Runenbande

5.

Als Daron am nächsten Morgen erwachte, saß Sariel bereits angekleidet auf seiner Decke, in menschlicher Gestalt. Schweigend aßen sie, und als Daron ihm die Erlaubnis zu fliegen gab, schüttelte er nur knapp den Kopf. Irgendwie schmerzte das mehr als der Vorwurf am Abend, stellte Daron fest, während er beobachtete, wie Sariel mit steifen Bewegungen seine Decke einrollte und verpackte und sich dann daran machte, die Reste des Frühstücks wegzuräumen. Ebenso schweigend brachen sie auf, und Sariel fiel wieder auf seinen alten Platz einen Schritt hinter Daron zurück.

Es machte ihn wahnsinnig. Mehr als einmal öffnete er den Mund, um ihn neben sich zu befehlen. Jedes Mal schloss er ihn wieder und sagte gar nichts.

Das Wetter war ebenso schön wie an den vorangegangenen Tagen. Die Sonne schien von einem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel, doch das Blätterdach bot ausreichend Schutz, so dass es nicht zu heiß werden konnte. Hier und dort fielen Sonnenstrahlen bis auf den Grund hinab und zeichneten Bahnen aus Licht, in denen Insekten tanzten. Nach dem nächtlichen Regen war die Luft frisch und klar; es machte das Wandern leicht, während die vertrauten Geräusche des Waldes sie auf dem schmalen Weg begleiteten.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als sich der Wald öffnete und den Blick auf einen Bergsee freigab. Daron blieb nach wenigen Schritten stehen und sog atemlos den Anblick in sich auf, für einen Moment war das Schweigen zwischen ihm und dem Dämon vergessen. Es gab Dinge, an die konnte man sich nicht gewöhnen, gleichgültig, wie viele Jahre vergingen, und Landschaften wie diese gehörten dazu.

Schroff ragten die Kronen der Berge in den Himmel empor, ihre Spitzen weiß von Schnee, und bildeten den majestätischen Rahmen für den See, dessen Wasseroberfläche in einem derart intensiven Türkis leuchtete, dass selbst der Himmel blass dagegen wirkte. Von einer steilen Felswand linker Hand ausgehend schwang sich ein heller, schmaler Sandstrand in einem kühnen Bogen das Ufer entlang, bis er rechter Hand wieder in dichten Baumbewuchs überging.

Direkt dort, wo der Sand auf den Fels traf, versprach ein dunkler Eingang den Schutz einer Höhle, sollte demnächst wieder Regen drohen. Es war der perfekte Platz für eine Unterbrechung ihrer Reise, für eine Rast von mehreren Tagen. Daron beschloss, dass es genau das war, was sie brauchten.

Mit einem Lächeln wandte er sich zu Sariel um, doch es verschwand wieder, als er die ausdruckslose Miene des Dämons sah.

"Ah, ich vergaß. Der Dämon hat ja beschlossen, dass ich Brüderschaft mit Schwarzroben geschlossen habe", grummelte er.

Sariel reagierte nicht.

Für einen Moment war Daron versucht, ihm etwas zu befehlen, irgendetwas, um ein Gefühl auf das reglose Gesicht zu bringen, und wenn es nur Wut war. Er verkniff es sich. "Wenn du die unendliche Güte hättest, Holz zu sammeln und hierher zu bringen, wäre ich dir zutiefst verbunden. Wir bleiben ein paar Tage."

"Wie Ihr befehlt, Meister Daron." Sariel nickte knapp, drehte sich um und verschwand wieder im Wald.

Verärgert blieb Daron zurück. Er warf seinen Rucksack ab, dann nahm er den Stab vom Rücken und entzündete mit einem Gedanken das Feenlicht, ehe er sich behutsam der Öffnung in der Felswand näherte. Er hatte keine Lust auf überraschende Begegnungen mit den Eigentümern, sollte dieses Domizil bereits von Schatten, Bären oder Seelenfressern bewohnt sein.

