Wie ein Schlangentanz

1.

"Das kannst du nicht verlangen!" Mit blitzenden Augen starrte Cin den Meermann an, der einige Armlängen von ihm entfernt in der Mitte des runden Raums schwebte. Wie konnte er nur!? Wie konnte Pascha Denju, das Oberhaupt seiner Familie, ihm das antun? Cins rote Flossen bebten vor Empörung; seine Rückenflosse, die vom Scheitel bis zur Hälfte seines Schleierschwanzes reichte, war erbost aufgerichtet. Selbst sein Körper, eigentlich gelborange, wirkte vor Wut beinahe rot.

Doch der Blick des Paschas war streng, seine Miene blieb unbewegt. Das durch die klare Decke fallende Licht ließ ihn wie einen der Helden aus den Abenteuergeschichten wirken, die Cin so gern hörte.

Aber sein Pascha war in diesem Moment alles andere als ein Held, denn er hatte Cin gerade ein furchtbares Schicksal angedroht. Denju wollte ihn zu einem Heiratsmarkt am anderen Ende des Ozeans schicken, damit sich dort ein Haremsoberhaupt für ihn interessieren konnte. Man wollte ihn einfach von den Fischfarmen wegschicken, auf denen er die siebzehn Jahre seines Leben verbracht hatte! Das Schlimmste daran war, dass sein Pascha versuchte, ihn dadurch von seinem geliebten Mitar zu trennen.

"Du lässt mir keine Wahl, Cin. Ich habe es im Guten versucht, ich habe es dir verboten. Wir haben lange darüber diskutiert. Mitar hat mit dir gesprochen. Doch noch immer versuchst du, die Liebe deines Bruders zu gewinnen. Die Situation ist für kein Mitglied dieses Haushaltes mehr tragbar." Mit einer energischen Geste unterbrach Denju ihn, noch ehe Cin den Mund zum Protest öffnen konnte. Erschrocken stob ein Schwarm schimmernder Glasfische davon und suchte Schutz in den Korallenstöcken, die an den Wänden angesiedelt worden waren. Ohne sie zu beachten, schwamm der Pascha zu der Sitzgruppe auf halber Raumhöhe, auf der Cin es sich bequem gemacht hatte, bevor ihm diese Ungeheuerlichkeit eröffnet worden war. "Ich erwarte von dir, dass du dich dort vorbildlich benimmst und unserer Familie Ehre machst."

"Ich werde auf keinen Fall gehen!" Cins rote Augen, die denen seines Pascha so ähnlich waren, verengten sich vor Zorn. Wie ein Stück Ware sollte er auf dem Heiratsmarkt ausgestellt werden, damit ihn möglichst viele einflussreiche Familienoberhäupter hübsch finden und seinem Pascha einträgliche Angebote machen konnten! 'Sieht ansehnlich aus, weiß sich zu benehmen, kann singen und ist sogar noch unberührt. Was will man mehr?'

Zugegeben, seine Unberührtheit war seine eigene Schuld, außer Mitar hatte er niemanden gewollt. Aber auf dieser Veranstaltung, wo sich künftige Haremsmitglieder den Oberhäuptern oder ihren Vertretern zur Besichtigung präsentieren mussten, würde es mit Sicherheit ein Kriterium für einen guten Preis sein.

Doch nichts half. Kein Diskutieren, kein Streiten, sein Pascha blieb unerbittlich.

 

Noch immer, drei Gezeiten nach der schrecklichen Ankündigung, konnte Cin nicht glauben, dass sich sein Leben in wenigen Tagen vollkommen ändern sollte. Nur zögerlich kehrte er von einer der Mayukherden zurück, die den Reichtum seiner Familie begründet hatten. Er hatte den Arbeitern geholfen, ein Weibchen mit einem Geschwür an der Bauchflosse einzufangen. Lieber wäre er jedoch mit Mitar geschwommen, um das Männchen zu suchen, das in der Nacht aus dem Gehege entkommen war.

