Wie ein Schlangentanz

3.

Cins Tag verlief angenehmer, als er gedacht hatte. Zwar vermisste er sein Zuhause, die Mayukherden, die Angetrauten seines Paschas und Mitar, aber inmitten der anderen Heiratsbewerber fiel er zum einen nicht wirklich auf. Zum anderen war es sehr interessant, sich umzuschauen, die verschiedenen Gefährte zu betrachten, mit denen vorgefahren wurde, und den Aufputz der Bewerber an sich. Ein Schleierschwanzmännchen beeindruckte ihn besonders und ließ ihn mit seinen eigenen Flossen wieder einigermaßen zufrieden sein.

Wunderschön war der schneeweiße, zierliche Mann, der auch sofort alle Blicke auf sich zog. Aber durch die wallenden Flossen, die so lang waren wie der gesamte Körper, konnte er sich nur langsam bewegen. Dazu war er mit Perlen, Ringen und Ketten überhäuft, was ein übriges dazu tat. Er zog in das Haus der Paschas, und Cin hoffte, dass er sich nicht für ihn interessieren würde, denn bestimmt verlangte er von seinen Angetrauten ebensolchen Schmuck. Doch er hegte wenig Sorge deswegen.

Gleich darauf lenkten die Kutschen seine Aufmerksamkeit ab, so dass er es irgendwie schaffte, in einen Fakun zu schwimmen. Zu seinem Glück schenkte der große, düstere Mann ihm ebenso wenig Beachtung wie die meisten Männer nahe der Ankunftsplattform, und schwamm nach einem Nicken weiter.

Nach kurzer Zeit fand ihn jedoch sein Diener, und er bestand darauf, Cin von den Ankommenden wegzuholen und wieder ins Innere der Oase zu bringen. Schließlich war er hier, um sich nach Paschas umzusehen und nicht deren Fahrzeuge zu bewundern. Unwillig fügte Cin sich in sein Schicksal, doch so schlimm wurde es nicht. Wider Erwarten hatte er sogar Spaß, selbst wenn er für seinen Geschmack zu viel Aufmerksamkeit von heiratswilligen Paschas erhielt.

Schon längst war es dunkel geworden. Die zahlreichen Leuchtkristalle und Korallen spendeten ein gemütliches Licht, die Musik gefiel ihm, und zudem war der weiße Schleierschwanzmann, umgeben von drei Fakun-Leibwächtern, ebenfalls erschienen. Er war nett zu beobachten, wie er jede Bewegung sehr bewusst und grazil vollführte und ausgesprochen hoheitsvoll, aber mit einem schönen, warmen Lächeln von seinem Platz aus residierte.

Als die Musik schneller wurde, vergaß Cin den Schleierschwanz jedoch, und trotz seines Vorsatzes, sich unauffällig im Hintergrund zu halten, schwamm er mit einem kleinen, vergnügten Jauchzer auf die Tanzfläche hinaus. Er tanzte zu gerne, als dass er dabei still halten konnte. Außerdem kribbelte alles in ihm, sich zu bewegen.

 

Wirakuns Schiff hatte die tiefen Strömungen verlassen und stieg von einem Schwarm Riffhaien umgeben an dem düsteren Vulkangestein auf, um von unten her einen Überraschungsangriff über die schon von weitem hörbare Gesellschaft niedergehen zu lassen. Doch erst einmal war es zu hell und noch waren die Reichsten nicht da, so dass sie sich im Schatten einiger Felsen auf die Lauer legten, immer auf Ausguck nach den prächtigen Gefährten.

Wirakun selber überlegte schon, ob er nicht einfach vorfahren sollte. Sein Walschiff würde vermutlich enormen Eindruck machen, aber sein Berater und Steuermann versicherte ihm, dass die Art des Eindrucks ihrem Vorhaben hinderlich sein würde. Sie entsandten stattdessen in einer kleinen Katzenhaikutsche zwei der hübscheren Goldfische, die an Bord als Kammerdiener arbeiteten, um Erkundigungen einzuholen.

