Schattentraum

2.

Das Licht der Abendsonne tauchte den weitläufigen Raum in warmes Gold und verlieh den hellen Mauersteinen einen geheimnisvollen Schimmer. Das große, bogenförmige Fenster, das einen Großteil der gegenüberliegenden Wand einnahm und das von einem schweren, schmiedeeisernen Gitter verschlossen wurde, gab den Blick auf den Park frei, auf weite Wiesen, uralte Eichen und Buchen und im Abendlicht glitzernde Seen.

Erst als Nicholas die dünnen, goldenen Vorhänge im lauen Abendwind wehen sah, registrierte er, dass die Scheiben nicht einfach besonders klar und fehlerlos gegossen waren, sondern dass es schlicht keine gab. Befremdet bemerkte er die Weinreben, die durch die Öffnung in das Zimmer rankten und auf den rauen Steinen hervorragend Halt fanden. Zwar hatte der Diener sie erwähnt, jedoch hatte Nicholas nicht damit gerechnet, dass der Wein von draußen herein wachsen würde. An den Stellen, die er noch nicht erreicht hatte, verbargen dunkelrote, schwarze und violette Stoffbahnen die Mauersteine.

Links der Fensteröffnung befand sich ein großes Erdbecken, aus dem eine Eiche wuchs, die bereits eine beachtliche Höhe erreicht hatte. Sie reckte ihre Zweige sowohl über den Rundbogen des Fensters als auch über das wuchtige Himmelbett, das in der linken Ecke stand. Die Pfosten aus dunklem Holz waren mit geschnitzten Weinreben versehen, die wirkten, als würden sie zu dem weinblattroten Betthimmel empor ranken. Das Kopfende zeigte dasselbe Motiv.

Darunter waren mehrere Kissen dekorativ verteilt, die in ihren hellen, bernsteinfarbenen Tönen zu der dunklen, eigenartig schimmernden Bettwäsche passten. Dicke Kerzen brannten in einigen hohen, um das Bett angeordneten Silberleuchtern, von denen nicht einer dem anderen glich.

Nicholas' Blick glitt über den schwarzen, weichen Teppich, auf den in Silber und Blutrot Trauben und Weinblätter aufgestickt worden waren. Rechter Hand entdeckte er drei bogenförmig angelegte Stufen, die sich durch die gesamte Länge des Zimmers zogen und zu einer leicht erhöht gelegenen Eben führten. Dort befand sich ein großer, schlichter Kamin, vor dem der Teppich einem Funkenfänger aus dem gleichen Stein wie dem der Mauern wich. Nahe dem Fenster stand ein wuchtiger, bis auf einige wild verteilte Blätter Papier leerer Schreibtisch. Auf der gegenüber liegenden Seite waren drei Sessel um einen niedrigen Tisch gruppiert, deren mattes Wildleder die Farbe von dunklem Honig hatte.

Gerade, als Nicholas sich zu fragen begann, wo Rain Silberblatt war, der doch eigentlich hier hätte sein sollen, hörte er das leise Rascheln links neben sich. Hastig drehte er sich um, nur um zu spüren, wie ihm die Realität ein weiteres Mal an diesem Tag entglitt.

Vor seinen geöffneten Koffern, die in dieser Ecke des Zimmers abgestellt worden waren, stand ein schlanker, junger Mann, der offensichtlich gerade damit beschäftigt gewesen war, seine Sachen in den hinter einem der Dekorstoffe verborgenen Kleiderschrank zu räumen. Er war fast einen Kopf kleiner als Nicholas, was durch seine zierliche Statur noch betont wurde. Sein seidiges, schwarzes Haar, das ihm weich über die Schultern bis fast zur Taille hinabfiel, und das schwarze, eng anliegende Oberteil, dessen Ärmel an den Handgelenken in weite, ebenfalls schwarze Spitzenaufschläge übergingen, betonten die unglaubliche Blässe der feingliedrigen Hände und des schmalen Gesichts noch weiter.

Niemals zuvor hatte Nicholas derart zarte Züge gesehen. Sie ließen die von langen Wimpern umrandeten, eisblauen Augen, die ihn wie aus weiter Ferne anzublicken schienen, nur um so größer wirken. Die gerade Nase und die hohen Wangenknochen verliehen dem jungen Mann etwas Erhabenes, nahezu Unberührbares, und die Traurigkeit, welche die sinnlichen, aber schmalen Lippen umspielte, schien den Gedanken an Küsse zu verbieten.