Aber dafür war er dank seiner unpraktischen Schleierflossen viel zu langsam. Mit einem Seufzen erinnerte er sich an den Tag zurück, an dem sein Bruder ihn in seine starken Arme genommen und an sich gedrückt hatte, um ihm zu versichern, dass er vielleicht nicht schnell, aber dafür um so schöner wäre. Es schien Ewigkeiten her zu sein.

Das Wasser wurde mit einem Schlag wärmer, als er den Hügel empor schwamm, auf dessen Kuppe das Gut seiner Familie lag. Schon von weitem konnte er die sich sachte in der leichten Strömung bewegenden Häuser sehen. Seescheiden gleich, die man auf biegsame Korallenarme gesetzt hatte, ragten sie aus einem Wald an wehendem Riesenseegras.

Das Haupthaus mit den wie schillernde Blasen wirkenden Erkern befand sich auf dem höchsten Punkt der Kuppe. In halber Höhe wurde es von einer Terrasse umgeben, deren Stützen an die filigranen Arme von Quallen erinnerten. Um das Hauptgebäude gruppierten sich im Halbkreis die wesentlich kleineren Häuser der Angestellten. Das schwächer werdende Abendlicht ließ die Außenwände in einem hellblauen Perlmutt schimmern, auf dem sich dunklere, wellenförmige Muster abbildeten.

An diesem Tag tat Cin der vertraute Anblick beinahe körperlich weh. 'Er kann mich nicht einfach wegschicken. Er kann mich nicht einfach verheiraten!' Doch natürlich hatte Pascha Denju jedes Recht dazu, und nur, weil Cin als der Jüngste von fünf Brüdern bisher selten einen Wunsch ausgeschlagen bekommen hatte, würde Denju dieses Mal nicht davon abweichen. Trotzdem hoffte Cin noch immer, dass sich alles lediglich als eine Warnung herausstellte. Eine Drohung für Dinge, die geschehen würden, wenn er Mitar weiter begehrte.

Er wurde schneller und tauchte nach unten ab. Das Rot seiner Flossen verblasste zu einem Grünblau, als er tiefer kam und das Sonnenlicht durch die Wasserschichten gefiltert wurde. Er hieß den unauffälligen Farbton willkommen, der ihn leichter im Seegras verschwinden ließ, das in seinen verschiedenen Grünschattierungen die Muster der Häuser wieder aufgriff.

"Aber ich liebe ihn!", erklärte er hitzig, als er an einem der von Korallen besetzten Pavillons vorbeischoss und dadurch Lippfische und Riffbarsche zum Auseinanderstieben brachte. "Und wenn er noch so sehr mein Bruder ist. Nur weil es jemand beschließt, kann ich nicht einfach damit aufhören!"

Was war denn auch so schlimm daran? Sie mussten ja keine Kinder bekommen. Dicht am Grund glitt er bis zum Fuße des Gutes und schwamm dann an dem Stützarm empor. Gärtner, die sich um die Pracht der Gärten und der Pavillons kümmerten, grüßten ihn, und er erwiderte es, auch wenn ihm nicht danach zumute war. Lautlos in die Wand gleitend öffneten sich die Lamellen des runden Haupttores, noch ehe er es erreicht hatte.

Obwohl er eigentlich daran hatte vorbeischwimmen wollen, um direkt über die Terrasse in seine Zimmer zu gelangen, entschied er sich dagegen. Der Torhüter schätzte solche Spielchen nicht, selbst wenn er es niemals zugeben würde, und Cin mochte ihn zu gerne, um ihn zu ärgern. Er nickte dem älteren Mann mit einem kleinen Lächeln zu, als er in die Eingangshalle glitt. Das durchscheinende Dach fing selbst in den Abendstunden das Tageslicht derart geschickt ein, dass es jeden Winkel erreichte. Die Lampe in der Mitte des Raumes reichte drei Stockwerke überspannend vom Boden bis zur Decke empor; Künstler hatten sie so geformt, dass sie wirkte wie Stränge von Kettenblasentang. Sie spendete zusätzlich Helligkeit und brachte auch in der Tiefe alle Farben zum Leuchten.

