.

Die Schatten waren noch lang, als er die Maschine vom Ladegerät nahm und sie in den Aufzug schob. Kurz dachte er daran, Nel das Frühstück hinzustellen, aber verwarf den Gedanken gleich wieder. Wenn er den Morgen draußen sein und die Sonne begrüßen wollte, hatte er keine Zeit dafür. Und sein Freund wohnte mittlerweile lange genug bei ihm, um sich auszukennen und keine Scheu zu haben, sich selbst etwas zu essen zu machen.

Die Aufzugtür glitt nur Momente später wieder auf, Rin schwang sich in den Sattel und startete den Motor. Die Maschine erwachte mit sattem Schnurren zum Leben. Ein Grinsen zog über sein Gesicht, als sie unter ihm vibrierte, als könne auch sie es kaum erwarten. Er hatte nicht gemerkt, wie sehr er es vermisst hatte.

Im Schatten des Hochhauses und der umliegenden Gebäude war das Licht noch grau, aus den Augenwinkeln konnte er den leichten, wabernden Schleier ausmachen, die letzten Spuren der Nacht, die letzten Spuren der Dunklen Pest.

Rin lachte auf, drehte das Gas auf und schoss aus dem Aufzug. Rasant beschleunigte er, jagte auf die holprige Straße und legte sich sofort in die erste Kurve. Der Wind rauschte in seine Ohren, griff mit sommerwarmen Fingern in sein Haar und verschluckte die Motorgeräusche der Nakamura. Rin glitt eine Häuserschlucht entlang, beschleunigte auf der gerade Strecke noch mehr, so dass er die Augen zusammenkneifen musste, um überhaupt etwas zu sehen. Ein blinder Griff zur Konsole, der Windschild materialisierte sich mit halber Kraft und ließ nur noch eine leichte Brise hindurch. Die Häuser rasten an ihm vorbei, Schatten einer vergangenen Zeit, mit zersplitterten Fenstern, in deren Rahmen Gras wuchs und auf deren Balkonen sich Bäume angesiedelt hatten.

Rin ließ die Hauptstraße hinter sich, fuhr einen ehemaligen Zubringer hinab, tauchte in ein flaches Tal ein und ließ auch die letzten Häuser hinter sich. Eine flache Hügellandschaft erstreckte sich vor ihm; hinter den sanften Erhebungen begann der Himmel bereits, das helle Blau eines Sommertages anzunehmen. Rin ließ seinen Blick über das hüfthohe Gras schweifen, das sich jenseits der Straße im leichten Wind wiegte, und prüfte die wenigen Büsche, die ihr angestammtes Revier zurückerobert hatten. Keine Tiere waren zu sehen, keine Gefahr soweit. Er schaltete den Schild auf volle Stärke und drehte dann das Gas bis zum Anschlag hoch.

Die Nakamura machte einen Satz und beschleunigte auf Maximum. Vor Übermut stieß Rin einen lauten Jubelruf aus. Das war Freiheit!

Vor ihm beschrieb die Straße einen Bogen, Rin lehnte sich in die weite Kurve. Der Straßenrand raste so schnell an ihm vorbei, dass die Büsche kaum mehr als verschwommene Schlieren waren. Eine zweite Kurve. Aus Erfahrung wusste er, dass der Asphalt der Straße rau wurde, Risse und Schlaglöcher größeren Ausmaßes aufwies. Ohne innezuhalten, stellte er auf Geländemodus um. Die Maschine hob sich ein wenig an; das Energiefeld, das sie voran trug, wurde stärker, um die Unebenheiten auszugleichen.

Die Straße glitt weiter im Tal voran, machte einen weiteren Bogen, um einen Hügel zu umfahren, aber Rin hielt die Maschine in gerader Linie. Er schoss über den Straßenrand hinweg, zog den Hang hoch und nahm dann das Tempo zurück, so dass er langsam ausglitt und auf der Hügelkuppe zum Stehen kam.

Nach dem Dröhnen des Fahrtwinds erschien die Stille trotz des leisen Rascheln des Grases und der Tierstimmen fast vollkommen. Die Sonne tauchte das vor ihm liegende Tal in goldenes Licht; sie hatte auch so früh am Morgen schon genug Kraft, um auf seinem Gesicht zu prickeln. Der Duft nach trockener Erde und Heu umwehte ihn.

