Wie ein Schlangentanz

4.

Cin erwachte mit Übelkeit. Eine Weile konzentrierte er sich nur darauf, seinen Magen unter Kontrolle zu behalten, um sich nicht übergeben zu müssen und lenkte seine Gedanken lieber zu angenehmeren Dingen. Mitar...

Mit einem erschrockenen Japsen fuhr Cin hoch, als er sich erinnerte, warum ihm so schlecht war. Die Piraten! Der Überfall! Ängstlich huschte sein Blick umher. Der Raum war vertraut, wenn auch nicht bekannt; er war aufgebaut wie sein eigener Pavillon. Mitar jedoch war nirgends zu sehen.

Einzig ein dunkler Fakun war bei ihm, vermutlich ein Wächter. Erschöpft war der Mann halb auf dem Kristalltisch neben dem Bett eingeschlafen. Die lange Narbe, die den Schwertbuckel auf seinem Kopf einkerbte, kam Cin bekannt vor, ebenso der kräftige, tiefschwarze Körper mit den weißgestromten Flossen. Dumpf erinnerte er sich, dass er mit ihm zusammengestoßen war, bevor das Schlafgift ihn in die Bewusstlosigkeit hatte sinken lassen.

Aber wenn dieser Wächter ihn in Sicherheit gebracht hatte, dann bestimmt auch Mitar. Hoffnungsvoll betrachtete Cin das düstere Gesicht, dessen lange weiße Brauen sich bis zu den Ohrfächern hinzogen. Er sah stark und energisch aus, er musste seinen Bruder einfach gerettet haben!

Die Lichtstreifen, die durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden fielen, zeigten Cin, dass es helllichter Tag war. Der Wächter konnte also nicht allzu zornig sein, wenn er ihn weckte, um nachzufragen. Vorsichtig, damit ihm nicht wieder übel wurde, schwamm Cin zu ihm hin und berührte ihn vorsichtig an der Schulter. "Hallo?"

Ternekun schreckte zusammen, dann rieb er sich die Augen, bevor er der kleinen Goldamme, die er gerettet hatte, ins Gesicht sah. "Oh, ich muss eingeschlafen sein, war eine anstrengende Nacht", murmelte er unbestimmt. "Alles in Ordnung, Kleiner?"

Cin nickte und ignorierte, dass der Wächter ihn derart unhöflich und unpassend angesprochen hatte. Kleiner! Also wirklich. "Mir geht es soweit gut. Wo ist Mitar? Der große, silbergraue Mann, der bei mir war. Er ist doch hier, nicht?"

"Nein. Warum sie ihn mitgenommen haben, weiß ich nicht, aber er ist mit einer Gruppe von Schleierschwänzen entführt worden." Ternekun war ein wenig missgestimmt, weil der andere nicht einmal eine Geste des Dankes übrig hatte. Mit einem leichten Schwung der Schwanzflosse stieß er sich ab und öffnete die Lade vor dem Fenster.

Der Platz glich noch immer einem Schlachtfeld. Die Wächter des Hauses räumten in kleinen Grüppchen verteilt auf; der Heiratsvermittler schwamm mit seinem Berater von Pavillon zu Pavillon, um sein Bedauern auszudrücken. Im Hintergrund trafen erste größere Schiffe von Paschas ein, um die Verfolgung aufzunehmen.

"Oh nein..." Es war nur ein Flüstern. Zu mehr war Cins Stimme nicht mehr in der Lage, als ein kaltes Zittern über ihn rann und all seine Ängste wahr wurden. Zu der Übelkeit gesellten sich Magenschmerzen ganz anderer Art hinzu, als er sich kraftlos zu Boden sinken ließ. Sie hatten Mitar mitgenommen. Sein Bruder war gekommen, um ihn zu retten und selber in die Hände der Piraten gefallen.

Wie blind starrte er auf das Kristalltischchen, während die wildesten Phantasien durch seinen Kopf huschten. Schreckensbilder und Dinge, die er tun konnte, um Mitar zu helfen, wechselten sich ab und ergaben kaum einen Sinn.

