Runenbande

7.

In dieser Nacht schlief Daron verdammt schlecht. Der Dämon verfolgte ihn in seinen Träumen, und als er schließlich schweißgebadet aufschreckte, wusste er nicht, ob er mit Sariel gekämpft oder ihn geliebt hatte. Die Erinnerung war eine verschwommene Aneinanderreihung von Bildern von nackter Haut, ineinander verschlungenen Gliedmaßen, Hitze und Wut. Erschöpft beschloss er, dass es an der Zeit war, wieder aufzubrechen, bevor sie anfingen, sich ein hübsches Heim in der Höhle zu bauen mit Bett, Küche und einem Garten. Noch immer wusste er nicht so recht, wohin ihn der Weg mit einem Dämon führen sollte, doch gerade war das verdammt nebensächlich, solange sie nur fern von anderen Menschen waren und sich vom Fleck fortbewegten.

Sie stiegen die Berge weiter empor, und Daron beneidete Sariel um seine Schwingen. Während er sich mühsam seinen Weg bahnte, schwebte der Dämon weit über ihm, nutzte die thermischen Aufwinde wie ein Raubvogel, um sich höher und höher zu schrauben. Flügel waren praktisch, und er fragte sich, ob ein Teil der Angst vor und Verachtung für Dämonen einfach aus dem Neid geboren war. Er jedenfalls war neidisch.

Am dritten Tag nach dem Aufbruch von der Höhle ließen sie die Baumgrenze hinter sich. Daron genoss den freien Blick über die von Bergwiesen überzogenen Hänge, auf denen zahllose Blumen Flecken in Weiß, Blau, Gelb und Rot bildeten. An manchen Stellen war der Duft betäubend, und Daron achtete mehr als sonst darauf, wohin ihn seine Schritte trugen. Feenkreise konnten sehr unauffällig sein, und die Gegend schien ihm passend für das kleine Volk.

Die Nächte wurden kälter, so hoch oben, und zudem war das Brennmaterial knapp. Die ersten zwei Nächte hatten sie noch Vorräte, die sie durch hier und dort wachsende knorrige Büsche ergänzen konnten, doch diese gaben wenig Holz. Daron war froh, als er am vierten Tag auf die Hinterlassenschaften einer Bergziegenherde stieß. Es roch nicht sonderlich angenehm, wenn man die harten, dunkelgrünen Fladen verbrannte, aber Feuer war Feuer, und er wollte nur ungern auf die Wärme und vor allem den heißen Tee verzichten.

Was ihm auch gefiel, war die Aussicht auf Sariel. Es machte Freude, dem Dämon beim Fliegen zuzuschauen, und ohne störende Baumkronen konnte er ihn häufig sehen. Manchmal blieb Daron einfach stehen, um zu beobachten, wie mühelos Sariel dahinglitt, plötzlich die Flügel zusammenlegte, in den Sturzflug überging und sich kurz vor dem Boden wieder fing, um erneut in die Luft zu schießen. Wenn er ihn so sah, so wild und frei, konnte er sich kaum vorstellen, dass Sariel an ihn gebunden war, auf Gedeih und Verderben.

Er seufzte und stieg weiter den Abhang hinab, der langsam, aber sicher zurück auf den Wald zuführte. Seit dem letzten Tag am See hatten sie nicht mehr über den Nachtkreis gesprochen. Sariel war wieder wie zuvor, als hätte es das Zwischenspiel mit seinen Zähnen an Darons Kehle nie gegeben. Doch Daron konnte nicht vergessen, wie es sich angefühlt hatte, ihn so nah bei sich zu spüren. Ebenso wenig wie die Enttäuschung in seinem Blick.

Fast schien es ihm, als machte es ihm mehr aus als dem Dämon. Vielleicht, weil Sariel einfach so daran gewöhnt war, an jemanden gefesselt zu sein. Der Gedanke störte Daron noch viel mehr. Sariel war hinter einer Bergspitze verschwunden, und Daron nutzte die Gelegenheit, um irritiert erst einen Stein aus dem Weg zu treten und den nächsten dann mit einem gezielten Schlag seines Stabes wegzuschießen.

