Wie ein Schlangentanz

10.

Mitar hatte nach einem langen Gespräch mit dem Steuermann beschlossen, dass er Wirakun und Manmatha genügend Ruhe gegönnt hatte. Er war müde und wollte gerne in sein Lager, doch das Gesäusel von Wirakun, wenn er um Manmatha zu werben begann, konnte er immer noch nicht besonders gut ertragen. Mit Sicherheit war der helle Mann mittlerweile wieder zurück in seinem Zimmer.

Er klopfte nur kurz und der Form halber, ehe er die Tür auch schon öffnete und feststellte, dass Manmatha alles andere als weg war. Der Fakun und der Schleierschwanz lagen in innigster Umarmung und bei leidenschaftlichen Küssen auf den Kissen, die Schwänze umeinander geschlungen und nur durch ihre unterschiedliche Farbe war überhaupt zu erkennen, wo einer begann und der andere aufhörte. Ihre Bewegungen aneinander und die Laute, die sie von sich gaben, waren eindeutig.

Auf den zornigen Stich und die Enttäuschung, die er fühlte, war Mitar nicht vorbereitet. Er presste die Lippen zusammen, um ihnen nicht viel Spaß zu wünschen, dann zog er die Tür mit einem Ruck wieder zu. 'So viel zum Favoriten. Wenn er einen nicht haben kann, ist der andere gerade gut genug.'

Ziellos schwamm er davon, ohne zu wissen, wohin er sich zurückziehen sollte und fand es erneut unerträglich, dass die Enge des Schiffes es nicht erlaubte, sich auszutoben. Schließlich suchte er den großen Mannschaftsraum auf, grüßte flüchtig die wenigen Anwesenden und ließ sich in einer der Ecken auf einem weichen Polster nieder. Sein finsterer Blick sagte wohl, dass er keine Lust auf irgendetwas verspürte, denn niemand sprach ihn an.

'Sie tun es, na und?' Verbittert starrte Mitar zur Decke empor und versuchte herauszufinden, warum es ihn so zornig machte. Es war ja nicht so, dass er es nicht hätte haben können. Wenn er ein wenig freundlicher zu Wirakun gewesen wäre, hätte er schon viel früher derjenige sein können, mit dem der Fakun sich über die Polster rollte. Aber er wollte nicht. Wollte ihn nicht, wollte das nicht mit ihm. Zumindest nicht, wenn er seinen Verstand bemühte. Ein Pirat. Der ihn gefangen hatte. Der ihn hatte zwingen wollen, in seinen Harem einzutreten.

'Mach dir nichts vor, du bist eifersüchtig. Tiefsee! Dazu hast du keinen Grund! Er will Manmatha in seinem Harem, jeder Pascha hat einen Harem, und ein Harem ist nicht dazu da, dass man ihn von Ferne anschaut. Warum sollte Wirakun auf sein Recht verzichten, noch dazu, wenn er denkt, dass du mit Sicherheit nicht bei ihm sein willst?' Dann sollte er aber auch endlich aufhören, ihn seinen Favoriten zu nennen! Das war es wohl, was ihn am meisten störte.

Die Erkenntnis seiner Eifersucht machte ihn nicht ruhiger, ebenso wenig wie die Zeit, die er in den Mannschaftsräumen verbrachte. Dennoch kehrte er erst zurück, nachdem sie sich geleert und die meisten Fakun sich zurückgezogen hatten.

Es erleichterte ihn, dass Wirakun und Manmatha sich nicht mehr liebten, aber es versetzte ihm einen neuen Stich, dass er das Weiß des Schleierschwanzes von Wirakuns Lager her leuchten sah. Rasch schwamm er zu seinem eigenen und legte sich abgewandt hin, um die Wand anzustarren, eifersüchtig zu sein und sich darüber zu ärgern, dass er überhaupt so reagierte. Es war gänzlich ungewohnt, und er konnte nicht sagen, dass ihm diese Erfahrung gefiel.

Der Schmerz an seiner Schulter weckte Wirakun in der Nacht erneut auf. Müde und einen Moment lang verwirrt sah er auf die schlanke, helle Figur neben sich, dann lächelte er und zupfte ein leichtes Tuch weiter über Manmathas schöne Gestalt, bevor er sich von ihm löste, um seine Schmerzmedizin zu nehmen.

