Wie ein Schlangentanz

8.

Ternekun hatte eine Weile über Cins Schlaf gewacht, bevor er noch einmal die Schankstube besuchte, um weitere Erkundigungen einzuholen. Anschließend schwamm er rasch in den Dockbereich, in dem tatsächlich neben dem Frachter, der sie mitnehmen konnte, auch das Piratenschiff lag.

Gerade in der Nacht herrschte reges Treiben an den Docks. Vor allen Dingen die Händler freuten sich über den Besuch eines solch großen Schiffes; Wirakun, der Kapitän, hatte tatsächlich eine ganze Menge wertvoller Schmuckstücke stehlen können, denn etliche Schmuckhändler warteten um das Schiff verstreut, bis sie an der Reihe waren, in die Verhandlungen einzutreten. Ternekun wollte sich gerade abwenden, als ein leises Raunen durch die Menge ging. Als er seinen Blick zum Schiff zurück wandte, erblickte er wie eine helle Erscheinung wirklich einen der schönsten Männer, die er je gesehen hatte.

'Manmatha!' Er erkannte ihn gleich wieder. Auf einigen der Treffen von Minenbesitzern und Perlenzüchtern mit den Schmuckschmieden waren sie einander bei Essen und den anschließenden Tänzen schon vorgestellt worden. Da sie jedoch beide Paschas werden würden, war das Interesse am anderen auf geschäftlicher Ebene geblieben. Überrascht hob Ternekun eine Hand zum Gruß, während er wie alle anderen gebannt zu Manmathas heller Gestalt auf dem Oberdeck blickte.

Manmatha hielt sich dicht bei Wirakun, als er endlich mit ihm und dem widerspenstigen Favoriten das Schiff verlassen durfte. Er gab sich gar nicht erst der Illusion hin, dass er entkommen konnte, dafür war er viel zu langsam. Das Raunen, das durch die Menge ging, als sie ihn entdeckte, machte ihm zudem bewusst, dass er auch gar nicht entkommen wollte. Ein Schauer lief über seinen Rücken und ließ seine Flossen erzittern. Wer wusste schon, gegen was er die angenehme, begrenzte Gefangenschaft bei diesem Piratenkapitän sonst eintauschen würde.

Dann bemerkte er, wie ihm jemand winkte. Verwirrt blinzelte er, als er zu einem dunklen Fakun schaute, der sich kaum von den anderen unterschied. Doch mit einem Mal erinnerte er sich an ein länger zurückliegendes Geschäftstreffen, zu dem ihn sein Pascha mitgenommen hatte. Ihm war der Name des Fakun entfallen, aber er war recht sicher, dass es einer der Söhne eines Minenbesitzers gewesen war. Und dieser hatte ihn offensichtlich ebenso erkannt.

Hunderte von Möglichkeiten huschten Manmatha durch den Kopf. Eilig hinzuschwimmen und ihn um Hilfe zu bitten, war die erste, doch er gab ihr nicht nach. Eher würde Wirakun den Fakun ebenfalls zu seinem Gefangenen machen, als dass er zuließ, dass sein Fang gefährdet wurde. Er tat das genaue Gegenteil, als er den Gruß ignorierte und noch mehr zu Wirakun aufholte.

"Sie machen mir Angst", flüsterte er.

Wirakun umfasste Manmathas zierliche Taille mit einem Arm und strich ihm leicht über die Wange. "Mach dir keine Sorgen, meine Perle, sie werden dich nicht in Verlegenheit bringen. Wenn wir ausgehen, dann werden uns zwei Männer von meiner Mannschaft begleiten."

Die beiden düsteren Männer mit den schon ziemlich zerstoßenen Hörnern, die für schweren Schmuck bereits mehrfach durchstochen waren, warteten dicht in Wirakuns Nähe. Ihre Männer, beides ausnehmend hübsche Schleierschwänze, begleiteten sie ab und zu auf Fahrten, wie auch nun. Zudem sorgten sie für heitere Stimmung auf dem Schiff und erfreuten die ganze Mannschaft mit ihrem Gesang und ihren Tänzen. Einer war leuchtend blau und der andere hellgelb, auch sie drängten sich angesichts der düsteren Gesellschaft enger an ihre Paschas und flüchteten sehr bald wieder in die Halle unter Deck.

