Runenbande

3.

In dem Moment, in dem der Stoff über die Zeichnung glitt, fühlte sich Daron an etwas erinnert... wie ein Wink aus der Vergangenheit, die sich ihm doch entzog. Einen Atemzug lang starrte er auf Sariels Brust, ehe er den Blick abwandte. "Wecke die Kleine auf behutsam und ohne ihr in irgendeiner Art Schaden zuzufügen."

Gehorsam neigte der Dämon den Kopf und stand geschmeidig auf. "Wie Ihr befehlt."

Er trat zu dem Mädchen hin und ging bei ihr in die Hocke. Sacht legte er ihr eine Hand auf ihre Stirn, die andere hielt er über ihren Bauch, ohne sie zu berühren, während er aus halb geschlossenen Augen auf sie hinab sah.

Wachsam umfasste Daron seinen Stab. Wenn der Dämon Dana etwas antun wollte, würde er dafür sorgen, dass er es bereute. Die Magie knisterte schwach unter seinen Fingerspitzen und erinnerte ihn daran, dass kaum noch Kraft in der Stabspitze verblieben war.

Die Augen des Kindes flogen auf, weiteten sich, dann stieß es einen gellenden Schreckensschrei aus.

Daron war derart schnell auf den Beinen, den Stab auf Sariel gerichtet, dass der Dämon zusammenzuckte. "Was hast du getan!?"

In einer frustrierten Geste voller Hilflosigkeit hob Sariel die Hände. Er wirkte müde und wütend zugleich. "Ich habe sie geweckt, Meister Daron. Wie Ihr es verlangt habt. Nicht mehr und nicht weniger."

Die Kleine krabbelte rückwärts vor ihm weg, das helle Gesicht von Angst gezeichnet. Ob sie sich doch daran erinnerte, dass der Dämon sie entführt hatte? Aber mit Sicherheit hatte er das nicht in seiner menschlichen Gestalt getan. Mit einer kleinen Bewegung des Kopfes deutete Daron Sariel, dass er Abstand halten sollte, dann ging er bei dem Mädchen in die Hocke.

"Hallo, Dana", sagte er und lächelte. "Du bist in Sicherheit. Hab keine Angst. Ich bin Meister Daron, ein Kampfmagier des Reiches. Das ist Yonde. Wir bringen dich zurück zu deinen Eltern."

Das Mädchen hob das Gesicht und sah ihn aus geweiteten frühlingsgrünen Augen an, die deutlich heller waren als seine eigenen. "Aber er ist ein Dämon!"

Darons Blick flog zu Sariel, der ihn verdutzt erwiderte und dann abwehrend den Kopf schüttelte. Daron wusste nicht, was der Dämon ihm damit sagen wollte, außer dass er mit Sicherheit nicht mit Flügeln vor der Kleinen aufgetaucht war. Aber das schien sie nicht zu interessieren. Verdammt, das verkomplizierte die Angelegenheit um ein gehöriges Stück! Ob sie etwas spürte? Ob sie Magie hatte? Trotzdem behielt er sein Lächeln bei, als er fragte: "Warum glaubst du das?"

"Nur Dämonen haben dunkle Haut." Nervös spielte sie mit dem Saum ihres Kleides.

Erleichtert atmete Daron aus. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Sariel ebenfalls entspannte und auf seine Decke zurückkehrte. "Nicht nur Dämonen." Obwohl sie natürlich in diesem Fall recht hatte, was nicht einer gewissen Komik entbehrte. "Auch ganz normale Menschen haben dunkle Haut. Er kommt nur von sehr weit her, wo alle sind wie er." Und das war nicht einmal gelogen. Von viel weiter her als aus den Niederhöllen konnte man kaum kommen.

Zweifelnd erwiderte sie seinen Blick, die glatte Kinderstirn in misstrauische Andeutungen von Falten gelegt.

"Sein Name ist Yonde, und er hat dich aufgeweckt, weil ein Fluch dich hat schlafen lassen. Deine Eltern haben mich um Hilfe gebeten. Und Yonde hat geholfen, dich zu retten." Daron hörte, wie Sariel im Hintergrund amüsiert schnaubte, aber ignorierte ihn.

"Wesen mit dunkler Haut sind böse, hat die Mutter Oberin gesagt. Beim letzten Dienst an der Göttin, als wir im Tempel waren", flüsterte Dana und sah wieder auf ihre noch immer nestelnden Finger. "Bestimmt verstellt er sich nur."