 

Ternekun war sehr zufrieden mit seinem Tag. Er hatte den Nachmittag bei den anderen Minenbesitzern sehr erfolgversprechend verbracht und etliche neue Kontakte geknüpft, um sich am Abend durch das Fenster erneut in seine Kammer zu schleichen, damit er dem Wächter, dem Diener und dem nervigen Führer mitteilen konnte, dass er den Abend auf seiner Galerie verbringen würde und sie sich nicht mehr um ihn kümmern mussten. Nachdem er sich mit dem schweren Goldschmuck der Minenbesitzer umgeben hatte, schlich er sich wieder hinaus, um an dem regen Treiben auf der Tanzfläche teilhaben zu können.

Es störte ihn nicht im Geringsten, dass etliche der schleierschwänzigen Paschas ihm über ihre Diener die kleinen Muscheln mit Einladungen in ihre Balkonnischen überbringen ließen, weil sie ihn augenscheinlich für ein einfaches Männchen hielten. Dies führte dazu, dass die anderen Männchen das gleiche von ihm dachten und brachte sie ihm näher, weil sie sich nicht nervös versuchten, in eine gute Pose zu werfen.

Er wollte gerade zu einer der Bars schwimmen, an denen man berauschende Pilze und etliche Kleinigkeiten bekam, als etwas seine Aufmerksamkeit erweckte. Zwei Schleierschwänze, die miteinander tuschelten. An sich nichts besonderes, doch sie trugen den in Gold gefertigten Kopfschmuck der Fakunpiraten. Die feinen Kettchen formten auf ihrer Stirn den Namen des großen Paschas, dem sie angehörten. Unsicher sah Ternekun sich um, ob es ihm allein aufgefallen war. Die anderen Gäste waren alles Goldammen, mit den Fakun nicht sonderlich vertraut, und die wenigen anderen Fakun, die Minenbesitzer, waren in ihren Galerien zu weit entfernt, um dieses Detail sehen zu können.

Ternekun schwamm gerade über die Tanzfläche hinweg zu einem der Wächter hinüber, um ihn zu fragen, ob auch Piraten an dieser Veranstaltung teilnahmen, als die Schleierschwänze der Fakun sich in Richtung des Ausgangs entfernten, wo sie von einem der Gefährte mit Katzenhaien abgeholt wurden.

Gleich darauf schwamm der Ansager in die Mitte der Tanzfläche, das Licht wurde gedämpft und er kündigte mit einem Lächeln und so geheimnisvoll und unheilschwanger wie möglich an, dass nun die Primaklasse der berühmten Schlangentanzschule eine Darbietung einfügen wollte. Einige Lacher sammelte er ein, weil er mit Augenzwinkern hinzufügte, dass die jungen Tänzer noch nicht vergeben oder versprochen waren, aber durch ihre Nähe zu den Schlangen natürlich nur die rechten Partner für den mutigen Pascha wären.

Gleich darauf kamen drei schlanke, sehr junge Fakun auf die Tanzfläche und drehten sich zur Begrüßung unter Verbeugungen um sich und zeigten ihre Schlangen. Der Ansager stellte jeden mit Zugehörigkeit zum Haus vor. Zwei waren schwarz, typische Fakun; der eine zeigte bereits in der Verbeugung einen verschlagenen Zug, der Ternekun gar nicht gefiel, der andere hatte Piraten in der Familie, der Name war Ternekun bereits bekannt. Der dritte war dunkelbraun gefärbt, wendig und schlank und verwirrte durch seine leuchtend orangefarbenen Augen, mit denen er vor allem die Blicke der Fakun in der Gesellschaft einen Hauch länger beantwortete. Trotz ihrer Jugend sollten diese drei sehr offensichtlich gut versprochen werden, denn in der Umgebung der Tanzfläche machten sich einige Vermittler der Paschas auf, um besonders interessiert beobachtenden Zuschauern Einzelheiten zu den Tänzern zu erzählen.

Ternekun lächelte und konnte seine Augen eine ganze Weile nicht von dem exotischen Tanz abwenden, mit dem die drei Fakun die Sage der Entstehung ihres Volkes nachtanzten. Die heilige Schlange, von deren Nachkommen sie sich umspielen ließen, wurde sanft und betörend angebetet.