Doch er hatte Glück. Der kühle Raum, in den er trat, war nicht sonderlich groß, gerade einmal eine doppelte Mannslänge im Radius, und wies keine abgehenden Gänge oder uneinsichtige Ecken auf; für zwei Personen, deren Gepäck und ein Feuer war ausreichend Platz. Der Eingang war hoch genug, dass Rauch abziehen konnte, ohne das Gewölbe zu füllen. In einer Nische lag ein Haufen alter Knochen mit deutlichen Bissspuren. Zumindest ein Teil gehörte zu einem Reh, wie Daron an einem zersplitterten Schädel erkennen konnte, aber sie waren alt. Was immer hier sein Mahl gehabt hatte war schon längst woanders hin gewandert.

Er sammelte die Knochen kurzerhand ein und warf sie nach draußen, ehe er seinen Rucksack in die Höhle brachte. Ob er zurück ins Dorf gehen und Sariel gegen Dana eintauschen konnte? Die Kleine plapperte zwar ununterbrochen, aber sie grollte ihn wenigstens nicht an, wenn er ihr ein Versprechen gab. Unwillig schnitt er eine Grimasse. Vielleicht doch, wenn er ihr mitteilte, dass sie das Versprochene erst in vielen Wochen erhalten würde. Irgendwann. Zu einer unbestimmten Zeit.

"Aber was erwartet er?", grummelte Daron und trat verärgert einen Stein beiseite. "Dass ich ihm auf Anhieb vertraue?"

Aus den Augenwinkeln sah er etwas durch den Eingang gleiten, zu schnell, zu gewandt. Das Schutzschild herbeizurufen, herumzuwirbeln und den Stab zu heben, war eines. Feuer hüllte die Kristallspitze ein, ehe Daron Sariel erkannte. Zischend atmete er aus, als er die Magie erlöschen ließ. "Göttin, verdammt, bist du wahnsinnig, mich so zu erschrecken? Hast du Todessehnsucht?"

"Nein, Meister Daron. Nein, Meister Daron." Achtlos warf Sariel eine Ladung dicker Äste auf den Boden neben dem Eingang.

Die doppelte Antwort brachte Daron zum Grinsen, auch wenn er es eigentlich nicht wollte. Er lehnte sich mit einer Schulter gegen die Felswand und betrachtete den Dämon, der sich auf der Ferse umdrehte und die Höhle wieder verlassen wollte. "Warte."

Abrupt verharrte Sariel auf der Stelle.

"Die Runen machen keinen Unterschied zwischen echten Fragen und rhetorischen?"

"Nein, Meister Daron", grollte der Dämon.

"Eigentlich willst du gar nicht mit mir reden, hm?" Daron betrachtete Sariels schlanke Gestalt, die sich im Eingang dunkel gegen den hellen Tag abhob. Es schien passend. Andererseits war er wie von einem Lichtschein umgeben. Und auch das war passend. "Aber sobald ich dich etwas frage, musst du antworten?"

"Ja, Meister Daron. Ja, Meister Daron." Sariel wandte den Kopf und warf ihm über die Schulter einen derart zornigen, brennenden Blick zu, dass Daron es bemerkenswert fand, dass er nicht in Flammen aufging.

"Und 'Meister Daron' kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Runen bestimmen, dass du zu antworten hast?", fragte er nüchtern.

"Ja, Meister Daron." Die Antwort war eher gezischt, als gesprochen.

Es mochte nicht der passendste Zeitpunkt sein, aber Sariel war ohnehin sauer. Da machte eine Frage mehr auch nichts mehr aus. Und Daron wollte wissen, wie weit er gehen konnte, wie weit die Runen reichten. "Du musst mir wirklich alles beantworten, selbst wenn ich dich nach deinen dunkelsten Geheimnissen fragen würde?" Falls Dämonen so etwas überhaupt hatten.

Sariel schauderte, auch wenn er es zu unterdrücken versuchte, und wandte den Blick ab. "Ja, Meister Daron."

Überrascht hob Daron die Brauen. Das hätte ihn wirklich interessiert. Aber diese Frage tatsächlich zu stellen, war absolut keine Option. Er konnte Sariel ansehen, dass er es erwartete und fürchtete. Und dass er würde antworten müssen, auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte.

