Runenbande

14.

Bald köchelte ein Eintopf vor sich hin, während der Rest des Auerhuhns, das nicht im Kessel gelandet war, auf Sariel wartete und ihre Kleidung zum Trocknen auf den warmen Steinen ausgebreitet lag. Daron hatte eine der Decken nach draußen geholt und lehnte mit dem Rücken an dem warmen Stein, der eine Wand ihres Unterschlupfs bildete. Eigentlich war es sein Plan gewesen, den Stab aufzuladen und Runensteine herzustellen; es war immer besser, sich sofort um solche Dinge zu kümmern.

Doch noch ehe er beginnen konnte, trat Sariel zu ihm, hockte bei ihm nieder und küsste ihn auf die Schulter. Nur einen Moment später hielt Daron ihn im Arm, wo Sariel nach einem langen, weichen Kuss auch verblieb, den Kopf an Darons Schulter gelegt, eine Hand leicht auf seiner Brust ruhend, den anderen Arm um seine Taille geschlungen. Daron zeichnete mit den Fingerspitzen kleine Kreise auf die weiche Haut von Sariels Hüfte. Es fühlte sich wunderbar an, so zärtlich miteinander sein zu können, und es wurde noch schöner, als Sariel leise zu schnurren begann.

"Dass Dämonen schnurren können, gefällt mir noch immer." Daron küsste den schwarzen Schopf und verharrte für einen Augenblick mit dem Gesicht in Sariels Haaren, um den Duft zu genießen. Er machte ihn glücklich. Alles an Sariel machte ihn glücklich.

Sariels leises Lachen vibrierte regelrecht. "Was für ein Glück. Es würde mir schwer fallen, damit aufzuhören. Es kommt einfach, wenn ich entspannt bin und mich so wohl fühle wie jetzt." Er schwieg einen Moment, dann wurde das Schnurren eine Nuance lauter. "Ich habe es so lange nicht mehr gemacht, dass ich es selbst fast vergessen habe. Jetzt will ich es fast ohne Unterlass."

Die Worte ließen Darons Herz aufgehen und versetzten ihn in einen warmen, wunderbaren Traum. Mit einem Lächeln festigte er seine Umarmung. "Als ich begriffen habe, dass du an mich gebunden bist, habe ich alles und jeden verflucht, der auch nur im mindesten dafür verantwortlich sein könnte, einschließlich der Göttin. Jetzt bin ich froh, dass ausgerechnet ich es war, der über dich gestolpert ist. Und dass ich nicht meinem ersten Impuls gefolgt bin, dir meine geballte Magie entgegen zu schleudern."

"Ich auch. Das war ich schon damals, es hat mich sehr überrascht." Sariel drehte den Kopf gerade so weit, dass er einen Kuss auf Darons Brust drücken konnte. "Du hast mich manches Mal überrascht."

"Du mich auch. Und du tust es immer noch." Daron legte die Hand über Sariels, die auf seiner Brust ruhte, umfing sie und zog sie für einen kleinen Kuss an die Lippen. "Mein bester Freund hat einmal gesagt, dass ein Horizont nie zu weit sein kann, nur zu eng. Und er hat recht gehabt." Sariel in seinen Armen, das Glück, das er deswegen empfand, wären noch vor wenigen Wochen unmöglich gewesen.

"Meinst du, dein bester Freund wird seinen Horizont erweitern und es gelassen sehen, dass du mit einem Dämon das Lager teilst?", fragte Sariel mit einem Grinsen und rieb seine Wange an Darons Schulter.

Daron dachte an T'Chun, der die rote Robe mit Stolz trug. Mit dem er schon mehr als einmal gegen Schwarzmagier gekämpft und sich Dämonen entgegen gestellt hatte. 'Herzlose' nannte er sie, ein bitterer Fluch in seiner Sprache. "Nein. Aber er wird mir zuhören. Und er wird bereit sein, dich kennenzulernen."

Es klang, als würden sie darüber sprechen, Sariel seinen Eltern vorzustellen, damit er die Erlaubnis bekam, bei dessen Eltern um seine Hand anzuhalten, und es ließ Daron grinsen.

