Runenbande

2.

Der Gang führte Daron wie erwartet in den Saal zurück, aber brachte nichts Unerwartetes mehr zu Tage weder weitere Dämonen, noch andere Gefangene. Auch Dana lag weiterhin regungslos wie schlafend auf dem Altar. Ob die Schwarzroben für Sariel ebenfalls ein Opfer gebracht hatten, um ihn zu beschwören?

"Großartig", brummelte er. "Ein bewusstloses Kind und ein willenloser Dämon."

Nun, willenlos hatte er nicht wirklich gewirkt. Eher hilflos und wütend. Kein Wunder eigentlich. Es wäre mit Sicherheit auch das, was Daron empfinden würde, wenn man ihn aus seiner Heimat riss, in eine andere Welt versetzte und er dort jedem Befehl folgen musste, den man ihm gab. Ohne jede Chance, dem entkommen zu können. Bei der Göttin, er wäre rasend vor Wut! Rasend vor hilfloser Wut.

Nachdenklich starrte er in das helle Gesicht des Mädchens, aber er sah sie nicht. Was er vor sich sah, waren die dunklen Züge des Dämons. Dann fasste er einen Entschluss. Er konnte den Dämon nicht hierlassen, aber freigeben konnte er ihn ebenso wenig. Also musste er mit.

Er folgte dem Weg zurück, den er gekommen war, und betrat eines der Zimmer, in denen die Magier gelebt hatten. In einer Kleidertruhe wühlte er nach einer Hose und einem Hemd, aber stellte schnell fest, dass es nur Frauenkleider waren. Der Gedanke an einen Dämon in elegantem Kleid ließ ihn grinsen, aber er gab der Vorstellung nicht nach. Erst im nächsten Raum wurde er fündig. Neben ein paar robuster Leinenhosen und einem Hemd nahm er ein Paar weicher Lederstiefel mit, auch wenn er nicht wusste, ob der Dämon Stiefel trug und ob sie passen würden. Einen Versuch war es wert und würde ihn unauffälliger wirken lassen, wenn sie anderen Menschen begegneten.

Dann kehrte er zu Sariel zurück. Das Feenlicht offenbarte, dass sich der Dämon im Kreis zusammen gerollt hatte. Hastig richtete er sich auf und versuchte, sein Zittern zu verstecken, aber es gelang ihm nicht. Entweder war ihm kalt, oder seine Muskeln waren von der langen Zeit im Stehen erschöpft.

"Kannst du die Flügel und die Hörner verschwinden lassen? So aussehen, als seist du ein Mensch?"

Der Dämon nickte und erinnerte Daron damit daran, dass er ihm Schweigen befohlen hatte.

"Du darfst wieder sprechen", sagte er grummelnd, als er ihm die Kleidung in den Kreis warf. "Dann verwandle dich mal in einen Menschen und zieh dir das an, wenn es halbwegs passt. Wenn ich dich aus dem Kreis lasse, bist du immer noch an ihn und seine Magie gebunden?"

"Ja. Es sei denn, ihr gebt mich frei." Die Hörner schienen in die Stirn zu sinken, die Flügel schrumpften, bis sie verschwunden waren. Nachdem sich die scharfen Klauen zurückgebildet hatten, waren die Hände und Füße des Dämons regelrecht schlank und durchaus ansehnlich. Die goldenen Augen bekamen Pupillen und nahmen die Farbe von hellem Honig an. Nur einen Moment später stand ein durchaus attraktiver, schlanker Mann vor Daron, dem niemand zutrauen würde, dass er mit bloßen Händen töten konnte.

Gehorsam streifte Sariel Hemd und Hose über, mit derart wenig Widerstand im nun menschlichen Gesicht, dass Daron vermutete, dass er tatsächlich fror. Lediglich bei den Stiefeln verzog er das Gesicht.

"Kannst du gehen?"

"Natürlich." Sariel schnaubte und stand auf, doch Daron entging nicht, wie steif sich der Dämon bewegte.

"Ich befehle dir, dass du niemanden angreifst, sobald du den Kreis verlassen hast, verstanden? Du wirst niemanden töten, nicht einmal verletzen." Scharf beobachtete Daron ihn und fragte sich, ob das eine seiner besseren oder die schlechteste Idee überhaupt war, die er je gehabt hatte.