Die Macht, die der Runenkreis verlieh, war Daron unheimlich. Er wollte sie nicht. 'Lass ihn frei, hier und jetzt, dann hat sich das. - Aber er ist ein Dämon! Lass ihn frei und er verschwindet, um Unheil anzurichten. Genauso gut könntest du ins nächste Dorf einfallen und die Menschen dort eigenhändig niedermetzeln.'

"Ich schlage dir einen Handel vor, Sariel", sagte er stattdessen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich nehme den Zwang, jede Frage beantworten zu müssen, von dir, wenn du..." Er verstummte, als Sariel sich langsam zu ihm umdrehte. 'Wenn du versprichst, nur die Wahrheit zu sagen. Ha! Muss er doch eh.'

Der Dämon hatte nichts, was er ihm anbieten konnte. Es gehörte ohnehin alles ihm. Daron hatte es einmal gesagt, doch in diesem Moment begriff er es erst richtig. Alles an und von Sariel gehörte ihm. Alles. Haut und Haar, sein vollkommener Gehorsam, sein Leben, sein Atem. Und er wunderte sich, dass Sariel empfindlich war? Der Dämon gehörte sich weniger, als Daron sich damals gehört hatte, als er von seinen Eltern als Bergwerkssklave an seinen Besitzer verkauft worden war. Er hätte sich wehren können, wenngleich auch mit tödlichen Folgen. Sariel blieb selbst das verwehrt.

"Ah, verdammt. Kein Handel", grummelte er erschaudernd und konnte im selben Moment sehen, dass die Worte den Dämon trafen, den kleinen Funken Hoffnung zerschnitten, verbrannten und in den Staub traten, den er für einen Moment gespürt hatte. Hastig winkte er ab. "Nein, warte. Sag nichts. Du verstehst mich falsch. Wir machen das ohne Handel."

Sariel starrte ihn an. Er sagte kein Wort, aber dieses Mal nicht aus Wut, sondern ganz offensichtlich, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Er war verwirrt.

Daron überlegte für einen Moment intensiv. Er hatte keine Lust, alles durch eine dumme Formulierung noch schlimmer zu machen. "Sariel, ich hebe den Befehl auf, der dich dazu zwingt, jede Frage beantworten zu müssen. Und wenn das nicht funktioniert, dann befehle ich dir, dass du Fragen nur noch dann beantworten musst, wenn du das willst."

Er hoffte, dass er das nie bereuen würde. Wenn der Dämon eine Antwort kannte, die ein Leben retten konnte und sich entschied, diese nicht preiszugeben, zum Beispiel. 'Und wie wahrscheinlich ist das? Eher stolperst du über einen Drachen. Mit einem gigantischen Schatz. Den er dir schenkt. Freiwillig und ohne Hintergedanken. Aus der Güte seines Herzens.'

Sariel starrte noch immer und rührte sich nicht.

Daron hatte irgendetwas erwartet. Freude, Wut, Vorwürfe, einen Kommentar, zumindest ein Fauchen oder ein Zischen oder... Genervt schnaubte er, als er seinen Fehler sah. "Du kannst aufhören zu warten. Und du darfst natürlich reden."

Sariel legte den Kopf schief und sah ihn noch immer an. Sah ihn ohne zu blinzeln aus seinen goldenen Augen an, die selbst im Dämmerlicht der Höhle zu leuchten schienen. "Ich verstehe Euch nicht, Daron."

Daron gluckste in sich hinein. "Gut. Das beruhigt mich. Hat es funktioniert?"

Sariel öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder und grinste.

"Wie ist das Wetter draußen?" Die Frage war dumm, aber es war die erste, die Daron einfiel, einfach, um noch eine zu stellen. Um auszuprobieren, ob es wirklich klappte.

"Geht und schaut nach, Daron." Sariel lachte.

Es klang derart befreit, dass es Daron den Atem raubte. Der aufgehobene Befehl schien den ganzen Dämon zu verwandeln; er schien größer zu werden, sicherer. Seine Augen funkelten wie zwei Sonnen. Seltsam atemlos fragte Daron weiter, damit Sariel ihm weiterhin nicht antworten musste, damit er weiter lachte. "Wie alt bist du?"

