Schattentraum

1.

'Ich weiß, dass es Ihnen absolut widerstrebt, Cunningham. Aber einmal abgesehen davon, dass Sie einer meiner besten Leute sind, sind Sie im Moment der einzige, der frei ist – bis auf Lady Cladsbury. Und Sie wollen doch nicht ernsthaft eine Dame mit einem derartigen Auftrag betrauen, oder?'

Nicholas schob seine Brille mit einer unbewussten Geste nach oben und seufzte nahezu lautlos, als er sich an das Gespräch mit Freedman erinnerte. Natürlich hatte er das nicht gewollt, doch das hieß trotzdem nicht, dass ihm die Idee auch nur im geringsten behagte. Leider hatte er nicht allzu viel Wahl gehabt. Irgendjemand musste sich schließlich um dieses Problem kümmern, das vor einigen Tagen an sie herangetragen worden war, und die junge Fiona Cladsbury in ein Bordell zu schicken, kam nun beim besten Willen nicht in Frage.

Blicklos sah er aus dem schmutzigen Fenster hinaus, aus dem sich schon seit Stunden der gleiche Anblick bot, ein dichter, alter Wald, durch den die Kutsche auf einem einigermaßen ebenen Weg mit nicht allzu vielen Schlaglöchern entlang rumpelte. Nicholas war der einzige Fahrgast, was bei dem Bestimmungsort auch nicht weiter verwunderlich war. Somit hatte er allen Platz für sich, und das war ihm auch durchaus recht.

Er war bereits seit dem Vortag unterwegs, von London aus erst eine Ewigkeit mit der Bahn – ein Verkehrsmittel, das er immer wieder neu wegen seines Komforts und der Geschwindigkeit zu schätzen lernte und das ihn dankbar sein ließ, dass England das größte Schienennetz ganz Europas hatte. Am Morgen war er dann nach einer Nacht Aufenthalt in einem kleinen Dorf in die Kutsche umgestiegen, die ihn zu seinem eigentlichen Ziel bringen würde – Schloss Grimsthorpe.

Mr. Freedman, der Direktor des Kreditinstituts Westminster&Partners und gleichzeitig der Leiter der kleinen Organisation, die sich dahinter verbarg und die sich mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigte, hatte ihm einiges darüber erzählt, was er durch den Auftraggeber und eigene Recherchen hatte herausfinden können.

'Ich bin kein Mann von schönen Worten, das wissen Sie, Cunningham. Schloss Grimsthorpe ist ein Bordell, ein Nobel-Bordell zwar, aber nichts desto trotz ein Bordell.' Nicholas konnte die tiefe Stimme wieder hören, als säße Freedman ihm gegenüber auf der mit dunkelgrünem Samt ausgeschlagenen Bank der Kutsche. 'Der Herr dieses... Schlosses ist Alistair Grimsthorpe, der es von seinem Vater geerbt hat. Das war vor fünfundzwanzig Jahren. Und seit etwa fünfzehn scheint es als das zu dienen, was es jetzt ist.'

/Nobel-Bordell, nur für die Reichen.../ Deswegen war er zu einem Großteil neu eingekleidet worden für diesen Auftrag. Neue, angemessene Tageskleidung, Freizeitkleidung, Abendgarderobe, Nachtwäsche... Gedankenverloren musterte er die schwarzen Stiefel, die halb von Gamaschen bedeckt waren und seine neue, schmale Hose, die zwei Töne heller war als das einreihig geknöpfte, braune Jackett. Mit der hochgeschlossenen Weste in der gleichen Farbe, dem weißen Hemd mit dem Eckkragen und der gelben Seidenkrawatte bildete er das perfekte Bild eines modebewussten jungen Mannes der oberen Schicht. Sein Backenbart war gekürzt worden, wie der Adel es im Moment bevorzugte, und die Melone und der elegante Stock, die seine Erscheinung vervollständigten, lagen auf der Bank gegenüber.

Nicholas strich sich mit beiden Händen durch sein kurzes, braunes Haar und nahm die Brille ab, um sich über die Augen zu reiben. Es war nicht so, dass er sich unwohl in der neuen Kleidung fühlte; durch seine reguläre Tätigkeit für Westminster&Partners hatte er oft genug Kontakt zum Adel, dass er sich in dieser Gesellschaft durchaus bewegen konnte, ohne unangenehm aufzufallen. Doch ausgerechnet für ein Bordell so herausgeputzt zu werden... Nur war es in eben jenem Bordell zu etwas gekommen, das in den Karteien der Organisation als 'Unregelmäßigkeiten' geführt wurde, bis man genaueres herausgefunden hatte.

'Es ist nicht so, dass man diese Einrichtung wie in gewöhnliches Freudenhaus besucht und sich... jemanden für eine Nacht mietet. Sie haben Schlüssel dort, die jeweils zu einem bestimmten Zimmer führen, das zu den Eigenschaften passt, die der Schlüssel repräsentiert. Unser Mandant erwähnte einen Wolfs-Schlüssel, der zu einem Raum gehört, der mit Wolfsfellen dekoriert ist und einen Weinlaub-Schlüssel, bei dem die Wände des Zimmers von eben jenem Weinlaub bedeckt sind. Sowohl der Schlüssel als auch die Hure oder der Lustknabe darin passen offensichtlich ebenfalls dazu. Der Wolfs-Schlüssel weist einen Wolfskopf als Zierelement auf, und der dazu gehörende – sie nennen die Huren, gleichgültig ob weiblich oder männlich, ebenfalls Schlüssel – und der dazugehörige Schlüssel soll einem Wolf sehr ähnlich sein, sowohl von seinem Aussehen als auch von seinem Verhalten her.'