"Lass den Nachtkreis doch einfach mal weg", brummte er. "Er hat dir die Kehle nicht zerfetzt, obwohl du keinen Schutzschild hattest. Der Biss wäre schneller gewesen, als ich hätte reagieren können, so nah wie er war. Denke ich."

Aber vielleicht hatte Sariel lediglich Vorsicht walten lassen, weil ein Biss in die Kehle nicht sofort tödlich war. Ein Feuerstoß in die Brust hingegen schon, und den hätte Daron mit Sicherheit noch hinbekommen. Mit einem Schnauben trat er den nächsten Stein beiseite. So wurde das nie etwas. Er sollte einfach einmal...

Etwas berührte ihn.

Daron fuhr herum, sein Stab beschrieb einen abwehrenden Bogen, die Astralenergie schoss aus ihm heraus und bildete einen Schild um seinen Körper.

Er war allein.

Argwöhnisch betrachtete er den Boden um sich, doch weder Runen, noch ein Feenkreis oder etwas ähnlich Auffälliges war zu sehen. Da war es wieder, wie ein Zupfen. Daron konnte weder einordnen, wo es herkam, noch wo genau es ihn berührte. Hastig machte er einige Schritte beiseite, falls er etwas ausgelöst haben sollte, und verstärkte den Schutzzauber.

Das Zupfen wurde zu einem Ziehen, und dieses Mal wusste Daron, wo es herkam nämlich von überall zugleich. Seine Nackenhaare stellten sich auf, sein Herz begann schneller zu schlagen, während er sich auf Kampf einstellte. Halb schloss er die Augen, die ihm nichts zeigten, dann zog er die astrale Kraft in sich zusammen und schickte sie aus.

Der Zug wurde stärker, und mit einem Mal spürte Daron es wie Nesselfäden Magie, die sich mit seiner verbinden wollte, um sie zu zersetzen. Es kam von überall und nirgendwo, während ein stimmloser Ton einen Namen formte. Daron atmete langsam aus, während er den nutzlosen Schild in sich zusammenfallen ließ. Wo war der Ursprung? Er ließ zu, dass die Nesselfäden ihn umgaben, während er hastig eigene Fäden formte, sie an den Fangarmen entlang schleichen ließ.

Flügel rauschten. Daron sah die schemenhafte Gestalt Sariels vor sich landen, ein Leuchtfeuer an wilder Magie in dem Netz, das sich zu bilden begann. Darons Augen weiteten sich, als er mit einem Schlag erkannte, was es war. Die Nesselfäden schlangen sich um den Dämon, woben ihn ein, und nun konnte er auch den Namen hören. Sariel. Ein zwingender Ruf.

Durch den Schleier der Magie starrte der Dämon ihn an, und der Ausdruck an Angst in seinem Gesicht traf Daron mitten ins Herz.

"Daron, jemand versucht, mich zu beschwören." Die dunkle Stimme war ruhig, doch Daron konnte die Anspannung hören. "Bitte, lass das nicht zu."

Daron antwortete nicht, er brauchte seine Konzentration. Die Fäden begannen schneller zu wachsen, Runen zu formen. Behutsam schob er seine eigene Kraft dazwischen, getarnt, so gut er es vermochte. So etwas hatte er nie zuvor versucht, in einen Runenzauber einzugreifen, der gerade gewebt wurde und noch dazu an einem Ort, den er nicht kannte.

"Daron, tu etwas! Das ist kein Scherz!" Jetzt stand Sariel direkt vor ihm. Der menschliche Anschein löste sich auf, die Pupillen waren schmal und katzenhaft, sein Gebiss wurde das des Raubtiers, das er war. Die Zeichen auf seiner Haut pulsierten in wütendem Rot; die Hörner auf seiner Stirn begannen sich auszuformen und erinnerten Daron daran, dass er welche hatte. Er hatte sie selten gezeigt. "Daron, verdammt!"

