Runenbande

4.

Sie brachen früh am nächsten Morgen auf und deutlich leichter bepackt, als sie angekommen waren. Der Großteil des Proviants verblieb bei der Bauernfamilie. Sariel mochte keinen Käse und zu Darons Überraschung auch keine Wurst verdorbenes Fleisch nannte er es, und Daron konnte beim besten Willen nicht so viel essen, dass die von dem Schwarzmagierzirkel mitgenommenen Vorräte aufgebraucht wären, bevor sie schlecht wurden. Dafür hatte Sariel nun ebenfalls einen Rucksack, in dem er nicht nur den Kochkessel und seine Decke trug, sondern auch diverse andere Dinge, die Daron bei Mitlan für ihn erstanden hatte, darunter ein irdener Becher, ein Holzteller, ein Messer und eine eigene Wasserflasche.

Der Tag versprach heiß zu werden, und Daron war froh, als sie die Felder hinter sich ließen und wieder in den Schatten des Waldes eintraten. Das dichte Blätterdach filterte die Sonnenstrahlen und tauchte die Welt in grüngoldenes Licht. Insekten schwirrten summend umher, das harte Trommeln eines Spechts drang von weit her und mischte sich unter die sanften Rufe von Blutfinken.

Daron grübelte darüber nach, was er mit dem Dämon anfangen sollte. Er konnte ihn nicht auf ewig mit sich nehmen, wie sollte er seine Anwesenheit auf den Vollversammlungen der Kampfmagier erklären? Was, wenn ein anderer Magier herausfand, was Sariel war, ein Priester vielleicht sogar, der einem die Tempel auf die Spur hetzen konnte? Außerdem würde es ihn früher oder später wahnsinnig machen, ihn immer um sich zu haben. Ganz zu schweigen davon, dass er sich in der Nähe eines Dämons nie vollkommen entspannen konnte, gleichgültig, wie mächtig der Runenkreis war, der ihn band. Bereits jetzt war er angespannt und wachsamer als sonst, weil Sariel beständig einen Schritt hinter ihm ging.

Das Problem würde sich auch nicht in fünfzig oder hundert Jahren von allein erledigen Dämonen waren ebenso wie Magier unsterblich, zumindest was einen frühen Tod durch das Alter betraf. Im Gegenteil wurden sie mächtiger und stärker, je älter sie wurden.

Sariel einfach zu töten war ebenfalls keine Alternative, nun noch viel weniger als vor zwei Tagen, als er ihn hilflos im Bannkreis gefunden hatte.

Warum zur Hölle war Sariel nur an ihn gebunden? Im Normalfall lösten sich die Runenkreise mit dem Tod des Schwarzmagiers oder des Zirkels auf, der den Dämon beschworen hatte. Und je nach den eingesetzten Runen und den Befehlen der Magier hatte man den Dämon dann entweder am Hals, weil der mordend durch das Land zog oder er verschwand schlicht in seiner Heimathölle. Das war Darons liebste Lösung. Sauber, einfach und für alle Beteiligten das Beste.

Er sah über die Schulter zurück, sein Blick traf den der goldenen Augen. Daron fühlte sich umgehend in seiner Wachsamkeit bestätigt er wurde beobachtet. Ein wenig grummelig winkte er Sariel zu sich heran. "Komm her."

Der Dämon gehorchte und trat neben ihn, um sich seinem Schritt anzupassen. "Ja, Meister Daron?"

"Warum bist du mit dem Tod des Zirkels nicht frei gekommen?" Forschend betrachtete Daron das schmale, ebenmäßige Gesicht. In dieser Gestalt wirkte er genauso menschlich, wie er es ihm befohlen hatte. Und wie es sich für einen Dämon als Mensch gehörte, war er viel zu attraktiv. Dichte Wimpern umrahmten die Augen so schwarz, dass sein Blick noch viel leuchtender erschien, als es die Farbe ohnehin war. Die Brauen bildeten derart perfekt geschwungene Bögen darüber, als hätte ein Künstler sie in Tusche gezeichnet. Derselbe Künstler musste auch für die Lippen verantwortlich sein gleichzeitig samtig weich, einen Hauch zu voll und trotzdem männlich in jeder Hinsicht.