Sariel schnaubte. "Hoffentlich folgt auch er nicht seinem ersten Impuls, mir seine geballte Magie entgegen zu jagen."

Mit einem Auflachen schüttelte Daron den Kopf. "So impulsiv ist er nicht. Aber wenn er dir doch seine gesamte Magie entgegen jagen sollte, gibt es einen Krater wie den auf unserer Schattenjagd. T'Chun hat deutlich mehr Magie als ich." Er hielt inne und runzelte die Stirn. "Ich habe keine Ahnung, was das war. Bist du dir sicher, dass du den Berg nicht in die Luft gejagt hast?"

"Ernsthaft, Daron. Ich dachte, du hättest dir mittlerweile gemerkt, dass ich zur Wahrheit gezwungen bin. Über eine solche Macht verfüge ich nicht. Außerdem habe ich einen Feuerball geworfen, der hätte den Fels vielleicht einschwärzen können. Bist du dir sicher, dass du nicht geheime Fähigkeiten hast, die du mir verschweigen möchtest?" Spielerisch biss Sariel ihm in den Hals.

"Ich wünschte, es wäre so. Das würde mir das Leben hier und dort einfacher machen." Daron nahm seine Liebkosungen von Sariels Bein wieder auf und strich von dort über den Bauch und die Rippen entlang. Die kleinen Zärtlichkeiten waren auf andere Art ebenso schön wie ihre Liebesspiele bisher. "Also du warst es nicht, ich war es nicht. Der Schatten war es auf keinen Fall, und wenn er noch so groß war. Aber was war es dann?"

"Bist du ein ausgebildeter Kampfmagier oder ich?", neckte Sariel und küsste die Stelle, die er eben gebissen hatte. "Müsstest du nicht die Antwort kennen? Hast du vielleicht Runen gezeichnet, ohne es zu merken, die deine Magie vervielfältigt haben?"

Daron musste wider Willen grinsen, die Liebkosungen ließen ihn kribbelig werden. "Du nimmst das nicht ernst, mein Freund! Interessiert dich die Antwort nicht? Wir hätten dabei sterben können. Bei der Wucht, die diese Explosion entwickelt hat, ist es ein Wunder, dass wir noch leben."

"Ich denke, es war schon etwas, das wir getan haben." Sariel hob den Kopf und sah Daron an. "Es hat seinen Ausgang dort genommen, wo wir gestanden haben. Und es hat uns nicht berührt. Wenn du sagst, du warst es nicht, weil es zu gewaltig war, hätte dein Schild dem nicht standhalten können. Also ist es von uns aus nach außen gegangen."

Für einen Augenblick fand Daron den Gedanken berauschend. Dann schlug die Realität zurück. "Nicht einmal die doppelte Menge meiner Magie könnte das. Auch nicht die dreifache. Außerdem bin ich nicht einmal ansatzweise erschöpft, ich habe nur den Stab entleert, die Runensteine geworfen und einen Schild errichtet. Da auch angesengte Wände nicht einfach so explodieren, brauchen wir eine andere Theorie."

"Dann denk dir mal eine aus", brummelte Sariel gemütlich und streckte sich ein wenig, um Daron auf einen Mundwinkel küssen zu können, ehe er wieder zufrieden in sich zusammensackte.

Daron hätte wirklich gerne eine Antwort gehabt. Er mochte solche Unwägbarkeiten nicht. Was einmal geschehen war, konnte wieder geschehen, und beim nächsten Mal mochte es einen weniger guten Ausgang nehmen. Aber er hatte keine Lösung, noch nicht einmal einen Ansatz. Außerdem war es schwer, sich auf Theorien zu konzentrieren, wenn sich Sariel an ihn schmiegte und die Welt gerade eben nur aus dem kleinen Stück Fels mit Höhle am Bach, Sonne, Wald und ihnen bestand.