Unweigerlich glitt sein Blick zum Schlaflager ganz auf der anderen Seite des Raumes, und er war überrascht, dass er Mitar dort liegen sah. Mit leisen Bewegungen schwamm er zu ihm hin und ließ sich niedersinken. Er berührte die Schulter des kräftigen Mannes leicht und raunte seinen Namen, um ihn zu wecken, aber nicht zu erschrecken.

Mitar hatte nicht geschlafen, auch wenn er es sich noch so sehr gewünscht hatte, um die unangenehmen Gefühle vielleicht durch eine ruhige Nacht zu verdrängen. Angespannt hatte er immer wieder auf Wirakun gelauscht, immer und immer wieder vor sich sehend, wie die beiden sich geliebt hatten, was einfach nicht zu vertreiben war.

Er zuckte ein wenig zusammen, als der Pirat ihn berührte und drehte sich nach einem kurzen Zögern um. Das stark gedämpfte Licht, das von den in den Anemonen versteckten Kristallen herrührte, erhellte das schlanke Gesicht und machte die Züge weicher. Mitar starrte ihn an, hielt seine Miene bewusst ausdruckslos und versuchte, das mit einem Mal heftige Verlangen, ihn zu küssen, nicht durchschimmern zu lassen. "Hm?"

Wirakun lächelte Mitar leicht an. "Entschuldige." Sachte strich er ihm einmal an der Wange entlang, bevor er sich halb abwandte. "Bist du so lieb und wickelst den Verband einmal neu für mich, mein Schatten?" Er schob sich zu Mitar auf das Kissenlager und sah ihn über die Schulter hinweg an. "Dir vertraue ich damit am meisten."

Mitar brummte nur einen Kommentar, der weder verständlich war, noch Sinn ergab. Rasch schwamm er zu dem Lager, auf dem Manmatha friedlich und sehr dekorativ schlief, und holte dort aus der Schublade des kleinen Beistelltischs das Töpfchen mit der Heilsalbe und frische Tücher, während er den Schleierschwanz mit einem Blick streifte. Natürlich wollte Wirakun nicht darauf verzichten, ihn anfassen zu können. Manmatha war schön, und Mitar wusste, dass der helle Mann den Fakun auch gern mochte.

Wahrscheinlich wäre es das Beste für ihn, wenn sein Pascha ihn nicht erreichte und er wirklich in Wirakuns Harem einging. Manmatha hatte ihm anvertraut, dass er es sehr angenehm fand, sich nicht um sein großes Anwesen und all die Besitztümer kümmern zu müssen. Mitar mochte ihn gern, was es nicht angenehmer machte, eifersüchtig zu sein.

Er wandte sich ab und kehrte zu Wirakun zurück, um sich hinter ihm niederzulassen und den straff sitzenden Verband zu lösen. Die Wunde sah besser aus, als er sie in Erinnerung hatte, wenngleich sie noch weit davon entfernt war zu heilen. Vorsichtig säuberte er sie, ehe er die Salbe verteilte, die Wunde großflächig abdeckte und die Verbände erneut zu wickeln begann.

Er genoss es, dabei um Wirakun herumgreifen zu können und wieder und wieder seine Haut zu streifen, während ihm die Worte einfielen, die dieser ihm gesagt hatte, als sie das erste und einzige Mal beieinander geschlafen hatten. 'Ich bilde mir selten Dinge ein, ich erkenne sie. - Bist du besser darin, Dinge in mir zu erkennen, als ich es selber bin?'

Etwas an Mitars Schweigen forderte Wirakun heraus, ihn in Ruhe zu lassen. Es war, als dachte der graue Mann über eine sehr wichtige Entscheidung nach. Doch als die letzte Bahn des Verbandes seinen Oberkörper umgab und festgesteckt worden war, wandte er sich rasch zu Mitar um und ergriff dessen Hände, bevor er sich wegdrehen konnte.

"Ich will und werde nicht ungerecht sein. Du bist der Favorit, und eine Nacht mit Manmatha soll durch zwei mit dir aufgewogen werden." Wirakun ließ die kräftigen Hände wieder los und lächelte entschuldigend, in den dunklen Augen nach einer Antwort suchend. "Es tut mir leid, dass meine Geduld nicht mehr ausgereicht hat und ich die weiße Perle vorgezogen habe, Mitar." Vorsichtig stieß er sich ab und schwamm zu seiner Anrichte hin, um sich etwas zu essen zu nehmen.

