Runenbande

8.

Er kam nicht dazu, und der Grund hieß Sariel. Daron fragte sich, ob der Dämon sich um ihn sorgte, nachdem er am Vortag in sich zusammen gesackt war oder ob er gar die Gesellschaft genoss. Auf jeden Fall blieb er in seiner menschlichen Form bei ihm lediglich seine senkrechten Pupillen und die ein wenig zu langen Eckzähne verrieten ihn und lenkte ihn erfolgreich vom Nachdenken ab. Es war aber auch einfach zu angenehm, Seite an Seite mit ihm zu wandern, zu reden, zu lachen.

Bald ließen sie die baumlosen Höhen hinter sich und waren erneut von Wald umgeben. Es war einer jener Nadelwälder, von denen man denken konnte, dass sie noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hatte, dicht und urwüchsig, mit alten Baumriesen, unter deren ausladenden Kronen eine fast schon majestätische Ruhe herrschte. Umso überraschter war Daron, als er weiter unten am Hang einen Weg entdeckte. Er schien nicht oft genutzt zu werden, wie Gras und Moos verrieten, doch oft genug, dass sich Wagenspuren in den Boden eingegraben hatten.

"Die Richtung", Sariel wies bergab, "führt zu einem kleinen Dorf, zwei Tagesmärsche von hier, wenn ich mich nicht verschätze. In die andere kommt man zu einem Pass in den Bergen. Der ist jedoch noch eine ganze Strecke weit weg."

"Und woher weißt du das?", fragte Daron skeptisch.

Der Dämon lachte. "Ich habe es gesehen. Von oben", fügte er auf Darons irritierten Blick an. "Aus der Luft. Und keine Angst, ich habe deinen Befehl befolgt. Kein Mensch hat mich gesehen."

"Bist du jetzt deswegen zu Fuß unterwegs?" Daron grinste, auch wenn er diese offensichtliche Erklärung ein wenig bedauernswert fand.

Bemerkenswert elegant verneigte sich Sariel. "Alles, um dir zu gefallen, mein Herr und Gebieter."

Das brachte Daron zum Lachen, während er sich fragte, was der Dämon noch alles von der Welt der Menschen gelernt haben mochte. Und wo. "Muss ich dir den 'Herr und Gebieter' auch untersagen, oder erklärst du dich von allein bereit, das zu lassen?"

Mit schief gelegtem Kopf sah ihn Sariel für einen Moment von der Seite an, ehe sie zu dem Weg hinab stiegen. "Du magst sie nicht, diese Art von Macht. Nicht einmal im Spiel. Warum?"

"Ist es denn ein Spiel?" Daron runzelte die Stirn. "Ich glaube nicht. Nicht, solange dieser Runenkreis existiert. Niemand sollte auf diese Art über einen anderen bestimmen können."

Leichtfüßig sprang Sariel den kleinen Abhang hinab und wartete auf dem Weg auf ihn. Daron folgte ein wenig ungelenker, ehe sie die Richtung zum Dorf einschlugen.

"Und trotzdem lässt du den Kreis bestehen." Sariel ging rückwärts weiter, um ihn ansehen zu können.

Bedächtig nickte Daron. Die Worte hinterließen einen bitteren Nachgeschmack. Er hatte von Sariel lernen wollen, um Dämonen bekämpfen zu können. Alles, was er bisher erfahren hatte, machte jedoch nur, dass er Dämonen nicht mehr bekämpfen wollte. Je länger er diesen Dämon um sich hatte, umso mehr erschien er ihm einfach nur wie ein Mann, der ein wenig anders aussah, der sein Fleisch gerne roh aß und der fliegen konnte. "Wenn ich dich frei gäbe, würdest du dann zu deiner Sippe zurückkehren?"