Daron wob schneller. Das Netz zog sich zusammen, er hatte keine Zeit. Die schwarze Magie wollte ihm Sariel entreißen, wollte seine eigene Magie zerfetzen, um den Dämon zu sich zu ziehen. Mit einem Mal hatte er Angst. Wie sollte er den Dämon wiederfinden, wenn es gelang? Was würden sie mit ihm tun? Wer waren sie? Oder war es nur einer? Aber wo?

"Daron!" In Sariels Stimme wurde die Panik hörbar. Daron konnte ihn in dem Wirbeln der Magie kaum noch sehen, hörte nicht, was er rief; seine Stimme war kaum mehr zu vernehmen in dem Anschwellen der dröhnenden Beschwörung. Die Konturen begannen sich aufzulösen.

Zu wenig Zeit.

Keine Zeit mehr.

Im Bruchteil eines Herzschlags änderte Daron die Taktik. Er umfing seinen Stab fester, öffnete das Reservoir und steckte jede Unze Kraft, die ihm zur Verfügung stand, in einen wütenden Angriff, der das Netz entlang raste, das er gewoben hatte. Feuer leuchtete auf, Hitze umfing ihn. Für einen Wimpernschlag sah Daron Runen aufgleißen, eine dunkle Gestalt von Flammen erfassen, ein gellender Schrei, dann explodierte seine Wahrnehmung.

Zurück blieben die Berge, ein heller blauer Himmel und ein lauer Wind, der nach ihm griff und ihm das Haar zauste. Ächzend sackte Daron auf die Knie.

"Daron!" Sariel streckte die Hände nach ihm aus, wie um ihn aufzufangen, aber berührte ihn doch nicht, sondern ging nur neben ihm in die Hocke, Erleichterung, Sorge und Verwirrung in dem dämonischen Gesicht.

Erschöpft winkte Daron ab. Er war schweißgebadet von der Anstrengung des Angriffes. Seine Magie mit einem Schlag aufzubrauchen, war nie eine gute Idee. Trotzdem grinste er nach einigen Atemzügen. "Ich habe übertrieben, das ist alles. Die Hälfte hätte auch gereicht. Ich glaube, ich habe nicht nur die Schwarzrobe, die dich beschwören wollte, sondern auch alles, was vage in der Nähe war, explodieren lassen."

Sariel atmete einmal tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren sie beinahe menschlich. "Ich habe nicht weit von hier einen guten Platz zum Rasten entdeckt, nicht ganz eine Höhle, aber ein Einschnitt in den Felsen, der Schutz vor Wind bietet. Wasser gibt es auch. Der Wald ist ebenfalls nicht fern, ich kann Feuerholz holen."

"Rast klingt gut." Am liebsten hätte Daron das genau in dem Moment an genau diesem Ort gemacht, aber Sariels Vorschlag klang verlockend. "Wie weit ist es?", fragte er, ohne sich zu rühren und hielt sich an seinem Stab fest.

Geschmeidig stand der Dämon auf und sah auf ihn hinab. "Nur den Hang hinunter, Daron." Er streckte die Hand aus und hielt sie ihm auffordernd hin.

Daron hatte das Verlangen, sie zu ignorieren und sich stattdessen einfach den Hang hinabrollen zu lassen. Das schien weniger Aufwand zu sein. Doch er gab dem nicht nach, es würde einfach zu unwürdig aussehen. Ein halbes Grinsen zog für einen Moment über sein Gesicht, als er Sariel die Hand reichte. Sie fühlte sich überraschend kühl an und ein wenig feucht.

Mit einem kräftigen Ruck zog ihn der Dämon auf die Beine und griff dann ganz nach ihm, als Daron stolperte. Sich magisch zu verausgaben äußerte sich ähnlich, wie wenn man es körperlich übertrieb. Es ging nur deutlich schneller.

"Geht es?", fragte Sariel, ohne ihn loszulassen.

Die Sanftheit in der dunklen Stimme überraschte Daron. Gleich darauf fiel ihm auf, wie nah der Dämon war. Und wie wenig es ihn störte, dass er Hörner und Reißzähne hatte. Stattdessen sah er Sariel. Er war immer gleich, egal in welcher Form.