Cin schwamm zu dem Tunnel empor, der zu seinen Zimmern führte. So bewusst wie nie zuvor nahm er das den Eingang umgebende Mosaik aus Muscheln und Steinen wahr, das eine Herde Mayuk darstellte. Fließende Perlenvorhänge verbargen die Öffnung; zahlreiche Nischen enthielten, von weiteren Mosaiken eingefasst, teure Schmuckkorallen.

Die Perlen klirrten leise, während er hindurch glitt. Weiches Korallenlicht empfing ihn, das von den perlmuttschimmernden Wänden reflektiert wurde und diese wie die Wasseroberfläche an einem sonnigen Tag wirken ließ. Das Lichtspiel setzte sich in Hellgelb in seinem kleinen Vorzimmer fort, und Cin fragte sich, welche Farben der Mann bevorzugen würde, an den er nach dem Heiratsmarkt gebunden werden würde. Trotzig presste er die Lippen zusammen, als er mit einer Geste seinen Diener nach draußen schickte, um allein zu sein. 'Wieso sollte ich mich von meiner besten Seite zeigen? Vielleicht will mich ja keiner, wenn ich widerspenstig und finster genug bin.'

Er gab sich die Antwort selbst, als er durch den Durchgang in sein Wohn- und Schlafzimmer schwamm und auf sein rundes Bett sank, das sich unten an der schmalsten Stelle des Raumes befand. Sich in die leuchtend gelben Kissen wühlend sah er zur klaren Decke empor, die bald dunkel werden würde. Mit Sicherheit gäbe es genügend Interessenten, die auch einen biestigen, kleinen Goldfisch nähmen, wenn der Preis und das Ansehen stimmten. Doch dem Harem eines Mannes beizutreten, dessen einziges Interesse der Mitgift oder seinem hübschen Gesicht galt, wollte Cin auf keinen Fall.

'Mitar, warum siehst du nicht ein, dass wir zusammen gehören?' Traurig schlang er die Arme um ein Kissen und vergrub das Gesicht darin, als er an seinen Bruder dachte. Allein dessen eleganter, silbergrauer Körper mit der hellen Vorderseite rief jedes Mal Bewunderung in ihm hervor, und wenn Mitar kraftvoll durch das Wasser schoss, fiel es Cin schwer, den Blick abzuwenden. Mitars Rücken- und Schwanzflosse glichen denen von Delphinen und waren genauso kräftig. Nicht einmal die Ohren, die sich wie Cins in drei Spitzen fächerten, zeigten Tendenz zu Schleierbildung. Und wenn die sturmgrauen Augen Cin ansahen...

Es tat weh, dass er von ihm weg musste. Weh, dass niemand sehen konnte, dass es nicht nur eine Laune von ihm war. Und noch viel mehr weh, dass es keine Möglichkeit für eine gemeinsame Zukunft zu geben schien. Cin stieß das Kissen von sich und schwamm zu seinem Arbeitsplatz, um Mitar all das, was er empfand, in einem letzten Brief zu erklären. Es würde nichts ändern, aber vielleicht konnte er damit einen gewissen Schlussstrich ziehen, ehe er am nächsten Tag aufbrechen musste, um sich von einem fremden Mann für einen fremden Harem aussuchen zu lassen.

 

Gedämpft schallten die Möwenschreie mit dem Gluckern des hin und her schwappenden Wassers über dem Riff zu der grünen Halle hinab in das Meer, wo die Piratenschiffe im Versteck lagen. Schnelle Schiffe, die aus der Ferne einem Walfisch glichen, weswegen die Angegriffenen ihr Schicksal viel zu spät realisierten. Aber selbst wenn sie es erahnten oder sogar wussten, hatten sie wenig Chancen.