Wirakun sah sich nach Mitar um und zog Manmatha dann mit sich. "Auf geht's, ich habe schon Hunger und möchte Gam auch nicht verpassen." Eine Gasse bildete sich um sie, als sie zu ihrer Kutsche gingen, die sie durch die ungemütlichen Gassen des Ortes bringen sollte.

Manmatha hielt sich an Wirakuns Arm fest, während er sich den geschmeidigen Bewegungen anpasste, um mit ihm zu schwimmen. Mit großen Augen sah er sich um, halb wirklich ängstlich, halb, um den Fakun wiederzufinden, den er aus dem Blick verloren hatte. Inständig hoffte er, dass dieser begriff, dass er nicht so freiwillig hier war, wie es den Anschein haben mochte und dass er selbst nicht mit dem Piraten befreundet war. Als Manmatha das düstere Gesicht wieder entdeckte, suchte er den dunklen Blick und bat alleine damit stumm um Hilfe. Mehr wagte er sich nicht, ehe er die Lider niederschlug und mit Wirakun und Mitar in der Kutsche verschwand.

Ternekun beeilte sich, um zur Herberge zurückzugelangen, in der Cin, wie er hoffte, noch tief und sicher schlief. Wirakun war in der Tat ein interessant anzusehender und hübscher Mann, und ganz offensichtlich hatte er Manmatha zu seinem Angetrauten gemacht oder plante dies. Andererseits war da am Schluss der Blickkontakt gewesen. Manmatha schien ihn um Hilfe bitten zu wollen. Wagte er es nur nicht, sich zu rühren?

Nachdenklich beschloss Ternekun, dass es nicht schaden konnte, Manmathas Pascha und auch dem Heiratsvermittler einen Boten zu schicken, um sie wissen zu lassen, wo sich der Pirat mit ihren Männern und deren Schmuck befand.

Etwas anderes beschäftigte ihn noch. Mitar, so wie Cin ihn beschrieben hatte, war ebenfalls bei dem Piraten gewesen. Dicht hinter ihm, und als sie in die Kutsche gestiegen waren, hatte er den Platz neben dem Kapitän zugewiesen bekommen. 'Sie sind zusammen, in einer Form. Der Graue hat zwar nicht sonderlich verliebt gewirkt, aber schien mir ohnehin recht ruhig zu sein.' In Gedanken daran verstrickt, wie er Cin dies beibringen konnte, kehrte Ternekun in ihr Zimmer zurück, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen.

Cin wurde von dem leisen Geräusch des sich öffnenden Gitters geweckt. Sofort war er hellwach und verkroch sich tiefer in seiner Decke, die Sinne nervös angespannt und auf die Tür lauschend. Er blinzelte, um zu sehen, ob Ternekun ebenfalls aufgewacht war, nur um zu sehen, dass der große Fakun nicht an seinem Platz lag. Kälte ergriff ihn, und sein Herz begann vor Angst schneller zu schlagen. Wo war sein Wächter? 'Seegurke! Vielleicht musste er sich erleichtern, und es ist nur er, der zurückkommt.'

Er riskierte einen Blick, um festzustellen, dass seine Sorge unbegründet gewesen war. Als er sich aufsetzte und die Augen rieb, fiel ihm jedoch auf, dass der Fakun seine Waffen trug. Es brachte den Schreck erneut zurück. 'Was wäre gewesen, wenn der Wirt mitbekommen hätte, dass er mich allein hier gelassen hat!? Aber vielleicht war er auch nur im Schankraum. Oder bei Gam?' Der Gedanke brachte eine Welle an Verärgerung mit sich, die er eigentlich nicht zulassen wollte.

"Hallo. Hast du dich schön amüsiert?", fragte er dennoch ein wenig grummeliger, als er es vorgehabt hatte.

Ternekun hatte ursprünglich etwas Beruhigendes sagen wollen, doch das gereckte Kinn und der vorwurfsvolle Ton ärgerten ihn, denn der Ausflug hatte ihn Schlaf gekostet, und nun wurde er von Cin auch noch verdächtigt. Er lächelte ihm deswegen nur leicht und geheimnisvoll gedacht zu, dann legte er sich neben ihn auf das Lager und streckte sich. "Ich bin jedenfalls noch viel müder als vorhin. Hoffentlich verschlafen wir nicht die Abfahrt des Frachters."