Sie kräuselten sich, als Sariel abfällig den Mund verzog. "Eine reine Vorsichtsmaßnahme, Meister Daron. Sollte es mir gelingen, meinen Gebieter in den Tod zu treiben, wäre ich damit nicht frei, sondern weiterhin greifbar für jede Art der Strafe. Außerdem entfiele damit das lästige Neubeschwören. Niemand hat wohl damit gerechnet, dass der gesamte Zirkel ausgelöscht wird."

"Und was passiert, sollte dein Gebieter sterben, ohne dass es einen Nachfolger gibt? Zum Beispiel, indem ich eine Klippe hinab stürze? Du wirst dann ja wohl kaum an die Klippe gebunden werden." Der Gedanke ließ Daron grinsen.

"Ich weiß es nicht." Sariel machte einen Schritt zur Seite in einen Sonnenfleck und drehte das Gesicht in die wärmenden Strahlen. "Vielleicht bin ich frei. Vielleicht sterbe ich mit Euch. Vielleicht wird derjenige Magier mein nächster Gebieter, der dem Ort Eures Todes am nächsten ist. Vielleicht irre ich mich darin, dass ich an den Bezwinger meines Meisters übergehe, sondern das ist es, warum Ihr mein Gebieter seid."

"Bist du auf diese Art schon mal... weiter gegeben worden?"

Sariel neigte leicht den Kopf. "Ich ging auf diese Art auf meinen letzten Gebieter über. Sie waren beide in dem gleichen Zirkel, aber ich war nicht schuld an seinem Tod."

"Wie lange bist du schon an den Runenkreis gebunden?" Eigentlich hatte Daron die Frage nicht stellen wollen. Denn eigentlich wollte er die Antwort nicht so genau kennen. Es war einfacher.

"An diesen? Mehr als zehn Eurer Jahre, Meister Daron." Sariels Miene war ausdruckslos, seine Stimme ohne Emotionen. Er drehte den Kopf ein wenig, und sein Haar fiel wie ein schwarzer, schwerer Vorhang nach vorne und verbarg sein Gesicht.

Daron blieb stehen. Auch Sariel hielt nach nur einem weiteren Schritt an, in perfektem Abgleich auf seine Bewegung. Daron starrte den Rücken des Dämons an. Irgendwie hatte er nicht damit gerechnet, dass es schon so lange sein würde. Ein Jahr, zwei vielleicht. 'Er ist ein Dämon. Was interessiert das? Sie werden Hunderte, Tausende von Jahren alt. Es ist ein Wimpernschlag in diesem langen Leben. Sie sind grausam, haben Freude am Töten, an den Schreien ihrer Opfer. Sie laben sich an Menschenfleisch.' Der Gedanke war noch nicht beendet, als er Sariels Stimme in seinem Kopf nachhallen hörte. 'Menschen schmecken nicht besonders gut.'

"Mehr als zehn Jahre..." Langsam atmete Daron aus. Auch in seinem Leben waren zehn Jahre nicht allzu viel. Aber es war fast die Zeit, die er selbst gefangen verbracht hatte, Steine schleppend in einem dunklen Bergwerk, in schmalen Gängen, die gerade groß genug für einen Jungen wie ihn gewesen waren. Bis sein Besitzer ihn an die Akademie verkauft hatte. Und Sariel hatte nur von diesem einen Runenkreis gesprochen; wer wusste, wie oft und wie lange er vorher gebunden gewesen war? "Vermisst du etwas außer deiner Freiheit?"

Abrupt drehte Sariel sich um. Noch immer war sein Gesicht ausdruckslos, doch in seinen Augen flammte hilflose Wut. Er wollte nicht antworten, alles an ihm zeigte seinen Widerstand, das dunkle Grollen in der Stimme, die Anspannung in seinem Kiefer, seine geballten Fäuste. Er hatte keine Wahl.

"Meine Sippe. Und das Fliegen, Meister Daron", zischte er mit gebleckten Zähnen.

Blicklos sah Daron ihn mehrere Atemzüge lang an. Er hatte vom Fliegen geträumt, damals. Fast jede Nacht. Hoch über den Wolken, die dunklen Gänge weit unter sich zurück lassen zu können. Frei zu sein.

"Du kannst Hemd und Rucksack bei mir lassen. Lass dich von keinem Menschen sehen, falls hier tatsächlich noch jemand in der Gegend sein sollte", sagte er schließlich. "Und vor Sonnenuntergang bist du zurück. Dann kannst du fliegen."