Gegen die hinterhältigen Schlaftränke und Gifte der Fakun, wie die Piraten sich selbst nannten, gab es keine Gegenmittel, und der einzigartige Antrieb der Schiffe ermöglichte es ihnen, schnell wie ein Hai in den Tiefen zu verschwinden. Dank der Schiffe konnten sie auch in die Tiefen tauchen, die allen anderen verwehrt blieben, und dort lagen die Eingänge zu ihren Schatzkammern und Hallen für die Schiffe versteckt.

Sie lebten dort natürlich nicht, sondern bewohnten die besten Abschnitte der Riffe entlang kleiner Erhebungen an den grünen Hängen in blühenden Anemonenweiden, die sich im angenehmsten Wasser mit der leichten Dünung wiegten. Die Höhlen waren geschickt in die Riffe eingearbeitet, so dass sich ein natürlich entstandenes Bild ergeben hätte, wenn nicht einiges an Edelsteinen und edlen Metallen in der Verarbeitung der Wände, der runden Türen, Fenster und Strömungslöcher eingesetzt worden wäre. Aus der Ferne wirkte die Fakun-Siedlung wie ein blinkendes Riff.

Wirakun drehte sich mit leichten Bewegungen seiner Hüftflossen um sich selber, während er über den Anemonenrasen zum Haus seines Paschas und seines Vaters Wira zurückkehrte, um den Fortschritt bei der Instandsetzung seines Schiffes zu berichten. Die Reparaturarbeiten nach dem letzten äußerst unglücklichen Kampf sollten bald beendet sein, so dass Wirakun erneut auf einen Raubzug für seinen Pascha, das Haremsoberhaupt, gehen konnte. Noch hatte er keinen Angetrauten, noch besaß er nicht einmal eine eigene Wohnstätte. Also war er verpflichtet, all seine Beute beim Pascha des Harems abzugeben, auch wenn er, wie alle heranwachsenden Piraten, ein Geheimversteck mit einigen kleinen Rücklagen vorhielt.

Durch den von Wächtern bewehrten großzügigen Eingang gelangte Wirakun in das Innere des Höhlenkomplexes, den er durchschwamm, ohne die Herrlichkeit der Mosaike aus Edelsteinen und wogenden Teppichen wahrzunehmen, welche die Durchlässe säumten, um die Blicke und auch die kühle Strömung aus den Räumen fernzuhalten. Wirakun vernahm leises Gelächter und Klänge von Musik aus den Hallen des Paschas und lenkte seinen Weg dorthin. Zunächst begegnete er zwei Wächtern, die den Übergang zum inneren Harem gegen ungeladene Besucher sperrten, dann glitt er, so unauffällig er konnte, an einigen jungen Männern vorbei, alles niedere Angetraute des Paschas und ihre Söhne. Er nickte einem von ihnen zu, der mit auf seinem Schiff fuhr, aber verschwand aus der lauten Halle zu dem Zimmer seines Paschas, wo er auch seinen Vater, dessen ersten Angetrauten Wira, vorfand.

Ein Goldschatz war sein Vater, schlank geformt, mit einem langen, eleganten Schweif, der von leuchtend roten Schleierflossen gesäumt wurde. Sein rundes, freundliches Gesicht hellte sich noch eine Spur weiter auf, als er seinen Sohn und den Erben des Paschas erblickte.

Wira war mit dem Pascha von einem Raubzug heimgekehrt, den dieser vor allen Dingen unternommen hatte, um sich einen Goldfisch zu fangen, wie er es ausgedrückt hatte. Wira wurde zum ersten Angetrauten des Paschas ernannt. Aber als der die Verwandlung durchgemacht und seinen Erben ausgetragen hatte, waren alle enttäuscht, dass der ersehnte Sohn Wirakun kein Fakun war, zu viel von einem Goldfisch war in ihm wiederzuerkennen.

