Wie ein Schlangentanz

11.

Es wurde mit Sicherheit Zeit, den Kleinen wieder in die Kammer zu eskortieren, bevor er noch begann, sich zum Thema Schlangentänze zu äußern und vielleicht seiner Eifersucht auf Gam Worte verleihen wollte. Mit sicherem Griff umfing Ternekun Cins Taille und verabschiedete sich mit wenigen Worten bei der Familie, die ohnehin den Krug forträumte. Der älteste Sohn wollte einen der jüngeren als Steuermann ablösen, und der Pascha reichte seinem Favoriten die Hand, um ihn mit sich zu der Schlafkammer der Familie zu ziehen.

"Na, dann werde ich dir wohl helfen müssen, sicher in die Kammer zurückzugelangen, Cin", sagte Ternekun leise an das Ohr seines Schützlings und schob seinen Arm weiter um die schlanke Taille. "Du hast übrigens eine sehr schöne Stimme."

"Danke." Cin kicherte wieder und spürte, wie ihm vor Freude die Röte in die Wangen stieg. Er klammerte sich an Ternekun fest, da sich der Gang um sich selbst zu drehen schien, was es schwierig machte, eine gerade Richtung beizubehalten. "Wenn du magst, kann ich auch für dich singen." Er schaute zu seinem Wächter auf und bemerkte dabei, dass er schon wieder woanders hinschwimmen wollte als dieser. "Dieser Trank hat mich sehr schwummerig gemacht", erklärte er ernsthaft. "Ich mache das nicht mit Absicht."

Ternekun lachte leise und umfing Cin fester, um ihn zu ihrer kleinen Kammer zu ziehen. "Das glaube ich dir. Schleierschwänze vertragen nicht so viel. Aber wenn du für mich singen möchtest, dann höre ich gern zu. Du hast eine schöne Stimme. Das meinte ich ernst, Cin."

"Ich höre dir auch gerne zu", murmelte Cin zufrieden und überließ sich ganz der Führung seines Wächters, der die Tür hinter ihnen schloss und ihn dann zu der kleinen Schlafmulde mit den langweilig grauen Kissen brachte. "Besonders, wenn du lachst." Er überlegte kurz und fügte dann hinzu "Selbst, wenn du über mich lachst, klingt es noch schön. Aber dann mag ich es nicht mehr so gerne."

Ternekun ließ Cin sehr ungern nur aus seinen Armen in die Schlafmulde gleiten und zog gleich ein wenig an der Decke, die er dem schlanken Mann um die Schultern legte. Er behielt die Enden in der Hand und ließ sich vor ihm nieder. Mit einem Mal wollte er ihn nicht einfach so einschlummern lassen, wollte diese Vertrautheit und die ungeahnte Ehrlichkeit des Kleinen nicht wieder verlieren.

"Ich habe noch nie über dich gelacht, Cin. Mit dir vielleicht, aber nicht über dich. Wenn du noch ein Lied singen willst, kann ich dich aber gern begleiten, wenn du meine Stimme magst. Ich halte sie für zu rau zum Singen." Vorsichtig zog er die Decke mit beiden Händen vor Cin zusammen und fasste sie mit einer Hand, während er sich neben seinem Schützling niederließ, um sich hinter ihm abzustützen.

Cin lehnte sich gegen ihn und genoss das Schwanken der Kabine genauso wie die Nähe zu dem Fakun und dessen Fürsorge. "Ich denke immer, du lachst über mich, wenn es um Mitar geht. Weißt du, er hat mir das Leben gerettet, vor zwei Jahren. Da hat sich ein Tiefseekraken zu uns verirrt und fand, dass ich eine leckere Zwischenmahlzeit bin. Es war nur ein sehr kleiner, aber er hat Mitar ganz schön übel zugerichtet."

Er schauderte in der Erinnerung, während es ihm gleichzeitig wärmer wurde, als er an Mitars Worte dachte, als er diesen auf seinem Krankenlager nach zwei langen Tagen endlich hatte besuchen dürfen. 'Mach dir keine Sorgen, Feuerfischchen. Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Und ich würde es jederzeit wieder tun, so wie du doch auch.' Der leichte Druck der verbundenen Hände um seine, das Lächeln und dann die Umarmung. In dem Moment hatte sein Bruder Cins Herz das erste Mal schneller schlagen lassen. Er blinzelte verwirrt und sah zu Ternekun empor. Es war das gleiche Gefühl, das sein Wächter in ihm hervorrief. "Würdest du auch dein Leben für mich riskieren?"

