Wie ein Schlangentanz

6.

Ternekun besah sich die nun langsam an ihnen vorbeigleitenden Höhlen und Gänge und versuchte, die Schriften zu entziffern, die auf Läden und Tavernen hinwiesen. Er hatte auch in diesem sehr nördlich gelegenen Marktflecken Freunde, aber war schon länger nicht mehr dort gewesen.

Deswegen hatte er dem Kutscher den Weg zu einem abgelegenen Haus beschrieben, in dem er und sein kleiner Auftraggeber übernachten konnten. Die Höhlen hier waren schon stark vom Norden und dessen Religion beeinflusst. Überall waren Symbole des Lichtes über der Wassergrenze zu sehen. Die Fakun glaubten an die Macht des Lichtes. Daneben zeigten etliche Häuser Zeichnungen der großen Wale und, was viel beunruhigender war, sehr genaue Zeichnungen der gefürchteten Drachen, die so groß und kräftig waren, dass sie ein Fakunschiff beschädigen, wenn nicht gar in die Tiefen reißen konnten.

Auch ihr Gasthaus war nach einem der berühmtesten und sagenumwobensten Drachen, dem 'Grauen', benannt worden.

"Zum Grauen Tod", las er laut vor und grinste. "Der Name des Hauses ist traditionell und hat nicht zu bedeuten, dass es dort rau oder unfreundlich zugeht." Er stieß sich aus der Kutschentür ab und hielt sie für Cin auf. "Im Gegenteil habe ich es hier immer sehr angenehm gefunden."

Cin war selten von dem Gut weggekommen und wenn, dann nur bei einigen der allmonatlichen Einkäufe in die nahe Stadt. Die Oase war schon aufregend gewesen, doch selbst dort hatten sich lediglich die reichen Familien und deren Diener eingefunden. Hier war es vollkommen anders und sogar spannender als in seinen geliebten Geschichten. Alles war neu und unbekannt. Um so erleichterter war er aber nun auch, dass er Ternekun bei sich hatte. Wie hätte er sich jemals alleine zurechtfinden oder gar Hinweise erhalten können? Ihm wurde bewusst, dass er noch kopfloser an die Verfolgung gegangen war, als er gedacht hatte.

Rasch folgte er Ternekun, als dieser in das Gasthaus schwamm, und hielt sich dicht bei ihm. Er hatte es noch mehrfach versprechen müssen, als hätte der Fakun die Dringlichkeit seiner Anordnung unterstreichen wollen. Die Wiederholungen wären jedoch eindeutig nicht nötig gewesen, denn bei den Blicken, die ihn streiften, fühlte er sich nahe bei seinem düsteren Wächter ohnehin am sichersten. Fröstelnd rückte er sogar ein wenig näher auf und wünschte sich die Flossen und Statur seiner Brüder, als ein besonders großer und breiter Mann mit zerkerbtem Kopfbuckel ihn abschätzig musterte.

"Es ist kälter als bei uns", sagte er leise zu Ternekun gewandt, um sich abzulenken. "Ich bin nahe daran zu frieren."

Ternekun nickte leicht und machte eine kleine, beschützende Geste mit der Schwanzflosse, um einem düsteren Piraten die Sicht zu verwehren. "Wir werden uns auch besser rüsten müssen für den Norden. Ich schlage vor, zunächst einen Schneider aufzusuchen, der uns Hailederkleidung fertigen kann. Hier geht's lang."

Sie durchschwammen die Halle des Gasthauses, in der etliche Nischen eingelassen worden waren. Die Nischen waren noch weitgehend frei, nur in wenigen konnte man Männer sehen, die verhandelten oder etwas aßen. Die restliche Halle war von großen Gemälden des Grauen verziert, der so lange Zeit gewütet hatte.