Sein Körper hatte einen weichen Lachston. Seine Flossen schimmerten hellgrün und waren am Schweif leicht geschleiert, allerdings mit den weißen Stromlinien, die auf Wut mit Verfärbung in nervend dekorativem Violett reagierten. Zu seinem Glück trug Wirakun einen kräftigen Kiel über dem Schädel, der ein typisches Zeichen der Fakun war. Er trug auch die weitgeschwungenen, hellen Augenbrauen, die den Kopf entlang liefen, um in den kleinen Ohrfächern zu enden. Da der Pascha noch von ihnen abgewandt über einer Karte brütete, erlaubte Wirakun es sich, zunächst seinen Vater zu begrüßen. Das machte ihm ohnehin mehr Freude. Mit einem kleinen Lächeln brachte er sich neben Wira auf das reiche Kissenpolster, wo dieser gerade damit beschäftigt war, aus kleinen Perlen eine dreireihige Halskette zu fertigen.

"Hallo, Wira. Wie geht es dir?" Wirakun wartete, bis sein Vater die Perlen hatte sinken lassen und sie sich die Hände reichen konnten, dann zog er ihn grinsend an sich, um den Kuss einzufordern, der ihm zustand. Leider war der Pascha eifersüchtig, ihre Lippen hatten sich gerade berührt, als er schon von seinem Platz aus herrschte: "Genug! Komm her und mach dich nützlich."

Wira verschenkte noch eines der sirenenhaften Lächeln, deretwegen er erster Angetrauter geworden war, dann raunte er dicht an Wirakuns Ohr: "Er ist eigentlich sehr gut gelaunt."

Als Wirakun an ihm vorbeistrich, streichelten sie einander noch einmal mit den Schwanzflossen, sein Vater ließ sich bereits wieder auf den Kissen nieder, um die Handarbeiten aufzunehmen.

Wirakun war fest entschlossen, dass er sich ebenso einen Goldschatz wie seinen Vater würde rauben müssen. Leider wusste er auch so, dass Wiras Flirt mit ihm, genau wie die Zuneigung zum Pascha, von guter Erziehung her rührten und nicht von Liebe. Der schlanke Goldfisch genoss sein Leben, aber er war nicht an wilden, freien Gefühlen interessiert.

Je näher Wirakun dem Pascha kam, desto weniger wollte er die Karte sehen. Seine nächste Raubroute, soviel war klar. Er küsste seinen Pascha auf die Stirn und ließ sich neben ihm auf den weichen Kissen nieder, um auf die Karte zu blicken, die ein ihm gänzlich unbekanntes Gebiet umfasste.

Abenteuerlust gewann mehr und mehr und verdrängte die anfängliche Unlust. Von den Tücken der Riffe fasziniert legte und verwarf er in der folgenden Zeit mehrere Routen, während sein Pascha ihm erklärte, dass er es seinem Sohn und Erben in diesem Fall allein überlassen wollte, einen guten Weg zu suchen.

"Dein Ziel ist hier, Kleiner. Das Ressort zu Füßen des alten Feuerbergs ist erst vor kurzem neu eröffnet worden. Die Sicherheitsvorkehrungen sind nicht sonderlich überragend, vor allen Dingen, weil es weit von unseren Stränden entfernt ist. Aber wir wollen ja nur eine Goldamme stehlen, keinen Krieg und keine Verfolgung bis in unsere Höhlen riskieren." Er zwinkerte, und Wirakun lachte pflichtschuldig.

"In dem Ressort wird ein Heiratsmarkt abgehalten, es werden etliche Goldfische dort sein. Am allerbesten fällst du einfach mit deinen Männern ein und nimmst alle, die du bekommen kannst, mit auf dein Schiff. Auf der Fahrt zurück musst du wegen der Strömungen den langen Bogen weit in den Norden schlagen, mein Lieber, es wird eine tüchtige Reise, aber sie wird sich lohnen. Zeig mir die Route, die du vorschlägst. Am besten schon morgen. Ich weiß, dass dein Schiff in einigen Tagen bereit zum Auslaufen ist."