Und dieser Wolfs-Schlüssel war der Hauptgrund, warum der Klient zu ihnen gekommen war. Für einige Wochen war er in seinem Besitz gewesen und hatte das Schloss und seinen Komfort genossen, bis er es vor Angst nicht mehr gewagt hatte, in das Zimmer zurückzukehren. 'Von Tag zu Tag soll der Schlüssel wölfischer geworden sein, je mehr sich der Mond gerundet hat.' Darum saß Nicholas jetzt in dieser Kutsche, die ihn in dieses Bordell bringen würde, in dem Schlüssel ihren Besitzern gehörten, so lange sie für diese zahlten, und zwar wahrhaft astronomische Summen.

Unwillkürlich tastete Nicholas nach dem kleinen, flachen Ebenholzkästchen, das Westminster&Partners von dem Mandant überlassen worden war und das er sicher in der Innentasche des Jacketts verwahrte. Er zögerte kurz, um es dann doch hervorzuholen. Nachdenklich musterte er die kaum zu sehende Gestalt darauf, die sich lediglich durch eine geringfügig andere Lasur von der des restlichen Holzes abhob. Eine stilisierte Menschengestalt, die man gerade noch so als solche erkennen konnte, breitete zwei gigantische, jedoch nur zu erahnende Schwingen aus – einen Engels- und einen Dämonenflügel.

Nicholas öffnete das Kästchen, in dem in einem Bett aus weißem Samt ein Schlüssel lag. Es war nicht der, den er im Endeffekt erhalten würde; dieser hier war eher eine Art Gutschein, der ihn dazu berechtigte, einen der echten zu wählen. Er war aus schwarzem Metall, mit schlichtem Bart und ebensolchem Kopf, welcher, geformt wie ein Blatt, in seiner Mitte einen rund geschliffenen Obsidian einschloss. Was Nicholas irritierte, war die Tatsache, dass man keinen rein schwarzen gewählt hatte, sondern einen Schneeflockenobsidian. Die weiße, wunderschön ausgeprägte Form war sowohl auf dieser als auch auf der Rückseite exakt in der Mitte angeordnet.

"Und du gibst mir soviel Macht über einen Menschen, dass ich fast alles mit ihm tun darf. Das ist abartig!", murmelte er und klappte das Kästchen hastig wieder zu, als wäre es die Schuld des Schlüssels und könnte dadurch versiegelt werden. Er ließ es zurück in die Innentasche seines Jacketts gleiten und lehnte mit einem Seufzen die Stirn gegen die kühle Scheibe, hoffend, dass er sein Ziel endlich erreichte, um diesen Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen zu können.

 

Trotz der unruhigen Fahrt musste Nicholas eingenickt sein, denn als er die Augen öffnete, hatte die Kutsche den Wald hinter sich gelassen. Der Weg war ebener geworden, so dass er nicht mehr derart durchgeschüttelt wurde. Nicholas streckte sich mit einem Gähnen, rückte seine Brille zurecht und sah dann neugierig wieder nach draußen. Sein Blick glitt über flache, grasbedeckte Hügel, die von kleinen Busch- und Baumgrüppchen unterbrochen wurden, über die malerische Ruine eines winzigen, griechischen Tempels, über einen kleinen See jenseits der Straße, um den einige Weiden standen und an dessen Ufern ein Pavillon zum Picknick einlud.

Als die Kutsche den See langsam umrundet hatte, kam Schloss Grimsthorpe in Sicht. Im warmen Licht der Abendsonne wirkte es fast golden, wie ein Traumbild des alten, mächtigen Camelot. Türme und Bastionen ließen den wuchtigen Bau wie aus der Zeit genommen wirken, zur Verteidigung vor jedem mächtigen Feind bereit. Wie Kronen hoben sich die Zinnen aus hellem Granit von den massiven, rot erscheinenden Mauern ab. Das gleiche Grau fand sich in den Schornsteinen und den Umfassungen der zahlreichen, großen Fenster wieder und im wuchtigen Fundament, das jeder Gefahr trotzen zu können schien. Doch die großen Tore standen weit offen, es gab keine Feinde mehr, vor denen man Schloss Grimsthorpe verteidigen musste.

/Zumindest keine, die in Armeen anrücken/, dachte Nicholas in einem Anflug von Sarkasmus. Das, weswegen er hier war, hatte sich bereits im Inneren breit gemacht.

Die Kutsche rumpelte in den weiten Innenhof, umrundete einen kleinen Garten mit Springbrunnen in dessen Mitte und kam vor dem großen Eingangsportal zum Stehen. Ein Diener in grüner Livree erwartete sie bereits; er öffnete den Schlag und verneigte sich. "Willkommen auf Schloss Grimsthorpe, Sir."

"Danke." Nicholas atmete tief durch, griff nach Melone und Stock und stieg aus. Während er sich den Hut aufsetzte und zurechtrückte, ließ er seinen Blick beeindruckt über die mächtige Fassade gleiten, die auch aus der Nähe durch das Abendlicht golden wirkte. Helle Säulen fassten das Tor aus dunklem Holz ein. In dem dreieckigen Überbau war ein Hirsch in einem Schild abgebildet, das Wappen der Familie Grimsthorpe. Obwohl Nicholas sich gerne noch weiter umgesehen hätte, riss er sich dennoch zusammen, um seine Neugierde nicht zu offensichtlich werden zu lassen, und folgte dem Diener ins Innere des Schlosses.