Vor Rin breitete sich das aus, was er 'Landschaft' nannte. Gemächlich suchte sich ein breiter Fluss seinen Weg in weit schweifenden Bögen, begegnete sich an manchen Stellen fast selbst, teilte sich und fand erneut zusammen. Üppiges Grün hob seine Ufer hervor, während weiter weg das Gras von der sommerlichen Hitze gelb zu werden begann.

Rin stieg ab und atmete tief durch. Weit unter ihm zog eine Herde wilder Rinder langsam grasend in Richtung des Flusses. Vogelrufe erfüllten die Luft, ein großer Schwarm grauer Langhälse kreiste über einem Auenwald. Sie würden gemeinsam auf Jagd gehen, wenn das Morgenflugritual beendet war.

Zufrieden seufzte Rin auf und lächelte. Einst hatten Menschen das Tal beherrscht, man konnte die Reste noch überall finden, wenn man suchte Pflastersteine aus Beton, Pflanzenkübel, Reste von Parkbänken, die Grundmauern eines Verwaltungsgebäudes. Der Fluss hatte in stürmischen Frühjahrsfluten das meiste zerstört und dieses Paradies erschaffen. Eine ganze Weile beobachtete Rin die friedliche Szene, bis die Sonne ein ganzes Stück über den Horizont geklettert war; die Sommerhitze kehrte zurück, der Duft nach trockenem Heu wurde intensiver. Am liebsten wäre er zum Fluss hinab gefahren, um schwimmen zu gehen. Er saß bereits wieder auf seiner Maschine, als er sich anders entschied. Auch wenn ihm das Alleinsein gut tat, merkte er, dass er Nel zu vermissen begann. Er wollte ihm zeigen, wie schön es hier war, wollte ihn zum Schwimmen einladen.

Mit einem leisen Lachen ließ er den Motor an und wendete die Nakamura, als die Erkenntnis auf leisen, entspannten Sohlen an ihn heranschlich und dann blitzschnell zuschlug. Es tat ihm in der Tat gut, allein zu sein, aber es machte ihm auch endgültig bewusst, dass er nicht mehr allein leben wollte. Nicht allein und erst recht nicht ohne Nel.

Gemächlich, um den Windschild nicht nutzen zu müssen, lenkte er seinen Weg nach Hause zu; seine Gedanken weilten halb auf der Strecke, halb bei Nel. Er war verliebt, und im Moment sah das Leben herrlich aus. Nel schien es bei ihm zu gefallen, und Rin fragte sich, ob er riskieren wollte, das aufs Spiel zu setzen, indem er seine Gefühle offenbarte. Nel schien gleichermaßen zu- wie abgeneigt zu sein. Aber wie lange würde es ihm noch reichen, nur neben Nel zu schlafen statt mit ihm? Wie lange wäre es noch genug, ihn anzusehen statt ihn zu küssen?

'Noch geht es. Ich warte, bis es nicht mehr geht. Vielleicht... vielleicht ergibt sich bis dahin etwas.' Er hielt in einem eleganten Bogen vor der Aufzugtür, winkte mit einem Grinsen in Richtung der verborgenen Kamera und legte die Hand auf die Scanfläche. Surrend glitten die Türen auf und erinnerten ihn daran, dass er vielleicht endlich Nels Daten einprogrammieren sollte. 'Er ist gefangen, wenn ich nicht daheim bin. Aber solange ich nicht weiß, woran ich mit ihm bin, warte ich damit besser noch ab.'

Er setzte rückwärts zurück in den kleinen Raum, Dunkelheit hüllte ihn für einige Atemzüge ein, dann war er im fünfzehnten Stock. Als er gemächlich aus dem Aufzug herausfuhr, kam Nel aus der Wohnungstür. Trotz der Entfernung konnte Rin erkennen, dass sich das besorgte Gesicht aufhellte, die ängstliche Düsternis wich einem derart strahlenden Lächeln, dass Rin wieder einmal der Atem stockte. Es war wirklich unglaublich, wie ein Lächeln das Gesicht dieses Mannes verändern konnte. Nel war immer schön, aber wenn er auf diese Art lächelte, schien er derart von innen heraus zu leuchten, dass die Sonne noch einmal aufging.

