Stockwerk Nr. 15

4.

"Und du willst wirklich nicht mit?" Nels Entscheidung überraschte Rin. Die Stadt bot Abwechslung von der Einsamkeit ihres verlassenen Wohnortes, neue Eindrücke, Menschen, mit denen man sich unterhalten konnte, Einkaufsmöglichkeiten. "Selbst wenn wir Orvash über den Weg laufen sollten was unwahrscheinlich ist wird er es nicht wagen, dir etwas zu tun oder Ansprüche zu erheben. Nicht, so lange ich dabei bin."

Nel schüttelte den Kopf und lächelte. "Es gibt nichts, was mich in der Stadt reizt. Und so weiß er wenigstens nicht, dass ich bei dir bin und versucht nichts, um mich hier hervor zu locken. Ich repariere die Umrandung des Bohnenbeetes, bis du zurück bist."

Zögernd nickte Rin. Es hätte ihm gefallen, mit Nel die Geschäfte zu erkunden, vielleicht sogar in eine Kneipe zu gehen und ihn einfach bei sich zu haben, während sie etwas anderes taten als Unkraut zu jäten und Büsche zurechtzustutzen. Andererseits hätte das viel Zeit gekostet; eine Übernachtung wäre nicht zu vermeiden gewesen.

Er beschloss, die zweitbeste Möglichkeit zu wählen, und Nel etwas Hübsches mitzubringen. Nichts Großes, weil Nel sich ohnehin schon schämte, dass er nicht für Unterkunft und Essen zahlen konnte, aber etwas, über das er sich freuen konnte. Rin lächelte allein bei dem Gedanken an das überraschte Aufleuchten in Nels Augen.

"In Ordnung", sagte er und schob die Nakamura aus der Wohnung, wo sie die Nacht über nachgeladen hatte. Der Trip zum Fluss hatte den Energiespeicher längst nicht erschöpft, aber bei längeren Wegen ging Rin lieber auf Nummer Sicher nicht, dass er in der Mitte zwischen hier und dort plötzlich ohne Energie dastand und sich weit und breit kein Schutz in erreichbarer Nähe befand. Er hatte nicht vor, als Futter für die Schwarze Pest zu enden.

Er parkte die Maschine im Aufzug und zog den bereits am Vorabend mit Eiern und überschüssigem Gemüse beladenen Anhänger per Hand hinterher. Der Fahrstuhl war nicht lang genug, um bereits hier anzuhängen. Dann drehte er sich noch mal zu Nel um. Es war seltsam, ihn allein zurückzulassen, und am liebsten hätte Rin ihn zum Abschied umarmt. Nel lehnte mit einer Schulter leicht an der Wand; mit schief gelegtem Kopf sah er ihn an und lächelte. Es verstärkte das Bedürfnis in Rin nur noch, ihn an sich drücken zu wollen. "Ja. Hm. Ich gehe dann, ja?"

Nel nickte und stieß sich ab, um auf nackten Füßen einen Schritt näher zu kommen, dann blieb er doch stehen und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. "Pass auf dich auf und komm sicher zurück, okay?"

Rin nickte ebenfalls; für einen Moment sah er auf die hübschen Zehen seines Freundes hinab und dachte daran, dass Nel seit geraumer Zeit keine Schuhe mehr trug, es sei denn, er ging in den Hühnerstall. Rin mochte diese kleine Eigenart, es sah niedlich aus. "Natürlich."

"Und wenn Orvash fragt...", fügte Nel zögerlich an; er verstummte, als fehlten ihm die Worte. Sein Lächeln verblasste.

"Sollte Orvash es wagen zu fragen, ob ich dich gesehen habe, bekommt er die passende Antwort." Rin lachte auf und streckte die Hand aus, um Nel einmal durch die Haare zu fahren. Es fühlte sich gut an, weich, und ließ ihn noch niedlicher zurück, weil es die Strähnen zerzauste. "Aber er wird sich hüten, mich auch nur anzusprechen. Keine Angst. Der ist froh, wenn ich ihn in Ruhe lasse."