"Wie Ihr befehlt." Uninteressiert richtete der Dämon seinen Blick auf irgendeinen Punkt auf Darons Brust.

"Dann komm." Daron verließ den Raum und ließ das Feenlicht erlöschen. Im Gang trat er einen Schritt zurück und beobachtete die Tür.

Wie befohlen folgte Sariel ihm.

"Geh voran." Daron deutete in Richtung des Saals. Runenmagie hin oder her, er war nicht wirklich sicher, ob er ihr und dem Dämon trauen konnte. Spätestens zur Nacht würde er sich etwas einfallen lassen müssen, denn er konnte unmöglich ohne Schlaf auskommen. Aber bis dahin waren es noch einige Stunden.

Als sie sich dem großen Saal näherten, stockte Sariel im Schritt und witterte.

"Blut", stellte er fest, dann grollte sein Magen.

"Das mögen Schwarzmagier gewesen sein, aber du wirst sie nicht essen", sagte Daron grimmig.

Sariel warf einen abfälligen Blick über die Schulter zurück. "Menschen schmecken nicht sonderlich gut. Menschenfleisch ist besser als nichts, aber es ist lediglich die Arroganz von euch, die euch denken lässt, das sei das schmackhafteste, was man uns anbieten kann."

Verdutzt starrte Daron auf den Hinterkopf, als der Dämon sich wieder nach vorne wandte. Irgendwie war er immer davon ausgegangen, dass Dämonen Menschen gerne aßen. Sie betraten den Saal, und mit einem Blick auf das Mädchen fragte er: "Haben sie dir auch ein Opfer gebracht?"

Einen Moment lang antwortete Sariel nicht, dann schüttelte er den Kopf. Seine Schultern versteiften sich, als erwartete er weitere Fragen, deren Antwort ihm unangenehm war.

"Warum nicht?"

Der schlanke Rücken wurde noch ein wenig mehr durchgedrückt, und Daron erkannte überrascht, dass das offensichtlich genau die Frage war, die der Dämon nicht hatte beantworten wollen.

"Ich bin zu jung. Zu schwach. Mich kann man beherrschen, ohne einen Handel einzugehen", antwortete er grummelnd.

Einen Moment lang verharrte Daron nachdenklich, dann nahm er den Schultergurt ab und befestigte seinen Stab daran, so dass er ihn auf dem Rücken tragen konnte. Es war noch genug Magie in ihm selbst, die er dem Dämon als Feuerzauber entgegen werfen konnte, sollte der entgegen des Befehls etwas versuchen, und er brauchte beide Hände frei. Behutsam hob er das Mädchen vom Altar. Ihr Kopf rollte gegen seine Brust, leblos hingen Arme und Beine hinab. Sie fühlte sich an wie eine Puppe. Einzig der Atem und die Wärme, die von dem Körper ausging, verrieten, dass sie am Leben war.

"Sariel, geh zurück, wo wir hergekommen sind hinter der vierten Tür auf der linken Seite liegen auf dem Bett mehrere Decken, die wir gebrauchen können. Bring zwei mit. Den Rest fasst du nicht an."

"Ja, Herr", grollte der Dämon. Er wandte sich ab und ging mit steifen Schritten zurück.

Daron fühlte Sariels Ärger wie ein kühles Prickeln auf seiner Haut; vielleicht war es auch nur sein eigenes Unbehagen mit der Situation. Energisch schob er es beiseite, aber er lauschte beständig hinter sich, wachsam und angespannt, während er das Mädchen bereits in Richtung Ausgang trug.

Die Küche lag auf dem Weg nach draußen, und Daron stattete ihr einen Besuch ab. Er legte das Mädchen auf dem Tisch ab, ehe er die Vorratsschränke durchsuchte und zusammenstellte, was sie mitnehmen würden. Die Schwarzroben hatten nicht schlecht gelebt Schinken aus Tanagra, Wein aus Airach, eine reiche Auswahl an exotischen Früchten, frisches Brot, sogar einige Pasteten und Kuchen. Kurzerhand leerte er einen Korb mit Feuerholz aus und legte die Vorräte hinein.