Zudem umgab ihn eine Aura der Melancholie, die Nicholas beinahe wie ein unsichtbares Schutzschild spüren konnte. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch das schwarze, breite Lederband, das er um den Hals trug, und das diesen regelrecht zerbrechlich erscheinen ließ. Doch es war nicht nur das. Insgesamt wirkte der Mann so filigran, als könne man ihn nicht berühren, ohne ihn zu zerstören.

/Wie kann man ihm nur weh tun?/, fragte sich Nicholas benommen, als ihm die Worte Grimsthorpes wieder einfielen, dass Rain zu den Schlüsseln gehörte, bei denen alles gestattet war. /Was muss man für ein Mensch sein, um dieses zierliche Wesen verletzen zu wollen?/

In dem Moment brach der junge Mann den Bann, indem er den Blick abwandte und anmutig vor Nicholas auf die Knie sank.

"Willkommen im Weinlaub-Zimmer, Herr", sagte er weich, jedoch ohne besondere Betonung, scheinbar ohne irgendein Gefühl. "Ich bin Rain Silberblatt, Euer Schlüssel."

Trotzdem schickte seine Stimme einen warmen Schauer durch Nicholas. Sie war ein wenig tiefer, als er vermutet hatte, warm und voll. Doch seine Worte machten den Eindruck fast wieder zunichte. Nicht, dass Nicholas es ihm verübelt hätte, es war vermutlich das, was die meisten seiner Besucher von ihm erwarteten. Aber er mochte diese Art der Unterwürfigkeit nicht im Geringsten.

"Danke für Ihr Willkommen, Mr. Silberblatt", entgegnete er und hatte ein wenig Probleme mit der Aussprache dieses fremdartigen Nachnamens. "Mein Name ist Nicholas Cunningham. Und bitte, knien Sie doch nicht vor mir."

"Wie Sie wünschen, Mr. Cunningham." Zustimmend neigte Rain den Kopf ein wenig, ehe er mit der gleichen Geschmeidigkeit wieder aufstand, mit der er sich auch hingekniet hatte. Einen Moment schien er innezuhalten und zu überlegen, dann umfing er mit einer zierlichen Geste das ganze Zimmer. "Es steht alles zu Ihrer Verfügung, Sir. Das Bad befindet sich rechts neben der Tür, hinter dem violetten Vorhang. Wenn Sie etwas wünschen, müssen Sie es mir nur sagen. Ich werde tun, was ich kann."

Wieder machte er einen Augenblick Pause, in der Nicholas fasziniert seine eisblauen Augen betrachtete, die trotz des melancholischen Schattens, der über ihnen lag, aus seinem blassen Gesicht heraus zu leuchten schienen. "Wünschen Sie, zu Abend zu essen?", fuhr Rain schließlich fort, als hätte er sich erinnert, was er nun zu fragen hatte, obwohl ihn die Antwort nicht wirklich interessierte.

"Ja, gerne." Nicholas nickte etwas irritiert; so hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hatte mit geflissentlichem, gespieltem oder vielleicht auch verängstigtem Eifer gerechnet, nicht jedoch mit einer Haltung, die keine Höflichkeit vermissen ließ und ihn auf eine eigenartige Weise trotzdem zu ignorieren schien. Er fühlte sich nicht unerwünscht, sondern einfach nicht wirklich vorhanden.

Dieser Eindruck verstärkte sich nur noch, als Rain leicht den Kopf senkte und scheinbar ohne ihn zu beachten über eine der Taschen stieg. Doch dann blieb er vor ihm stehen, nahm ihm Stock und Melone ab, um beides in den Schrank zu legen und ihm anschließend auch noch aus dem Jackett zu helfen, das er ebenfalls weghängte.

Dann ging er an Nicholas vorbei zur Tür. Nicholas wandte sich um und verfolgte seinen Weg, der wirkte, als würde er ihn jeden Tag in dem Moment zurücklegen, ob nun jemand im Zimmer war oder nicht. Der junge Mann drückte einen der drei Klingelknöpfe, die neben der Tür in einer schlichten Holzleiste in die Wand eingelassen worden waren, ehe er sich ein wenig zu Nicholas umdrehte, um ihn anzusehen. Doch der Blick schien ihn nicht wirklich zu erfassen, selbst wenn sie Augenkontakt hatten.