Die große, zweistöckige Halle, die er betrat, sah nicht so aus, wie er sich den Empfangsbereich eines Bordells vorgestellt hatte. Zwar war sie bis auf einen weiteren Diener genauso menschenleer wie der Hof, doch ansonsten war es einfach der Eingangsbereich eines hochherrschaftlichen Adelssitzes. Die Wände waren in freundlichem Gelb gestrichen und brachten das dunkle Holz der beeindruckenden Treppe gegenüber des Tors erst richtig zur Geltung. Sie teilte sich nach einem kurzen Stück in zwei Läufe, die jeweils an einer Wandseite entlang zur Galerie empor führten, die sich direkt über Nicholas befand. Auf ihren mit reichen, geometrischen Schnitzereien verzierten Pfosten standen hölzerne Krieger Wache. In der Mitte der Wand, über dem Antritt der beiden Treppenläufe, ließ ein großes Fenster reichlich Licht in den Raum. Ölgemälde der verblichenen Grimsthorpes schmückten die Wände in goldenen Rahmen. In der linken Ecke befand sich in einer Nische die ebenfalls aus dunklem Holz geschnittene Statue einer Fürstin, die ihren Gegenpart auf der anderen Seite in der Büste eines Fürsten hatte.

Nicholas trat über den hellen Sandsteinboden zu einer wuchtigen, ebenfalls mit Schnitzereien verzierten Theke, hinter der ein Diener stand und ihm wartend entgegen sah. Bei diesem würde er den schwarzen Schlüssel gegen einen der echten eintauschen können, wie ihm Freedman erklärt hatte.

Der junge Mann lächelte freundlich und verneigte sich, wie schon der andere zuvor. "Willkommen auf Schloss Grimsthorpe, Sir. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Soll Ihr Gepäck in ein bestimmtes Zimmer gebracht werden?"

"Danke der Nachfrage, ich kann nicht klagen." Nicholas' Unwohlsein war mit der angenehmen Atmosphäre dieser Halle ein wenig abgeklungen, wenn ihm der Gedanke an einen längeren Aufenthalt jedoch nach wie vor nicht behagte. Er griff in die Jackentasche und holte das schwarze Kästchen hervor, um es auf die dunkle, glänzende Tischplatte zu legen. "Ich habe noch keinen Schlüssel."

Der Diener nahm das Etui entgegen, öffnete es und warf einen kurzen Blick darauf, ehe er es wieder schloss und ein wenig beiseite schob. "Nun, dann haben Sie freie Auswahl, Sir, unter dem, was noch nicht belegt ist. Sie sind zum ersten Mal bei uns zu Gast. Was schwebt Ihnen denn in etwa vor?"

Nicholas hatte es tausendfach gegeneinander abgewogen, was er darauf antworten sollte, auf diese erste Frage, die darauf abzielte, die Interessen einzugrenzen, einfach durch die Wahl des Geschlechts. Wollte er einen männlichen oder einen weiblichen Schlüssel? Für kurze Zeit hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich wenigstens einen weiblichen geben zu lassen, wenn seine liebste Wahl auch nur ein leeres Zimmer gewesen wäre. Doch die einfachste Art, an den Wolfs-Schlüssel heranzukommen, war nun mal die, ihn für sich zu wünschen.

Er schluckte trocken. "Ein... männlicher Schlüssel", erwiderte er endlich und gratulierte sich im Stillen selbst dazu, wie entschlossen und sicher seine Stimme trotz der kleinen, unbeabsichtigten Pause klang.

Der junge Mann lächelte freundlich und holte einen großen, flachen Kasten hervor, der ebenfalls aus Ebenholz gefertigt war und den das gleiche Bild wie die kleine Schachtel schmückte. "Gehen wir doch nach drüben", sagte er höflich und wies in eine Ecke der Halle, in der eine Couch mit bernsteinfarbenen Samtpolstern an einem niedrigen Marmortisch stand. "Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?" Nicholas nickte und folgte ihm, nahm Platz. "Gerne. Haben Sie Chardonay?"

"Selbstverständlich." Der Diener wandte sich kurz ab, um einem anderen eine knappe Anweisung zu geben. Dann legte er den Kasten ab und entfernte dessen Deckel. "Einen Moment Geduld bitte, Sir."

Nicholas sah sich einer kleinen Auswahl von aufwendig gestalteten Schlüsseln gegenüber, die in einem Bett aus weißem Samt ruhten. Leere Mulden bezeugten, dass einige schon vergeben waren.

"Haben Sie weitergehende Vorstellungen, Sir, oder soll ich Ihnen etwas zu den jeweiligen Schlüsseln erläutern, damit Sie dann wählen können?" Der Diener schob den Kasten ein wenig auf ihn zu, um ihm einen besseren Blick darauf zu ermöglichen, während ein junger Mann ein Tablett auf einem Beistelltisch abstellte. Der Diener platzierte das gefüllte Glas vor Nicholas, der auch gleich danach griff.

"Danke." Er nahm einen kleinen Schluck und genoss den weichen, vollen Geschmack, während er die Schlüssel musterte. Das erste, was ihm auffiel, war, dass der Wolfs-Schlüssel nicht dabei war. Enttäuscht presste er die Lippen zusammen und überlegte für einen Moment, doch nach einem weiblichen Schlüssel zu fragen, aber er unterließ es, um nicht zu unentschlossen zu wirken. "Ich bitte um das Letztere."

"Nun, dann haben wir hier zuerst einmal den Kristall-Schlüssel, Sir." Mit einer kleinen Geste wies der Diener auf den ersten der Schlüssel, eine sehr zierliche Kreation mit einem verschlungenen Kopf, in dessen Mitte die sitzende Gestalt eines schlanken Mannes als Kristallfigur eingelassen worden war. "Weißblondes Haar, hellblaue Augen. Neunzehn Jahre alt. Er ist zart und zerbrechlich, wie der Name bereits ahnen lässt. Ein sanfter, scheuer Mann, allerdings auch sehr emotional, wenn er erst einmal Vertrauen gefasst hat."