"Natürlich", antwortete er verspätet. "Geht es denn bei dir? Immerhin bist du fast beschworen worden. Nicht ich."

Sariels goldene Augen suchten seinen Blick, forschend betrachteten sie ihn, als wollte der Dämon herausfinden, ob wirklich alles in Ordnung war und nicht vielleicht mehr als nur Erschöpfung ihn schwanken ließ. Was er sah, schien ihn zufriedenzustellen. Sacht drückte er Darons Hand.

"Ja", antwortete er nach einem langen Moment. "Dank dir geht es. Komm. Lass mich dir helfen."

Daron wollte ihm sagen, dass er allein gehen konnte, doch die ersten Schritte ließen es ihn sich anders überlegen.

"Na gut", brummelte er. Sein Körper brannte, und gleichzeitig fühlte er sich leer und ausgewrungen an. Es ließ ihn sich wünschen, nur die angemessen Energie eingesetzt zu haben. Es hätte gereicht, die Verbindung zu kappen und die Nesselfäden und vielleicht die Runen zu zerstören, statt den gesamten Platz in die Luft zu jagen. Andererseits würde dieser Magier niemals wieder versuchen, Sariel zu beschwören, und das füllte Daron mit einer gewissen, mit einer ziemlich großen, mit einer verdammt ausgewachsenen Zufriedenheit, die selbst die magische Leere in ihm ausfüllte und sie sinnvoll machte.

Zum Glück war es tatsächlich nicht weit. Und wie Sariel es angekündigt hatte, war der Rastplatz ziemlich perfekt. Ein Überhang bot Schutz von oben, vorspringende Wände hielten den Wind ab. Aus einem Riss im Stein sprudelte ein kleiner Quell und bildete einen schmalen Wasserlauf, der über den Hang ins Tal floss. Selbst der Blick war herrlich, die Bergwiese hinab und über das bewaldete Tal, das an drei Seiten von Bergen eingerahmt war. Die vierte erstreckte sich bis in eine hügelige Ebene hinein, die weit in der Ferne in blauem Dunst verschwand.

Sariel breitete eine der Decken für Daron aus; mit einem Ächzen ließ er sich dankbar darauf nieder, aber wehrte die helfenden Hände ab und legte den Rucksack alleine neben sich. Die zweite Decke zum Überlegen nahm er jedoch dankbar an. Er begann zu frieren. Aus halb geschlossenen Augen sah er zu, wie der Dämon einen Kreis aus Steinen für ihr Feuer legte und die Stäbe darüber ausrichtete, dann den Kessel füllte und aufhängte. Aus den Resten des Ziegendungs entzündete er ein Feuer, ehe er sich nach einem prüfenden Blick zu Daron in die Luft erhob.

Daron war fast eingeschlafen, als er mit einem großen Arm voll Feuerholz wieder zurückkehrte. Wieder galt sein erster Blick dem Magier. "Möchtest du etwas essen?"

Daron schüttelte den Kopf. "Danke. Tee reicht, wenn das Wasser endlich kocht."

Eigentlich war es Schlaf, was er brauchte. Kein Essen, kein Trinken. Er hasste es, so verausgabt zu sein. Er hasste die Hilflosigkeit, die damit einherging. Wenn er seine Magie langsam erschöpfte, war er immerhin noch körperlich einsatzfähig. Doch der Ausbruch auf einen Schlag ließ ihn für einige Stunden fast wehrlos zurück. Wenn es einen Moment gab, den Sariel ausnutzen konnte, um ihn loszuwerden, dann war das jetzt.

Er dachte an die Runensteine. Wenn er sich ihrer Magie bediente, konnte er noch einen Schutzkreis ziehen, ehe er schlief. Unter halb geschlossenen Lidern hervor beobachtete er Sariel, der Äste in Stücke zerbrach, die sich gut verfeuern ließen. Seine Hände waren schlank, doch die Kraft, die in ihnen steckte, war beeindruckend. Waffenlos, selbst ohne die Klauen und die Fangzähne, hätte Daron keine Chance gegen ihn, obwohl er größer war, breitschultriger und deutlich muskulöser. Dämonenmuskeln waren komprimierte Kraft.