Mitar spürte dem Gefühl des Händedrucks nach und dem, was der Blick und die Worte in ihm ausgelöst hatten. 'Er hat sich entschuldigt. Für Dinge, für die ihn keine Schuld trifft. Sieht er, dass es mich verletzt hat? Obwohl kein Grund besteht.' Darüber nachdenkend räumte er das alte Verbandsmaterial weg und das Salbentöpfchen an seinen Platz zurück. 'Du bist doch sonst immer ehrlich, warum versuchst du jetzt, dich zu belügen?'

Es waren keine Lügen, es war Verdrängen. Weil Wirakun ein Pirat war, weil er weder in seinen Harem noch sein Favorit sein wollte, weil er sich nach zu Hause sehnte. Und gleichzeitig sehnte er sich nach ihm. 'Wir kennen uns nicht lange genug, dass etwas zwischen uns hätte wachsen können. Es kann nicht so viel Zuneigung geben. Aber doch... dennoch ist sie da. Ich habe mein Leben für ihn riskiert. Ich war bereit, es für ihn zu geben.'

Er drehte sich um und betrachtete den verbundenen Rücken des Mannes, lachsfarben unter dem braunen Verband, und die grünen Flossen. 'Und ich würde es wieder tun.'

Entschlossen schob er die Schublade zu, schwamm zu Wirakun und umarmte ihn von hinten. Es fühlte sich gut an, richtig und brachte ihn wider Erwarten zum Lächeln. "Ich will keine erkauften Nächte, die du mir zu schulden meinst, nur weil du eine mit einem anderen verbracht hast. Ich mag es nicht aufzurechnen. Gib, was du willst, weil du es willst und aus keinem anderen Grund."

Zuerst war Wirakun erschrocken, als sich der kräftige, warme Körper des anderen Mannes gegen ihn presste. Einen winzigen Augenblick lang hatte er die Angst, dass Mitar ihn zu sich umdrehen und ihm in dem üblichen Ernst vorhalten wollte, dass er endlich aufzuhören hatte mit seinen unmöglichen Avancen. Doch dann folgten die Worte, die ein wenig zu schnell und leise, atemlos beinahe, aber dafür umso aufregender an sein Ohr gesagt wurden.

'Geben, was ich will?' Wirakun versuchte sich zu Mitar zu drehen, aber schaffte es erst, nachdem er Mitars kräftige Arme, in denen er sich so geborgen und sicher fand, von sich gelöst hatte. Als er dann das von Gefühlen aufgewühlte Gesicht seines sonst so teilnahmslos tuenden Favoriten erblickte, lächelte er und hatte sogar Mühe, ein Lachen zu unterdrücken.

War es wirklich so, dass alles seine Zeit brauchte? Sogar Mitars Einsicht, wieso Wirakun ihn anstelle seines zierlichen Bruders geraubt hatte, wieso sie sich so gut verstanden, wieso er ihn hatte retten wollen vor den Räubern? Vorsichtig hob Wirakun eine Hand und legte sie an Mitars Wange.

"Aber was ich dir geben will, ist doch immer schon alles gewesen. Alles. Du hast es nur nie nehmen wollen", flüsterte er, während er sich mit einem kleinen Flossenschlag dichter an den kräftigen Körper brachte.

Mitar fühlte sich hilflos bei diesen Worten, dem eindringlichen Blick und sogar der zarten Geste, die anders war als all die Male zuvor, bei denen sie sich berührt hatten. Wirakuns Hüftflossen sprudelten kleine Strömungen gegen ihn, strichen immer wieder über seine Haut und erzeugten etwas in ihm, das nicht Begehren, sondern Sehnsucht war. Sehnsucht nach mehr Nähe. Ohne von den im schwachen Licht so geheimnisvoll dunklen Augen wegzusehen, umfasste er Wirakuns Taille und zog ihn eng an sich heran. Noch einmal hielt er inne, suchte nach einer Antwort und gab dann auf, als er behutsam mit seinen Lippen Wirakuns Mund bedeckte.