Er zwinkerte Nel zu, dann trat er in den Aufzug und legte die Hand auf die Schaltfläche. Die Türen surrten zu, Nels Gestalt verschwand, dann sackte der Aufzug nach unten.

 

Die Fahrt in die Stadt war ruhig und durch das schöne Wetter angenehm. Rin genoss die Zeit allein, auch wenn erst der Anhänger ihn bremste und schließlich auch der zunehmende Verkehr. Von rasanten Gleitern bis zu rostigen Fahrrädern war alles dabei, so dass man ein wachsames Auge haben musste. Rin wählte eine weniger befahrene Nebenstrecke, um die Straßenschluchten der Innenstadt mit den arroganten Wichtigtuern in ihren Wolkenkratzern zu meiden, und steuerte eines der äußeren Viertel an, auch wenn der Markt dort kleiner war. Aber reich wurde er mit dem Verkauf von Eiern und Gemüse ohnehin nicht, und er bekam, was er brauchte.

Bei seinem Lieblingshändler, einem schlaksigen jungen Mann mit Nickelbrille, tauschte er seine Ware gegen Wurst und Honig ein, dann kaufte er die Dinge, die ihnen fehlten. Nach einem Blick auf die Preise und einem kurzen Nachrechnen seiner Finanzlage entschied er sich schweren Herzens dagegen, ihren Kaffeevorrat aufzustocken. Er war eindeutig in letzter Zeit zu großzügig damit gewesen, das musste aufhören.

Natürlich erfuhr er über den Händler auch die Neuigkeiten der vergangenen Wochen. Die interessanteste Information war mit Sicherheit die, dass Orvash seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen worden war; es ging das Gerücht, dass er einen Mann zu viel über das Ohr gehauen hatte. Genaues wusste natürlich niemand, und eine Leiche war nie gefunden worden. Vielleicht hatte er schlicht die Stadt verlassen.

Rin fand das Gerücht angenehm genug. Es hieß, dass Nel vor Nachstellungen sicher war. Vielleicht würde sein Freund ihn das nächste Mal in die Stadt begleiten. Zufrieden gönnte Rin sich zum Mittag Bohnen mit Speck im Gasthaus am Markt, ehe er auf die Suche nach einem geeigneten Mitbringsel für Nel ging.

Es war gar nicht so einfach und machte ihm klar, dass er noch viel zu wenig von dem hübschen Mann wusste. Nach langem Zögern und Suchen entschied er sich schließlich für eine Ziege. Nel mochte Milch und liebte Tiere. Früher oder später würden sie damit auch einen Bock brauchen ohne Zicklein keine Milch aber es war ein guter Anfang.

Rin hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Tier, als er es nach einer kurzen Vorführung des Händlers zum Thema Melken mit zusammen gebundenen Beinen in dem Anhänger verlud und ihn die bernsteinfarbenen Augen mit den länglichen Pupillen klagend ansahen.

"Ich mach's wieder gut", versprach er, während er die Ziege sicherheitshalber am Wagen festband. "Betrachte es als Ticket in die Freiheit. Sonst wärst du bestimmt geschlachtet worden."

Die Ziege meckerte trotzdem, und Rin schaltete den Windschutz ein, ehe er sich in den Sattel schwang. Ein erschrockener Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es verdammt spät geworden war. Er hatte länger gebraucht als geplant. Grüßend hob er die Hand, um sich von dem Händler zu verabschieden, der offensichtlich dachte, den besseren Teil des Handels abgeschlossen zu haben, wenn man nach seinem zufriedenen Gesicht ging; dann startete Rin die Maschine.

Er nahm wenig Rücksicht auf den Anhänger, als er die Geschwindigkeit bis nahe an Maximum drehte, kaum dass er den Ort verlassen hatte und die Landstraße sich vor ihm erstreckte. Wenn er vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein wollte, musste er sich beeilen. Die Alternative wäre eine Nacht in der Stadt, und das würde Nel umbringen vor Sorge. Und Rin gleich mit. Wenn Nel vor lauter Ausschau halten nicht rechtzeitig in der Wohnung war, würden sich die Schotten schließen und ihn aussperren und er war noch immer nicht für den Scanner freigeschaltet. Nein, das war definitiv keine Alternative.

