Runenbande

1.

Manche nannten es schlechten Stil. Doch das waren hauptsächlich diejenigen, die entweder keine Ahnung hatten, wie man Magie jenseits der traditionellen, mit Edelsteinspitzen versehenen Stäbe auslagerte oder die, welche derart mächtig waren, dass sie einfach keine Verwendung dafür fanden. Das waren auch die, die in den traditionellen roten Roben der Kampfmagier kämpften.

Daron nannte es 'sinnvolle Einteilung der Ressourcen', und er hatte es im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte perfektioniert. Ebenso trug er die rote Robe ausschließlich auf Versammlungen oder in Städten, wenn er als Kampfmagier auffallen wollte. Denn in der Wildnis war sie genau das zu auffällig in ihrer leuchtenden Farbe. In den Wäldern und Steppen jenseits der Städte bevorzugte er Leder und Leinen, robust und unauffällig, wie sein eigenes braunes Haar und die waldgrünen Augen. Seine Größe von fast zwei Metern machte es schwer genug, sich zu verbergen.

Monotoner Sprechgesang driftete durch den aus schwerem Basaltgestein gefügten Gang und brachte die feinen Haare in seinem Nacken dazu, sich aufzurichten. Die Zeit wurde knapp. Aber er hatte über einen Tag gebraucht, um die Festung ausfindig zu machen, die sich der Schwarzmagierzirkel als Wirkungsstätte auserkoren hatte. Über einen Tag, trotz der Gerüchte im nahen Ort über die Lage der Ruine. Niemand wagte sich in die Nähe, es war von Dämonen die Rede, von grausamen Schatten. Das Gemäuer stammte vermutlich noch aus der Zeit der Magierverfolgung, und gerade entweihte Tempel zogen unheilige Kreaturen an. Die Vorsicht der Dorfbewohner war nicht verwunderlich. Aber sie war lästig.

Die Feste war in weiten Teilen zerfallen, doch das Haupthaus stand und war intakt. Statt Seelenfressern gab es einen üppigen Garten, statt monströsen Schatten ein von einer Quelle gespeistes, mit Mosaiken umfasstes Schwimmbecken, an dem Daron auf seinem Weg ins Innere vorbei gekommen war. Und die rustikale, gut bestückte Küche im vorderen Teil sprach nicht gerade davon, dass hier Entbehrung herrschte.

Blind löste er den Knoten von einem der Beutel an seinem Gürtel und ließ die Hand hinein gleiten, während er vorsichtig an einer Säule vorbei in die große Halle spähte. Mehrere Gestalten in schwarzen Roben bildeten in der Mitte des Raumes einen Kreis; sie hatten die Hände erhoben und sangen leise und dunkel. Es war nur ein kleiner Zirkel, gerade einmal fünfzehn Männer und Frauen. Trotzdem hätte Daron gerne Verstärkung gehabt; das Verhältnis war verdammt unausgewogen, wenn man ihn fragte.

Natürlich fragte ihn niemand, und selbst wenn es jemanden interessiert hätte, gab es trotzdem keine Wahl. Kampfmagier waren häufig allein unterwegs, das Reich war groß und die Schwierigkeiten wie Monster, abtrünnige Zirkel und ähnliches, was den Einsatz von Magie erforderte, weit verstreut.

Daher war er der einzige Kampfmagier in einem Umkreis von wochenlangem Fußmarsch, und sein momentanes Problem hieß Dana, war blond und gerade einmal sechs Jahre alt. Vor drei Tagen war das Mädchen mitten in der Nacht aus dem Zimmer entführt worden, in dem sie mit ihren Geschwistern schlief. Jetzt lag es reglos in der Mitte des Zirkels auf dem Altar. Ursprünglich war hier der Göttin gehuldigt worden, Ihr Zeichen die weißen Flügel in der Mitte des Kreises war noch immer in den hellen Stein graviert.