"Sollten Sie einmal selber jemanden rufen müssen, bedienen Sie sich dieser Klingeln", erklärte Rain mit seiner weichen, monotonen Stimme. "Der oberste ist für die Küche, der darunter setzt den Hausarzt davon in Kenntnis, dass er in diesem Zimmer gebraucht wird, der letzte ruft einen Botenjungen, der sich um alle sonstigen Belange kümmern wird. Sei es, dass Sie einen Brief verschicken wollen oder Wünsche haben, die nicht in diesem Zimmer zu erfüllen sind wie beispielsweise ein Grammophon. Haben Sie besondere Vorstellung bezüglich des Essens oder soll ich einfach bestellen?"

"Bestellen Sie nur. Aber ich hätte gerne eine gute Zigarre im Anschluss." Im Zusammenhang mit dem, was Lord Grimsthorpe ihm auf dem Weg hierher erklärt hatte, erschien Nicholas der besondere Knopf für den Arzt ziemlich makaber. "Und bitte fordern Sie eine Flasche Bourbon mit", fügte er dazu, als ihm aufging, dass der junge Mann in seine Erklärung keine Hausbar eingeschlossen hatte.

Rain neigte bestätigend den Kopf, erwiderte jedoch nichts. Irritiert beobachtete Nicholas, wie er wieder zu den Koffern zurückkehrte und erneut damit begann, die Kleidung in den Schrank zu räumen. /Als wäre ich nicht da./ Eine Weile sah er ihm zu, beobachtete Rains Anmut in jeder seiner Bewegungen, bewunderte das zarte, schöne Gesicht, bis ihm bewusst wurde, was er tat. Ärgerlich wandte er den Blick ab und straffte sich, um erst einmal das Zimmer genauer zu inspizieren.

Den Teppich mochte er auch nach näherem Hinsehen nicht, er war ihm zu dunkel, und die Motive wirkten ihm zu aufdringlich, doch er würde ihn wohl kaum entfernen lassen können. Was er aber für den nächsten Tag vormerkte, war, dass er diese Tücher von den Wänden nehmen lassen würde. Die Farben erdrückten ihn in ihrer Mischung. Da er aber notgedrungen hier ein paar Wochen verbringen musste, wollte er sich zumindest so wohl wie möglich fühlen.

Er schob den Vorhang beiseite, der den Blick auf die Tür zum Bad versperrte, öffnete sie und trat ein. Das ruhige, weiche Licht von mehreren Gaslampen empfing ihn. Da der Raum fensterlos war, brannten sie vermutlich den ganzen Tag über, und Nicholas fragte sich kurz, ob sie nachts gelöscht wurden.

Besonders luxuriös war es nicht; in einer Nische, halb verborgen vom Rest des Bades, befand sich die Toilette. Das Waschbecken und die einfache Badewanne schienen aber über fließendes Wasser zu verfügen, was ihm ein Lächeln entlockte und in ihm den Wunsch nach einem heißen Bad erweckte. Doch er verschob es auf später.

Stattdessen trat er zum Waschbecken, legte seine Brille auf das kleine Bord und drehte den Hahn auf. Er spritzte sich eine Hand voll kaltes Wasser ins Gesicht, rieb sich den Nasenrücken und starrte dann kurzsichtig blinzelnd in den Spiegel. Sein ein wenig müde wirkendes Spiegelbild erwiderte seinen Blick ebenso blinzelnd.

Unwillkürlich musste Nicholas an seinen Bruder Matthew denken, der die gleichen braunen Augen mit den gleichen kurzen, aber dichten Wimpern hatte wie er, die gleichen gerade Brauen, die gleiche gerade Nase. Nur Nicholas' Mund war breiter, was er nicht wirklich mochte, und seine Gesichtszüge waren etwas kantiger, dafür schmaler. Er fand, dass es nicht ganz zueinander passte, doch Matthew hatte es nicht einmal als scherzhaften Vorschlag dafür gelten lassen, dass er noch keine Frau gefunden hatte.

Nachdenklich sah Nicholas sich in die Augen.

