Wie ein Schlangentanz

2.

Als die Kutsche mit dem tiefen Blau des Ozeans eins geworden war, ließ Mitar seufzend die Hand sinken. Er wusste nicht, ob es eine gute Idee gewesen war, seinen kleinen Bruder zu verabschieden; es mochte falsche Hoffnungen wecken. Dennoch hatte er sich nicht dazu durchringen können fernzubleiben. Er wollte ihm nicht den Eindruck geben, dass er ihn verachtete. Das tat er nicht, auch wenn ihm Cins verirrte Gefühle unangenehm waren. Aber so verloren und verzweifelt, wie der Kleine gewirkt hatte, empfand Mitar es beinahe, als hätte er ihn vom Gut vertrieben.

Sein Pascha blieb bei ihm zurück, als die Angetrauten und Atun ins Haus zurückschwammen, sich leise darin bestätigend, dass Cins Abreise das Beste für alle war. Kurz legte Denju ihm eine Hand auf die Schulter. "Mach dir keine Sorgen. Das Gut ist zu einsam für ein quirligen Jungen wie ihn, ich hätte ihn schon längst wegschicken sollen. Auf dem Markt wird er sicherlich jemanden finden, in dessen Harem er eingehen will."

Mitar nickte. "Ja, Pascha. Aber ich verstehe, dass er nicht weg will. Ich will es ja auch nicht. Vielleicht hätte ich dennoch gehen sollen, für eine Weile zumindest. Es gibt genug Arbeit außerhalb der Fischweiden, die mich für eine ganze Zeit beschäftigt hätte."

"Die Hauptsache ist, dass er eine Weile von dir getrennt ist. Und ich habe ihn nicht grundlos zu einem Heiratsmarkt geschickt. Er soll sich umsehen." Entschieden nahm Denju Mitar mit ins Haus, wo sein Favorit, Mitars Vater, auf ihn wartete. "Wenn er feststellt, dass es noch andere begehrenswerte Männer gibt, wird sich seine Besessenheit legen. Ihm fehlen einfach die Perspektiven."

Sie verabschiedeten sich, und Mitar sah seinen Eltern hinterher, wie sie Hand in Hand zu ihren Privatgemächern schwammen. Sie waren Jugendfreunde gewesen, bis schließlich im Laufe der Jahre mehr daraus geworden war und Denju als Nachfolger eines Paschas um die Hand seines Geliebten gebeten hatte. So etwas wünschte Mitar seinem kleinen Feuerbruder das langsame und stetige Fließen und Anwachsen der Gefühle, nicht etwas, das einem Vulkan glich, der mit seiner Lava das Wasser unkontrolliert zu tödlicher Hitze brachte. 'Es wird Zeit, dass du dich abkühlst, Cin.'

Es gelang ihm während seiner Arbeit mit den Mayukherden, die Vorwürfe zu verdrängen, die ihn sich fragen ließen, ob er irgendwann einen Fehler gemacht hatte, ob er irgendetwas hätte tun können, damit die Situation gar nicht erst so eskalierte. Sie kehrten jedoch zurück, als er am Abend nach Hause kam. Cins Abschied und seine Chancen auf dem Heiratsmarkt waren beim gemeinsamen Abendmahl natürlich die Themen, über die gesprochen wurde.

Er entschuldigte sich früh und schwamm in sein Zimmer, um Ruhe zu finden und sich mit der Beantwortung von Briefen abzulenken. Sein Vorhaben schlug im Ansatz fehl. In der Mitte seines geordneten Arbeitstisches lag ein kleiner, orangeroter Umschlag, der Cins zierliche, geschwungene Handschrift trug. Aber schon an der Eigenart, verschlungene Ornamente in die Ecken zu zeichnen, hätte Mitar ihn erkannt. Mit einem unguten Gefühl im Bauch öffnete er ihn.

Der Brief war aufrichtig und voller Trauer, aber auch von Hoffnung und Irrtum geprägt. Nachdem Mitar ihn mehrere Male durchgelesen hatte, ließ er ihn sinken und starrte zur Decke empor, die mit dem Hereinbrechen der Nacht dunkel und milchig geworden war. Niemand, der über das Haus hinweg schwamm, konnte nun hineinsehen.

