Runenbande

6.

Sie blieben mehrere Tage an dem See. Sariel jagte sehr erfolgreich, so dass Daron sich einen Teil erbat, um seine Vorräte aufzufüllen. In dieser Jahreszeit konnte man ohne weiteres von der Hand in den Mund leben, die Natur gab üppig und freigiebig, aber eine kleine Rückversicherung war beruhigend, und das Wetter bot sich an, um dünn geschnittene Fleischstreifen schnell zu trocknen und Trockenfleisch herzustellen

Jeden Abend zog Daron den Schutzkreis, jeden Morgen gab er den Dämon zum Fliegen frei. Und immer seltener blieb Sariel wirklich lange weg. Es war, als bräuchte er das Fliegen nicht mehr so dringend wie am Anfang. Vielleicht war es auch das wachsende Vertrauen, dass er am nächsten Tag wieder in die Luft steigen durfte, so dass er nicht mehr gierig jeden Augenblick nutzen musste.

Dafür begann der Dämon, Daron bei seinen abendlichen Übungen zu beobachten. Er saß vor dem Eingang der Höhle an die Felswand gelehnt, ein Bein untergeschlagen, eines angezogen, und sah ihm zu. Daron konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Sariel ihn studierte vielleicht, um Schwachstellen zu finden. Misstrauisch wollte er es ihm verbieten, aber unterließ es dann doch. Das entspannte, interessierte Gesicht des Dämons irritierte ihn, während Sariel jede seiner Bewegungen unter halb geschlossenen Lidern heraus verfolgte. Fast schien ein leichtes Lächeln auf seinen Zügen zu liegen, nicht wirklich an verzogenen Lippen zu erkennen, aber in der Vertiefung der Mundwinkel zu erahnen und in dem Ausdruck seiner Augen.

Ausfallschritt, Parade mit dem Stab, Finte Daron duckte sich, wirbelte den Stab herum, richtete sich auf und zielte direkt auf Sariel. Der Dämon zuckte nicht einmal. Immerhin eines schien Daron erreicht zu haben dass er ihm bis zu einem gewissen Grad vertraute.

"Was hältst du davon, wenn du nicht einfach nur untätig herum sitzt und dir das Schauspiel ansiehst, sondern deinen Dämonenhintern bewegst und dafür sorgst, dass ich ein wenig echtes Training bekomme?", schlug er ein wenig grummelig vor.

Sariel stupste die Stabspitze mit einem von einer Klaue gezierten Finger an; dann grinste er und zeigte seine Fangzähne, während seine Pupillen katzenhaft schmal wurden. "Gerne, mein ungehaltener Meister. Dafür musst du mir lediglich erlauben, dass ich gegen dich kämpfen darf. Oder zumindest, dass ich dich von mir aus berühren darf."

Mit einem Schnauben zog Daron den Stab weg. Der Dämon begann ernsthaft, ihn zu irritieren. "Das könnte dir wohl so gefallen."

Das Grinsen blieb, als Sariel nickte, doch irgendwie schien es trotzdem ein wenig zu verblassen. "Selbstverständlich würde mir das gefallen. Hast du etwas anderes erwartet? Aber ohne diese Erlaubnis wird es höchstes ein Ausweichtraining für mich. Ich weiche aus und du versuchst, mich zu erwischen. Wenn du das befiehlst, folge ich natürlich."

"Natürlich." Grollend sah Daron in das unbeirrt lächelnde Gesicht hinab. Natürlich konnte er das Sariel befehlen, aber er fand es sehr unschön, auf diese Art darauf hingewiesen zu werden. Ein Stich, weil er nicht eine weitere Fessel gelöst hatte. Aber dem Dämon zu gestatten, ihn angreifen zu dürfen? Er war nicht lebensmüde.

Tief in sich wünschte Daron, Sariel vertrauen zu können. Doch es war vertrackt. Er konnte ihm einfach nicht genug vertrauen, um ihm mehr Freiheit zu geben. Und ohne Freiheit, die Sariel möglicherweise nicht ausnutzte um ihn beispielsweise zu töten konnte kein Vertrauen wachsen.

Die Wut, die er mit einem Mal empfand, richtete sich nicht gegen den Dämon und auch nicht gegen sich selbst. Nicht einmal gegen den Runenkreis, der das ganze so kompliziert machte. Sein Zorn galt den Schwarzmagiern, die Sariel überhaupt erst beschworen und den Kreis so ausgerichtet hatten. Gerade in diesem Moment hatte er das dringende Verlangen, sie noch einmal zu töten. Und dieses Mal, da war er sich sicher, würde er kein Mitleid verspüren.