'Du weißt, dass ich es nicht sonderlich mögen würde, aber ich würde es akzeptieren, Nick', hatte sein Bruder gesagt und ihm die Haare gezaust, als wäre er noch ein Kind. Und Nicholas hatte sich in dem Moment auch wie eines gefühlt, obwohl er bereits achtundzwanzig war. Matt schaffte das oft, was vielleicht auch damit zusammenhing, dass er ihn zu sich genommen und aufgezogen hatte, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Nicholas war damals erst zehn gewesen, doch Matt hatte mit seinen siebzehn Jahren bereits eine Stelle gehabt, eine eigene Wohnung und eine Frau. 'Das einzige, was ich von dir verlange, ist, dass du ehrlich bist. Zu mir auch aber ganz besonders zu dir.'

Ehrlichkeit. Matt hatte immer Ehrlichkeit verlangt. Und Nicholas hatte ihn nie angelogen. Selbst verschwiegen hatte er ihm so gut wie nie etwas. Matt wusste sogar von seiner Arbeit in der Organisation hinter Westminster&Partners, obwohl er, rational denkend wie er war, nicht an Übersinnliches glaubte und es für Unfug und Zeitverschwendung hielt. Trotzdem hatte er nie versucht, es ihm auszureden. Doch was sein Verhältnis zum eigenen Geschlecht betraf, war Matt der Meinung, dass Nicholas sich selber belog, und das konnte und wollte er nicht akzeptieren.

Mit einem lautlosen Seufzen strich Nicholas sich das Wasser aus dem Backenbart, fuhr mit beiden Händen durch sein kurzes, braunes Haar, um es in eine halbwegs geordnete Form zu bringen und setzte die Brille wieder auf. Für einen Moment erschien das Bild des attraktiven Lords vor seinem inneren Auge, brachte dessen Wirkung auf ihn wieder in Erinnerung und ließ ihn unangenehme Fragen stellen. Hastig schob er den Gedanken von sich, wie er es immer tat. Zwar machte er ihm nicht direkt Angst, bescherte ihm jedoch handfestes Unbehagen.

Als er etwas später wieder zurück in das eigentliche Zimmer kam, hatte Rain die Gaslampen und die Kerzen des Kronleuchters, der von der Mitte der Decke hinab hing, angezündet. Nicholas trat zu den Koffern, öffnete einen, an dem Rain bis jetzt noch nicht gewesen war, und holte seine Aktentasche hervor. Sich bewusst nicht mehr nach dem jungen Mann umdrehend, durchquerte er das Zimmer, stieg die drei Stufen zu der höher gelegenen Ebene empor und trat an den Schreibtisch.

Während er die Tasche ablegte, glitt sein Blick über die glänzende, dunkle Fläche, über die mehrere lose Blätter verteilt waren. Einige waren in zierlicher, kleiner Handschrift dicht an dicht mit Noten beschrieben, ohne dass auch nur ein erklärendes Wort dazu gefügt worden wäre. Keine Seitenzahl, keine Titel, kein Text.

Fragend sah Nicholas sich zu Rain um, doch der war immer noch mit den Koffern beschäftigt und kümmerte sich nicht im geringsten darum, was er tat. Nicholas zuckte mit den Schultern, räumte die Blätter beiseite und legte sie neben einen Stapel, dessen oberstes Blatt die Tuschezeichnung eines alten, knorrigen Baumes zeigte.

Er öffnete seinen Aktenkoffer, holte ein Notizbuch hervor und den schwarzen, teuren Füllfederhalter, eines der kleinen, neuen Luxusaccessoires, die seine Rolle glaubhafter gestalten halfen. Während er in einer unbewussten Geste seine Brille wieder höher auf die Nase schob, öffnete er mit der anderen Hand das Buch, das noch vollkommen unbenutzt war und dazu dienen würde, seine Gedanken und Beobachtungen während dieses Auftrags zu sammeln, zu strukturieren und festzuhalten.

Er würde acht geben müssen, dass es dem Weinlaub-Schlüssel nicht in die Hände fiel oder gar Lord Grimsthorpe, aber ohne die Notizen würde er die Hälfte dessen, was ihm auffiel, wieder vergessen. /Lord Grimsthorpe./ Nicholas' Blick glitt von dem Buch weg aus dem Fenster hinaus, durch das eine laue Abendbrise ins Zimmer wehte. Der westliche Himmel war noch immer gerötet, doch größtenteils hatte die Nacht Besitz von dem großen Park ergriffen, auf den man von hier einen wundervollen Blick hatte.