Ternekun legte den Kopf schief und blickte in die Feueraugen des kleinen Fisches; die Frage hatte ihn nicht wirklich erschreckt, er hatte beinahe schon damit gerechnet. "Ja." Er nahm seinen Arm von Cin fort und streckte sich, um zu verbergen, dass er dies eigentlich tat, weil er sich darüber ärgerte, dass Mitar schon wieder zum Thema ihrer Unterhaltung geworden war. Doch dann konnte er sich, während er seinen Körper auf der Liegefläche ausstreckte, nicht davon abhalten zu murren: "Vergleich mich nicht mit ihm."

Als sein Halt nachgab, sank Cin neben ihn und rollte sich samt Decke zu ihm herum. Mit einer kleinen, schlängelnden Bewegung schob er sich näher an seinen Wächter und an ihm empor, so dass er ihm ins Gesicht sehen konnte. Die schwarzen Augen erwiderten mürrisch seinen Blick, und die weißen Brauen in dem dunklen Gesicht waren zusammen gezogen. Cin lächelte und kämpfte einen Arm frei, um Ternekun sacht über die Stirn und die Wange zu streichen. "Ich würde es auch für dich."

"Das würde ich nicht wollen", entschied Ternekun rigoros. Es wäre auch zu peinlich, wenn ein Schleierschwanz ihn retten müsste.

Cin machte es sich auf Ternekuns Brust bequem, indem er auch noch den zweiten Arm aus der Decke holte und sich abstützte. "Also würdest du lieber sterben, als Hilfe von mir anzunehmen?" Er runzelte die Stirn, dann schob er schmollend die Unterlippe vor. "Fang nicht an wie meine Brüder. Man muss mich nicht vor allem beschützen. Ich bin vielleicht nicht so schnell und auch nicht so stark wie du... und vielleicht bin ich manchmal ein wenig zu unüberlegt... und vielleicht ein wenig hitzig. Aber nicht nutzlos."

Ternekun schob unbewusst einen Arm in Cins Rücken unter seine Schleierflosse, um ihn zu stützen und entgegnete noch immer gespielt knurrig: "Und eifersüchtig und", er warf einen kleinen Seitenblick auf das spitze Gesicht mit dem weichen Mund, 'und süß und naiv und unschuldig, vermutlich sogar im wahrsten Sinne des Wortes und dazu noch so fürchterlich unwiderstehlich.' Er grinste leicht, dann endete er "... und berauscht."

Cin hatte sich wehren und ärgerlich gegen die Eifersucht protestieren wollen, doch das Grinsen und die letzte Aufzählung brachten ihn stattdessen zum Kichern. "Ja, das bin ich wohl. Und daran bist du schuld, deswegen musst du mich nun auch so ertragen." Sich näher an Ternekun anschmiegend fragte er leise: "Wirst du mich heute Nacht halten? Es hält das Schwanken auf und ist viel wärmer als die Decke. Und sehr viel schöner."

Ternekun lachte leise und schob seine Hand an Cins Schulter hinauf, um ihn dichter an sich zu ziehen. "Dann muss ich dich wohl so ertragen, Cin", murmelte er leise, während er über die roten Flossen hinweg in die Dunkelheit des Raumes starrte. Er begann soeben zu verstehen, dass es ihn wirklich ärgerte, wenn Cin von Mitar sprach. Wirklich ärgerte, nicht weil es nervte, weil es eine dumme, naive Verliebtheit war, sondern weil es ihn selber eifersüchtig machte. Unbewusst hatte er Cins Nacken erreicht, wo er mit dem Daumen leicht entlang gestrichen war, zur Kopfflosse und zur Schulter zurück. Er hielt inne und sah hinunter, um vom Gesicht des Kleinen abzulesen, ob dieser bereits mit offenen Augen träumte oder noch wach war.

Warme Schauer liefen über Cins Rücken, folgten den liebkosenden Fingern und breiteten sich von dort aus. Das war noch weitaus schöner, als nur gehalten zu werden und ließ ihn sich wünschen, dass Ternekun nicht damit aufhörte. Als der Blick seines Wächters ihn traf, lächelte er weich, ohne es richtig zu merken, während sein Herz schneller zu schlagen begann. Erst, als er die warme Haut unter seinen Fingerspitzen fühlte, stellte er fest, dass er begonnen hatte, die Zärtlichkeiten zu erwidern und Ternekuns Schultern zu streicheln.