Sariel starrte ihn an, dann senkte er den Kopf und wandte sich ab, um wieder vorwärts zu laufen. Eine lange Weile schwieg er, ehe er leise sagte: "Ich kann es nicht. Ich wüsste nicht wie. Gäbest du mich frei, wäre ich frei in dieser Welt."

Darons Hoffnung auf die perfekte Lösung bekam erst Risse, dann zersprang sie, als die Worte ganz zu ihm durchdrangen. Wie sollte er den Dämon frei geben, wenn dieser hier blieb? Wenn er tun und lassen konnte, was er wollte? Es war sein Plan gewesen, ihn in seine Welt zurückzulassen, wenn er gelernt hatte, was er lernen konnte. Dort konnte er frei sein, ohne jemandem zu schaden.

"Nicht einmal, wenn ich dir den Befehl dazu geben würde?", fragte er dumpf nach.

Sariel sah ihn mit einem halben Lächeln aus den Augenwinkeln heraus an. Es wirkte so unecht, als lächelte er nur für ihn. "Ich könnte ihn nicht erfüllen."

"Verdammt. Und ich kann nicht einmal Reisezauber, geschweige denn welche, die Welten überspannen. Verdammt!" Daron trat gegen einen Grasbüschel, der ihm keinen Widerstand entgegen setzte. Und wie sollte er bitte einen Runenmeister finden, der einen Dämon zurück in dessen Welt schickte? Vor allen Dingen sicher in seine Welt zurück schickte und ihn nicht einfach nur umbringen wollte? 'Verdammt!' Das bedeutete, dass sie auf eine unbestimmte und sehr lange Zeit aneinander gebunden sein würden. Der Gedanke machte, dass es ihm fast körperlich schlecht wurde. "Verdammt."

Grübelnd starrte er auf den Boden, während sie ihren Weg schweigend fortsetzten. Er fühlte sich, als hätte man ihn auf einem klitzekleinen Floß irgendwo inmitten eines gigantischen Ozeans ausgesetzt, mit nichts als einem Paddel. 'Und jetzt sieh zu, wie du zurück an Land kommst. Jetzt sieh zu, dass du auch nur eine Richtung findest, die dich nicht noch weiter aufs Meer hinaustreibt.'

Er musste eine andere Lösung finden, als für den Rest seines Lebens mit einem Dämon herumzulaufen. Warum fragte ihn eigentlich nie jemand, ob ihm die Probleme gefielen und ob er gerne damit beschäftigt sein wollte, eine Lösung zu finden, bevor man sie ihm aufhalste? 'Wenigstens warnen hättest du mich können, Göttin.'

Sein Blick glitt über dunkle Flecken auf der Erde, schwarz wie mit Tusche gezeichnet, halb vergraben unter aufgerissener Erde. Daron blieb stehen, die Gedanken an Sariel für einen Moment vergessen. Er ging in die Hocke und schob die Anhäufung an Erde beiseite, um einen weiteren Fleck zu offenbaren, dann sah er sich aufmerksam um. Die Spur war nur zu sehen, weil er wusste, dass es sie geben musste eine dunkle Stelle an einem Baum auf Schulterhöhe, als habe man einen Hauch Nacht vergessen. Nur wenig davon entfernt zwei kaum sichtbare Löcher im Boden, wie mit einem dreizinkigen Rechen gebohrt.

"Schatten."

Sariel blieb stehen und witterte. "Ich kann sie nicht riechen. Bist du sicher?"

Daron nickte. "Sie sind von dort gekommen", er wies den Abhang empor, "entweder zwei Männchen im Kampf um ein Weibchen oder Revierstreitigkeiten."

Anders waren die Spuren kaum zu erklären. Schatten trugen ihren Namen nicht zu unrecht. Sie waren schwarz wie die Nacht, und auch wenn sie keine Gestaltwandler waren, so konnten sie ihre Form doch in gewisser Hinsicht anpassen und um Hindernisse regelrecht herumfließen. Ihr rundes Maul strotzte vor hässlich spitzen Reißzähne; ihre langen, biegsamen Gliedmaßen wiesen viel zu viele Gelenke und schmale Klauen auf, bei denen jeder Dämon vor Neid erblassen konnte. Außerdem hatten sie die unschöne Angewohnheit, ihre Opfer zu betäuben, dann ein Gift zu injizieren, welches das Innere verflüssigte und die Beute wie eine Spinne auszusaugen.