Eine weiche Stimme unterbrach Ternekun. "Xuo aus Pascha Jinnos Haus. Darf ich dich als Interessenten aufnehmen?" Ternekun dachte an seinen Vater und an seinen Pascha und nickte leicht, bevor er sich als "Ternekun, von den Grünen Hallen" vorstellte. Eigentlich war er verärgert, dass er als Pascha unter den ganzen Männern gefunden worden war.

"Ah. Ich kenne natürlich deinen Vater Ter und", der Vermittler lehnte sich dichter, "Xuos Vater und er waren in einer Klasse. Ich nehme dein Interesse auf und werde Xuos Pascha darauf hinweisen, Ternekun." Rasch huschte der Vermittler weiter, und Ternekun hatte den bösen Verdacht, dass er sich als so gut wie mit dem zierlichen Fakuntänzer verbunden ansehen konnte. Sein Blick glitt suchend in Richtung der Goldammen, die tuschelnd den Tanz beobachteten. Der Kleine mit den roten Flossen war auch unter ihnen, und Ternekun beschloss, dass er seinem Pascha am nächsten Morgen ein von Edelsteinen umgebenes Angebot machen wollte. Zwar ging er von Desinteresse an einer Fakunverbindung aus, aber der Feuerfisch schien ihm aufregend genug, um einen Versuch zu wagen.

Cin fand die Schlangentänzer ein wenig unheimlich, aber ihre geheimnisvolle Anmut gefiel ihm, und er wiegte sich leicht zu den Klängen der fremden Musik. Bestimmt würden sie viele Angebote erhalten, so exotisch wie sie waren. Ob er ihre Tänze lernen konnte? Es sah aus, als würde es Spaß machen. Aber dafür würde er sich wohl mit den giftigen Schlangen abgeben müssen, und allein der Gedanke ließ ihn frösteln.

Als Ternekuns Blick von den Goldammen zu den Tänzern zurück geglitten war, sah er im Hintergrund die typische Silhouette eines Piratenschiffs auftauchen. Andere tuschelten und vermuteten einen wandernden Walfisch, als das Schiff sich wieder in die tiefe Schlucht vor dem Platz absenkte, doch Ternekun wusste es besser. Ein sehr ungutes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, aber es war zu spät. Als er beschloss, die Wachen zu informieren, stieg aus dem Abgrund vor dem Eingang zu der Oase ein riesenhafter Schatten auf.

Gleich darauf entströmten dem vermeintlichen Walfisch etliche Fakunpiraten; von Katzenhaien rasant in die Menge gezogen, schossen sie mit ihren Betäubungspfeilen um sich. Seine Erfahrung hatte Ternekun gelehrt, dass diesen Pfeilen nicht viel entgegen zu setzen war; er tauchte hastig in der Menge der über die Tanzfläche zum Gebäude Fliehenden ab, wütend darüber, dass der soziale Ruf der Fakun durch die Piraten erneut ruiniert worden war.

 

Mitar war erschöpft, als er endlich lange nach Einbruch der Dunkelheit in der Oase eintraf. Er war später aufgebrochen als geplant, da er sich noch mit seinem Pascha hatte auseinandersetzen müssen. Dann war es unterwegs zu Schwierigkeiten an einem Grenzposten gekommen, denn der Markt fand im Grenzgebiet zum Reich der Fakun statt, und so hatte er seinen Bruder natürlich nicht mehr einholen können.

Nachdem er sich ausgewiesen und sein Anliegen erklärt hatte, überließ er seinen Marlin einem Diener, der sich um das hungrige, müde Tier kümmern würde und folgte dem Lachen und der Musik, die ihn zum Tanzplatz führten.

Es war nicht schwer, Cin ausfindig zu machen, und der ausgelassene Tanz, dem sich der Kleine hingab, ließ Mitar lächeln und seine Müdigkeit fast vergessen. Vielleicht hatte er sich wirklich zu viele Sorgen gemacht, wie Pascha Denju meinte, doch es war ihm wichtig, noch einmal mit Cin zu sprechen. Sein Bruder sollte sich ernsthaft umsehen, nicht nur die Zeit totschlagen und feiern, bis er zurückkehren konnte.