In Gedanken strich Nicholas ihn bereits aus der Liste der möglichen Kanditaten. Emotionale Bindungen waren nun das allerletzte, was er in einem Bordell wollte. Und erst recht nicht an einen Mann, selbst wenn sein Bruder Matthew am Vermuten war, dass das der Grund dafür war, dass er einfach keine Frau fand.

"Der nächste ist der Weinlaub-Schlüssel", erläuterte der Diener weiter und berührte kurz ein schlichtes, aber ebenfalls sehr schönes Exemplar aus Silber, dessen Kopf von einem filigranen Weinblatt gebildet wurde, auf dem man sogar die zarte Äderung erkennen konnte. "Schwarze Haare, eisblaue Augen. Rain Silberblatt ist sehr verschlossen und ziemlich distanziert, aber fügsam und sehr... flexibel, was seine Behandlung betrifft. Er liebt Musik und Weinranken, was in seinem Zimmer auch nicht zu übersehen ist."

Nicholas hörte geduldig zu, konzentrierte sich auf das, was der Mann erklärte und versuchte verzweifelt, sich nicht hinter jedem Schlüssel den Menschen vorzustellen, dem er doch nicht würde helfen können. 'Sie sind freiwillig hier', hatte Freedman ihm erzählt. 'Sie haben sich lediglich auf eine bestimmte Zeit verpflichtet.'

Doch in dieser Zeit hatten sie jedes Recht auf sich aufgegeben. Wirklich jedes... Dafür wurden sie am Ende auch großzügig entlohnt, wenn man den Quellen glauben mochte. Aber Nicholas konnte sich nicht vorstellen, dass Geld, wie viel es auch sein mochte, das wieder wettmachte, was sie hier unter Umständen erdulden mussten.

"Wünschen Sie noch weiter Informationen, haben Sie Fragen?" Zuvorkommend füllte der Diener das Glas nach, das Nicholas mittlerweile geleert hatte. "Wenn Sie wünschen, lasse ich Sie in Ruhe überlegen und ziehe mich zurück. Sie können sich alle Zeit nehmen, die sie brauchen."

Nicholas schüttelte den Kopf. "Nein danke, ich habe mich entschieden. Ich werde den Weinlaub-Schlüssel nehmen." Er fühlte sich unangenehm dabei, als er feststellte, dass es klang, als hätte er im Restaurant ein Gericht gewählt. /Weinlaub-Schlüssel.../ Dieser hatte immerhin geklungen, als könnte man ihn auf Abstand halten, ohne dass es ihn sonderlich interessieren würde. Und ein wenig räumliche Distanz zum Rest des Bordells war mit Sicherheit auch nicht zu verachten.

"Der Weinlaub-Schlüssel also. Eine gute Wahl." Die dunkle, volle Stimme, die unerwartet hinter ihm erklang, ließ Nicholas sich umdrehen. Ohne dass er es bemerkt hatte, war ein großer, schwarzhaariger Mann hinter ihn getreten, den er anhand der ihm gegebenen Beschreibungen sofort als den Herrn dieses Schlosses erkannte. Er trug einen grünen Frack aus feinstem Tuch, der mit einem großen Knopf an der Taille geschlossen war. Die graue Seidenweste war tiefer geöffnet, als Nicholas es von der Mode gewohnt war, doch kam dadurch die elegante, gelbe Schalkrawatte besser zur Geltung. Die Hose war von der gleichen Farbe wie die Weste, und die schwarzen Stiefel waren zum Teil unter Gamaschen verborgen.

Als Nicholas' Blick zu seinem Gesicht wanderte, hatte er für einen kurzen Moment das Gefühl, als würde sich die Wirklichkeit verschieben, als würde sich die Halle, der Diener auflösen und nur noch er und der große, stattliche Mann vor ihm existieren. Braune, dunkle Augen musterten ihn mit einer brennenden, nahezu verzehrenden Intensität und machten es ihm fast unmöglich, den Blick abzuwenden. Kurzes, schwarzes Haar umrahmte ein leicht von der Sonne gebräuntes Gesicht, das in seiner Ebenmäßigkeit fast das einer Statue hätte sein können, wäre es nicht zu energisch, zu kantig dafür. Die Symmetrie wurde lediglich von den geschwungenen Brauen gestört; die linke war ein wenig schief und verlieh ihm einen leicht spöttischen Ausdruck.

Als Nicholas bemerkte, dass er unwillkürlich die Luft angehalten hatte, glitt die Realität an ihren Platz zurück, und die eigenartige Stimmung löste sich auf. Bevor er auch nur verlegen werden konnte, verzogen sich die sinnlichen Lippen des Mannes zu einem kleinen Lächeln. "Darf ich mich vorstellen? Ich bin Alistair Grimsthorpe, der Herr dieses Schlosses. Ich heiße Sie herzlich willkommen, Sir."

Die warme Stimme klang wie geschmeidiger Samt. Nicholas hatte das Gefühl, als würde sie direkt in seinem Kopf, seinem Körper vibrieren. Ein kleiner Schauer rann seinen Rücken hinab, und er musste sich zusammenreißen, um aufzustehen und die ihm entgegen gestreckte Hand zu ergreifen. Grimsthorpe hatte einen angenehmen, kräftigen Händedruck und verwirrend weiche Haut, stellte er fest, wobei es ihm im gleichen Moment befremdlich schien, das überhaupt registriert zu haben.