Daron runzelte die Stirn. Der Mutter Oberin würde er gerne einmal ein paar Takte erzählen, aber dafür konnte Dana nichts. "Dunkle Haut macht niemanden böse. Mein bester Freund hat dunkle Haut, und er ist Kampfmagier wie ich. Das ist wie... unterschiedliche Haarfarben, nicht mehr und nicht weniger. So, wie du blond bist und ich braunhaarig."

Wirklich überzeugt schien sie nicht, und die nächste Frage kam prompt. "Bist du wirklich ein Kampfmagier? Kampfmagier haben rote Roben. Du nicht. Und sie haben einen Stab."

"Na, wenn das kein Stab ist, weiß ich nicht, was das sonst sein sollte." Grinsend hielt Daron ihr den Stab hin.

Sie zögerte nur einen Wimpernschlag, ehe sie neugierig die Hand danach ausstreckte und die Spitze aus Peridot berührte. "Und meine Robe ist in meinem Rucksack. Ich trage sie nicht auf der Reise. Sag, hast du Hunger oder Durst?"

Strahlend sah sie zu ihm auf und nickte, ihr Misstrauen offensichtlich für den Moment vergessen. "Wie ein riesengroßer Bär!"

Daron lachte auf. Sie gab einen sehr kleinen, sehr niedlichen Bären ab mit ihren wippenden blonden Löckchen. Er zog den Korb heran und holte Brot und Käse heraus. Von beidem schnitt er dicke Scheiben ab, die er der Kleinen reichte. Hungrig griff sie danach, und auch wenn sie längst nicht so unappetitlich aß wie Sariel, schien sie ähnlich ausgehungert zu sein wie der Dämon.

Das Essen und im Anschluss frisches Wassers aus dem Bach schienen ihr die Angst vor zumindest Daron zu nehmen, denn als sie satt war, begann sie fröhlich zu plappern. Sie fragte nach ihren Eltern und Geschwistern, wollte wissen, wie sie hierhergekommen war und wie er sie gerettet hatte, ganz genau in jedem Detail. Zum Glück bezogen sich ihre Fragen nicht auf die Details vom Kampf, sondern eher darauf, ob er viel Angst gehabt hatte in der großen Festung mit den Schwarzmagiern, ob es kalt gewesen war in den Kerkern auch wenn Daron nicht wusste, wo sie die Idee von den Kerkern her hatte und wie groß die Bibliothek war. Die Antwort sagte ihr nichts, und es führte zu neuen Fragen. Fast bedauerte er, dass sie niemals würde lesen lernen. Allein, dass es Wissen in geschriebener Form gab, schien sie zu faszinieren.

Als die Fragen endlich verebbten, begann sie fröhlich zu erzählen, und zwar von so ziemlich allem, was ihr in den Sinn kam. Es brachte Daron in Erinnerung zurück, warum er ältere Lehrlinge bevorzugte, ab zwanzig aufwärts. Kinder waren unglaublich anstrengend. Er war froh, als Dana noch vor Einbruch der Dunkelheit von Müdigkeit übermannt wurde. Schließlich verstummte der endlose Strom der Worte, die Augen fielen ihr zu, und sie sank auf seinem Lager zusammen.

Sorgfältig deckte er sie zu, ehe er das Feuer neu entfachte und sich Tee kochte. Die Ruhe war herrlich. Auch Sariel schlief tief und fest, zusammengerollt auf dem kleinen Rechteck der gefalteten Decke. Daron beobachtete ihn, während er an seinem Tee nippte.

Um das schwarze, glatte Haar, das dem Dämon schwer und voll bis zur Mitte des Rückens reichte, würde ihn so manche Frau beneiden, ebenso wie um die unverschämt langen Wimpern. Daron fragte sich, warum sie ihm vorher nicht aufgefallen waren. Gleich darauf fragte er sich, warum er jetzt auf sie aufmerksam wurde. Die Züge des Dämons waren ebenmäßig, und im Schlaf zeigte sich tiefe Erschöpfung auf seinem Gesicht. Hatte er wirklich drei Tage im Stehen und vollkommen regungslos ausgeharrt? Er war schlank und feingliedrig, doch die Erscheinung täuschte über seine unmenschliche Stärke und Ausdauer hinweg. Dämonen waren gefährlich, hinterhältig und unberechenbar.