"Wir folgen ihnen. Du hast gesagt, dass nicht weit von hier Menschen wohnen." Und Menschen waren leichte Beute, die Schatten allem anderen vorzogen, sei es, weil es ihnen bei ihrer Erschaffung zu Zeiten der Magierkriege ins Blut gelegt worden war, sei es es, weil Menschen langsam, schwach und ungeschickt waren und mit wenig Gefahr reichlich Beute boten.

"Die Spur ist alt." Forschend ließ Sariel seinen Blick über die alten Bäume jenseits des Weges und über den Boden schweifen, ehe er Daron ansah. "Wir könnten erst ins Dorf gehen; vielleicht haben sie dort Hinweise, wo wir nach dem Nest suchen können."

"Ein Dämon, der nicht jagen will?" Daron grinste. "Du überraschst mich immer wieder. Nein, ich will sehen, ob ich sie von hier aus finde. Wenn deine Schätzung stimmt, brauchen wir zwei Tage ins Dorf. Und wenn sie nichts wissen, noch mal zwei wieder hierher zurück. Das sind weitere vier Tage, die vergehen. Das machen wir, wenn sich die Spur im Nichts verliert." Die Chancen standen ziemlich gut dafür, die Spuren waren ohnehin vom Vortag oder sogar noch älter, aber er wollte es trotzdem versuchen.

Sariel schnaubte. "Ich jage gern. Aber nur schmackhafte Dinge. Schatten sind unverdaulich."

Überrascht hob Daron die Brauen. "Hast du schon mal versucht, einen zu essen? Ich finde, sie sehen schon sehr unverdaulich aus."

"Ich habe welche im Kampf gebissen." Mit einem Grinsen ließ Sariel seine Fangzähne aufblitzen. "Der Geschmack war nicht dazu gemacht, dass ich mehr davon wollte."

Leise lachte Daron auf, während er den Wald auf der gegenüber liegenden Seite des Weges nach weiteren Spuren absuchte, um einen Hinweis auf die Richtung zu finden, die er einschlagen sollte. "Das kann ich mir vorstellen. Ich hätte nicht mal versucht, sie zu beißen. Aber da liegt wohl einer der Unterschiede zwischen Mensch und Dämon. Du bist von Natur aus bewaffnet."

Sariel folgte ihm, als er sich entschied und behutsam voran ging, jeden Schritt bedächtig setzend, um keine Spuren zu vernichten. Einem Schatten zu folgen, war schwierig.

"Sag, was nennst du einen Dämon?" Die dunkle, weiche Stimme des Dämons lenkte seine Aufmerksamkeit von dem Waldboden weg.

Irritiert sah Daron über die Schulter zu ihm hin. "Dich und deine Art."

Die goldenen Augen musterten ihn auf eine Weise, von der Daron mittlerweile wusste, dass etwas folgen würde, was er eigentlich gar nicht hören wollte.

"Und was macht einen Dämon aus?"

Gut, das war nicht so schwer. Zumindest war das der erste Eindruck, den Daron von der Frage gewann, doch dann runzelte er die Stirn, als er feststellte, dass er sich geirrt hatte. Menschenähnliche Wesen mit Flügeln wie Sariel gehörten dazu. Aber es gab auch Dämonen, die keine Flügel hatten. Welche mit vier Armen. Welche, die aussahen wie verzerrte Abbilder von Hunden oder wie Mischungen aus mehreren Wesen.