Sariels Augen weiteten sich. Brennende Sehnsucht füllte seinen Blick mit solcher Intensität, dass Daron sie ebenfalls zu spüren vermeinte. Es raubte ihm den Atem.

Dann wurden die Augen verschlossen und schmal. "Was verlangt Ihr dafür, Meister Daron?"

Langsam atmete Daron ein und wieder aus, während sich die Welt wieder auf den Wald ausbreitete und nicht mehr nur aus den goldenen Augen zu bestehen schien.

"Es gibt nichts, was ich nicht ohnehin von dir verlangen kann, Sariel", sagte er leise. "Ich will keinen Gegenpreis. Flieg, wenn du willst."

Einen Moment lang starrte der Dämon ihn an, dann landete der Rucksack auf dem Boden. Er entledigte sich derart schnell des Hemdes, dass eine Naht riss, doch er ignorierte es. Einen Atemzug später breiteten sich die gewaltigen Lederschwingen aus. Sariel stieß sich mit einem gewaltigen Satz vom Boden ab, schoss in die Luft empor und durch die Baumkronen hindurch. Ein Regen aus Blättern und Zweigen ging auf Daron nieder, dann war er allein.

Nach kurzem Zögern sammelte er die Kleidung ein und stopfte sie in Sariels Rucksack.Es war unbequem, ihn über einer Schulter zu tragen, die schon von seinem eigenen besetzt war, und er brauchte ein wenig, um eine einigermaßen angenehme Position zu finden, ehe er seinen Weg fortsetzte.

Seine eigenen Worte hallten in seinem Kopf wieder, in einer endlosen Schleife. Es gab nichts, was er nicht von Sariel verlangen konnte. Nichts. Egal, was er sagte, gleichgültig, was er verlangte, Sariel musste es tun, Sariel musste gehorchen, Sariel musste antworten. Er hatte vollkommene Kontrolle über den Dämon, über alles, was dieser tat. Wenn er ihm befahl, mit dem Atmen aufzuhören, musste Sariel ihm Folge leisten.

Die Vorstellung hinterließ ein beklemmendes Gefühl in ihm, Übelkeit beinahe. Unwillkürlich hob er den Blick zum Himmel empor, doch von Sariel war nichts zu sehen.

"Verdammt, warum ausgerechnet ich?", grummelte er und trat verärgert einen Stein beiseite. "Hätte er nicht an irgendeinen anderen Kampfmagier geraten können?"

Ihn freizugeben war jedoch auch keine Alternative. Sariel mochte behaupten, was er wollte. Er war ein Dämon. Und selbst, wenn er nicht bevorzugt Menschen fraß was fraß er eigentlich am liebsten? Rohes Fleisch; aber was, wenn schon keine Menschen? Trotzdem war er eine Gefahr. Konnte er ihn freigeben unter der Bedingung, dass er sofort in die Höllen zurückkehrte? War das möglich? Sariel vermisste seine Sippe, hatte er gesagt. Wer hätte gedacht, dass Dämonen Familienbande zu schätzen wussten?

'Wenn ich ihn gehen lasse, entgeht mir die Möglichkeit, mehr über Dämonen zu lernen. Er ist anders, als ich denke, sagt er. Und wahrscheinlich hat er Recht.' Es war eine einmalige Chance. Sariel würde nicht der letzte Dämon sein, mit dem er zusammenstieß. Aber dank der besonderen Umstände war es auf jeden Fall der einzige, der ihm nicht das Herz herausreißen wollte. Oder zumindest der einzige, der ihm nicht das Herz herausreißen konnte.

Daron blieb stehen und sah den schmalen Pfad entlang, der immer unwegsamer wurde. Eine sanfte Kurve verbarg den weiteren Verlauf hinter Buschwerk und einer Felswand, die zum Gipfel hin steil anstieg. Was war, wenn er Dinge erfuhr, die er nicht wissen wollte? Vielleicht lernte er, effektiver gegen Dämonen zu kämpfen, wenn er Sariel für eine Weile bei sich behielt. Dämonen waren gefährliche Gegner, hinterhältig, mächtig, schnell und unberechenbar. Voller Kraft, voller Magie. Aber es waren Dämonen. Daron hatte nie bereut, einen getötet zu haben. Was, wenn sich das änderte?

