Runenbande

12.

Daron hatte gehofft, dass die Schatten sie finden würden. Trotzdem hatte er sie vollkommen vergessen. Zudem waren er und Sariel in seinem Plan nicht nackt gewesen. Verhalten fluchend griff er nach seinem Stab, während er nach draußen lauschte. War das ein Scharren von Klauen über Stein? Behutsam griff er nach seiner Magie und wob einen Schild um Sariel und sich.

Überrascht hob Sariel die Brauen. "Ich bin ein Dämon. Das ist verschwendete Magie."

"Du bist ein Dämon. Kein Gott. Und nicht einmal Götter sind unverwundbar", antwortete Daron bestimmt. "Wie viele sind es? Kannst du es hören?"

Mit halb geschlossenen Augen lauschte Sariel. "Drei. Vielleicht vier. Ich bin mir nicht sicher. Zwei kommen von vorne. Einer nähert sich von oben."

Darons Nackenhaare richteten sich auf. Das waren verdammt viele auf einmal; nun war er richtig froh, dass Sariel bei ihm war. Schatten hatten die sehr unangenehme Eigenschaft, einen sehr hartnäckigen Lebensfaden zu haben. Sie starben nicht einmal unbedingt, wenn man ihnen alle Gliedmaßen abgehackt hatte. Selbst ohne das, was als Kopf fungierte, waren sie noch eine ganze Zeitlang lebensfähig. Und ihr Blut brannte wie ätzende Säure.

Sariel lächelte mit schief gelegtem Kopf. "Ich gehe raus und lenke sie ab. Hier drinnen sitzen wir wie die Mäuse im Loch. Und die Öffnung ist groß genug für die Katzenpfoten."

Daron verkniff es sich zu protestieren. Der Unterschied zum Mauseloch war ein gutes, solides Schutzschild, das er vor der Öffnung hatte errichten wollen hier war es energiesparend, mit Felswänden, die Sicherheit von drei Seiten gaben, sowie Schutz von oben. Noch vor Momenten hatte er Sariel im Arm halten und beschützen wollen und das hallte nach. Aber Runenkreise hin, Schwarzroben-Beschwörungen her Sariel war ein Dämon, und Dämonen waren gute Kämpfer. Zumindest die, mit denen er zusammengestoßen war. Als er nickte, glitt Sariel in die Dunkelheit.

Hastig zog Daron sein Schwert heran und befreite es aus der Scheide, während er weiter nach draußen lauschte.

Sariel knurrte, Klauen wurden über Stein gefetzt, dann ertönte ein schrilles Kreischen, das in den Ohren schmerzte. Ein Schemen glitt von dem Dach ihres Unterschlupfs nach unten und schnellte nach vorne.

Daron verstärkte den Schutzschild und hechtete nach draußen. Ein Gedanke rief sein Feenlicht er war der einzige, der in der Dunkelheit nichts sah. Die Schatten waren zu dritt und umzirkelten Sariel. Nachtschwarze Haut schluckte das kühle magische Licht, als seien die Wesen blinde Flecken in einer lebendigen Welt. Einzig die weißen Augen und ein rundes Maul mit nadelspitzen Fangzähnen in zwei Reihen reflektierten es. Die dürren Gliedmaßen endeten in langen Klauen, und ihre abartig vielen, flexiblen Gelenke machten es schwer zu erkennen, wo und wie sie zuschlagen würden. Und als wäre das noch nicht genug, mit dem man sich plagen musste, hatten sie einen langen, dünnen, stachelbewehrten Schwanz, gegen den jede Peitsche, die etwas auf sich hielt, als unflexibel gelten musste.

Sariel tauchte unter einem Schwanzhieb hinweg, wich wie Quecksilber einer peitschenden Klaue aus und zog seine Krallen einmal über einen schwarzen Körper. Schwarzes Blut spritzte und sprenkelte den Dämon; Daron verstärkte den Schutzzauber um ihn. Schattenblut fraß. Wieder ertönte das infernalische Kreischen. Daron zielte und entlud die Magie der Stabspitze in einem gleißenden grünen Blitz, dann warf er den Stab von sich, noch ehe er die Wirkung abgewartet hatte. Das Schwert war eine bessere Waffe.

Der Schatten ging zu Boden, ob kurz oder für immer, konnte er nicht sagen, denn einer der beiden verbleibenden ließ von Sariel ab und glitt auf ihn zu. Seine Gestalt verzerrte sich, schien größer zu werden, kleiner, dann schossen wie aus dem Nichts zwei sehnige Arme hervor. Daron sprang zurück, sein Schwert beschrieb einen Bogen, traf eine der Klauen.