"Du stellst Fragen", murrte er, während er eine Klauenspur an einem Baum entdeckte, die ihm den Hinweis gab, den er brauchte. Sorgsam wählte er die Richtung. Was war ein Dämon? Schatten gehörten nicht dazu. Schatten entstammten sehr eindeutig seiner eigenen Welt, von schwarzer Magie verunstaltete Wesen, von denen niemand mehr zu sagen vermochte, was sie ursprünglich einmal gewesen waren.

"Ein Dämon ist... ein Wesen aus einer anderen Welt", sagte er schließlich, "leidlich bis sehr intelligent, nicht menschlich, auch wenn es menschenähnlich sein kann. Magisch begabt. Und im allgemeinen darauf aus, Menschen zu töten oder ihnen zu schaden, aus welchem Grund auch immer."

"Da ich dich nicht töten will und auch keinen anderen Menschen, von ein paar spezifischen Ausnahmen abgesehen heißt das, ich bin kein Dämon mehr? Oder anders gefragt wärest du einer, wenn einer meiner Sippe dich in unsere Welt holt und du dein Leben verteidigen musst?"

"Ich bin ein Mensch!", protestierte Daron und drehte sich zu Sariel um.

Sariel grinste. "Leidlich intelligent? Aus einer anderen Welt und damit ein anderes Wesen als die, die in meiner Welt leben. Magisch begabt. Macht dich das in meiner Welt nicht auch zu einem Dämon?"

Daron stutzte. "Ich mag es nicht, wenn du unangenehme Dinge sagst, die mich zum Nachdenken zwingen und mein einfaches Weltbild zerstören", beschwerte er sich nach einem langen Augenblick. "Und was heißt 'leidlich intelligent'?" Er grinste. "Willst du mich beleidigen?"

"Vergib mir, Daron, aber du weißt, dass ich nur die Wahrheit sagen kann", neckte Sariel gut gelaunt.

"Oh, das können wir ändern. Erzähle mir, dass alle Dämonen bösartig und nur auf mein Leben aus sind. Lüg mich an", frotzelte Daron.

Sariel öffnete den Mund und würgte, ein Beben ging durch seinen Körper. Seine Hand fuhr zur Kehle, aus geweiteten Augen starrte er Daron an, und für einen Moment sah er so aus, als würde er keine Luft mehr bekommen. Das Beben verstärkte sich, seine Beine gaben nach, und er sackte auf Hände und Knie zusammen. Wieder würgte er.

"Sariel!" Alarmiert sah Daron sich um, doch nichts und niemand war zu entdecken. Hastig zog er eine Schutzsphäre um sie hoch, für den Fall, dass die Schatten kommen würden und tastete eilig nach Magie. Wurde der Dämon beschworen? Er spürte nichts.

Sariel krümmte sich auf dem Boden zusammen, er rang nach Luft, und irgendwo in dem verzweifelten Versuch zu atmen, schrie er.

Der Laut ging Daron durch und durch. Er ließ den Stab fallen, ging neben Sariel auf die Knie und griff nach ihm. "Sariel, verdammt, was ist los? Sariel, sprich mit mir!"

Die Antwort war ein gellender Schrei. Sariel wand sich auf dem Boden, unkontrolliert trat er in die Luft, seine Hände gruben sich in die Erde. Das verrutschende Hemd offenbarte die in einem wütenden Rot glühende Zeichnung; es wirkte, als würde der Dämon verbrennen.

Selten hatte sich Daron so hilflos gefühlt. Er hatte nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was er tun konnte. Er spürte keine Magie, es gab nichts zu bekämpfen, aber Sariels Gesicht war vor Schmerzen verzerrt, er wand sich wie in Krämpfen. Daron wollte etwas tun, egal was, um zu machen, dass es aufhörte. Er griff nach den Armen des Dämons, versuchte, ihn davon abzuhalten, wild um sich zu schlagen und sich selbst zu verletzen. Es glich dem Versuch, einen durchdrehenden Stier mit bloßen Händen aufhalten zu wollen.

