Runenbande

16.

Er driftete durch grauen Nebel.

Er fühlte nichts, er dachte nichts.

Er war.

Bilder flackerten auf.

Goldene Augen.

Wind.

Eine Stimme.

Hände.

Licht und Dunkelheit.

Wärme um ihn.

Eine dunkle Stimme, die sinnlose Worte sprach.

Hände, die ihn berührten.

Wasser, das seine Lippen benetzte.

Lippen auf seinem Mund.

Wasser in seinem Gesicht.

Langsam wurde das Licht heller. Er wollte nicht dorthin, Licht war Schmerz. Er hüllte sich in Schatten, warm, weich, sanft.

Die Hände kehrten zurück, er spürte die zarte Berührung an seinen. Er spürte seine Hände. Spürte Lippen auf seinen Fingerrücken. Spürte Finger an seiner Stirn, seiner Wange. Spürte seine Stirn, spürte seine Wange.

Die dunkle Stimme war wie ein weicher Schatten.

Worte. Worte, die Sinn ergaben.

"Daron, kannst du mich hören? Daron? Wenn du mich hören kannst und mir nicht antwortest, Ich schwöre, ich ziehe dir die Haut vom Leib, wenn du mich hinhältst. Daron, bitte! Bitte wach auf. Komm zurück zu mir..."

Daron umfing die Hand, die seine hielt. Die Bewegung war verdammt schwach und schmerzhaft, aber seine Finger gehorchten, und er war sich ziemlich sicher, dass das eine gute Sache war. Sariel sagte etwas in einer Sprache, die er nicht verstand, aber es klang nach Glück, und es brachte ihn dazu, die Augen aufzuquälen.

Das Gesicht seines Freundes wurde von flackerndem Feuerschein erhellt, umrahmt von schwarzem Haar, das eins war mit der Nacht. Die Sonnenaugen weiteten sich, ein Lächeln ließ das Gesicht leuchten. Daron versuchte es zu erwidern. Dann verschwamm seine Sicht und die Dunkelheit kehrte zurück.

 

Als er das nächste Mal erwachte, war es Tag. Über ihm spannte sich Fels. Fels, den er nicht kannte. Das war nicht der Unterschlupf am Bach, auch wenn er das Plätschern eines Wasserlaufs hören konnte. Irgendwo sang ein einsamer Vogel, die Stimmen des Waldes fehlten ebenso wie das Rauschen des Winds in den Zweigen. Ein einsamer Käfer summte an seinem Ohr vorbei.

Ächzend setzte Daron sich auf und kratzte sich unter dem Hemd über den Bauch, während er sich umsah. Vor dem Felsüberhang, in dessen Schutz er saß, breitete sich eine Bergwiese aus. Blumen leuchteten in der Sonne und zauberten gelbe, rote und weiße Tupfen in das Grün von Gras und Kräutern. Direkt vor ihm umrahmten Steine in unregelmäßigem Kreis eine Feuerstelle, der Kessel hing an einem Dreibein aus grob von Zweigen und Laub befreiten Stecken über der fast erloschenen Glut.

Müde rieb Daron mit beiden Händen über sein Gesicht, während er sich nach Sariel umsah. Gleich darauf hielt er überrascht inne, bevor er bewusst nachfühlte. Bartstoppeln! Und zwar in fortgeschrittenem Stadium, und das hatte er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehabt. Es sprach dafür, wie erschöpft seine Magie gewesen war, denn seit er beschlossen hatte, dass er keinen Bart wollte, war ihm keiner mehr gewachsen. Oder wahlweise hatte seine Magie dafür gesorgt, dass alles, was sich über die Haut herauswagte, abrasiert wurde. So genau konnte er es nicht sagen. Manchmal war Magie ein seltsames Ding.

Sein Blick fiel auf seinen Stab, der neben ihm lag. Die grüne Spitze aus Peridot war tot. Misstrauisch berührte er sie, es war nicht einmal mehr ein Hauch von Magie zu erahnen. Abrupt kehrte die Erinnerung zurück. Die Beschwörung. Der schwarzmagische Zirkel! Er keuchte auf, als ein Schwall Angst ihn überflutete. Wo war sein Freund? War es den Schwarzroben doch gelungen?

"Sariel!" Hektisch und mit schmerzenden Gliedern versuchte er, die Decke beiseite zu zerren, doch verfing sich nur in dem festen Stoff. "Sariel, verdammt!"