/Alistair Grimsthorpe./ Nicholas erinnerte sich an den Moment, als er das erste Mal die dunkle, samtige Stimme vernommen und sich umgedreht hatte, um in die intensiven, brennenden Augen zu sehen. An das Weggleiten der Wirklichkeit, das warnende Prickeln, das durch ihn hindurch geflossen war.

/Warnung vor was?/, fragten seine spöttischen Gedanken mit Matthews Stimme und ließen ihn verärgert den Blick vom Park abwenden, um wieder zurück auf die leeren Buchseiten zu sehen. /Genug gegrübelt, ich habe zu arbeiten/, dachte er und registrierte im selben Moment, dass es eine Ausrede war. Doch er nahm sie dankbar auf, als er das Tintenfässchen hervorholte, die Feder eintauchte, abwischte und in geraden, energischen Buchstaben den Namen des Schlosses als Überschrift setzte.

Er hatte noch keine drei Sätze geschrieben, als ein klarer Flötenton ihn zusammenzucken ließ. Der Ton glitt in einen anderen über, dann formte sich eine sanfte, langsame Melodie daraus, die das Zimmer füllte. Nicholas drehte sich um.

Rain war ganz offensichtlich fertig mit den Koffern, sie waren verstaut, und der Vorhang verbarg den Schrank erneut. Jetzt saß der junge Mann mit geschlossenen Augen auf dem Bett, hatte ein Bein untergeschlagen und spielte auf einer silbernen, mit feinen Gravuren verzierten Querflöte. Das Licht der Kerzen tanzte auf seiner Gestalt und verlieh der blassen Haut einen goldenen Schimmer, der ihn lebendiger wirken ließ als das Tageslicht. Es zeichnete warme Reflexe auf sein schwarzes Haar und vertiefte die Schatten in dem zarten, schönen Gesicht.

Gebannt sah Nicholas zu ihm hin, beobachtete ihn, während die Musik ihn einwob und entführte, ihn mit ihren klaren Tönen davontrug und gleichzeitig eine unendliche Sehnsucht, eine tiefe Traurigkeit in ihm anwachsen ließ, die aus Rain zu kommen schien. Er trug sie durch die Melodie nach draußen, erzählte der Welt davon, die zuhören wollte. Nicholas spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen und sich seine Kehle verengte. Er schluckte hart dagegen an, atmete tief durch, um sie zu unterdrücken.

Wieder kamen ihm Grimsthorpes Worte in den Sinn, dass man mit Rain machen konnte, was immer man wollte, und wieder fragte er sich, wie irgendjemand diesem schützenswerten Wesen etwas tun konnte. /Was macht ihn so traurig? Warum ist er überhaupt hier? Und wie lange muss er noch bleiben?/

In dem Moment klopfte es an der Tür, und Rain brach ab. Der letzte Ton schien zitternd und klagend in der Luft zu hängen, als der junge Mann die Augen öffnete. Unvermittelt sah Nicholas seinen Blick erwidert, und ihm verschlug es den Atem, als er den Schmerz und die Traurigkeit in den eisblauen Tiefen sah. Fast erschien es ihm wie ein verzweifeltes Flehen um Hilfe, auf das er antworten wollte, doch es klopfte erneut, und Rain wandte den Kopf ab und erhob sich langsam.

Erst da bemerkte Nicholas, dass er ebenfalls im Begriff gewesen war aufzustehen, um zu dem jungen Mann zu gehen. Um ihn in den Arm zu nehmen, ihn an sich zu drücken und ihm zu versprechen, dass er ihm helfen würde. Dass er tun würde, was immer notwendig war, um ihn zu schützen und glücklich zu machen.

Verwirrt ließ er sich zurück in den Sessel sinken und starrte zu dem jungen Mann, der leichtfüßig zur Tür lief und sie öffnete, um einen kleinen Rollwagen entgegen zu nehmen, auf dem das geforderte Abendessen stand. Er musste es bestellt haben, während Nicholas im Bad gewesen war, doch Nick dachte nicht daran. Seine Gedanken gingen in vollkommen andere Richtungen.