Warum hatte Cin den Brief geschrieben? Oder sollte die Frage vielleicht lauten: Warum erst jetzt? Nie zuvor war sein Bruder so offen gewesen, nie zuvor hatte Mitar begriffen, welche Missverständnisse zwischen ihnen standen. Wenn er sie nur richtig aufklärte, würde Cin vielleicht endlich die Augen öffnen und sich einem anderen Mann zuwenden.

"Ich muss noch mal mit ihm sprechen." Müde streckte sich Mitar bis in die Schwanzspitze und entschied, dass er gleich am nächsten Morgen aufbrechen und seinem Bruder hinterher fahren musste. Die Marline waren zwar schnell, aber sie zogen ein Gefährt, das nicht in Eile war. Wenn er dagegen ohne Kutsche reiste, würde er sie einholen können.

 

"Na, kleiner Nekun?" Ternekun fuhr zu dem Redner herum. Mit dem Namenszusatz Nekun, 'kleiner Bruder', durfte ihn neben dem Pascha eigentlich nur sein älterer Bruder Terkun anreden. In diesem Fall handelte es sich um den altgedienten Haremswächter seines Vaters, der zu der kleinen Gruppe von Wesen zählte, die ihn an guten Tagen so nennen durften. Es war ein guter Tag, und Ternekun lachte und schlug dem Wächter einmal kräftig auf die Schulter. "Wie steht es um die Grüne Halle?"

Der alte Mann ließ sich auf sein Ruhepolster sinken und strich sich über den Kopf. "Es ist ruhig hier, seit der Pascha mit den Angetrauten im Ruhesitz wohnt. Ich sehe sie nur noch zu den Festen. Wann wird es denn soweit sein, Nekun?"

Ternekun ließ seinen Blick durch die riesige Halle schweifen, in der er sonst immer seine sieben Geschwister und deren Väter hatte antreffen können. Im Hintergrund schwang sich die Bahn in die höhere Ebene hinauf, eine Galerie umrundete die Halle; Von ihr gelangte man zum einen in die kleinen Kammern der Angetrauten und ihrer Söhne. Über eine weitere geschwungene Bahn erreichte man zum anderen die oberste Kammer, die für den Pascha und seinen Favoriten reserviert war.

Ternekun hatte nie das Bedürfnis gehabt, einen Gefährten an sich zu binden, weil sein Vater Ter und sein Pascha beide sehr gesund waren und keinerlei Gefahr ausgesetzt. Es gab für ihn und seinen älteren Bruder, den ersten Erben, eigentlich keine Veranlassung, sich einen Angetrauten zu suchen, doch alles hatte sich vor einiger Zeit geändert.

Der Pascha hatte alle seine Angetrauten und Söhne in der grünen Halle um sich versammelt, um zu verkünden, dass Terkun, sein ältester Sohn, die Schlangenfarm, auf der wertvolle Stoffe und Gifte gewonnen wurden, von ihrem Vater Ter übernehmen würde. Sein jüngerer Sohn Ternekun würde die Erzminen und die Edelsteinfelder erben und weiterleiten. Beide, nachdem sie sich einen oder mehrere respektable Angetraute zugelegt hatten.

Terkun hatte sofort einen respektablen Angetrauten im Sinn, den Sohn ihres früheren Nachbarn und ebenfalls Minenbesitzers. Leider lebten der Pascha und seine Familie, nachdem sie eine sehr reiche Mine in der Ferne aufgetan hatten, vollends dort, und Terkun und sein Objekt der Begierde hatten sich längere Zeit aus den Augen verloren. Also war Terkun hingeschwommen, um mit einigen Schätzen zu werben und um einen guten Preis für seinen Erwählten bei dessen Pascha auszuhandeln.

Ternekun war erwartungsvoll angesehen worden, aber musste in einem langen Gespräch mit seinem Vater Ter und seinem Pascha eingestehen, dass er sich weder auf das Leben als Pascha, noch auf die Suche nach einem Angetrauten vorbereitet hatte. Obgleich er ausreichend Zeit zur Verfügung hatte und auch ausreichend schleierschwänzige Goldammen, die ihn heimlich oder offen anhimmelten, hatte er nie daran gedacht.