Mit dem Prasseln von fallenden Steinen landete Sariel direkt vor dem Überhang; der Windstoß des Flügelschlags, mit dem er sich abfing, wirbelte Staub empor. Daron bemerkte es kaum, als sein Herz einen schmerzhaft erleichterten Satz machte und seine Kehle so eng wurde, dass er kein Wort mehr hervor brachte. Sariel war da, er lebte. Er war hier und nicht irgendwo in einem Runenkreis, gefangen, geknechtet, gefoltert.

"Daron!" Mit einem Satz war Sariel bei ihm und fiel neben ihm auf die Knie. Halb erwartete Daron, dass sein Freund ihn in eine knochenbrechende Umarmung zog; er sah aus, als wollte er genau das tun. Doch er hielt inne, bevor er Daron in einer unendlich behutsamen Umarmung umfing, während sich die schwarzen Schwingen um sie ausbreiteten und ein schützendes Zelt bildeten.

"Bei der Herrin der Tausend Himmel, ... Sariel, wie geht es dir? Wie fühlst du dich?", fragte Daron heiser und erwiderte die Umarmung fest. Es tat verdammt gut, ihn zu spüren und er atmete tief den vertrauten Duft ein. Jede Bewegung tat weh, aber das war es das wert.

"Wie ich mich fühle?" Sariel lachte rau. "Daron, wie ich mich fühle? Als habe sich der Himmel erneut über mir aufgespannt, nachdem er mir genommen wurde."

Vorsichtig löste er sich von ihm, gerade weit genug, um ihn ansehen zu können. Zögernd öffnete er die Flügel, als bräuchte er Licht, um Daron zu betrachten, aber wollte ihn nicht ohne ihren Schutz lassen. Sein Blick strich eindringlich über Darons Gesicht, über jeden Zug, als müsste er sich davon überzeugen, dass er wach war, dass es ihm gut ging. Nur sehr langsam wich die Anspannung aus seiner Miene.

Auch Daron betrachtete seinen Freund forschend, um sicher zu gehen, dass wirklich alles in Ordnung war. Müde sah er aus. Erschöpft. Sorge hatte tiefe Linien in das alterslose Gesicht gegraben und Schatten unter seine Augen gelegt, aber er war heil und gesund. Daron hob eine Hand und streichelte ihm sacht über die Wange.

"Ich lasse nicht zu, dass dir der Himmel noch einmal genommen wird", verkündete er kämpferisch, auch wenn er daran zweifelte, in seinem Zustand eine Attacke wie die letzte überleben zu können. Hoffentlich ließen sich die Schwarzroben etwas Zeit mit der nächsten Beschwörung. Allein die Erinnerung an den Schmerz brachte ihn zum Erschaudern; er drängte die Bilder von sich.

Sariel strich an Darons Armen hinab, umfing seine Hände und zog sie für einen auf die Fingerrücken gehauchten Kuss an die Lippen. "Dann musst du besser auf dich aufpassen", sagte er leise. "Wenn du nicht eben aufgewacht wärest, hätte ich dich in den Tempel der Heiler gebracht."

Wärme durchströmte Daron und zog in einem Kribbeln durch seinen gesamten Körper. Mit dem Himmel verglich er ihn, der ihm so viel bedeutete? Bei der Göttin, dieser Mann war ein Geschenk. Er lächelte und drückte Sariels Hände, während er den noch immer so besorgten Blick erwiderte. Warum nur hatte Sariel so viel Angst um ihn? Langsam drangen die anderen Worte zu ihm durch und weckten einen unerfreulichen Verdacht. "Wie lange ist die Beschwörung her?"

"Sieben Tage."

"Dreimal verdammte...!" Verblüfft starrte Daron ihn an. Sieben Tage? Wie konnte das sein? Er war noch niemals so lange bewusstlos gewesen! In all seinen knapp dreihundert Lebensjahren nicht. Hin und wieder einige Stunden durch einen unglücklichen Schlag gegen den Kopf, ja. Mehrmals hatte ihn auch schon ein Zauber schlecht erwischt und ihn für einen Tag ausgeschaltet. Aber derart lange? Unmöglich!

"Darum sind wir hier. Ich habe dich nicht wecken können." Sariel senkte den Blick auf ihre verschränkten Hände und streichelte Daron mit den Daumen. "Du warst wie tot. Ein einziges Mal, nach drei Tagen, bist du kurz aufgewacht. Hast mich angeschaut. Aber dann... du hast mal gesagt, irgendwo in der Nähe von Danas Dorf gibt es einen Tempel voller Heiler. Als du eben nach mir gerufen hast, wollte ich gerade ins Tal fliegen, um danach zu fragen."