/Was war das für ein Gefühl? Ich kenne ihn doch gar nicht. Ich weiß nicht, was ihn bedrückt. Ich weiß nicht, ob ich nicht etwas vollkommen Falsches in dem Lied, in seinen Augen gelesen habe./ Aber in dem Moment wäre er bereit gewesen, alles für ihn zu tun, ohne auch nur darüber nachzudenken. Er spürte seinen beschleunigten Herzschlag, seinen fliegenden Atem, den Nachhall der Bedingungslosigkeit, in die Rain ihn mit diesem einen Blick gestürzt hatte. /Was war das?/

Rain schloss die Tür wieder und sah dann fragend zu ihm empor; er wirkte weder überrascht noch irgendwie berührt, dass Nicholas ihn beobachtete. "Wo wollen Sie essen, Mr. Cunningham? Soll ich es zu Ihnen bringen?"

Nicholas warf einen Blick auf das Buch, in dem die Tinte bereits getrocknet war. Er schlug es zu, während er sich wieder Rain zuwandte, der mittlerweile das Tablett von dem Untersatz gehoben hatte und auf ihn zukam. "Leisten Sie mir Gesellschaft, Mr. Silberblatt? Oder haben Sie schon gegessen?"

Rain schien einen Moment zu zögern, dann neigte er den Kopf ein wenig, was sein seidiges Haar in einer fließenden Welle nach vorne über seine Schultern gleiten ließ. "Wenn Sie es wünschen, dann gerne, Mr. Cunningham." Anstatt zu ihm zu kommen, ging er zu der kleinen Sitzgruppe, um dort auf dem niedrigen Tisch das Essen anzurichten.

Nicholas wunderte sich flüchtig über die eigenartige Formulierung, doch er fragte nicht nach. Man erwartete von ihm sehr wahrscheinlich, dass er sich um seinen Schlüssel kümmerte, und er wollte diese Pflicht mit etwas Nützlichem verbinden, indem er unter diesem Vorwand den jungen Mann ein wenig über das Schloss und dessen Bewohner ausfragte.

Er räumte das Notizbuch weg und verschloss es sorgfältig, ehe er aufstand, um ebenfalls zu der Sitzgruppe zu gehen. Für einem Moment sah er Rain einfach zu, beobachtete erneut die anmutigen Bewegungen des jungen Mannes. Das schwarze, glatte Haar fiel ihm ins Gesicht und verbarg seine Züge, was ihn wie einen Schatten wirken ließ. /Als sei er nicht von dieser Welt./ Nur die weißen Hände glitten wie Lichtflecken hin und her, um Teller hinzustellen, Gläser zurechtzurücken, Schalen anzuordnen.

Nicholas schob einen der Sessel näher an den Tisch, ehe er sich niederließ, ohne den Blick von Rain zu lassen. Er konnte einfach nicht anders, als den zierlichen jungen Mann zu bewundern, während dieser das Essen aufgab und Wein einschenkte.

/Hör auf/, dachte er, ohne dass es etwas geholfen hätte. /Er ist ein Mann. Aber... er ist schön./ Nicholas fand einfach kein anderes Wort für ihn. Und zudem hatte der andere etwas an sich, das... Er versuchte den Gedanken zu vertreiben, doch als Rain aufsah, kehrte er unbarmherzig zurück. Nicht bewusst in Worte gefasst, sondern als ein diffuses Bild, ein Gefühl von warmen, weichen Lippen, auf die sich seine legten, sie liebkosten, sie teilten...

Erschrocken wandte Nicholas den Blick ab und griff regelrecht hastig nach dem Glas, um an dem Wein zu nippen. Fast hätte er sich daran verschluckt. /Das ist ein Mann! Und noch dazu eine Hure! Du bist hier, um einen Werwolf zu finden, wenn es einen gibt. Hör sofort mit diesen Gedanken auf!/

Sein Herz schlug unverhältnismäßig schnell, als er das Glas zurückstellte und einmal tief durchatmete, um seine Gedanken zu ordnen. Er schob die Brille wieder hoch, ehe er es wagte, erneut aufzusehen. Rain hatte sich mittlerweile gesetzt und die schwarzen Haare hinter die Schultern zurückgestrichen. Seine eisblauen Augen musterten Nicholas wie aus weiter Ferne.

"Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Mr. Cunningham?", fragte er mit seiner vollen, jedoch nach wie vor monotonen Stimme.

"Fürs erste nicht, danke. Essen Sie einfach mit mir, Mr. Silberblatt." Nicholas lächelte flüchtig, als Rain leicht nickte.

Nicholas konnte sich nicht dagegen wehren, dass er während des Essens immer wieder zu ihm hinüber sah, um ihn zu beobachten, zu betrachten und sich zu fragen, wie ein Mann wie dieser in Schloss Grimsthorpe gelandet sein konnte, noch dazu in der Position eines Schlüssels ohne Rechte.