"Braucht noch ein wenig", sagte Sariel und sah mit einem halben Lächeln zu ihm hin.

Daron erinnerte sich an die Angst in seinem Blick und daran, wie behutsam ihn diese Hände gestützt hatten. Der Dämon musste gespürt haben, dass keinerlei Kraft mehr in ihm war. Es sei denn, er hielt es für eine Finte. Aber seine Stimme war so weich und besorgt. Einen langen Moment erwiderte Daron den Blick, dann lächelte er ebenfalls.

"Macht nichts", murmelte er und schloss die Augen. Er überlegte, ob er nicht zumindest sicherheitshalber einen Stein in die Hand nehmen sollte, nur für alle Fälle, doch noch ehe er sich entschieden hatte, war er bereits eingeschlafen.

Er erwachte von dem Duft nach gebratenem Fleisch und mit dem Krachen von zersplitternden Knochen. Müde blinzelnd sah er sich um. Es war Nacht; nur über der Waldlinie am westlichen Himmel konnte man noch erkennen, dass vor nicht allzu langer Zeit die Sonne untergegangen war. Das Feuer spendete rotgoldenes Licht, und an einem Bratspieß darüber briet ein Hase. Einen zweiten verspeiste Sariel gerade roh.

Er zerbiss einen weiteren Knochen, um an das Mark zu gelangen, aber hielt inne, als Daron sich aufrichtete. "Gut geschlafen?"

Die Betonung lag auf dem 'gut'. Daron lächelte, als ihm klar wurde, dass Sariel sehr wohl bemerkt hatte, dass er keinerlei Schutzmaßnahmen ergriffen hatte.

"Ganz hervorragend, bis du angefangen hast, mir Alpträume von verpassten Mahlzeiten zu bescheren", neckte er.

Sariel lachte leise und legte die Überreste seiner Mahlzeit beiseite, ehe er aufstand, Mund und Hände wusch und mit einem Becher Tee zu Daron trat. Er war wieder so menschlich, wie er sein konnte, selbst angezogen war er, als wollte er keinen Grund für Misstrauen bieten. Er reichte ihm den Becher und setzte sich zu ihm, um ihn aufmerksam zu mustern. "Geht es dir wieder besser?"

Für einen Moment lauschte Daron in sich hinein. Seine Magie war noch nicht wieder vollständig zurückgekehrt, aber sie war dabei, sich zu regenerieren. "Ja, natürlich. Ich sagte doch, ich habe übertrieben. Das war alles."

"Gut." Sariel lächelte; doch als er den Kopf senkte und auf seine Hände hinabsah, verblasste das Lächeln. "Danke, dass du für mich gekämpft hast. Und verzeih, was ich sagte."

Überrascht hob Daron die Brauen. Er hatte keine Ahnung, von was Sariel sprach.

"Ich wollte dich nicht beleidigen." Sariel wandte das Gesicht ab; sein Haar glitt nach vorne und verbarg ihn fast vollständig. "Aber ich dachte, dass du überlegst, dein Dämonenproblem auf diese Art zu lösen."

Darons Augen weiteten sich; er spürte einen kalten Stich, von dem er nicht wusste, ob es Enttäuschung oder Wut war oder vielleicht auch beides. "Das war es, was du gerufen hast? Du hast geglaubt, ich würde freudig zusehen, wie du beschworen wirst? Weil es... bequemer für mich ist?"

"Du warst so regungslos, hast mich einfach nur angesehen." Vollkommen still saß Sariel da, nur seine Kehle bewegte sich einmal, als er schluckte.

Daron dachte an seine hektischen Versuche, das Netz zu weben, an seine Angst, den Dämon an Schwarzroben zu verlieren, an die Kraft, die er in den Zauber gesteckt hatte, und schnaubte.