An diesem Abend empfand er den Sonnenuntergang nicht als schön; das Rot der Federwolken hatte etwas Blutiges an sich, als die Sonne hinter den Horizont sackte. Rin lehnte sich weiter nach vorne, als könnte er dadurch weiter beschleunigen, während der Anhänger hinter ihm her tanzte. Das Rot wurde zu Violett, als er die Zubringerstraße zu der verlassenen Siedlung entlang schoss.

Der Himmel war von einem bedrohlichen Dunkelviolett, als Rin schließlich schliddernd vor dem Aufzug zum Stehen kam. Sein schlechtes Gewissen der Ziege gegenüber hatte sich noch verstärkt, er hatte nicht einmal Zeit für eine kurze Pause gehabt. Eilig drückte er die Hand auf das Scanfeld und atmete auf, als sich der Fahrstuhl direkt öffnete. Er fuhr hinein, sprang aus dem Sattel und koppelte mit fliegenden Händen den Anhänger ab. Am Rande seines Sichtfelds konnte er schon die Schatten flirrend warten sehen. Der Anblick schickte ihm nervöse Stiche durch den Magen. Hastig schob er den Anhänger in den Lift, schaltete das Licht der Nakamura auf volle Kraft und betätigte den Schalter. Gemütlich schlossen sich die Türen.

Ein leises Wispern ließ Rin die Nackenhaare zu Berge stehen. Sie kamen. Im Bruchteil einer Sekunde plante er um. Er zerrte die arme Ziege, die sich meckernd zu wehren versuchte, aus dem Anhänger, setzte sich auf die Maschine und schaltete die Schutzschilde ein.

"Verfluchtes Vieh, halt still", schimpfte er, als die Ziege zappelnd versuchte, sich seinem Griff zu entwinden. Die Tür glitt auf und gab den Blick auf den dunklen Gang frei, der nur noch vom Licht der Scheinwerfer erhellt wurde. Das Wispern nahm zu, die Dunkelheit schien sich zu bewegen, lebendig zu sein, sich vor dem Licht zurückzuziehen, um sich hinter ihm umso stärker zusammen zu ballen. Vorsichtig gab Rin Gas.

Er fluchte wieder; mit dem unruhigen Tier war es schwer, die Nakamura unter Kontrolle zu halten. Er war kurz davor, sie einfach auf dem Boden abzulegen und sie dort bis zum nächsten Morgen zu lassen. Wenn sie nicht so gut verschnürt gewesen wäre, hätte er es vermutlich sogar getan. Die Schwarze Pest war nur für Menschen gefährlich. Aber sie die ganze Nacht zur Bewegungslosigkeit zu verdammen, ohne Futter und Wasser, gefiel ihm nicht, nachdem er sie schon die Fahrt über so gequält hatte.

'Verdammt, ich habe keine Wahl! Ich bekomme die Tür nicht auf, wenn ich eine Hand für die Maschine und eine für die Ziege brauche!'

In dem Moment glitt die Wohnungstür auf, ein breiter Lichtstrahl fiel in den Flur. Rins Herz schlug einige Takte schneller vor Furcht, dass Nel herauskommen könnte. Doch zum Glück zeigte sich sein Freund nicht.

Rin beschleunigte, schrabbte an der Wand entlang. Irgendwie schaffte er es, die Maschine samt Ziege eng genug in die Kurve zu legen, um direkt in die Wohnung fahren zu können. Abrupt bremste er, während er hinter sich die Tür zugleiten hörte. Rücksichtslos ließ er die Maschine fallen, setzte die Ziege ab und hechtete zu dem Controllpannel. Er legte die Hand auf die Scannerfläche; die Freigabe schien ewig zu brauchen. Dann gab er mit fliegenden Fingern auf dem Zahlenblock den Sicherheitscode ein. Ringsum klackten Schlösser, ein leises Sirren kündigte die Dekontaminierung an.