"Oh Göttin, hör auf! Hör auf!" Er hörte die Angst in seiner eigenen Stimme, versuchte sich zu Ruhe zu zwingen, aber es war kaum möglich, während Sariel sich aufbäumte und erneut wie in Höllenqualen schrie. "Wenn es etwas ist, das der Kreis macht, ich löse es auf, hörst du? Es ist ungültig! Du hast die verdammte Erlaubnis, es zu ignorieren!"

Der Schrei verstummte. Jede Kraft wich aus Sariels Körper, als der Dämon erschlaffte und keuchend Luft holte. Er bebte am ganzen Körper, seine Haut glänzte vor Schweiß.

Daron sah auf ihn hinab in das fahle, noch immer von Schmerz gezeichnete Gesicht. Es hatte aufgehört. Zögernd ließ er ihn los und setzte sich auf die Fersen zurück. "Sariel?"

Sariels matter Blick streifte ihn, dann driftete er weg. Einen langen Moment blieb der Dämon liegen, ehe er sich mühsam aufsetzte, jede Bewegung quälend langsam und steif.

"Sariel...?" Daron berührte ihn an der Schulter, er wollte ihn halten, wollte irgendetwas tun, damit es ihm besser ging, doch er wusste noch immer nicht, was eigentlich geschehen war. Sariel sackte in sich zusammen, und ohne nachzudenken griff Daron nach ihm, um ihn zu stützen. Die Berührung ließ Sariel für einen Herzschlag erstarren, dann sank er einfach gegen ihn.

Daron legte die Arme um ihn und hielt ihn fest, spürte den keuchenden Atem an seiner Haut, die Feuchtigkeit von Schweiß, wo die Stirn des Dämons seinen Hals berührte. Vielleicht sollte er ihn loslassen, ihm Raum zum Atmen geben, um sich zu erholen. Doch dann fühlte er, wie Sariel sich einen Hauch weiter zu ihm umdrehte, sich ein wenig mehr gegen ihn lehnte. Ihn loszulassen, wurde zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, ehe sich der Atem des Dämons normalisierte und noch länger, bis das Beben nachließ. Und auch als Sariel wieder vollkommen ruhig war, blieben sie noch eine ganze Zeit aneinander gelehnt sitzen.

"Geht es wieder?", fragte Daron endlich verhalten. Sariel nickte einmal, und mit viel Widerstreben entließ Daron ihn aus seinen Armen. Die Farbe war in das Gesicht des anderen Mannes zurückgekehrt, doch seine Augen zeigten noch immer den Nachhall von Schmerz.

Daron nahm den Rucksack ab und holte seine Wasserflasche hervor, um sie ihm zu reichen. Dankbar trank Sariel einige Schlucke.

"Was ist passiert?", fragte Daron, als er die Flasche zurücknahm. Die goldenen Augen erwiderten für einen Wimpernschlag seinen Blick, und in diesem Moment wusste er, dass er verantwortlich war. Schmerzhaft kalt krampfte sein Magen sich zusammen.

"Du hast mir einen Befehl gegeben, der die Runen gegeneinander hat kämpfen lassen." Sariels Stimme war heiser. "Wahrheit gegen Gehorsam. Tu das niemals, niemals wieder." Er schauderte.

Das Schuldbewusstsein knüppelte heftig auf Daron ein, auch wenn es weder Absicht gewesen war, noch er gewusst hatte, was geschehen würde. "Es tut mir leid. Wenn ich das geahnt hätte... verzeih mir."

Überrascht sah Sariel auf. "Daron, wenn ich denken würde, dass du das mit Absicht getan hättest... natürlich hast du das nicht. Du bist nicht sie."