Warum mussten Schwarzmagier immer Mädchen entführen? Ein einziges Mal konnten sie doch einen hübschen Mann im richtigen Alter nehmen, der sich auch noch dankbar für die Rettung zeigen wollte. Aber aus irgendeinem Grund schienen Dämonen weibliche Jungfrauen zu bevorzugen, wenn es um Opfer ging. Selbst Dämoninnen bot man meistens Mädchen an.

Darons Hand schloss sich um die kühlen Runensteine in seinem Beutel, vorsichtig zog er eine Handvoll davon heraus. Sie schimmerten bläulich im Licht der Fackeln, die in regelmäßigen Abständen an Halterungen in der Wand befestigt worden waren und den Saal in rötliches Licht tauchten. Die Magier fühlten sich sicher. Es gab keine Wachen, lediglich einige wohl platzierte Schutzzauber im Eingangsbereich, die Daron in akribischer Feinarbeit aufgelöst hatte. Er mochte nicht mächtig sein, aber er war ein guter Handwerker und im Gegensatz zu den meisten Kampfmagiern hatte er Ahnung von Runenmagie.

Der Singsang wurde lauter. Dämonenbeschwörung schien die Lieblingsbeschäftigung von Schwarzmagiern zu sein, und auch das fand Daron extrem lästig. Die meisten Schwarzroben waren keine guten Kämpfer, aber wenn sie erst einmal einen Dämon in ihrer Gewalt hatten, wurde die Angelegenheit richtig schwierig. Außerdem gingen sie mit Opfergaben einher.

Er atmete einmal tief durch, während er einen Schutzschild aus Astralenergie um sich zusammenzog, dann griff er seinen mannshohen Stab fester und tauchte aus der Deckung hervor. Mit einer geübten Bewegung warf er die Steine, und noch während sie flogen, wirbelte er den Stab herum und ließ einen Feuerstrahl aus der Spitze aus grünem Peridot schießen. Die Schwarzrobe direkt vor ihm ging schreiend in Flammen auf, im selben Moment explodierten die Steine in glühenden Blitzen.

Daron hatte gerade noch Zeit, einen Schutzzauber in Richtung des Altars zu werfen, ehe sich die Schwarzroben zu ihm umdrehten, ihr Ritual war vergessen. Schreie gellten durch den Raum, jemand brüllte einen knappen Befehl, ein Fluch zischte in seine Richtung; Daron wehrte ihn ab. Jemand ging mit einem Messer auf ihn los, während mehrere zu fliehen versuchten. Sie kamen nicht weit. Alles in allem war der Kampf kurz, blutig und sehr unschön.

Daron schauderte, als es still um ihn wurde. Schwer atmend stand er zwischen den leblosen Körpern in einem See aus Blut. Es roch nach verbranntem Fleisch und Metall.

Den Kampf Mann gegen Mann mochte er, das Kräftemessen mit anderen Kämpfern. Er liebte es, sein Können gegen Astralvampire und Schatten einzusetzen. Gegen marodierende Söldner und Räuberbanden ging er ebenfalls recht gerne vor. Magieunkundige hatten keine Chance, es wurde kein Abschlachten, er konnte sie unschädlich machen und in der nächsten Ortschaft der Obrigkeit übergeben.

Doch bei Schwarzroben war es anders. Entweder er tötete sie, schnell und gnadenlos, während sie noch dabei waren, sich zu sammeln und keine Möglichkeit hatten, sich zur Wehr zu setzen. Oder sie töteten ihn. Einmal war es einem Zirkel gelungen, ihn lange genug hinzuhalten, bis ein Ritual zur Dämonenbeschwörung beendet worden war; die Narben trug er noch heute, und wäre ihm nicht der Erste Kampfmagier des Reiches zur Hilfe gekommen, er hätte sein Leben als Dämonenfutter beendet. Ein anderes Mal hatte ihn ein Fluch derart übel erwischt, dass er über Wochen sein Augenlicht verloren hatte. Auch hier hatte er nur überlebt, weil er nicht allein gewesen war.