Nach oben hin schlossen sich die Schlafkammern an, die jeweils den Namen eines tapferen Jägers trugen, den dieser Drache getötet hatte. Ihre runden Öffnungen waren lediglich von leichten Körben aus Korallen verschlossen. Aus einigen konnte man einen sanften Lichtschimmer erkennen, hier und dort ertönte Musik und leises Gelächter. Noch war es früh für diesen Ort, man schlief oder ruhte.

Zielstrebig schwamm Ternekun auf den breiten Tresen zu, an dem es sowohl Speisen auszuwählen, wie auch Zimmer zu mieten gab. Ein fetter Fakun mit vom Alter und vielen Kämpfen zerklüftetem Kopfbuckel nickte ihnen zu. Sein Blick heftete sich nicht gerade zurückhaltend auf Cins Schleierschwanz, um von dort nach einem Zeichen der Ehe suchend aufwärts zu gleiten.

Diskret wandte sich Ternekun seinem Begleiter zu und raunte: "Unsere Finanzen reichen zwar für zwei Kammern aus, aber es wäre sicherer, wenn wir eine teilen. Einverstanden, Cin?"

"Sehr gerne", flüsterte Cin zurück. Er begann sich zu fragen, ob sich Ternekun auf eine Hochzeit auf Zeit einlassen würde, nur damit er Schmuck tragen konnte, als wären sie zusammen. Die Fakun machten ihn mehr und mehr nervös. Sie glichen in keiner Weise denen, die er zu Hause und in der Oase kennen gelernt hatte.

Er war endlos erleichtert, als sie zu ihrer Schlafkammer geschwommen waren und den Sichtschutz hinter sich zuziehen konnten. Ein kleines Zittern lief durch ihn hindurch. Aufatmend ließ er sich auf eines der Polster sinken, die sich seitlich an den Wänden hinzogen, um an der Stirnseite in einem breiten Schlaflager zu münden. "Es war eine meiner besten Ideen, dich angeheuert zu haben. Ich bin dir wirklich dankbar, dass du mich begleitest."

Ternekun lachte leise. "Und mir macht es Spaß, auf dich aufzupassen. Wir werden heute Nacht jedenfalls in einige noch weitaus unfreundlichere Gegenden kommen. Hast du Schmuck, der dich verheiratet oder wenigstens versprochen aussehen lassen könnte?"

"Nicht mehr. Aber wenn ich lieb bitte, vielleicht leihst du mir ja das ein oder andere Stück?" Der Gedanke an noch dunklere Ecken mit noch unheimlicheren Leuten schickte Cin einen Schauer den Rücken hinab, und er war nahe daran zu fragen, ob er nicht einfach im Gasthaus warten konnte. Doch einerseits wollte er auf keinen Fall wie hinderlicher Ballast zurückgelassen werden und zum anderen wäre dann genau das eingetreten, was sie mit einer gemeinsamen Kammer bezweckten. Er wäre wieder ohne Ternekuns Schutz. Rasch verdrängte er die unfreundlichen Vorstellungen und bemühte sich um seinen treuherzigsten Blick. "Würdest du mir etwas davon geben? Ich verspreche dir auch, dass ich nicht damit flüchten werde."

Ternekun blinzelte verwirrt, dann erinnerte er sich daran, dass Cin ihm ein nicht gerade leichtes Kästchen gereicht hatte und lachte los. "Sag bitte nicht, dass du mir deine gesamte Lösesumme gegeben hast." Nur die süße Art, bei diesen Dingen auch noch zu erröten, überstieg Cins Naivität bei all seinen Handlungen. Ternekun holte das Kästchen hervor und klappte es auf. Der Schmuck darin war schön gearbeitet, aber es waren kaum besondere Stücke dabei. Ganz offensichtlich war Cins Pascha nicht der Meinung, dass viel für seinen Sohn verlangt werden konnte. "Willst du dir ein Stück auswählen, oder soll ich?" Abschätzend blickte er von dem Schmuck zu Cins zierlicher Gestalt.

"Es ist nicht die ganze Lösesumme", verteidigte sich Cin gegen die Hitze in seinen Wangen. "Die habe ich doch nicht dabei! Es sollten ja nur Angebote sein. Die Entscheidung wird ohnehin mein Pascha treffen, wenn er sie geprüft hat." Da er aber nicht einmal wirklich wusste, was er dabei gehabt hatte, war die Entscheidung schnell getroffen. Alles, was mit einem Versprechen jenseits von Mitar zusammenhing, hatte ihn nicht interessiert. "Sag du, was ich tragen soll."

Ternekun warf erneut einen Blick in das Kästchen. Für einen Minenbesitzer war dies eine sehr magere Auswahl, aber ein Stück fiel ihm dann doch auf. Zwei Armreifen, die über feine Kettchen und eine kleine Halskette miteinander verbunden waren. Allerdings musste man dafür ein entsprechendes Loch in der Nackenflosse haben. Kleine, rote Steinchen spielten mit dem feinen Licht in der Kammer, als er es aufnahm. "Kannst du das hier tragen? Es würde zu deinen Augen passen."

Ein wenig verwundert und gleichzeitig geschmeichelt, dass Ternekun auf seine Augen geachtet hatte, nickte Cin. Er löste die Kette von Mitar, deren Perlenanhänger wieder einmal nach hinten gerutscht und unter seiner Rückenflosse verschwunden war. Mit einem Flossenschlag brachte er sich zu seinem Wächter hin und sah ihn neckend an. "Wenn ich dir aber nun schon versprochen sein soll, dann musst du mich damit natürlich auch schmücken."

Das Spiel begann Ternekun zu gefallen; mit einem kleinen Lächeln verneigte er sich und legte Cin die Kette und die Armreifen an, bevor er um ihn herumschwimmend die feinen Verbindungen durch die Ösen fädelte. Zuletzt drehte er den Kleinen ein wenig von sich fort, um die durchstochene Flosse zu ertasten. "Du musst den Kopf ein wenig weiter neigen." Es war ein schönes Gefühl, die leichten Schleierflossen gegen seinen Bauch und Schwanz streichen zu spüren. Es machte Ternekun eine gute Spur kribbeliger und erinnerte ihn gänzlich unpassend daran, wie lange es schon her war, dass er an einer Feier teilgenommen und Gelegenheit zu einer Paarung gehabt hatte.

Dennoch oder gerade deswegen ließ er sich mehr Zeit als nötig, um die Kette durchfädeln und den Verschluss einrasten zu lassen. Dann beugte er sich an Cin vorbei und bemerkte: "Du hast wirklich kühle Flossen, Kleiner. Wird Zeit, etwas angemessenes überzuziehen, nicht? Wollen wir gleich los?"

Die Berührungen der kräftigen Hände hatten ein Prickeln in Cin ausgelöst, das nicht verstummen wollte, so dass er zusammenzuckte, als Ternekun noch näher kam und seine Brust Cins Schultern streifte. Erschrocken flüchtete er davor und machte sich, um es im Nachhinein zu verbergen, an seinem Gepäck zu schaffen.

"Ich... mir ist eingefallen, dass ich noch den kleinen Dolch habe", erklärte er ein wenig atemlos, froh darüber, dass ihm dieser und der Schmuckgurt in die Hände fielen, um ihm eine Ausrede zu liefern. Unsicher hielt er ihn Ternekun hin. "Wäre es in Ordnung, wenn ich ihn als dein Angetrauter trage oder ist das verboten? Hübsch ist er auf jeden Fall."

Ternekun nickte leicht. "Natürlich ist das in Ordnung." Rasch wandte er sich ab, um das Kästchen wegzusperren und um sein Grinsen zu verstecken. Offensichtlich war sein hübscher Auftraggeber gegen Berührungen anfällig, nicht einmal die Bezeichnung 'Kleiner' hatte er ihm übel genommen. "Wir werden erst einmal etwas essen gehen. Schlange", verkündete er dann und stieß sich ab, um durch die Öffnung in die Halle hinab zu tauchen.

Cin folgte ihm, während er noch dabei war, den Gurt anzulegen. Auf halbem Weg kehrte er noch einmal um, weil er vergessen hatte, das Gitter zu schließen; er wollte keine unerwünschten Gäste einladen, sich an ihrem Eigentum zu bedienen. Als er sich umdrehte, war Ternekun verschwunden. Auch wenn Cin sich durch den Schmuck und den Dolch sicherer wähnte, spürte er ein ängstliches Zusammenziehen im Bauch.

In der Zeit, die sie in ihrem Zimmer verbracht hatten, hatte sich der Gastraum gefüllt. Raues Stimmengewirr hüllte Cin ein, und die dunklen Fakun, die sich in den Nischen und am Tresen drängten, ließen ihn sich schutzlos und angreifbar fühlen. Mit seinen lästigen Flossen war er nicht schnell genug, um auch nur einem von ihnen zu entkommen. Wenn er wenigstens so stark wie Mitar wäre, könnte er sich wenigstens wehren, sollte einer der Männer handgreiflich werden, aber nicht einmal das war er ja.

Nur einen Moment später entdeckte er Ternekun wenige Flossenschläge unter sich und weiter in der Mitte der Schankstube. Hastig schwamm er zu ihm hin und schloss dicht auf, die Blicke meidend, die ihm folgten. "Warte doch auf mich. Wenn du weg bist, kannst du mich nicht schützen, wenn mich jemand plötzlich entführen will."

"Keine Angst. Ich wollte dir nur einen Augenblick allein geben. Bist du fertig, Cin? Wir kommen heute Nacht erst spät hierher zurück."

Cin sah zu ihm hoch und fühlte sich gleich beschützt bei dem Anblick des ernsten, vertrauten Gesichts. Es machte ihm zudem erneut Lust auf ihr kleines Spiel und ließ ihn grinsen. "Natürlich, mein Herr und Gebieter. Ich bin immer fertig, wann du es von mir verlangst. Und da du mir als erstes etwas zu essen versprochen hast, habe ich auch kein Verlangen, mich dir zu widersetzen."

Mit leicht gehobenen Augenbrauen nickte Ternekun und entgegnete laut genug, dass der Wirt es hörte: "Wer hätte gedacht, dass du einen so demütigen Angetrauten abgeben würdest." Mit einer Hand leicht an Cins Schulter führte er ihn aus dem Gasthaus und auf den kühlen, von Wirbeln unangenehm durchströmten Hauptweg durch die Siedlung.

"Wir werden erst einmal etwas essen, dann besorgen wir uns Armschoner gegen die Kälte", erklärte Ternekun, als ein bezeichnendes Zittern durch den Kleinen lief.

Sie brauchten keinen langen Weg hinter sich bringen; schon bald kamen sie an einen schmalen Einlass, dessen Seiten von schwarzen Schlagen mit aufgerissenen Mäulern geziert wurde. Ihre Zähne blinkten in Gold und Silber, ein nicht gerade preiswertes Lokal, aber durch seine Verwandtschaft mit dem berühmten Schlangenbeschwörer Ter würden sie sicherlich zum einen überhaupt einen Tisch erhalten, zum anderen einen Preisnachlass.

Ein düsterer Wächter versperrte ihnen auch wie erwartet den Weg. "Geschlossene Gesellschaft, Freundchen."

"Ternekun, Ters Sohn. Ich will Gam sprechen." Ternekun brauchte nicht einmal das Zeichen seiner Familienzugehörigkeit zeigen. Sie wurden unter leisem Knurren eingelassen und nach kurzer Wartezeit im Vorraum weiter zu einem Tisch nahe der Bühne gebracht. Dort, in der Mitte des Lokals, konnte man gerade einen ganz schwarzen Schlangenbeschwörer bewundern, der in einem kleinen Meer roter Schlangen tanzte; die Musik und der Tanz lockten Ternekun ein Lächeln auf die Lippen.

Cin konnte den Blick nicht von der Bühne lösen, als er sich setzte und seine Flossen um sich hüllte. Mit großen Augen beobachtete er den geschmeidigen Mann, der sein Können vorführte. Der Tanz war noch schöner als der an der Oase. Gegen das feurige Rot der Schlangen wirkte die Dunkelheit des Fakun wie flüssiger Onyx, während er sich bewegte; wild und dann ruhig, raumgreifend zuerst und wieder zentriert inmitten seiner Schlangen. Es war, als hätten die Arme, der Schwanz, der Kopf ein Eigenleben, als bräuchten sie den Körper nicht. Und doch bewegten sie sich immer in vollkommenen Einklang zueinander und zu der fremden Musik, die eine fast bedrohliche, mystische Atmosphäre wob.

Ein Diener, der eine Schale mit rötlich glimmenden Korallen auf den Tisch stellte und mit einem Flossenschlag den Heizkristall am Boden höher regulierte, lenkte Cins Aufmerksamkeit zurück zu Ternekun und auf den Grund, warum sie eigentlich hier waren. "Du scheinst bekannt zu sein. Das macht mir Mut, dass es uns die Informationen bringt, die wir brauchen."

Ternekun ließ sich sinken und gab zunächst eine Bestellung für die Vorspeise auf, um die Kellner zu beschäftigen, während er Cin die Karte erklären wollte; dann erwiderte er lang hin: "Mein Vater ist Schlangenbeschwörer. Man kann es an mir noch etwas sehen, weil ich so dunkel bin. Alle dieser Gruppe sind schwarz wie er."

Er beriet sich mit Cin wegen der Bestellung und meinte dann: "Ob wir die nötigen Dinge in Erfahrung bringen können, hängt ganz von dem Piraten ab, der deinen Bruder so unfreundlich entwendet hat. Ich hoffe, dass Gam mich empfängt. Das auf der Tanzfläche ist er übrigens. Ein schöner Mann, nicht wahr? Sein Pascha ist zu beneiden." Betont verträumt stützte Ternekun sich auf und beobachtete, wie der Tänzer sich mit den Schlangen drehte, von denen jede einzelne so dermaßen giftig war, dass sie eine Herde Mayuk umbringen konnte.

"Ja, ganz nett", antwortete Cin zu schnell und zu gleichgültig, obwohl er doch eben noch kaum die Augen von dem Tänzer hatte wenden können. Sofort ärgerte er sich über sich selber, weil es ihn störte, dass Ternekun diesen Schlangenbeschwörer so ansah. Und diese plötzlich aufwallenden Gefühle irritierten ihn gehörig. 'Ich trage den Schmuck eines Angetrauten, aber erstens bin ich keiner, zweitens erst recht nicht seiner. Er ist nur ein einfacher Wächter. Und drittens will ich auch gar nicht seiner sein, selbst wenn er Oberster in des Königs Leibgarde wäre. Er ist nicht Mitar.' Der Gedanke an seinen Bruder und an dessen unsichereres Schicksal ließ die verwirrenden Überlegungen in den Hintergrund treten und rief wieder Angst hervor.

"Du bist sehr anspruchsvoll, Cin. Wie muss ein Mann denn sein, um dein Herz zu stehlen?" Ternekun sah ihn aufmerksam an. "Als Antwort nehme ich aber nicht 'wie mein Bruder' an."

Cin spürte, wie ihm das Blut derart heftig in die Wangen schoss, dass er nicht nur im Gesicht, sondern bestimmt auch am Hals und den Schultern rot wurde. Seine Augen wurden schmal, als er Ternekun giftig anfunkelte und sich im Angriff zu retten versuchte. "Ich fahre Mitar nicht hinterher, um ihn zu heiraten, sondern um ihn zu befreien." Warum bei allen Tiefseekraken provozierte sein Wächter ihn immer genau mit Bemerkungen wie dieser? War es nicht natürlich, dass er alles daran setzte, seinen Bruder zu retten? Selbst wenn er nicht in ihn verliebt wäre?

"Ich weiß, dass du ihn nicht heiraten wirst, Cin. Das würde kein Pascha zulassen." Ternekun hob die Hand, um Cin über die Wange zu streichen, aber hielt sich kurz vorher auf. "Du brauchst nicht rot zu werden." Fast tat es ihm leid, dass er die eben gewonnene Zuneigung zugunsten seiner Stichelei verspielt hatte. Aber Gam beendete seinen Tanz, und zugleich kam das Essen an ihren Tisch, so dass sie zunächst abgelenkt wurden.

Schweigend widmete Cin sich dem Strudelwurmsalat, den eingelegten Krabben und den äußerst delikaten Schlangenröllchen, die in keiner Weise so fad und fasrig schmeckten, wie er Schlange in Erinnerung hatte. Natürlich ließ kein Pascha zu, dass man in den Harem des Bruders einging, so ungerecht war das Leben. Selbst dann nicht, wenn Mitar offen interessiert gewesen wäre. Nicht einmal das gute Essen konnte etwas an Cins rapide absinkender Laune ändern.

Sie waren noch nicht fertig, als Gam Ternekun mittels einer kleinen Nachricht in seine Kammer bitten ließ. Kurz überlegte Ternekun, ob er den kleinen Schleierschwanz gleich mitnehmen sollte, aber sagte ihm dann leise "Beende das Essen und genieß die Darbietung, ich bin gleich zurück." Rasch erhob er sich und folgte dem Boten in die Privaträume.

Cin presste die Lippen zusammen und nickte nur, als seine Laune noch einmal tiefer sackte. Bestimmt wollte sich sein Wächter nebenbei noch mit dem hübschen Fakun amüsieren. 'Soll er doch, hoffentlich lässt er sich Zeit damit. Dann bin ich ihn und seine ungebührlichen Kommentare erst mal los. Und hier wird mich auch niemand entführen wollen, wenn sie ihn kennen.' Dennoch fühlte er sich sehr allein, kaum dass Ternekun hinter einem schwarzen Vorhang verschwunden war.

Gam erinnerte sich tatsächlich an Ternekun. Sie hatten sich auf einer Heirat gesehen, die der Bruder von Ternekuns Pascha mit einem von Gams Geschwistern eingegangen war und das kam ihm nun zugute. Nach kurzem Gespräch über die Familie und die Minen, bei dem Ternekun den kleinen Cin sicherlich nicht hätte dabeihaben wollen, kam er zum Kern seiner Fragen.

"Ach, über Piraten willst du dich informieren." Gam umgab sich mit einer leuchtend gelben Schlange und ließ sich dekorativ an einem Spiegel nieder. "Ja, es liegt ein großes Fakunschiff im Dock und lädt Proviant nach, um über den Norden in ihre Gebiete zu reisen. Prinzipiell ist von solch einem Unterfangen abzuraten. Es sollen Fakun verschwunden sein dort oben. Sie kehren niemals mehr zurück."

In den schwarzen Augen spiegelte sich etwas, das sowohl Neugierde als auch Schadenfreude sein konnte. Schlangenbeschwörer waren zuweilen sogar Ternekun unheimlich. "Ist ein grüner Fakun an Bord dieses Schiffs?"

Gam schlug seine Augen nieder, wie um zu überlegen, dann lächelte er und nickte. "Natürlich, natürlich. Du sprichst von Wirakun, dem Kapitän? Also, mein Freund. Dann steht dir wohl der Sinn nach seiner Ladung? Nach dem perlfarbenen Schleierschwanz, den er sich geraubt hat, wohl gar? Nein, lass mich raten, du willst... Rache? War es dein Angetrauter? Ach nein, ach nein. Er war selber Pascha, man glaubt es kaum." Betont betrübt legte er eine zarte Hand an seine Wange und blinzelte Ternekun unpassend fröhlich an.

"Leider weder das eine noch das andere, Gam. Ich will jemandem helfen, seinen Bruder zurück zu bekommen. Er wurde zuletzt bei den Piraten gesehen."

Gam lachte hell auf. "Na, dann wünsche ich Glück. Ihr werdet wohl rasch ebenso über den Norden in das Fakunland fahren müssen, wenn ihr ihn auf dem Markt zurückkaufen wollt." Die Schlange verließ Gam und glitt zu einem Korb mit anderen ihrer Sorte hin.

Ternekun betrachtete das Gespräch als beendet und seufzte. "Also gibt es keine Chance, den Mann vorher zurück zu stehlen?"

"Nein. Man kann höchstens versuchen, ihm einen Tausch anzubieten. Wie sieht der Mann denn aus? Ein Schleierschwanz?"

"Nein. Er ist groß und grau. Unscheinbar."

Gam lachte noch viel mehr und drehte sich einmal um sich selber. "Dieser Mann ist unmöglich zu stehlen. Es heißt, er teilt das Lager des Kapitäns. Wer kann es ihm verdenken. Wir alle wissen, welche Rolle Wirakun dort gern übernimmt." Er winkte ab, bevor Ternekun gereizt entgegnen konnte, dass er Wirakun nicht kannte und gar nichts über ihn wusste. "Ich muss meinen letzten Tanz gleich absolvieren, mein Freund. Besucht mich wieder. Natürlich geht das Essen aufs Haus. Auch für deinen kleinen Begleiter."

Ein wenig verwirrt und grummelig ließ Ternekun sich zum Tisch zurückbringen, wo er sich zunächst vor dem Nachtisch niederließ und versuchte, die Informationen zu ordnen, die er soeben erhalten hatte.

Es hob Cins Laune, dass Ternekun verärgert wirkte, als er zurück an den Tisch kam. Vielleicht war es nicht ganz so gut gelaufen, wie er sich das erhofft hatte. Immerhin war er sehr schnell wieder da gewesen. 'Vielleicht ist auch gar nichts gelaufen', dachte er schadenfroh und fragte sich im gleichen Moment, was ihn das überhaupt interessierte. Zudem sollte er sich eher darüber Gedanken machen, ob der Fakun Informationen über die Piraten bekommen hatte, als darüber, ob er nun zu seinem Vergnügen gekommen war oder nicht. Er entschied sich jedoch, lieber zu warten, bis Ternekun von sich aus darüber zu sprechen begann, während er vergnügt die letzten Schlangenröllchen von der Platte stibitzte.

Das Erste, das Ternekun wahrnahm, als er sich endlich einen Reim auf diese Informationen gemacht hatte, war, dass der Appetit der kleinen Goldamme in keinem Verhältnis zu seiner Größe zu stehen schien. Lächelnd bemerkte er den glücklichen Ausdruck in dem hübschen Gesicht. Die feuerroten Augen waren ebenfalls entspannt, nicht mehr zu Schlitzen zusammengezogen wie am Tag ihrer Begegnung. "Soll ich noch etwas mehr davon bestellen, Cin? Wir sind von Gam eingeladen worden."

"Oh, dann müssen wir uns ja keine Gedanken darüber machen, ob es unsere Reisekasse sprengen könnte." Cin lächelte freudig und sah zu der kleinen Bühne hin, auf der sich der schwarze Fakun langsam mit einer großen, gelben Schlange zu einer betörenden, getragenen Musik wiegte. "Dann hätte ich sehr gerne noch etwas. Das gibt es bei uns zu Hause nicht."

In Ternekuns Kopf wanderte nur ein Gedanke im Kreis. 'Will ich oder will ich nicht mit dieser verrückten Goldamme in den Norden reisen? Eigentlich habe ich nichts weiter vor, aber will ich wirklich in das verfluchte kalte Gebiet? Dort sollen Drachen sein, die Fakunschiffe versenken. Ist er es wert?' Verstohlen betrachtete Ternekun seinen Begleiter.


© by Jainoh & Pandorah