"Mein Name ist Nicholas Cunningham", entgegnete er und erwiderte das Lächeln warm, was ihm erstaunlich leicht fiel, wenn er bedachte, wem er gegenüber stand. Er hatte befürchtet, sich beherrschen zu müssen, um sich seine Abscheu nicht anmerken zu lassen, doch das war nicht der Fall, denn überraschenderweise verspürte er keine. "Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen."

"Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl und haben einen angenehmen Aufenthalt." Grimsthorpe hielt seine Hand einen Augenblick zu lange fest, während sich sein dunkler, intensiver Blick nicht einen Wimpernschlag von Nicholas löste. "Sollten Sie Wünsche oder Beschwerden haben, seien Sie so frei und wenden sich direkt an mich. Ich werde tun, was ich kann." Ohne sich umzudrehen, machte er in Richtung des Dieners eine entlassende Geste. "Sie können gehen, ich werde Mr. Cunningham selbst zu seinem Zimmer bringen und ihm alles weiter erklären."

"Wie Sie wünschen, Mylord." Der junge Mann verneigte sich; dann wandte er sich ab und holte den Weinlaub-Schlüssel aus dem Kasten, um ihn in ein kleines Etui zu legen, das dem glich, mit dem Nicholas hier angekommen war, ehe er die restlichen wieder mit sich zur Theke nahm.

"Wir sollten nicht mehr allzu lang in der großen Halle verweilen", erkläre Grimsthorpe mit seiner dunklen Stimme, die erneut ein eigenartiges Vibrieren durch Nicholas' Körper schickte, und wies auffordernd zu der großen Treppe. "Der Abend ist die schönste Zeit im Weinlaubzimmer; das Licht der untergehenden Sonne verleiht ihm einen ganz besonderen Reiz. Wenn wir noch lange warten, ist es dunkel. Man wird Ihr Gepäck nach oben bringen."

Nicholas nickte zustimmend; er nahm das Kästchen mit dem Schlüssel an sich, das überraschend schwer war, und wandte sich in die ihm gewiesene Richtung. Fast vermeinte er, den Blick des Schlossherren in seinem Rücken zu fühlen, als er die Treppe hochstieg. Die kleinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf, und er spürte eine leichte Gänsehaut sein Rückgrat entlang kriechen, die sich verstärkte, als er feststellte, dass er keinen Laut von Grimsthorpe hörte. /Folgt er mir überhaupt?/

"Wie sind Sie auf dieses Schloss aufmerksam geworden, wenn ich derart neugierig sein darf?" Die Stimme direkt hinter ihm hätte ihn fast zusammenzucken lassen, doch es gelang ihm, sich zu beherrschen, auch wenn sein Herz einen Satz machte. /Lautlos wie eine Katze!/

Als er sich zu ihm umwandte, bemerkte er, dass es nicht nur seine Lautlosigkeit war, die dem anderen Mann etwas Katzenhaftes verlieh. Er glitt die Treppe eher empor, als dass er zu laufen schien, und Nicholas ertappte sich aufs Neue dabei, dass er ihn anstarrte. Die Bewegungen des anderen waren beeindruckend geschmeidig und trotz seiner Größe und seiner kräftigen, durchtrainierten Statur, die von dem Jackett kaum verborgen wurde, regelrecht anmutig.

"Über einen Bekannten." Nicholas lächelte nichts sagend und schob seine Brille wieder höher auf die Nase, während er seinen Blick hastig den Bildern zuwandte, die die hellgelben Wände schmückten. Kurz überlegte er, ob es ratsam war, direkt jetzt schon den eigentlichen Grund seines Hierseins anzusprechen und entschied dann, dass es nicht schaden konnte, so lange er es ein wenig ausschmückte. "Er hatte den Schlüssel bereits erworben, ehe er sich dann aus persönlichen Gründen entschieden hat, ihn nicht zu nutzen. Sein Favorit war der Wolfs-Schlüssel, den er mir sehr empfahl, doch dieser stand ja leider nicht mehr zur Verfügung."

Grimsthorpe lachte auf, und seine dunklen Augen blitzten, während er neben Nicholas trat, als sie den oberen Treppenabsatz erreicht hatten. "Wenn Sie sanfte Männer wie den Weinlaub-Schlüssel vorziehen, dann glauben Sie mir, Mr. Cunningham, wäre der Wolfs-Schlüssel nichts für Sie. Er ist fordernd, gleichzeitig jedoch zurückhaltend, und wenn man ihn in die Enge treibt, sehr angriffslustig."

Ein Diener öffnete ihnen eine Tür, durch die sie in einen gestreckten Raum traten, die lange Galerie, wie der Lord kurz erklärte. Auch diese war in hellem Gelb gestrichen. Rundbögen, die nach jedem dritten Fenster folgten, unterteilten sie in regelmäßigen Abständen. Nun am späten Nachmittag waren weder die Kerzen der großen Kronleuchter, noch die stilvollen, Kerzenhaltern nachempfundenen Gaslampen angezündet; die untergehende Sonne spendete genügend Licht. Die rosιfarbenen Samtbezüge der Sessel fanden ihren Gegenpart in den schweren, nur eine Nuance dunkleren Vorhängen, die von einer breiten Zierbordüre bis hinab zum hellen, gewienerten Holzboden reichten.

Im Gegensatz zu der großen Halle war die lange Galerie jedoch nicht menschenleer. An einem runden Tischchen unter einem der Fenster saß eine elegant gekleidete Frau, ihr gegenüber ein zierlicher, junger Mann, der ihr aus einer Zeitung vorlas. Daneben suchte sich ein anderer Mann ein Buch aus einem der zahlreichen Regale, die mit verschnörkelten Gittertüren verschlossen waren, welche eher der Zierde als der Sicherheit dienten. Weiter hinten standen mehrere Herrengrüppchen beieinander und unterhielten sich angeregt.