Er hatte keine lange Frist erhalten, und so blieb Wirakun nichts weiter übrig, als in seinem Kämmerchen zu verschwinden, um die Route zu berechnen und sie noch in der Nacht mit seinen Steuermännern zu besprechen.

Von dem kleinen Fenster zur großen Halle aus konnte er Wira beobachten, der mit einigen anderen Angetrauten zu festlicher Musik tanzte. Die Freude in seinem Gesicht war echt, und seine Schönheit überstrahlte die leuchtenden Kristallkugeln, die in den Wänden eingelassen auch tief in der Nacht noch Schwärme von kleinen Fischen anlockten, wenn sie feierten.

Wieder dachte er 'Ja, das ist gut so, so ist der Angetraute eines Paschas gedacht. Ich werde mir eine Goldamme nehmen, und dann habe ich immer jemanden, den ich anbeten und vorzeigen kann. Das ist das Wichtigste, das und ein gesunder Erbe.'

Doch zugleich wanderte sein Blick zu einem seiner jüngeren Brüder, der sich ganz heftig und unerwartet in einen Wächter verschossen hatte und in dessen kleinen Harem eingegangen war, aus eigener Wahl. Die beiden lagen aneinander geschmiegt in einer der Ruhewannen, und Wirakun beneidete seinen Bruder, auch wenn er nicht verstand, was jener an dem kräftigen und nicht gerade schnellen Wächter fand.

Viel Zeit zum Grübeln bekam er zu seinem Glück nicht. Nach einigen Tagen war sein Schiff soweit beladen, wie es für eine derart lange Reise nötig war. Die Sturmkristalle würden den Antrieb sichern, selbst wenn Strömungen und Gezeiten auf dem Rückweg gegen sie arbeiteten und Wirakun verabschiedete sich mit seiner zehnköpfigen Mannschaft nicht gerade ungern.

Ein Abenteuer, einige Kämpfe, Raubzüge! Alles, nur um nicht wieder ins Grübeln zu geraten. Er prägte sich das Aussehen Wiras ein, der in weiße Garne und Perlen gehüllt wie eine Erscheinung am Ablegesteg wartete und ihm zuwinkte. Genau so würde sein Schatz ebenfalls strahlen, wenn sie in einer Weile wieder hier einfuhren.

 

Cin streifte sich fünf schmale Goldreife auf sein linkes und drei auf sein rechtes Handgelenk. Dann fädelte er die filigrane Kette mit dem Perlenanhänger, die Mitar ihm zu seinem sechzehnten Jahrestag geschenkt hatte, durch das kleine Loch in seiner Rückenflosse, das er sich nur dafür hatte stechen lassen. Unpraktisch wie all seine Flossen reichte sie von der Mitte seines Kopfes bis weit über das erste Drittel seines Schwanzes, so dass er nicht einmal den gekreuzten Brustgurt der Arbeiter ohne ein weiteres, künstliches Loch tragen konnte. Dieses war mittlerweile jedoch wieder zugewachsen; darauf hatte sein Pascha sehr unnachgiebig bestanden, nachdem der Entschluss gefallen war, dass Cin sich auf dem Heiratsmarkt vorstellen sollte.

Cin warf einen letzten mürrischen Blick in den Spiegel und beschloss, dass der Schmuck für die Reise ausreichte. Auf dem Markt am Fuß des alten Feuerbergs würde er ohnehin nicht darum herum kommen, von seinem Diener herausgeputzt zu werden.

'Auf dass ich noch unbeweglicher und ungeschickter werde', dachte er sarkastisch und schnitt eine Grimasse, als er ein Schmuckmesser an dem rubinbesetzten Taillengurt befestigte. Sein Pascha würde ihm nicht gestatteten, seinen Lieblingsdolch mitzunehmen, den er auf den Mayukweiden immer bei sich trug. Aber ohne wenigstens eine kleine Waffe fühlte Cin sich zu schutzlos.