Ternekun ließ sich zum alten Wächter sinken und gestand leise ein: "Ich hab tatsächlich keine Wahl treffen können. Ich konnte sie mir alle oder auch keinen von ihnen als meinen Angetrauten vorstellen. Ihnen fehlte das Besondere, etwas, das mich reizt."

"Und deswegen bist du auf den Heiratsmarkt verfallen?"

Ternekun seufzte und nickte. "Ich muss morgen dorthin reisen. Ein Piratenschiff wird mich mitnehmen, denke ich. Der Bande ist nicht zu trauen, aber was bleibt mir übrig? Mit dem oder den Angetrauten kann ich dann ja langsamer reisen." Er streckte sich und gab sich mit einem Schlag seiner Schwanzflosse genügend Schwung, um die Halle zu durchqueren und über die schlanke Bahn in die Galerieebene zu schwimmen. "Ich hole nur meinen Glücksbringer und ein paar Kleinigkeiten!"

Ternekun verabschiedete sich herzlich von dem Wächter, den er schon sein ganzes Leben lang kannte und versprach, mit wunderschönen Angetrauten heimzukehren, um den Grünen Hallen, dem Hauptwohnsitz seiner Familie, mit einem präsentablen Harem neues Leben zu geben.

 

Bereits am nächsten Tag sprach Ternekun bei seinem Pascha in dessen Ruhesitz vor, der etwas ab von der Hauptströmung lag, an der viele Händler versuchten, ihre Waren an die reichen Fakunpiraten der Gegend zu verkaufen. Sein Vater Ter lauerte ihm bereits in der kleineren Vorhalle auf. "Na, mein Nekun? Und?"

"Ter! Ich bin nicht so wie mein Bruder, ich weiß wirklich keinen und werde auf den Heiratsvermittler vertrauen." "Warum lässt du dir nicht einen Goldfisch von den Fakun stehlen?"

"Das will ich nicht. Ich will selber entscheiden, und ich will einen, der so freiwillig wie du hier sein wird."

"Ach? Wer sagt dir, mein Sohn, dass ich jemals freiwillig hier war?" Ter wedelte die Diener mit einer harschen Bewegung der schwarzen Flossen fort.

"Natürlich bist du es! Du hast deine Schlangen, du hast... uns und ..."

"Lass es gut sein, kleiner Nekun. Ich liebe und bewundere meinen Pascha, also musst du keine Angst haben. Vermutlich sind es sogar diese Gefühle, die mich zum Favoriten machen konnten."

Ter, der damals als Schlangenbeschwörer und Tänzer eingeladen worden war, um eine Vorstellung zu geben, war lediglich von einigen besonderen Schlangen umgeben zu dem großen Fest gekommen. Durch seine tiefschwarze Färbung hatte er herausgestochen aus all den schillernden Schleierschwänzen. Und seine abweisende stolze Art hatte den Pascha offensichtlich beeindruckt. Ter war sehr verwirrt und geehrt gewesen, als der reichste Pascha der Gegend einen Tag darauf eine tüchtige Ladung Edelsteine, Schmuck und Erze vor den eher bescheidenden Höhlen der Schlangenfarm hatte abladen lassen, um den ersten Sohn des Schlangenzüchters sofort in seine Familie als Favorit seines Sohnes und zukünftigen Paschas aufzunehmen.

Ternekun war sehr nach seinem Vater geraten, auch wenn ihm die leise, geheimnisvolle Art vollständig abging, die vermutlich den Reiz an ihm ausmachte. Er war nach seinem Vater düster, nach dem Pascha kräftig und eher derb. Sein schlankes Gesicht machte ihn attraktiv, vor allen Dingen durch die großen, schrägen Augen, die wie schwarze Perlen wirken konnten, genau wie bei Ter.

Ternekun verließ seinen Vater rasch, um die Sache mit seinem Pascha hinter sich zu bringen. Zu seinem Glück hatte jener noch zu viel mit der Planung des weiteren Ausbaus seines neuen Hauses zu tun, so dass er seinem Sohn lediglich Glück auf der Reise und eine sichere Heimkehr wünschte.

"Lass die Grüne Halle nicht zu lange leer stehen. Wir wollen recht bald die Vermählung meiner Söhne dort feiern."