Während Grimsthorpe im Vorbeigehen der sitzenden Frau höflich zunickte, wies er auf die Türen, die der Fensterfront gegenüber lagen. "Dahinter befinden sich zum Teil die Gästezimmer. Ihres ist jedoch in einem anderen Teil des Schlosses untergebracht – ein wenig abgelegen", erklärte er Nicholas. "Zu jedem Raum gibt es einen offiziellen Schlüssel wie der, den Sie jetzt Ihr eigen nennen und einen für die Schlossleitung. Immerhin kann es ja sein, dass Sie den Ihren mitnehmen, dann müssen wir dafür Sorge tragen, dass das Zimmer trotzdem gepflegt bleibt und der Schlüssel versorgt wird. Eine weitere Möglichkeit ist natürlich, dass Sie Ihren verlieren; auch für diesen Fall ist der Ersatz wichtig. Doch es würde niemandem aus der Dienerschaft einfallen, mit diesem Nachschlüssel in Ihr Zimmer einzudringen, so lange Sie hier sind und nicht ausdrücklich danach verlangen, wie zum Saubermachen beispielsweise."

Nicholas nickte, während er sich im Stillen darüber zu ärgern begann, dass er ganz offensichtlich einen für seinen Auftrag nicht sehr geeigneten Schlüssel ausgesucht hatte, als ihm langsam die Nachteile bewusst wurden, die ein abgelegenes Domizil mit sich brachte. Es würde eindeutig schwerer werden, den Wolfsmann zu finden oder mit dessen jetzigem Besitzer in Kontakt zu treten. Doch ihn nun noch einmal zu wechseln, kam nicht in Frage. Offiziell gab es keinen Grund dafür, es würde nur misstrauisch machen. Also blieb lediglich eine Möglichkeit; er musste das Beste aus seiner insgesamt sehr unangenehmen Situation machen und jede Gelegenheit nutzen, um möglichst unauffällig Informationen zu sammeln und sich gleichzeitig wie jemand verhalten, der aus freiem Willen hier war, weil er Gefallen daran fand.

Ein älterer Mann, der eben aus einer Fensternische herausgetreten kam, nickte ihnen kurz zu, ehe er zu einer der Türen ging und sie öffnete. Nicholas konnte einen kurzen Blick auf den ganz in Blau gehaltenen Raum dahinter erhaschen und auf eine junge, ebenfalls in zartes Blau gekleidete Frau, die auf den Mann zugelaufen kam, um vor ihm auf die Knie zu sinken. Nicholas spürte Abscheu in sich aufwallen, doch dankbarer Weise schloss sich die Tür und versperrte ihm die weitere Sicht. "Ich habe gehört... man könne mit den Schlüsseln... machen, was man will", sagte er und hoffte auf eine verneinende Reaktion, auch wenn er nicht wirklich damit rechnete.

Grimsthorpe antwortete nicht sofort, und Nicholas war überrascht, den Anflug von Dunkelheit über seinem Gesicht zu entdecken, als er zu ihm sah. Die brennenden Augen suchten seine, als der Lord stehen blieb, und Nicholas hatte das Gefühl, als würde er ihn regelrecht sezieren, um herauszufinden, welche Absicht hinter dieser Frage steckte. Er erwiderte den Blick, während er die Kälte abzuschütteln versuchte, die ihn mit einem Mal befiel.

Der unberührten Miene des Lords sah man nicht an, was er dachte, als er schließlich ein höfliches Lächeln aufsetzte und weiter ging. "Nicht ganz, Mr. Cunningham. Es kommt zu einem großen Teil auf den Schlüssel an. Bei manchen gibt es Einschränkungen, auf die wir unsere Kunden aufmerksam machen, wenn sie sich für einen von ihnen entscheiden. Der Wolfs-Schlüssel beispielsweise ist nicht dafür bekannt, dass er Schmerzen mag. Deswegen wird – und darf – er sich wehren, wenn ein Herr ihm welche zufügen will. Bei dem Weinlaub-Schlüssel hingegen sieht es anders aus. Bei ihm... ist... alles erlaubt. Es wird allerdings auch bei jenen wie ihm nicht gerne gesehen, wenn sie dauerhaft beschädigt werden."

Allein die Art, wie Grimsthorpe darüber sprach, bewirkte, dass sich Nicholas fast der Magen umdrehte. /Abartig! Sobald ich im Fall des Wolfsmenschen genaueres weiß und entsprechende Schritte deswegen einleiten kann, werde ich irgendwie dafür sorgen, dass dieses Etablissement geschlossen wird!/ Andererseits war das vermutlich ein mehr als schwieriges Unterfangen, denn von Freedman wusste er, dass hier auch hochadlige Herrschaften und einige Personen aus dem Geldadel zu verkehren pflegten. Grimmig biss er die Zähne zusammen. Das hieß aber trotzdem nicht, dass er gar keine Chance haben würde.

"Wir haben mit jedem Schlüssel einen Vertrag abgeschlossen", erklärte der Lord ungerührt weiter, "der eine gewisse Laufzeit hat und in dem die Details des Aufenthalts festlegt sind. Deswegen dürfte Ihnen aber auch klar sein, dass der Tod eines Schlüssels nur in absoluten Ausnahmefällen tragbar ist. Kein vernünftiger Mensch unterschreibt einen Vertrag, in dem sein Tod beschlossen wird."