"So, da du nicht singen magst, sing ich dir noch etwas vor. Vielleicht kennst du es ja." Ternekun wollte Cin nicht aufschrecken, so dass er womöglich noch bemerkte, dass er begonnen hatte, ihn zu streicheln. Aber weiter gehen wollte er auf gar keinen Fall, solange vor allen Dingen Cin so berauscht war.

Statt den Kleinen unter sich zu betten, um ihn weiter zu berühren, schob er das geringe Gewicht lediglich bequemer auf sich zurecht und begann leise zu singen. Ein idiotisches Lied, von Haien und ihren Zähnen im Vergleich mit den Fakun, das einem kleinen Schleierschwanz Angst vor den Piraten machen sollte, aber durch einen Zufall zu einem der Lieblingslieder der Fakun geworden war. Mit einem Hai verglichen zu werden, war eine Ehre für sie.

Cin lachte viel während des Liedes, auch wenn er sich Mühe gab, es leise zu tun, um weder Ternekun zu unterbrechen, noch eine lustige Stelle zu verpassen. Vergnügt klatschte er anschließend Beifall. "Ich finde, du singst toll. Und ich habe es nur vergessen. Versprochen habe ich es, also singe ich jetzt auch."

Er wollte sich aufsetzen, um mehr Stimme zu haben, doch dann bemerkte er, dass er dafür Ternekuns Arme verlassen musste. Deswegen blieb er lieber liegen. Sich nur etwas aufrichtend und den Blick nicht von Ternekuns entspanntem Gesicht lassend trug er ihm eines seiner Lieblingsstücke aus der Ballade des Helden vor, der aufbrach, um das Herz des Mannes, den er liebte, zu gewinnen. Cin hatte nie mit sich einig darüber werden können, wer von den beiden er denn nun lieber wäre, der um die Liebe kämpfte oder der Umworbene. Aber er liebte die Geschichte ebenso wie die Melodie.

Ternekun schmunzelte bei der Begeisterung, mit der Cin sang, so dass seine Flossen zitterten. Er war bestimmt noch weit durch das Schiff zu hören, aber das war egal. Ein singender Schleierschwanz war um so vieles schöner als ein weinender. Als das Lied endete, verneigte Ternekun sich vor Cin, oder besser er neigte den Kopf leicht, weil er zu viel Cin auf sich liegen hatte, um noch genügend Bewegungsfreiheit zu haben. "Wundervoll. Hast du eine klassische Erziehung von Zuhause mitbekommen?"

Cin nickte vergnügt. "Zum Teil. Aber ich mochte nicht alles so gern wie das Singen. Das Tanzen zum Beispiel." Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und rümpfte die Nase. "Nicht, dass ich es nicht mögen würde, aber ich musste als einziger lernen vorzutanzen, weil ich so richtig schleierige Flossen habe. Meine Brüder sind davon verschont geblieben, die Glücklichen. Aber wenn du jetzt glaubst, dass ich es dir zeige, dann irrst du dich." Wieder kicherte er; das Rauschmittel machte ihn eindeutig anfällig dafür. "Ich würde eher taumeln und versuchen, oben und unten zu finden. Auch wenn ich gerne für dich tanzen würde. Du magst es ja sehr."

Ternekun hob eine Augenbraue, dann beschloss er gemein zu sein und den Kleinen noch ein wenig mehr zu ärgern. "Nun, ich mag den Schlangentanz. Gewöhnliche Tänze hab ich natürlich auch gern, aber gegen den Schlangentanz... Das Spiel zwischen Bewegung und Gefahr, zwischen Musik und Magie, das gefällt mir am besten. Es ist zudem ein großer Bestandteil unserer Kultur." Er hob mit zwei Fingern das kleine Kinn von seinem Schützling an, um ihm in die Augen zu sehen. "Wie das Rauschmittel, das dir gerade zusetzt. Das war Schlangengift."

Es versetzte Cin einen Stich, vertrieb das warme Gefühl und ersetzte es durch ein dumpfes Drücken in seinem Bauch. Gam. Immer und immer wieder Gam. Ein großer, schwarzer Fakun, gegen den ein kleiner, rotgoldener Schleierschwanz wohl nie bestehen konnte.