'Bestimmt war er bei Gam! Warum sonst sollte er erschöpft sein. Oh, dieser treulose Tintenfisch! Ich hätte sterben können derweil, und er amüsiert sich mit einem Schlangenbeschwörer! Was ist das nur für ein Wächter.' Wütend auf den Fakun, aber auch über sich selber, weil er mehr wegen Gam als wegen Ternekuns Abwesenheit zornig war, zog Cin die Decke hoch und rutschte von dem anderen Mann weg.

"Ich hoffe, du hattest Spaß und hast dir nicht zu viel Gedanken darum machen müssen, dass deinem Auftraggeber etwas passieren könnte", meinte er bissig und fragte sich im selben Moment, ob Ternekun genau das nicht vollkommen gleichgültig sein konnte. Er hatte den Schmuck und würde auch den Rest seiner mitgeführten Besitztümer bekommen können, wenn ihm etwas geschah. 'Oder einen ordentlichen Verkaufspreis, wenn er mich in einen Harem verschachert.' Aber selbst wenn sein Verstand herumunkte, konnte Cin nicht glauben, dass Ternekun so etwas tun würde.

'Er ist doch tatsächlich eifersüchtig. Auf Gam vermutlich. Das ist zu köstlich.' Ternekun bedankte sich und wünschte angenehmen Schlaf; damit drehte er sich ebenso von dem kleinen Schleierschwanz fort, um mit einem Grinsen auf dem Gesicht einzuschlafen.

 

Wirakun war außerordentlich guter Laune. Das Lokal und der Tanz von Gam hatten seinen Perlenmann und seinen Favoriten beeindrucken können. Wirakun hatte einen Arm um Mitar gelegt, in der Hoffnung, dass dieser es akzeptieren würde und hielt Manmathas Hand in seiner, genoss das Gefühl der bewundernden Blicke aller anderer im Lokal.

Sie hatten überreichlich gegessen, und so schlug er vorsichtig die Temperatur prüfend vor: "Wollen wir uns auf dem Weg zum Hafen vielleicht den Bauch freischwimmen? Es ist ja nur hier die Gasse hinauf, hm?"

Mitar ließ den Arm genau einen Atemzug lang dort, wo er war, ehe er sich seitlich beugte, was den Arm abgleiten ließ, um die letzte der gefüllten Schnecken zu nehmen. Er legte sie jedoch nur auf seinen Teller, ohne sie zu essen, ehe er sich Wirakun zuwandte. "Ich bin dankbar für jeden Flossenschlag, den ich außerhalb des Schiffes tun kann, bevor wir ablegen." Dank der beiden Wächter, die mitgekommen waren, rechnete er kaum damit, dass sich ihm eine Möglichkeit bieten würde zu entkommen, doch der Gedanke, bald wieder auf die engen Kabinen beschränkt zu sein, grauste ihn.

"Oh ja, die Idee ist herrlich!" Manmatha nickte fröhlich. Der Abend war schön gewesen, und er hatte sowohl das Essen wie auch die Tänze sehr genossen. Gemütlich zurück zu schwimmen, würde einen wunderbaren Abschluss bilden, ehe sie wieder eingesperrt wären.

Als Wirakun seine kleine Gruppe auf die Gasse vorließ, hatte er schon zwei weitere Versuche, Mitar im Rahmen dieses netten Abends näher zu kommen, sehr erfolglos unternommen. Immer hatte Mitar sich ihm schlicht entzogen, wie ein Schwarm kleiner Sardinen umging er ihn und seine zaghaften Angebote.

Davon ein wenig betrübt fiel Wirakun etwas zurück, so dass er es war, der die Angreifer zuerst bemerkte, als diese zu viert aus dem Dunkel einer Gasse auf sie zustürzten, jeder die gefährlichen Handkrallen an den Händen. Ihr Ziel war klar, und so rief Wirakun seinen beiden Wächtern, noch während er auf sie zuschwamm, zu "Bringt Manmatha in Sicherheit! Ich komme schon zurecht!"