Das Lächeln wich aus Sariels Gesicht und machte Raum für Enttäuschung und Groll. "Verzeih, dass ich dich darauf hingewiesen habe", ätzte er. "Es ist ein gewisses Hindernis für uns beide."

Daron hätte es nicht für möglich gehalten, aber Sariels Wut berührte ihn nicht. Die Enttäuschung hingegen sehr wohl. Sie stach.

"Dreimal verdammte Höllenscheiße!", fluchte er lauthals. "Ich hab die Schnauze so voll davon!"

Jetzt hatte er erst recht Lust auf ein Übungsduell mit Sariel. Oder mit irgendjemandem, der ihm etwas entgegenzusetzen hatte! Er wollte Widerstand spüren, wenn er einen Schlag führte, wollte seine Kräfte messen und nicht sinnlos in die Luft schlagen.

Wütend stapfte er zu dem nächsten Baum und begann, eine Reihe von Stockschlägen und Tritten gegen dessen Stamm auszuführen. Es war nicht wirklich befriedigend, aber immerhin gab es eine gewisse Resonanz, und bald schmerzten seine Arme von der harten Vibration der Rückschläge. Er hörte erst auf, als die Sonne untergegangen und er durchgeschwitzt und vollkommen außer Atem war.

Dann blieb er noch eine Weile neben dem Baum stehen, dem nun große Stücke an Rinde fehlten, und starrte in den Wald, weil er sich für seinen Ausbruch schämte. Man sollte nicht meinen, dass man sich in seinem Alter und als ausgebildeter Kampfmagier mit mehr als zwei Jahrhunderten Kampferfahrung noch so von einem Dämon durcheinander bringen lassen konnte.

Als er zur Höhle zurückkehrte, saß Sariel noch immer dort, wo er ihn zurückgelassen hatte und beobachtete ihn derart offensichtlich, dass es Daron gleich wieder verärgerte. Ohne ihn auch nur anzuschauen, duckte er sich unter dem Eingang hinweg, warf den Stab auf sein Lager und zog sich aus. Dann ging er zum See und ließ sich direkt und ohne vorsichtiges Eingewöhnen in das eisige Wasser fallen. Prustend und fluchend tauchte er wieder auf, aber fühlte sich deutlich besser. Er spülte sich das braune Haar aus, rieb sich von oben bis unten ab und hatte endlich wieder das Gefühl, Sariel gegenüber treten zu können, ohne sich zu vergessen.

Es überraschte ihn, dass der Dämon nicht mehr draußen saß. Als er die Höhle betrat, empfing ihn ein Feuer, über dem bereits der Kessel aufgestellt und mit Wasser gefüllt war. Sariel hockte davor und streute frische Kräuter hinein, der Duft nach Minze füllte den kleinen Raum. Daron streifte sich das Wasser aus den Haaren, dann setzte er sich auf sein Lager, um in der warmen Abendluft zu trocknen.

Aus den Augenwinkeln sah Sariel zu ihm hin, aber wandte die Augen direkt wieder ab, als sich ihre Blicke trafen. Mit einem Mal fühlte Daron sich nackter als sonst. Grummelnd griff er nach seine Hose und zog sie über.

Nach einer Weile, in der sie schweigend auf ihrem jeweiligen Lager gesessen hatten, begann das Wasser zu sieden, und Sariel schöpfte zwei Becher Tee heraus. Einen davon brachte er Daron. Mit einem gemurmelten Dank akzeptierte dieser den Becher, ehe er hinzufügte: "Du weißt, dass du das nicht machen musst?"

"Ja." Sariel seufzte und setzte sich neben ihn. "Aber du weißt offensichtlich nicht, dass nicht alles, was ich tue, von den Runen bestimmt ist."

Jetzt war es an Daron, Sariel aus den Augenwinkeln anzusehen. Ganz menschlich war er an diesem Abend nicht, seine Augen blieben katzenhaft, die Eckzähne ein wenig länger als bei einem Menschen. Unglücklicherweise machte es ihn nicht weniger attraktiv. Das Hemd war offen und ließ zudem einen unerfreulich angenehmen Blick auf seine Brust zu; die blutrote Zeichnung schien im Feuerschein zu schimmern und lockte Daron, seine Finger darüber gleiten zu lassen. Gleichzeitig irritierte sie ihn, schien ihn an etwas gemahnen zu wollen.