"Sariel..." Daron konnte nicht anders, als ihn wieder an sich zu ziehen. Sariels Blick, die Stimme, die angespannten Schultern, die Haltung alles an seinem Freund zeigte, wie sehr er um ihn gefürchtet hatte. Wenn er sogar die Enttarnung als Dämon riskierte, um ihn Heilern zu überlassen... Daron wollte die Sorge auslöschen, ungeschehen machen.

Dieses Mal war Sariels Umarmung so fest, dass sie schmerzte.

"Tu das nie wieder", forderte er erstickt. "Versprich mir, dass du das nie wieder tust. Ich will dich nicht verlieren."

"Das kann ich nicht. Sariel, sie hätten dich beschworen." Daron drückte mehrere Küsse auf den schwarzen Schopf und streichelte ihm über die Schultern. Sieben Tage, und er fühlte sich noch immer wie ausgewrungen. Trotzdem wusste er mit absoluter Sicherheit, dass er es wieder tun würde. Der Preis für seine eigene Sicherheit war zu hoch. "Ich will dich auch nicht verlieren. Erst recht nicht, wenn ich weiß, wo du landest. Was sie mit dir tun. Was du tun musst. Ich kann das genauso wenig versprechen, wie du mir versprochen hast, dass du dich nie wieder vor mich wirfst."

Sariel gab einen abwehrenden Laut von sich. "Ich bin stabiler als du. Ich heile schneller. Aber wenn du... wenn du das machst, du bist fast gestorben! Und wenn sie dich nicht getötet hätten und es ihnen dennoch gelungen wäre, mich zu beschwören, hättest du die nächsten Tage nicht überlebt. Du warst wie tot!"

"Aber ich bin es nicht. Und du bist hier." Liebevoll küsste Daron über Sariels Schläfe, und endlich lockerte der Griff sich ein wenig. Er unterdrückte ein erleichtertes Ächzen und atmete einmal tief durch. Höllentore, manchmal war die Kraft seines Freundes anstrengend. "Weil ich ein Sturkopf bin. Weil..."

Er stockte. Eigentlich hatte er mit Zufriedenheit daran erinnern wollen, was er getan hatte einen ganzen Zirkel an Schwarzmagiern ausgespielt. An einen Triumph. Doch er erinnerte sich an unvorstellbaren Schmerz und daran, dass er die Beschwörung nicht hatte unterbrechen können. Er war zu schwach gewesen. Er hatte im Sterben gelegen, zu stur, das zu begreifen, so wie Sariel es ihm eben gesagt hatte. Bis sich etwas zwischen ihn und das brennende Feuer der Runen geschoben hatte. Der Schatten, die wilde Magie. Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen, als er begriff. "Du hast mir deine Magie geschenkt. Du hast dich mir geöffnet. So vollkommen, wie man sich nur öffnen kann."

Nicht einmal mit T'Chun hatte er die Magie geteilt, und er und sein bester Freund hatten einander schon oft ohne zu zögern ihr Leben anvertraut.

Langsam löste Sariel seinen Griff. Er umfing Darons Gesicht mit den Händen, lehnte die Stirn gegen seine und schloss die Augen. "Du wolltest dein Leben für mich geben. Es war alles, was ich tun konnte, um dich zu beschützen."

"Das ist... ich hätte..." Die Erkenntnis schnürte Daron die Luft ab. Mit einem Mal wusste er, was es war, das er die vergangenen Tage gespürt hatte. Sariel. Immer wieder Sariel. Seine Nähe, seine Fürsorge, sein Vertrauen. Etwas, das ihm kein Mensch je so bedingungslos, so offen geschenkt hatte.

Es gab keine Möglichkeit, das Teilen von Magie zu erzwingen. Astralvampire konnten sie einsaugen, aber nicht die Essenz berühren. Das Benutzen der Kraft eines anderen war oft genug von Magiern versucht worden Magiern jeder Gesinnung und sie waren gescheitert. Und über die wenigen, denen es voller Vertrauen und Zuneigung gelungen war, wurden Lieder gesungen. Die Schwertschwestern von Angar aus dem zweiten Zeitalter. Die Krieger von Schwert und Schild der letzten Apokalypse. Daron fühlte sich nicht stark genug, sich mit diesen Sagengestalten zu messen. Sich jemandem so tief anzuvertrauen, hieß, sich ihm vollkommen auszuliefern.

"Ich hätte dich mehr als nur töten können", sagte er erstickt. "Ich hätte dich vernichten können."

"Ja", antwortete Sariel einfach. "Aber du hast es nicht. Du wirst es nicht."

"Was gibt dir diese Sicherheit? Ich bin ein Mensch! Menschen sind alles, aber nicht unfehlbar!"