An Mitar dachte er dabei nicht, der starke, graue Mann würde sich sicherlich allein verteidigen können. Leider hatte er sich zwar nicht in der Stärke der vier Gegner verschätzt, aber den fünften zu spät bemerkt, während die Wächter gehorsam mit Manmatha zum Schiff flohen, den zierlichen Schleierschwanz dabei mehr mit sich zerrend, als ihn allein schwimmen zu lassen. Mit einem wütenden Schrei zog Wirakun seine Messer. Zu seinem Leidwesen hatte er die kräftige Schleuder und die Harpune nicht dabei. Er würde es nicht zulassen, dass man ihm den schönen Perlenschatz wieder stahl, zumal es sich gerade sehr gut mit ihm anließ!

Mit einem schnellen Flossenschlag brachte Mitar sich an den Rand der Gasse und aus der Bahn der Angreifer. Das war die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte! Wirakun war abgelenkt, die beiden Wächter kümmerten sich um Manmatha, und auf ihn achtete niemand. Sollte der Pirat sehen, wohin ihn seine Arroganz und die Überzeugung, allein zurechtzukommen, hinführten. Mitar jubilierte innerlich auf, als er an einem der Wohnhäuser empor schoss, um hinter einem Vorsprung in Deckung zu gehen und von dort den sichersten Weg vom Hafen weg zu suchen.

Dass er sich über der gewölbten Kuppel mit den Fensteröffnungen noch einmal umdrehte, war ein Fehler. Die fünf Angreifer hatten Wirakun umringt, der mit seinem kleinen Messer gegen die Krallen nicht die geringste Chance hatte. 'Keine Dummheiten. Er musste damit rechnen, als er die Wächter weggeschickt hat. Ich habe gar keine Waffe.'

Gebannt beobachtete er, wie Wirakun einem Stich auswich, um gleichzeitig mit der Flosse nach einem der Gegner zu schlagen und eine Kralle mit dem Messer abzuwehren. Doch es war nur eine Frage von Augenblicken, ehe der Pirat unterliegen musste. Er konnte unmöglich gegen fünf Männer bestehen! Noch ehe Mitar den Gedanken beendet hatte, zogen scharfe Klauen eine blutige Spur über den Rücken des Fakun.

'Tiefsee!!' Mit zornigem Grollen schnellte Mitar herum. Er jagte zurück und rammte dem Angreifer mit voller Kraft die Schulter in die Seite. Gleich entriss er ihm die Waffe, während der Mann noch nach Atem rang.

Wirakun hatte gerade mit seinem Leben abgeschlossen; der scharfe Schmerz an seinem Rücken brannte sich in ihn, nahm ihm die Kraft zum weiteren Kämpfen. Zugleich machte ihn die Verletzung mutiger und wütender. Mit unsicheren, aber heftigen Bewegungen schlug er zwei der Gegner in die Flucht. In dem Augenblick, in dem ihn der dritte noch einmal, dieses Mal tiefer und noch schmerzhafter, erwischte, fuhr Mitar wie ein Irrsinniger dazwischen.

"Mitar! Flieh! Das ist nichts für dich... du musst nicht..." Einer der Gegner rammte ihn und warf sich auf ihn. Wirakuns Kopf prallte in dem Moment gegen die Höhlenwand, in dem er sein Messer in den anderen hineinstieß. Zufrieden sah er noch, dass er gut getroffen hatte, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Wirakuns Blut und das des getroffenen Fakun zog Schlieren durch das Wasser, die mit jedem Flossenschlag aufgewirbelt wurden. Mit einem wütenden Aufschrei peitschte Mitar seinen Schwanz gegen den Bauch eines der verbliebenen Angreifers, während er versuchte, mit den Handkrallen den zweiten zu erwischen.

Er hatte nie um sein Leben kämpfen müssen, aber er würde Wirakun nicht sterben lassen, nur weil ein Haufen Räuber enttäuscht war, dass sie den Schleierschwanz nicht bekommen hatten. Zu ihrem Glück beschlossen die beiden Fakun, dass es das weitere Risiko nicht wert war. Sie packten den dritten, der zu Boden gesunken war, und verschwanden mit ihm in eine Seitengasse.