"Ihr Fakun seid auch wie Schlangen", flüsterte er und zog den Kopf zurück. Kurz kämpfte er gegen die Arme an, die ihn hielten, aber Ternekun war stärker, so dass er schnell aufgab. "Erst umschmeichelt ihr eure Beute, betört sie, und dann beißt ihr zu und vergiftet sie."

Sachte aber bestimmt hielt Ternekun den sich windenden Schleierschwanz fest. "Cin... sch..." Er lächelte leicht. "Ich fühle mich geehrt, dass du mich mit der Schlange vergleichst, auch wenn ich fast den Eindruck habe, dass es kein Kompliment war, wie wenn ein Fakun dies tun würde." Vorsichtig drehte er sich weiter auf die Seite, so dass Cin auf seinem Arm zu liegen kam, während er ihn mit dem anderen Arm weiterhin festhielt. "Wieso bist du so... wütend und wuschig wie ein Heringsschwarm, wenn die Sprache auf Schlangen kommt? Liegt das vielleicht sogar an einem bestimmten Schlangenbeschwörer?" Ein Lächeln verkneifend studierte Ternekun das süße Gesicht, das in der Wut noch viel attraktiver erschien als sonst.

Der Schwindel kam wieder, weswegen Cin ruhig blieb, anstatt sich zu wehren. Düster starrte er auf die breite Brust. "Du weißt ganz genau, woran das liegt. Erst bist du nett zu mir und hältst mich und machst, dass ich mich warm und gut fühle. Und dann bekommst du ein fieses Glitzern in den Augen und erzählst mir, dass es nichts gibt, was ich tun kann, das nicht von jemand anderem mit Leichtigkeit übertroffen werden könnte."

"Das hast du dir selber vorgehalten, Cin. Ich würde dich niemals vergleichen." Es begann Ternekun weniger Spaß zu machen, weil Cins Stimme einen jammernden Unterton trug, der an seinen Nerven zerrte. Aber andererseits wollte er das Missverständnis nicht so einfach aus der Welt schaffen, denn es war sehr klar nicht seine Schuld, dass Cin eifersüchtig war und zudem auch noch das Recht darauf beanspruchte. "Zudem, ich bin dein Wächter, Cin. Du sollst dich sicher fühlen mit mir, mehr nicht."

"Und du hältst mich im Arm und streichelst mich, damit ich mich sicher fühle, ja?" Empört schaute Cin wieder auf und funkelte Ternekun an. "Das kannst du nicht mal mir erzählen!" Dann ließ er sich zurück in die Kissen sinken und murrte "Für den Rest, was ich fühlen soll und was nicht, ist es wohl schon ein bisschen zu spät." Und außerdem hätte er das nicht sagen sollen, aber da er ohnehin schon den halben Abend Dinge tat, über die er besser vorher nachgedacht hätte, war das nun auch nicht mehr so schlimm. 'Schlangengift. Ja, das ist es. Aber eigentlich ist es ganz nett.'

"Ich bin ein Fakun, Cin. Ich erfülle meine Aufgabe, die du mir selber gegeben hast. Ich sorge dafür, dass du in Sicherheit bist und deinen Bruder findest. Alles, was ich darüber hinaus tue, mache ich nur, weil ich es gern möchte." Ternekun studierte das verkniffene Gesicht direkt vor sich kurz, dann brachte er seine Lippen an Cins Schläfe und sagte direkt an seiner Haut "Schlaf jetzt." Das Gefühl an den Lippen brachte ihn zum Lächeln.

'Weil ich es gerne möchte...' Die Worte hallten in Cin wieder und bewirkten, dass sich seine Verärgerung auflöste, obwohl er sie festzuhalten versuchte, während der leichte Strom des Wassers an seiner Schläfe zusammen mit dem warmen Mund das Prickeln zurückholte. 'Es ist bestimmt das Schlangengift, das mich so schwanken lässt zwischen den Gefühlen. Mein Pascha hat recht, dass er es nicht mag. Aber Ternekun hat gesagt, er macht alles über meinen Schutz hinaus, weil er es tun will. Er will mich halten, er will mich streicheln. Will er vielleicht... nicht auch... ich will. Ich will auf jeden Fall so gern!'