Sorgfältig überzeugte er sich davon, dass niemand überlebt hatte, ehe er zu dem Altar trat. Das Mädchen lag bewusstlos und mit geschlossenen Augen auf dem Steinblock; sie trug ein weißes Gewand, vermutlich um ihre Unschuld zu betonen eine ziemlich überflüssige Sache in ihrem Alter. Mit sechs war sie ziemlich sicher noch unberührt. Regelmäßig hob und senkte sich der Brustkorb, und Daron fühlte eine Welle an Erleichterung. Er streckte die Hand aus und hielt sie über ihren Bauch, während er Kraft aus seinem Inneren zog und tastend über den kleinen Körper gleiten ließ. Andeutungsweise konnte er Magie erspüren, die das Mädchen umgab, wilde Magie, die weder von einem Kampfmagier kam, noch mit Runen zu tun hatte.

Die Runenmagie der Blauroben war ihm nicht fremd. Bevor sein Talent für die Kampfmagie entdeckt worden war, hatte sein Besitzer ihn an eine Akademie für Runenmagier verkauft. Nicht, dass er das je bereut hatte. Es war ihm gut gegangen, besser als in seinem ganzen Leben davor. Und so hatte er sich die ersten Jahre seiner Lehre ziemlich erfolglos mit Runenmagie geplagt, ehe ihm bei einem Streit mit einem anderen Novizen das Temperament durchgegangen war. Er hätte den halben Saal in die Luft gejagt, als er die Kontrolle verlor, zumindest, was die Menge der Magie anging, die in gleißendem Feuer aus ihm geborsten war. Zum Glück gab es reichlich Runen, um das zu verhindern. Und niemand zeichnete sie schneller als Meister Sinuhe, der Magier, bei dem er gelernt hatte.

Er seufzte und schob die Erinnerung beiseite. Die Runen halfen ihm nicht, das Mädchen aufzuwecken. Er würde sie zurück ins Dorf bringen und Hilfe holen müssen, wenn sie nicht von allein aufwachte. Das würde umständlicher werden, als er gehofft hatte. Der nächste Tempel der Heiler war weit entfernt. Daron ließ mehr seiner Kraft in den Schutzschild fließen, das die Kleine noch immer umgab, um es zu stärken und sie zu schützen. Er wollte sich vergewissern, dass keine Schwarzrobe versteckt überlebt hatte; es war zu riskant, dass einer ihm direkt in den Rücken fiel oder aus Rache die halbe Hölle auf ihn hetzte.

Rasch überprüfte er seinen Vorrat an Speichersteinen; drei waren ihm noch geblieben. Höchste Zeit, neue anzufertigen. Auch sein Stab hatte kaum noch Energie. Ihm blieb hauptsächlich das, was er an Astralenergie in sich trug, sowie Schwert, Stab und Dolch. Doch solange er noch genug Kraft für einen Schutzzauber hatte, war alles in bester Ordnung.

Den Hauptgang, sowie dessen angrenzenden Räume, der ihn hierher gebracht hatte, ignorierte er. Dort hatte er sich auf dem Hinweg schon umgesehen. Ansonsten führten zwei weitere Gänge von dem großen Saal fort. Kurzerhand entschied Daron sich dafür, mit dem linken zu beginnen. Die Wände waren beschädigt; durch Risse und Löcher fiel ausreichend Licht ein, so dass er kein Feenlicht benötigte. Die meisten der angrenzenden Räume waren zerstört, unbrauchbar und leer. Moose und Gras wuchsen in den hellen Flecken.

Am Ende führte der kühle Gang in einen Innenhof und damit in frühsommerliche Hitze. Zwei Seiten des Hofs waren von dem Gebäude umgeben, aus dem er getreten war, auf den anderen Seiten war die Festung derart eingestürzt, dass nur noch Steinhaufen übrig waren. Daron fragte sich, ob das der Zeit oder vielleicht doch einer Schlacht geschuldet sein konnte, die hier einmal getobt haben mochte. Büsche und Bäume hatten sich in den Zwischenräumen der Ruine festgesetzt, und im Innenhof an sich wuchs ein kleiner Buchenhain. Die Schwarzroben hatten bereits begonnen, ihn wieder zu dezimieren, vermutlich um Feuer- und Bauholz zu bekommen.