Daron trank den Tee aus, griff nach seinem Stab und stand lautlos auf. Er konnte nicht die Nacht durchwachen, auch er brauchte Ruhe. Ohne den Boden zu berühren, zog er mit der Stabspitze einen Kreis um den Dämon und ließ den letzten Rest der Magie hinein fließen. Es reichte nicht mehr aus, um Sariel in seinen Grenzen zu bannen, aber es würde ihn aufhalten und Daron wecken, sollte er versuchen, den Platz zu verlassen. Und dann konnte auch das Schwert ein verlässlicher Freund sein.

Müde legte Daron sich auf sein Lager, schloss die Augen und schlief mit den Geräuschen der Nacht ein, mit dem leichten Wind in den Bäumen, dem Plätschern des Baches und dem gleichmäßigen Atem von Sariel und Dana.

 

Daron erwachte mit den ersten Strahlen der Sonne, die durch die Baumkronen drangen. Verschlafen blinzelte er, streckte sich und setzte sich auf, um sich gähnend erneut zu strecken. Sowohl Sariel, wie auch Dana schliefen noch immer, und zumindest bei dem Kind war das ungewöhnlich. Nicht, dass er viel Erfahrung mit Kindern hatte, aber nach dem wenigen, was er von ihnen kannte, waren sie gerne vor allen anderen wach, um jeden zu wecken.

Mit einer kleinen Handbewegung löste er den Kreis um Sariel auf, ehe er nach seinem Stab griff. Die Nachtruhe hatte gut getan und nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Magie vollständig regeneriert. Liebkosend strich er einmal über die Stabspitze, die kaum reagierte, ehe er die Fingerspitzen auf dem kühlen Stein ruhen ließ und Magie in ihn einfließen ließ. Die glatte Oberfläche wurde warm und erwachte zum Leben. Daron lächelte.

Er fühlte sich besser, sicherer, als der Stab wieder einsatzfähig war, und bereit, den Tag beginnen zu lassen. Schnell war das Feuer entzündet, um den kalten Tee vom Vorabend zu erhitzen. Das Glück blieb ihm hold; er konnte den ersten Becher in aller Ruhe trinken, ehe Dana wach wurde. Ihr munteres Plappern weckte nur wenig später Sariel.

Es begleitete sie durch das Morgenmahl, als Daron Flusskiesel einsammelte, um sie später zu Runensteinen machen zu können und während er und der Dämon das Lager abbrachen. Es verstummte auch nicht, als sie schließlich aufbrachen. Alles schien es wert zu sein, kommentiert zu werden Vögel, Schnecken, Bäume, Büsche. Die Wolken am Himmel, die wie Blumen aussahen. Die Pflastersteine der alten Straße, die hin und wieder zu sehen waren.

"Ich kann sie auch wieder einschlafen lassen, Meister Daron", murmelte Sariel, als die Kleine ein paar Schritte voran hüpfte.

Daron gelang es, sein Lachen zu unterdrücken, aber das Grinsen konnte er nicht verbergen. "Es ist nicht mehr weit, das können wir durchhalten." Und mit 'Meister Daron' konnte er ebenfalls leben. So nannten ihn die meisten Menschen, um seinen Status als Kampfmagier hervorzuheben.

Am späten Nachmittag ließen sie den Wald hinter sich und erreichten das weite Tal, in dem das Dorf lag. Hafer und Gerste wiegten sich sattgrün im leichten Wind, rechter Hand weidete eine kleine Herde Schafe, bewacht von einem Schäfer mit zwei Hunden. Daron hob die Hand zum Gruß, der Schäfer winkte zurück. Gleich darauf wurden die Schafe zusammen getrieben und setzten sich gemächlich in Richtung des Dorfes in Bewegung. Offensichtlich wollte der Mann die Neuigkeiten nicht verpassen, und dass es die gab, war offensichtlich, nachdem Daron allein gegangen war und mit einem Mann und Dana zurückkam.

Nur wenig später konnten sie die kleine Ansammlung an verstreuten Höfen sehen. Auf einem der Felder davor waren alle Bewohner gemeinsam damit beschäftigt, Rübensetzlinge auszubringen, Männer, Frauen und Kinder. Lediglich die kleinsten, die noch nicht laufen konnten, wurden von ihren Müttern auf dem Rücken getragen. Jemand sah auf, ein Ruf ertönte, andere fielen ein. Von einem auf den anderen Moment wurde die Arbeit liegen gelassen, das gesamte Dorf lief ihnen entgegen, allen voran die Eltern von Dana. Die Kleine juchzte auf und rannte zu ihnen hin.