Mit klopfendem Herz drehte er den Kopf soweit, dass er Ternekun an dessen Wange, fast an seinem Mundwinkel zuflüstern konnte "Möchtest du mich vielleicht nicht auch gerne küssen?" Im gleichen Moment wurde ihm klar, dass er vor Scham in der schwarzen Wolke eines Tintenfischs verschwinden wollte, wenn sein Wächter lachen würde oder Nein sagen oder im schlimmsten Fall sogar beides.

"Vielleicht möchte ich das ja wirklich, Cin. Aber darf ich es denn auch? Morgen wirst du mir dann misstrauen. Ich habe deine Schwäche ausgenutzt, das würdest du behaupten." Lächelnd blickte Ternekun direkt in die Feueraugen, während er mit den Fingerkuppen sachte an Cins süßem Schmollmund entlang strich.

Cin versank in der weichen, warmen Schwärze von Ternekuns Blick, spürte dem Kitzeln an seinen Lippen nach und brauchte einen langen Moment, um sich wieder so weit zu fangen, dass er atemlos antworten konnte. "Dann gibt es wohl nur einen Weg." Er schlang die Arme um Ternekuns Hals und küsste ihn.

Jetzt war der Feuerfisch doch wieder so, wie Ternekun ihn kennen gelernt hatte. Wildentschlossen, sorglos und draufgängerisch, dabei jedoch auch noch naiv, was die Mischung unwiderstehlich machte. Er stützte Cin im Rücken, während er den Kuss fest erwiderte, nicht bereit, nun so schnell abzulassen von dem süßen Mund.

Cin musste grinsen, weil sein Wächter sehr offensichtlich darauf gewartet hatte, doch er vergaß es auch gleich wieder. Neugierig auf den anderen Mann begann er, an dessen Lippen zu knabbern, die Unterlippe zwischen die Zähne zu nehmen und an ihr zu zupfen und leicht zu saugen, während er sich eng an ihn anschmiegte. Es schmeckte gut, und er grinste erneut.

Ternekun ließ den Kleinen ein Weilchen lang spielen, stets darauf bedacht, dass er ihn dabei jedoch auf eine Distanz hielt, die ihrer Beziehung noch angemessen war. Er wusste, dass die Schleierschwänze von den Fakun immer dachten, dass sie ein zügelloses Volk waren, ohne Sinn für Regeln und ohne Scham. Aber es war vielmehr so, dass die Fakun der Oberschicht und auch die Reicheren unter den Piraten einen unberührten Ehemann vorzogen.

Er konnte es nicht über sich bringen, Cin zu entehren, auch wenn er im Geiste bereits Pläne für dessen Zukunft schmiedete, während er seine Küsse erneut von den Lippen fort und an seiner Wange entlang zu dem Ohrfächer lenkte. Dort angekommen murmelte er: "Ruh dich nun aus, Cin." Es klang in seinen Ohren fast wie eine Bitte, vermutlich war es das auch, denn sollte der Kleine noch drängender werden, würde die Zurückhaltung immer schwieriger.

"Und wenn mir nicht nach Ruhe ist?" Cin lachte und schmiegte sich so eng, wie er konnte, an seinen Wächter. Das Gesicht an dessen Hals bergend, küsste er ihn noch einmal dort, dann ein zweites Mal, ehe er mit einem zufriedenen Seufzen die Augen schloss. "Höchstens vielleicht ein winziges kleines Bisschen", murmelte er, als er wieder die Schwindel vom Schlangengift spürte. Nach dem Kuss in Ternekuns Armen waren sie jedoch anders, wie ein weiches Schaukeln, das ihn einlullte und schließlich in den Schlaf sinken ließ.

 

Ternekuns Aufwachen gestaltete sich nicht so angenehm wie das Einschlummern in Cins Umarmung. Er schlug die Augen auf und wollte sich gerade vorsichtig strecken, um sich aus den schlanken Armen zu winden, die ihn noch immer hielten, als ein dunkler Kristall mit einem Mal ein grelles Licht zu verstrahlen begann und eine Alarmsirene direkt über ihnen losheulte. Die Schockwellen des Lärms liefen unangenehm spürbar über Ternekuns Körper, und er hob hastig die Hände, um seine kleinen Ohren zu bedecken.