"Du hast schon die Macht des Runenkreises nicht gewollt. Und ich weiß es." Sariel lächelte und löste eine Hand, um erst Darons, dann seine Brust zu berühren. "Ich weiß es."

"Oh Göttin..." Daron atmete einmal tief durch. Dieses unerschütterliche Vertrauen in ihn machte ihn sprachlos und füllte ihn mit einem Wirbel an Glück zumindest, wenn er den Gedanken zuließ, dass es tatsächlich geschehen war. Für den Moment schob er die Vorstellung von sich, es war zu viel. Es war vorbei, und wenn es nach ihm ging, würden sie das nicht noch einmal wiederholen. "Ist dieses Urvertrauen in einen anderen dämonisch?", fragte er mit einem schwachen Lächeln.

"In einen anderen? Nein. Nur in den Himmel." Sariel lachte, küsste ihn und wechselte das Thema. "Du bist eben erst aufgewacht. Hast du Hunger? Durst?"

Erst als die Frage seinen Fokus auf andere Dinge als Sariel lenkte, bemerkte Daron, dass er beides hatte, und zwar nicht zu knapp.

"Wie ein riesengroßer Bär", antwortete er und lachte ebenfalls.

Grinsend reichte Sariel ihm die Wasserflasche, ehe er eine Schale mit Eintopf füllte. Erst jetzt fiel Daron auf, wie verlockend es aus dem Kessel duftete. Dann waren für die nächste Zeit alle Fragen und Gedanken vergessen, als er das Essen in sich hinein schlang. Erst nach der vierten Schale verkündete sein Magen, dass er unter Umständen gefüllt sein konnte. Daron nahm noch eine fünfte, Kartoffeln und Wild zusammen mit einer interessanten Kräutermischung. Jetzt konnte er sogar den Geschmack genießen.

"Isst du immer so viel?", frotzelte Sariel.

Daron gluckste in sich hinein, als er sich erinnerte, dass dies so ziemlich seine Worte gewesen waren, nachdem er Sariel direkt nach dem Kampf in dem schwarzen Orden seinen Auerhahn abgetreten hatte. "Wer weiß, wann es das nächste Mal etwas gibt. Außerdem hatte ich Hunger. Und ganz nebenbei kochst du beinahe besser als ich, was ziemlich ungerecht ist, wenn man bedenkt, dass dein Lieblingsgericht rohes Fleisch ist."

"Schön, dass dein Gedächtnis noch funktioniert. Aber jetzt bist du satt?" Sariel warf einen Blick in den Kessel. "Sonst muss ich jagen gehen."

Zufrieden rieb Daron sich über den gut gefüllten Bauch. "Jetzt bin ich satt. Ein Bier wäre der krönende Abschluss, aber man kann nicht alles haben."

"Hervorragend. Gefüttert, getränkt, mein Mensch ist gut versorgt. Das heißt, er ist rundum wohl und glücklich." Sariel legte den Kopf schief. "Es gibt noch etwas, das du wissen solltest nichts Schlimmes", fügte er bei dem alarmierten Gesichtsausdruck sofort hinzu. "Aber da es dich betrifft, will ich dich warnen, bevor du in den nächsten Spiegel siehst." Er hockte bei ihm nieder, zog die Decke zurück, die nackte Beine offenbarte, und schob Darons Hemd ein Stück empor. "So siehst du auch auf dem Kopf aus. Haare, Augenbrauen, Wimpern selbst dein neu wachsender Bart."

Misstrauisch starrte Daron erst Sariel an, dann nach unten in seinen Schritt. Das Haar war weiß. Eine kurze Inspektion unter dem Hemd bestätigte, dass dort ebenfalls alles weiß war der Flaum auf den Armen, die Haare auf der Brust.

"Sehe ich auch aus wie ein alter Mann?", fragte er vergrätzt. Er fühlte sich zumindest nicht so, nur noch immer erschöpft. Aber Magie ging seltsame Wege. Er hatte Mae, eine gestandene Kampfmagierin, verabschiedet und als alte Frau erneut begrüßt, weil sie alles verloren hatte außer den Willen zum Leben und die Magie. Und nur dreißig Jahre später hatte er sie kaum wiedererkannt, weil sie jünger denn je gewesen war, inmitten einer Gruppe an Freunden und am Beginn einer neuen Liebe.

Sariel unterdrückte ein Lachen; es gelang ihm nicht wirklich gut. "Ein wenig älter, aber nicht so schlimm wie direkt nach der Attacke", sagte er, und das Lachen wich einem Lächeln. "Es ist hübsch zu deiner sonnenbraunen Haut und den grünen Augen. Du bist immer noch schön."

