Wie ein Schlangentanz

7.

Das Schweigen dauerte Cin fast zu lange, um seine Neugierde und seine Sorge kontrollieren zu können. Er hielt sich damit aufrecht, dass Ternekun vielleicht nur warten wollte, bis sie sich in die Ruhe des Gasthauses zurückgezogen hatten, anstatt es in diesem Restaurant zu erzählen. 'Vielleicht, damit kein anderer Pirat davon erfährt und die Entführer warnt, so dass wir selber als Beute enden.' Es schickte ein kleines Schaudern über Cins Rücken, das seine Flossen erzittern und ihn den Blick zu dem dunklen Wächter lenken ließ.

Fremd war er noch immer mit der schwarzen Haut, von der sich die weißen Brauen abhoben, die sich zu den gefächerten Ohren hinzogen und mit dem Schwertbuckel mit der Narbe. Doch Cin hatte sich mittlerweile so an das ernste Gesicht und den ein wenig ungewohnten Flossenbau gewöhnt, dass er begonnen hatte, ihn als gutaussehend zu empfinden. Und seine kräftige Geschmeidigkeit kam der von Mitar mit Sicherheit gleich. 'Er hat mich anspruchsvoll genannt.'

"Du hast mich gefragt, was ein Mann tun muss, um mein Herz zu stehlen. Hast du das vor? Und was würdest du dann damit tun? Es verkaufen?" Cin kicherte, ehe seine Gedanken zu den zahllosen Legenden wanderten, die sich darum drehten. "Um mein Herz zu gewinnen, musst du mit einem Drachen ringen, mir die verlorenen Tränen der Götter bringen und in der Tiefsee nach dem vieläugigen Hüter der Weisheit suchen, um mit der Antwort nach dem Sinn der Liebe zu mir zurückzukehren", zitierte er und lächelte. "Oder du wartest, bis ich es dir schenke. Aber ich verspreche dir, an den Gerüchten ist nichts dran, dass das Herz eines Goldfisches aus Gold ist."

Ternekun wurde von Cins romantischer Anwandlung vollkommen überrascht. Eben gerade noch drehten sich seine Gedanken darum, ob er ihn maßlos enttäuschen, vielleicht ein wenig zu seinem Wohl belügen oder gar in den Norden begleiten sollte, und mit einem Ruck hatte ihn der Kleine in die Legenden seines Volkes gerissen.

'Und er ist nicht einmal berauscht, oder hat Schlangenfleisch womöglich diese Wirkung auf ihn? Er hat immerhin zwei Portionen davon verschlungen, wie ein junger Hai.' Mit einem breiten Lachen drehte Ternekun sich seinem Begleiter weiter zu und wandte den Blick von Gam ab, dessen Tanz zwar schön, aber dafür nicht so einzigartig war wie der Anblick der geröteten Wangen und feurigen Augen des Kleinen.

"Ich glaube, es würde deinen Pascha betrüben, wenn du dein Herz an einen düsteren Fakun wie mich so einfach verschleudern würdest, oder? Ich bin wohl kaum standesgemäß", neckte er und winkte dem Kellner, um die Bestellung zu erneuern.

Cin musste ebenfalls lachen und bot ihm trotz seines leichten Magenkribbelns bei Ternekuns offenem Lächeln freundlich zurückneckend an: "Nun, als zweiter Favorit in meinem Harem wärest du bestimmt willkommen. Jetzt muss ich meinen Pascha nur davon überzeugen, dass ich mir einen Harem zulegen darf."

Ternekun musste schon wieder über Cins naive und dabei so unbesorgte Art lachen, er verschob die endgültige Entscheidung auf später.

Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, besuchten sie die Läden, in denen man sich Schutz gegen die Kälte des Nordens und Informationen über die dorthin fahrenden Fakunschiffe besorgen konnte. Zu Ternekuns Bedauern würde der nächste Versorgungsfrachter eines Händlers erst in einigen Tagen aufbrechen, aber man versprach, sie mitzunehmen.