Die Antwort brachte eine doppelte Erkenntnis. Die eine machte ihn glücklich. Sariel vertraute ihm, er sah ihn nicht mehr als 'nicht besser als sie'. Die andere schickte eine Mischung aus Übelkeit und Wut durch ihn hindurch. Die Schwarzroben hatten den Kreis auch auf diese Art genutzt, um den Dämon zu knechten und ihn zu foltern.

"Wenn sie nicht schon allesamt tot wären", grollte er, "müssten wir jetzt dringend umkehren, damit ich sie umbringen kann."

"Ich wäre dir entsetzlich gerne dabei behilflich." Sariel grinste, noch ziemlich schief, aber er grinste.

Es kostete Daron einiges an Mühe, nicht dem Verlangen nachzugeben, ihn gleich wieder in die Arme zu ziehen und ihm zu versichern, dass alles gut war und dass er jetzt persönlich dafür sorgen wollte, dass keine Schwarzrobe jemals wieder auch nur so viel wie eine Fingerspitze an ihn legte. Aber der Moment der Nähe war vergangen, und leider war eine weitere Umarmung damit sehr unpassend geworden.

Er warf einen Blick zum Himmel empor, an dem sich dichte Wolken sammelten, dann einen auf Sariel und entschied: "Wir suchen uns einen Rastplatz, und das war es für heute. Du hast nicht zufälligerweise eine gute Stelle aus der Luft erspäht?"

"Du wolltest Schatten jagen. Was ist aus diesem Plan geworden?" Sariel zog das Hemd zusammen und band es neu, dann stand er auf. Obwohl er sich bemühte, es nicht zu zeigen, war doch nicht zu übersehen, dass der Runenkampf Spuren hinterlassen hatte. Er war steif, als wollten seine Muskeln nicht recht gehorchen.

"Ich suche nach weiteren Spuren, sobald wir das Lager aufgeschlagen haben", bestimmte Daron entschieden und nahm seinen Stab auf.

"Ich lasse dich nicht allein ziehen und bewache ein Feuer", grummelte der Dämon, während er seinen Rucksack zurecht rückte.

"Aber genau das ist der Plan." Daron lächelte und drückte ihm die Schulter. "Betrachte es als gerechten Ausgleich für den Tag, wo ich nicht mehr gemacht habe, als meine Lagerstatt zu behüten."

Es war Sariel eindeutig anzusehen, dass er den Plan alles andere als guthieß, doch Daron blieb dabei. Wenn sie Schatten fanden, wollte er nicht auf einen halb lahmen Dämon aufpassen müssen; damit war niemandem geholfen. Außer vielleicht den Schatten.

Der Lagerplatz, den sie nach ein wenig Suchen fanden, war nicht so optimal, wie Daron es gerne gehabt hätte, doch Sariel fiel das Laufen sichtbar schwer, auch wenn es ihm schlechte Laune bereitete, das zugeben zu müssen. Zudem wollte Daron sich nicht allzu weit von der Spur der Monster entfernen. Es gab keinen Wasserlauf in der Nähe, aber immerhin bildeten drei dicht beieinander gewachsene Bäume, deren Stämme sich mittlerweile vereint hatten, eine einigermaßen schützende Wand, und mehrere Schösslinge, die in Kopfhöhe aus dem vereinten Stamm sprossen, konnten zumindest dafür sorgen, dass der dichteste Regen abgehalten wurde, wenn sich die Wolken nicht nur als drohend, sondern wasserreich erwiesen. Mit einem ein wenig umfunktionierten magischen Schild sollte es leidlich trocken werden.

Das erste, was Daron tat, war den Schutzkreis zu ziehen, erst danach sammelte er Holz, während Sariel ihre Bettstätten richtete und den Feuerplatz vorbereitete. Aus den Augenwinkeln beobachtete Daron die mühsamen Bewegungen und schwor sich, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Noch einmal wollte er Sariel nicht solche Schmerzen zufügen.