"Schön?" Das wiederum brachte Daron zum Lachen. "Ich bin nicht schön." Er mochte nicht unansehnlich sein, aber er war ein zwei Meter großer, breitschultriger Mann mit einigen Narben, einem gewöhnlichen Gesicht und Haar in einem unauffälligen Braun nun, momentan wohl eher Weiß. Er war nicht schön.

Sariels Augen glitzerten amüsiert. "Willst du mir sagen, ich hätte keinen Geschmack? Kann ein Mann nicht schön sein?"

Daron öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ehe er grinsend den Kopf schüttelte. "Dreh mir die Worte nicht im Mund um. Natürlich kann ein Mann schön sein! Du bist schön." An Sariel war einfach alles schön, sein ebenmäßiges Gesicht mit den feinen Zügen, die herrlichen Augen, seine vollen Lippen. Gar nicht zu sprechen von seiner Statur, den geschmeidigen Gliedmaßen, den perfekt modellierten Muskeln bis hin zu seiner Zeichnung. Und erst recht war er schön, wenn er lachte, wenn er lächelte, wenn er ihn nachdenklich ansah. Er war es sogar, wenn sich sein Gesicht vor Wut verzog. "Du bist immer schön. Aber nicht ich."

"Du hast die Runen der Wahrheit vergessen, mein schöner Mensch", neckte Sariel schelmisch. "Ich kann keine Unwahrheit sprechen. Wenn ich sage, du bist schön, dann muss es so sein."

Daron holte Luft, hielt inne und lachte erneut laut auf. "Du wirst den Gerüchten gerecht, die sagen, dass deine Art mit Silberzungen redet."

"Meiner Art wird nicht nur beim Reden eine Silberzunge nachgesagt."

Die Sehnsucht in Sariels Blick ließ Daron erschaudern. Ihm wurde bewusst, wie nah sie daran gewesen waren, einander zu verlieren. Mit einem Mal war ihm nicht mehr nach scherzen. Er streckte die Hand aus, Sariel kam ihm entgegen, und nur einen Wimpernschlag später hielten sie einander im Arm und küssten sich hungrig.

Nach und nach wurden die Küsse leichter, und sie konnten sich wieder ansehen, ohne einen neuen und noch einen neuen Kuss zu verlangen. Eng aneinander geschmiegt streckten sie sich schließlich auf dem Lager aus. Es überraschte Daron, wie wichtig ihm dieser Mann im Verlauf von nur einem guten Mond geworden war, aber es war undenkbar, jetzt von ihm zu lassen. Er wollte ihm nahe sein, wollte spüren, dass es ihm gut ging. Er wühlte die Hand in das schwere Haar und streichelte ihn sanft mit dem Daumen. Sariel lag auf seinem Arm, ganz nah, so dass er seinen Atem spüren konnte, und wenn ihm danach war, musste er sich nur wenig bewegen, um die weichen Lippen wieder zu küssen.

Daron widerstand. "Ist etwas Spannendes passiert, während ich schlafende Schönheit gespielt habe?"

"Die Welt ist untergegangen", versicherte Sariel voller Ernst. "Und neu errichtet worden. Und wieder untergegangen."

Daron grinste und fragte sich gleich darauf, wie sich Sariel um den Wahrheitsfluch herumgewurschtelt hatte. "So lange sie jetzt nur wieder steht. Bist du immer schon so häufig beschworen worden? Ich stelle mir das lästig vor, jede Woche mit einem anderen Magier fechten zu müssen, um einen Runenkreis aufrecht zu erhalten."

"Nein, es gab nur ab und an einen vorsichtigen Versuch, eher wie ein Antesten. Vielleicht haben jetzt andere Zirkel mitbekommen, dass meiner... nun ja... endgültig aufgelöst wurde." Sariel strich mit einem Finger an Darons Haaransatz entlang, dann zeichnete er den Nasenrücken nach; nachdenklich folgte sein Blick der Bahn seiner Hand.

"Was haben die Schwarzroben gemacht, um dich bei sich zu behalten? Eine magische Signatur in der Art wie 'Dieser Dämon gehört zum Orden der flatternden Roben' oder so?" Etwas braute sich hinter den goldenen Augen zusammen, und Daron hatte das Gefühl, es würde ihm nicht gefallen. Er hoffte, dass er sich irrte.

Mit einem dunklen Glucksen wandte Sariel den Blick in Darons Augen. "Kannst du magische Signaturen erstellen? Es wäre einen Versuch wert. Wir könnten einen großen, bösen Namen erfinden, der alle abschreckt", schlug er grinsend vor und umkreiste Darons Lippen, ehe er seine Finger durch das struppige Haar gleiten ließ.