Cin erwachte langsamer und blinzelte in der in seinen Augen stechenden Helligkeit, die zusammen mit dem durchdringenden Ton Kopfschmerzen hervorrief. Mit einem kleinen, jammernden Laut versteckte er das Gesicht an Ternekun, bis er weit genug aufgewacht war, um sich die Ohren ebenfalls zuhalten zu können. "Was ist das?"

"Eine Warnung, halt dich fest!" Ternekun schwamm rasch hinter Cin und schützte seinen Kopf mit den Händen, als ein dumpfes Vibrieren durch den Schiffsrumpf ging, und eine Stoßwelle es heftig schwanken ließ. "Komm mit, wir sehen nach, was das war!" Ternekun ergriff die Hand des kleinen Schleierschwanzmannes und zog ihn durch den Gang zur Brücke des Schiffs, auf der hektisch gearbeitet wurde, um die Stabilität wieder herzustellen. Durch die großen Panoramafenster, die das eisige Wasser von ihnen fern hielten, konnte Ternekun eben gerade noch die glänzenden Lichter eines davon stampfenden Kriegsschiffes sehen, dessen Größe ihn nicht nur erschreckte, sondern schlicht entsetzte.

"Er muss sehr reich und mächtig sein, der Pascha", murmelte er gedankenverloren.

Cin sah den Lichtern mit großen Augen hinterher. Er hatte schon einige Schiffe gesehen, auch die Kriegsflotte des Königs, und das hier war, wenn er es auch nur halbwegs richtig einschätzte, so groß wie die größten davon.

"Kennst du den Pascha, dem das gehört?", fragte er, mit der Aufmerksamkeit noch ganz bei dem Schatten, der den Frachter so zum Schwanken gebracht hatte.

"Ja, oder sagen wir einmal, ich kann mir denken, welcher Pascha das sein muss." Ternekun lächelte leicht und winkte Cin mit sich zur Ruhe ihres Zimmer zurück.

"Er muss wirklich unglaublich reich sein! Der König selbst hat von Schiffen dieser Größe nicht viele." Cin folgte ihm eilig, neugierig darauf, was sein Wächter ihm erzählen mochte. Ob er durch seine Arbeit bei der Oase den Pascha gesehen hatte? Sie wurde ja nahezu ausschließlich von Reichen besucht, von denen die meisten mehr Geld besaßen als seine eigene Familie, die man ja nun wirklich nicht arm nennen konnte.

Kaum in ihrem kleinen Räumchen angekommen, ließ er sich in die Kissen sinken und klopfte ein wenig ungeduldig neben sich, damit sich Ternekun zu ihm setzte. Erst in dem Moment fiel ihm ein, wie sie am Abend eingeschlafen waren und dass sie sich davor geküsst hatten. Mit einem Mal war der fremde Pascha nicht mehr ganz so wichtig, als Wärme durch ihn hindurchzog und sich seine Wangen röteten.

Ternekun ließ sich neben Cin sinken und erklärte ihm mit leiser Stimme nun doch, wie er in der Nacht in den Hafen geschwommen war, um dort in der Tat den schlohweißen und wunderschönen Manmatha zu sehen. Er gab zu, dass er sich in der Menge der Staunenden versteckt hatte und meinte dann: "Das Einzige, was ich tun konnte, war, Manmathas Pascha einen Boten zu schicken, damit dieser sich an die Verfolgung machen kann. Wenn er mit diesem Schiff auf den Piraten trifft, dann werden wir Mitar schnell befreit wissen."

Cin starrte Ternekun eine ganze Weile lang einfach nur an, während er nicht wusste, ob er neben der Überraschung erleichtert oder wütend sein sollte. Es entschied sich zu Gunsten von allen dreien, was es aber nicht recht ermöglichte, einem davon gerechten Ausdruck zu verleihen.

"Du hast dich also nicht amüsiert, als ich aufgewacht bin, sondern warst nur weg, um mehr über Mitar herauszufinden, ja?", fragte er ein wenig lahm nach. 'Nur deswegen? Ich kann ihm doch vertrauen. Und er hat die Nacht nicht in Gams Armen verbracht. Aber mich, mich hat er geküsst. Nur hat er mir nichts... Er hat gewusst, dass ich eifersüchtig bin! Außerdem habe ich ihm Vorwürfe gemacht.' Verwirrung und ein wenig Schuldgefühl, das jedoch gleich wieder verschwand, mischten sich dazu. Dann erst bemerkte er, dass er der eigentlich wichtigsten Information, dass Mitar vielleicht sogar schon sehr schnell frei sein konnte, keinen einzigen Gedanken geschenkt hatte.