Wie konnte man einen Dämon länger um sich haben und noch immer denken, er sei ein Monster? Oder sahen die Schwarzroben einfach nicht hin? War es ihnen egal? Er schnaubte und zerrte wütend einen dicken Ast unter einem Busch hervor. Schwarzmagier schreckten auch vor Menschenopfern nicht zurück. Was war von denen anderes zu erwarten?

"Und von mir?", murmelte er und hielt inne. Den Arm voller Holz richtete er sich auf und sah zu ihrem Lagerplatz zurück, wo Sariel den Rest der Wasserflasche in ihren Kessel leerte und sich dann durch den Beutel mit den Kräutern wühlte. Sariel aß Fleisch lieber roh als gekocht oder gegrillt. Er konnte fliegen, hatte Fangzähne und geschlitzte Pupillen, Klauen und Hörner. Aber ansonsten war er ein Mann wie jeder andere auch. Er lachte gern, er frotzelte herum. Er wollte frei sein, war dankbar für Freundschaft. Sie hatten ein paar Mal gestritten und sich wieder vertragen. Sie teilten sich die Arbeiten am Lagerplatz, ohne viel darüber diskutieren zu müssen.

'Wenn ich dich freigebe, was passiert dann?' Der Gedanke machte Daron Angst, auf eine unbestimmte, diffuse Art, die ihm nicht gefiel. Würde Sariel gehen? 'Mich verlassen?' Wäre er noch der Mann, den er kennen gelernt hatte? Spielte er ihm etwas vor, um ihn dazu zu verführen, ihn frei zu geben?

Sariel sah auf, ihre Blicke trafen sich, und der Dämon lächelte. Daron erwiderte das Lächeln und fühlte, wie sein Herz einen Satz machte. Hatte er das Recht, ihn gefangen zu halten, weil er Angst hatte? Die Antwort war klar. Aber hatte er die Pflicht, ihn gefangen zu halten, weil er nicht sagen konnte, ob Sariel eine Gefahr war?

Es lief immer wieder nur darauf hinaus, ob er ihm trauen konnte oder nicht. Ob er seinen Gefühlen für ihn trauen konnte.

"Stehst du gut dort?", rief Sariel grinsend und machte Daron bewusst, dass er sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr bewegte, sondern einfach nur starrte und grübelte.

"Ich habe gehofft, ich bin so gut getarnt, dass ich mich vor dem Wasserholen drücken kann", gab er zurück und ging zum Lager hin.

Sariel lachte und brachte damit das Flimmern in seinen Bauch zurück. "Ich habe es gestern geholt, du bist dran."

"Gestern war der Bach direkt neben uns." Daron lud das Holz ab und nahm die Wasserflaschen auf. Er liebte das Herumflachsen mit dem anderen Mann.

"So eine Schande, was?" Sariel gluckste dunkel und zog einen der Äste heran, um ihn in handliche Stücke zu brechen und unter dem Kessel zu stapeln, ehe er den Kopf drehte und ihn neckend ansah. "Und ich werde dafür sorgen, dass wir morgen auch wieder schön nah an einer Quelle rasten."

Mit einem Fingerzeig brachte Daron das Feuer zum Brennen, aber seine Gedanken waren nicht bei Tee oder Wasser. Sariel war so schön mit seinem ebenmäßigen Gesicht, den weich geschwungenen Lippen und den leuchtenden Augen. Er erinnerte sich daran, wie sich das schwere, schwarze Haar unter seiner Hand angefühlt hatte, an seine Wärme und seinen Duft und daran, wie Sariel sich Halt suchend voller Vertrauen gegen ihn gelehnt hatte, und fasste einen Entschluss. Die Schattenjagd war nicht ungefährlich; jede Hilfe war willkommen. Aber sobald sie das Nest gefunden und ausgeräuchert hatten, würde er Sariel frei geben. Und sollte seine Hoffnung enttäuscht werden, stand die nächste Jagd fest.

Selten hatte er derart heftig gehofft, sich nicht zu irren.


Pandorah