"Ich habe nicht vor, diesen Schlüssel auch nur zu verletzen", entgegnete Nicholas trocken, er konnte sich einfach nicht mehr zurückhalten. Auch wenn er nicht alles sagen konnte, was er dachte, wollte er doch zumindest ein paar Dinge klarstellen. "Ich kann mich nicht entspannen, wenn es denen in meiner Umgebung, die für mein Wohlergehen sorgen sollen, nicht zumindest einigermaßen gut geht."

"Es freut mich, das zu hören." Grimsthorpe lachte auf, ein tiefes, weiches Lachen, in dem ein Laut wie von einer schnurrenden Katze mitschwang, während er zuvorkommend eine Tür öffnete und eine einladende Geste machte. "Hier entlang, bitte."

Sie folgten einem Gang, der nur von wenigen Gaslampen erleuchtet wurde und der im Gegensatz zur langen Galerie fast schäbig wirkte. Die geschlossenen Türen zu beiden Seiten erschienen abweisend, als würden sie Geheimnisse hüten, die keines Menschen Auge je erblicken sollte. Viele Generationen hatten die Steinplatten des Bodens ausgetreten, und keine Bilder schmückten die Wände, nur einige altertümliche Äxte und Schwerter. Am Ende befand sich eine schlichte Wendeltreppe, die mehrere Stockwerke überspannte, die sie empor stiegen, jedoch bereits nach dem ersten Absatz wieder verließen, um in einen kleinen Vorraum mit mehreren Türen zu gelangen.

Der Lord öffnete die größte von ihnen, die als einzige auch eine schlichte Zierbordüre aufwies, und trat ein, um sie dann für Nicholas aufzuhalten. An ihm vorbei konnte dieser in den dahinter liegenden Gang blicken, der fast genauso prunkvoll wie die lange Galerie war, doch im Gegensatz zu dieser menschenleer. Hier hielten sich keine Gäste auf, nicht einmal Diener waren zu sehen.

Der Boden aus dunklen Dielen, zur Mitte hin bedeckt von einem robusten, schlichten Sisal-Teppich, war rau und wirkte ausgetreten. Beidseitig wurden die Wände von großen, mit Bleiglasfenstern ausgestatteten Nischen unterbrochen, in denen Holzbänke zum Sitzen einluden, fantasievoll gestalteten Schnitzereien verbargen die Mauern dazwischen. Verspielte Ornamente wechselten sich mit Mythenwesen ab, die aufmerksam und beobachtend aus starren Augen auf Nicholas herab zu sehen schienen. Auch hier standen Stühle, deren Sitzflächen mit grünem Samt bezogen waren. Die helle Decke mit den sparsamen, geometrischen Stuckornamenten bildete einen angenehmen Kontrast zu dem dunklen Holz.

Doch alles wirkte alt und verlassen. Das Holz war stumpf und glanzlos, die Samtbezüge schienen verblasst und abgenutzt, ohne es wirklich zu sein. Trotz der großen Fenster war das Licht grau und wie von Nebel durchzogen, die Luft roch schal und abgestanden.

Nicholas spürte einen fast greifbaren Widerstand, als er dem Lord folgte und den Gang betrat. Ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinab, und als die Tür hinter ihm mit einem dumpfen Laut ins Schloss fiel, zuckte er zusammen. Er hatte das Gefühl, die Wände würden sich ihm zuneigen und zu schwanken beginnen, enger werden, ihn erdrücken zu wollen. Die leeren Augen der Holzfiguren wandten sich ihm zu, ohne sich im geringsten zu bewegen und starrten ihn an. Mit einem Schlag erfüllte ein bedrohliches Wispern die rapide abkühlende Luft.

"Ist Ihnen nicht gut, Mr. Cunningham?" Grimsthorpe griff nach ihm, um ihn zu stützen; und Nicholas merkte erst in dem Moment, dass er schwankte. Als sich die starken Arme um ihn schlossen, konnte er die Wärme des kräftigen, durchtrainierten Körpers durch den Stoff hindurch spüren, und für einen winzigen Augenblick vermeinte er, wie aus weiter Ferne den gleichmäßigen, ruhigen Herzschlag zu hören.

"Mr. Cunningham?" Dieses Mal holte ihn die tiefe, fast besorgt klingende Stimme zurück in die Realität. Nicholas atmete tief durch, während er sich hastig von Grimsthorpe befreite.

"Es geht schon, danke." Verärgert spürte er die Schamesröte in seinen Wangen, die diese peinliche Situation noch schlimmer machte, während er sein Jackett glatt zog und sich fragte, was eben mit ihm geschehen war. Die geschnitzten Figuren waren regungslos und starr, ihre toten Augen blicklos ins Nichts gerichtet. Die Wände standen fest und unverrückbar. Vereinzelte Sonnenstrahlen bildeten feine Streifen aus Licht in der leicht dunstigen, aber warmen Luft. "Das Zimmer des Weinlaub-Schlüssels ist wirklich ziemlich abgelegen", bemerkte er ablenkend.

Grimsthorpe nickte langsam, wandte seinen durchdringenden Blick aber nicht von ihm, als befürchtete er, sein Gast könnte jeden Moment wieder unter einem neuen Schwindelanfall leiden. "Ja, das ist es. Ich hatte es vorhin schon erwähnt. Sie müssen jedoch keine Bedenken haben, dass der Service darunter leiden würde. Wollen Sie trotzdem lieber ein anderes Zimmer?"

Nicholas zögerte, doch dann schüttelte er den Kopf, während seine Gedanken nach wie vor um diese eigenartige Wahrnehmung der Realität kreisten, die er eben zu spüren bekommen hatte. Er zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass es mehr als ein einfaches Kreislaufproblem gewesen war. In wesentlich schwächerer Form hatte er so etwas schon mehrfach gefühlt, ein Grund, warum Freedman ihn gerne mit zweifelhaften Aufträgen betraute. "Nein. Danke. Ich habe gewählt, ich werde dabei bleiben", erklärte er entschieden. Jetzt erst recht. "Gibt es einen Grund, warum der Raum so abgelegen ist?"