Daron genoss das Prickeln, das von den Liebkosungen ausging. Es fühlte sich warm und vertrauensvoll an, und so, als gäbe es nur sie und keine Schwarzmagier, die jederzeit seinen Freund beschwören konnten.

"Nein", gab er zu und lehnte sich vor, um einen Kuss auf Sariels Lippen zu drücken. "Ich hätte Blaurobe werden sollen, vielleicht wäre das jetzt hilfreicher."

"Wärest du Blaurobe, wäre ich nicht hier." Für einen Moment erwiderte Sariel den Kuss weich. "Denn dann wäre es dir bestimmt nicht eingefallen, mit flammendem Stab in einen schwarzen Orden einzufallen, um ein Mädchen rauszuholen. Du hättest einen Kampfmagier geschickt, und ich wäre nun ein Häufchen Dämonenasche."

"Auch wieder wahr", murmelte Daron, und für eine lange Weile waren sie erneut damit beschäftigt, einander zu küssen.

"Gib mich frei", flüsterte Sariel auf seinen Lippen.

"Was?" Überrascht zuckte Daron zurück, unangenehm hart aus der Traumblase gerissen, die ihn bis eben umfangen hatte. Prüfend sah er seinen Freund an. Es war kein Scherz, wie er einen Atemzug lang gehofft hatte. Kein noch so kleines Lächeln milderte Sariels ernsthaften Blick. "Nein!"

"Ich will nicht, dass das noch mal passiert, Daron."

"Ich auch nicht. Und ich werde versuchen, beim nächsten Mal nicht so zu übertreiben. Vielleicht ist es auch wieder nur ein einzelner Magier. Gegen den komme ich an, aber die Magie lässt dir auch bei nur einem keine Möglichkeit, dich zu wehren."

"Beim ersten Mal bist du für mehrere Stunden außer Gefecht gesetzt gewesen. Jetzt für sieben Tage. Sieben, Daron!" Energisch befreite Sariel sich aus seinen Armen und setzte sich auf. "Weißt du, wie das war? Nicht zu wissen, ob du wieder aufwachst? Dich halb tot vor mir zu haben, kaum atmend, kaum ein Herzschlag! Gib mich frei!"

Daron wusste in der Tat annähernd, wie es war. Kampfmagie war nicht gerade der Zweig der Magie, der eine hohe Lebenserwartung förderte. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen wollte er ihn nicht gehen lassen. "Das ist keine gute Idee. Schau mal, zusammen haben wir eine Chance, dich gar nicht erst wieder bei den Schwarzroben landen zu lassen. Und wenn ich merke, dass ich nicht dagegen ankomme, auch nicht mit deiner Hilfe, kann ich immer noch die Verbindung lösen."

Sariel schnaubte abfällig, in seine Stimme mischte sich ein Grollen. "Sicher. Sieh mir in die Augen und schwöre mir, dass du das tust."

Mehrere Herzschläge lang kämpfte Daron mit den Worten, die doch nicht kommen wollten. Er konnte einfach nicht versprechen, dass er Sariel aufgab. Besonders, weil es unmöglich war zu versprechen, dass er in so einer Situation überhaupt noch denken konnte. Und sein Gefühl sagte ihm nur, dass er Sariel mit allem schützen wollte, was er hatte, und wenn es sein Leben war.

Frustriert wandte Sariel den Blick ab und starrte nach draußen. "Siehst du? So viel zu dieser guten Idee."

"Du hast das nicht durchdacht", grummelte Daron und setzte sich ebenfalls auf. "Ich kann nicht einfach zulassen, dass du verschwindest, nur weil jemand deinen Namen kennt."

"Und was genau ist besser daran, wenn du stirbst? Dann bin ich trotzdem weg. Großartig, guter Plan, Daron! Ich sitze in einem Runenkreis fest und weiß zudem, dass ich dich auf dem Gewissen habe. Meinst du, das muntert mich auf? Meinst du, das hilft irgendwem irgendwie? Verdammt noch mal! Ein guter Plan wäre es, wenn du mich suchen kommst. Davon hätten wir beide etwas."

"Ich ziehe es vor, dich überhaupt nicht suchen zu müssen, weil du gar nicht erst verschwindest." Daron runzelte die Stirn. Warum war Sariel nur so stur? Es war einfach besser, wenn sie die Verbindung aufrechterhielten! Darin waren sie doch übereingekommen.