Einen Moment lang starrte Rin blicklos auf seine Hände und fühlte die Erleichterung wie einen Anfall von Schwäche durch sich hindurch rieseln. Er atmete tief durch und drehte sich um. Nel stand bei der umgekippten Nakamura, neben der die Ziege mit ihren Beinfesseln kämpfte, und sah ihn an, die Augen groß und dunkel vor Furcht, das Gesicht weiß wie eine frisch getünchte Wand. Noch ehe Rin wusste, was und wie es geschah, hielt er den bebenden Körper in den Armen. Fest presste er ihn an sich, spürte die schlanken Arme um sich, streichelte den Rücken und versuchte, sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging, dass ihm nichts geschehen war.

"Schhh, schhh, ich bin da, alles in Ordnung", versuchte er unbeholfen, ihn zu beruhigen.Nel drückte ihn an sich und entwickelte dabei eine erstaunliche Kraft; seine Finger gruben sich in Rins Rücken und wollten nicht loslassen. Eine ganze Weile standen sie so da, ehe sie sich beide überzeugt hatten, dass es dem anderen gut ging, dass sie lebten, dass wirklich alles in Ordnung war.

Mit einem zitternden Atemzug holte Nel schließlich Luft und hob den Kopf. Farbe war in seine Wangen zurückgekehrt, die Augen waren nicht mehr panisch geweitet, sondern zeigten nur noch, wie erleichtert er war. Ihr Blick glitt über Rins Gesicht, forschte nach Veränderungen, Verletzungen, Anzeichen für Grund zur Besorgnis, aber schienen nicht fündig zu werden. Der sorgenvolle Ausdruck wich einem erst scheuen, dann langsam breiter werdenden Lächeln, das seine vertraute Wirkung auf Rin entfaltete und ihn atemlos zurückließ. Er konnte nur starren.

Noch nie war er ihm so nah gewesen, erst recht nicht, wenn Nel lächelte, und es fachte den Wunsch, ihn zu küssen, zu lodernder Flamme an. Noch ehe er wusste, was er tat, hatte er die Lippen auf Nels Mund gedrückt. Er erschrak, als Nel sich versteifte, doch nur einen Wimpernschlag später lehnte Nel sich gegen ihn, seine Augen drifteten zu, und dann wusste Rin nichts mehr, außer dass es noch phantastischer war, Nel zu küssen, als er sich das je erträumt hatte.

Ein klagendes Meckern riss sie aus ihrer Versunkenheit; es ließ sie beide zusammenzucken, Nel noch mehr als Rin. Bei Rin meldete sich das schlechte Gewissen erneut mit aller Macht, während Nel überrascht auf den Boden neben der Nakamura sah, ohne die Arme von Rin zu lösen.

"Was...?", fragte er verwirrt.

Rin grinste schief. "Ich habe dir etwas mitgebracht. Du hast irgendwann mal gesagt, du magst Milch. Und da du auch Tiere magst..." Ein wenig widerstrebend löste er sich von seinem Freund, aber die arme Ziege hatte lang genug gelitten. Er ging bei ihr in die Hocke und löste die Stricke. Sofort kam sie staksig auf die Beine und machte ein paar unsichere Schrittchen, ehe sie stehenblieb und wieder meckerte.

"Ach du jeh! Das arme Ding hat bestimmt nichts mehr zu trinken gehabt, seit ihr aufgebrochen seid, oder?", fragte Nel mitleidig. Ohne auf Antwort zu warten, ging er in Richtung Küche davon, um einen Eimer zu holen.

"Dieses arme Ding auch nicht", brummte Rin belustigt, als er ihm folgte und zeigte auf sich.

Nel lachte, halb im Schrank unter der Spüle verschwunden. Einen Moment später tauchte er mit dem Putzeimer wieder auf, wischte ihn aus und begann, ihn mit Wasser zu füllen. "Dieses arme Ding weiß aber, wo es etwas bekommen kann, im Gegensatz zu der Ziege."

Rin musste ihm recht geben, und so versorgten sie das Tier mit Wasser und mangels Heu mit altem Brot. Nel gönnte ihr ausgiebige Streicheleinheiten, um sie nach der langen, unangenehmen Fahrt wieder zu beruhigen. Dankbar nahm sie diese an, während Rin fluchend versuchte, sie zu melken. Was bei der Vorführung des Verkäufers so einfach ausgesehen hatte, war ein verdammtes Kunststück.