Mit einem gleichgültigen Schulterzucken wandte Grimsthorpe sich ab. "Nun, er hat dieses Zimmer gewählt, weil es ihm gefallen hat."

/Und weil man die Schreie nicht hört./ Ein kalter Schauer rann Nicholas den Rücken hinab, als der Gedanke so laut und deutlich in ihm widerhallte, als hätte der Lord direkt in seinem Kopf gesprochen. Doch das war nur eine Einflüsterung seiner überladenen Phantasie; mittlerweile hatte er gelernt, sie von echten Eingebungen zu unterscheiden. Trotzdem schluckte er trocken, ehe er sich zusammenriss und Grimsthorpe folgte, auch wenn ihn seine Instinkte warnten, dass es besser wäre umzukehren. Zwar gehörte Nicholas nicht zu den Leuten, die ihrem siebten Sinn misstrauten, dafür hatte er zu oft das Gegenteil bewiesen bekommen, aber er folgte ihm nicht blind.

Aufmerksam, jedoch unauffällig sah er sich um, als sie den Gang weiter hinabliefen, an Fenstern vorbei, die durch das schlierige Glas zwar einen sehr schönen Lichteinfall bewirkten, jedoch effektiv den Blick nach draußen verwehrten – und auch von außen hinein, wie Nicholas in einem sarkastischen Anfall feststellte.

Am Ende des Ganges, direkt vor der nächsten Tür – und auch der einzigen – blieb Grimsthorpe stehen. "Hier wären wir, Mr. Cunningham. Ihr Gepäck dürfte bereits im Zimmer sein."

Nicholas nickte, während er den Blick über das geschnitzte Holz gleiten ließ, das an dieser Stelle noch dunkler als im Rest des Ganges zu sein schien. Die Tür selbst war vollkommen glatt, jedoch von einer samtigen Rauheit, die das Licht zu verschlucken schien. Zu ihren Seiten zogen sich unregelmäßig ineinander verwundene Säulen empor, die wie die knorrigen Reben eines Weinstocks wirkten, und die oberhalb in dichtes Blättergewirr übergingen, das bis zur Decke empor reichte und zum Teil sogar auf diese übergriff – die einzige Stelle des Ganges, an der man zu diesem Mittel der Dekoration gegriffen hatte. Im schwindenden Licht des Tages wirkte es bedrohlich, als würde es weiterwachsen, unaufhaltsam wie ein Geschwür. Schaudernd wandte Nicholas den Blick ab. "Danke für Ihre Begleitung, Mylord."

"Es war mir ein Vergnügen." Wieder zog dieses irritierende Lächeln über das attraktive Gesicht des Lords, als er sich kaum merklich verneigte. "Wenn Sie Lust haben, kommen Sie doch zum Essen in den großen Speisesaal. Dort treffen sich abends immer einige Gäste, die zusätzlich zu ihren Schlüsseln Gesellschaft suchen. Ebenso stehen Ihnen natürlich die lange Galerie und die verschiedenen Salons offen, sollten Sie sich einsam fühlen. Ich würde mich freuen, Sie dort ebenfalls begrüßen zu dürfen. Um den Weg brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, Ihr Schlüssel kennt sich hier aus und wird Sie gerne begleiten."

Nicholas erwiderte das Lächeln, diese Neuigkeit stimmte ihn deutlich zufrieden. Mochte dieses Zimmer so abgelegen liegen, wie es wollte, offensichtlich gab es doch unauffällige Möglichkeiten, den Besitzer des Wolfs-Schlüssels kennen zu lernen. Mit einem Mal war er wieder dankbar für die Abgeschiedenheit. So würde es weniger auffallen, wenn er mit seinem Schlüssel nicht das unternahm, was man in einem Etablissement wie diesem wohl erwartete. Und er saß direkt in der Nähe dieses seltsamen Störfeldes. "Ich danke Ihnen. Heute Abend werde ich wohl noch brauchen, um mich einzurichten und mich ein wenig mit den Gegebenheiten vertraut zu machen, doch ich denke, ich werde schon bald auf Ihre freundliche Einladung zurückkommen."

"Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Abend, Mr. Cunningham." Grimsthorpes Lächeln vertiefte sich noch, und für einen Moment schenkte er Nicholas einen äußerst intensiven Blick aus seinen brennenden Augen. Ein eigenartiges, warnendes Kribbeln rann durch Nicholas' Körper und explodierte in kleinen Wolken in seiner Magengrube, als der Lord sich in katzenhafter Geschmeidigkeit abwandte und ging.

Nicholas sah ihm hinterher, ohne sich zu rühren, konnte es nicht, seine Gedanken waren wie leergefegt. Erst als sich die Tür hinter dem anderen schloss, wurde er aus seiner Starre gerissen, und er blinzelte benommen.

"Gott, was war das?", murmelte er verwirrt, während seine Hand fast automatisch das Zeichen des Herrn vor seiner Brust zog. Zwar hatte er nie festgestellt, dass es half, sich zu bekreuzigen, doch geschadet hatte es bislang auch noch nicht.

Er atmete tief durch und drehte sich zu der Tür um, ehe er das Etui aus seiner Jacketttasche hervorzog, es öffnete und auf den Schlüssel herabsah, auf dieses kleine, so unschuldig wirkende Kunstwerk aus Silber. Dann straffte er sich entschlossen und steckte ihn in das einfache Schloss. Lautlos schwang die schwere Tür auf.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig