Wie ein Schlangentanz

5.

Ternekun hatte einen Boten nach Hause entsandt, um mitzuteilen, dass er beraubt worden war und den Piraten einen kleinen Besuch abstatten würde. Dann hatte er sich die Kutsche der kleinen Goldamme zeigen lassen und für gerade einmal ausreichend befunden. Sie würden langsam voran kommen, aber in ein Fakunschiff wollte er den Kleinen nicht verladen; die Gefahr, dass sie ihn als Fahrpreis einbehalten würden, war einfach zu groß.

Halb und halb hatte Cin erwartet, dass es zu größeren Problemen vor ihrer Abreise kommen konnte, der er so ungeduldig entgegen fieberte. Dass der Kutscher sich weigern würde, dass sein Pascha wieder erwarten ebenso überraschend wie Mitar auftauchte und ihn zurückhielt. Doch schließlich saßen er und sein neuer Wächter einander gegenüber in dem hellen Gefährt, die Marline setzten sich in Bewegung, und die Oase blieb hinter ihnen zurück.

Cin seufzte erleichtert auf, während er gleichzeitig insgeheim befand, dass der düstere Mann im Vergleich zu seinem entführten Diener nicht recht zu der Kutsche passte. Ein wenig umständlich reckte er sich nach dem Kistchen mit dem Schmuck, das zuvorderst in einem der Gepäckfächer untergebracht worden war, und reichte es Ternekun. "Hier, deine Bezahlung."

Ternekun nickte leicht und verstaute das Kistchen sicher unter dem Sitz, in dem er es sich gemütlich gemacht hatte. "Gut. Damit du informiert bist, Cin. Ich habe dem Kutscher den Weg zu einem Marktplatz beschrieben, der im Gebiet der Fakunpiraten liegt. Dort verkaufen sie ihre Waren, vor allem auch die geraubten Männer, sehr gern. Wenn wir Mitar dort nicht finden, dann zumindest jemanden, der uns sagen kann, aus welchem Gebiet das Schiff stammt. Die meisten Kapitäne halten dort, um Rast zu machen."

Er lehnte sich ein wenig vor. "Kannst du dich noch an die Gesichter und das Aussehen von einigen erinnern? Ich hab kaum zurückgeblickt und kann mich nur an einen kräftigen Piraten mit grünen Flossen erinnern. Sie waren violett gestromt, also war er sicherlich Fakun, zum Teil wenigstens."

Stumm gratulierte Cin sich zu der Wahl seines Wächter. Während er nur hektisch versucht hatte, alles möglichst schnell zu erledigen, um nicht irgendwelchen Aufsichtspersonen in die Hände zu fallen, die ihn zurückhalten wollten, hatte Ternekun sich bereits Gedanken um ihr Vorgehen und Pläne gemacht. Zudem schien er sich wirklich bei den Fakun auszukennen und war nicht nur äußerlich einer.

Cin kräuselte die Nase und schob nachdenklich die Unterlippe vor, als er sich die Situation in der Nacht in Erinnerung zu rufen versuchte. Hauptsächlich war es dunkel gewesen, mit vielen Schatten, die plötzlich von oben gekommen waren, Pfeile, panisch schreiende Leute und dann natürlich Mitar. Dessen Gesicht und die Sorge in den grauen Augen hätte er auch jetzt noch ausführlich beschreiben können, aber danach hatte Ternekun nicht gefragt. "An den mit den grünen Flossen erinnere ich mich auch. Ansonsten sah er ein wenig aus wie Krabben, die sich zu nah an einen Vulkan gewagt haben. Rosaorange irgendwie. Und einer war fast schwarz, ähnlich wie du. Der hat den weißen Schleierschwanz mitgenommen. Daran erinnere ich mich, weil der Kontrast so heftig war, als würde ein Schatten das Licht verschlucken."

"Na, ein Anfang. Ein Fakunpirat mit grünem Schwanz und violetter Zeichnung sollte nicht allzu häufig sein. Schwarz hilft uns bei Fakun nicht weiter, das sind die reinen Fakun alle." Ternekun betrachtete den orangegelben Mann mit seinem schönen, feuerroten Schleier vor sich. "Er ist was besonderes, nicht?", fragte er unvermittelt.

Cin wusste sofort, wen er meinte und fühlte sich ebenso prompt durchschaut. Störrisch reckte er das Kinn vor, auch wenn er spürte, wie ihm die Wangen vor Verlegenheit heiß wurden. "Weil ich versuche, ihn zu retten? Alle meine Brüder sind etwas besonders, und ich würde es für jeden von ihnen tun." Damit log er nicht einmal, selbst wenn es nur einen Teil der Wahrheit darstellte.

"Genau." Ternekun lehnte sich grinsend zurück und sah aus dem Fenster, vor dem lediglich graues Gestein vorüber huschte. Das war zwar langweilig, aber einfacher, als dem hübschen Mann auf die glänzenden Augen und heißen Wangen zu sehen. 'Sein Bruder. Er muss von einer Farm stammen. Nicht viel Auswahl dort.' "Ich möchte dich bitten, auf dem Markt immer dicht bei mir zu bleiben. Wenn jemand fragt, gehörst du zu mir, ohne spezielle Erklärungen. Es ist weitaus einfacher, wenn die anderen Fakun denken, dass du mein Eigentum oder Angetrauter bist. So mancher Schleierschwanz ist von diesem Markt nicht wieder nach Hause zurückgekehrt."

Unwillkürlich fröstelte Cin, die Hitze verschwand mit einem Schlag aus ihm. 'Was sagt mir eigentlich, dass er nicht genau das gleiche mit mir vorhat? Mich dort verkaufen?' Die Antwort war zum Glück einfach. Ternekun hatte in der Oase gearbeitet, die gut situiert war, und Cin verließ sich darauf, dass sie nur vertrauenswürdige Männer einstellten. Zudem sagte ihm sein Gefühl, dass der Mann nicht so hinterhältig war. 'Nicht, dass ich mich immer darauf verlassen könnte', dachte er sarkastisch.

"In Ordnung. Dann gehöre ich also zu dir." In dem Moment ging ihm die Komik der Situation auf, und er musste lachen. "Auch wenn das Verhältnis eher umgekehrt ist. Immerhin stehst du in meinem Dienst."

"Du brauchst keine Angst haben, Kleiner. Nicht alle Fakun sind Piraten, und du hast dir für dein unüberlegtes Vertrauen und dein Lösegeld einen der ehrlichen ausgewählt." Ternekun wandte sich ihm erneut zu und hielt seinen Blick einen Moment lang fest. "Ich sorge dafür, dass dir vor allen Dingen nichts geschehen wird."

Cin lächelte und bemerkte das erste Mal, dass die Augen seines Gegenübers schwarz wie die Tiefsee waren und genauso unergründlich. "Das würde ein unehrlicher jetzt wohl auch sagen, aber ich glaube dir. Und ich wäre dir sehr verbunden, wenn du es unterlassen könntest, mich Kleiner zu nennen."

Ternekun nickte, Ergebenheit imitierend. "Ich werde es versuchen. Ruh dich aus. Der Markt wird anstrengend, die meisten Informationen bekommt man dort erst bei Nacht."

Mit einem kleinen Nicken ließ sich Cin tiefer in sein Polster sinken. Doch an Schlaf war nicht zu denken. Kaum, dass die Planung beendet war und er nicht mehr abgelenkt wurde, kamen die Bilder zurück, wie Mitar zusammengesackt war. Mit geschlossenen Augen machte er sich schreckliche Sorgen, wie es seinem Bruder gehen mochte.

 

Wirakun fühlte sich herrlich. Er war komplett berauscht und hatte sich sehr ausgiebig mit der Mannschaft amüsiert. Zwei seiner Leute hatten um Eheschließungen in den nächsten Tagen gebeten, dies würden neuen Anlass für Feiern bieten, worauf er sich schon freute. Er selber hatte keine Lust, einfach so zu heiraten und konnte es für die Ankunft bei seinem Pascha aufschieben.

Ein letzter Blick in die Kammer des perlfarbenen Schleierschwanzes beglückte ihn noch mehr. Dieser lag schlafend auf dem Lager und sah nicht unzufrieden aus. Ein Lied summend kehrte Wirakun in seine Kabine zurück.

Mitar hatte nicht einschlafen können. Immer wieder hatte er seine Situation aus jeder erdenklichen Richtung betrachtet. Dass er dem Harem des Piraten beitrat, kam unter keinen Umständen in Frage, ebenso wie er sich nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, in seinen Besitz überzugehen. Doch es blieb ein offenes Geheimnis, dass es ihm erst dann möglich sein würde zu fliehen.

Als sich die Tür zur Kabine öffnete, hob er den Kopf, nur um unerträglich gute Laune auf dem Gesicht des Piraten zu sehen, der zudem auch noch ebenso unerträglich berauscht zu sein schien, so unsicher, wie er schwamm. Immerhin würde er dadurch keine Probleme haben, den Fakun abzuwehren, sollte er seine Haremsansprüche geltend machen wollen.

Wirakun wurde erst, als er ihn erblickte, an den grauen Mann in seiner Kammer erinnert. Noch immer war dieser an der Kette gefesselt, aber der Gesichtsausdruck sagte Wirakun, dass er noch fern von bereit war, seine neue Lage zu akzeptieren.

"Guten Abend, Mitar", grüßte er dennoch beschwingt, schloss den Einlass und sperrte damit auch das Gelächter und die Musik aus der Halle aus.

Mitar schnaubte nur leise. Eigentlich hatte er fragen wollen, was Wirakun sich unter einem Schatten überhaupt genau vorstellte; er konnte nicht glauben, dass er ihm wirklich nur überall hin folgen sollte, aber dessen Rausch ließ ihn diesen Plan verschieben.

Wirakun streckte sich und schwamm zu dem Geheimfach, um den Schlüssel daraus zu entnehmen. Der Anblick des ihn anklagenden grauen Mannes hatte seine Stimmung leicht gedämpft, aber er musste sich seinem Raub nun wohl oder übel stellen.

"Und? Wie hast du den Abend verbracht, Mitar? Bist du zu einer Entscheidung gekommen?" Er wirbelte einmal herum, entdeckte die Schale mit Algenkissen, die Mitars Speise hatte sein sollen. "Gar keinen Hunger gehabt?" Langsam schwamm er zu dem Lager, wo sein Raub noch immer festgekettet war.

"Ich habe mich prächtig amüsiert, bin mit dem Schiff um die Wette geschwommen und habe mit einem Riesenkraken gerungen", antwortete Mitar sarkastisch. Was sollte er schon getan haben? Offensichtlich gab es keine Möglichkeit, dem schwatzhaften Piraten zu entkommen. Er hätte sich schlafend stellen sollen. "Ich werde mich vielleicht entscheiden, wenn du mir mehr über den Vertrag und die Aufgaben erzählst, was ein Schatten in deinen Augen zu tun hat. Aber das hat auch noch bis morgen Zeit."

Wirakun seufzte unhörbar und schwamm zu seinem Raubgut hin. "Halt still", murrte er, während er mit einer Hand an dessen langer Schwanzflossen entlang strich, um das Schloss an der Kette zu erreichen. "Glaub mir. Ich habe keinerlei Ahnung, was ein Schatten macht und was nicht. Das einzige, was ich weiß, ist, dass er da sein muss. Vermutlich finden wir einen Weg, wie du dich nützlich machen kannst. Hätte ich meinem Vater nur nichts versprochen." Er öffnete das Schloss und gab Mitar einen Klaps gegen die Flanke. "So, beweg dich, du liegst lange genug auf meinem Bett. Deins ist gleich dort drüben."

Es tat gut, die Fessel loszuwerden, auch wenn es Mitar überraschte. Er streckte sich erst einmal, ehe er mit einem kleinen Flossenschlag das Polster verließ. Nicht, dass Wirakun es sich anders überlegte.

"Deine Angebote werden immer besser, Pirat", sagte er fast ein wenig belustigt. "Jetzt stellt sich sogar heraus, dass ich mich für Dinge verpflichten soll, bei denen nicht einmal du weißt, was das sein soll."

Und das wahrhaft Ungewöhnliche daran war nicht, dass er sich verpflichten sollte, sondern dass Wirakun offensichtlich Wert darauf legte, dass er es freiwillig tat. Weder vom Aussehen, noch vom Verhalten her entsprach er wirklich dem Bild eines Fakunpiraten. Erneut verwirrt schwamm Mitar zu dem wesentlich kleineren Lager hin, zu dem Wirakun ihn verwiesen hatte. "Und was gibt dir die Gewissheit, dass ich dich nicht einfach umbringe, während du deinen Rausch ausschläfst?"

"Wenn ich sterbe, stirbst du. Das gibt mir die Gewissheit. Zudem, diesen Rausch muss ich nicht ausschlafen, er hält nicht lang an, der Vorteil der Pflanzen, die wir verwenden. Sie sind reiner und wirken da, wo sie sollen." Wirakun schlug nachlässig mit der Flosse gegen die Polster, um sie aufzuschütteln, dann ließ er sich darauf sinken. "Ja. Du hast Recht. Was machen wir nur mit dir? Das Problem ist, dass ich eigentlich vor hatte, den kleinen Goldenen neben dir mitzunehmen. Mit dem hätte ich jetzt sicherlich was anzufangen gewusst, aber bei dir... Es ist nicht leicht, wenn man sich in der Beute vergreift, Mitar."

Wirakun streckte sich ein wenig, dann machte er eine kleine Handbewegung an Mitars Körper entlang. "Mit einem so kräftigen, gesunden, offensichtlich nicht einmal dummen Mann... es ist schon schwer für einen Pascha, sich für so einen Fisch etwas einfallen zu lassen", flötete er und grinste.

"Es bereitet mir eine gewisse Befriedigung, dass du mich und nicht meinen Bruder bekommen hast. Denn gerade mit diesen Plänen würdest du dich bei mir schwer tun, solltest du sie wirklich haben." Mitar schnaubte und glitt in die Nische, in der sich sein Lager befand. In einem hatte der Fakun natürlich Recht. So lange er noch Hoffnung hatte, zu entkommen oder befreit zu werden, würde er sein Leben nicht aufs Spiel setzen.

"Gute Güte! Du bist vielleicht ein Spielverderber, Mitar. Da hab ich mir ja einen Griesgram eingehandelt!" Offensichtliche Betrübtheit zur Schau stellend versammelte Wirakun seine Schwanzflosse um sich und lehnte sich in dem Lager zurück. Unter dem Aspekt Begierde betrachtet musste er mit einem Mal eingestehen, dass Mitar ein vortreffliches Objekt abgab. Er würde Wirakun allein aus Stolz nicht nachgeben, war nett anzusehen, und dieses Spiel würde ihm sicherlich die Zeit in der Tiefe sehr gut vertreiben. "Also, folgende Aufgaben erwarten dich, mein schöner Spielverderber. Du musst als mein Schatten wie ein solcher hinter mir und bei mir sein, wenn ich im Schiff unterwegs bin, um für mich Karten zu tragen und, wenn du dich dann auskennst, Botengänge zu erledigen. Sind wir hier, darfst du natürlich tun und lassen, was dir beliebt." Er lachte leise. "Sollte dich wider Erwarten doch einmal das Verlangen packen, weißt du ja, wo du mich findest."

"Vorausgesetzt, ich trage die Ringe, richtig? Ich glaube, eine derart schlechte Alternative ist die Kette nicht, wenn du mich abends losbindest." Von ihm abgewandt musste Mitar mit einem Mal grinsen. Wirakuns Lachen hatte einen neckenden Unterton, der nicht mit Spott gleichkam. Es machte ihm Lust, auf der gleichen Ebene zu antworten. "Ich kann hier auf deinem Bett liegen und mich wie ein Pascha fühlen." Und sich nach spätestens zwei Tagen zu Tode langweilen, das kannte er schon. Er war niemand, der lange faul sein konnte. Er vermisste ja bereits jetzt die Arbeit mit den Herden. "Wie lange sind wir unterwegs bis zu deinem Piratennest?"

"Nest. Ringe. Du bist ganz schön anspruchsvoll, Mitar." War da ein Lachen in der Stimme gewesen? Wirakun begann, sich Hoffnung zu machen und holte ein Kästchen aus seinem Fach, um es vor Mitars Schlaflager abzustellen. "Aber du darfst gern und jeder Zeit auf meinem Lager liegen, solange ich dich dort nicht störe." Er grinste anzüglich.

Mitar drehte sich halb zu ihm um, nachdem er das Grinsen von seinem Gesicht vertrieben hatte. "So lange du darauf liegst, werde ich natürlich deine Rechte nicht beschneiden und hier auf meinem eigenen kleinen Lager liegen", gab er freundlich zurück. "Und wenn ich dir zu anspruchsvoll bin, steht es dir selbstverständlich frei, mich zu meiner Familie zurückzuschicken, die Übung damit hat, meinen hohen Erwartungen gerecht zu werden."

Wirakun ignorierte seine Erwiderung. "Was die Ringe angeht. Hier, such dir andere aus, mir ist es gleich. In allen steht mein Name, so dass die Fakun dir nichts anhaben werden." Er brachte sein Gesicht dichter an das des grauen Mannes und sah ihm in die Augen. "Dachtest du, die sind nur Schmuck? Sie sind deine Sicherheit. Wenn du in meinem Heimatgebiet ohne gesehen wirst, lebst du nicht sonderlich lang." Er rückte ein wenig ab und strich ihm mit einer Flosse leicht den Schwanz entlang. "Nicht lang genug, um mir zu entkommen jedenfalls." Abwartend sah er seinen problematischen Raub an.

"Ich dachte mit Sicherheit nicht, dass es Schmuck ist, um mir zu gefallen", erwiderte Mitar trocken und wunderte sich erneut, wieso er sich so sicher fühlte. Als würde von diesem Piraten, der ihn doch entführt hatte, um ihn zu besitzen, keine Gefahr ausgehen. "Nur Schmuck, um dir den Gefallen zu tun, mich als dein Eigentum anerkannt zu sehen. Aber unter diesen neuen Bedingungen werde ich mir noch einmal überlegen, ob ich ihn dir tue und welchen ich tragen werde."

Wirakun seufzte und wandte sich ab, um zu seinem Lager zurück zu kehren. "Ja, tu mir den Gefallen doch, hoher Mitar." Er ließ sich gemütlich nieder und warf einen kleinen Blick in die Schwärze draußen. "Was die Fahrt angeht, wir fahren über den Norden, der Strömung folgend, und machen nur zweimal Halt. Einmal, um einen Teil der Waren loszuwerden und Proviant zu besorgen und einmal, um die Sturmsteine aufzuladen. Beides in wirklichen Nestern, allerdings nicht von Piraten, sondern von deinem Volk betrieben." Wirakun grinste. "Dein Volk, das von unserem lebt, das deins bestiehlt. Ein schöner Kreislauf, nicht?"

"Ich habe nie behauptet, dass meinem Volk nur ehrbare Männer angehören." Ausdruckslos erwiderte Mitar den Blick des Fakun, dann auch das Grinsen. "Aber ich würde jederzeit behaupten, dass ihm mehr ehrbare Männer angehören als deinem."

Wirakun ignorierte auch diesen Einwand und ließ sich in die Kissen sinken. "Schade, dass du so ein biestiges Wesen bist, Mitar, sonst hätte man es gut mit dir aushalten können. Mal sehen, wie lange meine Geduld dafür noch ausreichend ist."

"Schade, dass du mich entführt hast und mich als deinen Besitz ansehen willst, sonst könnte ich das Kompliment vielleicht zurückgeben." Mitar wandte sich wieder ab und streckte sich lang aus. "Ich weiß nicht, was du erwartest. Dass ich mit offenen Armen in deinen Harem schwimme und mich auch noch darüber freue, einem so großartigen Pascha wie dir angehören zu dürfen? Für dein Volk magst du ungewöhnlich sein, für einen Piraten mit Beute bist du es sicherlich. Es ändert nichts daran, dass du mich meiner Freiheit beraubt hast und sie mir nicht wiedergeben willst, gleichgültig, was ich dir anbieten könnte. Die Basis für ein freundschaftliches Verhältnis ist denkbar gering."