Als Sariel widerwillig hinterher kam, ließ er ihn die Decken dazu legen und den Korb tragen. Dämonen waren stark, deutlich stärker als Menschen, und von unnatürlicher Ausdauer, doch er konnte Sariel ansehen, wie schwer ihm die Bewegungen fielen. Wenig verriet, dass man mit seine Art katzenhafte Eleganz verband. Die bernsteinfarbenen Augen wurden schmal, als sie die Festung hinter sich ließen und in den warmen Sonnenschein traten. Sariel blinzelte und bewegte seine Schultern, es wirkte wie ein genüssliches Räkeln. Das ausdruckslose Gesicht entspannte sich ein wenig.

Noch einmal legte Daron das Kind ab und holte die letzten Runensteine aus dem Beutel. Mit Hilfe ihrer Magie zog er einen weiten Schutzkreis um die Feste. Er würde Tiere und neugierige Menschen fernhalten, die sich mit den arkanen Gegenständen, die hier lagerten, nur verletzen konnten. Selbst gegen den geringsten aller Magier würde der Kreis jedoch keinen Bestand haben; Darons Magie reichte nicht mehr aus. Die Steine in seiner Hand wurden zu Staub, er ließ ihn zu Boden rieseln und streifte ihn von den Händen, ehe er Dana erneut auf den Arm nahm und seine Schritte in Richtung des Dorfes lenkte.

"Wann bist du das letzte Mal aus deinem Kreis draußen gewesen?", fragte er Sariel, während sie dem kaum erkennbaren Pfad durch den Wald folgte. Die Pflastersteine boten bestenfalls einen vagen Anhaltspunkt, wo früher einmal die Straße verlaufen war. Jetzt waren sie von Haselbüschen und Holunder überwuchert und von Wurzeln umflochten. An vielen Stellen fehlten sie ganz, vergraben unter Schichten von Erde und altem Laub. Auf diesem Weg waren die Schwarzroben auf jeden Fall nicht in die Festung gekommen. Hoffentlich waren sie alle tot.

Der Dämon schoss ihm einen giftigen Blick zu. "Ich sagte Euch, ich weiß es nicht, und das ist die Wahrheit."

"Ich weiß. Wie war der Sonnenstand? War es Tag oder Nacht? Was hast du das letzte Mal gemacht, bevor du wieder eingesperrt wurdest?", fragte Daron geduldig nach. Was auch immer Sariel getan hatte, es war auf Befehl des Zirkels geschehen. Selbst wenn er ein halbes Dorf ausgelöscht, die Kinder gefressen und es genossen haben sollte, war er nur hier, weil er beschworen worden war. Aber es würde Daron einen Anhaltspunkt geben, wie lange man den Dämon eingesperrt hatte und ob was auch immer er getan hatte, noch umkehrbar war. Und ob jemand Hilfe brauchte.

"Es war Nacht." Mürrisch sah Sariel auf den Korb. Er stolperte über eine Wurzel und fing sich nur knapp. "Kurz vor Vollmond. Ich habe sie geholt." Mit einer kleinen Kopfbewegung wies er auf das Mädchen in Darons Armen.

Daron nickte. Gut, das hieß, dass immerhin in den letzten drei Tagen... er stockte im Schritt. "Das war vor drei Tagen. Ich bin vorgestern Abend ins Dorf gekommen und habe von Danas Verschwinden erzählt bekommen. Gestern früh habe ich mich auf die Suche gemacht und hatte Angst, dass es zu spät ist, wenn ich sie finde. Aber drei Tage? Seitdem bist du nicht mehr aus deinem Kreis gekommen?"

Unwillig zuckte Sariel mit den Schultern. "Scheint so."

"Wann hast du den Befehl bekommen, dich nicht zu rühren?" Daron duckte sich unter einem tiefhängenden Ast hinweg. Manchmal war es ungünstig, so groß zu sein, wie er es war.

"Nachdem ich sie abgeliefert habe und zurück in den Kreis beordert wurde."