Nicht einmal die leise flüsternden Runen unter seinen Händen waren wirklich störend. Sie waren da, aber sie verlangten keine Aufmerksamkeit. Sie wisperten nur, wisperten ihre Magie, ihre Namen... verstummten für einen Wimpernschlag... wisperten erneut. Wisperten beständig, während er den Zeichnungen mit den Fingerspitzen folgte.

"Das ist schön", murmelte Sariel, und Daron lächelte. Ja, das war es.

Mit halb geschlossenen Augen versuchte er die Originalzeichnungen seines Dämons zu finden, das, was zu Sariel gehörte, aber er konnte es nicht auseinander halten. Die Runen wisperten zu laut. Als er eine von Sariels Brustwarzen streifte und der Dämon einen wohligen Laut von sich gab, vertiefte sich Darons Lächeln. Er hatte das Bedürfnis, die weichen Lippen zu küssen, aber fand es zu perfekt, wie der Dämon an ihn geschmiegt saß, um sich zu bewegen. Zart fuhr er mit einem Finger die Brust hinab, folgte langsam dem Strich einer Zeichnung um den Bauchnabel. Auch dieser war sehr küssenswert.

Wieder setzte das Flüstern einen halben Herzschlag lang aus.

Daron hielt inne.

"Mach weiter", brummelte Sariel, aber Daron ignorierte ihn. Behutsam zeichnete er seinen Weg rückwärts nach, sehr langsam und bedacht. Die Runen verstummten. Daron atmete durch.

"Ich habe es gefunden", sagte er sanft.

"Was? Den Grund, warum zu viele Liebkosungen für einen Dämon ungesund sind?", nuschelte Sariel an seinem Hals. "Ich versichere dir, dass du dich irrst. Sie sind..."

"Den Anfang der Runen. Den Punkt, von dem aus ich sie auflösen kann."

Vor Überraschung fauchte Sariel, das Schnurren verstummte abrupt. Er rührte sich nicht, derart erstarrt, als fürchtete er, jede Bewegung könnte den Punkt auflösen. Nur sein Atem ging schneller.

"Dann mach", flüsterte er.

Daron nickte einmal und schloss die Augen, Mit einem Ausatmen blendete er die Umgebung aus, verdrängte selbst den warmen Körper in seinen Armen, als er nach der Magie tastete. Leuchtend traten die Runen hervor, ein scheinbar endloser Strang, ohne Anfang und Ende, miteinander verwunden, verbunden, einander umtanzend. Doch an einer Stelle konnte er die Unregelmäßigkeit sehen, weil er wusste, wo und wonach er Ausschau hielt. Stumm dankte er Meister Sinuhe für sein unerbittliches Regime in Runenkunde, dafür dass er keine Fehler geduldet und jede Übung erneut und noch einmal hatte wiederholen lassen, bis sie perfekt war. Er würde Perfektion benötigen.

Behutsam sandte er seine eigene Magie aus, in zarten, glitzernden Fäden, verwob sie mit der ersten Rune und arbeitete sich von dort aus weiter vor. Er ertastete seinen Weg entlang der Zeichnung, suchte Schwachstellen und setzte Gegenrunen; andere ergänzte er mit sicheren Strichen, um sie umzuschreiben.

Als das Netz gewoben war, prüfte er es, glitt daran entlang, testete die Fäden, suchte nach Fehlern, nach Unregelmäßigkeiten, änderte hier einen Strang, verstärkte einen anderen um einen Hauch, um ihn den anderen anzupassen. Erneut prüfte er, dann noch einmal und ein weiteres Mal, ehe er vorsichtig die Magie fließen ließ und die glitzernden Fäden damit füllte. Runen wurden umgeschrieben, andere erloschen; Daron zog das Netz zusammen, es glühte auf und verblasste.

Leise keuchte Sariel auf.

Abrupt öffnete Daron die Augen. Der Sonnenschein überraschte ihn und ließ ihn blinzeln. Im Gegensatz zu dem gleißenden Feuer von Kampfmagie war Runenmagie wie Sternenschimmer am Nachthimmel.