Es war ein Laut, als träfe Metall auf Metall.

Daron tauchte unter den erneut zugreifenden Krallen hinweg, wehrte eine weitere ab und spürte, wie der Schwanz ihn streifte. Seine Reaktion war instinktiv, als er den Schutz an der Stelle hochzog, während er den freien Arm ausstreckte und einen Feuerball in Richtung des geifernden Mauls schickte.

Der Schatten taumelte zurück, und ließ ihm einen Hauch an Zeit, um die Situation zu überblicken. Der Schatten, den er mit dem Stab niedergestreckt hatte, lag noch immer wie gefällt, doch Sariel schien gute Ohren zu haben es waren vier. Der Dämon tanzte schon wieder mit zweien. Ducken, ausweichen, zuschlagen. Für einen Bruchteil eines Atemzugs peitschten die Schwingen auf, er schoss in die Höhe, dann waren sie wieder verschwunden, als er im Angriff niederging.

Der Schatten sprang und versperrte Daron den Blick. Er rollte sich weg, riss das Schwert empor und wurde mit einem Schrei belohnt. Trotz des Schutzschildes konnte er das Blut brennend auf seiner Haut spüren. Er zischte, aber widerstand der Versuchung, den Schild erneut zu verstärken. Wie flüssige Nacht glitt der Schatten um ihn her, das Maul öffnete und schloss sich rhythmisch, als versuchte er, etwas anzusaugen.

"Willst du mehr davon?", knurrte Daron und schoss einen weiteren Feuerball ab. Der Schatten wich aus, das Feuer traf einen Baum und zerfetzte den Stamm. Holz splitterte krachend, als der Baum fiel.

Daron täuschte einen Angriff auf die verletzte Seite des Schattens an, und als der sich drehte, um sich zu schützen, änderte er scharf den Winkel. Der Aufprall sandte eine Schockwelle durch seinen Arm, als die Klinge einen Arm am dritten Gelenk abtrennte. Wieder kreischte der Schatten, es mischte sich in die Schreie eines der beiden, mit denen Sariel kämpfte.

"Warum benutzt du keine Magie?", rief Daron. "Langweilst du dich? Willst du meinen auch noch haben?"

Sariel lachte, es klang atemlos. "Es ist mir verboten. Aber so macht es auch Spaß."

'Verboten.' Daron wich dem Schwall schwarzen Blutes aus, als der Schatten erneut angriff, vollkommen ignorant der Tatsache, dass ihm etwas fehlte. Er stolperte über eine Furche zwischen zwei Steinen und landete unsanft auf dem Boden. Ohne zu zögern setzte der Schatten nach. Daron riss das Schwert hoch, während er eine Barriere an Magie aufrichtete. Er war einen Wimpernschlag zu langsam, die Reißzähne streiften seinen zum Schutz empor gerissenen Arm und hinterließen eine Spur an ätzendem Feuer, ehe der Schatten weg geschleudert wurde.

Er hörte Sariel fauchen, und es klang verdammt nach Schmerz.

"Wenn es nicht gegen den Kreis geht, nutz' deine Magie! Nutz' so viel davon, wie du willst!", brüllte Daron und sprang auf die Beine, aber konnte sich nicht umsehen, auch wenn er nichts lieber als das getan hätte. Er konnte nur Sariels Schild mit seinem gleichzeitig verstärken, auch wenn es schwer war, ohne ihn zu sehen.

Wütend attackierte er seinen Schatten, rechts, links, Kopf, Feuerball und trieb ihn ein Stück zurück. Dann schoss er alles, was er noch an Magie entbehren konnte, in einer Attacke ab, setzte nach. Sein Schwert trennte ein weiteres Glied ab, dann flog der Kopf. Unbarmherzig setzte Daron nach, während der Schwanz nach ihm peitschte. Der Boden war glitschig von brennendem Blut.

Hinter ihm loderte brüllendes Feuer auf und erstickte das beginnende Kreischen eines Schattens. Daron führte einen letzten Streich, der den Schatten endgültig zu Boden schickte, und fuhr herum.

Über ihm schwebte der Dämon, die gewaltigen Schwingen ausgebreitet, beleuchtet von tosendem Höllenfeuer, das einen der beiden verbleibenden Schatten verschlang. Es schoss aus seinen klauenbewehrten Händen, hob die gebleckten Fangzähne hervor, spielte über die geschwungenen Hörner. Schwarzes Blut bedeckte ihn wie Pesthauch, darunter leuchtete wütend und blutrot seine Zeichnung.