"Aber wo hören die Runen auf und wo fängst du an?" Daron löste den Blick von der Zeichnung und sah in Sariels Gesicht, während er die Hände um den Teebecher schloss. Es war angenehm, etwas halten zu können.

"Sag nicht, du willst mich kennenlernen." Sariel lachte leise, doch seine Augen lachten nicht mit. "Mich, nicht den Dämon, der ich bin."

"Was, wenn es so wäre?" Daron stellte den Becher ab und wandte sich dem Dämon zu. Die Erkenntnis, dass er genau das wollte, erschreckte ihn. Wo hörte Sariel auf, einfach nur ein Dämon zu sein, wo begann er selbst? Was war es, das ihn einzigartig machte und nicht einfach nur zu einem Vertreter seiner Art? Wo endete der Einfluss der Runen und was war es, das ganz allein er war?

Sariel verstummte und erwiderte seinen Blick. Die goldenen Augen waren groß und rätselhaft und doch erschienen sie Daron mit einem Mal verletzlich. Da war es wieder, das Gefühl, als hätte er ein scheues Tier angelockt und jede falsche Bewegung konnte es verscheuchen. Fast hätte er den Atem angehalten. Dann erinnerte er sich daran, dass Sariel ein Dämon war. Dämonen waren alles mögliche mächtig, gefährlich, stark, unberechenbar aber nicht scheu und verletzlich.

"Dann finde es heraus", sagte Sariel leise.

"Wie?"

"Gib die Kontrolle auf." Sariel hob die Hand, als Daron widersprechen wollte. Er legte ihm die Fingerspitzen nicht auf die Lippen, aber verharrte so nah, dass Daron die Wärme spüren konnte, die von ihnen ausging.

"Du kannst mit kleinen Dingen anfangen. Der Nachtkreis", murmelte Sariel. "Eigentlich weißt du doch schon längst, dass ich dir nicht schaden kann."

"Weiß ich das?" Daron hatte das Gefühl, als wüsste er in dem Moment gar nichts mehr. Sariel war zu nah, er wollte das nicht, er wollte so nicht fühlen, aber das Denken fiel ihm schwer.

"Ich kann es dir zeigen." Die Stimme des Dämons war so leise, dass er kaum zu verstehen war. "Dich zu bitten, mir zu vertrauen, funktioniert nicht. Aber du bist wach, du bist gewarnt... lass es mich dir zeigen." Gewarnt klang nicht gut. Daron nickte trotzdem.

Sariels Augen weiteten sich leicht, als hätte er nicht damit gerechnet. Einen Atemzug lang hielt er inne, dann stellte er seinen Teebecher zu Darons, ehe er sich halb auf ein Knie aufrichtete und sich zu Daron beugte. Daron spürte, dass er sich mit einer Hand direkt neben seiner linken Hüfte abstützte, doch er konnte nicht hinsehen, weil er noch immer von den goldenen Augen gefangen war. Das schöne Gesicht kam näher, und für einen kostbaren, schrecklichen Moment dachte Daron, der Dämon wollte ihn küssen.

"Ich könnte dich nicht einmal dann verletzen, wenn ich es wollte", flüsterte Sariel, ehe er den Mund öffnete und seine Fangzähne offenbarte. Er senkte den Kopf, und gleich darauf spürte Daron den warmen Atem an seiner Kehle.

Er atmete scharf ein, aber konnte nicht sagen, ob aus Schreck oder vor Verlangen. Was er sagen konnte, war, dass alles in ihm danach schrie, einen Schutzzauber zu wirken. Die Reaktion war instinktiv, Magie wallte in ihm empor, doch bevor er sie formen konnte, wurde ihm bewusst, dass Sariel ihn nicht berührte. Der Dämon verharrte regungslos, und erst, als Daron sich um einen Hauch bewegte, konnte er die Zähne an seiner Kehle spüren. Langsam ließ er die Magie wieder abebben, ohne den Zauber zu wirken.

Nie zuvor waren sie sich so nah gewesen. Der Atem strich über seine empfindliche Haut, er konnte den Duft wahrnehmen, der von dem Dämon ausging. Er roch nicht, wie er erwartet hatte, nach Raubtier, aber benennen konnte er den Geruch nicht. Er war warm, weich und fremd. Und verlockend. Mit einem Mal musste Daron nicht gegen das Verlangen ankämpfen, einen Schutzschild zu wirken, sondern dagegen, die Hand zu heben und Sariel zu berühren oder seine Lippen auf das glatte, schimmernde Haar zu drücken.