'Oft steht man vor einer Entscheidung und der Weg gabelt sich', hatte sein Freund T'Chun einmal zu ihm gesagt. 'Man versucht abzuwägen, wohin man gehen will, welche Gefahren, welche Verheißungen in jeder Richtung warten. Das Leben ist voller Entscheidungen. Doch manchmal denkt man nur, eine Wahl zu haben, und es gibt lediglich einen einzigen Weg.'

"T'Chun, mein Freund, manchmal hasse ich es, wenn du Recht hast", murmelte Daron. "Das hier ist kein Scheideweg."

Er ruckelte den zweiten Rucksack ein wenig bequemer zurecht und folgte der Kurve, die der Pfad ihm vorgab. Es war in diesem Moment, dass er bemerkte, dass er nicht den Weg in Richtung des nächsten Tempels eingeschlagen hatte, dem er doch von dem nun verlassenen Orden hatte berichten wollen. Ohne darüber nachzudenken hatten seine Schritte ihn in die entgegengesetzte Richtung geführt, in die Wildnis der Berge, in die Einsamkeit.

 

Daron schlug das Nachtlager am frühen Abend auf. Der Platz war einfach zu perfekt, um weiterzugehen, obwohl es noch eine ganze Zeit nicht dunkel werden würde. Eine Nische in einer Felswand, noch nicht ganz eine Höhle, bot Schutz von allen Seiten, einschließlich vor Regen, der vermutlich im Laufe der Nacht kommen würde. Wolken begannen sich dunkel und drohend zu sammeln. Aus einem Spalt rann ein Rinnsal an Wasser, so dass man mit ein wenig Geduld sogar die Wasserflaschen füllen konnte. Wilde Minze und andere Kräuter wuchsen an seinem Lauf. Das Wasser war eiskalt, klar und frisch, und Daron stillte seinen Durst, noch ehe er die Rucksäcke ablegte.

Aus Bruchsteinen legte er einen Kreis für die Feuerstelle, drei in der Mitte dienten als Unterlage für den Kessel. Er richtete zwei Lagerstätten aus den Decken, bevor er sich daran machte, ausreichend Holz zu sammeln, so dass es die Nacht über reichen würde. Danach füllte er den Kessel mit Wasser, warf einige Zweige der Minze hinein und entzündete das Feuer mit einem Funken Magie.

Ein Blick zum bewölkten Himmel empor zeigte ihm, dass Sariel nicht zu sehen war. Hoffentlich fand der Dämon ihn. In der Ferne grollte Donner; er versprach Abkühlung von der schwülen Hitze.

Daron streifte sein Hemd ab, nahm den Stab auf und schwang ihn einmal, zweimal locker durch die Luft, ehe er in Grundstellung ging. Er atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen, bevor er die Charta aus den vertrauten Bewegungsabläufen begann Angriff, Verteidigung, Blocken, Ausweichen.

Er hörte keinen Laut, als Sariel schließlich zurückkam, doch er konnte ihn spüren. Daron unterbrach seine Übung und suchte erneut den Himmel ab. Schweiß rann ihm über Brust und Rücken, und er bedauerte, dass es noch nicht regnete. Mittlerweile war es vollkommen dunkel unter den Bäumen, die Wolken waren derart dicht geworden, dass sie das letzte Tageslicht abfingen und Mond und Sterne verbargen. Nur das kleine Feuer spendete Helligkeit. Das Wasser im Kessel war zu Tee geworden und siedete leise, der Lagerplatz roch nach Minze.

"Meister Daron." Sariels Stimme kam von oben, vom Rand der Klippe, doch als Daron den Kopf in den Nacken legte, entdeckte er nichts. "Ihr sagtet, dass mich kein Mensch sehen darf, aber dass ich vor Sonnenuntergang zurück sein soll. Hier bin ich."

Daron lachte auf. "Was für ein Glück habe ich nicht darauf bestanden, dass du weder zu sehen, noch zu hören sein sollst. Komm runter, ich bin natürlich von dem Verbot ausgenommen."

Die gewaltigen Lederschwingen rauschten, Daron sah den dunklen Schatten auf dem Fels über sich, ehe sich der Dämon zwischen ihm und dem Feuer niedersenkte. Die Flammen flackerten in den Luftwirbeln auf.

"Meister Daron." Angedeutet nickte Sariel ihm zu.

Daron grinste. Er trat zu seinem Lager, legte den Stab darauf und warf einen dicken Ast ins Feuer. Die Flammen leckten gierig danach, es wurde heller. "Noch knapper vor Sonnenuntergang ging es vermutlich nicht, um noch als 'vor Sonnenuntergang' zu gelten."