Mit einem leisen Seufzen ergab Wirakun sich Mitar und drängte sich enger an dessen Körper heran, nach dem er sich schon in den letzten Tagen so sehr verzehrt hatte. Mitar schmeckte nicht nur gut, sondern fühlte sich auch herrlich an, richtig. Auf eine andere Art als Manmatha, der kostbar wirkte und auch so behandelt werden musste, konnte Wirakun sich an den grauen Mann anlehnen und sich gegen den größeren und um einiges kräftigeren Körper sinken lassen. Er wusste, dass es seinen Pascha betrübte, wenn er sich so weich und hingebungsvoll gab, ganz wie ein Pascha der Schleierschwänze, aber Wira, sein Vater, hatte diese weiche Art nun einmal zu stark an ihn vererbt.

Die Anschmiegsamkeit überraschte Mitar ebenso, wie sie ihm gefiel. Er schlang die Arme um den Mann und vertiefte den Kuss, einen kleinen Teil dessen erkundend, auf das er hatte verzichten wollen. In diesem Moment erschien es ihm so unvorstellbar wie eine Welt ohne Wasser.

Schließlich löste er sich wieder von ihm, nur um den weichen Mund erneut zu finden, ihn zart zu liebkosen, an den Lippen zu zupfen und sie mit den eigenen zu streicheln, ehe sie sich endgültig trennten. Mit einem liebevollen Lächeln sah Mitar in das beinahe verträumt wirkende Gesicht hinab, dann ließ er ihn widerwillig los.

"Du hast die Nacht Manmatha versprochen", sagte er leise, während er erleichtert feststellte, dass sich der Groll und die Eifersucht aufgelöst hatten. "Du solltest bei ihm sein, nicht bei mir. Wir werden noch andere Nächte haben."

Wirakun seufzte verloren, dann straffte er seine Haltung jedoch wieder und lächelte. "Du hast Recht. Dies ist Manmathas Nacht, und ich weiß nicht, wie schnell sein Pascha mir nachsetzen wird. Vielleicht ist es ja unsere einzige Nacht zusammen." Vorsichtig streichelte er Mitars Gesicht mit den Fingerkuppen entlang. "Ich hoffe so sehr, dass dies nicht unser letzter Kuss gewesen ist." Er senkte rasch den Kopf, um Mitar nicht die Wehmut sehen zu lassen, die ihn überkam, wenn er daran dachte, dass der graue Mann ihn verlassen würde, sobald sie im Fakunland angekommen waren. Stattdessen huschte er an Manmathas Seite zurück und schob sich an den Rücken des zierlichen Mannes, um ihn wieder in den Arm zu nehmen.

Mitar folgte ihm mit dem Blick; jetzt konnte er die beiden zusammen schön finden. Sein Lächeln vertiefte sich, als er zu seinem eigenen Lager zurückkehrte und sich dort lang ausstreckte. Er hatte Wirakun geküsst, und es war gut gewesen, in einer Art richtig, die ihn noch immer verwunderte und ihn sich genauso leicht fühlen ließ wie in dem Moment, in dem Wirakun ihm die Freiheit versprochen hatte.

 

Verärgert starrte Cin zur Decke empor. Er hatte das Gefühl, sich zu Tode zu langweilen. Sein Haifischgurt war mittlerweile von Drachen übersäht, und er hatte keine Lust, noch mehr zu formen. Ternekun hatte sich mal wieder aus der Affäre gezogen, indem er die Familie besuchte und mit ihnen redete, anstatt mit ihm.

Cin wusste nicht so recht, ob das gut oder schlecht war. Einerseits kam er so nicht in Verlegenheit, den anderen Mann attraktiver und attraktiver finden zu müssen, andererseits sprach das nicht gerade dafür, dass dieser ihn irgendwie jenseits ihres Dienstverhältnisses interessant fand. 'Na ja, ich hab mir ja auch nicht gerade Mühe gegeben, verträglich zu sein. Und zudem ist es bestimmt keine gute Idee, wenn ich mich in ihn verliebe.' Dennoch rappelte er sich schließlich auf, um seinen Wächter zu suchen, ohne den er sich genauso unwohl fühlte wie mit ihm. Der Ursprung für das Unbehagen war jedoch ein anderer.