Daron betrat das Gebäude durch den einzigen weiteren Torbogen, der sehr wahrscheinlich ebenfalls in den Saal führte. Behutsam setzte er seine Schritte, vermied jeden Laut. Der Gang war in weitaus besserem Zustand als der andere, und dort, wo ehemals Sonne und Regen den Weg nach innen gefunden hatten, war die Wand repariert worden. In regelmäßigen Abständen hatten die Schwarzroben Hexensteine in die Wand eingelassen, die gleichmäßiges Licht spendeten. Teppiche bedeckten den Boden, und sogar einige Kunstwerke zierten die Wand Gemälde von Akademien, Bibliotheken und Magiern. Mindestens eine der Schwarzroben musste Reisezauber beherrscht haben, um die Annehmlichkeiten der Welt an diesen abgelegenen Ort zu bringen.

Die Türen führten zu Zimmern, die eindeutig bewohnt wurden. Die ersten Räume, die er erkundete, waren persönlich eingerichtet, mit Betten, von denen einige von Vorhängen umgeben waren, andere nicht. Die Arbeitstische zeigten ebenso einen Teil der Persönlichkeit ihrer ehemaligen Besitzer. Manche waren so aufgeräumt, das Pergamente ordentlich aufeinander lagen, Schreibfedern in perfektem Abstand dazu, Bücher auf Ständern. Andere quollen über von geöffneten Büchern, offenen Karaffen und Dosen mit seltsamem Inhalt. In einem Zimmer war ein Runenkreis mit Kreide auf den Boden gezeichnet, offensichtlich nur der Übung wegen oder um etwas festzuhalten. Daron konnte keinerlei Magie fühlen.

Schwarzmagier waren dunkel, den finsteren Seiten der Magie verfallen und für jemanden wie ihn unrettbar verloren. Töten, töten lassen oder getötet werden, das war die Wahl, die er hatte. Und trotzdem konnte er nicht anders, als um die Menschen zu trauern, die sie einst gewesen waren, um die Chance, die sie verloren hatten, als sie die schwarze Magie in ihr Leben ließen.

In einem großen Zimmer befand sich eine gut ausgestattete Bibliothek, deren hohe Bogenfenster reichlich natürliches Licht einließen. Ein wenig überrascht bemerkte Daron, dass sie sogar Glas enthielten. Gemütliche Sessel luden zum Lesen ein. Unschlüssig ließ er den Blick über die Buchrücken gleiten, dann entschied er, den nächsten Heilerorden, falls die Kleine wirklich einen brauchte, oder die nächste Akademie hiervon in Kenntnis zu setzen. Sollten sie jemanden herschicken, der sich der Bücher annahm, um die dunklen Werke von den anderen zu trennen und diese einem besseren Zweck als der schwarzen Magie zuzuführen. Er hatte kein Interesse daran, jedes einzelne der Bücher zu prüfen, aber sie gesammelt zu vernichten, gefiel ihm auch nicht.

Er ging von Fenster zu Fenster, zeichnete mit der Stabspitze die Runen Duvra, die Schützende und Dishta, die Schließende, auf das Glas, ehe er die Bibliothek verließ und deren Tür auf dieselbe Art versiegelte.

Die nächste Tür war aus schweren Eichenbohlen gefertigt und mit Eisen beschlagen, ein überraschender Gegensatz zu den einfachen Holztüren bisher. Forschend streckte Daron die Hand aus und legte die Fingerspitzen gegen die Oberfläche. Magie pulsierte durch ihn hindurch, er konnte den Schutzzauber spüren. Schutz vor dem, der hinein wollte? Oder Schutz vor dem, was sich dahinter befand?