"Alles in Ordnung?", fragte er besorgt und schob ein wenig an Sariel, um seinen Bauch ansehen zu können. Die Zeichnung war noch da, doch auf einer Fläche von der Größe einer Hand war sie dunkler geworden und hatte den aggressiven Rotton verloren.

"Ich sag dir das ungern", brummte Sariel und richtete sich auf, um selbst an sich hinab zu sehen. "Aber dein Streicheln vorhin war angenehmer. Das hier hat sich angefühlt, als ob deine Fingerspitzen Feuer aussenden. Und zwar nicht das von der angenehmen Art."

"Ich sage dir das ungern", Daron strich über die kleine Stelle an dunkler Zeichnung; das Flüstern der Runen war verstummt, nur noch ein Hauch von wilder Magie war vorhanden, dämonischer Magie; es ließ ihn zufrieden lächeln, "aber wenn du die Runen loswerden willst, müssen wir das noch ein paar Mal wiederholen. Ich kann nicht alles auf einmal auflösen."

Vorsichtig berührte Sariel dieselbe Stelle direkt unter seinem Bauchnabel und hielt die Luft an; eine Gänsehaut überzog seinen Körper, während er eine ganze Weile reglos verharrte, ehe er aufsah. Seine Pupillen waren so sehr geweitet, dass seine Augen schwarz wirkten.

"Du darfst jederzeit dein Feuer wirken", sagte er heiser. "Das hier ist meine Zeichnung, so wie sie sein sollte. Das hier verbindet mich mit meiner Sippe, mit meinen Jagdgefährten."

"Ist es ein Weg zu ihnen zurück?", fragte Daron und fühlte sich, als würde sich eine Wolke vor die Sonne schieben. War es kühler geworden?

"Nein. Es ist ein Zeichen der Verbundenheit, mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dieses zeigt, dass ich zu meiner Sippe gehöre", Sariels Finger deutete das Zeichen entlang, das sich verändert hatte, "dass ich Jäger bin", sie folgten einer weiteren Ansammlung von Linien, "zumindest, wenn du das ignorierst, was dazu gefügt wurde. Sie erzählen mein Leben."

"Ihr verändert euch, je nachdem, was ihr erlebt?", fragte Daron fasziniert. "Sind auch die letzten Jahre darin zu sehen?" War auch er in der Zeichnung enthalten?

Überrascht sah Sariel ihn an, dann lachte er. "Nein. Hast du gedacht, ich sei damit geboren worden? Es sind Zeichnungen, Daron. Ihr habt diese Art der Zeichnungen doch auch Tätowierungen. Unsere sind ein wenig anders, mit Magie verwoben, aber das Prinzip ist das gleiche."

"Oh." Verlegen rieb sich Daron den Nacken. Irgendwie wusste er noch immer viel zu wenig über Sariels Leben vor den schwarzen Zirkeln. "Das erinnert mich daran, dass wir irgendwie abgelenkt wurden, als du mir von einem typischen Tag bei dir daheim erzählen wolltest. Das müssen wir auf jeden Fall noch mal machen. Aber fürs erste würde ich gerne noch ein paar Runen auflösen, wenn du nicht gerade lautstark protestierst, weil es zu unangenehm ist."

Sariel legte eine Hand über die von Daron in dessen Nacken, zog ihn zu sich und küsste ihn kurz und hart. "Dafür, dass diese verdammten Runen gehen, würde ich sogar in deinem Feuer baden. Mach weiter."

 

Auch wenn Daron das Lösen der Runen gerne an diesem Tag vollendet hätte, gelang es ihm nicht. Es war einfach zu viel Bauch, Brust, Rücken, Schultern, Oberschenkel und Oberarme... selbst auf den Pobacken hatten die Schwarzmagier ihre Zeichen hinterlassen. Und während jede große Rune, gezeichnet aus zahllosen kleinen, seine Konzentration zerfraß, bereitete das Auflösen Sariel Schmerzen. Der Dämon versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber Daron spürte jedes Zusammenzucken, sah den Schweißfilm, die zusammen gepressten Lippen.