Als sie endlich spät in der Nacht in ihrem Gasthaus ankamen, war sogar Ternekun ein wenig kühl. Cin hingegen klapperte regelrecht mit den Zähnen, als sie sich durch das mittlerweile im Schankraum herrschende Gedränge schoben, um in ihrem Kämmerchen zu verschwinden.

Ternekun legte zunächst seine Waffen ab, dann machte er es sich auf dem breiten Schlaflager gemütlich und rieb seine Hände gegeneinander. "Soll ich dir eine Decke bestellen, Cin?"

Cin nickte, während er sich tiefer in die Kissen wühlte, in der Hoffnung, irgendwo ein wenig warmes Wasser zu finden. Eine Weile lang konnte man die Kälte ertragen, aber jetzt war er richtig durchgefroren. Zwar hatte er noch nie zugedeckt geschlafen und konnte sich nicht vorstellen, dass es bequem war, aber ihm war auch noch nie derart kalt gewesen. "Ich wäre dir sehr, sehr dankbar."

Nachdem Ternekun seinen kleinen Auftraggeber in eine Decke gehüllt hatte, ließ sich er dicht bei ihm nieder. "Also. Der Pirat, auf dessen Schiff dein Bruder gefangen gehalten wird, heißt Wirakun. Sein Schiff liegt hier im Dock und lädt Proviant für die Fahrt in den Norden."

Als hätte ihn ein Rochen gestochen, fuhr Cin wieder in die Höhe. Für einen Moment war die Kälte vollkommen vergessen. "Er ist hier!?", fragte er aufgeregt. "Und das sagst du mir jetzt erst? Wir müssen zu den Soldaten des Königs, damit sie ihn befreien! Noch sind wir nicht so weit an den Grenzen des Herrschaftsgebietes, er muss hier Truppen haben!"

Ternekun legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Welche Truppen bitte? Du bist hier tief im Fakunland, hier hat der König nicht viel zu sagen. Nein. Wir können leider nichts weiter tun, als ihnen zum Marktplatz in seinem Gebiet zu folgen und zu hoffen, dass er Mitar überhaupt dort veräußern will, um ihn dann zurück zu verlangen. Wenn du ihm dort beweist, dass Mitar geraubt wurde, dann kannst du ihn mitnehmen. Aber hier? Hier werden sie dich und auch mich bestenfalls ebenfalls mitnehmen."

Er sah Cin in das aufgeregte Gesicht und seufzte. "Da ist noch etwas. Gam meinte, dass das Gerücht im Umlauf sei, dass ein grauer Mann bei dem Kapitän in dessen Kajüte schlafe. Das wäre die Position des Favoriten. Ich will dich nicht beunruhigen, aber... na ja, es kann halt auch sein, dass..." Er hob unsicher die Schultern.

Ungläubig starrte Cin ihn an, dann schüttelte er heftig den Kopf, was seine Rückenflosse zum Wehen brachte. "Niemals! Mitar würde nie einwilligen, in den Harem eines Piraten einzugehen oder auch nur sein Geliebter zu werden. Dazu ist er zu ehrlich, das verträgt sich nicht mit seinen Prinzipien." Entschlossen schob er das Thema beiseite und hakte nach: "Also bleibt uns wirklich nichts anderes übrig, als ihnen bis in ihre Heimat zu folgen? Obwohl wir sie bereits jetzt eingeholt haben? Können wir ihn gar nicht von dem Schiff herunterbekommen?"

"Das wäre Selbstmord, Cin. Zudem. Bist du dir so sehr sicher, dass es nicht sein kann? Wirakun soll ein attraktiver Mann sein. Gam war ganz von ihm angetan." Es tat Ternekun weh, dass er dem Kleinen so sehr die Hoffnung nehmen musste, aber auf ein Fakunschiff zu schwimmen, um Teile eines Raubzuges zu verlangen, war Wahnsinn.

Cins Augen wurden schmal, als er einen Stich der Eifersucht verspürte. "Was dein Gam von dem Piraten hält, ist seine Sache. Aber Tatsache ist, dass der Pirat... nun eben ein Pirat ist. Das verträgt sich nicht mit Mitars Prinzipien, wie ich bereits sagte." Er raffte die Decke wieder enger um sich, als ihm das kalte Wasser erneut bewusst wurde. "Aber wenn der Pirat ihn zu seinem Favoriten machen will... wie groß sind dann die Chancen, ihn noch zurückzubekommen?" Seine Augen weiteten sich wieder, als er Ternekun voll Angst bei dem Gedanken anstarrte.

"Wenn dein Bruder ihn nicht liebt, dann sind sie sehr groß. Er muss ja nur mit dir gehen wollen, wenn du ihn als freien Mann ausrufst." Vorsichtig zupfte Ternekun die Decke weiter um Cins Schultern und lächelte aufmunternd. "Wir können nur leider noch nicht sofort zu ihm hineinstürmen. Aber wir können zu Wirakuns Heimat fahren, die kenne ich nun dank meiner Informanten, dort werden wir ihn sicherlich antreffen."

Cin seufzte erleichtert auf. Einen erfolgsversprechenden Plan zu haben, fühlte sich gut an, ebenso, wie von Ternekun umsorgt zu werden. "Ich danke dir wirklich aus ganzem Herzen, dass du mit mir gekommen bist. Ohne dich wäre ich ziemlich verloren. Der Schmuck wiegt nicht auf, was du für mich tust." Mit kleinen Bewegungen seiner Bauchflossen richtete er sich weit genug auf, um den Fakun kurz umarmen zu können, ehe er sich zurück in die Kissen sinken ließ und die Augen schloss. Mit einem Mal war er sehr müde. "Wenn wir meinen Bruder befreit haben und wieder zurück sind... vielleicht kann ich etwas für dich tun, wenn du einen Wunsch hast."

Bevor sie den Plan weiter diskutieren konnten, schlief zum einen Cin ein, zum anderen spürte Ternekun, dass auch er zu müde war, um auch nur über Gams Hinweise nachdenken zu können. Auch zu müde, um sich darüber im Klaren zu werden, wie groß die Dummheit war, in die er sich gerade Hals über Kopf hineinstürzte. Nach dem Grund dafür brauchte er nicht fragen, der schlummerte unter einer dicken Decke versteckt gleich neben ihm. Seufzend rollte Ternekun sich zusammen und beschloss, diese Gedanken zu verschieben, ganz weit in die Zukunft.

 

Wirakun tappte mit der Flosse kurz gegen die Tür zu Manmathas Kammer und hoffte, den schönen Mann dort auch anzutreffen. Sie hatten vereinbart, dass er frei auf dem Schiff umher schwimmen durfte. An Mitar gewandt, der ihm wie ein Schatten folgen sollte und dies zwar nicht ohne bissige Kommentare, aber dennoch sehr gewissenhaft tat, sagte er rasch: "Ich bin dann erst einmal auf einen kleinen Besuch, du bist frei mitzukommen oder umherzuschwimmen."

"Ich werde mir nicht anmaßen, ein Stelldichein meines Kapitäns mit seinem Favoriten zu stören." Mitar verneigte sich leicht, mehr eine Geste des Spottes als ernst gemeint, auch wenn er im Laufe der letzten Tage begonnen hatte, Wirakun zu schätzen. Er mochte die humorvolle Art des Fakun, den lockeren Umgang, den er mit seiner Mannschaft pflegte, ohne dabei an Respekt zu verlieren, und seine direkte Art zu sagen, wenn ihm etwas nicht gefiel.

Es war ihm jedoch durchaus ernst, dass er nicht dabei sein wollte, wenn Wirakun um den weißen Schleierschwanz herum scharwenzelte. Mit seinem Aussehen und seinem possierlichen Gehabe hatte dieser durchaus das Zeug zum Favoriten, selbst wenn er vorher Pascha gewesen war. Mitar konnte ihn sich in dieser Position ohnehin nicht wirklich vorstellen. "Ich bin in deiner Kajüte, wenn du mich brauchst."

"In meiner Kajüte, sehr wohl, hoher Mitar." Wirakun wandte sich ab und lächelte, während er leise hinzufügte "Wo ein Favorit sich aufzuhalten hat, nicht?" Dann öffnete er den Einlass und brachte sich mit zwei schnellen Schwüngen direkt vor Manmatha, um dessen Hand zu küssen, bevor er ihm ein kleines Geschenk überreichte.

Manmatha lächelte ihn von seinem Polster aus strahlend an, als er das kleine Päckchen entgegen nahm und es zwischen seine Bauchflossen platzierte, um es sorgfältig auszupacken. "Ich habe dich vermisst."

Wirakun brachte angenehme Abwechslung in seinen gleichmäßigen Tagesablauf. Nachdem es ihm gestattet worden war, hatte Manmatha sich auf dem Schiff umgesehen, aber die düsteren Piraten ließen ihn sich unbehaglich fühlen, selbst wenn er sicher war, dass sie ihm nichts tun würden. Immerhin stand er unter dem Schutz ihres Kapitäns. Also hielt er sich meistens in der kleinen Kabine auf, die mit Stoffen und Schmuckstücken, die er erbeten hatte, von seinem Diener wohnlich gestaltet worden war. Noch immer genoss er die Ruhe vor den Pflichten, die ihn zu Hause täglich beschäftigt hielten, aber ein wenig langweilig war es schon.

Wirakun strahlte seinen Schatz an und entgegnete "Und ich habe deinen Anblick schon sehr schmerzlich vermisst und deine schöne Stimme, Manmatha. Wirst du vielleicht heute Abend einmal wieder für uns singen?" Er fächerte sich mit einem kleinen Schlag der Flosse dichter an den hellen Mann heran und sah ihm dabei zu, wie er zögerlich an der Verpackung für ein kleines Kristallspiel zupfte.

Er kam nie mit leeren Händen zu seinem angebeteten Schmuckstück, aber er rühmte sich der Ehrlichkeit. Noch nie hatte er Manmatha versprochen, dass dieser der Favorit im Harem werden würde. Er würde der schönste Mann werden, sehr sicher, aber Wirakun wusste, dass Manmatha und ihn nicht das verband, was einen Pascha und seinen Favoriten binden sollte. Dennoch lehnte er sich noch eine Spur dichter an die schneeweißen Schultern und fragte "Wenn ich dich bitte, würdest du mir den Gefallen tun?"

Ein kleines Kribbeln, das in seinem Arm begann, der Wirakun am nächsten war und das sich von dort aus überall ausbreitete, ließ Manmatha erzittern; er schenkte Wirakun einen koketten Augenaufschlag und lächelte. "Ich werde darüber nachdenken, während du mir Gesellschaft leistest."

Es gefiel ihm, wie der Mann um ihn warb, mit Komplimenten und kleinen Gesten der Aufmerksamkeit, als wäre er wirklich jemand, der in einen Harem Eintritt finden würde, anstatt selber ein Pascha zu sein. Jemanden wie ihn hätte er gerne in seinem eigenen Harem, groß, gesund und zudem ein sehr angenehmer Gesellschafter, aber er zweifelte daran, dass Wirakun sich bereit erklären würde, sich von seinen Piraten loszusagen, um ihn nach Hause zu begleiten.

Er seufzte bedauernd, während er die letzte Lage des Tuches zurückzog, das sein Geschenk verbarg. Das hübsche Kristallspiel entlockte ihm einen kleinen Freudenlaut, auch wenn ihm einfiel, dass hier kein Sonnenstrahl herunterdringen würde, um es zum Funkeln zu bringen. Aber vielleicht konnte er es mitnehmen, wenn sein Pascha kam, um ihn zu holen. Der Gedanke betrübte ihn ein wenig, und er hoffte, dass Wirakun nicht verletzt werden würde. 'Ich werde meinen Pascha bitten, ihn zu verschonen.' Die Zukunftsaussichten beiseite schiebend beugte er sich zu Wirakun und küsste ihn leicht auf die Wange. "Ich danke dir, es ist wunderschön."