Daron starrte gebannt. Dämon. Wild, ungezähmt, wütend.

Aus den Augenwinkeln sah er eine flüchtige Bewegung, als würde die Nacht sich zurückziehen. Der letzte Schatten floh. Daron setzte ihm nach.

"Nicht!", fauchte Sariel.

"Ich werde ihn nicht entkommen lassen, wenn ich es verhindern kann!"

Das Feuer flackerte weiter, doch das Tosen verstummte. Geschmeidig landete der Dämon zwischen Daron und dem Schatten. Flammen umspielten seine Hände. "Aber genau das ist der Plan."

"Was? Bist du verrückt?" Verärgert wollte Daron an ihm vorbei, auch wenn der Schatten bereits nicht mehr zu sehen war.

Sariel stellte sich ihm in den Weg. "Nein, aber du vielleicht", grollte er.

Reglos blieb Daron stehen und starrte ihn an. "Was soll das? Willst du mir Feuerbälle um die Ohren schlagen, wenn ich ihm folge?"

Wütend starrte der Dämon zurück. Dann wurden seine Augen schmal. "Würdest du es mir denn gestatten?", schnurrte er.

Für einen Wimpernschlag verspürte Daron Angst, sein Magen zog sich nervös zusammen. Seine Magie war so gut wie aufgebraucht, es war kaum noch genug für den Schild. Er hatte nur das Schwert, sonst nichts. Doch dann sah er es. Sah es so deutlich, als hätte sich der Dämon hingesetzt und es ihm lang und ausführlich erklärt. Sariel wollte Vertrauen. Wollte wissen, ob er ihm überhaupt vertraute oder ob er sich nur sicher fühlte, weil der Kreis ihn schützte.

"Die Göttin steh mir bei!", murmelte er und erweiterte mit einer ungeduldigen Geste ihre Schutzschilde, um das Schattenblut weitgehend von der Haut zurückzudrängen, dann löste er sie auf. Sein Feenlicht erlosch; es war nicht mehr nötig, und er wollte sich nur ungern wegen solcher Kleinigkeiten bis zur Erschöpfung treiben, wenn die Magie später vielleicht noch von Nöten war. Sein linker Arm schmerzte. "Du hast eine Art, Fragen zu stellen. Sariel, ich wäre natürlich nicht wirklich erfreut, wenn mir deine Magie plötzlich um die Ohren peitscht. - Wie sage ich das, ohne dass die Runen dich etwas tun lassen, das wir beide bereuen... Du hast meine bedingungslose Erlaubnis, deine Magie einzusetzen, wie immer du es für richtig hältst. Für und gegen jeden. Wann immer du willst, wann immer es nötig ist."

Sariel hob eine Hand, die Handfläche nach oben gewandt. Die Flammen umtanzten sie, als wären sie lebendig, als würden sie die Finger liebkosen. Daron spürte die Hitze, die von ihnen ausging. Dann lösten sie sich und schwebten als kleiner Feuerball nach oben, um Licht zu spenden. Sariel streckte die Hand aus, legte sie sacht an Darons Wangen, dann lehnte er sich vor und küsste ihn, kurz und rau. "Der Schatten ist verletzt, er verliert Blut. Er wird uns zu dem Nest führen, wenn wir morgen der Spur folgen. Wenn du aber jetzt über ihn stolperst, fast ohne Magie lass uns das nicht ausprobieren. Du bist ebenfalls verletzt. Und nackt. Für einen Mensch nicht die beste Voraussetzung, durch einen nächtlichen Wald zu stolpern."

"Du auch", brummelte Daron und sah auf einen langen Schnitt in Sariels Seite; aber er musste ihm recht geben. In allen Punkten.

"Ich bin kein Mensch." Sariel lachte leise. "Wasch das Blut ab, ich kümmere mich derweil um die Kadaver. Dann helfe ich dir mit der Wunde."

"Hm." Grummelnd fügte sich Daron in sein Schicksal. Aber ob Mensch oder nicht, auch Sariel musste versorgt werden. Der lange Riss sah nicht gut aus.

Das Wasser war genauso eisig wie am Tag, wenn nicht noch kälter, weil die Nacht kühler war. Aber es fühlte sich gut an auf seiner brennenden Haut. Kurzerhand tauchte er auch sein Schwert unter; die Runen auf der Klinge schützten es vor Rost.