Schließlich hatte er einen halbvollen Krug Milch, und die Ziege weigerte sich, ihn weiter melken zu lassen, indem sie nach ihm trat. Erleichtert nahm Rin das als Zeichen, dass es genug war. Er brachte den Lohn seiner Mühe in die Küche, um ihn in den Kühlschrank zu stellen, ehe er von dem kalten Kräutertee nahm und sich erschöpft im Wohnzimmer auf die Couch sinken ließ. Unweigerlich kehrten seine Gedanken zu dem Kuss zurück, und er hoffte, dass Nel bald genug davon hatte, die Ziege zu bekuscheln, sondern stattdessen lieber mit ihm schmusen würde.

Er musste nicht lange warten. Er hörte das leise Klacken, als die Tür zum Vorraum geschlossen wurde, dann leise Schritte von nackten Füßen. Sie hatten entschieden, die Ziege bis zum nächsten Tag bei der Nakamura im Vorraum zu lassen, um keine Köttel in der Wohnung zu haben.

"Du hast sie... mir mitgebracht?", fragte Nel, als er sich zu Rin auf die Couch setzte, viel zu weit entfernt, wie Rin fand, besonders nach dem atemberaubenden Kuss.

Rin nickte, mit einem Mal unsicher, ob es eine gute Idee gewesen war. "Wenn du sie willst." Ansonsten würde er sie eben selbst behalten. Ein wenig schüchtern lächelte Nel, sehr zurückhaltend und Rin in den Wahnsinn treibend, weil er nicht wusste, woran er mit ihm war. Sie hatten sich doch geküsst, warum ging Nel jetzt so scheu auf Abstand?

"Das ist lieb von dir. Danke." Nel wandte den Blick ab. Trotz des Dankes wirkte er nicht wirklich glücklich. Unsicher schob er mit hochgezogenen Schultern die Hände zwischen die Knie. "Sie ist hier ganz allein. Allein sein ist nicht schön. Ich weiß, dass es unverschämt ist, nachdem du sie nur für mich mitgebracht hast. Aber... kannst du ihr bald Gesellschaft holen?"

Rin hatte das Gefühl, als ob sein Freund nicht nur von dem Tier im Nebenraum sprach. Die Worte brachten jede Verwirrung in ihm zum Schmelzen. Er stellte sein Glas auf den Tisch und streckte auffordernd die Hand nach ihm aus.

"Ja", antwortete er leise, "allein sein ist nicht immer schön. Ich will es nicht mehr sein. Ich habe eh daran gedacht, ihr einen Bock mitzubringen, aber mehr als eine Ziege passte heute nicht mehr auf den Anhänger."

Vorsichtig, als hätte er Angst, was er erblicken könnte, sah Nel auf; sein Blick blieb an Rins Hand hängen, dann hob er ihn zu dem energischen Gesicht empor, forschend, als wollte er wissen, ob das, was Rin sagte, auch das war, was er empfand. Geduldig wich Rin ihm weder aus, noch senkte er die Hand. Es versetzte ihm einen kleinen Stich, als die blauen Augen verräterisch zu glänzen begannen. Zögernd legte Nel seine Hand in Rins, der sie sanft umfing.

"Den nächsten Ausflug in die Stadt machen wir gemeinsam, ja?", fragte er leise und drückte einen kleinen Kuss auf die Fingerrücken. "Orvash gibt es nicht mehr, und ich beschütze dich vor allem, was dort gefährlich sein könnte. Ich... will dich immer beschützen Nel. Bitte, bleib bei mir. Auch wenn es jetzt keine Gefahr mehr gibt und du in die Stadt könntest."

Er hatte nicht so direkt fragen wollen, nicht alles so heraussprudeln, auch nicht die Sache mit Orvash, aber er war noch nie gut mit Worten gewesen, und nach dem Kuss war die Direktheit bestimmt nicht ganz so schlimm. Nel hatte immerhin reichlich Zeit gehabt, ihn kennen zu lernen und schien ihn trotzdem zu mögen.