Wirakun erwiderte das Lächeln kurz. Er hatte schon deutliche Fortschritte bei der Werbung um Manmatha verzeichnen können. Zunächst hatte die perlfarbene Goldamme ihn einige Tage lang gar nicht empfangen wollen, sich mühsam dazu überreden lassen, hatte etliche Geschenke zurückgehen lassen, und er hatte auf besorgniserregende Art die Nahrung verweigert.

Doch das alles hatte abgenommen. Wirakun verbrachte täglich zwei Mal Zeit mit Manmatha, brachte ihm jeden Tag etwas Schönes mit, das er eigenhändig aus der Schatzkammer aussuchte, und während er bei ihm war, brachte er seinen Angebeteten auch dazu, ordentlich zu essen.

Mit einem Lächeln setzte Wirakun seinem Gast wider Willen einen weiteren Teller mit buntem Salat und Flossenecken vor. "Iss, du bist noch immer viel zu dünn. Ich will nicht, dass du mir verschwindest, meine Perle." Neckend strich er ihm einmal leicht über den von Schleierflossen verhüllten Bauch, bevor er sich wieder zurücklehnte. "Morgen werden wir in einer Stadt anhalten, dann werde ich dich in den besten Laden am Ort führen und dir einmal beweisen, dass Schlange eine Köstlichkeit ist! Die Schlangentänze sind berühmt in meinem Volk, sie und die Musik dazu werden schon seit Generationen von Vätern auf Söhne vererbt."

Manmatha legte das Kristallspiel vorsichtig auf einem Tischchen neben seinem Polster ab, damit sein Diener es später aufhängen konnte. Dieser verschwand immer diskret, wenn Wirakun die Kabine betrat, was Manmatha gerade am Anfang gar nicht recht gewesen war. "Ich bin neugierig auf die Tänze und werde es mit Schlange wohl auch noch einmal probieren können." Er erinnerte sich, dass sein Pascha beinahe einen der Küchenobersten entlassen hätte, nachdem dieser Schlange mit der Bemerkung serviert hatte, dass es eine Köstlichkeit der Fakun war. Manmatha war nicht einmal dazu gekommen war, sie zu kosten. "Kannst du den Schlangentanz?"

Wirakun schüttelte den Kopf. "Nein, aber in diesem Ort tanzt der schon sehr berühmte Schlangenbeschwörer Gam, du wirst seinen Tanz sehr... anregend finden, glaube ich. So, da morgen ein aufregender Tag wird, werde ich mich nun empfehlen. Ich habe noch recht viel zu planen und vorzubereiten." Geschmeidig erhob Wirakun sich und nutzte aus, dass Manmatha deutlich langsamer als er war, um ihn auf die Wange zu küssen, bevor er sich rasch mit angedeuteter Verbeugung zurückzog.

Mit einem kleinen, missmutigen Seufzen sah Manmatha ihm nach. Der Besuch war zu kurz gewesen, und Wirakun hatte nicht einmal mehr nachgefragt, ob er denn nun singen würde. Damit sah Manmatha es als nicht mehr wichtig an und strich auch dieses Vergnügen, denn das war es, von der Liste seiner Zerstreuung. Um so glücklicher war er, dass sie am nächsten Tag endlich in einer Stadt sein würden. Vielleicht würde sogar sein Pascha schon auf ihn warten, um ihn zu befreien. Er ertappte sich dabei, wie er trotz seiner Langeweile dachte 'Hoffentlich noch nicht.'