Ternekun senkte den Kopf leicht. Alle anderen Söhne waren entweder schon versprochen worden oder noch zu jung, und es würde seine Aufgabe werden, seinen Brüdern einen Harem zu suchen. Auch deswegen wollte er auf den Heiratsmarkt. Insbesondere seinen jüngster Bruder, der von einer hellblauen Goldamme mit wunderschönem Schleierschwanz stammte, aber leider ein wenig langsam war, würde er sicherlich auf einem solchen Markt gut unterbringen können. Er besprach noch einige Details der Verhandlungen um die Vermählungen seiner Brüder mit dem Berater des Paschas, worauf es tiefe Nacht wurde, bevor er sich zu den Hallen der Piraten wandte, um ein Schiff zu finden.

Es gelang ihm, in einem kleinen Schiff unterzukommen, welches versprach, ihn in der Nähe der günstig in Richtung der Oase fließenden Strömung abzusetzen. Man ließ ihn gleich in der Gästekabine übernachten, und als er am anderen Morgen erwachte, spürte Ternekun bereits das dumpfe Vibrieren der Sturmkammern, die ein Fakunschiff antrieben, so dass es mit der Geschwindigkeit eines großen Wales in erstaunlichen Tiefen die kühlen, schnellen Strömungen zur Reise nutzen konnte. Die restliche Reise, bevor die Fakunpiraten ihn gegen einen kleinen Aufpreis eine Tagesreise vor der Oase aussetzten, verbrachte Ternekun damit, die Bilder seiner Brüder, die er verheiraten sollte, zu ordnen und mit Beschreibungen zu versehen.

 

Die Tage, die Cin in der Enge der Kutsche verbringen musste, waren deutlich zu zahlreich. Er war es nicht gewohnt, einen so langen Zeitraum über ruhig zu bleiben. Leider kam es nicht einmal in Frage, dass er nebenher schwamm. Mit der Geschwindigkeit der Marline konnte er nicht mithalten, geschweige denn mit ihrer Ausdauer. Dazu kam, dass außer dem Blau des Ozeans kaum etwas zu sehen war. Abwechslung brachte nur eine kleine Gruppe Delphine, die für ein kurzes Stück die Kutsche begleitete. Wie sehnte er sich danach, mit ihnen zu spielen!

Sein Diener gab sein Bestes, um ihn abzulenken, erzählte ihm Geschichten, denen er gerne lauschte, und hielt auf Anweisung seines Paschas sogar Unterricht. Doch immer noch blieb zu viel Zeit, um an Mitar zu denken, an diesen letzten Blick, an den warmen Händedruck.

Cin war froh, als sie sich endlich ihrem Ziel näherten. Der Meeresboden stieg zur Oberfläche hin an, und mit ihm kamen die Fischschwärme und die Riffe zurück. Es war eine ganz andere Landschaft, als er es gewohnt war. Schwarzes Vulkangestein wurde von bunten Anemonen und Korallen unterbrochen, deren Farben auf dem dunklen Untergrund um so leuchtender wirkten. Dazwischen befanden sich wie kleine Inseln helle Sandflecken. Die wehenden, grünen Seegraswiesen, die seine Heimat auszeichneten, waren nirgends zu sehen.

Mit Perlenschnüren hatten die Organisatoren des Heiratsmarktes Schalen mit Anemonenarrangements im Fels verankert, die von den Hauptreiseströmungen ausgehend den Weg zum Feuerberg wiesen. Aus der Ferne wirkten sie mit den Leuchtkristallen in ihrer Mitte wie kleine Meergeister, doch kam man näher heran, hoben die Lichtquellen leuchtende Inseln in Rot, Gelb und Orange aus dem endlosen Blau des Ozeans hervor.

Bald war Cins Kutsche nicht mehr das einzige Gefährt. Neugierig beobachtete er Reisende auf majestätisch schwebenden Mantas, die mit wehenden Bändern geschmückt waren. Ein anderer Wagen wurde von einem Schwarm zahlloser Juwelenzackenbarsche gezogen, was in Cin grenzenlose Bewunderung für die beiden Lenker weckte, die das Gewusel unter Kontrolle hielten.