"Sind Sie schon lange hier?", fragte er und kam sich dabei vor, als würde er ein Sakrileg begehen. Als hätte er kein Recht, überhaupt Antworten zu verlangen. /Irgendwie muss ich ja anfangen/, rechtfertigte er sich stumm.

"Das kommt darauf an, wie Sie es definieren", erwiderte Rain weich, ohne die Miene zu verziehen. "Jahre können im Flug vergehen, während manchmal Minuten zur Ewigkeit werden."

Nicholas beobachtete fast selbstvergessen, wie der junge Mann seine Gabel zum Mund führte, wie sich die schönen Lippen teilten und wieder um das kühle Silber schlossen, wie er langsam die Gabel zurückzog. /Die Frage ist ihm unangenehm/, stellte ein Teil seines Bewusstseins am Rand fest, doch in dem Moment war die Antwort ohnehin nebensächlich geworden.

Es kostete ihn Kraft, den Blick wieder abzuwenden und sich seinem eigenen Essen zuzuwenden. /Nick, was ist los mit dir? Glaubst du, nur weil du in einem Bordell steckst, dass du dir mit einem Mal alles erlauben kannst?/ Aber das war es nicht. /Ich bin hier... und es wird von mir ein bestimmtes Verhalten erwartet./ Nicholas wusste genau, dass es die perfekte Ausrede war. /Das ist nicht fair, und das weißt du./

Doch er kam nicht umhin zugeben zu müssen, dass ihn der Mann auf der anderen Seite des Tisches faszinierte. Genug faszinierte, um sich unangenehme Fragen zu stellen. /Himmel, das ist mir noch nie passiert. Erst dieser Moment... dieser Moment, als ich Grimsthorpe... und jetzt mit diesem Mann schon wieder! Was ist nur los mit mir?/

Schweigend aß er weiter, sah nicht mehr auf, in Gedanken versunken. Irgendwann ertappte er sich dann dabei, dass er seit geraumer Zeit nur noch auf seinen halb vollen Teller starrte, ohne irgendetwas zu tun. Aber auch, ohne zu denken. Mit einem Mal war einfach nur noch müde.

Vorsichtig sah er zu Rain hin, der vor ihm in dem Sessel saß, als würde er um die Uhrzeit grundsätzlich dort sitzen. Er wirkte weder gelangweilt noch unsicher. Er hatte sich zurückgelehnt, die schlanken, blassen Hände ruhten leicht auf den Lehnen. Sein schwarzes Haar floss weich über seine Schultern, sanfte Reflexe auf dem matten Stoff des eng anliegenden Oberteils bildend. Im weichen Licht der Gaslampen hatte Rains Gesicht eine leicht goldene Färbung angenommen, die ihn nur noch unwirklicher erscheinen ließ. Die hellen Augen waren auf einen fernen Punkt gerichtet, der sich nicht in diesem Zimmer zu befinden schien.

Wieder setzten Nicholas' Gedanken aus, als er das schöne Gesichtchen betrachtete, so lange, bis das Leben in die Augen des anderen zurückkehrte und Rain seinen Blick erwiderte, ohne sich auch nur im geringsten zu bewegen. "Hat es Ihnen nicht geschmeckt, Mr. Cunningham?", fragte er leise. "Soll ich etwas anderes bestellen?"

"Nein... nein danke, es war wirklich gut." Nicholas schreckte auf und sah auf den Teller, der nicht viel leerer war als vor einer halben Stunde. "Ich denke, ich bin einfach nur müde von der Reise."

Mit einer fahrigen, unsicheren Bewegung griff er nach dem Weinglas, um den letzten, lauwarmen Schluck auszutrinken, ehe er sich erhob. Ihm schwindelte ein wenig. Der Wein war wesentlich gehaltvoller gewesen, als er gedacht hatte, und flüchtig fragte er sich, ob Rain ihm unbemerkt nachgeschenkt hatte. "Ich werde mich jetzt zur Nacht fertig machen."

"Das Bett ist gerichtet, Mr. Cunningham." Der junge Mann schien mehr aus seinem Sessel zu gleiten als aufzustehen. "Ihr Nachtgewand liegt im Bad bereit. Soll ich Ihnen beim Umkleiden behilflich sein?"