Mit einem Lächeln verlangsamte Daron seinen Schritt; Sariel passte sich an. Das waren die Momente, die alles wert machten. Das Leuchten auf den Gesichtern der Eltern. Die Tränen der Freude. Die feste Umarmung, in die das Kind erst von der Mutter gezogen wurde und dann die, mit der der Vater Frau und Tochter umfing.

Eine kurze Zeit lang war die Familie inmitten der Dorfbewohner, die sich um die drei geschart hatten, nicht mehr zu sehen. Dann löste sich Danas Vater aus der Menge und kam Daron entgegen. Direkt vor ihm blieb er stehen, zog den breitkrempigen Hut, der ihn vor der Sonne geschützt hatte, vom Kopf und offenbarte dasselbe strohblonde Haar wie seine Tochter. Seine Augen leuchteten, als er zu Daron empor sah.

"Meister Daron, ich weiß nicht, wie ich Euch danken kann. Ihr habt Dana zu uns zurückgebracht. Wir werden sammeln für Euch. Ich hoffe, es reicht, um Euch zu entlohnen."

Daron winkte ab und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, um sie zu drücken. "Behaltet Euer Geld, Mitlan. Für dieses Mal reicht ein Zimmer und ein gutes Essen für mich und ihn." Er winkte Sariel heran. "Sein Name ist Yonde; er war ebenfalls ein Gefangener des schwarzen Ordens."

Die Blicke wandten sich das erste Mal Sariel zu, Tuscheln wurde laut. Für einen Augenblick war Daron nicht sicher, ob es dem schwarzen Orden oder dem Dämon galt, dann zogen einige Frauen ihre Kinder zurück und schoben sie hinter sich. Ein nadelfeiner, sehr verärgerter Stich durchfuhr ihn, sein Blick verdunkelte sich.

Doch bevor er etwas sagen konnte, straffte Mitlan entschlossen die Schultern. "Natürlich seid Ihr in meinem Haus willkommen, Meister Daron. Auch Euer Gast." Nervös drehte er den Hut in den schwieligen Fingern.

Seine Frau trat mit Dana auf dem Arm zu ihm. Ihr Lächeln war unsicher, aber ihre Stimme resolut, als sie sagte: "Ich heiße Euch auch willkommen. Ich glaub' nicht, dass Ihr jemanden hierher bringt, wenn er gefährlich für uns ist."

"Ich danke Euch." Daron fragte sich, was geschehen wäre, wenn nicht er, sondern sein Freund T'Chun in diese entlegene Gegend des Reiches gekommen wäre. Hätten sie seine Hilfe abgelehnt, weil seine Haut dunkel war? Wären sie trotz roter Robe vor ihm geflohen? T'Chun war weitaus dunkler als Sariel, fast so schwarz wie Schatten.

"Kommt, Meister Daron." Mitlan drehte sich um und ging voran. Die Dorfbewohner wichen wie Wasser zurück, als Daron mit Sariel folgte.

Daron war sich sicher, dass auch Danas Eltern Sorge hatte, Sariel zu beherbergen, aber sie taten es trotzdem und entgegen dem, was die anderen sagen und denken mochten, und das war viel wert.

"Wir bleiben nur eine Nacht", versicherte er Mitlan, als sie dem staubigen Weg zu dem Hof folgten. Das Haus mit dem strohgedeckten Dach war klein, der Garten, der es umgab, dafür umso größer; reichlich Obst, Kräuter und Gemüse wurden darin angebaut und ergänzten, was die Felder hergaben. Eigentlich mochte Daron es gerne, ein paar Tage länger zu verweilen, wenn er einen Auftrag erledigt hatte, und wahrscheinlich hätte er es auch hier in Erwägung gezogen, wäre Sariel nicht tatsächlich das, was die Dorfbewohner in ihm sahen. Er hatte keine Lust auf Komplikationen. Allein der Gedanke, dass sie herausfanden, dass er wirklich war, was sie dachten, brachte die Haare in seinem Nacken dazu, sich aufzustellen.

"Ihr könnt solange bleiben, wie Ihr wollt", antwortete Mitlan sehr bestimmt und öffnete das Gartentor. "Ihr habt meine Tochter gerettet." Er warf einen kleinen Blick an Daron vorbei zu Sariel hin. "Und Ihr seid auch willkommen unter meinem Dach, Yonde. Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht, damit Ihr Euch von der Gefangenschaft erholen könnt."

Für einen Wimpernschlag zeigte Sariels Miene Überraschung, dann nickte er knapp. "Danke."

Mitlan führte sie durch einen engen Flur und eine ebenso enge Treppe empor bis zu einem winzigen Zimmer. Es war derart niedrig, dass Daron die Decke mit dem Kopf berührte, würde er sich auf die Zehenspitzen stellen. Zwei schmale Betten standen darin, ein Tisch mit einer Waschschüssel und eine Truhe. Ein glasloses Fenster ließ Licht und Wärme herein, im Winter wurde es mit hölzernen Läden verschlossen. Gewöhnlich schliefen hier Dana und ihre drei kleineren Geschwister, Daron hatte es gezeigt bekommen, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Kleine verschwunden war. Vermutlich würden die Kinder bei den Eltern im Bett schlafen, bis die Gäste wieder gingen.

"Ich muss zurück aufs Feld. Die Setzlinge müssen in die Erde. Bis Sonnenuntergang ist noch reichlich Zeit. Braucht Ihr etwas?", fragte Mitlan. "Habt Ihr Hunger? Durst?"

"Wir sind versorgt, danke." Daron nahm den Rucksack ab und stellte ihn auf das Fußende des Bettes, das nicht direkt an die Wand stieß. Es war zu kurz für ihn, und so würde er sich trotzdem ausstrecken können, indem die Füße einfach über den Rand ragten. Als Mitlan sich verabschiedet hatte und seine Schritte verklangen, lehnte Daron den Stab gegen die Wand und setzte sich. Irritiert sah er zu Sariel hin, der noch immer mit dem Korb in der Hand stand. "Stell ihn ab, mach's dir bequem."

Sariel tat wie ihm geheißen, dann setzte er sich auf das zweite Bett, lehnte sich gegen die Wand und zog ein Bein an. Locker legte er eine Hand auf das Knie und sah zu Daron hin. Eine Weile betrachtete er ihn, ohne auch nur zu blinzeln, während Daron den Beutel mit den magischen Steinen öffnete und die heraus sortierte, die er am Morgen an ihrem Rastplatz eingesammelt hatte. Er wollte sie so schnell wie möglich aufladen, damit er zur Not darauf zugreifen konnte.

"Meister Daron, darf ich Euch eine Frage stellen?", unterbrach die weiche, dunkle Stimme des Dämons seine Gedanken.

Daron sah auf und grinste. "Hast du damit schon. Aber stell mir ruhig noch eine weitere."

"Hm." Sariels Brauen zogen sich gerade weit genug zusammen, dass Daron es wahrnehmen konnte, seine goldenen Augen schossen einen verärgerten Blick auf ihn ab, aber er sagte nichts dazu. "Was habt Ihr mit mir vor?"

Daron kramte in seinem Rucksack nach der in Leder eingewickelten Bergkristallspitze, während er über die Frage nachdachte. Sie war nicht einfach zu beantworten, er wusste es selbst nicht so recht. Durch das kleine Fenster konnte er den Weg einsehen, den sie gekommen waren, Mitlan lief mit schnellen Schritten zu den Feldern zurück. Einen Moment später war er hinter einem weiteren Haus verschwunden. Daron lauschte, tastete vorsichtig mit ein wenig Magie in alle Richtungen, aber konnte keine weitere Menschenseele entdecken.

"Ich weiß es nicht so recht", antwortete er, als er den Bergkristall fand und seiner schlichten Hülle entledigte. "Ich wollte dich töten, du bist ein Dämon. Ich habe Dämonen mein Leben lang bekämpft." Er überlegte, ob es schaden würde, ihm sein Zögern zu erklären. Vermutlich nicht. "Aber gerade bist du keine Gefahr. Ich bin Kampfmagier und ich töte, wenn ich muss. Aber ich töte nicht um des Tötens Willen. Falls du das verstehst."

Sariel hob eine Braue. "Ihr glaubt also, ich töte um des Tötens Willen?"

"Du bist ein Dämon." Prickelnd fühlte Daron die Magie unter seinen Fingerspitzen erwachen, die in dem Kristall eingeschlossen war. Kristalle und andere edle Steine waren das beste Gefäß für Magie, aber an gewöhnliche Flusskiesel kam man leichter heran.

Sariel schnaubte. "Meister Daron, darf ich Euch eine Frage stellen?"

Irritiert sah Daron erneut auf. "Es wäre einfacher, wenn du gleich fragst, weißt du?"

"Ja, ich weiß, Meister Daron", grollte der Dämon.