"Glaub mir, ich ziehe das auch vor", antwortete Sariel bissig. "Und wenn mich ein neuer Runenkreis bindet, kannst du dir gerne überlegen, ob du den Orden aufsuchst oder nicht. Aber bis dahin sollte das meine Entscheidung sein, nicht deine. Es ist mein Leben, über das du bestimmst."

Es war ein Schlag unter die Gürtellinie, und Daron fragte sich, ob er so schmerzte, weil er traf und wahr war oder weil Sariel ganz bewusst niederträchtig wurde, um sein Ziel zu erreichen. Er hielt inne. War es das? Niederträchtig? Eigentlich nicht. Mit einem Mal wusste er nicht mehr, was richtig war. Er wollte Sariel nicht freigeben. Sein Freund war nicht mehr gefangen, das einzige, was noch bestand, war diese Sicherheitsleine, und die bestand aus gutem Grund. Oder fühlte Sariel sich dennoch gefesselt? Und selbst wenn er sich frei fühlte und er diese Leine trotzdem trennen wollte, hatte er nicht alles Recht der Welt dazu?

Daron wollte Sariel beschützen, mit allem, was er hatte, mit allem, was er war er war Kampfmagier, es lag in seiner Natur, sich mit Mächten anzulegen, die etwas mehr waren, als er schlucken konnte. Bisher war er immer lebendig herausgekommen. Aber umgekehrt war es eben auch so. Sariel wollte ihn schützen. Offensichtlich ebenfalls mit allem, was er hatte, mit allem, was er war, und das ließ es so verdammt warm in Daron werden, dass er nicht zu lange darüber nachdenken konnte, ohne dass es ihm den Atem und den Verstand raubte.

"Ich will dich sicher wissen und du mich. Und jetzt?", sagte er ruhiger, als er sich fühlte.

"Es ist keine Entscheidung, die ich überstürzt getroffen habe", grummelte Sariel. "Ich habe eine ganze Woche mit nicht viel anderem verbracht, als darüber nachzudenken."

"Eine ganze Woche voller Sorge." Daron hob die Hand, wollte ihn berühren, aber ließ sie dann doch wieder sinken. "Das macht keinen klaren Kopf."

Sariel sah ihn an und antwortete nicht.

"Wir haben noch keine Alternative gefunden. Wir haben noch nicht einmal angefangen, nach einem Weg zu suchen, wie du davor geschützt werden kannst", versuchte Daron es erneut. "Das war doch der Plan."

"Das war der Plan, bevor du dich fast umgebracht hast."

Sie drehten sich im Kreis. Frustriert starrte Daron nach unten und auf seine Beine. Weiße Haare. Ja, er hatte sich fast umgebracht. Fast. Und das war es wert gewesen.

"Gib mich frei", drängte Sariel erneut. "Oder versprich mir, dass du mich aufgibst, wenn du merkst, dass du keine Chance hast."

"Das kann ich nicht! Sariel, ich habe nur daran gedacht, dass ich dich nicht gehen lassen kann. Dass, wenn ich nachgebe, sie dich bekommen." Es war vielleicht eine gute Lösung, aber er würde lügen, wenn er ihm das versprach.

Wieder schwiegen sie.

"Ich muss nachdenken", brummte Daron schließlich und stand ächzend auf. Seine Gelenke schmerzten, seine Muskeln waren steif, und er fühlte sich wie ein alter Mann. Ein misstrauischer Blick auf seine Hände zeigte aber nur die vertrauten, rauen Finger, kein Zeichen von Alter.

Sariel starrte wütend und hilflos zu ihm empor, aber rührte sich nicht. Es machte Daron wieder einmal bewusst, wie ungerecht diese vertrackte Situation war. Eigentlich sollte sich sein Freund frei entscheiden können, auch gegen Darons Willen. Sie sollten diskutieren und im Idealfall ließ sich einer überzeugen. Ansonsten machte jeder sein Ding. Nur so machten sie Darons Ding.

Grummelnd humpelte er die wenigen Schritte unter dem Überhang hervor. Es war ein guter Rastplatz, stellte er fest, die farbenfrohe Blumenwiese, der Überhang als Schutz, der kleine Bach für Wasser. Und kaum Möglichkeit für Schatten, Raubtiere oder ähnliches, um ihnen gefährlich zu werden. In den drei Richtungen, die nicht von Felswand begrenzt wurden, fiel die Wiese in einer Steilwand nach unten ab. Man brauchte Flügel, um sie zu erreichen.

Mit geschlossenen Augen hielt Daron sein Gesicht in die Sonne und genoss die Wärme. Sie brauchten eine Alternative. Und zwar jetzt. Sariel hatte ihm einmal seine Seele dargeboten und sich für ihn geöffnet, aber das konnte er nicht jedes Mal tun. Was, wenn Daron einen Fehler machte und ihn... er schauderte. Nein, das wollte er nicht. Und Sariel garantiert auch nicht.