Für einen Moment war Mitar vor Wut wie geblendet. Einige kraftvolle Flossenschläge lang schoss er ihnen hinterher, doch dann kehrte seine Vernunft zurück. Es war keine gute Idee, einer Bande Mörder in ihr Revier zu folgen.

Als er sich umdrehte und eilends zurückschwamm, stellte er fest, dass die Angreifer nicht allein seines Eingreifens wegen geflohen waren. Am Ende der Straße konnte er bereits einige der Piraten sehen, die mit Höchstgeschwindigkeit auf sie zukamen. Die nahende Hilfe beruhigte Mitar, doch sie wurde unwichtig, als er Wirakun erreichte. Der Fakun lag regungslos an der Stelle, an der er zusammen gesunken war, nur seine grünen Flossen wehten leicht in der Strömung. Mitar spürte eisige Kälte in sich aufsteigen.

"Untersteh dich zu sterben", knurrte er, als er fahrig nach Zeichen von Leben suchte. Der kräftige Brustkorb hob und senkte sich leicht; gleich darauf spürte Mitar den strömenden Atem, der die Blutschlieren, die sich mit dem Wasser gemischt hatten, aufwirbelte. Die Erleichterung kam genauso überraschend wie plötzlich, und sie war so groß, dass er sich nicht einmal über seine verpatzte Flucht ärgerte, während er mit den Piraten zum Schiff zurückkehrte.

Sie brachten Wirakun in seine Kabine, wo er vorsichtig auf das große Lager gebettet wurde. Der Schiffsarzt flößte ihm ein Mittel gegen das Gift ein, das die Angreifer benutzt hatte, säuberte die Wunde und verband ihn anschließend. Auch wenn Mitar erklärte, dass er unversehrt war, bestand der Arzt darauf, ihn ebenfalls zu untersuchen. Er versorgte einige Kratzer, die durch den Aufprall entstanden waren, aber konnte ansonsten nichts finden. Es schien ihn zu beruhigen. Mitar vermutete, dass er sich nicht Wirakuns Zorn zuziehen wollte, sollte der Favorit krank werden.

Als der Arzt endlich das Zimmer verlassen hatte, schwebte Mitar eine Weile unschlüssig in der Mitte des Raumes und starrte die geschlossene Tür an. Ob es auffiel, wenn er sich jetzt heimlich davon stahl? Mit einem Seufzen gab er auf und glitt zu Wirakuns Lager. Er konnte es doch ohnehin nicht, solange es dem Fakun derart schlecht ging. Mitar zögerte, dann ließ er sich zu ihm sinken und berührte vorsichtig seine Wange. Wie blass er war... und wie hilflos er wirkte.

"Wegen dem Leben eines Piraten habe ich meine Chance auf Freiheit aufgegeben", murmelte er. "Mir ist auch nicht mehr zu helfen."

Ein leises Geräusch begleitete Wirakuns Erwachen genau wie schreckliche Kopfschmerzen. Er ächzte leise und wandte den Kopf nach dem Geräusch hin, um zu sehen, dass es sich um Mitars Flossen handelte, die sachte gegen das Lager schlugen. Er blinzelte und versuchte sich zu erinnern; als er es dann konnte, öffnete er wieder die Augen und legte seine mit einem braunen Verband versehene Hand auf Mitars Schweifflosse.

"Nervös, Mitar?" Er blinzelte noch einmal, dann flüsterte er verwundert in das sonst immer energische und gegen ihn verschlossene Gesicht blickend: "Tiefsee! Du bist noch hier? Warum?"

"Ich konnte nicht zulassen, dass du von einer Gruppe raubgieriger Haie zerfleischt wirst. Und noch ehe ich mich versehen habe, war deine halbe Mannschaft bei uns. Da war an Flucht nicht mehr zu denken." Mitar grinste schief und griff beinahe schon aus Reflex nach der Hand, um sie von sich zu schieben. Doch die Berührung ließ ihn die Erleichterung darüber, dass Wirakun lebte und sogar wach war, um so tiefer spüren, selbst wenn er offensichtlich noch nicht wieder ganz bei sich war. "Es war wohl ein Fehler, mich davon zu überzeugen, dass du noch lebst." Vorsichtig umschloss er die verbundenen Finger mit seinen.