Wirakun beeilte sich nicht besonders, in seine Kajüte zurückzukehren, sondern sah in der großen Halle noch einem Tanz zu und besprach mit seiner Mannschaft die Ausgangsregeln für diesen Ort. Endlich zog er sich gut gelaunt und im Geiste schon seine Gewinne aus Edelsteinverkäufen berechnend zu seiner großen Kajüte zurück. Die Schwärze des Meers um sie her war einem tiefen Blaugrün gewichen, das heller wurde, je weiter sie wieder aufstiegen. Es war schön, jetzt aus den großen Fenstern zu sehen, und Wirakun schwamm direkt an die Scheiben, bevor ihn eine Bewegung im Spiegelbild an Mitar erinnerte.

"Wir tauchen auf, Mitar. Morgen werden wir den Tag in einem Ort im Grenzgebiet verbringen. Von dort kann man entweder gegen die Strömung in das Fakunland weiter vordringen, oder aber man fährt mit der Strömung über den Norden im Bogen hin, was wir machen wollen." Er ließ sich auf seinem Schlaflager nieder und winkte Mitar zu sich.

Mitar schwamm zu ihm und lehnte sich neben dem Bett an die Wand, wo er sich mit leichten Flossenschlägen in der Schwebe hielt. Wenn Wirakun nicht noch anderes zu tun gehabt hatte, war er verdammt lang bei dem weißen Schleierschwanz gewesen. Es verdross Mitar, dass er ihn trotz seiner offensichtlichen Obsession für das hübsche Männchen ständig mit seinem Harem necken und ihn Favorit nannte. Er war definitiv nicht der Favorit des Piraten, auch wenn sie eine Kabine teilten. Es war nur die Kabine, nicht das Bett, und das würde es auch nie sein. Mitar hoffte inständig auf eine Möglichkeit zur Flucht, wenn sie endlich die Tiefsee verlassen hatten. Dadurch, dass er Wirakun ständig gefolgt war, hatte er das Schiff recht gut kennen gelernt.

"Nimm Platz, Mitar, du machst mich nervös. Ich weiß, dass du hier nicht genügend freie Flächen hast, um dich auszutollen, aber glaub mir, in meiner Heimat sind die Hänge grün, und die Mayuks gedeihen auch dort sehr gut." Wirakun spürte mit einem Mal, als er davon sprach, dass auch er sich zurücksehnte. Er war zuvor immer nur in die anderen Grenzgebiete gefahren, um dort die Handelsfrachter zu überfallen, ihnen einen Wegezoll oder manchmal auch die Ladung abzuverlangen und dann in die Heimat zurück zu kehren. Er fuhr gern hinaus, aber er kehrte auch sehr gern zurück, vor allen Dingen nun, da er wusste, dass er sehr bald der Pascha sein würde und nicht mehr so viel hinausfahren sollte. Er warf einen Seitenblick auf seinen Raub und meinte leise "Tut mir leid, zapple ruhig rum."

Wider Willen musste Mitar lachen. "Bin ich wirklich so schlimm?", fragte er, als er sich neben Wirakun setzte. "Ich vermisse es, mit den Herden zu schwimmen, und dieses winzige Schiff macht mich schier verrückt, aber ich dachte, ich hätte es eigentlich ganz gut unter Kontrolle." Er warf einen Seitenblick auf den Fakun und lehnte sich dann gegen die Wand zurück. "Aber du wirst mich dennoch nicht gehen lassen, wenn ich dich darum bitte, nicht wahr?"

"Würdest du zu mir zurückkommen, wenn ich es täte?" Diese melancholische Stimmung machte Wirakun verrückt, aber sie tat ihm zugleich gut, weil er sich mit einem Mal Mitar näher fühlte. Danach hatte er sich in der letzten Zeit sowieso gesehnt.