'Aber er vertraut mir mehr als ich ihm. Er vertraut darauf, dass ich ihn nicht verletze, er vertraut darauf, dass ich ihn finden kann. Warum nur? Warum?' Er war ein Kampfmagier, und die waren weder für ihre Sensibilität und ihre Fingerfertigkeit, noch für ihre subtile Anwendung der Magie bekannt. Wäre er eine Blaurobe, könnte er vielleicht versteckt in Sariels Zeichnung Runen hinterlegen, die es ihm ermöglichten, ihn aufzuspüren. Aber das konnte er nicht. Runen zu schreiben, so dass sie wirkten, war weitaus schwerer, als sie aufzulösen.

Er spürte, dass Sariel zu ihm trat, noch bevor er ihn hörte. Daron öffnete die Augen und sah in das dunkle Gesicht hinab, das ihm in jeder Hinsicht zugewandt war. Die Augen waren offen und weit, als wollten sie ihm einen Blick bis in Sariels Herz gewähren. Sie stritten sich, und trotzdem sah Sariel ihn noch mit diesem Blick an. Trotzdem kam er zu ihm, kam ihm entgegen, ging auf ihn zu. War das normal? Es machte, dass er... Dinge für Sariel tun wollte, um ihm zu zeigen, dass sein Vertrauen nicht enttäuscht wurde, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er tatsächlich so viel Vertrauen verdiente.

"Du machst das absichtlich", brummelte er, halb im Scherz. "Wie soll ich nachdenken, wenn du mich so ansiehst?"

Sariel grinste, aber wurde schnell wieder ernst. "Ich weiß, dass du das nicht machst, weil du mich kontrollieren möchtest. Ich weiß, warum du die Verbindung nicht trennen willst, und ich weiß, dass es zu einem gewissen Grad vernünftig wäre, sie bestehen zu lassen. Vermutlich bin ich halb gebunden freier als ich es wäre, wenn du mich ganz frei gibst und der nächste Orden Anspruch erhebt. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Verstehst du?"

Daron verstand. Nur zu gut. Sariel hatte sich entschieden, gleichgültig, was er sagte. Er hatte entschieden, etwas für sich entschieden und musste nun darauf vertrauen, dass Daron diese Entscheidung respektierte. Er hatte keine Wahl, aber er hatte Vertrauen, und das schnürte Daron das Herz zusammen. Wie konnte ein Mann mit Sariels Vorgeschichte nach so kurzer Zeit nur so voller Vertrauen sein? Und er verlangte das gleiche Vertrauen von Daron.

"Warum bist du so?", fragte er heiser. "Wie kannst du dir so sicher mit mir sein?"

Sariels Lächeln war wunderschön und ohne jeden Zweifel. "Hast du jemals auch nur einen Moment daran gezweifelt, dass der Himmel da ist, selbst wenn Wolken ihn bedecken?"

Daron zog ihn an sich und schlang die Arme um ihn, ohne seine Hand loszulassen. Er küsste ihn einmal, zweimal und ein drittes Mal, ehe er ihm versicherte: "Du bist verrückt. Anders ist das nicht zu erklären."

Lachend befreite Sariel seine Hand und legte ihm die Arme um die Schultern. "Das kann ich nicht bestreiten. Sich mit einem selbstmörderischen Kampfmagier einzulassen, erfordert schon ein ordentliches Maß an Wahnsinn."

"In dem Fall hoffe ich, dass dein Wahnsinn nicht so schnell der Vernunft weicht", brummelte Daron und küsste Sariels Nasenspitze. Er zögerte, atmete einmal tief durch, hielt wieder inne, ehe er es endlich sagen konnte. "Sariel, ich gebe dich frei."

Es gab keinen Donnerhall, und sollte der Runenkreis geborsten und nicht nur erloschen sein, war das hier auf ihrem Hochplateau nicht zu bemerken. Sariels Lächeln vertiefte sich, er schob die Hand in Darons Haar und zog ihn näher zu sich, um ihn zu küssen.

"Danke", sagte er einfach, ehe er sich an ihn lehnte und das Gesicht gegen seinen Hals schmiegte. Sein Atem strich über Darons Haut, der schlanke Körper war warm an seinem und wunderbar in seinen Armen. Daron wollte alles tun, um diesen Mann zu beschützen. Aber er wusste auch, dass sein Wunsch, sein Wille und seine Magie nicht genug waren.


Pandorah
Ende