Gerade wollte Mitar zu ihm schwimmen, als Unruhe unter den Gästen entstand; zuerst freudig, doch unvermittelt in Angst umschlagend. Als sich Mitar den Blicken und ausgestreckten Armen folgend umdrehte, sah er den großen Schatten. Kälte entstand in seinem Bauch; das war kein Wal, wie einige noch immer dachten. Wale waren ihm vertraut. Es war ein Schiff. Ein Fakunschiff. Er erkannte es sofort, auch wenn er bisher nur in Erzählungen davon gehört hatte. Seine Befürchtung wurde Momente später bestätigt, als die Piraten wie ein Schwarm angreifender Haie aus dem Schatten schossen.

'Cin!' Niemals würde sein kleiner, langsamer Bruder fliehen können! Mit kräftigen Flossenschlägen wurde Mitar schneller, wich Fliehenden aus und hatte ihn nur Momente später erreicht.

Cin war um sein Gleichgewicht kämpfend nach oben ausgewichen, um nicht von der panisch zum Haupthaus strömenden Menge verletzt zu werden. Sein Atem war flach vor Furcht, und er war sich nur zu bewusst, dass seine Ungeschicklichkeit ihn zur leichten Beute machte. Als er Mitars vertraute Gestalt erblickte, dachte er für einen Moment, er würde träumen; ein Strahlen ging über sein herzförmiges Gesicht, das gleich wieder verschwand. "Dummkopf! Was machst du hier?"

Mitar schnappte ihn, zog ihn an sich und schoss in einer engen Kurve auf das Haupthaus zu. Wenn sie es erreichen konnten, wären sie in Sicherheit. Die Piraten würden sich bestimmt auf keinen längeren Kampf einlassen. "Dich retten, Feuerfischchen." Er hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als er den scharfen Stich eines Pfeils in seinem Rücken spürte. Das Gift wirkte schnell. Zu schnell! Seine Glieder wurden schlaff, Cin entglitt seinem Griff, dann setzte die Schwärze ein. Weit entfernt hörte er Cin entsetzt seinen Namen rufen, ehe er das Bewusstsein verlor.

 

Auf der Flucht prallte Ternekun, kaum, dass er einem der Giftpfeile ausgewichen war und einen Piraten erfolgreich mit seinem Kopf in die Bewusstlosigkeit gerammt hatte, erneut gegen die zierliche Goldamme mit den feuerroten Flossen. Er rüttelte an einem kräftigen Mann, der offensichtlich getroffen zu Boden sank.

Kurzentschlossen riss Ternekun den Kleinen zur Seite, als erneut ein Pfeilhagel in ihre Richtung zischte, aber es war schon zu spät. Mit einem verwunderten, leisen Aufschrei sackte der Kleine in sich zusammen, also zerrte Ternekun den schlaffen Körper mit sich, eher ein Reflex, denn eine wohlbedachte Handlung. Nur durch Glück und die Hilfe der in Massen auftauchenden Wächter entkam er in einen der Pavillons, in dem er sich verschanzte und mit Hilfe seines Speers die wenigen Piraten abhielt, die einzudringen versuchten.

Der Morgen graute bereits, als die Piraten so plötzlich, wie sie über die Gesellschaft hergefallen waren, wieder in den Tiefen des Kraters vor der Oase verschwanden. Nach einigen Verhandlungen und Nachfragen brachte Ternekun den Kleinen in seinen eigenen Pavillon und beschloss, bei ihm zu bleiben, bis dieser erwachte, da sein Diener und der große andere Mann, den er zu kennen schien, beide entführt worden waren.

Seine Wahl war gut gewesen. Schon bei ihrem ersten Zusammenstoß hatte Ternekun sich die feuerfarbene Goldamme vorgemerkt, und nun erkannte er den wendigen Tänzer in ihm wieder. Aber weitere Planung verlangte einen ausgeruhten Geist. Erschöpft schob Ternekun den Kleinen auf ein Polster und nickte auf dem Sitzpolster vor einem kleinen Kristalltischchen ein.