Mitar schloss die Augen und dachte an das Gut, an seinen Pascha und seinen Vater, an die großen Mayukherden in der Weite des Ozeans, wie es war, mit ihnen zu schwimmen, von morgens bis abends bei ihnen auf den Weiden zu sein. Er vermisste sie schmerzlich. "Genauso wenig, wie du mit mir kommen würdest, wenn ich darum bäte." Er drehte den Kopf und sah Wirakun an, während er sich fragte, warum er es so formuliert und nicht einfach mit einem klaren Nein geantwortet hatte. "Warum bestehst du darauf, dass ich mit dir komme? Du hast deinen Favoriten bereits erwählt, und ich werde deinem Harem nicht beitreten. Von dem Geld, das mein Pascha als Auslösesumme zahlen würde, könntest du um einen passenderen Mann werben. Ist es dein Stolz, der nicht zulässt, dass du gehen lässt, was du einmal hattest?"

"Mit Stolz hat mein Wunsch, euch zu besitzen, nicht viel gemein. Und Manmatha ist nicht mein Favorit." Wirakun rollte sich dicht neben Mitar zusammen und schloss die Augen. "Das musst du doch langsam begriffen haben. Er ist ein Schmuckstück, ein wunderschönes dazu, mehr nicht." Es war nicht ganz wahr, aber kam der Wahrheit nahe genug. Wirakun konnte es nicht in Worte fassen, was ihm an Manmatha fehlte. Aber er wusste, dass sein Interesse bei diesem schönen Mann genau dort blieb, wo er wirkte, auf der schillernden Oberfläche. "Ich werde euch beide in die Stadt ausführen. Meinen Favoriten und meinen schönsten Mann. Magst du Schlangen, Mitar? Wenn ja, dann wird das ein schöner Abend werden." Es war angenehm, den anderen dicht bei sich zu spüren; die leichte Strömung über die Haut streichen zu fühlen, wenn er in Gedanken mit den Flossen schlug, schuf ein Wohlbehagen in Wirakun, das er nicht mehr missen wollte.

Mitar sah auf den Mann hinab, dessen Körper fast die Farbe der wilden Lachse hatte und dessen Flossen dazu so unpassend grün waren und seufzte lautlos. Er würde dem Harem eines Piraten nicht beitreten, doch so oft er es auch wiederholte, so oft ignorierte Wirakun es. Als er das leise Lächeln entdeckte, das friedlich und entspannt um Wirakuns Lippen spielte, konnte er sich aber nicht dazu bringen, es noch einmal zu sagen. Es wäre ohnehin vergeblich. Vielleicht würde er es ihm bald zeigen können; wenn sich ihm in der Stadt auch nur die geringste Möglichkeit zur Flucht bot, würde er sie nutzen.

Er lächelte ebenfalls und setzte sich bequemer zurecht. "Ja, ich mag Schlangen. Manchmal kann man welche sehen, wenn man bei den Herden ist, weit entfernt nur, riesengroß, ganz in blau mit wehenden Rückenflossen und wunderschön." Leider waren sie immer abgetaucht, wenn er versucht hatte, näher zu kommen, bis in Tiefen, in die er ihnen nicht folgen konnte. Er stieß Wirakuns Schwanz leicht mit seinem an. "Solche werdet ihr dort aber wohl nicht haben."

"Nein, ich meinte eher die Kleinen mit den Zähnen vorn." Wirakun machte mit seinen Fingern eine Reißzahngeste, während er sich noch ein wenig dichter an Mitar heran rollte. "Vor allem die gelben kann man ausgezeichnet essen. In dem Lokal bereiten sie Schlange auf die traditionelle Art der Fakun zu."

Mitar lachte, denn die lachsfarbenen Schwimmhäute ließen die Fangzahngeste wenig bedrohlich erscheinen. "Ich lasse mich überraschen, mein Kapitän. Und da ich mich wenig auskenne mit den Fakun-Delikatessen, vertraue ich mich ganz deinem Urteil an. Ich hoffe, ich bereue es nicht", schmunzelte er und zwinkerte ihm zu. 'Als ob ich nicht ohnehin in seiner Hand bin.'


© by Jainoh & Pandorah