Ternekun hatte zwar ein schlechtes Gewissen gehabt, als er Cin allein in der Kammer hatte liegen und sich langweilen lassen. Aber der Gedanke, ihn zum Trinken der berauschenden Mittel mitzunehmen, zu dem er von dem Pascha auf dem Frachter eingeladen worden war, kam ihm absurd vor.

Der Pascha, seine Angetrauten und Söhne fanden sich am Abend in der Halle des Frachters zusammen ein, wo sie sich auf farbenfrohen Kissen um den schon etwas angestoßenen, aber sehr schön mit Ornamenten verzierten Krug legten, um abwechselnd tiefe Züge davon zu sich zu nehmen. Die Unterhaltung wandelte sich je nach dem Stand ihres Rausches von zunächst der Politik der Händler an den Grenzen über die Sturmkammern und ihre Wartung zu den Schleierschwänzen, die es auf den Märkten im Fakunland zu erstehen gab.

Sie waren gerade besonders ausgelassen dabei, die Schönheit und Grazie beim Tanz dieser kleinen Zierfische zu beschreiben, als Ternekun den Schimmer einer roten Flosse am Eingang bemerkte und sich, so rasch er es bei dem leichten Rausch, den er bereits hatte, schaffte, mit den Flossen hinbewegte. "Cin? Bist du das?"

Cin hatte sich unauffällig zurückziehen wollen, als ihn Ternekuns schwere Stimme aufhielt. Die berauschten Fakun waren ihm unheimlich. Sein Pascha hielt nicht viel von Rauschmitteln, und Cin hatte es nur einmal bei Arbeitern erlebt, dass sie irgendetwas aus einem Krug wie diesem zu sich genommen hatten. Sie waren lauter geworden, hatten über alles gelacht und ihm sogar anzügliche Angebote gemacht. Niemand war handgreiflich oder ausfällig geworden, dennoch hatte Cin sich nicht mehr gut in ihrer Nähe gefühlt. 'Das wird immer schrecklicher hier! Die Mannschaft ist doch so schon unheimlich genug. Warum zieht er sie mir vor?'

Die Erinnerung daran, dass er Ternekun gegenüber freundlicher sein wollte, auch wenn das hier mit Sicherheit nicht der beste Ort dafür war, ließ ihn dennoch in die Tür gleiten. "Ja, ich habe dich gesucht. Aber ich störe wohl, da werde ich wohl besser zurückschwimmen."

Sachte umfing Ternekun seinen Oberarm, um ihn dichter zu sich heran zu ziehen. "Nein, du störst nicht. Wir trinken und unterhalten uns ein wenig. Fakunsitten, davon hältst du wohl nicht allzu viel, hm?" Es war zwar niedlich anzusehen, wie Cins kleine Nase sich rümpfte, aber zugleich störte es Ternekun auch, dass Cin dies tat, ohne sich auszukennen.

Cin warf einen Blick in den Raum, sah dann wieder Ternekun ins Gesicht. "Du bist berauscht", stellte er fest. "Und von Fakunsitten weiß ich nicht viel. Die einzige, die mir bekannt ist und die ich nicht mag, ist die, dass einige Fakun dazu neigen, mir meine Brüder zu entführen. Aber mir ist langweilig. Vielleicht magst du mir ein paar Fakunsitten erklären?" So lange sein Wächter bei ihm war, würden sie bestimmt nichts tun, was ihm nicht gefiel. Und Ternekun sah nicht so aus, als wollte er jetzt mit ihm zurückkommen.

Ternekun seufzte und entgegnete "Ich bin nicht wirklich stark berauscht, und diese Art Rausch ist auch lediglich ein freundliches... ein anderes Fühlen, weicher, als wäre das Wasser von Licht durchschienen und man ist... Wieso probierst du es nicht selber aus?" Er machte eine einladende Geste zu ihrer Runde hin, und der Frachterkapitän grinste Cin erfreut entgegen.

Das Unwohlsein in Cins Magengegend verwandelte sich in etwas, das Furcht glich. Doch da er es sich vor den Fakun nicht anmerken lassen wollte, reckte er störrisch sein Kinn vor und nickte. "Gut, dann probiere ich es eben." Er musste ja nicht viel nehmen.

Ternekun ließ sich nieder und wies auf den Platz neben sich. Es war zu herrlich, wenn Cin stur war und sich dabei selbst in die allergrößten Schwierigkeiten brachte. Er reichte dem kleinen, rotäugigen Schleierschwanz den Krug und schlug vor: "Versuch es für den Anfang erst einmal nur zu schlucken, das Einatmen wirkt stärker und macht einen starken Rausch, vermutlich zu stark für dich."