"Und warum tust du es dann nicht?" Sariels Augen gaben ihm die Antwort, noch ehe der Dämon sprach.

"Weil es mir befohlen wurde, Meister Daron."

"Warum zur Hölle sollte jemand einen derart dummen Befehl geben? Das ist widersinnig!" Für den Moment hatte Daron sein Vorhaben der Runensteine vergessen. "Gar keine Fragen in Ordnung, kann ich verstehen. Aber fragen, um zu fragen?"

"Um mir meinen Platz zu zeigen, Meister Daron", antwortete Sariel mit gleichmäßiger Stimme und unbewegter Miene. "Um mir die Möglichkeit zu geben, zum Ausdruck zu bringen, dass ich eine Antwort begehre und mir diese zu verweigern."

Fast wünschte Daron, er hätte nicht gefragt. Die kleinen Dinge, die er über die Beschwörung erfuhr, zeichneten ein hässliches Bild. Es waren Schwarzmagier, die Sariel beschworen hatten. Von Schwarzmagiern war nichts anderes zu erwarten. Sariel war ein Dämon. Dämonen waren... nun ja, Dämonen. Und trotzdem verärgerte es ihn.

"Das schaffen wir hier und jetzt ab. Wenn du mir eine Frage stellen willst, dann frag einfach." Er erinnerte sich an den Vorabend und fügte nüchtern an: "Das gleiche gilt für Bitten."

Mehrere Atemzüge lang sah Sariel ihn aus unergründlichen Augen an.

"Danke", sagte er schließlich und neigte leicht den Kopf.

Daron fragte sich, ob er sich bedankte, weil ihn der Runenkreis zwang oder ob er den Dank ernst meinte. 'Macht das einen Unterschied?'

Sariel zog die Beine in den Schneidersitz, beugte sich vor und stützte sich vor den Knien auf den Ellbogen ab. Es sah ziemlich unbequem aus. "Woher habt Ihr Euer Wissen über Dämonen?"

Die Frage war leicht zu beantworten. Daron grinste, auch wenn ziemlich offensichtlich war, worauf Sariel hinaus wollte. "Von meinem Lehrmeister. Von jedem einzelnen Kampfmagier, mit dem ich über Dämonen ins Gespräch gekommen bin. Von den Dämonen, gegen die ich gekämpft habe. Und aus den Tempeln, wo das Wissen über deine Art gesammelt und weitergegeben wird."

Sariel musterte ihn unter halb geschlossenen Lidern hervor. "Also seid Ihr Euch Eures Wissens ebenso sicher, wie die Menschen hier sich ihres Wissens sicher sind, dass Dunkelhäutige Dämonen sind."

Der Kommentar ließ Daron die Stirn runzeln. Weder gefiel ihm der Vergleich, noch passte er. "Sie sind noch nie einem Dunkelhäutigen begegnet. Ich hatte schon den einen oder anderen Zusammenstoß mit Dämonen. Und sie waren grundsätzlich immer sehr begierig darauf aus, mich zu töten."

"So wie ich immer grundsätzlich sehr begierig darauf aus bin, Euren Befehlen umgehend nachzukommen, Meister Daron?"

Daron erinnerte sich an den Gedanken, der ihm am Vortag gekommen war wie er sich fühlen würde, wenn man ihn aus seiner Welt reißen und in einen Runenkreis stecken würde. Aber Sariel war ein Dämon. Dämonen bogen jede Wahrheit so zurecht, dass sie passte. Sie konnten mit Silberzungen reden. Er schnaubte. "Netter Versuch. Aber glaubst du wirklich, dass du mich davon überzeugen kannst, dass du einfach ein harmloses Wesen bist, das lediglich das Unglück hatte, von Schwarzroben gefangen zu werden?"

"Harmlos? Nein." Sariel grinste zahnreich und ohne jeden Funken von Humor in den Augen. "Aber vielleicht davon, dass ich nicht das bin, was Ihr von mir denkt."

"Nun, wir werden einige Zeit miteinander verbringen. Vielleicht überraschst du mich ja." Daron nahm einen der Kiesel auf und zog mit dem Kristall den ersten Strich von Arwa, der Bewahrerin, auf die graue Oberfläche, während er ihn mit Magie füllte. Wovon er sich auf jeden Fall bereits hatte überzeugen können, war, dass er sich vorsehen musste. Dämonen sprachen wirklich mit Silberzungen, und sie klangen sehr überzeugend dabei.


Pandorah