Und Sariel tat ihm den Gefallen. "Ihr habt mir nie Euer Alter verraten. Also bleibt auch meines ein Geheimnis." Er lachte so sehr, dass er sich festhalten musste. Es war mitreißend, ansteckend, herrlich, und Daron fiel mit ein.

"Gefällt dir unsere luxuriöse Bleibe?"

Das Lachen des Dämons wurde zu einem Glucksen, dann verstummte er. Er stieß sich von der Wand ab und trat auf Daron zu, ohne den Blick von ihm zu lassen. Direkt vor ihm blieb er stehen und sah forschend zu ihm auf, ihm direkt in die Augen. "Warum tut Ihr das?"

"Dich zum Lachen zu bringen?" Ein Kribbeln füllte Darons Bauch bei diesem direkten Blick, und fast hätte er die Hand ausgestreckt, um ihn zu berühren.

"Macht aufzugeben. Über einen Dämon. Den Ihr als Kampfmagier töten solltet. Der nur der verlängerte Arm eines schwarzmagischen Zirkels ist. Ein Werkzeug zum Töten und Vernichten."

Daron sah den Ernst in Sariels Augen, es war kein Spott, kein Versuch, ihn zu reizen. Der Dämon verstand nicht. 'Tue ich es denn?'

"Ich bin ein Kampfmagier des Reiches, das ist wahr." Er suchte nach Worten. "Ich würde nicht zögern, einen Dämon zu töten, der mich angreift. Das hast du nicht." Und ein Werkzeug war Sariel auch nicht, ebenso wenig wie eine gefühllose Bestie, die tötete, um des Tötens Willen. Es sei denn, er war ein verdammt guter Schauspieler, und das konnte Daron einfach nicht einschätzen.

"Das, was ich aufgegeben habe, ist etwas, das ich nie wollte", sagte er schließlich. "Ich will nicht dein Inneres nach außen kehren."

Noch immer stand der Dämon so nah. Daron konnte seine Körperwärme spüren, angenehm gegen die Kühle der Höhle. Noch immer hielten die hellen Augen seinen Blick gefangen, als wollten sie ergründen, ob Daron wirklich die Wahrheit sagte, als wollten sie herausfinden, ob er sagte, was er empfand oder spielte.

"Danke", sagte Sariel nach einer langen Zeit, die sie sich einfach angesehen hatten, leise und dunkel. Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch dann trat er nur zurück. "Soll ich mehr Holz sammeln?"

Daron wusste, dass er es nicht wollte, er wusste es so sicher, als hätte der Dämon es ihm gesagt. Er atmete einmal durch und versuchte, das leichte Flirren in sich zu vertreiben, ehe er lächelte. "Wenn du willst. Oder du machst das, was du jetzt lieber tun würdest. Fliegen."

Sariel grinste und warf den Rucksack ab, ehe er sich in einer fließenden Bewegung das Hemd über den Kopf zog und nach draußen rannte. Daron folgte ihm. Er kam gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Sariel aus dem zweiten Hosenbein hüpfte, während sich bereits seine schwarzen Schwingen entfalteten. Der Dämon stieß sich vom Boden ab, der Sand vor der Höhle wurde aufgepeitscht, als die Flügel zu schlagen begannen. Mit einem Jubelruf stieg Sariel in die Höhe.

Es war das erste Mal, dass die Bäume Daron nicht den Blick verbargen. Mit offenem Mund verfolgte er, wie der Dämon sich höher und höher schraubte, zum Sturzflug überging, sich fing und mit einem Salto erneut in die Höhe schoss. In einer Kurve glitt er bis zur Wasseroberfläche hinab, tauchte die Hände hinein, Wasser spritzte auf. Sariel hielt auf Daron zu, kurz vor ihm gewann er wieder an Höhe. Die Luftwirbel, die von den Schwingen hervorgerufen wurden, zausten sein Haar und ließen die Augen tränen. Sariel lachte, dann stieg er weiter empor und wenig später war er verschwunden.