Eine Ewigkeit verharrten sie so, ehe Sariel sich behutsam wieder zurückzog. Daron fragte sich, ob er es sich einbildete oder ob Sariels Atem wirklich schneller ging. Lange saßen sie dann nebeneinander, ohne zu sprechen, ohne sich zu bewegen.

Schließlich beugte sich Sariel vor und nahm seinen Becher wieder auf. "Du hast keinen Schild geformt."

Daron war überrascht, die Verwirrung aus jeder einzelnen Silbe heraushören zu können. Es half ihm, sich wieder zu fangen, doch er sah Sariel nicht an, als er nach seinem eigenen Becher griff. Becher waren eine großartige Sache. Beinahe so gut wie Schutzzauber. Man konnte sich unauffällig daran festhalten. "War das nicht Sinn der Sache?"

"Schon. Aber ich habe nicht gedacht..." Sariel verstummte.

"Dass ich den Runen weit genug vertrauen kann?" Daron nahm einen Schluck des mittlerweile nur noch lauwarmen Tees, ehe er sich doch zu dem Dämon umwandte. Jetzt, wo sie erneut Abstand hielten, konnte er wieder denken. Und seine Gedanken sagten ihm, dass sein schwarzhaariges Problem gerade eine ganz neue Komponente dazu gewonnen hatte. Unangenehm berührt schob er die Erkenntnis von sich. "Oder dir?"

Gerade eben sichtbar nickte Sariel. Nachdenklich strich er mit einer Hand an der eigenen Kehle entlang, ehe er sich ebenfalls Daron zuwandte. "Ich habe dich nicht gebissen. Oder dir die Kehle rausgerissen, hm?"

"Sieht ganz danach aus. Ich fühle mich auf jeden Fall noch ziemlich lebendig und an einem Stück."

Daron musste grinsen, erleichtert darüber, dass Sariel von der eigenartigen Stimmung abgelenkt hatte.

Zu seinem Bedauern erwiderte Sariel das Lächeln nicht. "Wirst du den Nachtkreis wieder ziehen?"

"Willst du, dass ich schlecht schlafe?", brummte Daron.

Sariel antwortete nicht. Schweigend trank er seinen Tee aus, dann stand er auf und begann das Abendessen zu richten. Es hatte Daron überrascht, dass der Dämon nicht ausschließlich rohes Fleisch aß. Er aß es gerne, aber er konnte sich auch für ganz normale Gerichte begeistern. Er konnte sogar sehr gut kochen.

Daron beobachtete ihn, verwirrt und ungewohnt unsicher. Warum nur war sein Leben mit einem Mal so kompliziert geworden? 'Göttin, ich hatte mich zwar beschwert, dass ich bitte gerne mal einen Mann im richtigen Alter retten würde. Und zugegeben, Sariel ist männlich. Dass er Rettung nötig hatte, will ich auch gar nicht bestreiten. Du hast sogar darauf Rücksicht genommen, dass ich mir einen hübschen Mann gewünscht habe. Und niemand kann bestreiten, dass er höllisch gut aussieht. Aber weißt du, genau da liegt das Problem. Höllisch, du verstehst? Was bitte hast du dir dabei gedacht, mir einen Dämon auf den Hals zu hetzen?!'

Die Göttin antwortete nicht, so wie sie es nie tat, und Daron war auch nicht wirklich sicher, ob sie überhaupt existierte. Aber es half, sich beschweren zu können. Zumindest ein wenig.

Sariel leerte einen Teil des Kesselinhalts in ihre Tassen und schüttete den Rest des Tees samt den Kräutern draußen weg. Als Daron sich sicher war, dass er aus den Resten vom Braten sowie Tappuknollen und wilden Möhren Eintopf machen würde, holte er Mehl aus ihrem Vorrat, um Fladenbrot dazu zu backen.

Sie brauchten eine Weile, ehe sie wieder ein gemeinsames Thema fanden und das Schweigen überwinden konnten. Trotzdem waren sie förmlicher als zuvor. Daron hasste den Anblick von Sariels ausdrucksloser Miene, als er später zu ihm trat, um den Nachtkreis zu ziehen. Er tat es dennoch.


Pandorah