Abwehrend schüttelte Nicholas den Kopf und lächelte. "Nein danke."

Als er sich abwandte und die Stufen herunter stieg, um zum Bad zu gehen, begann Rain, das Geschirr zusammenzustellen. Nicholas erinnerte sich an die Zigarre, die er verlangt hatte, um in seinem kleinen Ritual wie jeden Abend nach dem Essen zu rauchen. Doch mit einem Mal fühlte er sich derart müde, dass er es mitsamt dem Gespräch, das er eigentlich mit Rain hatte führen wollen, auf den nächsten Tag verschob.

Während er sich auszog, spürte er, wie der Schwindel zunahm und heftig genug wurde, dass er jeden Wunsch an ein Bad endgültig aufgab, selbst wenn er sich nach seiner Ankunft noch danach gesehnt hatte. Als er sich einen Moment an der Wand abstützen musste, um nicht zu fallen, notierte er in Gedanken, dass er für das nächste Essen einen anderen Wein bestellen musste.

Das knöchellange Nachtgewand, das Rain ihm heraus gesucht hatte, war aus weißer Seide mit hellblauen, schmalen Längsstreifen. Nicholas hatte fast das Gefühl, einen Kampf siegreich bestand zu haben, als er es sich endlich übergezogen hatte und in die dazu passenden, blauen Pantoffeln geschlüpft war. /Was ist das nur für ein Wein?/ Von Minute zu Minute schien er trunkener zu werden.

Mit zusammengekniffenen Augen massierte er sich die Schläfen, doch es half nichts. Die Welt um ihn herum schwankte nach wie vor, als er wieder aufsah. Er atmete tief durch, streckte sich und versuchte dann einigermaßen sicher, auf direktem Weg in das große Bett zu gelangen.

Während er sich tief in der weichen Daunendecke vergrub, löschte Rain die Gaslampen und ließ den Kronleuchter herunter, um die Kerzen auszublasen. Nicholas konnte nicht anders, als ihm trotz seiner Müdigkeit dabei zuzusehen, wie er den Leuchter wieder hochzog, das Seil an einem Haken befestigte und das Tuch, hinter dem er verborgen gewesen war, davor drapierte. Er folgte ihm mit den Augen, als er die Kerzen um das Bett ebenfalls löschte und dann kurz im Bad verschwand. Er wandte den Blick nicht ab, bis er es wieder verließ.

Das Licht des Halbmondes, das durch das große Fenster hereinfiel, erhellte den Raum nicht übermäßig, doch Rains nackter Körper fing es ein, verstärkte es und warf es um so heller zurück. Er schien in der Dunkelheit des Zimmers sanft zu leuchten, als er anmutig auf Nicholas zukam, jeder Schritt Teil eines verwirrenden Tanzes.

Fast wirkte er wie ein Wesen des Feenvolkes, zart und weitaus zerbrechlicher noch als bei Tageslicht und im Schutze seiner schwarzen Kleidung. Als Rain den Kopf neigte, um Nicholas anzusehen, glitt sein dunkles, seidiges Haar über seine Schultern, verbarg teilweise den Blick auf den hellen, wundervollen Körper, Schatten gleich, die ihn einzuhüllen schienen.

Die eisblauen Augen leuchteten in ungeahnter Intensität aus dem schmalen Gesichtchen, während er ihm mit einer nahezu fürsorglichen Geste die Haare aus der Stirn strich und ihm dann vorsichtig die Brille abnahm, um sie irgendwo außerhalb Nicholas' Sicht hinzulegen.

Nicholas fühlte sich in die hellen, unberührten Tiefen gezogen, fühlte den Schwindel anwachsen, doch seine Gedanken waren wie leergefegt. Er reagierte auch nicht, als Rain die Decke anhob, zu ihm ins Bett stieg und sich neben ihn legte, ohne ihn jedoch zu berühren. Erst als sich die eisblauen Augen schlossen, war es Nicholas endlich möglich, den Blick abzuwenden, jedoch nur, um fast sofort wieder zu dem schönen Gesicht zurückzukehren.

Wie abwesend betrachtete er das filigrane Profil des anderen Mannes, die zierliche Nase, die fein geschnittenen Lippen. Die langen, dichten Wimpern. Das kleine Kinn... die hohe... Stirn... und immer wieder... die sanft geschwungenen... Lippen...


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by Meike "Pandorah" Ludwig
Fortsetzung folgt