Die bissigen Worte wollten so gar nicht dazu passen, dass Mitar seine Finger sachte umfasst hielt. Es lockte Wirakun ein Lächeln auf die Lippen, dass der graue Mann so uneinsichtig war, was ihre Beziehung anging; aber der Heldenmut und das Opfer von seinem Raub und Schatten rührte ihn zugleich dermaßen, dass er leise flüsterte: "Du bist frei. Es war sicherlich kein Fehler, dein Vertrauen und deinen Mut für mich einzusetzen, mein Favorit." Er hob den Blick und sah, dass sie sich bereits wieder in der Schwärze der Tiefsee befanden. Leise seufzend setzte er hinzu: "Wenn wir in meiner Heimat angekommen sind, gebe ich dich frei, versprochen."

Die Worte lösten ein Prickeln in Mitar aus, das in seiner Schwanzflosse begann und wie eine frische Strömung, die stickiges Wasser vertrieb, von dort nach oben stieg. Mit einem Mal fühlte er sich so leicht und unbeschwert, dass es ein Wunder war, dass er nicht zur Decke empor trieb.

"Ich hatte nichts dergleichen erwartet, Wirakun", sagte er ein wenig heiser und sah in die dunklen Augen des Fakun. "Aber ich danke dir dafür." Mit einem Lächeln legte er auch seine andere Hand um Wirakuns. "Ich bin zurückgekommen, weil ich mich um dich gesorgt habe. Du warst so reglos, und all das Blut... Ich hatte Angst um dich." Mit einem Mal fiel es leicht, das zu sagen. Er würde frei sein, er musste sich nicht zurückhalten.

Wirakun lächelte schwach. "Immerhin ein Trost, Mitar. Auch wenn es mir nicht helfen wird, wenn ich meinem Pascha sagen muss, dass mein Favorit dort hinten mit der Kutsche verschwindet, dass er meine Angebote ausgeschlagen hat, weil ich Pirat bin, nicht gut genug." Er entzog Mitar seine Hand und drehte sich unter leisem Stöhnen auf die andere Seite. Sein Rücken schmerzte bei jeder Bewegung, und die flaue Übelkeit durch das Schlafmittel, das an den Krallen gewesen sein musste, ließ ihn würgen. Fröstelnd schlang Wirakun seine Arme um die eigenen Schultern und bat leise: "Kannst du mir eine Decke bringen, das Gift ist noch nicht ganz aus meinem Körper."

Mitar schob sich mit einem Schwanzflossenschwung nach oben und holte eine besonders weiche Webdecke aus einem der Schränke, um sie über Wirakun auszubreiten. "Du musst deinem Pascha nichts sagen. Du hast Manmatha; es ist wesentlich glaubhafter, dass ein solch schillernder Mann dein Favorit ist, als ein unscheinbarer Fisch wie ich. Wir hatten nicht lange genug Zeit, um irgendetwas aufzubauen, dass die Position eines Favoriten gerechtfertigen würde." Er zögerte, dann fragte er: "Ist dir das warm genug?"

"Manmatha ist nicht mein Favorit", wiederholte Wirakun stur. "Und nein, es ist mir nicht warm genug, du musst mich wärmen."

"Ich sagte, es ist glaubhafter", korrigierte Mitar und sah unschlüssig auf den von ihm abgewandten Fakun, dessen Kinn störrisch vorgereckt war. Der Anblick machte, dass er sich weich und nachgiebig zu fühlen begann. Er hob die Decke an und glitt mit einem leichten Flossenschlag zu dem Mann, um einen Arm um ihn zu legen und überrascht festzustellen, dass er leicht zitterte. "Aber bilde dir nichts ein deswegen", grummelte er und brachte seinen Körper vorsichtig, um ihm nicht weh zu tun, an Wirakuns Rücken.

Ein leises Lächeln huschte über Wirakuns Gesicht, dann murmelte er: "Ich bilde mir selten Dinge ein, ich erkenne sie." Er wandte sich Mitar ein wenig weiter zu und schloss die Augen, während er sein Gesicht an den warmen Körper seines Schattens bettete.


© by Jainoh & Pandorah