Runenbande

13.

Daron erwachte von den Sonnenstrahlen und einer Fliege in seinem Gesicht. Er wedelte zumindest die Fliege beiseite, ehe er schläfrig blinzelte. Er war allein, aber auch ohne den Dämon in seinen Armen war es heiß. Mit einem verhaltenen Gähnen setzte er sich auf und streckte sich. Sein linker Arm beschwerte sich mit mildem Stechen, aber es war auszuhalten. Gut. Die Wunde schien sich nicht zu entzünden.

Aus noch halb geschlossenen Augen sah er sich am Rastplatz um. Der Grund für den unerwarteten Sonnenschein in ihrem Lager war die Lücke in den Baumwipfeln, die durch den quer geschlagenen Feuerzauber entstanden war. Der gefallene Baum hatte eine breite Schneise hinterlassen. Die große schwarzverbrannte Stelle neben dem Wasserbecken zeugte ebenfalls von ihrem Kampf, auch wenn die Kadaver der Schatten kaum noch mehr als ein geschmolzener Haufen waren. Einer der Felsen jenseits davon wies tiefe Klauenspuren auf, und Daron fragte sich, ob die Schatten oder der Dämon sie geschlagen hatte.

Ein leichter Geruch nach Melisse lenkte ihn ab und veranlasste ihn, den Kessel zu inspizieren. Sariel hatte ganz offensichtlich bereits Tee gemacht. Er musste lächeln. Es hatte etwas Warmes, wie der Dämon sich kümmerte und ihm zeigte, dass sie mehr verband als ein Runenkreis.

"Und den lösen wir, sobald es irgendwie möglich ist", murmelte er. Er zog Hemd und Hose über und nahm einen Becher Tee, ehe er sich mit seinem Stab auf die andere Seite des Unterschlupfs in den Schatten setzte, um den Kristall aufzuladen. Langsam begann er, seinen Dämon zu vermissen. Er wollte der Spur des Schattens folgen und nicht den Morgen vertrödeln. Hoffentlich hatte Sariel nicht beschlossen, das Schattennest allein ausfindig zu machen.

"Wehe dir", brummelte er und blickte zu der Lücke in den Baumwipfeln hin, durch die man nun den gegenüberliegenden Berghang sehen konnte.

"Wehe mir was?" Mit einem Satz landete Sariel neben ihm und ließ Daron zusammenzucken. Gut sah der Dämon aus, er hatte sich der Bandagen entledigt, und ein schneller Blick auf seine Seite zeigte Daron, dass die Wunde fast geschlossen war. Außerdem hielt er eine tote Auerhenne in der einen und ein Bündel Moorwurzeln in der anderen Hand.

"Wehe dir, wenn du die Schatten bereits allein ausgeräuchert hast." Daron grinste und wies auf die Beute des Dämons. "Essen. Tee. Wer ist hier perfekt? Ich wusste wirklich nicht, was mich erwartet, als ich dich in deinem Kreis gefunden habe. Sonst hätte ich bestimmt schon vorher mal versucht, mich mit Dämonen gut zu stellen."

Mit einem Auflachen legte Sariel Henne und Wurzeln im Schatten hinter der Feuerstelle ab. "Es muss ja Gründe geben, warum wir immer wieder gerne beschworen werden. Dem Schatten geht es gut, keine Sorge. Ich bin ihm nicht gefolgt. Andererseits ist gut wohl das falsche Wort. Die Spur ist sehr deutlich."

"Wunderbar", sagte Daron zufrieden. "Hast du schon gegessen?"

Sariel grinste breit. "Waldhase. Hier gibt es viele davon. Aber du noch nicht."

Daron fragte sich, ob der Dämon ihn beobachtet hatte; er spürte ein warmes Prickeln bei dem Gedanken, aber fragte nicht nach. "Ich esse einen Streifen Trockenfleisch auf dem Weg, das reicht. Wir sollten das Nest so schnell wie möglich finden. Unser Gepäck lassen wir am besten im Lager. Der Ort ist perfekt, um noch eine weitere Nacht hier zu verbringen." Und im Zweifelsfall auch ein paar mehr, je nachdem, wie lange er brauchte, um die Runen zu brechen, die Sariel umgaben.

Die Spur war so leicht zu verfolgen, wie Sariel es angekündigt hatte. Der Schatten hatte viel Blut verloren, die verdorrten Pflanzen waren ebenso wenig zu übersehen wie die schwarzen Tropfen und Lachen. Wenn es nicht gerade ein Schatten gewesen wäre, hätte Daron daran gezweifelt, dass das Wesen es bis zu seinem Nest geschafft hatte.

Ihr Weg führte stetig über den Waldboden bergab, auf dem alte Nadeln Polster bildeten, die hier und dort von Gräsern durchdrungen und von Bodenkriechern überwuchert wurden, wo genügend Sonne bis auf den Grund durchkam. Dicke Schichten an Moos überzogen morsche, gestürzte Stämme und Felsen. Als der Abhang steiler wurde, verrieten die Spuren, dass der Schatten sich nicht mehr hatte halten können. Er war ins Taumeln geraten und bis ins Tal gestürzt. Sein Blut bildete eine dunkel glänzende Lache in einer Vertiefung des Felsens, von der deutliche Klauenabdrücke wegführten. In der Senke wuchs nicht viel auf dem steinigen Geröllboden, lediglich einige verkrüppelte Büsche mit spärlichen graugrünen Blättern und ein paar Büschel Gras, die wirkten, als habe die Sonne sie ausgebleicht.

Die Spur verschwand in einer Klamm, die wie eine Wunde die steile Felswand auf der gegenüberliegenden Seite zerteilte. Vorsichtig näherten sie sich ihr und spähten hinein. Die Wände lagen derart nah beieinander, dass Daron mit ausgestreckten Armen fast beide gleichzeitig berühren konnte; eine nur wenige Schritte entfernte Biegung verbarg, was dahinter kam.

"Weit kann er nicht mehr gekommen sein", murmelte Sariel leise. "Das hält nicht mal ein Schatten durch. Der kann kaum noch einen Tropfen Blut in sich gehabt haben nach dem Weg."

"Die leben ohne Kopf weiter, bestimmt schaffen sie es auch als verdorrte Mumie", gab Daron zurück und rief mit einem Gedanken ein schwaches Schild für sie herbei. Es war einfacher und schneller, einen bestehenden Zauber zu verstärken, als ihn stark neu zu erschaffen, wenn er benötigt wurde.

Lautlos betraten sie die Schlucht. Raue Felswände strebten steil zum Himmel empor, am oberen Rand neigten sich Bäume darüber und raubten noch mehr Licht. Der Boden war von losem Schotter und Gesteinsbrocken bedeckt, es war trocken, nicht einmal Moos oder Gras wuchsen hier.

Daron hielt seinen Stab bereit und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen. Die dunklen Flecken waren selten geworden. Als sie um einen Felsvorsprung bogen, sahen sie den Grund. Reglos lag der schwarze Körper des Schattens vor ihnen, die dürren Gliedmaße seltsam verdreht, die Klauen bohrten sich in den Schotter, als habe er versucht, Kraft aus der Erde selbst zu saugen.

Sariel hielt Daron mit einer Hand auf dem Arm auf. "Lass mich schauen, ob er noch lebt."

Daron runzelte die Stirn. "Mein Stab ist länger als dein Arm. Und wenn er den zerfetzen will, beißt er sich die Zähne aus."

Sariel gluckste leise. "Ernsthaft, Daron? Ich bin der Dämon von uns beiden. Und er sieht mir sehr tot aus."

Er tauchte unter Darons Arm hinweg, und Daron biss sich auf die Lippe, um sich ein 'Halt, verdammt!' zu verkneifen. Noch ein Grund, die Runen aufzulösen. Im Kampf konnte der falsche Befehl ob als Befehl gemeint oder nicht gefährlich oder sogar tödlich sein.

Der Schatten rührte sich auch nicht, als Sariel ihn anstieß. Er war starr wie der Fels selbst.

"Wenn wir zurückkommen, brenne ich ihn besser nieder", murmelte der Dämon. "Sicher ist sicher."

Daron nickte. Nicht, dass er tatsächlich Leben aus der Erde zog und mit der Dunkelheit neu erwachte. Schatten sollten so etwas nicht tun, aber bei schwarzer Brut konnte man nie sicher sein.

Sie folgten der Schlucht weiter. Die Wände rückten zusammen, bis sie fast Darons Schulter berührten. Es gefiel ihm nicht, dass er kaum Raum hatte, sich zu bewegen und den Stab zu benutzen. Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, doch die wenigen Strahlen, die es bis nach unten hätten schaffen können, wurden von den ausladenden Ästen der Bäume weit über ihnen abgefangen. Am Grund der Klamm war es düster und kühl, und obwohl der Fels feucht war, wuchsen weder Moose noch Flechten, als habe allein die Anwesenheit der Schatten alles Leben getötet. Schließlich berührten sich die Wände weit über ihren Köpfen und bildeten den dunklen Eingang in die Unterwelt.

"Vorsicht", flüsterte Sariel von hinten. "Ich höre etwas."

Daron blieb stehen, hielt den Atem an und lauschte. Er hörte nichts. Um sie herrschte stilles Zwielicht, vor ihnen war schwarze, kalte Stille. Seine Nackenhaare richteten sich auf, als er einen eisigen Lufthauch spürte. Die Schwärze selbst zog sich zusammen und schoss auf sie zu.

"Runter!", brüllte Sariel.

Daron ließ sich in die Hocke fallen und zog den Schutzschild mit voller Kraft vor ihnen zusammen. Der Aufprall der Dunkelheit erschütterte ihn, er konnte den Schild brechen spüren und fluchte lauthals. Höllenfeuer schoss hinter ihm hervor. Es wurde verschluckt, ein kreischender Schrei gellte durch die Klamm, der Druck auf das Schild nahm ab. Dann sammelte sich die Schwärze erneut.

Was immer es war, es war groß und verdammt stark. Er riss den Beutel mit den Runensteinen vom Gürtel, schleuderte ihn und entzündete alle Steine im selben Moment, als sie auf Widerstand trafen. Blitze flammten auf, erleuchteten die Dunkelheit mit gleißender Helligkeit und zeichneten harte Konturen. Für einen Wimpernschlag konnte Daron die Gestalt eines gewaltigen Schattens ausmachen, den größten, den er je gesehen hatte. Sein Herz sprang in seine Kehle, als er die geballte Magie seines Stabes entfesselte. Sie verwob sich mit dem Flammenstrahl des Dämons zu einem grüngoldenen Feuerball. Sengende Hitze breitete sich aus, während sich der Ball zusammenzog und gleißend hell wurde.

"Verdammte Höllenscheiße! Was ist das?"

"Schild hoch!" Mit einem Sprung setzte Sariel über ihn hinweg, drehte sich um und warf Daron zu Boden, die Schwingen schlossen sich schützend um ihn. Noch während Daron alle Kraft in den Schild steckte, explodierte die Welt um sie. Ein ohrenbetäubendes Kreischen durchdrang für einen Herzschlag das Dröhnen, ehe es verstummte. Gesteinsbrocken prasselten auf sie herab. Daron konnte jeden Aufprall auf dem Schild spüren. Mit angehaltenem Atem jagte er es hoch hinauf, um zu verhindern, dass sie lebendig begraben wurden und betete, dass seine Kraft ausreichte.

Schließlich wurde es ruhig. Daron spürte Sariels Gewicht auf sich, merkte, dass er die Arme um ihn geschlungen hatte, spürte die Arme des Dämons um seinen eigenen Körper.

"Alles in Ordnung?", fragte er heiser und blinzelte. Über ihn spannten sich die Dämonenflügel.

"Noch. Und bei dir?"

"Ganz hervorragend." Vorausgesetzt, sie kamen wieder lebend hier raus. Daron wusste nicht so recht, ob er sehen wollte, was geschehen war. "Kannst du die Flügel wieder verschwinden lassen? Es ist recht dunkel auf die Art und Weise. Und ich habe gerade ein wenig Angst vor der Dunkelheit, habe ich beschlossen."

Sariel gluckste leise. "Ich beschütze dich, Kampfmagier." Für einen Moment schien er zu lauschen, dann verschwanden seine Schwingen.

Graues Zwielicht umgab sie. Daron starrte dorthin, wo der Himmel gewesen war. Es gab keine Konturen, keine Felswände, nur gleichmäßiges Grau. Er brauchte einen Moment, ehe er begriff, dass es Staub war. Staub, der den Schild nicht durchdringen konnte, den Daron noch immer errichtet hielt, sondern sich darauf abgelegt hatte. Von den Seiten konnte Daron den Druck spüren, der darauf lastete, doch die federleichte Berührung des Staubes war kaum wahrzunehmen.

Sariel setzte sich auf und sah sich misstrauisch in der mannshohen Kuppel um, die sie umgab. "Was ist das?"

"Mein Schild." Daron prüfte, ob alle seine Glieder noch vorhanden waren, ehe er sich erhob und behutsam die Hand nach der sandigen Decke ausstreckte. Die Schicht war dick, aber nicht so dick, dass er sie nicht hätte durchdringen können. Seine Finger hinterließen helle Streifen aus Licht. Licht, als würde die Sonne direkt bis in die Tiefe der Schlucht scheinen.

"Was ist passiert?" Auch Sariel stand auf und starrte aus schmalen Augen nach oben.

"Ich habe keine Ahnung", murmelte Daron und konzentrierte sich auf seinen Schild. Behutsam formte er ihn um, so dass die Mitte der Kuppel eine Ausbuchtung bekam, eine Blase auf der Blase. Klare Formen waren zusammen mit dem körpernahen Schutz am einfachsten Wände, Halbkugeln oder Kugeln. Aber theoretisch konnte die Magie jede Form annehmen, einzig begrenzt von der Vorstellungskraft des Nutzers. Der Staub glitt beiseite. Ein breiter Sonnenstrahl blendete Daron und ließ ihn blinzeln. Mit einem Gedanken dehnte er die Blase aus, Staub und kleine Steine rieselten an den Seiten hinab, bis die Decke klar war. Daron löste die Decke auf, so dass sie nur noch von einer Wand umgeben waren.

Und starrte in den blauen Himmel.

Sie standen am tiefsten Punkt eines Kraters, umgeben von trichterförmig abfallenden Felswänden und Schutt, und nur sein Schild verhinderte, dass sie unter zurückrutschendem Schotter begraben wurden.

"Was zur Hölle..?", brach es aus ihm heraus.

"Nein, die nicht, ich bin mir sicher." Sariels Stimme klang trotz der leichten Worte in etwa so, wie Daron sich fühlte. Eine kleine Gerölllawine löste sich, und er ächzte, als sie gegen seinen Schild brandete. Es machte ihm klar, dass sie nicht außer Gefahr waren.

"Wir müssen weg. Und zwar bevor ich keine Magie mehr habe." Geübt befestigte er den leeren Stab in der Halterung auf seinem Rücken. Er freute sich nicht darauf, auf diesem trügerischen Untergrund nach oben zu klettern. Er war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt möglich war.

"Warte." Prüfend musterte Sariel den Durchmesser des Kraters an seinem tiefsten Punkt, ehe er die Schwingen entfaltete und probeweise einmal schlug. Die Spitzen streiften Fels. "Der Platz zum Manövrieren ist knapp. Verdammt knapp. Aber es sollte klappen. Besser als die Klamm vorher. Ich muss nur ein wenig höher starten. Streck die Arme aus. Dann kann ich dich besser greifen."

"Habe ich schon mal gesagt, dass es verdammt praktisch ist, einen Dämon als Freund zu haben?" Erleichtert grinste Daron. Dass die Flügel einmal ihm nützlich sein würden, hätte er nicht gedacht. "Ab mit dir. Ich stabilisiere, so gut ich kann."

Sariel nickte knapp, dann sprang er mit einem Satz aus dem vom Schild gebildeten Loch. Daron ächzte, als die Felsmassen sich bewegten. Das ging nicht gut. Das ging gar nicht gut. Mit einem weiteren Sprung war der Dämon in der Luft und der Druck von seinem Abstoß brachte alles ins Wanken.

"Scheiße..." Daron stemmte sich mit allem, was er hatte, gegen den Druck des Berges und reckte die Arme empor. Einen Atemzug durchhalten. Er fühlte sich, als würde er bei lebendigem Leib zerquetscht. Noch einen Atemzug. Der Raum, der ihm blieb wurde kleiner, Gestein rutschte nach.

Sariel schoss heran, die kräftigen Hände umfingen seine Handgelenke, dann wurde er von den Beinen gerissen; seine Schultern protestierten schmerzhaft.

Ohrenbetäubendes Donnergrollen ertönte, als der Schild nachgab und Geröll nachrutschte. Sariel zog Daron weiter mit mächtigen Flügelschlägen empor, die den Staub um sie aufwirbeln ließen. Dann ließen sie den Krater unter sich zurück, und Daron konnte nur ungläubig starren.

Es gab keine Schlucht mehr. In der Flanke des Berges klaffte eine tiefe Wunde, ein Krater von einem Ausmaß, der ihm erst jetzt bewusst wurde. Den toten Schatten würde man nicht mehr entzünden müssen, er war weg. Ebenso verschwunden war die Stelle, wo er die Lache an Blut hinterlassen hatte. Am Rande des Kraters waren Bäume wie Streichhölzer umgeknickt, Felsbrocken von der Größe einer Kutsche und mehr waren weggeschleudert worden und hatten ihrerseits kleine Krater hinterlassen und Schneisen geschlagen.

"Was zur Hölle ist passiert?", fragte er fassungslos, ohne mit einer Antwort zu rechnen.

Sariel trug ihn in einer weiten Kurve über die Narbe im Grund hinweg, um einen besseren Überblick zu bekommen, dann schlug er die Richtung zu ihrem Lager ein. "Die Urmutter aller Schatten. Und die Urmutter aller magischen Explosionen."

"Schatten haben keine Angriffsmagie." Daron war sich sehr sicher. Sowohl, dass es ein Schatten gewesen war ein verdammt großer, aber dennoch nur ein Schatten der sie attackiert hatte, wie auch dass dieser keine Angriffsmagie hatte. Denn das hätte er schon mehrfach am eigenen Leib zu spüren bekommen. "Warst du das?"

"Nein. Wenn ich diese Magie hätte, müssten die Schwarzmagier schon ein wenig mehr als nur einen einfachen Runenkreis aufwenden, um mich zu fesseln." Mühelos glitt Sariel den Abhang empor, den sie am Vormittag hinabgestiegen waren.

Die Baumwipfel der Tannen und Fichten befanden sich derart dicht unter Darons Füßen, dass er sie fast hätte berühren können. Und trotzdem waren sie verdammt hoch über dem Boden. Wenn der Dämon ihn fallen ließ, würde das schmerzhaft werden. Unwillkürlich schloss er die Hände fester um Sariels Gelenke.

Sariel gluckste leise. "Ich lasse nicht los, keine Sorge."

Sie erreichten den Lagerplatz in wesentlich kürzerer Zeit als zu Fuß. Die Strecke war im Flug sogar derart kurz, dass Daron überrascht war, als der Dämon zur Landung ansetzte und ihn nur einen Moment später sanft auf den Felsen am Bach niederließ, ehe er selbst landete. Das erste, was Daron feststellte, als er sich zu ihm umdrehte, war, dass Sariel grau von all dem Staub war. Graue Haut, graues Haar, graue Schwingen. Die goldenen Augen leuchteten umso intensiver.

Für einen Moment sahen sie sich an, und ohne, dass Daron wusste, wer den ersten Schritt gemacht hatte, hielt sie einander mit einem Mal im Arm. Tastend glitten seine Hände über den Rücken seines Freundes. Er wollte sicher gehen, dass es ihm gut ging, wollte fühlen, dass er lebte, dass er unverletzt war. Ihre Lippen fanden sich zu einem hungrigen Kuss...

"Du bist staubig." Atemlos lachte Sariel auf.

"Und du schmeckst nach Sand." Daron grinste.

"Ich wusste doch, dass der Platz perfekt für ein Lager ist." Ohne Daron loszulassen, warf Sariel dem Wasserbecken einen kurzen Blick zu, dann schmiegte er jedoch einfach nur die Wange an Darons und festigte seine Umarmung.

Mit geschlossenen Augen hielt Daron ihn, und in diesem Moment war alles andere unwichtig. Nur langsam entspannte er sich, während ihm bewusst wurde, dass sie etwas entkommen waren, das er noch nicht einmal begreifen konnte. Sie lebten, sie waren unverletzt. Und ganz nebenbei waren die Schatten verschwunden. Daron fand, dass sie definitiv eine längere Pause verdient hatten.

"Ich will dich küssen", murmelte er. "Wollen wir dem Eiswasser nicht doch unsere Aufwartung machen? Auch wenn ich gerade kaum die Kraft finden kann, dich loszulassen."

"Dein Plan ist ohne jeden Fehl und Tadel und deine Einschätzung der Situation vollkommen makellos", antwortete Sariel und löste sich gerade soweit von ihm, dass er ihn ansehen konnte. Er hob eine Hand und strich mit den Fingerspitzen über Darons Wange, ehe er sie sanft an seinem Hals hinab gleiten und im Nacken ruhen ließ.

Trotz allem Staub beugte Daron sich vor und nippte behutsam an seinen Lippen. Sariel hob das Gesicht, um ihm entgegen zu kommen, ein weiterer keuscher Kuss folgte, dann mussten sie beide lachen.

"Wasser", sagte der Dämon bestimmt. "Nicht nur, um dich wieder sehen zu können, sondern auch um meine Kehle zu spülen. Ich habe das Gefühl, ich atme den Staub."

Endlich gelang es ihnen, sich voneinander zu lösen. Daron legte Stab und Schwert beiseite, ehe er sich auszog, während Sariel einfach nur aus der Hose schlüpfte. Entsprechend war er auch schneller in dem Becken. Daron folgte ihm nur einen Moment später. Das erste, was er tat, war den Mund auszuspülen und sein Gesicht abzuwaschen. Die Kälte tat gut. Dann zog er sein Hemd heran und spülte es aus, ehe er sich dem Dämon zuwandte.

"Lass mich dir helfen", sagte er mit einem Lächeln, das Sariel erwiderte. Sie wuschen einander mit dem Hemd ab, um dem anderen nah zu sein, ihn berühren und umsorgen zu können und sich zu vergewissern, dass er heil und gesund war. Besonders viel Aufmerksamkeit widmete Daron Sariels Rücken; er strich behutsam den Ansatz der Flügel entlang, die Schultern, die Schwingen. Als er sich überzeugt hatte, dass die Explosion ihn nicht verletzt hatte, schob er die Hände um die Taille seines Dämons und zog ihn an sich. Sariel hatte das Haar nach vorne genommen, um das Wasser auszustreifen, der Nacken lag bloß und verletzlich vor ihm. Daron presste das Gesicht gegen die warme Haut. Der Mann hatte ihn mit seinem Körper schützen wollen. Er hatte ihn schützen wollen und sich damit in Gefahr gebracht. Der Gedanke machte ihm Angst; unwillkürlich ließ er die Umarmung fester werden.

Sacht strichen Sariels Finger über seine Unterarme, dann legten sie sich über seine Hände. "Daron?"

"Mach das nicht noch einmal", murmelte Daron erstickt.

"Was?" Die Daumen streichelten ihn nur eben spürbar.

"Dich vor mich zu werfen."

Die Liebkosungen stockten, Sariels Finger schlossen sich um seine Hände. "Verbiete mir das nicht", sagte er sehr leise.

Daron drückte ihn fest an sich. Er wollte ihm nichts verbieten, aber er war niemals so sehr in Versuchung gewesen, den Runenkreis auszunutzen wie in diesem Moment. Es war ein schreckliches Gefühl, Sariel seinen Willen aufzwingen zu wollen, weil er ihn nicht verletzt sehen wollte.

"Ich verbiete es dir nicht", sagte er endlich, auch wenn er genau das wollte. Er war Kampfmagier. Das bedingte, dass er sich häufig in Gefahr brachte, aber er konnte die Gefahr einschätzen. Meistens. Doch er konnte es nicht, wenn sich Sariel einmischte. "Ich bitte dich darum."

Er spürte, wie die Anspannung aus Sariels Schultern wich, dann verschwanden die Flügel, und Sariel drehte sich in seinen Armen um. Der Dämon sagte nichts, er schob ihm die Arme um den Hals und küsste ihn weich, so unendlich weich, dass es Daron den Atem nahm. Danach standen sie lange einfach nur Arm in Arm und hielten einander, bis es Daron zu kalt wurde. Es war ziemlich ungerecht, dass sein Dämon noch nicht einmal im Ansatz fröstelte, als sie aus dem Becken stiegen.

"Du darfst das Feuer machen und dich ums Essen kümmern", bestimmte Sariel großzügig, "während ich unsere Hosen wasche, um dich vor dem kalten Wasser zu beschützen. Auch wenn deine menschliche Gänsehaut verlockend ist. Und nicht nur die." Er warf einen sehr direkten Blick auf Darons Brust und grinste.

Daron lachte. "Du bist so unendlich gut zu mir."


Pandorah