Es klang irgendwie herablassend, was Ternekun sagte. Doch Cin nickte und ließ sich erklären, wie er an dem Mundstück ziehen sollte. 'Meine Güte, du hast noch immer schlechte Laune. Bestimmt ist es nur eine ernst gemeinte und freundliche Warnung gewesen.' Er sog etwas von dem Gemisch aus dem Krug ein, was ihm einen leicht beißenden und dennoch süßen Geschmack bescherte. Ein wenig mühsam schluckte er, kam nicht ganz zu der Entscheidung, ob es angenehm oder ekelhaft war und reichte den Schlauch direkt an Ternekun weiter.

Ternekun nahm ebenfalls einen Mund voll und hörte dann der Geschichte des Favoriten auf diesem Schiff zu. Es ging um den Grauen, der den Sagen nach noch immer in dieser Felsspalte für Opfer sorgte. Natürlich glaubte Ternekun diese Geschichte nicht, ebenso wenig die Schauermärchen von dem großen zehnarmigen Kraken mit seinen messerscharfen Zähnen, der im südlichen Teil des Fakunlandes sein Unwesen trieb, wenn man den alten Kapitänen und den Gastwirten Glauben schenken wollte. Es war jedoch herrlich zuzusehen, wie Cins Augen größer wurden, wie er von dem leichten Rausch, der ihn trotz seiner Vorsichtigkeit mit dem Trinken erfasste, ein wenig unsicher in den Bewegungen sich abzustützen begann, was ihn Ternekun näher brachte.

Zu gern hätte er den schönen Schleierschwanz mit einem Arm umfasst, um ihn zu stützen, aber auch und vor allen Dingen, um ihn spüren zu können. Bei all der Eifersucht, seiner Sturheit, seinem schrecklichen Mangel an Einsicht und natürlich noch der hitzigen Art, die ihn sicherlich in Schwierigkeiten gebracht hätte, wenn er nicht an Ternekun geraten wäre, war Cin doch ein wundervoller Mann und begann, in Ters Augen auch ein sehr akzeptabler Favorit zu werden. Grinsend erinnerte er sich an seine Position. In den Augen des Kleinen war er ein einfacher Wächter ohne Rechte und ohne Besitz.

Mehr und mehr freundete Cin sich mit diesem Rauschmittel an, von dem er weder den Namen wusste, noch was es eigentlich genau war. Tiefseefischleber, Schneckenextrakte, Südseealgen? Er wollte fragen und vergaß es doch gleich wieder, weil ihm angenehm gruselige Schauer den Rücken hinab liefen, als der Kapitän eine neue Geschichte des Grauen begann. Selbst wenn sie sich mitten in der Tiefsee befanden, rückte der Rausch die Ereignisse der Legende in weitere Ferne, so dass er zuhören konnte, ohne sich zu fürchten.

Dennoch rutschte er ein wenig dichter an Ternekun heran, als das Gruseln stärker wurde. Auch wenn er aufgehört hatte, sich vor der Mannschaft zu ängstigen, fühlte er sich in der Nähe seines höchstpersönlichen Fakuns noch immer am Wohlsten. Als der Kapitän geendet hatte, war er sogar berauscht genug, um zu sagen "Ich kenne ein Lied über den Grauen. Soll ich es vortragen?" Er sang gerne, wenn auch nicht unbedingt vor Publikum, obwohl er Gesangsunterricht erhalten hatte. Doch gerade eben war das vollkommen unwichtig. Unter aufmunternden Rufen richtete er sich auf, verlor das Gleichgewicht und kicherte, als er sich an Ternekun festhielt. Er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen und überraschte sich dann selber damit, dass es ihm gelang, die Ballade vorzutragen, ohne sich im Ton zu vergreifen oder den Text zu vergessen. Äußerst zufrieden mit dem Beifall und ein wenig schwindelig ließ er sich anschließend wieder nieder und lehnte sich bei Ternekun an.

"Ich glaube, jetzt musst du erst einmal mein Gleichgewicht bewachen", flüsterte er ihm zu.


© by Jainoh & Pandorah