Er nahm den direkten Ausgang über den Erker und schwebte an der glatten Außenwand des Gebäudes entlang nach unten, sie mit den Fingerspitzen zum Abschied berührend. Zahlreiche Angestellte sorgten dafür, dass sich auf der Oberfläche keine Algen absetzten. Sein Diener folgte ihm lautlos und unauffällig.

Auf der Terrasse war der Wagen bereits vorgefahren. Von oben sah er wie ein schillerndes Schneckenhaus aus, das zur Stabilisation von vier langgestreckten Rudern umgeben war. Mit leichten Flossenbewegungen hielten sich die fünf blauen Zugmarline in ihrer Position. Der Kutscher war nicht nur seines Könnens wegen ausgesucht worden, das nötig war, um ein solch edles und schnelles Gespann unter Kontrolle zu halten, sondern mit Sicherheit auch seiner blauen Färbung wegen. Die Farbwahl ergab so einen edlen und dezenten Hintergrund, vor dem Cin regelrecht leuchtete.

Noch ehe er die Kutsche erreicht hatte, kamen Pascha Denju und seine vier Angetrauten, einschließlich Cins Vater, auf die Terrasse, um ihn zu verabschieden. Cins Herz machte einen schmerzhaften Satz, als er hinter ihnen und Atun, dem ersten Sohn und Erben, auch Mitar entdeckte.

Bevor er schwermütig werden konnte, wurde er bereits von seiner Familie umarmt und gedrückt, bis er sich vor seinem Vater, einem Schleierschwanz in hellem Gelb, wiederfand. Sachte strich dieser ihm über die Wange und lächelte. "Du weißt, dass Denju dir nichts Böses will. Schau dich um und suche dir den Pascha aus, der dir am besten gefällt. Den wickelst du einfach in deine Flossen, so dass er nichts außer dir sieht, dann bleibt ihm keine Wahl, als dich mitzunehmen. Und er wird glücklich darüber sein."

Cin musste trotz der Enge in seiner Kehle lachen und drückte seinen Vater an sich. "Das wäre wenigstens etwas, zu was diese hinderlichen Schleier gut sind."

Nach einer kurzen, herzlichen Umarmung seines Halbbruders Atun fand er sich dann mit einem Mal vor Mitar wieder. Cins Herz begann, bis zum Hals zu schlagen, als er in die sturmgrauen Augen sah, die ihn anlächelten. Warum nur, oh, warum hörte es nicht auf, wenn es denn nicht sein durfte? Die kräftigen, grauen Hände ergriffen seine, die so zart dagegen wirkten. "Pass auf dich auf, Feuerfisch."

Cin nickte nur stumm und kämpfte verloren um ein Lächeln, das nicht kommen wollte; erst recht nicht, als Mitar seine Finger losließ. Rasch wandte er sich ab und floh in die Kutsche, die durch ihre zahlreichen Fenster leider nur wenig Schutz bot. Zum Glück folgte ihm der Diener, der ihm die Tür aufgehalten hatte; gleich darauf nahmen die zwei blauschillernden Lakaien ihre Positionen an den oberen Stabilisatoren ein. Nach einem Nicken und einem letzten Winken von Pascha Denju gab der Kutscher den mittlerweile unruhig gewordenen Marlinen ein Zeichen. Sie zogen an; ein Ruck lief durch das Gefährt, als sich das Geschirr spannte.

Cin stieß einen leisen Klagelaut aus, den jedoch nur sein Diener hören konnte, der ihn höflich ignorierte. Cin winkte, bis nicht einmal mehr das große Haupthaus zu sehen war, dann rollte er sich auf dem ausladenden Sitzkissen zusammen und vergrub leise schluchzend im Schutze seiner Schleierflossen das Gesicht in den Armen.


© by Jainoh & Pandorah