Eine ganze Weile blieb Daron einfach nur dort stehen, wo er stand. Eines war sicher er hatte Sariel für diesen Tag sehr glücklich gemacht. Als er sich endlich davon überzeugt hatte, dass der Dämon nicht direkt wiederkam, wandte er endlich den Blick vom Himmel ab. Er musste lächeln. Und noch etwas war ganz eindeutig für ihn zu erkennen. Es machte ihn froh, den Mann glücklich zu sehen.

Er holte seine Decke aus der Höhle, um sie als Sitzkissen vor der Höhle zu missbrauchen, mit Blick über den See. Dann sammelte er Sariels Kleidung auf. Eigentlich hatte er vorgehabt, sie samt dessen Rucksack einfach nur in die Höhle zu werfen, doch dann fiel ihm die gerissene Naht auf. Er nahm das Hemd samt seines Zeichenkristalls und dem Nähzeug wieder mit nach draußen, ehe er sich auf die Suche nach geeigneten Kieseln für Runensteine machte.

Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Sariel erst mit dem letzten Sonnenstrahl wieder auftauchen würde, um jede Sekunde in Freiheit zu nutzen. Es überraschte ihn, dass der Dämon deutlich früher direkt neben ihm im Sand vor der Höhle landete, wo Daron gemütlich an den Fels gelehnt saß. Das Hemd war mittlerweile geflickt und der Vorrat an Runensteinen wieder nennenswert für einen Kampf, doch seine Arbeit driftete bei dem Anblick des Dämons aus Darons Gedanken.

Sariel war verschwitzt oder einfach nur nass das Haar klebte an seiner nackten Brust, Wassertropen glänzten auf der dunklen Haut. Daron fiel auf, wie das Glitzern das Muskelspiel betonte, sobald er sich bewegte. Es war verdammt faszinierend.

Noch faszinierender war jedoch, dass er Fisch mitbrachte, zwei große Regenbogenforellen, die er an den Kiemendeckeln trug und die er bereits ausgenommen hatte. Es mussten die Urgroßmütter von vielen Generationen sein, so riesig, wie sie waren, gewachsen in langen Jahren. Zum Glück wurde Fisch nicht zäh im Alter. Angeln hatte eigentlich erst für den Folgetag auf Darons Liste gestanden. Doch jetzt lief ihm das Wasser im Mund zusammen, und der Gedanke an die Reste von Käse und Fladenbrot war nicht sonderlich verlockend.

"Mögt Ihr Fisch, Daron?" Mit schief gelegtem Kopf grinste Sariel auf ihn hinab.

Daron lachte. "War mein Verlangen so offensichtlich?"

"Ihr habt es gut getarnt, wenn man einmal von dem Spuckefaden absieht, der Euch das Kinn hinabläuft", frotzelte Sariel.

"Küss mich dort, wo die Sonne nicht scheint! Ich sabbere nicht." Daron gluckste und ließ den letzten Runenstein in seinen Beutel gleiten. Das war genug für die nächste Zeit. Er zog die Kordel zu, während Sariel den Fisch ablegte, direkt neben ihm auf die Knie sank und sich dann auf die Hände hinabließ. Irritiert sah Daron zu ihm hinab und in das merkwürdig angespannte Gesicht, dann beugte sich der Dämon vor, näherte sich bedenklich seiner Kehrseite, und Daron rutschte fluchend zurück. "Halt, stopp, lass das! Verdammte Scheiße!"

Mit einem schiefen Grinsen richtete der Dämon sich wieder auf. "Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, Eure niederen Regionen kennenzulernen. Aber so vollkommen angezogen wäre das ohnehin unbefriedigend. Wenn Ihr das nächste Mal überlegt, ob Ihr Lust auf Sex habt, zieht Euch vorher wenigstens aus."

Sex. Daron starrte ihn an und fand es verdammt ungerecht, dass der Dämon dieses Wort mit seiner dunklen Stimme aussprach und es klingen ließ, als sei es etwas verdammt Erstrebenswertes. Besonders, wenn er noch so nass und nackt war und Darons Gedanken ohnehin vor einem Moment in eindeutigere Richtungen hatten abwandern wollen. Jetzt richteten sie sich ganz darauf aus, und das gefiel ihm nicht. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, dass er begann, einen Dämon begehrenswert zu finden.