Daron blieb stehen und starrte in das dunkle Gesicht. Die trotz der runden Pupillen irgendwie katzenhaften Augen erwiderten seinen Blick, ohne zu blinzeln. "Das heißt, du hast drei Tage dort gestanden." Ohne Essen, ohne Trinken, ohne sich rühren zu dürfen. In Kälte und vollkommener Dunkelheit. Sein schlechtes Gewissen wegen des Todes der Schwarzroben nahm drastisch ab. Sariel mochte ein Dämon sein, aber das war grausam.

Erneut zuckte Sariel mit den Schultern und wandte den Blick ab. "Scheint so."

Den Rest des Weges schwieg Daron, halb auf den Dämon lauschend, halb in seinen eigenen Gedanken versunken. Sein Lager am Ufer eines kleinen Baches war so, wie er es zurückgelassen hatte, gut geschützt von einem Dickicht und einem Schutzkreis, der unwillkommene tierische Besucher ebenso fern hielt, wie mögliche zweibeinige Eindringlinge.

Über der Feuerstelle hing sein kleiner Kessel an dem improvisierten Gestell aus drei Ästen, von denen Daron Zweige und Laub entfernt hatte. Der Auerhahn, der am Morgen überraschend seinen Rastplatz hatte durchqueren wollen, hing an den Füßen aufgehängt an einem der Enden und wartete darauf, gerupft und für das Abendessen vorbereitet zu werden. Die Decke war über einer Schicht Laub ausgebreitet, was das Liegen bequemer machte, und darauf stand sein Rucksack.

Daron öffnete den Schutzkreis an einer Stelle, um Sariel eintreten zu lassen, und schloss ihn direkt hinter dem Dämon wieder, dann schob er mit dem Fuß den Rucksack beiseite und legte das Mädchen ab. Unwillig sah er, wie Sariel den Korb abstellte und hungrig den toten Vogel beäugte. Eigentlich wollte er Dana so schnell wie möglich nach Hause bringen. Wenn sie seit ihrer Entführung in diesem todesähnlichen Schlaf verbracht hatte, brauchte sie dringend Hilfe, und der Weg zum nächsten Tempel der Heiler war lang. Andererseits war da Sariel, und obwohl er ein Dämon war, wollte ihm Daron gern ein wenig Ruhe gönnen, bevor sie aufbrachen.

Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick zu dem Vogel hin hockte der Dämon am Bachufer nieder, beugte sich tief über die Wasseroberfläche und trank in großen, gierigen Zügen.

Daron nahm die Decken von dem Korb und legte sie zusammengefaltet als eine Art Sitzkissen hin. Der Boden war in Ordnung, wenn man nichts anderes hatte, aber ein wenig Polsterung war nie verkehrt. Dann nahm er den Stab vom Rücken und legte ihn ab. Erst, als er sich setzte, merkte er, dass auch er erschöpft war.

"Setz dich", sagte er und wies auf die zweite Decke. Der Dämon gehorchte ohne jeden Widerstand. "Magst du Auerhahn lieber als Mensch?"

Das brachte Daron ein Grinsen ein, das dank der immer noch ein wenig zu langen Fangzähne nicht ganz menschlich wirkte. "Ja, Herr."

Daron schnitt eine kleine Grimasse. Die Titelversessenheit des Dämons konnte anstrengend werden. "'Herr' gefällt mir auch nicht. Ich bin Daron."

Sariel hob die Augenbrauen, es ließ ihn überrascht wirken. Vielleicht war er das sogar. "Wie Ihr wünscht, Daron."

"Ich wünsche", bestätigte Daron mit Nachdruck. "Magst du deinen Auerhahn roh, wie man das so im allgemeinen von Dämonen erwartet, oder ist er dir...?"

"Roh!"

Die Antwort kam derart schnell, dass Daron nicht einmal seinen Satz beenden konnte. Er musste grinsen. "Dann bedien dich."

Für einen Moment schien Sariel seine Erschöpfung zu vergessen, als er geschmeidig aufsprang und sich den Auerhahn griff. Mit dem Tier ließ er sich wieder auf die Decke zurücksinken, Federn flogen auf, und Daron wandte den Blick ab, als Sariel die Zähne gierig in das rohe Fleisch grub und ein großes Stück herausriss.

Er zog seinen Wasserschlauch heran und trank durstig daraus, zu faul, um die wenigen Schritte zum Bach zu gehen, dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu. Im Sonnenschein wirkte sie blasser als in dem magischen Licht in der Festung; leichte Schatten lagen unter ihren Augen. Besorgt legte er die Fingerspitzen an ihren Hals, um den Puls zu fühlen. Er war vorhanden, leicht und flatternd, wie der eines kleinen Vogels, aber regelmäßig. Erneut tastete er mit seiner Magie nach der Kraft, die sie umgab, aber fand keinen Ansatzpunkt, das aufzulösen, was sie band. Er würde es auslöschen können, wenn er die fremde Magie mit seiner wegbrannte, da war er sich sicher, doch er hatte Angst, das Kind dabei zu verletzen.

"Weißt du, was sie mit ihr gemacht haben?", fragte er, ohne sich umzudrehen. Die Laute von reißendem Fleisch und brechenden Knochen weckten nicht gerade Lust, Sariel bei seinem Mahl zuzuschauen.

"Weil sie so ruhig ist?", kam die genuschelte Rückfrage, dann hörte er den Dämon deutlich schlucken, ehe die nächsten Worte klarer zu verstehen waren. "Nichts. Das war ich."

Abrupt drehte Daron sich um und starrte in das blutverschmierte Gesicht des Dämons, der nicht mit seinem Mahl innehielt. Trotz seiner menschlichen Züge wirkte er wie eine Raubkatze. Der Anblick war bizarr. "Das heißt, du kannst sie wecken?"

Sariel nickte und zerbiss krachend einen Knochen.

Für einen Augenblick schwankte Daron, es ihm gleich aufzutragen oder ihn fertig werden zu lassen. Dann entschied er sich fürs Warten. Die kurze Zeit würde das Kind nicht umbringen, und es würde ihr den Anblick eines blutigen Dämons ersparen. Angewidert wandte er sich ab.

Sariel brauchte länger, als er gedacht hatte. Aber er fraß auch mehr, als er erwartet hatte. Als der Dämon fertig war, waren von dem schweren, ausgewachsenen Auerhahn gerade einmal die größten Knochen übrig, und selbst die waren gespalten, um an das Mark zu kommen. Sariel putzte sich grob mit der Zunge auf Katzenart, ehe er den Rest des Blutes im Wasser abwusch. Dann kehrte er zurück, setzte sich auf seine Decke und rieb zufrieden einmal über seinen Bauch. Die Lider sanken halb über die goldenen Augen, schläfrig sah er zu Daron hin.

"Isst du immer so viel?" Beeindruckt musterte Daron die schlanke Gestalt. Ob Dämonenmuskeln mehr Energie verbrauchten als die eines Menschen? Dann fiel ihm auf, dass Sariel trotz seiner Art ziemlich manierlich gegessen hatte. Daron konnte keine Blutspritzer entdecken, weder auf der Decke, noch auf dem Hemd.

"Nein. Aber wer weiß, wann es das nächste Mal etwas gibt. Und ich hatte Hunger." Die Lider sanken noch ein wenig tiefer hinab, so dass die Augen nur noch kleine Schlitze waren.

"Warte, du kannst jetzt nicht schlafen." Daron fragte sich, ob der Dämon wirklich im Sitzen einschlafen wollte und grinste, als er sich das vorstellte.

Die Augen flogen auf, und Sariel fauchte verärgert. "Ja, Daron", sagte er in einem verdammt ätzendem Tonfall.

Das erinnerte Daron daran, dass alles, was er sagte, für den Dämon ein Befehl war. Das konnte anstrengend werden. "Mir liegt nichts an einem schlecht gelaunten, übermüdeten Dämon, glaub mir, Sariel. Aber es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder, du weckst die Kleine, dann lasse ich dich gleich danach schlafen. Oder du kannst sie doch nicht wecken. Dann brechen wir direkt auf und wandern so lange, bis ich zu erschöpft bin, um weiterzukommen. Denn dann muss sie so schnell wie möglich in einen Tempel."