Als er sauber war, hatte Sariel die zwei Kadaver zu dem bereits verbrannten gezerrt und sie in magisches Feuer gehüllt. Es hatte Vorteile, stellte Daron fest. Es stank nicht nach verbranntem Fleisch. Der Gedanke erinnerte ihn an seinen Hasen, und fluchend eilte er zurück zu ihrem Unterschlupf, nicht ohne auf dem kurzen Weg seinen Stab aufzuheben. Er hatte Glück. Auch wenn es sich länger angefühlt hatte, war nicht genug Zeit vergangen, dass er angebrannt war. Er wendete ihn, dann suchte er Verbandsmaterial und Wundheilmittel aus seinem Rucksack heraus.

Während er die Wunde noch einmal reinigte, sah er Sariel im Flammenschein zu dem kleinen Becken gehen und kurzerhand untertauchen. Nur wenig später kletterte er wieder raus. Feuer hüllte ihn für einen Moment ein, und als er zu Daron in den Unterstand kam, war er bereits wieder trocken. Fasziniert beobachtete Daron die Verwandlung von Dämon in Mann, als sich Flügel und Hörner wieder zurückbildeten und Klauen zu Händen wurden. "Du musst das nicht machen, ich hoffe, das weißt du."

Sariel lächelte. "Ja, ich weiß. Aber du bist so empfindlich. Ich will dich nicht aus Versehen verletzen."

"Empfindlich!" Daron wusste nicht recht, ob er empört oder amüsiert sein sollte. Empfindlich war er noch nie genannt worden.

"Alle Menschen sind empfindlich", antwortete Sariel ungerührt und nahm ihm das Tuch aus der Hand, um den Wundrand zu säubern. Dann legte er es beiseite, streute großzügig von dem Wundheilmittel darauf und verband ihn.

Daron hatte nicht vor, es ihm zu sagen, aber er genoss die Fürsorge und die sicheren Berührungen. Als Sariel die Dose schließen wollte, legte Daron eine Hand über die schlanken Finger. "Noch nicht. Jetzt bist du dran."

Sariel machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ist nicht nötig, Dämonen heilen schnell."

Daron sah auf die klaffende Wunde über den Rippen, aus der noch immer Blut tröpfelte, und fragte sich im Gegenteil, ob er nicht eher nähen sollte. "Verzeih, dass ich anderer Meinung bin. Ich finde, das gehört versorgt."

Sariel rollte mit den Augen. "Daron, das ist verschwendet. Morgen hat es aufgehört, und..."

"Du setzt dich jetzt verdammt noch mal dort hin und lässt dir helfen!", unterbrach Daron ihn grollend und deutete auf den Platz zu seiner Rechten, so dass er gut an ihn heranreichen konnte. Er hatte keine Lust auf Diskussionen, wenn es um die Gesundheit des anderen Mannes ging. Er wollte ihn so gut versorgt wie möglich wissen, er wollte...

Abrupt stand Sariel aus der Hocke auf, machte einen Schritt auf seine andere Seite und setzte sich.

Daron schloss die Augen und atmete einmal tief durch, um nicht frustriert gegen den Boden zu schlagen. Sariel tat genau das, was er gesagt hatte, aber nicht, weil er es gesagt hatte, sondern weil er gehorchen musste.

"Das klären wir gleich", grummelte er. "Eins nach dem anderen. Ich will das wirklich verbinden, Sariel, aber selbstverständlich hast du die Erlaubnis, mir diesen Wunsch zu verweigern."

"Das müssen wir wirklich klären, denn ich glaube, in diesem Leben lernst du nicht mehr, deine Worte sorgfältig zu wählen", gab Sariel bissig zurück, um nach einer kleinen Pause anzufügen: "Aber wenn du deine Vorräte unbedingt nutzlos verschwenden willst, bitte schön. Tob' dich aus."

Von einem Moment zum nächsten entspannte sich Daron; es überraschte ihn, wie besorgt er war. Sorgfältig reinigte er die Wunde, die nicht im geringsten so aussah, als wollte sie bis zum Morgen wieder verheilt sein, auch wenn sie überraschend wenig blutete, dann streute er großzügig von dem Heilpulver darüber. Sorgfältig deckte er das Ganze dann mit sauberem Tuch ab und umwickelte Sariels Oberkörper mit weiteren Binden. Ein wenig schade war es schon, ihn unter den Stoffbahnen verschwinden zu sehen.