"Über den Wolken ist es noch hell." Sariel faltete die Flügel zusammen, ehe er sich setzte. Der Schein des Feuers schien die blutroten Zeichnungen tanzen zu lassen, die seinen dunklen Körper auf Brust und Oberarmen umschlangen. Durch den Hosenbund wirkten sie wie abgeschnitten.

Fast hatte Daron den Eindruck, als ob der Dämon lächelte. Er schien entspannter zu sein. "Es ist Tee da. Nimm dir."

"Ja, Meister Daron." Sofort erhob sich Sariel wieder.

"Warte." Daron schnaubte verärgert, als Sariel regungslos erstarrte. "Nein, du darfst dich bewegen. Ich meinte: Nimm dir Tee, wenn du magst. Das war kein Befehl."

Sariel sah ihn an und grinste. Es wirkte bedrohlich mit seinem Raubtiergebiss und den goldenen Augen mit der senkrechten Pupille. Doch Daron stellte überrascht fest, dass er die Züge des Menschen sehen konnte, den er den vergangenen Tag um sich gehabt hatte. Die Ähnlichkeit war da. Er wusste, wie Sariel als Mensch grinsen würde.

"Hast du schon gegessen?" Er trat zu der kleinen Quelle und wusch sich den Schweiß ab. Das kalte Wasser ließ ihn schaudern und schickte eine Gänsehaut über seinen Körper, aber war angenehm auf seiner erhitzten Haut.

"Ja." Sariel füllte seinen Becher mit Tee, zögerte einen Moment, dann füllte er auch Darons und stellte ihn bei dessen Decke ab.

Überrascht sah Daron ihn an. Das war nicht vom Runenkreis vorgegeben, da war er sich sicher. "Danke."

Sariel ignorierte ihn.

Sie schwiegen, während Daron aß. Gleichmäßiger Regen setzte ein und verschluckte die Geräusche des Waldes. Sariel schien zufrieden zu sein, einfach auf seiner Decke zu sitzen und hin und wieder an seinem Tee zu nippen. Nach seinem Mahl zog Daron erst den Runenkreis um ihr Lager, dann um Sariels Lagerstatt, um die Nacht entspannter schlafen zu können. Auch das ignorierte der Dämon.

Langsam brannte das Feuer nieder. Daron legte einige Stücke Holz nach, dann streckte er sich auf seiner Decke aus, eine Hand auf seinem Stab, und schloss die Augen. Er war kurz vor dem Einschlafen, als er Sariels dunkle Stimme hörte, so leise, dass er kaum zu verstehen war.

"Danke für den Himmel, Daron."

Daron lächelte in sich hinein, aber reagierte nicht. So leise, wie der Dämon gesprochen hatte, war es nicht für seine Ohren bestimmt gewesen. Und wenn doch wollte Sariel keine Antwort hören.

 

Die nächsten Tage sah er nur wenig von Sariel. Morgens stieg der Dämon in den Himmel empor, sobald er die Erlaubnis erhalten hatte, abends kam er mit den letzten Sonnenstrahlen zurück. Manchmal brachte er Beute mit, die er mit Daron teilte. Sie redeten nicht viel in diesen ersten Tagen, während Daron eine Richtung einschlug, die sie noch tiefer in die Wildnis brachte. Er wollte nicht gesehen werden, wenn ein Dämon über ihm kreiste. Er wollte nicht, dass jemand Sariel zu Gesicht bekam und andere Kampfmagier alarmierte. Hier draußen gab es keine Menschenseele außer ihm, und er genoss die Einsamkeit.

Jeden Abend zog er die beiden Schutzkreise, von denen der eine ihr Lager schützte und der andere den Dämon in seinen Grenzen hielt. Jedes Mal beobachtete Sariel ihn aus seinen goldenen Augen, zumeist schon zusammengerollt auf seiner Decke wie eine übergroße Katze.

"Warum traut ihr den Runen nicht, die Euch schützen, Daron, aber glaubt denen, die mich an Euch binden?"

Überrascht über die Frage hob Daron die Brauen und vollendete den Bannkreis. Seit zwei Wochen vollführte er dieses abendliche Ritual, und nie hatte der Dämon es in Frage gestellt.