Wirakun zuckte mit den Achseln. "Sieh es als ein Abenteuer an. Was hast du in deinem bisherigen Leben denn so gemacht? War es aufregend? War es befriedigend?" Er drehte sich auf den Bauch und stützte sein Gesicht in die Hände.

"Ich arbeite in den Fischfarmen meines Paschas. Wir züchten Mayuk. Und ja, es ist befriedigend." Die Rückenflosse zur Seite biegend rollte Mitar sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er sah zu Wirakun herüber und lächelte. "Du wirst wohl nicht verstehen, was man daran finden kann, einem Haufen Fische beim Wachsen zuzuschauen und dich um sie zu kümmern. Oder die Aufregung, wenn einer der Deckfische entkommen ist. Kurz bevor ich zum Heiratsmarkt aufgebrochen bin, hat es einer unserer prächtigsten aus dem Gehege geschafft. Wir haben Glück gehabt und ihn wieder gefunden."

"Doch, einer der Angetrauten meines Paschas hat eine Herde gehalten. Es hat Spaß gemacht, sie zu beobachten. Aber... auf Reisen zu fahren, auf Raub oder nur auf Handel, hat mich immer mehr interessiert." Wirakun sah Mitar grinsend an. "Das wäre doch ideal. Du hast deine Herde, und ich wäre nie da, der perfekte Pascha, wenn man ihn schon nicht sonderlich mag." Er lachte leise auf, weil er sich vorstellte, wie ausgerechnet der große, breitschultrige Mitar ihm mit einem kleinen Schleierchen vom Dock nachwinkte, zu köstlich die Vorstellung.

Mitar lachte ebenfalls leise, dann schüttelte er jedoch beinahe bedauernd den Kopf. "Hast du dir einmal vorgestellt, wie es wäre, dem Harem eines königstreuen Soldaten beizutreten? Ein ehrliches Leben, keine Raubzüge mehr. Handeln könntest du vielleicht noch ein wenig. Du wüsstest, dass dein Pascha loszieht, um die zu jagen, die früher deine Familie waren. Nie zu wissen, ob er selbst vielleicht nicht mehr zurückkommt. Das ist in etwa vergleichbar mit dem, was du erwartest. Ich bin Farmer, Wirakun. Das ist nicht mein Leben. Ich glaube, ich muss dein Angebot ablehnen, in deinen Harem einzugehen."

Wirakun seufzte und drehte sich um. "Na ja, soviel zur Konversation mit Mitar", bemerkte er leise, während sein Blick die blinkenden und sich umeinander drehenden Kristallspiele streifte, die sich unter der Decke seiner Kajüte umtanzten. Die Magie der Sturmsteine beeinflusste auch sie. Mit einem leise geflüsterten Befehl löschte Wirakun die schimmernden Lichter umher und versenkte seine Kajüte in Dunkelheit, die nur noch von den kleinen Kristallen unterbrochen wurde. "Morgen kannst du erst einmal als mein Schatten anfangen, Mitar. Morgen zeige ich dir das Schiff."

Mitar antwortete nicht. Seine Wahlmöglichkeiten waren ohnehin begrenzt, nachdem er das Gespräch mit der Erkenntnis, dass er auf keinen Fall an Wirakun gebunden sein konnte, so abrupt beendet hatte. Und sich ein Bild von dem Schiff und der Mannschaft zu machen, war deutlich besser, als in der Kajüte eingesperrt zu sein und sich zu langweilen. Zumal gab es ihm auch die Möglichkeit, Pläne für eine Flucht zu schmieden, wenn er erst einmal mehr über seine Lage wusste. Mit diesem angenehmen Gedanken schlief er schneller ein, als er befürchtet hatte.


© by Jainoh & Pandorah