"Fühlst du dich jetzt besser?", brummelte Sariel, als er das lose Ende sorgfältig wegsteckte.

"Ja." Daron lachte und drückte ihm einen Kuss auf die Schulter. Irgendwie war es seit dem Nachmittag so verdammt einfach geworden, Sariel anzufassen. Er erinnerte sich daran, wie Sariels Stimme geklungen hatte, als er ihm gesagt hatte, dass er ihm wertvoll war. Sein Arm brannte, er hatte Hunger, er war erschöpft, seine Magie war fast aufgebraucht, aber dennoch fühlte er sich gut.

"Dann mag es das wert sein." Sariel seufzte, aber in seinen Augenwinkeln konnte Daron ein Lächeln sehen.

Der Dämon stand auf und kehrte zu seinem Lager und seinem Hasen zurück, während Daron sich seiner Sternmiere und dem durchgegarten Teil seines eigenen Hasen widmete. Es war nicht genug, so dass er anschließend noch auf das Trockenfleisch zurückgriff. Danach fühlte er sich sogar ausgeruht genug, um zumindest einen Schutzwall vor den Eingang zu ihrem Lager zu ziehen. Vermutlich war es mit einem ausgewachsenen Dämon, der seine Magie wieder nutzen konnte, nicht wirklich erforderlich, aber Daron wusste, dass er besser schlief, wenn er seinem eigenen Schutz vertrauen konnte.

Dann setzte er sich zurück auf seine Decke und streckte sich aus.

Sariel sah von der anderen Seite des Feuers zu ihm hin.

Einen langen Moment erwiderten sie einfach nur den Blick des jeweils anderen, dann mussten sie beide grinsen. Kurz schätzte Daron den Platz auf der jeweiligen Seite ab, dann deutete er mit einer kleinen Kopfbewegung und einem Grinsen neben sich.

Mit einem dunklen Glucksen raffte Sariel seine Decke zusammen, kam zu ihm und ließ sie achtlos fallen, ehe er sich zu ihm legte. Daron nahm ihn in die Arme und zog ihn eng an sich, bevor er ihn küsste. Mit geschlossenen Augen erwiderte Sariel den Kuss, während er ein Bein zwischen Darons schob. Es war herrlich, den Dämon so nah zu spüren, zu fühlen, dass es ihm gut ging, zu wissen, dass sie das gleiche empfanden..

Sie küssten sich eine ganze Weile, ehe sie wieder voneinander lassen konnten. Und eigentlich wollte Daron nicht viel mehr, als das Ganze noch ein paar Mal zu wiederholen und dann gemütlich mit diesem Mann in seinen Armen in Schlaf zu versinken. Aber Sariel sah nicht wirklich müde aus, und er selbst schob die Runensache schon viel zu lange vor sich her. Sie hatten drei von vier Schatten vernichtet, die Schatten waren der Punkt gewesen, den er sich selbst gesetzt hatte. Den hatten sie erreicht, und er wollte Sariel nicht besitzen. Er hatte es nie gewollt, aber nun wollte er es immer weniger.

Er sah in Sariels goldene Augen empor; der Dämon lag mittlerweile auf ihm, und Daron fand das mehr als angenehm. Er mochte es, das Gewicht auf sich zu spüren, und es war hervorragend geeignet, um die Hände über seinen Rücken streichen zu lassen, auch wenn jetzt der Verband im Weg war. Außerdem konnte man ganz wunderbar mit dem schwarzen Haar spielen, etwas, das auch Sariel sehr zu genießen schien, denn er schnurrte verhalten. Sariels Finger hatten sich in Darons Haar vergraben, die Fingerkuppen massierten schon seit einer ganzen Weile seine Kopfhaut, und wenn Daron gekonnt hätte, hätte er ebenfalls geschnurrt.

Trotzdem wollte er es nicht mehr weiter hinaus schieben.

"Wegen der Runen", begann er schließlich ein wenig ungeschickt, was aber immerhin nicht das Schnurren verstummen ließ, "Sariel, ich gebe dich..."

Der Dämon bewegte sich derart schnell, dass Daron nur eine verschwommene Bewegung sah, dann presste sich eine Hand auf seinen Mund. Trotz der halb geschlossenen Augen sah Sariel erschrocken aus. Daron küsste die Handinnenfläche, aber wusste nicht, was ihn so erschreckt hatte. Geduldig wartete er ab, bis der Dämon die Hand wieder wegnahm.

"Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich nicht wegschicken willst", murmelte Sariel nach einer Weile. Unwillkürlich schloss Daron die Arme fester um den anderen Mann, was diesen zum Lachen brachte. "Gut, dann hätten wir auch das geklärt. Aber ich weiß nicht..." Er verstummte.

"Natürlich will ich das nicht", antwortete Daron entschieden, dann grinste er. "Ich habe noch lange nicht alles gelernt, was es von diesem einen Dämon zu wissen gibt. Und ich will den wirklich durch und durch kennenlernen. Die Sache ist nur die, ich will dich nicht mehr gegen deinen Willen binden. Ich will dich nicht fesseln. Ich will dich nicht ständig zu irgendwelchen Dingen verdonnern, weil ich, wie du selbst gesagt hast, einfach nicht andauernd auf meine Worte achten kann. Das bin ich nicht."

Sariel legte seine Stirn sanft an Darons. "Hör auf, so perfekt zu sein", brummelte er, "sonst verfalle ich dir vollkommen." Die Worte ließen Darons Herz ganz unvernünftig glücklich hüpfen, doch bevor er etwas erwidern konnte, fuhr Sariel fort: "Ich will bei dir sein. So sehr, dass ich diesen Runenkreis ertragen kann. So sehr, dass ich mit deinen unvorsichtigen Formulierungen leben kann. Aber es ist nicht nur das. Wenn du mich frei gibst..." Er schloss die Augen, suchte nach Worten.

" dann kann ich dich kaum mehr vor einer Beschwörung schützen", beendete Daron seinen Satz und hob das Kinn, um kurz seine Lippen mit den eigenen zu berühren. "Das war mein Gedanke. Das wollte ich dir sagen. Dass ich dich freigebe, wenn du es wirklich, wirklich willst. Aber dass ich ansonsten versuche, die Runen, die dich binden, soweit aufzulösen, dass du dein eigener Gebieter sein kannst, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben."

"Du hörst nie auf mich, oder?" Sariel ließ den Kopf neben Darons sinken, und für einen Moment dachte Daron, dass er ihn verletzt hatte oder falsch verstanden oder... dann fühlte er das dunkle Glucksen, noch bevor er es hören konnte. "Ich hab dir doch gesagt, du sollst aufhören, so perfekt zu sein."

Daron lachte leise. "Ärgerlich, dass ich nicht auch an einen Runenkreis gebunden bin, was? So muss ich gar nicht auf dich hören."

Sariels Lippen berührten sein Ohr, einen deutlich zu spürenden Atemzug später nippte der Dämon an dem Ohrläppchen, dann fuhr er langsam mit der Zungenspitze dessen Rand entlang. "Da muss ich wohl andere Wege finden, dich willenlos zu machen", brummelte er gemütlich. "Dämonische Wege. Wege der tiefsten Sünde."

Daron erschauderte wohlig und konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. "Da wirst du dich vermutlich nicht allzu sehr anstrengen müssen. Der Anfang ist vielversprechend. Aber nicht mehr heute Abend. Das einzige, was mich heute noch willenlos macht, ist der Schlaf."

"Ich hoffe, morgen wird deine Magie nicht so sehr beansprucht, dass du nur noch zu Boden sinkst und deine... andere Magie nicht mehr wirken kannst." Grinsend küsste Sariel eine federleichte Spur über den Kiefer zu Darons Mundwinkel hin, wo er einen Moment verweilte, dann rutschte er von ihm. Er bettete seinen Kopf auf Darons unverletzter Schulter und legte einen Arm um ihn.

"Da müssen wir abwarten, was das Nest der Schatten für uns bereithält." Daron ruckelte sich ein wenig zurecht und schob den Arm, auf dem Sariel lag, um den Dämon. Es war schön, ihn so halten zu dürfen, und er streichelte ihn leicht mit den Fingerspitzen. "Das Auflösen der Runen wird Zeit brauchen, aber es ist mehr Handwerk als Macht, hoffe ich. Und fingerfertig bin ich durchaus."

Sariel gluckste. "Das finde ich auch."

Mit einem amüsierten Schnauben hob Daron den Kopf und drückte einen Kuss auf den schwarzen Schopf. Das Feuer war fast vollkommen herunter gebrannt, nur noch ein schwacher roter Schein glomm in den Kohlen. Die Luft war zu warm, um sich zuzudecken, erst recht mit dem warmen Körper an seinem. Durch die Bäume konnte Daron Sterne erkennen. Der Dämon in seinen Armen begann leise zu schnurren, und mit diesem Laut driftete Daron schließlich in den Schlaf.


Pandorah