"Im Schlaf bin ich angreifbar", antwortete er nach einem Moment. "Solltest du nicht wiederkommen, kann ich dich suchen. Solltest du mich im Schlaf töten... nun", er grinste, "dann bin ich tot."

Leise gluckste der Dämon in sich hinein.

Eine Weile schwiegen sie, während Daron sich einen letzten Becher Tee nahm, dann den Kessel vom Feuer stellte und sich auf sein Lager setzte. Die goldenen Augen folgten ihm.

Sariel drehte sich, so dass er ihn besser im Blick behalten konnte. "Was habt Ihr mit mir vor, Meister Daron?"

"Du hast mir gesagt, ich kenne keine Dämonen. Ich war nie einem Dämon so nah wie dir." Daron erwiderte den Blick aus halb gesenkten Lidern. "Ich glaube, vor mir hat selten eine Rotrobe so viel Zeit mit einem Dämon verbracht, dass man davon lernen konnte."

"Und deswegen lasst Ihr mich fliegen, so dass Ihr mich nicht in Eurer Nähe habt? Was habt Ihr davon?", fragte Sariel mit gerunzelter Stirn.

Daron lächelte und nahm einen Schluck Tee. "Nun, ich habe schon gelernt, dass dir der Himmel wichtig ist."

Es war ein Anfang, er hatte Zeit. Und ein entspannter, zufriedener Dämon gab mehr von sich Preis als einer, der beständig auf der Hut war. Außerdem musste Daron sich eingestehen, dass er es mochte, dass der wachsame Ausdruck in der Miene des Dämons gewichen war, die Anspannung, das Warten auf den nächsten Befehl. Es war kein Vertrauen, das Sariel ihm entgegen brachte. Aber er lebte nicht mehr in beständiger Angst und erfüllt von Groll. Daron fühlte sich wie mit einem scheuen Tier, das er an sich gewöhnen wollte.

"Es wird lange dauern, bis Ihr irgendetwas von Interesse lernen könnt, wenn Ihr Euch so viel Zeit lasst." Der Dämon legte den Kopf schief, und Daron beobachtete, wie das schwarze Haar in einer schweren Welle von seiner Schulter floss. Manchmal fragte er sich, ob es sich anders anfasste als das eines Menschen. "Wir haben Zeit. Wir beide, du und ich, wir altern nicht."

"Und was macht Ihr, wenn Ihr nicht das von mir lernt, was Ihr lernen wollt? Oder wenn es nichts mehr zu lernen gibt?"

"Dann gebe ich dich frei." Bis zu diesem Moment hatte Daron den Gedanken nicht wirklich gehabt, doch als er es aussprach, wusste er, dass es wahr war. Er konnte Sariel nicht mehr töten, nicht ohne Grund, und er konnte ihn nicht für ewig an sich binden. Er wusste nicht, wie er es tun würde, ohne den Dämon zu einer Gefahr für andere werden zu lassen, doch er wusste mit absoluter Sicherheit, dass es so war.

Sariels Augen weiteten sich, er starrte ihn an; dann wurden sie zu schmalen Schlitzen, und er fauchte mit gebleckten Zähnen. In seiner Stimme lag ein zorniges Grollen, als er antwortete. "Ich glaube Euch nicht, Meister Daron."

Daron fühlte einen enttäuschten, vielleicht auch verärgerten Stich, aber verschluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Wenn er ehrlich war, hatte er nichts anderes erwarten können. Sariel hatte bisher wenig Grund gehabt, einem Menschen zu vertrauen, ihn eingeschlossen. "Das kann ich dir kaum verbieten. Und da wir uns erst so kurz kennen, werden wir auch noch eine ganze Zeit zusammen verbringen, ehe ich es dir zeigen kann."

"Ihr haltet Euch für besser als sie", grollte der Dämon und sah ihn aus lodernden Augen an. "Aber Ihr spielt mit mir genauso wie sie. Vielleicht ist Euer kleiner Schutzkreis doch sehr sinnvoll." Abrupt wandte er sich ab und rollte sich zusammen.

Daron starrte auf seinen Rücken und auf die schwarzen Flügel und wünschte, er hätte nichts gesagt. Er hatte sich nichts dabei gedacht, höchstens vielleicht, Sariel einen freudigen Ausblick auf seine Zukunft zu geben und ihm die Angst davor zu nehmen. Stattdessen hatte er die Wand zwischen ihnen eigenhändig wieder aufgebaut.


Pandorah