 

Wirakun verfluchte sein ewig währendes Pech. Wenn er auf einem Raubzug einmal nicht in Kollision mit einem anderen Piratenschiff Schaden nahm, dann geriet er in ungünstige Strömungen oder in einen Kampf mit einer zu stark gerüsteten Minenwächtermannschaft. Oder aber er machte Beute, nur um zu bemerken, dass sie nicht der erwarteten entsprach.

Seine Mannschaft war erfolgreich gewesen. Etliche Schleierschwänze, einer prächtiger als der nächste, lagen bewusstlos in den kleinen Kämmerchen. Vor allem ein schlohweißes, bezauberndes Wesen hatten sie gefangen, offensichtlich war er selber Pascha Wira grinste Pascha gewesen zumindest. 'Ihn sollte ich zum Favoriten machen, das wäre dann der Stolz meines Vaters und meines Paschas.'

Der Gedanke amüsierte, aber freute ihn nicht genug, um ihn länger zu beschäftigen. Die Ausbeute an Gold und Edelsteinen entsprach der Erwartung und würde ihn und seine Mannschaft eine ganze Weile ernähren.

Leider entsprach seine persönliche Beute ganz und gar nicht der Erwartung von ihm selber und sicherlich auch nicht von seinem Vater. Ein großer und wirklich nicht sonderlich auffälliger Mann, dunkelgrau mit heller Bauchseite. Kräftige Schultern und ein eher unscheinbares Gesicht, dazu noch eine Tarnfarbe, die den Mann in einem Harem sicherlich verschwinden lassen würde.

'Ich Idiot hab mir einen Wächter geraubt!' Sein Griff war in Richtung einer orangeroten Goldamme gerichtet gewesen. Aber nach dem unerwarteten und äußerst schmerzhaften Kampf mit einem düsteren Fakun, vermutlich einem Minenbesitzer und dem Pascha des Kleinen, war ihm nur noch der kräftige Mann geblieben und von der Goldamme war nicht einmal der Hauch einer Flosse mehr zu sehen gewesen.

Desinteressiert warf er einen Blick auf den Mann, der in einer kleinen Nische seiner Kapitänskajüte untergebracht war. Aus Vorsicht hatte Wirakun ihm ein Gewicht um die Schwanzflosse legen lassen. Er stieß sich ab und stierte missgelaunt in den schwarzen Rachen der Tiefsee, durch die sie mittels ihrer Walsinne zwischen einem Gewirr aus Spalten und Furchen in Richtung Norden navigierten.

Als Mitar wieder zu sich kam, hatte er ein Gefühl auf der Zunge, als hätte er zu lange an einem Stück rauer Haihaut gelutscht. Leises Rauschen hallte in seinen Ohren wieder, und nur langsam wurde ihm bewusst, dass es nicht von ihm kam, sondern von außen. Er blinzelte, um seine verschwommene Sicht zu klären. Gleich darauf überlief ihn ein Schauer, als er genug erkennen konnte, um zu wissen, wo er sich befand. Er war in der Gewalt der Piraten, die das Fest überfallen hatten. Ein großer Fakun mit grünen Flossen und unpassend lachsfarbenem Körper starrte abgewandt von ihm in die Schwärze der See.

Mitar versuchte sich zu erinnern, ob wenigstens Cin entkommen war, doch er fand nur Dunkelheit. Als er sich aufsetzte, sagte ihm das Klirren einer Kette und ein unvertrautes Gefühl um die Schwanzflosse, dass man vorsichtig gewesen war. 'Verdammt.'

Ein leises Geräusch unterbrach Wirakuns düstere Gedanken. Der große Gefangene hatte sich aufgerichtet und funkelte ihn aus schmalen Augen wütend an. Die Haltung und die fast schwarzen Augen machten sein Gesicht sogleich um eine ganze Ecke interessanter. "Ah, er ist wach. Willst du etwas essen?"