"Reglos", murrte er, auch wenn er wusste, dass es stimmte. Warum sollte er mit den Armen wedeln, wenn es überflüssig war und von der Konzentration ablenkte? Dann ging ihm die Ironie an Sariels Geständnis auf, er grinste und streckte die Hand aus, um das schwarze Haar zurückzustreichen, damit er den Dämon ansehen konnte. Die Strähnen waren weich und überraschend schwer unter seinen Fingern und fühlten sich wunderbar an. "Ich habe nichts mehr gehört, die Magie hat alles verschluckt. Aber du hättest es wirklich besser wissen können. Glaube ich."

Abrupt hob Sariel den Kopf und wandte sich ihm zu; seine goldenen Augen suchten Darons Blick. "Du hast mich nicht gehört? Hast nicht gehört, dass ich dich einen selbstsüchtigen Bastard genannt habe?"

Daron konnte sehen, wie ihm Hitze in die Wangen stieg; es war faszinierend zu beobachten, wie die dunkle Haut noch dunkler wurde.

"Nein, hatte ich nicht. Aber jetzt weiß ich es", antwortete er trocken. "Entschuldige, dass ich damit beschäftigt war, einen schwarzmagischen Angriff zu blocken. Ich habe nicht so viel Magie, dass ich das mit einem Achselzucken abtun kann, während ich mich über die neuste Mode in der Hauptstadt unterhalte."

Sariel fauchte; es überraschte Daron, dass es nicht aggressiv wirkte, sondern eher hilflos oder als ärgerte der Dämon sich über sich selbst. Es brachte ihn zum Lachen.

"Ja, jetzt weißt du es", brummelte Sariel und starrte wieder zu Boden. "Ich hätte es besser wissen sollen. Aber ich hatte Angst, dass du mich... gehen lässt. Verzeih mir."

Es war diese kleine, unsichere Pause, die Darons Abwehr umwanderte und ihn wünschen ließ, er könnte Sariel irgendeine Form von Sicherheit geben. Er wollte den Dämon nicht loswerden, ganz und gar nicht, und er wünschte, er würde ihn ansehen.

"Sariel..." Er streckte die Hand aus, eigentlich, um ihn an der Schulter zu berühren, doch der Dämon bewegte sich, und irgendwie, Daron konnte nicht sagen, wie es geschah, hatte er ihm die Hand an die Wange gelegt und sein Gesicht zu sich gedreht. Es war ein Fehler, und es wurde noch schlimmer, als er ihm auch die zweite Hand an die andere Wange legte, so dass das dunkle Gesicht wie von einem hellen Rahmen umgeben wurde.

Göttin, der Mann war schön... Ganz besonders, wenn er ihn überrascht aus geweiteten Augen ansah, die Lippen nur eben so weit geöffnet, dass man einen Hauch der Zähne erahnen konnte. Gerade soweit, dass es eine Einladung zu einem Kuss zu sein schien, die Darons Gedanken durcheinander wirbelte. Das war es mit Sicherheit nicht, doch er brauchte einen langen Atemzug, um sich das klar zu machen.

"Ich werde nicht zulassen, dass du wieder zu einem schwarzen Zirkel kommst, wenn ich es irgendwie verhindern kann", versprach er. Zu seinem Ärger war seine Stimme rau, das passte kaum zu dem stoischen Kampfmagier, den er gerne in dem Moment dargestellt hätte. Stoisch, sicher, der Fels in der Brandung. Stattdessen war er heiser, verwirrt von Sariels Nähe und drauf und dran, über einen Dämon den Kopf zu verlieren. Er lehnte sich zurück und ließ Sariel los; seine Fingerkuppen strichen über den Kiefer des anderen Mannes, die Haut war weich und vollkommen frei von Stoppeln. Er wollte einen lockeren Spruch zu dem 'selbstsüchtigen Bastard' machen, irgendetwas, das sie beide zum Lachen brachte und davon ablenkte, dass er auf die Lippen des Dämons starrte. Doch er fand keine Worte.