Endlich kam die Oase in Sicht. Auch sie war aus schwarzem Vulkangestein, auf dem sich die Gäste wie helle Schmucksteine abhoben. Cins Kutsche glitt über einen großen Platz, der zur Hälfte von Ausläufern des Feuerberges umfangen wurde. In diesen Fels hatte man die Räume des Haupthauses geformt; die Fenster- und Türöffnungen waren durch bunte Vorhänge verschlossen und glichen dadurch erleuchteten Juwelen in tiefer Nacht. Hier wohnten die suchenden Paschas, wie Cin durch die Erzählungen seines Dieners wusste. Auf der anderen Seite gruppierten sich zahllose kleine Pavillons; in einem davon würde auch er für die nächste Zeit Unterkunft finden.

Große Sitzschalen mit bequem aussehenden Kissen erhoben sich auf schlanken Säulen über den Platz, so dass man von dort in Ruhe das vielfältige Treiben beobachten konnte. Mit Anemonen geschmückte Netze boten hier und dort ein wenig Sichtschutz; Fischschwärme stoben um sie herum und lenkten die Blicke auf sich.

Als die Kutsche ein wenig abseits auf einer der Parkflächen zum Stillstand kam, wartete dort bereits ein schlanker Meermann in blassem Violett, den sein breiter, schlichter Halsschmuck als Bediensteten auswies. "Cin, Sohn des Paschas Denju, nehme ich an? Willkommen. Die Reise wird dich müde gemacht haben. Darf ich dich in deinen Pavillon führen?"

"Ich danke." Cin nickte, auch wenn ihm eher danach war, in wilder Jagd über das Gelände zu schwimmen und es zu erkunden. Er hatte lange genug geruht. Dennoch folgte er dem Diener, während er neugierig die Männer betrachtete, die hier waren, um weitaus ernsthafter als er einen Gemahl zu finden.

Schnell kam er sich blass und farblos gegen den Schmuck und die Pracht vor, die viele der Gäste zur Schau trugen. Trotz ihres Reichtums bevorzugte seine eigene Familie die Schlichtheit, und Cin war dankbar dafür.

In seinem Pavillon hielt er sich dann gerade lange genug auf, um ein paar Garnelen und etwas von dem Algensalat zu naschen, der hübsch auf einem kleinen Büffet im Esszimmer angerichtet worden war. Dann beschloss er, dass es genug der Ruhe gewesen war. Nach dem unvermeidlichen Schmücken durch seinen Diener schwamm er neugierig nach draußen, um sich umzusehen.

 

Ternekun erreichte die Oase ohne ein Gefährt und wurde deswegen von den wie Haremswachen gekleideten großen Männern am Eingang zunächst ignoriert, bis er seine Einladung vorwies. Danach wurde ihm allerdings schon eine Spur zu viel der Beachtung zuteil. Ein Diener des Hauses wurde ihm zur Seite gestellt und zugleich ein von dem Heiratsvermittler angestellter Führer, der ihm diejenigen Männer vorstellen sollte, die ihn interessierten.

Der Führer war ein blasses, gelbes Männchen; an einigen Armreifen konnte man sehen, dass er vergeben, aber noch nicht angetraut war. Er hatte eine feine Stimme und redete ununterbrochen, auch dann, wenn er von Ternekun weg zu einer von ihm beschriebenen Gruppe hinblickte, weswegen Ternekun kaum etwas von den Ausführungen verstand.

Die Fetzen, die zu ihm drangen, interessierten ihn nicht, drehten sich um das ungefähre Alter der ihn unauffällig oder auffällig betrachtenden anderen Besucher, den Stand in einer Familie, den Stand der Familie und, was Ternekun besonders nervte, eine Schätzung über den Preis. Der Lösepreis für die meisten Männer wurde in Kisten Fakunschmuck ausgedrückt. Es war zwar peinlich, einen Preis nach Piratenmaßstäben zu benennen, aber diese hatten nun einmal die meiste Erfahrung im Kauf und Verkauf schöner Männer für Haremshäuser.