"Wir machen morgen weiter", sagte er schließlich entschieden. "Ich bin am Verhungern, und wenn ich noch eine weitere Rune anschauen muss, ist die Chance groß, dass ich sie einfach nur weg brenne, statt sie aufzulösen. Das könnte zu Komplikationen führen."

Unschlüssig sah Sariel ihn an. Daron konnte den Widerstreit in seinen Augen sehen, den brennenden Wunsch, die Runen sofort loszuwerden gegen die Erleichterung, dem Brennen der Magie zu entkommen. Er lächelte und strich ihm sanft über die Wange. "Sariel, du trägst sie schon so lange, der eine Tag mehr macht keinen Unterschied. Ich verspreche dir, wir machen morgen weiter. Aber ich habe nicht mehr genügend Konzentration. Ich will keine Fehler machen."

Sariel zögerte, dann nickte er mit einem Seufzen. "Ich hatte nur gehofft... Ich dachte, es würde auf einen Schlag gehen, und jetzt scheint jeder Moment mehr unerträglich lang zu sein." Rasch legte er ihm die Finger auf die Lippen, als Daron etwas sagen wollte, und lächelte. "Ich weiß, dass du weitermachen würdest. Dass du mich nicht so zurücklässt. Dass wir es morgen fortsetzen. Nicht nur du kennst mich jetzt besser." Er umfing Darons Gesicht mit beiden Händen; das Lächeln verblasste und ließ einzig Ernsthaftigkeit zurück. "Ich bin dir dankbar, Daron. Für alles."

Daron legte die Arme um ihn, ihm fehlten die Worte, um etwas Passendes zu erwidern. Er war auch dankbar. Dafür, dass er die Runen auflösen konnte, auch wenn es seine Zeit brauchte. Dass Sariel bald nicht mehr sein Besitz war, sondern bei ihm bleiben konnte, weil er es wollte. Dafür, dass sie einander begegnet und ihre Pfade so geführt worden waren, dass sie überhaupt die Gelegenheit bekommen hatten, einander kennenzulernen. Für das Vertrauen, dass Sariel ihm schenkte.

"Sariel", murmelte er, aber fand nichts, was er sagen konnte.

Es war nichts nötig. Sariels Hände glitten in seinen Nacken, dann schlang der Dämon die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Innig erwiderte Daron den Kuss. Er schien anders als die Küsse davor, und Daron brauchte einen Moment, ehe er erkannte warum. Sonst hatte er es vorher nicht wahrgenommen, aber nun konnte er nicht anders, als es zu bemerken, und unwillkürlich grinste er. Auch Sariel grinste auf seinen Lippen. Das Flüstern der Runen zwischen ihnen war leiser geworden, und das fühlte sich verdammt gut an.

Dann grollte Darons Magen. Laut und anhaltend. Es brachte sie zum Lachen.

"Füttere deinen inneren Dämon." Schmunzelnd tätschelte Sariel Darons Bauch, ehe er sich von ihm löste und aufstand. "Ich wasche erst noch rasch das Brennen davon."

Das Feuer war herunter gebrannt und hatte damit verhindert, dass der Eintopf angebrannte; dafür war er jetzt kalt. Überrascht stellte Daron fest, dass die Sonne schon hinter die Baumwipfel gesunken war. Sie hatten länger an den Runen gesessen, als er gedacht hatte. Mit einem Lächeln sah er zu dem Dämon hin, der mit seiner üblichen Todesverachtung in das kleine Becken gesprungen war. 'Er kann mich aber auch die Zeit vergessen lassen.'

Rasch entzündete er das Feuer neu, doch der Eintopf wurde nicht mehr warm, bis Sariel tropfnass zurück zum Lager kam. Darons Lächeln vertiefte sich noch, als der Mann mit beiden Händen und Dämonenfeuer das Wasser von sich streifte und dann die Finger über Brust und Bauch gleiten ließ. Er erkundete seine Zeichnung, die Änderung, sog den Anblick in sich auf.

Das Dunkelbraun auf der dunklen Haut war schöner anzusehen als das aggressive Rot vorher, das fand auch Daron, und das, obwohl der Dämon schon vorher viel zu attraktiv gewesen war. Es war einfach nicht gerecht, wie gut manche Männer aussehen konnten. Aber es wurde gerecht, wenn man bedachte, dass er sich daran erfreuen durfte in dem Wissen, dass er sogar mehr haben konnte. Die forschenden Gesten waren nicht im mindesten erotisch gemeint, aber sie machten Daron Lust auf mehr.

Es dauerte einige Zeit, ehe Sariel bemerkte, dass er beobachtet wurde. Das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, war eindeutig lasziv. Ebenso wie seine Schritte, mit denen er auf Daron zukam und jede seiner Bewegungen, als er neben dem Feuer in die Hocke ging. Irgendwie schaffte er es sogar, das Füllen der Schale aufregend wirken zu lassen. Er reichte sie Daron, hielt sich an seiner Schulter fest und beugte sich vor. Sacht streiften seine Lippen Darons Wange, dann sein Ohr.

"Wir fangen nicht an, bevor wir beide etwas im Bauch haben." Seine Stimme war dunkel, samtig und amüsiert. "Denn ich höre nicht wieder auf, nur weil dein Magen knurrt."

Daron lachte, auch wenn der Ton heiße Schauer über seinen Körper jagte und ihn fast vergessen ließ, dass er Hunger hatte. Der Plan erwies sich jedoch als ausgezeichnet. Satt liebte es sich besser, wenn man sich Zeit lassen wollte, und das wollten sie beide. Im Anschluss lagen sie Arm in Arm auf ihrem Lager, die Sonne war schon lange untergegangen, und unterhielten sich leise.

"Erzähle mir etwas von deiner Heimat", bat Daron, während seine Finger mit Sariels Haar spielten. Er mochte es, die weichen Strähnen zu berühren.

Sariel sah ihn aus halb geschlossenen Augen an, das Gold überschattet von den langen Wimpern. "Mmh, was willst du wissen? Meine Sippe lebt in den Höhlen eines Gebirges, das wenig mit dem hier zu tun hat. Es ist viel trockener, viel wärmer. Von den Höhen kann man weit in die Steppe hinaus sehen." Er lächelte und ließ seine Hand in Darons Nacken wandern, um ihn zu streicheln. "Große Herden durchstreifen sie, ähnlich wie Rinder nur mit wehrhaften Hauern, Stacheln an den Schwänzen und mehr Hörnern. Man kann sie schon von weitem sehen. Gut für die Jagd. Ich bin Jäger gewesen. Mein bester Freund ist Krieger."

"Krieger? Habt ihr Fehden mit anderen Sippen?"

"Nein, die nächste Sippe lebt sehr weit entfernt, kein Grund zu Streitigkeiten wegen Höhlen oder der Jagd. Krieger schützen. Ihr habt kein Wort dafür. Hüter... Wächter... das trifft es alles nicht wirklich. Sie bewachen die Jäger und die Höhlen, schützen sie, behüten sie, bekämpfen alles, was gefährlich werden könnte und das ist viel." Sariel grinste. "Deine Welt ist so harmlos. Bei uns hat alles Klauen, Fänge und Magie."

Daron hob die Brauen. "Klingt traumhaft, als würde man dort sehr gern leben wollen. Man kommt nie aus der Übung, was den Kampf betrifft, und wenn doch, ist man auch schon direkt tot."

Leise gluckste Sariel. "Es ist schön, auch wenn ich nicht glaube, dass Menschen dort lang bestehen könnten. Aber darum ist die Sippe so wichtig. Darum sind die Bande so stark. Allein kann man kaum überleben."

Sanft strich ihm Daron das Haar aus der Stirn und lehnte sich vor, um ihn auf die Lippen zu küssen. "Jetzt bist du nicht mehr allein", murmelte er.

Sariel drückte ihn fest an sich und erwiderte den Kuss innig, und für eine Weile vergaßen sie das Reden.

"Wie sehen eure Höhlen aus? So wie die, die wir am See gefunden haben?", fragte Daron schließlich, nachdem sie sich wieder voneinander gelöst hatten.

"Das winzige Ding?" Sariel gluckste dunkel. "Da passt ja kaum eine Familie rein. Wir haben eine Haupthöhle, sie ist gigantisch, so groß, dass man darin fliegen kann. Die warmen Quellen in den Seitengängen sind eingefasst in etwas, das Obsidian gleicht. Hier machen es Vulkane, bei uns machen wir es manche von uns haben so heißes Feuer, dass es jeden Stein zum Schmelzen bringt. Meines nicht. Einige Familien leben dort; andere wohnen in kleineren Höhlen rund um die Haupthöhle. In dieser sind die Lager im geschützten hinteren Bereich, sie sind mit vielen Fellen bedeckt, weich und warm, denn die Nächte sind eisig. Vor den Höhlen oder in ihren Eingängen wird gearbeitet Leder gegerbt, Schmuck hergestellt, Dinge für den täglichen Bedarf."

Das war endgültig der Moment, in dem Daron beschloss, sämtliches Wissen über Dämonen, das er zu haben glaubte, einfach zu vergessen. Er hätte nicht gedacht, dass sie gerbten. Dass sie Steine bearbeiten oder Schmuck herstellen konnten. Dass sie irgendetwas taten außer zu jagen, zu fressen, zu vögeln und ihre Jungen aufzuziehen. "Schmuck. Wie sieht dämonischer Schmuck aus?"

Die Frage brachte Sariel so sehr zum Lachen, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. "Daron! Was würdest du mir antworten, wenn ich dich fragte, wie menschlicher Schmuck aussieht? Zwischen dem Kollier aus Silber und Mondstein einer reichen Magierin und dem Lederband eines Hirtenjungen liegen Welten! Genauso ist es bei uns. Wir nutzen, was schön ist. Die Stacheln von... kennst du eh nicht... Fänge, schöne Steine, Federn. Wir tauschen Metall in allen Farben und Muscheln ein, um daraus Schmuck zu machen. Wir nutzen Perlen, Blüten, Holz. Wir tragen Armbänder, Fußreife und Ketten, wir schmücken die Ohren, manche auch die Nase. Jäger tragen anderen Schmuck als Krieger als Sammler. Kinder werden anders geschmückt als ihre Eltern."

"Ich werde Dämonen nie wieder mit den gleichen Augen sehen können", bekannte Daron; er fühlte sich ähnlich wie damals, als sich ihm die Magie offenbart und die Tür in eine neue Welt eröffnet hatte. "Ich glaube, ich würde deine Welt gerne einmal selbst sehen."

Sariel lächelte. "Ich würde dich beschützen. Aber so, wie es aussieht, bleiben wir beide hier."

"Ich wünschte, ich könnte dir deine Sippe zurückgeben. Ohne dich zu verlieren", murmelte Daron. Sariel war so schön im Schein des Feuers, die dunkle Haut, die goldenen Augen, das schwarze Haar. Mittlerweile konnte er jeden seiner Züge mit geschlossenen Augen sehen, sein Lachen, sein Fauchen. Er wusste, wie er aussah, wenn er zufrieden war, wenn ihn etwas verletzte, wenn er nachdenklich war, wenn das Glück in ihm empor sprudelte. Und er wusste, wenn er all das verlor, wäre ein Stück seiner Selbst verloren.

Zärtlich streichelte Sariel mit den Fingerspitzen über sein Gesicht. "Wenn ich die Wahl hätte, wüsste ich nicht mehr, wie ich mich entscheiden sollte", sagte er leise. "Noch vor kurzem war es keine Frage. Ich wäre zurückgekehrt, ohne mich umzusehen. Doch jetzt ist alles anders."

Die Antwort machte Daron traurig und glücklich zugleich. Er hielt seinen Dämon fest in den Armen und wollte ihn nie wieder loslassen. "Ich verspreche dir, dass ich alles versuchen werde, um dir zu helfen, damit du diese Wahl hast. Und bis dahin weißt du vielleicht mehr."


Pandorah