"Rutsch mir den Buckel runter", brummte er.

Dieses Mal kam sein "Halt!" zu spät, Sariel war zu nah. Einen langen, peinlichen Moment saßen sie einfach nur reglos Rücken an Rücken.

"Ich wünschte, Ihr würdet Eure Worte sorgfältiger wählen", grollte der Dämon schließlich.

"Das wünschte ich auch." Daron rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Sariel überraschte ihn damit, dass er lachte. "Nachdem wir das geklärt haben, erlaubt Ihr mir nun, aufzustehen und Euch den Fisch anzubieten, mein Herr und Gebieter?"

"Aber sicher." Erleichtert grinste Daron. "Und wo wir gerade bei 'Herr und Gebieter' sind das Ihr und Euch, ist das vom Runenkreis vorgegeben? Denn wenn ja", er verkniff sich einen weiteren bildlichen Ausdruck, was der Dämon mit den Höflichkeitsformen machen sollte, "dann hebe ich auch diesen Befehl auf."

"Auch dein Wunsch ist mir Befehl."

Daron schnitt eine Grimasse und Sariel lachte erneut.

Daron entfaltete seinen großen Körper und streckte sich. Seine Muskeln protestierten, zu lange hatte er über den Runensteinen gesessen. Trotzdem hatte er keine Lust auf sein abendliches Training.

"Das ist auch keine Sache von dem Kreis, dass du den Fisch mit mir teilst?", fragte er vorsichtshalber nach.

"Nein." Eine deutliche Zufriedenheit ging von dem einen kleinen Wort aus. Geschmeidig erhob sich Sariel und nahm die Fische wieder auf, um mit ihnen zum See zu gehen und den Sand abzuspülen.

Daron dachte darüber nach, dass er darüber nachdenken sollte, die Befehle des Kreises deutlich zu lockern. Wenn er ein gewisses Maß an Sicherheit beibehielt, sollte es doch möglich sein. Warum befahl er Sariel jede Nacht wieder zu sich? Als ob die Dunkelheit den Dämon freisetzen konnte, wenn er fern von ihm war. Aber Sariel war eben genau das, ein Dämon. Wie sollte er ihm trauen? Selbst die ungläubige Freude über die Befreiung von Zwang mochte gespielt sein, um ihn dazu zu bringen, die Kontrolle mehr und immer mehr aufzugeben. Statt sich weiter den Kopf zu zerbrechen, pflückte er mehrere Büschel Sommergras am Waldrand, um seine Forelle darin einwickeln und im Feuer dünsten zu können und freute sich, als er ein paar Blätter Bärlauch entdeckte, die noch genießbar und nicht bitter waren.

Als sie an diesem Abend nach dem Essen gemeinsam am Feuer saßen, unterhielten sie sich das erste Mal vollkommen entspannt. Es ging nicht um Schwarzmagier, um Flüche und Runen, nicht um Dämonen und Menschen. Sariel erzählte, was er auf seinen Flügen sah, wie sich der Wind unter seinen Schwingen anfühlte und dass er Hase jederzeit jedem anderen Fleisch vorziehen würde. Daron erzählte von seinen Wanderungen, von T'Chun und den Dörfern weit im Süden des Landes, wo die Menschen noch dunkler waren als Sariel.

Die Stimmung zwischen ihnen war entspannt, und wenn die Augen nicht auch in Sariels menschlicher Gestalt derart golden gewesen wären, hätte Daron fast vergessen können, dass der andere Mann ein Dämon war.

An diesem Abend fühlte es sich falsch an, den Schutzkreis um die Lagerstatt des Dämons zu ziehen, während genau diese goldenen Augen ihn träge verfolgten. Daron tat es trotzdem. Er hatte keinen Grund, Sariel zu trauen, außer diesem Gefühl im Bauch. Und Gefühle konnten verdammt noch mal trügen.


Pandorah