"... der wohl einer der bekanntesten Vertreter aus dem Hause von Pascha Gambes ist, seine Lösesumme ist allerdings dermaßen hoch ... aber er scheint schon einen Interessenten ... dieser ist wohl ... zwei Kisten wert ... Verhandlungssache. Ah, hier haben wir Kura, 18 Jahre alt, aus dem Hause..." Ternekun sah sich gerade nach einer besonders prächtigen Kutsche um, deren Schlitten von etlichen Katzenhaien gezogen vorfuhr, als er mit einem kleinen Mann mit Schleierflossen in kräftigem Rot zusammen stieß.

Sie beide hatten sich wohl mehr nach der Kutsche als nach dem sonstigen Angebot umgesehen, was Ternekun zum Schmunzeln brachte. Er hielt den Kleinen kurz von sich ab und entschuldigte sich mit einem Nicken, nachdem er sich mit einem Blick versichert hatte, dass ihm nichts passiert war. Dann folgte er seinem Führer, der in seine Monologe vertieft nichts mitbekommen hatte.

Der Führer sah sich erst im Anschluss an die Episode irritiert um und murrte dann: "Cin aus Pascha Denjus Haus. Man sagt, dass seine Lösesumme herabgesetzt werden soll, den Grund kann ich gern in Erfahrung bringen." Sie erreichten die Halle, und ein Wächter für seine Kammer wurde ihm zusätzlich zu Dienern und dem Führer zugewiesen.

In der Halle schraubte sich eine Galerie wie in einem Schneckenhaus in die Höhe, über diese gelangte man zu etlichen Kammern und kleinen Salons, aus denen Musik und Gelächter zu ihnen hinüberschallte. Eine Vielzahl der bereits versprochenen oder verheirateten Männer huschte hin und her, offensichtlich setzte der Heiratsvermittler auf sicheres Personal, das seine reiche Kundschaft nicht weiter bedrängen würde.

Ternekun bemerkte, wie ein Diener des Hauses das verträumte Schleierschwanzmännchen am Portal abfing und auf ihn einzureden begann. Die beiden wandten sich zu der großen Tafel, auf der die Abfolge des Abendprogramms und die Lage der Speiseräume vermerkt war.

Sein eigener Führer zupfte nervend an Ternekuns Ellenbogen. "Wie viele Männer sucht der Herr?"

"Drei." Ternekun runzelte die Stirn. Wieso kam er auf diese Zahl? Es war gut, drei zu haben. Das war eine Zahl Männer, die einem nicht das Vermögen weg fraß, aber aus denen man drei gute Söhne bekommen konnte, einen für die Fortführung des Geschäftes und zwei, um sich Verbindungen zu anderen reichen Familien zu schaffen. Aber nun grübelte er, wie er in diesem Wirrwarr überhaupt eine Möglichkeit finden sollte, jemanden zu erwählen. 'Gefühle zählen nicht. Ich sollte wirklich nach den Familien gehen.'

Die Zahl Drei hatte den Führer offensichtlich sehr beglückt, seine Berichte und indiskreten Erzählungen nahmen an Geschwindigkeit zu und an Lautstärke ab. Ternekun beschloss, dass er ihn nicht mehr brauchte und entledigte sich vor der Kammer mit der Entschuldigung, dass er sich zunächst von der Reise erholen müsse, sowohl des Dieners, als auch seines Führers und des Wächters.

"Wartet doch bitte hier vor der Kammer, damit ich mich eurer Dienste gleich wieder versichern kann", fügte er heimtückisch hinzu.

In der Kammer schloss er seine Waffen bis auf ein Ziermesser in den Safe, dann schlich er sich aus dem Fenster auf den lebhaften Platz hinunter, um auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, allerdings für seine Brüder. Er hatte bereits gesehen, dass es genügend Männer für Paschas gab, auch welche, die er sich leicht würde leisten können. Nun wollte er noch den Willen seines Vaters erfüllten.

Schon bald war er in der Nähe einer Musikgruppe in eine Diskussion mit anderen Minenbesitzern vertieft. Als es dunkel wurde, war er sowohl angenehm berauscht, wie auch seine jungen Brüder an andere Minenbesitzer los; einer wollte sich gar überlegen, ob er Ternekuns jüngsten Bruder nicht zu seinem Favoriten machen wollte. Besuchstermine waren fest vereinbart worden, und Ternekun hatte etliche kleine Wegepläne und Einladungen an die Minenbesitzer verteilt.


© by Jainoh & Pandorah