"Du hättest mir das wirklich schon vorher sagen können! Dann hätte ich mir längst nicht so viel Gedanken machen müssen", murrte er halbherzig und mehr, um dem Protokoll genüge zu tun.

Ternekun zuckte mit den Achseln. "Meine Aufgabe ist es, deinen geliebten Bruder zu beschaffen, wie ich an diese Sache herangehe, hat dich nicht interessiert." Er warf einen kleinen Seitenblick auf Cin und bemerkte beißend: "Zudem hättest du dich vermutlich sofort kopflos aufgemacht, um in den Hafen zu schwimmen, hättest du gehört, dass ich Wirakuns Schiff entdeckt habe." Es war nicht fair und tat schon fast weh, den Kleinen zurück zu beißen, aber Ternekun wollte seine Zuneigung nicht schon jetzt zu sehr steigern. Er wollte mit Cin alles traditionell machen, zur rechten Zeit am rechten Ort.

Es war weniger das, was Ternekun sagte, als viel mehr sein Ton, der Cin zurückzucken ließ. "Dass du eine Spur meines Bruders gefunden hast, interessiert mich sehr deutlich", erwiderte er abweisend. "Besonders, wenn es so aussieht, als hättest du deine Aufgabe vergessen, für die ich dich immerhin bezahle. Und das ist hauptsächlich mein Schutz."

Er wandte sich ab, um zu verbergen, dass er verletzt und nicht nur wütend war und ohne jede Ahnung, warum Ternekun von einem Moment auf den anderen so unfreundlich geworden war. Für einen Augenblick hatte er sich in all der Verwirrung gut gefühlt, beinahe euphorisch, aber Ternekun schaffte es immer wieder, das sehr schnell zu zerstören.

"Und geschützt habe ich dich. Hätte ich früher etwas verraten, wären wir jetzt in großen Schwierigkeiten oder gar tot, der Hafen ist kein Ort für Schleierschwänze." Ternekun lächelte versteckt und wandte sich ab. "Ich besorge etwas zu essen, Cin. Bleib hier."

Cin zog es vor, nicht zu reagieren, während er an die gegenüber liegende Wand starrte. 'Wieso ist er so? Erst nah, um dann Gift zu versprühen und sofort darauf wieder freundlich.' Die Antwort gefiel ihm nicht. Sie begann als kleines Stechen in seinem Magen, das sich in seinem Bauch ausbreitete und zu Schmerz verwandelte. 'Er spielt mit mir. Er weiß, dass ich mich in ihn... nein, er ist nur ein Wächter. Du würdest nicht so dumm sein, dich in deinen Wächter zu verlieben. Du liebst Mitar.' Aber sehr offensichtlich konnte man in zwei Männer verliebt sein.

Cin biss sich auf die Unterlippe, als er hörte, wie sich die Tür leise öffnete und wieder schloss, als Ternekun das Zimmer verließ. 'Er spielt damit. Es war nicht, dass ich zum Hafen geschwommen wäre, dass er mir nichts von Mitar gesagt hat. Er hat mich bewusst in dem Glauben gelassen, dass er bei Gam gewesen ist. Ich muss aufhören damit. Mein Pascha wird ohnehin nicht zulassen, dass ich mit einem gewöhnlichen Wächter zusammen bin. Einmal abgesehen davon... Ternekun hat nicht wirklich ein Interesse an mir. Selbst gestern bei dem Kuss hat er mich auf Abstand gehalten. Immerhin hat er Ehre. Kleiner, dummer, naiver Schleierschwanz, das ist es, was er von mir denkt.'

Es wurde Zeit, sich der Realität zu stellen und zu der rein geschäftlichen Beziehung zurückzukehren, die sie mit Sicherheit nicht einmal verlassen hätten, hätte Cin sich nicht gewünscht, dem Fakun näher zu sein. 'Also werde ich nun auch dafür sorgen, dass wir wieder zur korrekten Entfernung zurückkehren.' Der Gedanke allein tat weh, aber es war das Vernünftigste, was er tun konnte.


© by Jainoh & Pandorah