'Ich muss logisch denken!', befahl er sich energisch und schob die lähmende Furcht von sich. 'Sonst ist Mitar verloren.' Wenn er seinem Pascha eine Nachricht zukommen ließ, würde dieser sofort Hilfe schicken, das war klar. Doch bis sie hier war, wäre kostbare Zeit vergangen. Zeit, die die Piraten weiter weg brachte. Andererseits konnte er kaum alleine losziehen und seinen Bruder auf eigene Faust suchen. Er kannte sich nicht aus, kannte die Fakun nicht...

Wie von selbst glitt sein Blick zu dem Wächter, der finster aus dem Fenster starrte. Groß, kräftig und ebenso düster wie sein Blick war er. Nicht nur sein Körper, auch die gegabelte Schwanzflosse, die Bauch- und selbst die Saumflossen waren stark, stärker noch als Mitars, der ja ebenfalls ein Schleierschwanz war. Dieser Mann war ein Fakun. Zudem ein Wächter und zum Schutz ausgebildet. 'Ich sende einen Boten zu meinem Pascha, dann könnte ich gleich mit diesem Fakun... Ich kennen noch nicht einmal seinen Namen! Vielleicht will er mir gar nicht helfen. Aber wenn ich ihn gut genug bezahle?'

Bevor er den Gedanken wirklich beendet hatte, war er schon mit eiligen Flossenschlägen zu ihm geschwommen. Doch ehe er auch nur den Mund öffnen konnte, fiel sein Blick auf den Platz, und für einen Augenblick vergaß er seine wilden Pläne. Die schöne Oase wirkte, als hätten es die Stürme der Oberfläche geschafft, ihre Zerstörungswut hier auszulassen. "Tiefsee! Haben die gewütet!"

Der Anblick machte ihm bewusst, wovor der Wächter ihn bewahrt hatte. Erst jetzt schenkte er der Anstrengung, von der dieser gesprochen hatte, und der Erschöpfung, die ihn am Tisch hatte einschlafen lassen, wirklich Aufmerksamkeit. Sicher, es war seine Pflicht und er wurde dafür bezahlt, aber dennoch...

"Danke, dass du mich gerettet hast", sagte er leise, während er beobachtete, wie Diener Brocken einer zersplitterten Sitzschale wegräumten. Noch immer trieben kleine Teile der kunstvollen Anemonennetze umher, die von jedem Flossenschlag neu aufgewirbelt wurden.

"Das ist noch gar nichts. Sie wurden von der Übermacht der Wächter dieser Oase vermutlich überrascht und sind sehr schnell wieder geflüchtet. Sie haben nicht einmal die Pavillons ausgeraubt." Ternekun hatte in dem Schmerz des kleinen Schleierschwanzes gesehen, dass es sich bei diesem Mitar offensichtlich um seinen Versprochenen oder Angetrauten handeln musste. 'Aber, was macht er dann hier?'

"Du solltest den Wächtern des Heiratsvermittlers eine Beschreibung deines Angetrauten geben, denn sie werden dem Fakunschiff sicherlich versuchen zu folgen, um ihnen die Beute wieder abzujagen", schlug er vor und nahm den Speer auf, der in der Zimmerecke lehnte. "Der Heiratsvermittler ist selber ein Fakunpirat gewesen und wird über Mittel und Wege verfügen."

Cin wollte gerade mit einer Beschreibung beginnen, weil es dunkel und hektisch gewesen war und sich der Wächter deswegen vielleicht nicht mehr gut genug an Mitar erinnerte, als ihm die Wortwahl auffiel. Er stockte und war für einen Moment versucht, das Missverständnis nicht aufzuklären. Doch was sollte das bringen? "Mitar ist mein Bruder, nicht mein Angetrauter. Ich weiß nicht, warum er mir nachgereist ist. Wir kamen nicht dazu, miteinander zu sprechen."

Ternekun sah ihn mit schmalen Augen an. 'Ach, hast du keine Ahnung?' Er enthielt sich seiner Meinung und zuckte mit den Achseln. "Warum wohl, er wollte seinen hübschen, kleinen Bruder vor den bösen Fakun beschützen", entgegnete er zynisch und zählte sich selbst da mit hinein. Eigentlich war es ein günstiger Moment, um zu gehen, aber der Heiratsvermittler tauchte vor dem Pavillon auf und läutete die kleine Schelle vor dem Einlass. "Soll ich öffnen?"

Cin schüttelte den Kopf. Nachdenklich sah er zu dem Wächter hin. "Du bist auch ein Fakun. Wie viel zahlen sie dir hier? Wirst du mich begleiten, wenn ich dir das Doppelte anbiete?"

Ternekun wandte sich zu der Goldamme um und begriff mit einem Mal, warum dieser so unhöflich war. 'Er denkt, dass ich ein Wächter bin? Köstlich.' Er holte schon Luft, um zu sagen, dass er ein Pascha war, ein Minenbesitzer und zwar einer, der sich nun die verbliebenen Goldammen ansehen wollte, um zwei oder drei davon zu ehelichen, aber schloss seinen Mund wieder, als ein anderer Gedanke aufkam. 'Ein Abenteuer. Hm. Bevor ich als Pascha mit langweiligen Angetrauten und nörgeligen Söhnen versauere... Ich könnte einen Boten nach Hause senden, um zu sagen, dass mein Schmuck gestohlen worden ist und ich diesen zurückholen werde.' "Wie viel bietest du?"

Überlegend schob Cin die Unterlippe ein wenig vor. Das Doppelte seines Verdienstes schien den Wächter nicht zu reizen. Viel mehr konnte er ihm im Moment nicht geben, schließlich brauchten sie die Kutsche, um dem Fakunschiff zu folgen, und die Marline mussten versorgt werden. 'Wenn sie überhaupt noch da und nicht während des Überfalls ausgebüchst sind.' Doch der Wächter hatte gesagt, die Piraten wären nicht dazu gekommen, die Pavillons auszuräumen.

"Meinen gesamten Schmuck, den ich dabei habe", bot er an und zählte den Teil auf, von dem er sicher wusste, dass sein Diener ihn eingepackt hatte. "Dazu dürften noch einige Dinge kommen, auf die mein Pascha bestanden hat."

Ternekun hätte fast laut gelacht. Diese kleine Goldamme setzte die Lösesumme für den zukünftigen Angetrauten ein, um den Bruder von den Fakun zurückholen zu lassen. Dazu noch von einem anderen Fakun, den der Kleine gar nicht kannte? "Also gut. Ich denke, dass wir es so machen, dass ich den Schmuck an mich nehme, um die Rechnung mit den Fakun zu begleichen, die uns in das Gebiet der Piraten mitnehmen werden. Ich gebe dir den Rest abzüglich des Honorars bei Erfolg zurück."

Der Gedanke, für eine Reise in seine eigenen Heimat zurück auch noch bezahlt zu werden, wo sie zweifelsfrei einfach auf die Sklavenauktionen und dortigen Heiratsmärkte gehen mussten, um Mitar zurückzuholen, war zu lustig. "Abgemacht. Oh. Wir haben uns noch nicht einmal vorgestellt. Mein Name lautet Ternekun."

Cin verneigte sich leicht und fühlte sich schon ein wenig besser. "Ich bin Cin aus dem Haus von Pascha Denju. Dann ist es abgemacht. Du brauchst wahrscheinlich keinen Platz auf einem Fakunschiff zu buchen. Die Weiden werden hoffentlich nicht überfallen worden sein. Meine Kutsche wird von blauen Marlinen gezogen, die auf Ausdauer und Geschwindigkeit gezüchtet worden sind. Wir brechen auf, sobald unsere Angelegenheiten hier geregelt sind und mein Diener mit dem Packen fertig ist."

Ternekun hob eine Augenbraue. Dieser Kleine hatte ja einen frischen Befehlston am Leib. Das war neu für einen Minenbesitzer, der selbst gewohnt war, eine Mannschaft zu befehligen. Doch er nahm sich zurück, weil er keine Lust hatte, die Verwirrung in diesem Spiel schon so frühzeitig aufzulösen. Stattdessen neigte er den Kopf einmal leicht. "Auch ich habe noch einige Kleinigkeiten zu klären und empfehle mich. Ich hole dich hier bald wieder ab, wenn es erlaubt ist."

Cin schüttelte den Kopf, während er in Gedanken bereits dabei war, die Nachricht an seinen Pascha zu formulieren. Er wusste schon jetzt, dass Denju über seine Entscheidung nicht begeistert sein würde, aber er konnte Mitar unmöglich im Stich lassen. Und irgendwie musste er Denju das klar machen. "Nein, das ist ungünstig. Weder du noch ich haben in diesem Zimmer wirklich etwas verloren. Komm zu den Kutschen, wenn du fertig bist, dann kannst du dein Gepäck schon mal einladen."

Er ließ sich von Ternekun die Tür aufhalten und schwamm eilig davon, um sich auf die Suche nach seinem Diener zu machen. Er fand ihn in seinem eigenen Pavillon. Der junge Mann war vollkommen aufgelöst von dem Schreck des Überfalls und sehr erleichtert, seinen Herrn gesund und wohlbehalten zu sehen. Cins Ankündigung, dass er den Piraten folgen wollte, stieß bei ihm auf Unverständnis und Protest; aber er war auch nicht glücklicher, als er von Cin den Auftrag bekam, als Bote zu Pascha Denju zurückzukehren und ihn über die Geschehnisse zu informieren.

Glücklicherweise waren weder der Kutscher, noch die Marline abhanden gekommen, so dass immerhin ihre zügige Abreise nicht gefährdet wurde.

 

Wirakuns Laune stieg beträchtlich, als er des weißen Schleierschwanzes ansichtig wurde. In der kleinen Kammer hatte er es geschafft, sich mit Hilfe von Kissen und Teppichen einen Thronersatz zu bauen, eine Liegestätte, auf der er annähernd standesgemäß Gäste empfangen konnte.

Wirakun wehrte die Anfragen seiner anderen Männer nach diesem Mann als Angetrauten ab und entlohnte den Mann, der ihn gefangen hatte, so großzügig er es verschmerzen konnte. Dann nahm er den Schlüssel zu der Kammer an sich. Erst als alle anderen verscheucht waren, öffnete er die schwere Tür und glitt hinein.

"Ich hoffe, dass es dir gut geht", begrüßte er den weißen Mann, dessen Zierlichkeit ihm nun erst richtig auffiel. "Das Schlafmittel war für größere Männer dosiert." Vorsichtig platzierte er auch neben diesen Gefangenen eine große Muschel mit Salzkrabben und ließ sich dann am Fuße des Lagers nieder. "Ich bin Wirakun, der Kapitän dieses Schiffes und dein Eigentümer", stellte er sich vor und legte zwei Perlarmreifen neben die Salzkrabben. "Mir ist zugetragen worden, dass du als Pascha in die Oase gekommen bist. Daher hoffe ich, dass du dich mit dem neuen Stand recht bald anfreunden wirst."

Manmatha legte den Kopf ein wenig zur Seite und betrachtete den Fakun mit dem hellen Körper und den grünen Flossen. Er sah längst nicht so furchterregend aus wie seine eigene Leibwache, die sehr offensichtlich versagt hatte. In einer kleinen, wellenförmigen Bewegung breitete er seine doppelte Schwanzflosse um sich, ehe er leise antwortete. "Ich denke nicht, dass ich hier bleiben werde. Mein Pascha wird weder Kosten noch Mühe scheuen, um mich zurückzuholen. Wir könnten es einfacher haben, wenn du mir sagst, was der Preis für meine Freiheit ist."

"Es gibt keinen, und ich glaube nicht, dass dein Pascha dich holen wird." Offensichtlich war dieser kleine Schmuckfisch eine verwöhnte Krake, Wirakuns Laune sank beträchtlich. "Überleg dir bis morgen früh, ob du kooperativ sein möchtest, denn aus diesem Schiff wirst du nur auf zwei Arten herausgelangen. Einmal als Angetrauter von mir oder dem Mann, der dich gefangen hat, oder aber tot." Er lächelte unpassend zuvorkommend und fragte in einem gänzlich anderen Tonfall, die Liebenswürdigkeit selbst: "Ich stelle dir gleich einen Diener zur Seite, darf es noch etwas anderes sein?"

"Nein, danke. Ansonsten habe ich für den Moment keine Wünsche." Manmatha erwiderte das Lächeln weich, wenngleich ihn die geringe Wahl an Alternativen besorgte. Dennoch war er fest überzeugt davon, dass sich der Fakun irrte. Es mochte dauern, aber die Wächter seines Paschas würden kommen. Er war der einzige Erbe, und es war absolut ausgeschlossen, dass aus seinem kranken Pascha noch ein weiteres Kind hervorgehen würde. Trotzdem hatte der Gedanke, in einen Harem einzugehen, wenn auch nur für gewisse Zeit, durchaus seinen Reiz – so lange es nur ein Gedanke blieb. "Außer vielleicht dem, dass ich meine andere Wahl dann ebenfalls kennen lernen sollte. Das Vergnügen, meinen Häscher zu sehen, hatte ich durch das Schlafgift bis dahin noch nicht."

Wirakun zuckte mit den Achseln. Er hatte nicht wirklich vor, seinem Steuermann diesen Fang zu überlassen, aber der düstere, untersetzte Mann war sicherlich auch keine sonderlich ansprechende Alternative, nicht einmal gegen ihn selbst. "Ich sorge dafür, dass er sich vorstellt und spreche dich morgen erneut. Wie heißt du?"

"Verzeih mein schlechtes Benehmen. Ich bin Manmatha aus dem Hause des Pascha Zahin. Dein Besuch wird mir angenehm sein." Zumindest würde er vermutlich Abwechslung in den nicht sehr interessanten Tagesablauf bringen, den Manmatha befürchtete. Allerdings war Langeweile noch immer besser als das, was anderen Gefangenen von Piraten schon geschehen war. Mit Grausen erinnerte er sich an Berichte von abgeschnittenen Flossen und Schlimmerem.

Wirakun ließ den Diener in die Kammer und sah seinem Raub noch ein letztes Mal direkt in das süße Gesicht, das tiefe Blau der Augen allein verdrehte seine Gedanken. Er würde sich dieses Fisches auf jeden Fall bemächtigen, allein um ihn ansehen zu können, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, mehr als das tun zu wollen. Viel zu groß war sein Respekt vor dem kleinen Schmuckstück.

Da seine Überlegungen gerade zu den körperlichen Aspekten gewandert waren, glitten sie auch noch weiter zu dem anderen Gefangenen. Merkwürdigerweise war etwas an ihm gewesen, das Wirakun gefiel. Verwirrt schob er den Gedanken zur Seite und verabschiedete sich, während der Diener sichtlich entzückt über seinen neuen Herrn an dessen Seite huschte, um Befehle entgegen zu nehmen.

 

Mitar hatte noch immer nicht entschieden, was er denn tun sollte, als der Pirat bereits wieder zurückkehrte. Dafür hatte er jedoch einige der Krabben gegessen, was seinen Magen wirklich beruhigt hatte. Die Armreife gegen die Kette, der Vertrag gegen die Unmöglichkeit zur Flucht.

"Und was hast du mit mir vor, wenn ich in deinen Besitz übergehen sollte?", fragte er, nachdem der Fakun ihm nur einen kurzen Blick zugeworfen und sich dann abgewandt hatte. "Brauchst du Haremswächter?"

Wirakun hatte die Liste mit dem Gewinn betrachtet, da sein persönlicher Raub sich noch nicht entscheiden konnte. Als diese Frage unvermittelt an ihn gestellt wurde, antwortete er ohne lange nachzudenken "Nein, du wirst Teil meines Harems."

Überrascht ließ er die Liste sinken und starrte auf die Reflektion seines Gesichtes vor der Schwärze umher. 'Wieso bin ich nun darauf gekommen?' Aber gesagt war gesagt, und einen derart kräftigen Angetrauten zu haben, konnte nur einen kräftigen Sohn geben. Mit einem Mal lächelte er und sah sich über die Schulter zu dem grauen Mann um, der gegen die Kette haderte. "Einen kräftigen, gesunden Sohn kann eine Piratendynastie immer gebrauchen."

Mitar schwankte zwischen Zorn und Verblüffung. Das war nun wirklich das Letzte, womit er gerechnet hatte, kräftig und gesund hin oder her. Sicher, er hatte einige Angebote bekommen, in einen Harem einzugehen. Aber das waren hauptsächlich politische Vorschläge gewesen, die eine Verbindung seines Hauses mit dem eigenen gewünscht hatten. Und das lag hier nun wirklich nicht vor. Die Alternative kam ihm einen Moment später. Der Pirat spielte damit, dass es unglaubwürdig war und wollte ihn... necken? Das Wort passte nicht, aber nach Hohn hatte die Aussage auch nicht geklungen.

"Und was tust du, wenn ich ablehne und mich für die Kette entscheide?", fragte er schließlich noch immer verwirrt.

Wirakun lächelte leicht. "Ist das dein Entschluss?" Der Ärger in dem Raubgut erinnerte ihn an die Dinge, die sein Vater ihm über die ersten Tag im Harem des Paschas erzählt hatte.

"Ich habe noch gar nichts entschieden, sondern lote gerade die Möglichkeiten aus", erklärte Mitar reserviert. "Einem Harem beizutreten ist nichts, was man überstürzen sollte."

"Dein Pascha hätte dir eine Wahl gelassen? Glaubst du das wirklich?" Wirakun legte die Liste beiseite und ließ sich an seinem Tisch nieder. Mit einer Geste forderte er den anderen auf, zu ihm zu kommen. "Aber ich will nicht so sein. Verschieben wir diese Entscheidung doch auf den Tag der Ankunft. Sagen wir einfach, dass deine Aufgabe bis dahin sein wird, mein Schatten zu werden." Er stützte sich auf den Ellbogen auf und sah den anderen an. "Wie ist das?"

Mitars Irritation wuchs; er folgte der Geste, ungelenk durch die Kette und das Gewicht. "Mein Pascha hat mir eine Wahl gelassen. Ich habe zwei Brüder, die gut verheiratet sind, zwar nicht aufgrund romantischer Dummheit, sondern aus Vernunft, aber dennoch aus eigenem Willen, und einen dritten, der künftig Familienoberhaupt sein wird. Es besteht keine Notwendigkeit." Nachdenklich sah er in das schmale Gesicht mit den weißen, bis zu den Ohrfächern reichenden Brauen. "Und wie wäre der Name des Mannes, dessen Schatten ich werden soll? Ich bin Mitar."

"Wirakun." Er wartete geduldig ab, damit Mitar sich die Sache überlegen konnte. Während er dabei die Liste weiter mit den Augen entlang glitt und sich hier und dort etwas notierte, strich er nebenbei mit der freien Hand über den hellgelben Anemonenteppich, der das Sitzen in dieser Ecke der Kajüte für ihn am angenehmsten machte, weil sie zart dufteten und alles und jeden in ihrer Nähe leicht umspielten.