"Nein." Allein der Gedanke ließ Mitar übel werden, wohl noch eine Folge des Schlafgifts. Vermutlich war es auch eine Nachwirkung dieser Betäubung, dass er nur vage Sorge, aber keine Angst spürte. "Der kleine Goldene, mit dem ich zusammen war, bevor ihr mich erwischt habt, mein Bruder, ist der auch hier?"

Wirakun seufzte, dann schüttelte er den Kopf. "Nein. Ich habe ihn zwar betäubt, schon dein Pfeil war für ihn gedacht, aber sein Wächter hat ihn weggebracht." Er bewegte sich dichter auf den anderen zu und entnahm zwei mit schönen Ornamenten versehene Armreifen aus einer Schmuckkiste, um sie auf den kleinen Tisch neben den Gefangenen zu legen.

Eine Weile lang beobachtete er die mühsamen Bewegungen seines Gefangenen gegen die Kette, dann schlug er leise vor "Du bekommst gleich eine Wahl von mir: ob du mit der Kette gegen mich sein willst, oder ohne wenn nicht für mich, dann wenigstens nicht in meinem Weg." Er wies in die Schwärze umher. "Dort wirst du es nicht überleben, die Tiefe ist zu groß und der Druck zu stark für dich, also überleg dir, ob du den Vertrag als mein Eigentum annehmen und diese Reifen tragen willst. Ich lege sie hierher und lasse dir eine Weile Bedenkzeit." Er holte noch eine Schale mit Salzkrabben und stellte sie dazu. "Sie werden dir gegen die Übelkeit helfen, bis später."

Rasch entfernte Wirakun sich, um die Beuteeinteilung mit den Steuermännern zu besprechen. Der weiße Schleierschwanz musste ebenfalls erwacht sein, und Wirakun wollte ihn gleich über seinen neuen Stand in dem zukünftigen Harem eines Piraten informieren.

Mitar sah ihm nach und versuchte träge, seine Gedanken zu ordnen. Eben noch hatte er nach Cin gesucht, um sich mit ihm auszusprechen, dann waren die Piraten gekommen, und jetzt sollte er das Eigentum von einem dieser Männer sein. Im Moment hatte er tatsächlich keine Möglichkeit zu fliehen, da hatte der Fakun recht. Die Schwärze außerhalb des Schiffes, die nicht die Dunkelheit der Nacht, sondern der Tiefsee war, zeigte Mitar, dass er sterben würde, wenn es ihm gelänge, sich der Kugel zu entledigen und seinen Wächtern zu entkommen. Aber Cin war frei; er würde Pascha Denju benachrichtigen, der alle Hebel in Bewegung setzen konnte, um ihn wieder zurückzuholen.

Mitar schwankte zwischen Erleichterung und einem Gefühl wie Zorn über seine missliche Lage, aber noch immer hatte er keine Furcht. Zudem erschien es ihm, als habe der Pirat nicht nur Cin verfehlt, sondern als wäre er mit ihm als Ersatz auch nicht sehr glücklich. Verständlich, wenn man, anstatt eines hübschen Schleierschwanzes, einen unauffälligen Mann wie ihn erwischte. Immerhin würde ihn das vor dem Harem bewahren.

Mitar lächelte schal, warf den Armreifen, die seinen Status offiziell machen sollten, einen Blick zu und griff dann nach einer der Salzkrabben. Anstatt sie zu essen, drehte er sie jedoch nur zwischen den Fingern, noch immer nicht ganz sicher, ob er sie vertragen würde.

Er konnte sich entscheiden, hatte der Pirat gesagt. Entweder wählte er die Reife und durfte sich frei bewegen, aber nahm damit den Vertrag an, nicht die Flucht zu versuchen, wenn sie in flachere Gewässer kamen. Oder er blieb angekettet, als Zeichen seines Widerstands. Damit war ein Entkommen ohnehin unmöglich.

Mitar verfluchte seine Situation, sein unpassendes Ehrgefühl, die Piraten und überwand sich schließlich, die Krabbe zu essen, um seinem aufgewühlten Magen die Chance zu geben, sich wieder zu beruhigen.


© by Jainoh & Pandorah