Behutsam verwob er Fäden seiner eigenen Magie mit dem Zauber, ließ sie einfließen, kleine glitzernde Stränge nur, kaum sichtbar selbst für ihn. Tastend forschte er nach, welche Runen verwendet worden waren, suchte ihre Schwachstellen, suchte Gegenrunen. Es dauerte eine Weile, ehe er sein Netz gewoben hatte. Meister Sinuhe hatte ihn gelehrt, dass man nicht viel Magie brauchte, um viel zu erreichen wobei Sinuhe einer der mächtigsten Magier war, die er kannte. Man brauchte ein wenig Talent, viel Übung und Geduld.

Zufrieden zog Daron sein Netz zusammen; der Zauber löste sich auf und gab die Tür frei. Daron lauschte, doch er konnte nichts hören. Er atmete einmal tief durch, dann drehte er energisch den Knauf. Die Tür aufzutreten, seinen Stab kampfbereit zu heben und den Schildzauber zu verstärken, war eines. Doch kein Zauber traf ihn, kein Tor zur Unterwelt öffnete sich, obwohl es mit Sicherheit genauso dunkel und kalt dahinter war. Daron rief sein Feenlicht herbei und schickte es vor.

Der Raum maß vielleicht zehn auf zehn Schritt. Kein Fenster durchbrach die massiven Mauern. Kein Möbelstück verstellte den Boden. Das einzige, was sich darin befand, war ein Mann.

Das erste, was Daron auffiel, waren nackte Füße auf nacktem Stein.

Mit einem Gedanken ließ er das Licht heller erstrahlen. Der klare Schein zeigte, was vor einem Wimpernschlag noch verborgen gewesen war. Der Mann war nackt, ledrige Schwingen sprossen aus seinem Rücken, schwarz wie sein langes, glattes Haar. Hörner wanden sich von der Stirn empor. Rote Zeichnungen bedeckten die dunkle Haut, während goldene Augen Darons Blick unbewegt erwiderten.

Ein Dämon.

Mit einem Fluch hob Daron den Stab. Doch er hielt inne, noch ehe er die Magie entladen konnte. Der Dämon rührte sich nicht. Gar nicht. Es brachte die Haare in Darons Nacken dazu, sich aufzurichten. Es fühlte sich nach einer Falle an.

"Wer bist du?", fragte er und ließ seinen Blick erneut durch den Raum gleiten. Er blieb leer, aber im kalten Schein des Feenlichts konnte Daron die Reflektion eines Runenkreises auf dem Boden erkennen. Er sah nicht ungewöhnlich aus, Daron konnte einige der Zeichen entziffern. Idra, die Fesselnde. Duvra, die Schützende. Kamron, die Rufende.

Der Dämon rührte sich nicht.

"Antworte!", befahl Daron harsch. "Sonst probiere ich aus, ob ich deine Haut noch dunkler rösten kann."

"Sariel, Gebieter." Der Dämon spuckte die zwei Worte regelrecht aus. Lange Fangzähne blitzen auf. Seine Stimme war dunkel und so heiser, als hätte er sie schon länger nicht mehr benutzt. Gebieter. Das Wort ließ Daron schaudern. Es lag ewig zurück, aber noch immer war die Erinnerung drückend. "Ich denke, ich könnte mich daran erinnern, wenn ich dein Gebieter wäre. Aber Beschwörungskreise zeichnen war noch nie meine Spezialität. Wer ist dein Meister?"

"Ihr seid es, Gebieter." Voll Zorn funkelte der Dämon ihn an.

"Und was bringt dich zu der Ansicht?" Der Dämon log, keine Frage. Daron ließ seinen Blick erneut über die Runen schweifen, aber sie gaben ihm keine Auskunft. Es gab zu viele, die ihm unbekannt waren.

"Ihr habt meinen Gebieter bezwungen. Also bin ich an Euch übergegangen, Gebieter."

"Und das soll ich glauben?" Daron schnaubte. "Und hör verdammt noch mal auf, mich Gebieter zu nennen."