Mitar folgte der Bewegung mit Blicken, während er über das neue Angebot nachdachte. Es war besser als die anderen Alternativen, soviel stand fest. Aber was bezweckte der Fakun damit? Mit Sicherheit würde er sich nicht damit anfreunden, unter Piraten zu leben; weder konnte er sich mit ihrer Art, den Unterhalt zu verdienen, identifizieren, noch wollte er irgendwo in Riffen versteckt hausen. Zu sehr würde er den weiten, freien Ozean und seine Mayukherden vermissen. Dennoch nickte er schließlich. "Einverstanden."

Wirakun hob von der Stimme aus seinen Gedanken gerissen den Kopf und sah Mitar direkt ins Gesicht. Einen Augenblick lang brauchte er, um sich daran zu erinnern, womit dieser einverstanden war, dann lächelte er und schwamm mit einem kleinen Schlag der Schwanzflosse zu seinem Versteck für Schlüssel. Er entnahm den Schlüssel für die Fessel und sah Mitar dann abwartend an. "Wirst du die Reifen tragen?"

"Nicht, wenn sie mit einer Bedingung oder gar einem Vertrag verknüpft sind."

Gelassen legte Wirakun den Schlüssel in das Fach zurück und verriegelt es wieder. "Dann sind wir noch nicht soweit. Na gut. Ich werde erst einmal zur Feier des Raubes mit meiner Mannschaft trinken und tanzen, wir sehen uns später wieder, Mitar." Er glitt zum Tischchen und nahm die Liste auf. "Deine Kette reicht zu dem Schlaflager dort und bis zum Fenster, leider ist die Aussicht zur Zeit nicht sonderlich aufregend." Mit der Liste unter dem Arm schwamm Wirakun nach einem letzten Blick auf das Gesicht des anderen zur Tür.

"Ah, so sieht das also aus." Mitars Augen wurden schmal. So viel zu dem dritten Vorschlag. "Dann mach das nächste Mal keine Angebote, wenn du nicht gedenkst, sie einzulösen."

Wirakun drehte sich an der Tür kurz um. "Mein Angebot steht. Entweder Angetrauter jetzt oder Schatten jetzt. Dass du zu meinem Besitz gehörst, steht außer Frage. Bis später, Mitar." Er durchstrich die runden Gänge auf die kleine Nachbildung einer hohen Halle zu, die im Bauch des Schiffs zwischen den Sturmkammern mit dem Antrieb und den Kammern mit ihren geraubten Schleierschwänzen lag.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Nun war er doch zufrieden; denn als Schatten, wie auch als Vater für einen Sohn, schien Mitar ausgezeichnet geeignet zu sein, und der perlfarbene Schleierschwanz würde ein herrliches Schmuckstück für den Harem und einen ausgezeichneten Vater für einen verwöhnten, jüngeren Sohn, den man zu hohem Preis auf dem Heiratsmarkt anbieten konnte, abgeben. Er stimmt lauthals mit in die Lieder seiner Mannschaft ein, während das Schiff schnell und lautlos durch den tiefen Kanal in Richtung Norden glitt, um den Häschern der beraubten Paschas zu entkommen.

Mitars Laune sank weiter, als er sich zu dem Lager begab und sich darauf sinken ließ. So also hatte der Pirat es gemeint. Es war nur ein Versuch gewesen, seine Kooperation auf einem anderen Weg zu bekommen. Was für eine Seegurke war er gewesen, dass er geglaubt hatte, ein Fakun würde ein solches Angebot ernst meinen! Düster starrte er zu dem schwarzen Fenster hin, das noch immer nicht viel mehr verriet, als dass er außerhalb des Schiffes sterben würde. Immerhin wusste er nun, wo der Schlüssel aufbewahrt wurde. Es würde nur nicht viel helfen, da die Kette zu kurz war, um ihn zu erreichen.

Leise fluchte Mitar vor sich hin, während er darüber nachzudenken begann, dass ein Vertrag auf dieser Basis nicht ernsthaft gehalten werden musste. Er war entführt, mit dem Tod bedroht und nun auch noch hinter das Licht geführt worden. Und seine Gutgläubigkeit ärgerte ihn in diesem Moment am meisten.


© by Jainoh & Pandorah