Mit einem breiten Lächeln, gegen das er nicht einmal etwas hätte tun können, wenn er gewollt hätte, brachte Rin die Maschine vor der Tür zum Halten und stieg ab. "Morgen, Nel. Gut geschlafen?"

Nel nickte und legte leicht den Kopf schief, während er ihn forschend ansah. Die Schürze verriet, dass er in der Küche gearbeitet haben musste, als der Warnton losgegangen war, der Rins Ankunft gemeldet hatte. "Alles in Ordnung?"

Fragend hob Rin die Brauen. "Sicher. Ist etwas vorgefallen, während ich weg war?" Gleich darauf runzelte er besorgt die Stirn, als er an Orvash denken musste. "Gab es Alarm? Ist jemand da gewesen, der nicht hätte da sein sollen?"

Ein Hauch von Farbe zeigte sich auf Nels Wangen, während er eilig den Kopf schüttelte. "Nein, nein, hier war alles ruhig. Ich habe mich nur gesorgt... gewundert", verbesserte er sich sofort und errötete noch ein wenig mehr, "weil du weg warst, als ich aufgewacht bin."

"Oh!" Überrascht und verwirrt zugleich erwiderte Rin den Blick. Gesorgt? Nel hatte sich gesorgt? "Warum denn das?", fragte er, aber gab sich die Antwort gleich selbst. Er war einfach gegangen, ohne jede Ankündigung. "Ich wollte nur den Sonnenaufgang anschauen und mein Baby etwas spazieren führen." Mit einem schiefen Grinsen klopfte er auf den Tank der Nakamura, ehe er sie an Nel vorbei in das Vorzimmer schob. "Ich habe nicht gedacht, dass du dich fragen könntest, wo ich stecke. Ich habe wohl zu lange allein gewohnt."

Abwehrend wedelte Nel mit den Händen und wurde nun richtig rot. "Nein, nein, so war das nicht gemeint! Du bist mir doch keine Rechenschaft schuldig!"

"Rücksichtnahme ist nicht Rechenschaft." Rin lächelte in sich hinein und sah aus den Augenwinkeln zu Nel hin, während er routiniert die Energieanzeige prüfte fast voll. Er freute sich, dass sein Freund ihn gern genug hatte, um sich Sorgen zu machen. Es war ein gutes Zeichen, besonders zusammen mit dem niedlichen Erröten, das machte, dass Rin ihn in den Arm nehmen wollte. "Aber ich habe einen guten Plan für den Rest des Tages. Was hältst du davon, wenn wir uns was zum Essen mitnehmen und dann raus an den Fluss zum Schwimmen fahren?"

Nels Augen leuchteten auf, strahlend zog er für einen Moment die Unterlippe zwischen die Zähne. "Gerne! Doppelt gerne. Auf der Nakamura habe ich auch noch nicht gesessen, da freue ich mich drauf! Ich putz nur rasch die Erdbeeren zuende und stell sie in den Kühlschrank."

Rin lachte. "Es wird Zeit, dass ich dich von der Arbeit ablenke. Du musst nicht ununterbrochen schuften,weißt du? Ich helfe dir, dann packen wir, und danach können wir gleich los."

Die Vorbereitung brachte zu Tage, dass sie zwar genug zu Essen hatten, aber bestätigte Rins Eindruck der letzten Tage, dass er wieder in die Stadt musste. Es fehlten einige Dinge, die das Leben angenehmer machten Salz, Bier, Hefe, Mehl. Rin verschob den Einkauf auf den nächsten Tag, heute war es ohnehin zu spät, um hin und wieder zurück zu kommen. Und in der Stadt übernachtete er nicht gern, erst recht wollte er das nicht mit Nel, wenn Orvash davon Wind bekommen konnte oder Nel sich entscheiden mochte, gleich dort zu bleiben, statt mit ihm wieder nach Hause zu fahren.


© by Pandorah