"Oder Ihr lasst mich erst schlafen, damit ich keinen Fehler mache", grollte der Dämon.

"Wie wahrscheinlich ist es, dass du einen Fehler machst und ihr etwas passiert, wenn ich dir befehle, dass du sie jetzt gesund, munter und sicher aufweckst?", hakte Daron nach. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, das Kind länger als nötig in diesem unnatürlichen Zustand zu lassen. Sie hatte bestimmt auch schon länger nichts mehr gegessen oder getrunken.

"Ziemlich unwahrscheinlich", zischte Sariel erbost.

Die Antwort erleichterte Daron. Er hoffte nur, dass die Formulierung ausreichend war, damit sich Sariel nicht darum herum winden und ihr doch Schaden zufügen konnte. "Hat sie dich gesehen, als du sie geholt hast?"

"Nein. Sie schlief. Und schlafend habe ich sie mitgenommen."

"Gut. Dann werden wir ihr und den Dorfbewohnern auch nicht sagen, dass du bist, wer du bist. Du wirst dich so menschlich darstellen, wie es dir möglich ist. Wir geben dich als Gefangenen aus, der ebenfalls von den Schwarzroben eingesperrt worden ist. Damit sind wir sogar ganz dicht bei der Wahrheit", stellte Daron zufrieden fest. Es war besser, wenn niemand erfuhr, dass er einen Dämon bei sich hatte, ohne ihn zu töten. Nicht, dass man anschließend ihm einen Trupp Kampfmagier auf den Hals hetzte, weil man davon ausging, dass er auf die falsche Seite gewechselt war. "Der Plan sieht vor, dass du sie gleich weckst und dann kannst du endlich schlafen. Können wir uns darauf einigen?"

Der Dämon zögerte und starrte ihn misstrauisch an. "Darf ich um etwas bitten, Meister?", brachte er schließlich hervor.

"Ich bin nicht dein Meister. Ein Meister bin ich nur für Lehrlinge." Daron wusste nicht so recht, ob er grinsen sollte, weil Sariel partout einen Titel für ihn finden wollte, oder ob es mit dem Runenkreis zusammenhing und er einen Titel für ihn finden musste. "Aber sprich dich ruhig aus."

"Mein Name... bitte, nennt ihn nicht vor anderen. Er ist es, mit dem ich gerufen werden kann", murmelte Sariel und senkte den Blick auf seine schlanken, menschlichen Hände, die mit den sanft gerundeten Fingernägeln nicht im mindesten an Klauen erinnerten. "Je mehr ihn kennen..." Er verstummte.

Es überraschte Daron, wie klein und verletzlich der Dämon mit einem Mal wirkte. Wieder kam Mitgefühl in ihm auf, bis er daran dachte, dass genau das gewollt war. Dämonen spielten mit ihrer Erscheinungsform; sie konnten alles sein. Furchteinflößend oder verführerisch, verrucht oder derart unschuldig, dass die Göttin selbst darauf hereinfallen konnte. Trotzdem brachte er es nicht über sich, die Bitte abzuschlagen. "Wie soll ich dich nennen?"

Der Blick des Dämons flog zu ihm empor, die Augen vor Überraschung geweitet. "Wie immer Ihr wollt, solange es nicht mein Name ist."

"Dann bist du ab jetzt Yonde", beschloss Daron. Es war der erste Männername, der ihm einfiel, auch wenn er nicht zu dem exotischen Äußeren passte. Die Menschen hier in der Gegend waren eher hell, Sariel würde mit seiner dunklen Haut und den schwarzen Haaren auf jeden Fall auffallen, mehr noch als er selbst mit seinen dunkelbraunen Haaren. "Kannst du die Zeichnung verschwinden lassen?" Er wies auf die Brust des Dämons, wo sich die Zeichen blutrot abhoben, umso auffälliger, da sie von dem hellen, offenen Hemd betont wurden.

"Nein." Der offene Ausdruck, der ihn regelrecht hübsch hatte wirken lassen, verschwand aus Sariels Gesicht, als er das Hemd schloss, um die Sicht auf seine Brust zu verbergen.


Pandorah