Nels Antwort bestand in seinem strahlendsten, wunderschönsten Lächeln, und nur einen Wimpernschlag später lag er in Rins Armen. Lange hielten sie einander einfach nur fest, glücklich, einander nah zu sein und zu wissen und zu spüren, dass sie das gleiche empfanden.

Schließlich wurde es Rin zu ungemütlich. Er zog Nel auf seinen Schoß, um nicht von ihm lassen zu müssen und es dennoch bequemer zu haben. Sacht begann er, ihn im Nacken zu kraulen, erstaunt darüber, wie herrlich sich das anfühlte und wie weich die kleinen Härchen dort waren.

Mit einem weichen Lächeln sah Nel in Rins Gesicht hinab, streichelte zärtlich mit den Fingerspitzen über die Wangen, fuhr die Lippen nach, dann den Nasenrücken und die Brauen.

"Ja", antwortete er endlich sanft. "Ich will bei dir bleiben. Das ist es, was ich von Anfang an gewollt habe. Von dem Augenblick an, als ich dich das erste Mal gesehen habe."

Irgendwie hatte Rin das Gefühl, dass Nel nicht von dem Tag sprach, an dem er so unvermittelt in sein Leben gestolpert war, doch es war ihm egal. Atemlos sah er ihn an, spürte das Glück durch sich rauschen, schöner noch als jede rasante Fahrt auf seiner Nakamura. "Ich habe dich das erste Mal über meine Kameras gesehen, verbunden mit einem pfeifenden Warnton, dass da jemand im Begriff ist, eine unglaubliche Dummheit zu begehen, nämlich die Nacht im Freien zu verbringen. Das kleine Bild hat nicht gereicht, um mich zu verlieben, aber kaum konnte ich dich wirklich anschauen, war es um mich geschehen. Ich bin endlos froh, dass genug Zeit war, dich zu mir zu holen."

Nel errötete verlegen, aber lachte. "Ja, das war riskant. Aber ich habe keine Alternative gesehen und ich... ich wusste, dass du da bist. Irgendwo. Ich wollte zu dir. Nicht nur weg. Du bist ein paar Mal bei uns in der Werkstatt gewesen. Ich durfte nie da sein, Jonsen hat mich immer weggeschickt, wenn du gekommen bist. Vielleicht hatte er Sorge, dass du die falschen Fragen stellst. Ich würde es dir zutrauen. Doch ich habe dich gesehen. Beim ersten Mal zufällig. Und dann... habe ich es immer so eingerichtet, dass ich dich wiedersehen konnte." Er errötete noch tiefer, aber wandte den Blick nicht ab.

"Oh", sagte Rin überrascht und spürte ein wunderbares Kribbeln im Bauch.

"Du warst meine einzige Chance", gestand Nel leise, "aber du warst auch die einzige Chance, die ich wollte. Und... ich wollte diese Chance immer mehr, je länger ich bei dir war. Und je länger ich bei dir war, umso mehr Angst hatte ich, dass du mich wegschickst, weil du dir dein Leben so perfekt allein eingerichtet hast und offensichtlich keine Gesellschaft brauchtest."

Rin hob die Hand und legte sie an Nels Wange. Ernst sah er ihm in die Augen. "Aber jetzt, jetzt hast du keine Sorge mehr deswegen, ja? Ich habe niemanden gebraucht, bis du gekommen bist. Aber ohne dich wäre ich nun nicht nur allein, ohne dich wäre ich einsam."

Nel schmiegte sich gegen die rauen Finger, legte seine Hand auf Rins und erwiderte den Blick. "Nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr", antwortete er mit einem weichen Lächeln.

Lange Zeit sahen sie sich einfach nur an und lächelten. Dann ließ Rin seine Hand in Nels Nacken gleiten, zog ihn näher an sich und küsste die weichen Lippen. Nel umarmte ihn, und für die nächste Ewigkeit waren alle Gedanken an Einsamkeit, waren überhaupt alle Gedanken vergessen.

 

... die Stadtbewohner kamen für gewöhnlich nicht in den abgelegenen, verlassenen Vorort; und wenn sich doch einmal jemand dorthin verirrte, so fand er dennoch nicht ihr geschütztes Refugium. Und so lebten Nel und Rin glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.


© by Pandorah
 
Ende