"Ihr könnt es ausprobieren. Sagt: 'Ich gebe dich frei, Sariel.' Dann schaut, ob ich noch so reglos hier stehe", grollte der Dämon.

Daron glaubte ihm nicht. Aber wer wusste schon, wie dieser Kreis wirkte? Eine Falle war wahrscheinlicher. Wenn er die Worte sprach, würde der Dämon ihn vermutlich anfallen. Immerhin war dieses Mal das leidige 'Gebieter' weggefallen.

"Warum stehst du so reglos?" Auch das war verdächtig. Wollte der Dämon harmlos wirken? Bisher hatte nicht einmal so viel wie eine Fingerspitze gezuckt. "Der Kreis ist nicht so klein, dass du dich nicht bewegen könntest." Er war sogar groß genug, dass sich der Dämon ausgestreckt hinlegen konnte, wenngleich auch nicht die Schwingen ausbreiten.

"Das war mein letzter Befehl, Herr. Rühre dich nicht und schweige."

"Und warum antwortest du bereitwillig?" Darons Misstrauen wuchs.

"Weil Ihr es mir befohlen habt, Herr."

Daron starrte ihn an. Etwas begann an ihm zu nagen. Etwas, das ihm nicht im geringsten gefiel. Wenn der Dämon nicht log und Dämonen logen gerne begann er die Konsequenz zu fürchten. "Wie lange ist das her?"

Der Dämon blinzelte. "Kurz, nachdem Ihr den Raum betreten habt."

Unwillkürlich musste Daron grinsen. "Ach. Nein, ich meine deinen letzten Befehl. Wie lange ist der her?"

"Ich weiß es nicht."

"Sagst du die Wahrheit?"

"Ich habe keine Wahl", fauchte der Dämon.

In dem Moment sah Daron Yanash, die Wahre, auf der anderen Seite des Kreises aufflackern. Sein Herz sackte in den Magen und füllte ihn mit Übelkeit. Einen Dämon zu töten, der ihn im Kampf angriff, war gut. Einen Dämon zu töten, der Menschen riss, war sehr gut. Einen Dämon abzuschlachten, der jedem Wink Folge leisten musste, jeden Befehl ausführen, der sich nicht wehren konnte, sondern ihm sogar noch den Hals hinhielt, damit er ihm die Kehle durchschnitt, ...

"Verdammt", murmelte er. "Verdammte Schwarzroben!"

Sein Blick maß den Dämon erneut. Er war kleiner, als er im ersten Moment gewirkt hatte. Wenn man von den Flügeln und den Hörner absah, war er ein gutes Stück kleiner als er selbst, bestimmt eine ganze Handbreit. "Musst du wirklich jedem Befehl Folge leisten, den ich dir gebe? Selbst wenn ich dir befehlen würde, dich selbst zu töten."

Der Schauer, der durch den Körper des Dämons ging, war trotz des Befehls zur Ruhe sichtbar. "Ja", sagte er sehr flach und ohne jede Emotion in der Stimme.

Es überraschte Daron, dass er so etwas wie Angst in den goldenen Augen erkennen konnte. Verdammte Schwarzroben! Ärger flutete ihn. Jetzt hatte er zwei Probleme am Hals. Eines blond und klein, eines schwarzhaarig und deutlich größer. In jeder Hinsicht. "Ich habe keine Ahnung, was ich mit dir machen soll, Sariel, aber jemanden in den Selbstmord zu treiben, gehört nicht zu meinen Plänen. Nicht einmal bei einem Dämon. Du darfst dich bewegen. Aber bleib im Kreis."

Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass der Dämon in sich zusammen sackte, als habe ihn jegliche Kraft verlassen. Wie lange hatte er dort reglos verharrt? "Ruh dich aus. Ich komme zurück. Aber gib keinen Ton von dir."

Stumm nickte der Dämon.

Daron verließ den Raum, löschte das Feenlicht und schloss die Tür, Sariel in Dunkelheit und Kälte zurücklassend. Konnten Dämonen frieren?


Pandorah