Die Lippen verzogen sich zu einem weichen Lächeln und formten ein Wort. 'Danke.' Daron sah es nur, die Stimme war ein warmes Summen. Verwirrt gelang es ihm, den Blick zu Sariels leuchtenden Augen zu heben. Einen langen Moment sahen sie sich an, ehe Daron es schaffte, das Lächeln zu erwidern und seine fünf Sinne wieder zusammen zu sammeln.

Es brachte die Erkenntnis, dass es verbrannt roch. "Verdammt, der Hase!"

Sariel fluchte und war mit einem Satz beim Feuer.

Daron hatte Glück, das meiste des Bratens war noch genießbar, nachdem der Dämon die verbrannte Haut abgeschabt hatte. Und zusammen mit den geschmorten Moorwurzeln war es auch gut ausreichend, um einen ausgehungerten Magier zu sättigen, der dabei war, sich von Grund auf zu regenerieren.

Nach dem Essen kämpfte Daron sich ächzend auf die Beine empor, obwohl seine Lagerstatt herrlich verlockend danach rief, sich einfach hinzulegen und weiterzuschlafen. Mit seinem Stab zog er einen Halbkreis von Felswand zu Felswand um ihren Rastplatz und füllte ihn mit der Magie, die wieder zu ihm zurückgekehrt war. Es fühlte sich an, als habe er einen unbarmherzigen Muskelkater von einem harten Training und würde am nächsten Tag die gleichen Übungen rücksichtslos wiederholen. Daron ignorierte das Gefühl. Er mochte es nicht, ungeschützt zu schlafen.

Als er fertig war, hatte Sariel sich seine Decke geholt und das eigene Lager gerichtet, sowie ihnen beiden noch einen Becher Tee hingestellt. Er wartete bereits im Schneidersitz auf seiner Decke, dass Daron zu ihm kam.

Nachdenklich sah Daron zu ihm hin, während ihm auffiel, wie viel der Dämon machte so unaufdringlich und nebenbei, dass man es kaum wahrnahm. Der Tee allein war nur eines der vielen Dinge, die er regelmäßig richtete. Ob das ein Befehl des Runenkreises war, den Gebieter zu versorgen? Daron hoffte es nicht. Ihre Blicke trafen sich, und Daron lächelte. "Ich denke, den Nachtkreis kann ich mir sparen, hm?"

"Wie schön, dass du das auch endlich einsiehst. Oder ist es nur, weil du dich kaum auf den Beinen halten kannst?", frotzelte Sariel, doch seine leuchtenden Augen sprachen Bände.

Daron lachte. "Beides", gab er gut gelaunt zurück, während er zu seinem Lager zurückging. "Aber es klingt natürlich besser, wenn ich sage, ich vertraue dir."

Einen Moment lang schwieg Sariel und sah zu Daron herüber. "Tust du es denn?", fragte er schließlich.

"Ja." Daron überraschte sich selbst damit, wie durch und durch richtig diese Antwort war. An diesem Tag hätte Sariel ungezählte Male die Möglichkeit gehabt, ihn zu töten. Er hatte es nicht getan. Der Runenkreis mochte es erfolgreich verhindern, dass der Dämon ihm zu nahe kam. Aber viel entscheidender war, dass Daron sich mit einem Mal sicher fühlte, dass Sariel es auch ohne die Runen nicht versucht hätte.

Er sah, dass Sariel durchatmete und fragte sich, was die Antwort ihm bedeuten mochte. Vertraute er auch ihm? Oder hatte er lediglich keine Wahl und sich so gut wie möglich mit dem Runenkreis arrangiert? 'Ich bin nicht nur der Runenkreis', hatte er ihm gesagt, aber auch eine knappe Woche später wusste Daron nicht, wo der Runenkreis aufhörte und wo Sariel begann, einfach nur Sariel zu sein. Und es fing an, ihn ernsthaft zu stören.

Er musste etwas ändern, wenngleich er auch noch nicht wusste, was. Für diesen Abend war er zu müde, um darüber nachzudenken, aber der Entschluss, herauszufinden, was er tun konnte, um Sariel wirklich kennen zu lernen und vielleicht sogar den Runenkreis irgendwann zur Hölle zu schicken, setzte sich fest.


Pandorah